Archiv für den Monat November 2013

Der böse Willy

Lassen Sie sich entführen, in die Abgründe einer Ruhr-Seele. Ein Gastbeitrag von Pascal Richmann.

Niemand kann es leiden, wenn die Rede darauf kommt, dass Afrikaner die besseren Tänzer sind. Rhythmusgefühl hin, Physiognomie her. Zum einen existiert der Afrikaner überhaupt nicht, zum anderen kennen pauschale Aussagen per se zu wenig Graustufen. Aber – man ahnt es – auch dieses Pauschalisieren pauschaler Aussagen ist nicht frei von Gefahren. Niemand würde abstreiten, dass die Erde um die Sonne usw. usf. Was es also braucht, sind Beweise. Einen Siegeszug der Mathematik.

Anders ausgedrückt: J. Robert Oppenheimer war ein Dichter, der nebenher die Atombombe entwickelte. Nicht andersherum. Manchmal, in einsamen Nächten, las er Hölderlin. Das muss man sich mal vorstellen! Oppenheimer wälzt sich auf seinem Feldbett in Los Alamos und liest Hölderlin. Darf ich pauschal sagen, dass es nichts Traurigeres gab, gibt und jemals geben wird?

Fünf Jahre bevor Hitler die Macht übernahm, saßen Robert und Paul Dirac mit bester Laune in einem Göttinger Wirtshaus. Oppenheimer dozierte über Dichtung. Tagsüber Quantentheorie, abends Poetik. Diese Divergenz verwirrte auch Dirac, der festhielt: In der Physik versuchen wir den Leuten etwas, das vorher noch niemand wusste, so zu vermitteln, dass sie es verstehen. In der Dichtung ist es doch genau umgekehrt. Oppenheimer, so die Legende, lachte über seinen englischen Freund.

Well, what if I do forget,

Forget Spinoza and your constancy,

Forget everything, till there stays with me

Only a faint half hope, half regret

And the unnumbered stretches of the sea

Toll: Halbe Hoffnung, halbes Bedauern. Vergessen ist also nur die Hälfte des Kuchens, die andere muss gegessen werden, bis auf den letzten Krümel, so oder so. Das Meer, ja das Meer ist weit, aber über den Rest kann man sich nie sicher sein. Deshalb Obacht geben und einem richtigen Job nachgehen. Nun ist es so, dass nicht jeder Mensch Dialektik betreiben kann, und noch weniger Quantenphysik. Man muss, diesen Gründen folgend, auch mal etwas absolut setzen können. Zum Beispiel: Junge Menschen schwimmen gern in Flüssen. Die Unmöglichkeit pauschaler Aussagen manifestiert sich im Phänomen, dass der Redner von sich auf andere schließt. Ein Löffel Lebertran auf die Selbstüberschätzung. Ich korrigiere: Als junger Mensch schwamm ich gern in Flüssen.

Wie einen nicht geringen Anteil meiner Altersgenossen befiel auch mich ein befristetes Faible für Reggae Musik. Wie all diese jungen Menschen verabscheute auch ich das Unrecht auf dieser Welt, rauchte bei Zeiten einen Joint und verbrachte Nächte unter wedelnden Handtüchern im Berliner YAAM Club. Eines Abends überfiel mich dort die Gewissheit, dass ich einen miserablen Tänzer abgab. So kam es, dass ich durch die Spree schwamm, was ich aus Trotz und latentem Exhibitionismus vollkommen nackt tat. Das dreckige Wasser fühlte sich ölig auf meiner Haut an. Als ich an der Jannowitzbrücke hinauskletterte, bereute ich es fürchterlich ohne Boxershort baden gegangen zu sein. Ein Fehler, der mir nicht noch einmal passieren sollte! Einige Wochen später, ich zog mich gerade aus, um in die Ruhr bei Mühlheim zu springen, sollten mir jene unangenehmen Szenen, die sich in Berlin Mitte zugetragen hatten, eine Lehre sein. Im Gegensatz zur Spree ist die Ruhr ein reißender Strom, der mich direkt nach Duisburg und bei Duisburg in den Rhein und vom Rhein über die Grenze nach Holland und von Holland bis in die Nordseemündung bei Rotterdam getrieben hätte; wo ich schließlich erschöpft und halbbekleidet ertrunken wäre. Während ich also über den Flussverlauf nachdachte und mit technisch einwandfreiem Delfin die Ruhr durchpflügte, bildete sich eine Gruppe Schaulustiger. Oh, welche Pein! Ich wollte ja nicht, dass mich irgendwer dabei sah! Nun war ich umso glücklicher, dass ich meine Boxershort anbehalten hatte. Beschämt hievte ich mich aus den Fluten und es kam wie es kommen musste, die Leute auf der Brücke trieben Scherze über meine triefenden Shorts, in denen ich mich nun zurück in die Jeans zwängte, die augenblicklich das Wasser aufsog und mich wie einen Trottel dastehen ließ. Heftiger Spott schlug mir entgegen: Ich sei ein frigides Bürschlein, die Unterkühlung, sie geschähe mir nur Recht usw. usf. Das sollte mir eine Lehre sein! Nie wieder würde ich des Nachts in einen Fluss springen, um mir unschuldig und lebensbejahend eine Erfrischung zu gönnen. So wurde ich zum Mann, endgültig, auf einer Brücke bei Mühlheim. Der Grund, warum ich die Geschichte meiner Initiation erzähle, ist, dass man dem Mensch im Ruhrgebiet nachsagt, er sei von vollkommener Ehrlichkeit, von grenzenloser Offenheit; der Grund ist auch, dass ich mich gegen diese merkwürdige Fremd- und Eigenkonstruktion aussprechen möchte. Es beginnt ja bereits mit dem Wort Ruhrpott. Niemand kann es leiden, wenn seine Kulmination Pott genutzt wird, um gewisse Eigenarten der Einheimischen auf eine schlichte Formel zu kürzen: Wir im Pott sind so und so, der kleine Mann im Pott tut dieses und denkt jenes usw. usf. Schluss damit! Der wahre Lokalpatriot oder Sympathisant schweigt sich aus, er bildet ab.

Vor einigen Wochen habe ich einen Ausflug nach Bergen in der Lüneburger Heide unternommen, genauer in den Vorort Belsen. Dort liegt an einer Ausfallstraße das Gedenkzentrum des ehemaligen Konzentrationslagers. Auf dem Parkplatz ließen Wohnmobile auf ein internationales Publikum schließen. Das Wetter war so trübe, wie ein Herbst in Niedersachsen nur trübe sein kann. Fliegenpilze ersetzten zwischen dichten Hainen die Baracken. Das weitläufige Areal ist ein unspektakulärer Ort der Erinnerung, wohingegen sich die Besucher im kürzlich errichteten Betonmonolithen, versteckt hinter schwarzen Vorhängen, Videos anschauen können, die unmittelbar nach der Befreiung Bergen-Belsens aufgenommen wurden. Ein Schild empfiehlt den Eintritt erst nach Vollendung des dreizehnten Lebensjahrs. Neben mir sagte ein Vater zu seinen Töchtern, dass sie jederzeit hinausgehen dürften. Die Mädchen blieben. Zwischen den Aufnahmen etwaiger Leichenbergen gaben ehemaligen Lagerkommandanten einem britischem Fernsehteam Angaben zu ihrer Person. Irgendwann trat ein kleiner, schnurrbärtiger Mann vor die Kamera und sprach in unverkennbaren Dialekt: Ich komme aus Dortmund in Westfalen. Er sagte nicht etwa Ruhrgebiet, er sagte tatsächlich Westfalen. Das Ruhrgebiet in seiner romantisierten Dimension ist ein Nachkriegskonstrukt. Es fußt im Wirtschaftswunder, im aufkeimenden Modus der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, in der Erschaffung eines Marktes für proletarische Identitäten. Die ersten Migrationsströme hatten sich dort bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts heimisch gefühlt, während Hitlers Machtergreifung gaben sich weite Teile des Ruhrgebiets als rote Enklaven und nun beteiligte man sich auch noch maßgeblich am Wiederaufbau; außerdem exportierte man weltweit das berühmte Bier nach Dortmunder Art. Beste Voraussetzungen also für ein gänzlich autonomes Selbstverständnis.

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Pointiert finden sich dessen Auswüchse in der Arbeit Helge Schneiders. Sein Humor entspringt dieser Geografie und reicht zugleich darüber hinaus. Es liegt nichts Angestrengtes darin. Die Mentalität der Menschen bedeutet seinen Stoff, ganz einfach weil sie das ist, was er seit jeher kennt. Seine Geschichten spielen in Welten, die dem Ruhrgebiet ähneln, ohne sich dabei explizit zu verorten. In 00 Schneider Jagd auf Neil Baxter stellt die Frau des Kommissars an einer Stelle fest: Er ist der Beste. Er ist ein richtiger Heißsporn. Er ist ein großartiger Autofahrer. Und er ist ein hervorragender Kriminalist. Sie hält einen Moment inne, dann fügt sie hinzu: Manchmal isst er auch sehr gerne Kuchen. Das ist die Richtung, in die ihm der Zuschauer folgen muss. Helges Genie liegt im Zuhören, in seinem Blick auf die Umwelt. Als Kind sei er süchtig nach Spaziergängen gewesen, weshalb er regelmäßig aus der Schule weglief. Nicht Helge ist lustig, die Dinge um ihn herum sind es. Darin begründet sich seine Autorität. Eine ernsthafte, uneitle Erhabenheit. Ohne jede Ironie kann er kritisieren, dass die Menschen heutzutage nicht mehr zu Tschibo oder Eduschu gehen, sondern ins Internet. Das Publikum wird lachen, so oder so. Jede pauschale Äußerung bricht sich in humoristischen Komponenten. Es ist diese auratische Form, die über seinen neuen Film Im Wendekreis der Eidechse als Grundtenor herrscht. Humor und Pauschales sind zu Marken geworden, die Helge nun Schritt für Schritt dekonstruiert, indem er eben nicht witzig ist. Alles an Im Wendepunkt der Eidechse ist Verweigerung. Die Ästhetik verweigert sich High Definition. Helge selbst verweigert sich den eigenen Pointen, ganz so als könne kein Witz zweimal erzählt werden. Alles wird Metakommentar auf sein früheres Schaffen. Gleichgültig ob Mühlheim oder Almeria als Kulissen dienen, das Setting ist ein ziemlich genaues Abbild einer Verfasstheit, der keine Ruhrgebietshülse beizukommen vermag. Helge modelliert eine Epoche nach, die es so vielleicht nie gegeben hat, die aber zumindest dafür sorgte, dass sich bezüglich ihrer Gestalt ein Konsens im Bewusstsein dieser Republik verankern konnte. Deshalb ist 00 Schneider mitunter schwer zu ertragen. Vielleicht muss ich selbst erst sechzig werden, um ihn noch einmal anschauen zu können. Bis dahin gilt: Solange man lebt, soll man rauchen.

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ZUM THEMA: KLEINOD

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Wöchentlich erscheinen zwei Beiträge zu einem Thema, auch Gastautoren sind gerne gesehen. In dieser Ausgabe lautet das Thema: KLEINOD

KATEGORIE A: ANDREAS THAMM ÜBER LEIDINGSHOF

Wo ich herkomme (beziehungsweise keine dreißig Kilometer von da) haben die Orte so wunderschöne Namen wie Tiefenpölz oder Veilbronn. Es ist die Gegend der paradiesischen Zustände und guten Dinge, der großen Fleischportionen und köstlichen kupferfarbenen Biere für wenig Geld. Die Natur wird stets mit dem Duett der beiden Adjektive romantisch und bizarr (bezüglich der Felsformationen) beschrieben. Ein anderer Ort heißt Leidingshof. Leidingshof hat, Stand 2013, vierzig Einwohner. Am besten, man stellt sein Auto in Veilbronn ab, und folgt dann dem Mathelbach in Richtung Osten in das Leidingshofer Tal. Denn: Bei aller Abgeschiedenheit, geradezu Entrücktheit vom Rest der Welt, ist ein Dorf mit vierzig Einwohnern selbst in der fränkischen Schweiz etwas, das einen gewissen Reiz ausübt, allein der Zahl wegen, wie sie bei Wikipedia steht, vierzig, und nicht neununddreißig, und nicht einundvierzig, vierzig, rund, und wenn einer zuzieht, muss einer sterben. Man folgt dem Mathelbach durch dichte Wälder, umgeben von steilen Anstiegen, zum Totenstein hinauf, eine ironisch gefärbte Namensgebung ist das, angesichts der Landschaft, ein sanfter Hügel, grüner Wiese, ein Apfelbaum, Leidingshof ist nah, vielleicht leben dort Untote oder Päderasten mit Mopeds oder Zwitterwesen, halb Mensch halb Ziegenbock, genau vierzig von ihnen, und wollen nicht leben und dürfen nicht sterben. Ja, die fränkische Schweiz ist schön, aber wenn man nach Leidingshof geht, wenn man nach Leidingshof pilgert, ist das die Randbemerkung, weil man eigentlich hofft, das Unschöne aufzustöbern, das Grauslige, das hier, abseitig, noch hinter der Quelle des Mathelbachs, versteckt und geheim gehalten werden muss, im Schutze bizarrer Felsen und Streuobstwiesen, darauf hofft man und darauf, im Wald Knochen zu finden, die nicht nach Wild aussehen, sondern nach Mensch, sie sind noch warm, und es ist ein Flüstern im Wald, ein Geräusch als würde ein primitives Messer gewetzt, man rennt über Wurzeln stolpernd zurück, in Richtung Veilbronn, Hafen der Zivilisation, man rennt nach den Freunden tretend, nehmt die andern, ich bin zu jung!, lehnt keuchend am Auto auf dem Parkplatz in Veilbronn und niemand will glauben, was man gesehen hat. Der Spaziergang ist wirklich hübsch. Wir sind dann nicht nach Leidingshof. Aus der Entfernung sah es so aus als gäbe es da Audis und Sky in HD.

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KATEGORIE B: JULI ZUCKER ÜBER MIRACLE MIKE

Nach einigem Sinnieren über „Kleinod“ bin ich an meine Grenzen gestoßen und würde meine Beziehung zu diesem Wort am liebsten an einem Beispiel erklären, einem Huhn. Ein Huhn ist ein Faszinosum und verfügt über die Dringlichkeit, beschrieben zu werden. Unser Huhn ist ein Hahn, kommt aus Colorado und heißt Mike, the Headless Chicken. Mike soll 18 Monate überlebt haben, nachdem ihm der Kopf abgeschlagen wurde. Sein Herrchen – wie man bei Hühnern im Übrigen nicht zu sagen pflegt, weil sie ja, wie jeder weiß, nur in sehr seltenen Fällen als Haustiere gehalten werden – hatte ihn töten und servieren wollen, aber die Halsschlagager und also auch das Menü verfehlt. Hier kurz ein Exkurs und einige Informationen darüber, was man beachten muss, wenn man sich ein Huhn als Haustier aneigenen möchte: 1. Zuerst mit den Nachbarn sprechen. Eine Beanstandung frühmorgendlichen Krähens ist nicht ausschließbar. 2. Einholung der Baumaßgenehmigung, falls ein Stallbau erwünscht ist. 3. Achtung! Hühner verstehen sich gut mit Meerschweinchen, Kleinvögeln und Kanninchen; Katzen und Hunde aber fühlen sich vor allem durch Küken oder notdürftiges Umhereilen der Hühner oftmals animiert, den eigenen Jagdinstikt auszuleben. Kinder und Hühner sind meistens kein Problem. 4. Es ist absolut notwendig, Hühner vom Tierarzt impfen zu lassen. 5. Hühnerhaltung muss bei irgendwem registiert werden. Unser Huhn, also Hahn, also Mike, überlebte ohne Auge, Hals und – was am schlimmsten für seinen hähnischen Stolz gewesen sein muss – ohne Hahnenkamm. Den Hahnenkamm übrigens, und das ist also der Grund für diesen Text, muss gewertet werden als Kleinod von Mike und deswegen, sehr geehrter Leser, möchte ich gleich mitteilen, dass es auch Erfrierungen an dieser besagten Stelle geben kann, aber ein bisschen (Kräuter-)Vaseline und es sieht schon wieder ganz anders aus. Man kann ja einfach nichts tun gegen Zugluft und Feuchtigkeit im Stall! Dabei ist das unangenehm für jeden: Früher Delikatesse, heute in Deutschland kaum noch gern gesehen, wurde der Hahnkamm früher auch gerne mal ohne den zugehörigen Körper serviert – mit Hühnerbrühe (passend!), Zitronensaft, Trüffeln, paniert oder in Teig gepackt. Mit Mike hat das nicht mehr viel zu tun, sein Kleinod ging bei seiner Köpfung ja verloren und wohin sein Herrchen den Kamm wohl gebracht haben mag, bleibt fraglich. Man munkelt, das Herrchen habe sogar einiges an Geld eingenommen, als er Schaulustigen Mike präsentieren konnte, ungefähr 25 Cent pro Besichtigung. Macht nichts, denkt sich Miracle Mike mit seinem halben Gehirn und tritt gerne auch mal im Zirkus auf – neben zweiköpfigen Kälbern und so weiter. Er selbst wird davon wahrscheinlich gar nicht so viel mitbekommen haben und ob Mike wirklich ein guter Name für eine Einnahmequelle ist, die einem das restliche Leben finanziert, will wohlbedacht sein. Dabei hat Rockstar Mike einen guten Abgang hingelegt – in einem Motel ist er nach einer Tour mit seinem Herrchen zu Grunde gegangen. Gewürgt hat er, weil sein Grundgütiger vergessen hat, ihm den Schleim aus dem Hals zu pumpen. Egal. Kleinvieh macht auch Mist.

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