Archiv für den Monat Juli 2013

Beim Müritz-Nationalpark handelt es sich um den größten Nationalpark auf der Landfläche der Bundesrepublik Deutschland

Wir entscheiden uns für den Weg mit dem Pilzsymbol. Es handelt sich um einen Rundweg von etwa sechs Kilometern Länge, er führt uns durch Kiefernwäldchen, an mannshohen Disteln vorbei, durch Schwärme von Schmetterlingen und in Richtung des Müritzufers. Die Müritz ist das Ziel. Weil wir nicht ans Meer gefahren sind, sondern an die Seenplatte, muss die Müritz als Ersatzmeer herhalten. Es scheint, als brauche man pro Urlaub mindestens ein Großgewässer. Das erste Mal erblicken wir die Müritz durch das glaslose Fenster einer Hütte. Die Hütte soll uns dabei behilflich sein die Fisch- und See- und Schreiadler zu beobachten, die sich hier tummeln. Diverse Radfahrerinnen in synthetisch glänzenden Outfits knabbern hier Gehaltvolles. Keine Vögel zu sehen. Stattdessen Windsurfer, die ein wenig lethargisch auf dieser unüberblickbaren Suppe schaukeln. Wir setzen den Weg fort. Wir haben uns für den Weg mit dem Pilzsymbol entschieden, aber keine Pilze gefunden, es ist ein recht kurzer Weg, angenehm kurz. Wir halten Ausschau nach einer Badestelle. Das Wort „Müritz“ heißt „kleines Meer“. Unweit eines Campingplatzes zweigt ein Pfad in Richtung Ufer ab. Zwei Männer sitzen auf Klappstühlen, der ältere zeigt dem jüngeren Dinge auf seinem Smartphone. Ein Rentner weist uns den Rücken und einen kalkweißen Hintern zu. Er stolpert in seine Unterhose zurück. Es ist etwas kühl, wir breiten die Handtücher aus. Eine Rentnerin geht durch das Wasser. Es reicht ihr gerade bis zu den Oberschenkeln. Sie hat die Arme um den Körper geschlungen, um ihre Brüste zu verdecken. Darunter wellt sich bräunliches Fleisch wie das Allgäu. Ich bekomme das bekannte Gefühl, penetrantes Wegschauen sei so unnatürlich und deshalb erst recht auffällig. Wir beschließen, die Badeklamotten anzubehalten und wagen uns ins Wasser. Es ist nicht zu kalt. Wir versuchen, nicht zum Ufer zurückzuschauen, während wir uns gehend davon wegbewegen. Manchmal glaubt man, jetzt werde der See endlich tief, dann folgt eine Erhebung. Die nackten Senioren sind kaum noch zu erkennen, das Wasser reicht uns bis zu den Knien. Ein Motorboot liegt hier vor Anker. Ein älterer Herr spielt mit seinem Enkel Ball. Der Enkel trägt eine Badehose. Manchmal tritt man auf etwas Glitschiges. Wenn man versucht zu schwimmen, schlägt man mit den Knien am Boden auf. Uns haben andere Seen der Gegend besser gefallen.

Das folgende Bild zeigt weder Radfahrerinnen noch nackte Rentner, sondern einen sehr bedrohlichen Schwan. Ich habe während dieser Reise meinen Schwanenphobie wiederentdeckt.

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Der letzte Großherzog des Landesteils Mecklenburg-Strelitz, Adolf Friedrich VI, nahm sich das Leben und liegt deshalb auf der Liebesinsel in Mirow und nicht etwa in der Fürstengruft

Es gibt Sportler auf dem Campingplatz und Menschen mit Kindern. Die Sportler sind entweder Radfahrer oder Kanuten, meistens beides. Alle sind Tischtennisspieler. Auch Kinder sind in den meisten Fällen Sportler, wenn man das, was sie betreiben als Sport bezeichnen kann und nicht etwa nur als Umfallen bezeichnen muss. Am Abend sitzt man in Gruppen am Ufer des Mirower Sees. Die Erwachsenen grillen auf einer bühnenartigen Holzplattform, während die Kinder den größten Teil ihrer Zeit dem sogenannten Rennen widmen. Kinder auf Campingplätzen sind in neunundneunzig Prozent der Fälle hellblond. Der hellblonde Junge, der auf dem Felsbrocken steht, trägt eine kreisrunde Brille und das dazu passende Harry-Potter-T-Shirt. Der Junge tanzt auf dem Felsbrocken am Strand des Mirower Sees. Er singt ein Lied, das er sich während des Singens ausdenkt, was eine lyrische Unterkomplexität zur Folge hat. Der Text lautet in etwa folgendermaßen: „Ich hab den Stein erobert. Ich hab den Stein erobert. Cha Cha Cha. Ich hab den Stein erobert.“ Zwei weitere Jungen in seinem Alter zirkulieren wie Trabanten um den Jungen auf dem Felsbrocken. Sie versuchen ihm seine Position streitig zu machen. Ihre Gemüter sind erhitzt, sie kichern aufgeregt. Sie ignorieren die Rufe ihrer Eltern, die ihnen eine Wurst gegrillt haben. Der Junge auf dem Stein komponiert einen Mash-Up aus seinen Stein-erobert-Hit und dem Lila-Wolken-Song. Cha Cha Cha. Wenn einer der anderen beiden Jungs einen Angriff auf den Stein versucht, tritt Harry Potter ihm ins Gesicht. Er trägt Sandalen. Wenn die Eroberer das Ausmaß der Gewalt in Frage stellen, wiederholt Harry Potter ihre Worte mit verstellter Stimme. Nebenan spielen „Right Said Fred“ Tischtennis. Das ist wirklich wahr. Es handelt sich um zwei gutgebaute Männer mittleren Alters, beide dezent tätoowiert, beide absolut haarlos auf dem Schädel. Sie spielen jeden Abend und sehr gut. Unweigerlich geht man davon aus, dass sie entweder Brüder sind oder homosexuell. Und so vergeht der Abend.

Am Mirower See, Mecklenburgische Kleinseenplatte

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