Archiv für den Monat Mai 2013

Lecker, lecker!

Das Ende einer Reise: Juli Zucker und Andreas Thamm berichten von den kulinarischen Genüssen einer fast vergessenen Region. Es gibt zwar Fisch, aber kaum so oft, wie man meinen möchte.   

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A: Daniela di Lorenzo wollte eigentlich mal Botschafterin werden. Jetzt lebt sie in Aarhus, Dänemark, und wird Politikjournalistin. Sie kennt sich gut mit Fisch aus. Früher war sie auch selber angeln, und sie widerlegt die von dir, liebe Juli, aufgestellte These, es gäbe überhaupt nur einen einzigen Fisch. Tatsächlich gibt es einen, den hat die geangelt, in Italien, der ist so hässlich, dass sein Name, den ich vergessen habe, auch als Beleidigung verwendet wird, sagt Daniela.

J: Daniela sagt auch, dass das Erste, was sie in unserer viersternigen Hotelresidenz in Kühlungsborn, „Upstalsboom“, gemacht hat, ein ordentlicher Bettjump war, den sie für mein Dokumentationsvideo freundlicherweise erneut vorgeführt hat. Wir haben viel über das Hotel geredet, weil wir arme Lumpen sind und dementsprechend natürlich 90 Prozent der Teilnehmer der #balticdiscovery von ihren Gefühlen überwältigt waren, als wir die gigantische Hotelhalle betraten und unter dem Kronleuchter standen – der ungefähr die Größe meines Badezimmers besitzt, aber: am intensivsten haben wir natürlich über die Schokoladenbällchen gesprochen, die neben einem persönlichen Brief und einem bestialisch großen Teller Fremdobst für uns zur Begrüßung bereit gestellt wurden. Ich mach immer so lange Sätze. Ätzend.

A: Amen. Worauf ich hinauswollte: Es gibt so Verknüpfungen und Erwartungen. Wenn ich in Wismar über dieses Knöchelbrecherkopfsteinpflaster gehe, aus geringer Entfernung die Backsteinbauten am Hafen bewundere und es erstmals so salzig riecht, ist mir, wie sonst nie, nach Fischbrötchen. Ich glaube Daniela geht’s genauso. Man muss über einen gewissen Wagemut verfügen, um, nach all dem, was wir vorgesetzt bekommen, zu fragen: When will we have fish? Aber wirklich: When?

J:Wenn ich in Wismar über dieses Knöchelbrecherkopfsteinpflaster gehe, oder in Rostock oder sonst wo, denke ich, dass die Inlineskateindustrie gut daran tun würde, sich weniger um einen Vertrieb in Mecklenburg-Vorpommern zu kümmern. Ansonsten vielleicht auch daran, dass wir uns bei unserer Tour auch auf Essen verstärkt konzentriert haben und die Meckpommer auch kein Problem damit haben, hervorragende Speisen zu zaubern und diese Speisen ebenso sehr zu lieben, beispielsweise der dicke Käseverkäufer in Wismar, der seine runden Käselaibe von der einen Ecke seines Wagens in die andere trägt, uns ansieht, wie wir bei ihm vorbeischlendern, und uns gerade entgegen schreit:LECKER, LECKER. Damit wir wissen, woran wir sind.

A: Man muss sagen, er sang es. Noch mal kurz und knapp: Maximo aus Cadiz beziehungsweise Bornemouth steht nicht so auf Fisch, Juli aus Niederbayern denkt, es gibt nur einen Fisch, aber den isst sie, vorzugsweise mit Meerrettich von Schamel, Daniela aus Mailand beziehungsweise Aarhus will Fisch, Andreas aus Oberfranken ebenfalls.

J: Was der Künstler und Kunsttherapeut Andreas Renner über Fisch denkt, ist unklar, aber er besitzt zumindest ein Herrenhaus sowie das dazugehörige ehemalige Wasserschloss in Büttelkow, einer mikroskopischen Ortschaft mit nur 24 Einwohnern. Nach einer gediegenen Kunsttherapie, bei der jeder irgendetwas in einen Topf voller Wachs eintunkt – seien es die eigenen Hände oder sämtliche Naturalien – und daraus sonst etwas bastelt und somit per Kunsttherapie regeneriert wird, bereitet uns Andreas, ebenfalls dem Freistaat Bayerns entsprungen, mit seiner Frau Spätzle zu und zwar mit einer Extraportion Liebe, die wir vertilgen, als hätten wir zehn Tage ohne jegliches Lebensmittel auf einer grasgrünen Wiese in den Weiten Mecklenburg-Vorpommerns verbracht (was nicht stimmt, in Wirklichkeit wurden wir von #balticdiscovery nahezu gemästet). Das Frühstück am nächsten Tag ist nicht weniger erhaben und Andreas und Antje, seine Lebensgefährtin und als Wissenschaftlerin tätig, stehen uns bei wie in der Nacht zuvor am Lagerfeuer und ebenso am Bahnhof in der nächstgelegenen Ortschaft Kröpelin, und winken zum Abschied mit strahlend weißen Stofftaschentüchern.

singt: Der Meerettich von Schamel … Unsere erste Regieanweisung, geil, was?

J: Genauso begeistert wie ich von der Dimension dieses Hauses und der Harmonie bin, die das Einzige ist, was mich in Mecklenburg-Vorpommern richtig fertig macht, mit den überhaupt nicht dunklen Straßen in Wismar, wo sich ein farbiges Haus neben das nächste stellt und wo in Rostock ein Fischer neben dem anderen steht und seine Angel auswirft, ist Maximo, unser spanischer Fotograf, der sich gerne was gönnt, und sich also zum Beispiel im Luxushotel ein Peeling und eine Massage kauft, begeistert von den Schokobällen, von denen er am Spätzletisch erzählt. Wie genussvoll er sie in seinem Bademantel gesessen haben muss, nachdem das Salz vom Masseur ihm den Stress von der Haut gekratzt hat, können wir nur an seinen philosophischen Ergüssen über Schokolade im Allgemeinen erahnen.

A: Darf ich zitieren? And then the chocolate melts in the mouth like chocolate. Der Punkt ist, wir kommen am Endpunkt der Reise an, Rostock. Wir spazieren am Hafen entlang, Glasbauten, kleine Segelboote und, wirklich, Schulter an Schulter stehen die Angler und halten ihre Ruten ins Wasser. Es ist nicht mal so, dass sie sich durch die schiere Anzahl gegenseitig Konkurrenz machen würden – wenn man sich auf die Stufen setzt, und ein wenig zuschaut, kann man sehen, wie sie die zappelnden Silberlinge quasi im Zehnsekundentakt aus dem Wasser ziehen. Manchmal hängen zwei oder drei an der Leine. Ein Blick in so einen Eimer macht mich, obwohl die auch da immer noch zappeln, hungrig. Der fünfte Tag an der Ostsee, noch immer kein Fisch in meinem Mund.

J: Das ewige Warten auf den Fisch.

A: Daniela und Emilie kennen ja keine Schüchternheit, sie stellen sich dazu, ratschen ein wenig mit den knorrigen, alten Herren. Was sie da so rauszögen. Emilie spricht ja ganz gut Deutsch, der Angler, den sie sich rausgesucht hat, kann das gar nicht glauben, wo sie doch aus Dänemark käme, das heißt, dass sie ja unweigerlich an der Küste wohne, dass sie dann noch nie angeln gewesen sei, mit dem Großvater wenigstens. Es dauert nicht lange, bis Daniela und Emilie die Herren an ihren Angeln ablösen. Das scheint an irgendwas zu liegen heute, das besonders hohe Aufkommen von Fischlein, gerade im Hafen von Rostock, da gehört gar keine jahrzehntelange Erfahrung dazu. Bis Emilie vier am Stück rausholt. Rekord sagt ihr Mentor mit dem Klumpfuß,Rekord!

J:Ich sage nichts, weil ich mich nicht für Fische interessiere.

A: Aber jetzt wird’s erst interessant. Später am Abend, wir sitzen beim Abendessen, es gibt Fisch, und auch die Gespräche drehen sich um selbigen. Es geht darum, was die beiden, die Dänin und die Italienerin, da heute aus dem Wasser gezogen hätten. Makrel,sagt Emilie und Daniela pflichtet eifrig bei, das seien eindeutig Makrelen gewesen, und die Angler selbst, die dort seit Jahr und Tag, bei Wind und Wetter und so weiter stehen, die behauptet hätten, es handle sich bei diesen Fischen um Heringe, die hätten nicht Recht, mithin also keine Ahnung, die Profession verfehlt. Was uns zurück zu deiner, liebe Juli, Ausgangsthese bringt: Es gibt also doch bloß den einen Fisch. Den haben die geangelt.

J:Wie immer behalte ich das letzte Wort und auch Recht. Tschüß.

A: Werde Baumpate, Juli!

J: Ok.

Journalistische Dramolette III. Veröffentlicht am 11. Mai 2013 bei The Daily Frown.
(http://thedailyfrown.wordpress.com/2013/05/11/lecker-lecker/)

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Man kann ja nicht ständig so viele Bonbons essen

Nach der Besichtigung von Wismar und Neubukow (zauberhaft), Bieren im Atelier (launig) und der ersten meck-pommschen Landhausromantik in Kühlungsborn (malerisch), gehen Juli und Andreas so langsam die Adjektive aus.

A: Das Atelierhaus Rösler-Kröhnke. Etwas außerhalb von Kühlungsborn, diesem Ostseebad. Sieht von der Straße unspektakulär aus, weißer Putz, da könnte auch etwas gelagert sein, Schweinehälften oder Computerchips. Zu anderen Seite hin der Garten, der in eine Art Teletubbie-Land übergeht, das in einen Wald übergeht. Drinnen stellen sie aus. Unter anderem diese bunte Dosenkunst von Anka Kröhnke, der Hausherrin, 73 Jahre alt, die dritte Generation Rösler-Kröhnke-Kunst. Ich gebe diesen Blog an dieser Stelle ab, zum einen an Dich, liebe Juli, zum anderen an Anka Kröhnke, weil ich so ein fleißiger Jungjournalist bin und nicht wenige Zitate aufgeschrieben habe, die ich Dir, Juli, gern auf deinen weiteren Lebensweg mitgeben möchte.

J: Auf gar keinen Fall denkt jemand, dass da einer Schweinehälften lagert, weil keiner und vor allem keine 73-jährige Frau mitten in der Prärie, die man erst nach einem 1000 Kilometer Reiseweg erreicht, Schweinehälften lagert und besonders nicht Anka Rösler-Kröhnke.

A: I need colour.

J: Für meine kinetische Kunst in meinem kinetischen Haus, die ich mit meinen kinetischen Händen in einer kinetischen Umgebung mit einer kinetischen CD angefertigt habe und jetzt mit einem anderen kinetischen Künstler kinetisch in meinem kinetischen Raum mit kinetischer Power ausstelle.

A: CDs are so beautiful in themselves.

J: So beautiful, dass Anka Rösler-Kröhnke CDs sammelt und sie einmal in der Mitte zerdrischt, wenn sie Lust hat, um sie auf einer Leinwand so anzuordnen, dass es richtig tricky wird und man, je nach Blickwinkel, entweder diese schicken Spiegelungen sieht oder farbige Aufdrucke.

A: Das ist Kunstkritik, wie sie mir gefällt. Die eigentliche Geschichte hier ist aber folgende: Luise Rösler, die Mutter, erhält 1943 von der NS-Regierung Farbenverbot (außerdem Leinwandverbot, es war ihr, genaugenommen, Sämtliches verboten). Die Familie versteckt ihre Bilder unter dem Fußboden. Nach dem Krieg sind Farbe und Leinwand und Pinsel Luxusgüter. Auf diesem Mangel fußen genauso die Collagen der Anka Rösler-Kröhnke, vor denen wir stehen: She had nothing, so she started with candy paper.

J: Ein gewagtes Unternehmen. Man kann ja nicht ständig so viele Bonbons essen.

A: When I turn away and don’t have to look at it again, it’s okay.

 J: Eine Sache, von der Anka Rösler-Kröhnke vielleicht noch abgeturnt ist, sind dunkle Möbel. Deswegen hat sie von Esstisch über Bett bis zum Diwan alles abgeschliffen und in grellem Rot gestrichen. Aber macht nichts. Wenn sie es nicht aushält, schaut sie eben aus dem Fenster auf die Ostsee, die man von Küche und Wohnzimmer aus sieht, und freut sich, dass sie endlich dieses gigantische Haus nahe Kühlungsborn gefunden hat, nachdem sie jahrelang überall in Norddeutschland vergeblich gesucht hatte.

A: Ich hab keine Zitate mehr. Das ging fix. Möge uns jungen Hüpfern all das hier eine Lektion sein, etwas, das wir mitnehmen, auf unseren E-Bikes in Richtung Küste, dorthin, wo uns die wohlhabenden Rentnerpaare schon erwarten, mit ihren Baumwoll-Baseball-Caps und den windbreakenden, beigen Westen, wie sie flanieren und sitzen und kleine Taschen an ihren Handgelenken baumeln haben, mit diesem wohligen Gefühl um die Milz, dass sie all das haben, was wir so gerne hätten.

J: Was zum Beispiel?

A: Unerschütterliche Lebensqualität durch Wohlhaben. Es gibt noch eine Sache, dann können wir schließen. Wir sitzen bei „Edel&Scharf“ über Currywurst mit Pommes und Preiselbeersenf (!) und, ich möchte diversen dänischen Publikationen nicht vorweg greifen, aber unsere Kollegin Emilie Lukman erzählt: Auf dem Steg, der hier in Kühlungsborn in die Ostsee ragt, sitzt ein Mann im Rollstuhl und schaut aufs Meer. Ein etwa Dreijähriger nähert sich, vielleicht ist sein Fahrrad/Dreirad neu und besser als das seiner Kameraden im Kindergarten. Er muss sehr stolz gewirkt haben. Die beiden fokussieren einander für einen Moment, die umgebenen Rentnerpärchen halten den Atem an, verstärken den Griff um die Hand des andern. Der mild zitternde Moment eines Generationen- und Fahrzeug-Duells. Der Herr im Rollstuhl lässt seinen Blick auf dem Jungen ruhen, seine Hand tastet nach einem hohlen Gummiball und betätigt effektvoll, es sei, sagt Emilie, niemand entgangen, seine Tröte. Der Junge weiß, er ist besiegt und zieht wie ein geschlagener Hund davon.

J: Alles kinetische Power.

A: Genau. Oder mit den Worten vom Anfahrtsplan auf dem Flyer des Ateliers: Vorsicht: Viele Raser.

Veröffentlicht am 8. Mai 2013 auf Daily Frown (http://thedailyfrown.wordpress.com/2013/05/08/man-kann-ja-nicht-standig-so-viele-bonbons-essen/)

Im Laichgebiet der Seeforelle

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A: Ein himmelblauer Opel Ascona aus den 70er Jahren. Der Mann hat ihn 1991 gekauft und zwei Jahre lang hergerichtet. Die hinteren Fenster sind gekippt. Es gibt keine Gurte auf der Rückbank. Wir fahren über eine mecklenburgische Bundesstraße zwischen Wismar und Neubukow, Teiche und Felder und Wälder wechseln sich ab. Außerdem Windräder. Du sitzt in der Mitte, rechts Elena aus Österreich, vorne Maximo aus Cadiz, Spanien ich links. Was geht denn hier ab?

J: Ich hab heute ein Huhn gesehen.

A: Und dann sagt einer im Auto: „Troja“. Und Troja heißt in dem Fall Neubukow, wegen Heinrich Schliemann, dem Troja-Entdecker, der kam aus Neubukow. Und du sagst: „Ja, der kam ja da her.“ Und dann sind wir schon da. Und du sagst: „Schade, jetzt ist unser Roadtrip schon vorbei.“ Am Straßenrand sitzt einer, klobige Gestalt, ogerhaft, kaum Haare und schwenkt bedächtig eine riesige Deutschlandfahne. Wir drehen die Köpfe. Das mit dem Huhn dauert jetzt noch ein wenig.

J: Es war gar nicht so klein, aber ganz ruhig, mit boshaften Huhnaugen, die einem entgegen starren, als würd es dich umbringen wollen.

A: Dann kommt der himmelblaue Opel Ascona da zum Stehen wo der Bürgermeister auf uns wartet. Der Bürgermeister und mindestens drei Übersetzer und Burkhard Albrecht. Ich habe Burkhard Albrecht gerade gegoogelt, die Ostsee-Zeitung schreibt: „Der Neubukow-Experte“. Ich frage mich, ob es an dem Buch liegt, das du gestern gelesen hast – „356 Wege zum Glück“ oder so ähnlich, auf dem Cover war ein Bild, eine Frau rannte mit einem älteren Herrn am Strand entlang – jedenfalls glaube ich, ihr seid mindestens Kumpel geworden, du und Burkhard Albrecht. Burkhard sagt, früher lebten hier Slawen, meistens friedlich, außer wenn es um Frauen ging, dann gab es Krieg.

J: Es muss eher ein trauriges Huhn gewesen sein. Oder zumindest ein mittelgelauntes, Tendenz fallend.

A: Das mit dem Huhn kommt gleich. Burkhard führt uns an der Seite des Bürgermeisters durch dieses Städtchen. Hier sind die Wasserpumpen, hier gab es früher Gewerbe, hier wurde Heinrich Schliemann geboren, so nach dem Motto, nicht zuletzt die größte Fischtreppe Europas, und ein Windrad, das auch einen Größenrekord hält, das größte Norddeutschlands vielleicht, relativ zauberhaft insgesamt. Auf dem Weg zur Mittagspause sagt Teresa zu uns: „Habt ihr Berni Kruse gesehen? Er kommt seit mehr als zehn Jahren jeden Tag aus Kühlungsborn hierher und schwenkt entweder eine Deutschland- oder eine Hansa-Rostock-Fahne. Wenn man ihn nicht grüßt, kann er ganz schön wütend werden.“ Das ist das, was man eigentlich immer hören will. Es gibt Kassler und Kroketten und Pilze, unfassbar seltene Ausgeglichenheit, bei mir zumindest.

J: Unser Huhn hat mit Sicherheit noch nie ein Ei gelegt.

A: Wir gehen ein Stück, an den Rand des Dorfes. Das ist auch so etwas: Ein monumentales Korn-Silo, früher Luftschutzbunker, jetzt: nichts, das heißt, von außen Backsteine und Beton, wie ein Brocken neben den niedlichen Wohnhäusern, aber hinter den Mauern ist alles leer, ein Gebäude als Gefäß für nichts. Daneben eine Brücke, im Hintergrund eine Windmühle und unter uns nichts anderes als die größte Fischtreppe Europas. Wir befinden uns  – ich denke so könnte ein Roman heißen, aber ich weiß nicht, ob ich den lesen möchte – im Laichgebiet der Seeforelle. Ein Wahnsinn eigentlich. Gruppenfoto. Jetzt kommt’s gleich, richtig?

J: Glaubst du, mein Bester, du wärst etwas Besseres, weil du einer weißen Henne Sohn bist, wir nur gemeine aus Unglückseiern geschlüpfte Kühen?

A: Ich hätte jetzt auch etwas zu dem Huhn gesagt, Juli, aber zuerst erzähle ich den Witz von Burkard Albrecht, ich weiß den Kontext leider nicht mehr, aber das macht nichts: „Der Gleichstrom heißt Gleichstrom, weil man den gleich bezahlt, beim Wechselstrom wechselt es immer, wer den bezahlt und beim Kreisstrom (um den ging es eigentlich) geht es immer im Kreis herum.“ Emilie, die Dänin, bemerkt, dass das ein Witz ist, der sich nicht übersetzten lässt. Ich hab gekichert, du?

J: Beim Hahnenschrei kehrt die Hoffnung zurück.

A: Wir stehen also auf dieser Brücke über der Fischtreppe von Neubukow, in Mecklenburg-Vorpommern, nordöstlich von Wismar, wo diese ganze Geschichte, das müsste ich erzählen, eigentlich begann, im Atelier von Paetrick Schmidt, dem Maler, aber das würde zu weit führen. Am Straßenrand steht ein Mädchen und es scheint uns zu beobachten, während Herr Albrecht uns die Herkunft der Architektur der Windmühle erklärt. Sie trägt eine Brille mit pinkfarbenem Kunststoffrahmen und auf den Armen ein Huhn. Wir entfernen uns tröpfchenweise von Herrn Albrecht und nähern uns dem Mädchen, bis sich dort auch schon eine kleine Traube gebildet hat. Das Mädchen streichelt sein Huhn, sagt nur es heiße „Lena“, sonst nichts und grinst zahnlückig. Wir fotografieren das Mädchen mit dem Huhn, das ist eigentlich perfide. Später sehen wir, wie die beiden auf der Wiese miteinander schmusen. Und jetzt kommst du, alte Pflaume.

J: Das wars. Das war die ganze Geschichte vom Huhn.

A: Hab noch eins zu rupfen mit dir. Bei nächster Gelegenheit.

Journalistische Dramolette. Veröffentlicht: 5. Mai 2013 bei Daily Frown.
(http://thedailyfrown.wordpress.com/2013/05/05/im-laichgebiet-der-seeforelle-2/)

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