Archiv für den Monat Januar 2014

Rede zur Lage Münchens

Vor gar nicht allzu langer Zeit, also genau zu der Zeit als die Verfilmung von „Resturlaub“ in deutschen Kinos lief, sah ich die Red Hot Chili Peppers live, im Kino. Nachdem ich diesen Einstiegssatz geschrieben hatte, recherchierte ich, was das heißen soll „vor gar nicht allzu langer Zeit“ und fand, dass sowohl „Resturlaub“ als auch die Liveübertragung des Chili Peppers-Konzerts 2011 im Kino liefen, im Sommer 2011, also schon vor einigermaßen langer Zeit. Da kann irgendetwas nicht stimmen. Egal. Trotzdem möchte ich mal einen Text mit „vor gar nicht allzu langer Zeit“ anfangen. Im Kino einem Konzert zu folgen, müsste von einigen Musikfreunden unserer an Musikfreunden nicht armen Welt als pervers bezeichnet werden, was so falsch nicht ist. Andererseits sitzt man recht bequem. Dass einige, sehr engagierte Kinobesucher aufstanden, anfingen zu tanzen, johlten und klatschten, empfand ich als sehr ärgerlich. Denen wollte ich gerne am Ohrläppchen ziehen. Aber darum soll es hier nicht gehen: Wir hatten den Kinosaal zu frühbetreten, woran uns niemand zu hindern vermocht hatte. Drin lief schon irgendetwas, wir dachten, wohl ein Trailer, setzten uns, und verstanden bald, dass wir Zeuge der letzten Minuten von Resturlaub wurden, der Verfilmung des gleichnamigen Buches von Tommy Jaud, die in Bamberg gedreht wurde, und zwar unter Zuhilfenahme junger Statisten, unter anderem mir. Ich glaube, die Produktionsfirma schuldet mir noch vierzig Euro, vielleicht aber auch nicht. Natürlich hegt man in diesem Moment die Hoffnung, dass das Ertragenmüssen der letzten Minuten dieses Films wenigstens durch die Entdeckung der eigenen Person irgendwo im Hintergrund entlohnt würde. Dies war nicht der Fall. Es folgte ein durchschnittliches Konzert. Alle gingen nach Hause, den Film Resturlaub habe ich nie in Gänze gesehen. All das fand in Würzburg statt, einer Stadt zu der ich kein emotionales Verhältnis pflege.   

Mittlerweile lebe ich im wunderbaren München, in Perlach. Perlach ist der Stadtteil Münchens, der keinerlei Reaktion beim Münchner hervorruft. Sie fragen, wo man denn wohne, in München, man sagt Perlach, sie sagen nichts, sie sagen nicht mal „Ah“, oder „Aha“, oder „So, so“, oder „Sieh mal einer an, in Perlach wohnt der, tschüss“, sondern rein gar nichts, als hätten sie nichts gehört, beziehungsweise nicht, als hätten sie nichts gehört, denn dann würden sie ja ihre Frage wiederholen, sondern so als hätten sie vergessen, eine Frage gestellt zu haben. Perlach, du linguistisches Wurmloch, du Heimat sämtlicher Laubbläser des nördlichen Erdteils. Wenn man an einem herbstlichen Herbstabend durch Perlach nach Hause radelt, kann man schon in Berg im Laim die Perlacher Herren hören, oder besser: Ihre Geräte, die sie wie Bazookas über die Schulter geschnallt haben, Düsenjets, die warmlaufen, bevor sie im nächsten Augenblick abheben. Und wenn der erstgeborene Sohn des Perlacher Herren das erforderliche Alter von etwa acht erreicht hat, wird er ihm in einer feierlichen Zeremonie umgehängt, der Laubbläser, es ist sein erster und wird nicht sein letzter sein und so blasen sie tagaus, tagein, auf dass all das Laub nicht mehr da liege, wo es der Wind einst hingeweht, sondern woanders. Der Laubbläser ließe sich, angesichts der Häufigkeit mit dem man ihm hier bisweilen über den Weg radelt, bestimmt symbolisch, phallisch, soziologisch auswringen, wenn man denn so veranlagt ist, dass man das gern tut, aber dann könnte man sich auch gleich sinnvoll betätigen und zum Beispiel einen online Fußballmanager spielen.

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In der Nähe des Ostbahnhofs gibt es ein Waffengeschäft. Waffengeschäfte sind zwar durchaus interessant, aber nicht empörungswürdig, es gibt dort schließlich vor allem Ferngläser und kleine Raffiniertheiten, die man sich kauft, um im Wald in jedem Fall gewitzt überleben zu können, im Falle eines Falles, da die Überlebensskills und -gadgets auf den Prüfstand kommen. Vor dem Waffengeschäft in der Nähe des Ostbahnhofs steht der Münchner Greis, mit Hut und lindgrünem Lodenmäntelchen und kleinen runden Lederschuhen, die aussehen wie kleine, schwarze Brotlaibe. Und wenn man nun stehen bliebe, um zu mutmaßen, was der Greis im Mäntelchen sich im Schaufenster des Waffengeschäfts ansieht, so würde man eben auf Ferngläser oder Taschenmesser oder GPS-Geräte tippen. Man schreitet aber eilig voran, um vor Ladenschluss den Aldi zu erreichen, und kommt am Schaufenster mit den Ferngläsern vorbei und am Schaufenster mit den Taschenmessern ebenfalls und dann am Schaufenster mit den GPS-Geräten sowieso, man stelle sich vor, so ein kleiner Waffenladen und so viel Schaufenster, schließlich kommt man sogar am Schaufenster mit den ziemlich ehrenwerten Jagdgewehren vorüber, um endlich festzustellen, dass der Greis mit dem Lodenmäntelchen sich in den Anblick der Maschinengewehre vertieft hat, nichts als MGs hinter diesem Glas, kriegstaugliches Gerät, und man kommt nicht umhin sich vorzustellen, wie er mit der Kalasch in der Hand auf den Schultern Wladimir Putins durch eine Eiswüste brettert und das ein oder andere Felltier kalt macht und einsam im Schnee ausbluten lässt, der kleine, und das ist dann herzerwärmend, diese Idee an diesem Novemberabend.

 Meine Eltern haben die Angewohnheit, manchmal anzurufen und ich glaube, sie teilen diese Angewohnheit mit vielen Eltern auf unserer an Eltern nicht armen Welt. Es gibt zwei Gründe, warum meine Eltern anrufen, erstens, um sich nach dem Befinden zu erkundigen, zweitens, um mich auf ein Fernsehprogramm aufmerksam zu machen, meistens eines mit Max Frisch, oder irgendetwas mit Schriftstellerei oder Atheismus und nicht selten schaltete ich ebenjenes Fernsehprogramm ein und freute mich. Fernsehen ist super, das kann in der heutigen Zeit nicht oft genug irgendwohin geschrieben werden. Der zweite Fall des Anrufens ist in den letzten Jahren sehr selten geworden. Tatsächlich fällt mir schreibend auf, dass die Angewohnheit, mich anzurufen, um mich auf ein Fernsehprogramm aufmerksam zu machen, sich fast komplett auf die Zeit beschränkte, da ich mich zwar noch im selben Haus wie meine Eltern aufhielt, nicht jedoch im selben Stockwerk. Neulich saß ich in meinem Perlacher Zimmer auf der Couch, da rief mich mein Vater an, um mich darauf aufmerksam zu machen, nein, um mich zu fragen, wie denn der Film geheißen habe, in dem ich vor gar nicht allzu langer Zeit mitgespielt hätte. Wahrheitsgemäß antwortete ich: „Resturlaub.“ Dieser liefe jetzt im Fernsehen. Ich beschloss, ihn weiterhin nicht anzuschauen. Ich fragte, ob sie das denn gut ertrügen. Ja, antwortete mein Vater, denn man sehe ja oft Bamberg und könne überlegen, wo das gedreht sei. Irgendwo habe ich mal gehört, dass viele Menschen sich bestimmte Filme oder Serien, wegen der Orte, an denen sie gedreht wurden anschauen. Man möchte meinen, dies sei ein Phänomen der Entfernung, dass also alpine Heimatfilme vor allem an unseren Küsten beliebt seien, während man dort auf maritime Heimatfilme auch gut und gerne verzichten kann. Ich glaube, das ist ein Trugschluss. Küstenbewohner schauen schnoddrige Hamburgkrimis, Bergdorfbewohner schauen Hansi Hinterseer, falls es den noch gibt. Und wenn ein in Bamberg gedrehter Film im Fernsehen läuft, hat er irgendwie pro Kopf gerechnet bestimmt nirgendwo so gute Einschaltquoten wie in Bamberg. Da könnte man ja auch einfach raus gehen und sich das in Echt anschauen, werden einige sagen, aber da, also draußen und in echt, erzählt einem nur selten jemand einen Witz und wenn, kennt man den schon.

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stefan mesch

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