Archiv für den Monat August 2013

Fontenay

Erneut meldet sich Gastautor Urs Humpenöder zu Wort. Er ist in der Zwischenzeit offenbar von Mecklenburg-Vorpommern nach Frankreich gejoggt, um dort endlich die Genüsse der motorisierten Fortbewegung kennenzulernen. Herzlichen Glückwunsch, Urs. 

urs katzeIn Saint-Cloud fahren wir auf die Autobahn Richtung Mantes. Es regnet stark und Antoine stellt den Tempomat seines C4 auf 112 km/h. Wir hören Neil Young zu, wie er vom „Heart of Gold“ singt. Antoine sagt, dass ihm die Nudeln mit Tomatensauce von Gabriel nicht geschmeckt haben. Die Scheibenwischer sind über 160.000 Kilometer alt und schreien bei jeder Bewegung. Auf einem CD-Regal in Gabriels Wohnung war eine kleine Katze aus Stein, die auf den Boden starrte. Wo sie hinschaute, stand neben einem roten Plastikstuhl eine durchsichtige Kiste mit Kants „Critique de la raison pure“ und anderen Büchern. Jetzt fahren wir in einen Tunnel und werden aufgefordert, unser Feuer zu entfachen, „Allumez vos feux.“ Bald danach biegt Antoine ab auf die Landstraße Richtung Fontenay-Saint-Père. Er gibt Gas und ich habe Angst, dass er einen Unfall baut. Der Regen wird immer stärker und Neil Young wird von Eric Clapton abgelöst.

Plötzlich sehe ich Amber mit ihrem rot und grün geschminkten Gesicht und ihrer blonden Schneckenfrisur. Amber, die plötzlich in einer Welt lebt, in der es nur noch Jugendbanden gibt und keine Politiker, Polizisten oder andere Autoritäten. Amber ist eine der Protagonistinnen von „The Tribe“. Ich träume, dass ich auch eines dieser Kinder sei, die in einer Welt leben, in der es keine Erwachsenen mehr gibt. Alle älteren Menschen wurden von einem Virus dahingerafft. Ich schaue zur Seite und Antoine blick konzentriert auf die Straße. Er wäre der beste Autofahrer und gleichzeitig der,urs frankreich der am längsten aufbleiben kann. Und der, der immer zu spät käme. Aber in einer Welt ohne Erwachsene gäbe es kein Zuspätkommen.  Als ich aufwache, sind wir immer noch auf der Landstraße. Der Tacho zeigt 87 km/h an. Ich halte mich am Griff in der Autotür fest und schaue aus dem Fenster. Ich habe Angst, weil mich „The Tribe“ eingeholt hat. Hier, in Frankreich, mehr als zehn Jahre später. Nur weil der Regen mich so müde gemacht hat. Damals saß ich mit meinem Bruder vor dem alten Röhrenfernseher und wir schauten stundenlang KiKa und SuperRTL. Zumindest fühlt sich das heute so an. Ich glaube, er hat nie so viel „The Tribe“ geschaut wie ich, er hatte Angst davor. Die Schauspieler hatten blaue und rote Haare, waren düster geschminkt und hatten die abgefahrensten Waffen und Fahrzeuge. Am Anfang sind alle noch ständig mit Rollerblades durch die „The Tribe“-Szenerie gefahren, wo immer irgendwo was brannte. Und es gab einen Hund, der immer einen Ring aus blauer Farbe um sein Auge hatte. Damals gab es noch keinen Neil Young, keine „raison pure“ und keine Angst vor einem Autounfall.
Es gab den Morgen, den Mittag und den Abend. Und das Dazwischen.

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Bad Harzburg hat mit Filesharing nix zu tun

Es ist Sonntag und man ist ein bisschen angekatert. Das liegt daran, dass es noch nicht ganz Abend ist, man ist noch nicht sehr lange auf den Beinen und während die Nüchternheit den Alkohol aus dem Hirn schiebt und Kopfschmerz und Übelkeit mit sich bringt, fährt man aus dem Harz in Richtung Hannover, wissend, dass der Kater, bis man erst Hannover erreicht hat und es Abend geworden ist, ausgewachsen sein wird, in Gänze und Schönheit.

Also fährt man lieber noch mal raus. Man fährt nicht in Torfhaus raus, an der Bavaria Alm, hier scheint das Zentrum von allem zu sein, in touristischer Harz-Hinsicht, so viele Autos, man fährt auch nicht am Fliegenpilzkiosk am Radau-Wasserfall raus oder am Steinbruch gegenüber, sondern am Fuß des Harzes, dieser einen Mutantenbrust unseres Landes, ganz unten, Bad Harzburg, denkend: Man hätte vielleicht am Fliegenpilzkiosk rausfahren sollen. Bisschen Wasserfall anschauen, Eis am Stiel essen, komischer Augustsonntag.

Bad Harzburg ist auch toll. Wellness-Wanderland. Solebad. Mineralbrunnen. Burgseilbahn und kleine weiße Villen am Straßenrand, ich fahre wahllos links, stelle das Auto zwischen die Villen, unsicher wegen Parkverbot, aber es ist Sonntag, da tut einem hier niemand was. Auf den Schildern steht nichts von wegen Zentrum oder Burg, es werden ausschließlich Cafés ausgeschildert.

Bad Harzburg, Kurort, ich hab so ein Ziehen auf der Schädeldecke, das drückt mir von oben her die Lider zu. Ist ein komisches Wetter heute und man weiß gar nicht, ob das nun seltsam ist für Anfang/Mitte August oder ob das nun so typisch Anfang/Mitte August ist, einfach typisch, dunstig, schon warm, man trägt beige in Bad Harzburg und viel weiß, aber man trägt nicht einfach ein T-Shirt, sondern zieht sich eine Weste drüber, eine beigefarbene oder doch schon das Übergangsjäckchen, das weiße, damit man sich nicht verkühlt.

Man kennt das ja so aus den Kurorten. Ich bin in Bad Staffelstein gewesen und in Kühlungsborn, ich bin nicht in Bald Salzdetfurth gewesen, aber ich nehme an, es verhält sich ähnlich dort. Das Tolle an Bad Harzburg ist, wie extrem es riecht. Ich gehe so eine rötliche Fußgängerzone entlang, irgendwo rechts muss ein Kurpark liegen, es ist Sonntag aber man kann Souvenirs kaufen und Harzer Wildwurst, gutes Zeug, und es gibt aus Buchs geschnittene Pferde und eine Art Bücherflohmarkt und unfassbar viele Senioren.

Ich schätze Senioren durchaus. Ich schlängele mich an ihren Körpern vorbei, was mir trotz dieser Anzahl aufgrund ihrer langsamen Bewegungen nicht schwer fällt und versuche sie in die Kategorien „sehr wohlhabend“, „seit jeher wohlhabend“ und „erst seit Kurzem wohlhabend“ einzuordnen. Das wirklich Aberwitzige ist der Geruch. Jeder kennt den Geruch, den der Mensch erst im Alter annimmt, der direkt als der Geruch des alten Menschen identifizierbar ist, ein eher unaufdringliches Gemisch aus Parfüm, das aus der Mode gekommen ist, Staub, Verdautem und Tod.

Hier, in Bad Harzburg, habe ich die Keimzelle des Geruchs des Alters gefunden. Die Steine haben ihn angenommen, die Gebäude, die Blumenkübel haben ihn angenommen und die beiden galoppierenden Pferde aus Buchs, es riecht nach altem Mensch und das ist, wenn man ein junger Mensch ist, und getrunken hat, auf Dauer leider nicht zu ertragen. Entschuldigung, Bad Harzburg, aber das ist Fakt: Du bist ja niedlich, aber du bist auch der alte Mann unter den Städten, nicht weil du älter bist als andere Städte, sondern weil du so riechst.

Ich habe außerdem einen Bücherschrank gefunden in Bad Harzburg. Einen dieser offenen Verschläge, in die Menschen ein Buch reinstellen, dessen Vorhandensein in ihren eigenen Räumlichkeiten sie auf keinen Fall mehr ertragen können und dann kommt ein Passant und findet, das könnte man doch mal lesen und nimmt es mit nach Hause, stellt aber meistens keines rein. Trotzdem stehen in diesen Schränken immer Bücher. Ist auch toll. Da gehe ich hin und nehme mir einen Reiseführer für die griechischen Inseln und ein Rezensionsexemplar von „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“, was ein mächtig schwerer 800-Seiten-Oschi von einem Amerikaner ist, es geht irgendwie um Comics, aber ich will den, also halte ich ihn in der Hand, während ich meinen Weg durch die müffelnde Fußgängerzone fortsetze, fühle mich dabei etwas beobachtet, vor allem weil ich mich gleich doppelt bedient habe und denke mir:

Das ist doch auch eine Lösung. Bei aller Flut der zu lesenden Bücher und zu bereisenden Orte habe ich mich bisher, zumindest bezüglich Lektüre, oft an die Zufälligkeit der Antiquariatsbestände gehalten, denn man kann ja nicht alles lesen (und nicht alles bereisen), die Entscheidung, die Auswahl kann ich gar nicht treffen, von nun an aber soll nur noch gelesen und bereist werden, was aus den offenen Bücherschränken der Kurorte stehle. Und von stehlen muss die Rede sein, solange ich selbst nichts hineinstelle. Das hat mit Filesharing nix zu tun, das ist meine persönliche, bibliophile Kostenlosmentalität.

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Zum Thema: Gebrechen

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Wöchentlich erscheinen zwei Beiträge zu einem Thema, auch Gastautoren sind gerne gesehen. In dieser Ausgabe lautet das Thema: GEBRECHEN.

KATEGORIE A) ANDREAS THAMM über GEBRECHEN:

Das Problem, unter dem ich rein psychologisch leide, lässt sich mit den Schlagworten geringe Kompetenz und geringe Auswahl beschreiben. Ich bin nicht in der Lage und nicht willens, raffinierte Gerichte zu zaubern, ich bin nicht wohlhabend genug, mir regelmäßig ein gutes Stück Fleisch kaufen zu können, ich bin zu verwöhnt, um sämtliche Gemüsesorten zu essen und ich bin nicht der Meinung, dass Salat eine Mahlzeit ist, noch dass es sich bei Menschen, die das behaupten, überhaupt um Menschen handelt. Um es kurz zu machen: Mein Leben ist eine abwechselnde Folge von Bratkartoffeln und Nudelauflauf. Die Natur scheint unzureichend vorgesorgt zu haben, es beschleicht mich der Eindruck, es gibt sonst einfach nichts. Ich bade in einer Lache aus öligem Kohlehydrat.

Das Bundessozialgericht in Kassel urteilt 2003, Adipositas sei eine Krankheit. Übergewicht verpflichtet die Krankenkassen. Wenn sich an meiner Unterversorgung mit Alternativen zu Nudeln und Kartoffeln binnen der nächsten fünf Jahre nicht grundlegend etwas ändert, werde ich mir das einhandeln. Wie das eben so ist: Es ist kein Mensch ohne Gebrechen.

Die Geschichte meines persönlichen Verfalls hat die konventionellen Stationen auf unspektakuläre Art und Weise abgeschritten: Wie etwa die Hälfte meiner Altersgenossen litt ich unter einer Zahnfehlstellung, die mit Hilfe einer losen Klammer beseitig wurde – wie schön im Übrigen, zu erfahren, mir würde auch eine feste Zahnspange gut stehen. Machen auch Sie den Test: http://bit.ly/147ZVZR. Irgendwann kam eine Brille hinzu, auch das ein Schicksal, das ich mit über 60 Prozent der Deutschen teile und nie als Schicksal empfunden habe.

Die Evolution hat am Menschen noch so einiges nachzujustieren. Während 60 Prozent der menschlichen Augen nicht ausreichen, um sehen zu können, was zu sehen wäre, gehen, angeblich, runde 70 Prozent auf Füßen durch die Welt, die sich dafür kaum eignen. In meinem Fall heißt die Diagnose Senk-Spreizfuß, politisch unkorrekt: Plattfuß. Als wissenschaftsgläubiges Individuum beunruhigt es mich schon ein wenig, wenn die Süddeutsche Zeitung schreibt, „Für Notwendigkeit und Nutzen der Behandlung fehlt jeglicher wissenschaftliche Beweis.“ Als Betroffener und Patient hingegen, muss ich feststellen, dass ich dank meiner Einlagen zumeist schmerzfrei gehe. Und: Seit Neuestem darf ich die Farbe aussuchen. Sie sind grün.

Neben den obligatorischen Rücken- und Nackenschmerzen, findet sich nun seit weniger als einem Jahr ein Symptom in meiner gedanklichen Krankenakte, das primär die Menschen stört, die mit mir das Schlafzimmer teilen. Es handelt sich dabei nicht um die unkontrollierbaren Flatulenzen eines Charles Darwin, sondern ums Zähneknirschen. Letzten Endes bin natürlich trotz allem ich der Leidtragende. Niemand möchte gern abgeriebene Stümpfe anstatt Zähnen im Mund tragen. Deshalb gibt es hierfür  eine Prothese in Form einer Plastikschiene, die meinen Zähnen angepasst ist und am Morgen, wie man sich denken kann, unangenehm riecht. So ist zumindest das Symptom behandelt, mein Körper vor mir selbst geschützt.

Man möchte das nicht, so klingen wie die Verwandtschaft auf Familienzusammenkünften, wenn das Beisammensein etwas lang wird und jeder bereits seinen letzten Urlaub rekapituliert hat. Die Klage über den eigenen Verfall, die Feststellung, man ist nicht perfekt, nicht ansatzweise, sie gehört sich nicht vor einer gewissen Altersgrenze. Und doch tragen wir die Ergebnisse der Eigendiagnose ständig mit uns herum, die Akte im Kopf, die Chronik des Siechtums, die Gewissheit: Gesund sind immer die Anderen.

Und ästhetisch. Ich habe keine Statistiken über Warzen auf dem Bauch gefunden. Ich möchte darüber bei aller Entblößung auch nicht zu viele Worte verlieren. Am Ende ist ja eh alles gar nicht so schlimm. Gar nicht so grässlich. Die beste Therapie für Rücken und Kopf bestünde wohl darin, die Finger vom Internet zu lassen. Neulich las ich von einem Zusammenhang zwischen einem Übermaß an Kohlenhydraten und Migräne. Heut gab es Chili, mit Reis. Hauptsach‘ satt sag ich immer.

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KATEGORIE B) JULI ZUCKER über GEBRECHEN:

Lieber Derm,

heute muss ich dir also von meinen körperlichen Unzulänglichkeiten berichten. Eine davon ist für mich weniger imposant als für ziemlich viele andere Menschen auf diesem Planeten: Meine Größe, die mich persönlich zwar gar nicht so belastet und deren Existenz mir bis auf peinliche Ausweiskontrollen an Tankstellen nur schemenhaft in meinem Gehirn vorhanden ist, bis zu den Momenten, in denen altweise Klugscheißer meinen, mich darauf hinweisen zu müssen. Sie haben also erkannt, dass ich klein bin, herzlichen Glückwunsch, wow, das ist eine Bereicherung, danke auch für die Mitteilung, gut, dass Sie mich daran erinnern, dass Sie mir Ihre Bemerkung mitteilen, die gerade über mich in Ihrem Gehirn passiert, das ist mir viel wert. Ehrlich. Seit 2003 liegt die Körpergröße von Frauen in Deutschland bei etwa 165 Zentimeter. Mir fehlen davon zwölf. Zwölf Zentimenter, so denkt die Wissenschaft, machen ungefähr den Größenunterschied von Männern und Frauen aus und laut einer 2006-Statistik von SOEP gibt es in Deutschland zu diesem Zeitpunkt nur 4% Frauen, die 150-154 cm hoch sind. Ich weiß, dass ich dem Klub langer Menschen nicht beitreten kann. Aber ich möchte auch keine Stelzen, ich bin kein Standgebläse und noch weniger bin ich Liliputaner. Danke für eure Ehrlichkeit und euren exquisiten Feinsinn für hervorragende Witze. Ich bewundere dieses Gespür zutiefst.

Was ich nicht aushalte, sind Menschen, die aus diversen Gründen Watte essen (Models essen Watte). Ich hasse Watte. Ich hasse, wie Watte aussieht, und wenn ich daran denke, dass ich Watte berühren muss, hasse ich alles noch mehr. Dabei habe ich gar keine Angst vor Watte (Bambakomallophobie), ich möchte nur auf gar keinen Fall mit ihr in Berührung kommen. Dieser Hass startete vor etwa zehn Jahren, als ich einen Hamster (Teddy) hatte, der in einem Hamsterhaus wohnte, und dieses Hamsterhaus musste man eben mit Watte füllen oder man musste zumindest Teddy die Watte geben, damit er sein Hamsterhaus selber füllen konnte – was er im Übrigen auch viel lieber mochte. Teddy liebte Watte sehr, aber irgendwann wurde er verrückt und biss in meinen Finger (im Ernst), naja, und selbst als Teddy nach zwei endlosen Jahren verstarb, blieb der Hass auf Watte (auch der Hass auf Teddy). Und jetzt kommen Models, die Watte essen. Ich kann mir fast nichts Ekelhafteres vorstellen, als einen Watteklumpen im Magen liegen zu haben. Oder doch: Den überhaupt erst im Mund zu haben. Ich will weinen. Ich bin noch zu jung für alle Krankheiten. Die letzten beiden Winterperioden habe ich fast ohne ein Ächzen überstanden, nur zwei, drei Tage auf der Couch und ein paar neurodermitisbedingte Ausschläge, die sich über den gesamten Körper ziehen, der dann so demoliert ist, dass man gar nicht raus will. Sonst ist alles echt in Ordnung. Nur mit dem linken Knie hab ich manchmal Probleme. Ich hoffe, du findest das ok.

Deine Juli

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„Ich finde den Derm sexuell sehr ansprechend. Aber auch inhaltlich ist er top.“

Jitzchack Joel Goldstein über den Derm, 4.August 2013, 21.39 Uhr.

Das harte Brot des Rezensenten

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Meyer: In Stein, irgendwann hier.

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Jetztzeit

Für den Hildesheimer Student und Ironman, Urs Humpenöder, heißt Urlaub machen Fahrradfahren und: Tanzen, tanzen, tanzen. Ein Gastbeitrag.

Heute ist Samstag. Heute  ist das Seebrücken-Fest in Boltenhagen. Die Seebrücke gibt es seit 1992 und sie ist 290 Meter lang. Am Festabend ist sie aber geschlossen, denn die Pyrotechniker installieren Feuerwerkskörper und ein DJ stellt seine Lautsprecherboxen auf. Die Kurverwaltung Boltenhagen hat auch eine Band engagiert. Die Sängerin der Band steht barfuß auf der Bühne des Ostseebads, das seit 1803 dort steht. Sie hat stämmige Waden, trägt einen Kunstlederrock von C&A und einen dazu passenden Gürtel. Sie singt Coverversionen bekannter Lieder, von den 1970er-Jahren bis heute, von Abba bis Bruno Mars. Ihre Band kommt aus Berlin. Der zweite Sänger ist ein sehr dünner, hyperaktiver Stimmungsmacher. Er feuert die Leute an, bringt sie dazu, die Texte mitzusingen. Vielleicht hat er früher im „Bierkönig“ auf Mallorca sein Geld verdient. urs2 Als die Band das Lied „Nossa“ spielen will, bittet der Dünne alle Kinder auf die Bühne. Die Kleinen sind begeistert und stürmen hoch. Auf der Bühne bildet sich eine lange Reihe von Kindern, die verschüchtert, aufgeregt und stolz ins Publikum zu ihren Eltern schauen. Die Eltern fotografieren mit ihren Handys und Kameras ihre eigenen Kinder, während die Sängerin den Refrain von „Nossa“ anstimmt und die Kinder kollektiv mitsingen. Die Eltern freuen sich und die Kinder klatschen in die Hände. Es ist Urlaub in Deutschland. Die deutschen Urlauber, die im eigenen Land ihre Ferien verbringen, haben gute Laune. Die Sonne ist an der Ostsee schon untergegangen und die Eltern kaufen ihren Kindern buntleuchtende Ventilatoren und Lichtschwerter. Es sieht aus, als würden hundert kleine Jedi-Ritter in die Schlacht ziehen, begleitet von hundert Jedi-Ritterinnen, die ihnen mit ihren Ventilatoren Erfrischung bringen.  Manche Väter haben ihre Kinder auf die Schulter genommen und wippen im Takt in ihren Turnschuhen. Einige tragen auch Sandalen. Mitten in die Menge fährt eine alte Frau mit ihrem elektrischen Rollstuhl. Sie fällt auf, weil ihr Rollstuhl Orange blinkt, nicht neonfarben wie die Lichtschwerter der Kinder. Die Frau kann ihr Gefährt nur noch mit dem Mund steuern. Die Menschen, die die Musik der Coverband gut finden, gehen schnell einen Schritt zur Seite, dass die Frau durchfahren kann. Auf dem Tacho ihres Rollstuhls steht 1,1 km/h.

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Wisbyer Straße 19, Berlin gegen 11.21

WISBYER STRAßE, BERLIN. 11.21 UHR. Sie, 80, er, 75, sie fällt, prallt mit dem Hinterkopf auf den Gehsteig, liegt da, streckt wie ein dicker Käfer ihre Arme in die Luft, kommt nicht hoch, kommt nicht nach rechts und nicht nach links, bleibt liegen mit langsamen Bewegungen. Ihm reichen die Kräfte nur für den Rollator, für seinen Käfer ist er zu alt und auch zu schwach. Ich: hin. Ich: ohne Frühstück, fast auch zu schwach, um den Käfer zu heben, zum Glück Hilfe von einem Passanten. Der Passant und ich heben den Käfer, der Käfer fasst sich an den Hinterkopf, der Mann steht am Rollator, wir in der prallen Hitze, schauen uns um, kein Derm in Sicht und auch keine Hilfe. Sie: den Hosenstall offen, er: verzweifelt, fast am Weinen, seine Hände an den Hand-Dingen vom Rollator, der Passant hält den Käfer unter den Armen. Ich: Krankenwagen? Der Käfer: Nein, wir waren ja gerade beim Arzt. Ich: Na und? Der Käfer: Wegen dem Herzschrittmacher. Ich: Hilft nichts. Der Mann (Angst): Nein, bitte nicht. Ich: Soll ich Sie nach Hause bringen, Sie und den Käfer? Der Käfer versteht nichts, fasst sich durchgehend an den Hinterkopf. Ein AUDI, ich winke, der Auto hält. Die Blonde steigt mittvierzig aus dem Wagen, schockiert, bietet Hilfe an, fährt den Mann und den Käfer nach Hause. Wir hieven zuerst den Käfer auf den Beifahrersitz, dann den Mann nach hinten, der Käfer ächzt ein wenig, wie sollen die es in ihr Stockwerk schaffen? Der Audi fährt, der Passant und ich verabschieden uns sehr höflich voneinander.

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„Wir finden im Derm immer nur uns selbst. Komisch, dass dann allemal die Freude groß ist und wir den Autor zum Genie erklären.“

Thomas Mann über den Derm,
Sommer 1923.

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