ZUM THEMA: KLEINOD

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Wöchentlich erscheinen zwei Beiträge zu einem Thema, auch Gastautoren sind gerne gesehen. In dieser Ausgabe lautet das Thema: KLEINOD

KATEGORIE A: ANDREAS ÜBER LEIDINGSHOF

Wo ich herkomme (beziehungsweise keine dreißig Kilometer von da) haben die Orte so wunderschöne Namen wie Tiefenpölz oder Veilbronn. Es ist die Gegend der paradiesischen Zustände und guten Dinge, der großen Fleischportionen und köstlichen kupferfarbenen Biere für wenig Geld. Die Natur wird stets mit dem Duett der beiden Adjektive romantisch und bizarr (bezüglich der Felsformationen) beschrieben. Ein anderer Ort heißt Leidingshof. Leidingshof hat, Stand 2013, vierzig Einwohner. Am besten, man stellt sein Auto in Veilbronn ab, und folgt dann dem Mathelbach in Richtung Osten in das Leidingshofer Tal. Denn: Bei aller Abgeschiedenheit, geradezu Entrücktheit vom Rest der Welt, ist ein Dorf mit vierzig Einwohnern selbst in der fränkischen Schweiz etwas, das einen gewissen Reiz ausübt, allein der Zahl wegen, wie sie bei Wikipedia steht, vierzig, und nicht neununddreißig, und nicht einundvierzig, vierzig, rund, und wenn einer zuzieht, muss einer sterben. Man folgt dem Mathelbach durch dichte Wälder, umgeben von steilen Anstiegen, zum Totenstein hinauf, eine ironisch gefärbte Namensgebung ist das, angesichts der Landschaft, ein sanfter Hügel, grüner Wiese, ein Apfelbaum, Leidingshof ist nah, vielleicht leben dort Untote oder Päderasten mit Mopeds oder Zwitterwesen, halb Mensch halb Ziegenbock, genau vierzig von ihnen, und wollen nicht leben und dürfen nicht sterben. Ja, die fränkische Schweiz ist schön, aber wenn man nach Leidingshof geht, wenn man nach Leidingshof pilgert, ist das die Randbemerkung, weil man eigentlich hofft, das Unschöne aufzustöbern, das Grauslige, das hier, abseitig, noch hinter der Quelle des Mathelbachs, versteckt und geheim gehalten werden muss, im Schutze bizarrer Felsen und Streuobstwiesen, darauf hofft man und darauf, im Wald Knochen zu finden, die nicht nach Wild aussehen, sondern nach Mensch, sie sind noch warm, und es ist ein Flüstern im Wald, ein Geräusch als würde ein primitives Messer gewetzt, man rennt über Wurzeln stolpernd zurück, in Richtung Veilbronn, Hafen der Zivilisation, man rennt nach den Freunden tretend, nehmt die andern, ich bin zu jung!, lehnt keuchend am Auto auf dem Parkplatz in Veilbronn und niemand will glauben, was man gesehen hat. Der Spaziergang ist wirklich hübsch. Wir sind dann nicht nach Leidingshof. Aus der Entfernung sah es so aus als gäbe es da Audis und Sky in HD.

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KATEGORIE B: JULI ÜBER MIRACLE MIKE

Nach einigem Sinnieren über „Kleinod“ bin ich an meine Grenzen gestoßen und würde meine Beziehung zu diesem Wort am liebsten an einem Beispiel erklären, einem Huhn. Ein Huhn ist ein Faszinosum und verfügt über die Dringlichkeit, beschrieben zu werden. Unser Huhn ist ein Hahn, kommt aus Colorado und heißt Mike, the Headless Chicken. Mike soll 18 Monate überlebt haben, nachdem ihm der Kopf abgeschlagen wurde. Sein Herrchen – wie man bei Hühnern im Übrigen nicht zu sagen pflegt, weil sie ja, wie jeder weiß, nur in sehr seltenen Fällen als Haustiere gehalten werden – hatte ihn töten und servieren wollen, aber die Halsschlagager und also auch das Menü verfehlt. Hier kurz ein Exkurs und einige Informationen darüber, was man beachten muss, wenn man sich ein Huhn als Haustier aneigenen möchte: 1. Zuerst mit den Nachbarn sprechen. Eine Beanstandung frühmorgendlichen Krähens ist nicht ausschließbar. 2. Einholung der Baumaßgenehmigung, falls ein Stallbau erwünscht ist. 3. Achtung! Hühner verstehen sich gut mit Meerschweinchen, Kleinvögeln und Kanninchen; Katzen und Hunde aber fühlen sich vor allem durch Küken oder notdürftiges Umhereilen der Hühner oftmals animiert, den eigenen Jagdinstikt auszuleben. Kinder und Hühner sind meistens kein Problem. 4. Es ist absolut notwendig, Hühner vom Tierarzt impfen zu lassen. 5. Hühnerhaltung muss bei irgendwem registiert werden. Unser Huhn, also Hahn, also Mike, überlebte ohne Auge, Hals und – was am schlimmsten für seinen hähnischen Stolz gewesen sein muss – ohne Hahnenkamm. Den Hahnenkamm übrigens, und das ist also der Grund für diesen Text, muss gewertet werden als Kleinod von Mike und deswegen, sehr geehrter Leser, möchte ich gleich mitteilen, dass es auch Erfrierungen an dieser besagten Stelle geben kann, aber ein bisschen (Kräuter-)Vaseline und es sieht schon wieder ganz anders aus. Man kann ja einfach nichts tun gegen Zugluft und Feuchtigkeit im Stall! Dabei ist das unangenehm für jeden: Früher Delikatesse, heute in Deutschland kaum noch gern gesehen, wurde der Hahnkamm früher auch gerne mal ohne den zugehörigen Körper serviert – mit Hühnerbrühe (passend!), Zitronensaft, Trüffeln, paniert oder in Teig gepackt. Mit Mike hat das nicht mehr viel zu tun, sein Kleinod ging bei seiner Köpfung ja verloren und wohin sein Herrchen den Kamm wohl gebracht haben mag, bleibt fraglich. Man munkelt, das Herrchen habe sogar einiges an Geld eingenommen, als er Schaulustigen Mike präsentieren konnte, ungefähr 25 Cent pro Besichtigung. Macht nichts, denkt sich Miracle Mike mit seinem halben Gehirn und tritt gerne auch mal im Zirkus auf – neben zweiköpfigen Kälbern und so weiter. Er selbst wird davon wahrscheinlich gar nicht so viel mitbekommen haben und ob Mike wirklich ein guter Name für eine Einnahmequelle ist, die einem das restliche Leben finanziert, will wohlbedacht sein. Dabei hat Rockstar Mike einen guten Abgang hingelegt – in einem Motel ist er nach einer Tour mit seinem Herrchen zu Grunde gegangen. Gewürgt hat er, weil sein Grundgütiger vergessen hat, ihm den Schleim aus dem Hals zu pumpen. Egal. Kleinvieh macht auch Mist.

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