Archiv für den Monat März 2014

ZUM THEMA: MESSE

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Verschiedene Autoren, ein Topos. In dieser Ausgabe lautet das Thema: MESSE.

KATEGORIE A: PASCAL RICHMANN ÜBER JUNGBAUERN UND GETRÄNKESCHIRMCHEN

Es beginnt damit, dass ich auf dem Skywalk zwischen Bahnhof Messe/Laatzen und Eingang Messe West in einem Pulkmesse 1 Jungbauern stehe, während sich die Sonne über das Plakat einer Zeitarbeitsfirma schiebt. Dahinter Plattenbauten aus Hannovers Peripherie. Neben mir tragen sie den hübschen Satz Bauern sind die besseren Menschen auf ihren T-Shirts und Überbleibsel der letzten Kartoffelernte unter den Fingernägeln. Ein dutzend Kronkorken schießt ins Konvexe, was aufgrund von simultanem Feuerzeugeinsatz durchaus beeindruckend klingt. Dann: „Frauen und Bier stößt man von unten!“, die Augen so rotgeädert, dass nicht klar ist, ob er zum Frühstück einen Schluck zuviel hatte oder direkt aus dieser „total geile[n] Tittenbar!“ kommt, von der er jetzt zu reden anfängt. Der Himmel ist ein Sunny-Side-Up-Spiegelei mit aufgeplatztem Dotter. Fest steht: Je mehr Carotin sich im Hühnerfutter befindet, desto oranger erscheint später das Eigelb. Fest steht auch: Je südlicher ein Hühnerbauer eine Hühnerfarm betreibt, desto mehr Farbstoff mischt er dem Futter bei.

Es beginnt auch damit, dass ich im brasilianischen Pavillon der Expo 2000 einen zweiten Caipirinha bestelle, der gleich, katalysiert durch Rohrzucker und umringt von Sambatänzerinnen und Bongotrommlern, meinen ersten Vollrausch in Gang setzen wird. Die Weltausstellung ist mir scheißegal. Ich bin zwölf und habe ein Schirmchen im Drink. Fest steht: Die Außenwände des brasilianischen Pavillon bestanden aus eineinhalb Millionen handgefertigter Holzstifte, die mithilfe jeder erdenklichen Extremität nach innen geschoben werden konnten, um so ein Relief zu hinterlassen. Fest steht auch: Der Landwirt Prinz Ernst August von Hannover zog es vor, gegen den türkischen Pavillon zu pissen.

messe 1_landflirtEs ist Jungbauerntag auf der Agritechnica 2013 und ich habe vorgesorgt. Ein Schutzwall aus 30-Liter-Fässern erstreckt sich vom Bierstand Gilde Ratsherren Nr. 5 über den benachbarten Hot-Dog-Stand bis hin zum Ditsch-Snackpoint, wo bereits die erste Ladung Pizzazunge Classico – „üppig belegt mit pikanten Salamiwürfeln, sonnengereiften Paprika und herzhaftem Käse“ – in einen goldbraunen Zustand gebracht wird. John Deer, der amerikanische Weltmarktführer für Landwirtschaftsmaschinen, teilt sich die angrenzende Halle 13 mit dem deutschen Hersteller Claas. Claas verteilt Tassen mit dem Firmenslogan the beginning of better. Die Amerikaner hingegen laden ein zu Lasershow und Erntesimulator. Fest steht: Auf der diesjährigen DLD-Konferenz trug WhatsApp Gründer Jan Koum ein John Deer T-Shirt. Fest steht auch: Kein Monat zog ins Silicon Valley, da kaufte Mark Zuckerberg den Messenger für 19. Milliarden Dollar

Es wird damit enden, dass ich zu einer Zapfmaschine degeneriere, die gleichzeitig Pepsi an Kinder verteilen und Fässer mit den Füßen wechseln kann, und damit dass fünf holländische Jungbauern ihre letzten Schlücke mit einer Captain-Planet-Gedächtnisgeste zu einem vollen Becher vereinen, um ihn bei mir als „total schal, total schal!“ zu reklamieren, während Eltern ihrer dreijährigen Tochter erklären, dass Röstzwiebeln und saure Gurken genauso zu einem Hot-Dog gehören, wie Ketchup und Wiener Würstchen, und dann wird ein Jungbauer kopfüber in eine Mülltonne klettern und ein Anderer wird auf einem Gullydeckel niederknien und ins Erdinnere hinab brüllen. Fest steht: Ab 20.30 Uhr steigt in der TUI-Arena die Young Farmers Party. Fest steht auch: Liebe vergeht, Hektar besteht.

KATEGORIE B: JULI ZUCKER ÜBER WELCHE VORKEHRUNGEN MEINE STIEFSCHWESTER IN MEINEM GESICHT TRIFFT, BEVOR ICH FROHEN MUTES AN SILVESTER IM REICHENCLUB ARBEITE

Weil meine Stiefschwester findet, dass ich ein hübscher natürlicher Typ bin und man nichts unter Make-Up Bergen verstecken bzw. verdecken muss, beginnt sie mit einem PRIMER, den sie mit einer BEAUTYSPONGE gleichmäßig aufs Gesicht aufträgt. Ich kaue auf einem Stift. Um die geeignete FOUNDATION FARBE zu finden, mischt sie ihr hellstes LIQUID MAKE UP mit etwas TAGESCREME (somit wirkt die FOUNDATION auch nicht so maskenhaft, sondern eher natürlich). Ich tunke einen Pinsel in eine Farbe. Die Mischung trägt sie mit dem DIOR BACKSTAGE MAKE UP PINSEL auf, um am Ende etwas mit der Hand nachzuarbeiten, da sich das MAKE UP so viel besser in die Haut einarbeiten lässt. Das Einzige, was sie abdeckt, sind meine Augenringe, wofür sie den PRO LONGWEAR CONCELAER von MAC in der Farbe NC15 benutzt. Ich spiele mit meinem Ring. PRO LONGWEAR auch deswegen, weil ich die ganze Nacht vor mir habe. Ich befummle meine Haare. Für meine natürlichen Augenbrauen nimmt sie nur etwas BROW POWDER von Benefit in der Farbe Medium, den sie mit dem EYEBROW BRUSH von Bobbi Brown aufträgt. Ich schreibe eine SMS. Mit einem PUDER von MANHATTAN mattiert sie die glänzenden Flächen in meinem Gesicht. Ich singe Orange Trees. Ein pfirsichfarbenes sowie rotes ROUGE, das sich POWDER BLUSH PEACHES von Mac sowie RED IMPASSION von Chanel nennt,  wählt sie als Farbtupfer. Ich lache ein bisschen. Den Pinsel, mit dem man am besten die Wangenkontur trifft, nennt man LARGE ANCLED BLUSH BRUSH. Ich bin verrückt geworden. Für meine Augen verwendet sie HIGH VOLUME von L‘Oreal und zu guter Letzt einen nudefarbenen Lippenstift von CREME D’NUDE von Mac-Cosmetics. Ich habe Angst vor diesem Abend. Meine Haare werden klassisch und modern. An meinem Körper befinden sich 15 Sachen, die ich nicht kenne. Innerhalb von zehn Stunden verdiene ich insgesamt 200 Euro, habe drei Flirts und etwa 100 Euro Trinkgeld.

KATEGORIE C: ANDREAS THAMM ÜBER GESCHENKE

Es ist nicht unser Schlachtfeld. Wir finden zuverlässig sämtliche Streams und Downloads. Wir gehen nicht um des Filmes, sondern um des Kinobesitzers wegen ins Kino. Wir planieren den Browser mit kilometerlangen Tab-Kolonnen, um sicherzugehen, das Sportereignis X in der besten Qualität zu verfolgen. Wir lösen den 20 Prozent-Amazon-Gutschein nie ein, weil das hieße, dass man 80 Prozent bezahlen muss. Wir stehen starr und staunen und aus den Feldern steiget, ein alter Herr, er trägt links eine Plastiktüte und rechts eine Plastiktüte und beide Plastiktüten sind prall gefüllt mit den herrlichsten Geschenken, die die Leipziger Buchmesse zu bieten hat, Köstlichkeiten, rare Exemplare, Nippes, Plunder, Artefakte, Kram, Kinkerlitzchen, Schnickschnack. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Er kennt das nicht anders. Sein federleichter Gang sagt uns, ich bin noch gar nicht lange hier, ich schlender‘ nur kurz mal drüber, das ist mir die fünfzehn Euro wert, ich komme jedes Jahr, ich schau mal eben rein, ich gehe mit vollen Taschen, weil das nämlich so ist, bei der Messe, hier und da wird einem gerne was geschenkt, ich bin seit vielen Jahren treuer Kunde diverser Verlage, ich habe Koeppen lesen sehen, das ist ja wohl das Mindeste. „Wir müssen“, sagt A. „auch mal rum gehen, und Geschenke einsammeln.“ – „Schon“, sage ich, „ich hab noch nicht mal einen Kugelschreiber.“ Also ziehen wir los. Ich kaufe A. ein Eis. Bei der FAZ entdecke ich einen Stapel Zeitungen. Im Vorbeigehen schnellt mein Arm aus dem Mantel, ich greife zu. Es ist noch nicht einmal die ganze FAZ, nur das Feuilleton, egal, Hauptsache irgendwas, Hauptsache nicht mit leeren Händen heimkehren. Jetzt bloß kein Augenkontakt mit dem Standpersonal, einfach weitergehen, sich in den Strom einreihen, es ist hier nichts geschehen, niemand hat hier ein Feuilleton entwendet. Mir sitzt die Angst im Nacken: Jemand könnte „Junger Mann!“ rufen. Niemand ruft „Junger Mann!“ Das Standpersonal lacht sich wahrscheinlich schlapp, aber was soll man machen. Geschenke in der echten Welt sind erst legitim, wenn man Interesse zeigt. Interesse zeigen können wir nicht, wir können andere Sachen. „Komm“, sage ich zu A., „wir ziehen uns die Comicleute rein.“ Dann gehen wir in die Comic-Halle und ziehen wie Eisläufer unsere Bahnen, immer schön glotzen, dass einem bloß keine dicke Elfe entgeht, das Maximum an visuellen Eindrücken rausholen, aufs Schäbigste, das können wir, das können wir gut. Nächstes Jahr bleib ich daheim, ich mag es nicht, von meinen Defiziten belästigt zu werden.

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DER DERM WAR AUF DER LEIPZIGER BUCHMESSE

Tolles Bild von Phili The Kid.

Tolles Bild von Phili The Kid.

Bitte anhören:

http://litradio.net/lbm14_landpartie/

ALLES ÜBER: WIEN

WIE ICH EINMAL IN WIEN VON EINEM SEHR GROßEN AUF EINE ZWEI METER HOHE MAUER GEHOBEN WURDE UND ROLAND SICH ZUM DRITTEN MAL DIE GRÄTE GEBROCHEN HAT

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Die Stadt explodiert, zehn Liter Gulaschsuppe aus der Dose, eine Dart-Scheibe, die Gang zieht los, rechts und links wird Wien zerbombt, so ein Silvester habe ich noch nie erlebt, wie wir schnurstracks die Allee entlang gehen, bis hin zur Brücke, auf der wir stehen bleiben, Sekt trinken, uns manchmal umarmen und der Große plötzlich völlig durchdreht und einen Einbruch verlangt, während ich große Angst vor der zwei Meter hohen Mauer habe, auf die er mich hievt und meine Gedanken ungefähr so sind: LASST MICH UM GOTTES WILLEN ZURÜCK, während der Große mich schon packt, auf der anderen Seite wieder herunterhebt und wir schon direkt eingebrochen sind in den Schlosspark SCHÖNBRUNN, in dem die Mutigsten von uns (was der Große ist) bereits in einen sehr kalten Teich reinhüpfen (was Johanna und ich sehr gefährlich finden), Johanna und ich in einer Art Gebäude abhängen und einer ununterbrochen schreit, dass ich mit einem Inder verlobt mit, mit dessen Idealvorlage ich am Telefon bespreche, dass wir ungefähr zwei Stunden in diesem Park verbringen, in denen ich jede einzelne Sekunde lang Angst habe, dass uns die Parkwache findet, die einfach nicht müde wird, am Silvesterabend in komischen Gefährten durch diesen Park zu fahren und dann rastet der Große schon wieder aus und wir müssen fliehen – erst in ein Taxi, was kompliziert ist, weil einer schön längst kotzt und der Taxifahrer deswegen nicht besonders angetan ist von unserer Beförderung, was man daran merkt, dass er uns irgendwo rausschmeißt – HINAUSSCHMEISST wie der Große sagt – und mich anschreit, als hätt ich Sodom und Gomorrah von Regensburg nach Wien gebracht, bis wir plötzlich in einer Bar stehen, was heißt stehen, Johanna steht auf dem Dancefloor und ich liege in einem Strandkorb am Schaufenster, während ich reges Treiben auf den Wiener Straßen beobachte: Etliche in glitzernde Gewänder gehüllte narrische Wiener, die auf und ablaufen, sich manchmal etwas zuschreien, schaue ich solange an, bis klar ist, wie spät es ist, in dieser Nacht und diesem Jahr, nämlich fünf Uhr morgens und das heißt für uns, dass die Power aus ist und wir sofort und ohne Umwege uns unsere Taschen über die Schultern werfen und in eiliger Geschwindigkeit in den 16ten Bezirk fahren, wo wir in einer fremden Wohnung wohnen, deren Schlüssel wir – wie wir bei der Ankunft – bei der ANKUNFT – – bemerken, irgendwo in dieser Nacht verloren haben müssen, das denken wir uns, Johanna und ich, und dann beginnt der Abend rückwärts, weil wir also wieder in die Bar gehen und die Strandkörbe sind an die Wand gelehnt und traurige Menschen putzen noch ein bisschen den Boden, bis für sie endlich auch das neue Jahr anfängt, und zum Glück dürfen wir noch ein bisschen suchen, ein paar Ecken abklappern, aber nichts, in dieser Bar ist nichts verloren gegangen und wir also wieder zum Standort der Gulaschsuppe, bei Roland nämlich, auf Teufel komm raus klopfen wir gegen die Pforten von Rolands Haus und schließlich und zum Glück öffnet er uns und nirgendwo ist unser Schlüssel, nur eine verschreckte Katze unter dem Sofa und in dieser Sekunde treffen uns wahrlich viele Fragen direkt ins Gesicht: Wieso Roland heimlich von der zwei Meter hohen Mauer gefallen ist zum Beispiel, wieso er sich zum dritten Mal seine Gräte gebrochen hat, wieso er wahrscheinlich einen Rippenbruch erleidet und wieso wir keine Zahnbürste dabei haben, wieso es noch immer dunkel ist, wieso wir jetzt erstmal und nichtsdestotrotz ein paar Stunden Schlaf im neuen Jahr brauchen, die wir auf der Couch verbringen, bis nur wieder der Morgen anbricht, bis wir nur wieder dem geisteskranken Schlüssel hinterherjagen müssen, der zu einer Wohnung führt, die einer Freundin gehört, der wir nichts sagen können, weil sie nicht da ist, und der wir nichts sagen wollen, weil sie nicht da ist und deren Vermieter wir auch nicht kennen und deswegen also packen Johanna und ich uns warm ein und schreiten im vollständig ruinierten Wien dem Schlosspark entgegen, auf dass er unsere letzte Hoffnung sei in dieser vermaledeiten Situation und natürlich regnet es auch noch auf unsere traurigen Gemüter und Johanna trägt nichts und deswegen meinen kleinen Laptop, während wir erkennen, dass wir gar nicht mehr über die mindestens zwei Meter hohe Mauer steigen müssen, weil keine Mauer mehr da ist, gar nichts ist mehr da, außer die Knaller, die am Boden liegen und der Rauch von der Würstelbude nebenan, die dampft, als hätte sie einer angezündet und mit diesem Würstchendampfgeruch gehen wir also zu auf unser Schicksal, die letzte Station unserer Hoffnung, und durchschreiten die jetzt geöffnete Pforte, die wir in der letzten Nacht nur durch die Hilfe des Großen überwinden konnten, und während ich schon dem Parkwächter in die Augen stiere und sage, tut mir leid, leider habe ich hier vor einer Stunde meinen Ohrring verloren, während er uns dazu befragen will, wieso wir nicht, wieso wir in Gottes Namen nicht wie alle normalen Besucher dieses Parks auch die normalen Wege dieses Parks benutzen können, sage ich in Gedanken, entschuldigen Sie bitte, ich habe meinen Ohrring verloren, während Johanna sagt, also, wir sind gestern über die Mauer gestiegen und dabei haben wir nur vielleicht einen Schlüssel hier verloren, und dabei zieht der Parkwächter schon sein gesamtes Gesicht, fast seinen gesamten Körper, in eine einzige Falte, die uns mit Verhaftung strafen will bis an unser Lebensende, bis er weggeht und ich mir schon denken kann, wie er mit seiner verfaltigten Hand und gerunzelten, in die Höhe gezogenen Augenbrauen jetzt jemanden anruft, um dem zu sagen, bitte, verhaften Sie diese Weiber!, sehe ich nur aus dem Augenwinkel wie Johanna meine winzige Laptoptasche gegen einen sehr dünnen Baum wirft, und ich denke mir noch, toll, auch das noch, jetzt ist Johanna, mit der ich mir den Rest meines Lebens die Zelle teilen werde, verrückt geworden und schmeißt meinen Laptop eben gegen diesen sehr dünnen Baum und als ob das nicht genug wäre, trifft sie auch noch, und dann schreit sie, und ich sehe schon keinen Wald mehr, keinen Park, nur noch uns beide, wie wir, in Handschellen, auf die Straße rauskatapultiert werden und in sehr trauriges, aber gut aufgeräumtes Gefängnis abgeführt werden und absolut in dieser Sekunde, die die Sekunde vor der absoluten Depression und des absoluten Nervenzusammenbruchs meinerseits ist – denn ich habe seit eh und je ein ziemlich großes Problem mit nichtauffindbaren Sachen – hat Johanna den Schlüssel unter ein bisschen Laub gefunden und daneben fünf Euro in einzelnen Münzstücken und wir umarmen uns, als ob es das größte Fest wäre, was wir je gefeiert haben und es regnet beständig auf unsere kleinen, freudigen Köpfe mit einem eigenständigen Nieselregen, und dann packe ich die fünf Euro und Johanna packt den Laptop, der immer noch neben dem sehr dünnen Baum liegt, und wie zum Abschied und bestimmt auch wie einst Sissi verlassen wir den Schlosspark SCHÖNBRUNN, nicht ohne dem verrunzelten Wärter noch einmal die mickrige Hand zum Gruß hochzuwinken, der nur verdutzt schaut über unsere jetzt friedvollen Gesichter, und dann gehen Johanna und ich zur Würstelbude, die ganz Wien volldampft und wählen eine normale Wurst und einen normalen Toast und einen normalen Ketchup und dann essen wir diese Würstel mitten im völlig zerstörten Wien und alles ist normal.

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Hotel Thüringen. Oder: Wo ist das verschissene Sauerland, Pletzinger?

Menschen, die mit ihrem Hobby der Um- und/oder der Tier- und Pflanzenwelt schaden, haben es nicht leicht in diesen Tagen. Hobby-Jet-Piloten zum Beispiel oder Pyrotechniker oder Treibjäger. Da kann es schnell passieren, dass ein Mitmensch einen bei der Ausübung des moralisch verwerflichen Hobbies ertappt und einem die Grundsatzfrage stellt, ob dass den nötig sei, nur des eigenen Vergnügens wegen, ob das sein müsse, ob man denn nicht genauso gut ein Erdbeerbeet anlegen oder ein Vogelhäuschen zimmern könnte. Dabei ist das Letzte, was einer will, der gerade sein Hobby ausübt, dabei so Grundsatzfragen gestellt zu bekommen. Entsprechend selber schuld ist der grundsätzlich Fragende aber auch, denn umso trotziger, ja, geradezu wütend, wird der so Angeherrschte seinen Jet fliegen oder seine Wildsau jagen. Das hat man dann davon.

Ich zum Beispiel fahre manchmal gerne Auto. Ich würde das nicht als Hobby bezeichnen, weil ich meistens nicht gerne Auto fahre, aber dann zumindest schon, wenn ich von Hannover nicht über Kassel und Fulda, sondern über die waldigen Wipfels des Harzes und durch den Thüringer Wald nach Bamberg heim düse. Wenn man sagt, man fahre gerne Auto, ist die Akzeptanz in Deutschland meist höher, als in anderen Ländern, das besagt das Klischee und wahrscheinlich auch die Statistik. Wir trennen so verdammt gut den Müll, denken wir Deutschen, da braucht keiner was sagen, wenn wir gern mal mit dem Auto rumdüsen. Das immer wieder zitierte Gesetz, das es verbietet, ziellos umherzufahren, existiert übrigens nicht, zumindest nicht so pauschal. Es ist aber tatsächlich untersagt „innerhalb geschlossener Ortschaften unnütz hin und her zu fahren„. Das ist vielleicht eines der schönsten Stücke deutscher Juristenprosa, unnütz, hin und her, stark.

Wenn man von Hannover über die waldigen Wipfel des Harzes nach Franken fährt, reist, das muss man auch mal sagen dürfen, die deutsche Geschichte mit. Bei Hohegeiß gibt es einen schwarzrotgoldenen „Grenzimbiss“. Wurst im Sinne der Einheit sozusagen, Einheitswurst statt Einheitsbrei sozusagen, ich könnte ewig weiter machen. Es ist überhaupt die Wurst unsere eigentliche Identitätsstiftungsvorsitzende. Dass man in Thüringen ist, erkennt man an der Aufschrift „Thüringer Landwurst“ am erstbesten Wurstladen. Hinter der Scheibe wischt eine junge Thüringerin die Auslage. Zwei Männer fegen den Bürgersteig, weil sie den offenbar durch ihre Bauarbeiten eingestaubt haben. Vor dem Wochenende macht man gerne noch mal sauber. Feierabend, Sonnenuntergang, noch zwei Stunden bis Bamberg, brumm, brumm.

Und dann gibt es, selten auf Landstraßen, diese großen braunen Schilder, die auf eine Sehenswürdigkeit oder eine historische Aufladung des Ortes hinweisen. Korrekterweise heißen sie „Touristische Hinweisschilder“ oder noch viel schöner: „Touristische Unterrichtungstafeln“. Diese braunen Unterrichtungstafeln gehören eigentlich zu jenen Objekten, auf die man nur mit einer überheblichen Ironie und krausen Lippen und einem Tonfall, der „So was Blödes aber auch“ sagt, hinweist, als wäre sich darüber ohnehin jeder einig, braune Schilder auf denen „Dom und Michaeliskirche. Weltkulturerbe Hildesheim“ steht, die sind doof und irrelevant; irrelevant ist das Wort, das mit touristischer Verkehrsbeschilderung minimal zu tun hat, gleichzeitig aber jede Debatte hinfällig macht. Ich aber, ich einfaches Gemüt, freue mich immer wieder, von Schildern unterrichtet zu werden.

Als ich auf dieser Landstraße zwischen Niedersachsen und Thüringen das monumentale Schild mit der sanft pathetischen Aufschrift „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 18. März 1990 um 11 Uhr geteilt“ entdecke, fahre ich impulsiv wie ein südamerikanisches Tango-Ass und ohne zu blinken rechts ran. Krasser Hauch der Geschichte und so. Die Frau im Auto hinter mir, die möglichst schnell zurück nach Thüringen möchte, schaut erbost. Ich mache ein paar Fotos, weil mir danach ist. Und weil die Sonne grad so schön untergeht. Und wegen der Windräder. Einfach stark, denke ich, was ich für ein toller Fotograf bin, natürliche Ästhetik und historische Aufladung durch touristisches Unterrichtungsschild, journalistische Präzision und erzählerische Tiefe, wirklich beeindruckend.

Beim Weiterfahren denke ich über Bundesländer nach. Dann höre ich ein Hörspiel von Thomas Pletzinger. Darin sitzt ein Mann in einem Sauerländer Hotel und schaut eine DVD über sein Leben, die er nie aufgenommen hat und die seinen derzeitigen Aufenthaltsort im Zeitgefüge überholt und ihm seine Zukunft zeigt, gutes Hörspiel, denke ich, und: Wo ist eigentlich dieses Sauerland?

Als ich durch den Thüringer Wald fahre, ist es bereits zu dunkel, um die Bäume des Thüringer Waldes zu sehen. Nur ein brutalistisches Hotel an der Autobahn, „Hotel Thüringen.“ Schade. Die beste Unterrichtungstafel an dieser A 73 weist übrigens auf die Saalfelder Feengrotten hin. Oh, du zauberhaftes Thüringen, hast glatt das Zeug mein nächstes Meckpomm zu werden. 

Achtung jetzt, krasser Geschichtshauch beim Derm.

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Einwas noch zu diesem Thema, Matthias Kamann hat in der Welt offenbar das Richtigste getan: Der A2-Report.

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