ALLES ÜBER: WIEN

WIE ICH EINMAL IN WIEN VON EINEM SEHR GROßEN AUF EINE ZWEI METER HOHE MAUER GEHOBEN WURDE UND ROLAND SICH ZUM DRITTEN MAL DIE GRÄTE GEBROCHEN HAT

P1010416

Die Stadt explodiert, zehn Liter Gulaschsuppe aus der Dose, eine Dart-Scheibe, die Gang zieht los, rechts und links wird Wien zerbombt, so ein Silvester habe ich noch nie erlebt, wie wir schnurstracks die Allee entlang gehen, bis hin zur Brücke, auf der wir stehen bleiben, Sekt trinken, uns manchmal umarmen und der Große plötzlich völlig durchdreht und einen Einbruch verlangt, während ich große Angst vor der zwei Meter hohen Mauer habe, auf die er mich hievt und meine Gedanken ungefähr so sind: LASST MICH UM GOTTES WILLEN ZURÜCK, während der Große mich schon packt, auf der anderen Seite wieder herunterhebt und wir schon direkt eingebrochen sind in den Schlosspark SCHÖNBRUNN, in dem die Mutigsten von uns (was der Große ist) bereits in einen sehr kalten Teich reinhüpfen (was Johanna und ich sehr gefährlich finden), Johanna und ich in einer Art Gebäude abhängen und einer ununterbrochen schreit, dass ich mit einem Inder verlobt mit, mit dessen Idealvorlage ich am Telefon bespreche, dass wir ungefähr zwei Stunden in diesem Park verbringen, in denen ich jede einzelne Sekunde lang Angst habe, dass uns die Parkwache findet, die einfach nicht müde wird, am Silvesterabend in komischen Gefährten durch diesen Park zu fahren und dann rastet der Große schon wieder aus und wir müssen fliehen – erst in ein Taxi, was kompliziert ist, weil einer schön längst kotzt und der Taxifahrer deswegen nicht besonders angetan ist von unserer Beförderung, was man daran merkt, dass er uns irgendwo rausschmeißt – HINAUSSCHMEISST wie der Große sagt – und mich anschreit, als hätt ich Sodom und Gomorrah von Regensburg nach Wien gebracht, bis wir plötzlich in einer Bar stehen, was heißt stehen, Johanna steht auf dem Dancefloor und ich liege in einem Strandkorb am Schaufenster, während ich reges Treiben auf den Wiener Straßen beobachte: Etliche in glitzernde Gewänder gehüllte narrische Wiener, die auf und ablaufen, sich manchmal etwas zuschreien, schaue ich solange an, bis klar ist, wie spät es ist, in dieser Nacht und diesem Jahr, nämlich fünf Uhr morgens und das heißt für uns, dass die Power aus ist und wir sofort und ohne Umwege uns unsere Taschen über die Schultern werfen und in eiliger Geschwindigkeit in den 16ten Bezirk fahren, wo wir in einer fremden Wohnung wohnen, deren Schlüssel wir – wie wir bei der Ankunft – bei der ANKUNFT – – bemerken, irgendwo in dieser Nacht verloren haben müssen, das denken wir uns, Johanna und ich, und dann beginnt der Abend rückwärts, weil wir also wieder in die Bar gehen und die Strandkörbe sind an die Wand gelehnt und traurige Menschen putzen noch ein bisschen den Boden, bis für sie endlich auch das neue Jahr anfängt, und zum Glück dürfen wir noch ein bisschen suchen, ein paar Ecken abklappern, aber nichts, in dieser Bar ist nichts verloren gegangen und wir also wieder zum Standort der Gulaschsuppe, bei Roland nämlich, auf Teufel komm raus klopfen wir gegen die Pforten von Rolands Haus und schließlich und zum Glück öffnet er uns und nirgendwo ist unser Schlüssel, nur eine verschreckte Katze unter dem Sofa und in dieser Sekunde treffen uns wahrlich viele Fragen direkt ins Gesicht: Wieso Roland heimlich von der zwei Meter hohen Mauer gefallen ist zum Beispiel, wieso er sich zum dritten Mal seine Gräte gebrochen hat, wieso er wahrscheinlich einen Rippenbruch erleidet und wieso wir keine Zahnbürste dabei haben, wieso es noch immer dunkel ist, wieso wir jetzt erstmal und nichtsdestotrotz ein paar Stunden Schlaf im neuen Jahr brauchen, die wir auf der Couch verbringen, bis nur wieder der Morgen anbricht, bis wir nur wieder dem geisteskranken Schlüssel hinterherjagen müssen, der zu einer Wohnung führt, die einer Freundin gehört, der wir nichts sagen können, weil sie nicht da ist, und der wir nichts sagen wollen, weil sie nicht da ist und deren Vermieter wir auch nicht kennen und deswegen also packen Johanna und ich uns warm ein und schreiten im vollständig ruinierten Wien dem Schlosspark entgegen, auf dass er unsere letzte Hoffnung sei in dieser vermaledeiten Situation und natürlich regnet es auch noch auf unsere traurigen Gemüter und Johanna trägt nichts und deswegen meinen kleinen Laptop, während wir erkennen, dass wir gar nicht mehr über die mindestens zwei Meter hohe Mauer steigen müssen, weil keine Mauer mehr da ist, gar nichts ist mehr da, außer die Knaller, die am Boden liegen und der Rauch von der Würstelbude nebenan, die dampft, als hätte sie einer angezündet und mit diesem Würstchendampfgeruch gehen wir also zu auf unser Schicksal, die letzte Station unserer Hoffnung, und durchschreiten die jetzt geöffnete Pforte, die wir in der letzten Nacht nur durch die Hilfe des Großen überwinden konnten, und während ich schon dem Parkwächter in die Augen stiere und sage, tut mir leid, leider habe ich hier vor einer Stunde meinen Ohrring verloren, während er uns dazu befragen will, wieso wir nicht, wieso wir in Gottes Namen nicht wie alle normalen Besucher dieses Parks auch die normalen Wege dieses Parks benutzen können, sage ich in Gedanken, entschuldigen Sie bitte, ich habe meinen Ohrring verloren, während Johanna sagt, also, wir sind gestern über die Mauer gestiegen und dabei haben wir nur vielleicht einen Schlüssel hier verloren, und dabei zieht der Parkwächter schon sein gesamtes Gesicht, fast seinen gesamten Körper, in eine einzige Falte, die uns mit Verhaftung strafen will bis an unser Lebensende, bis er weggeht und ich mir schon denken kann, wie er mit seiner verfaltigten Hand und gerunzelten, in die Höhe gezogenen Augenbrauen jetzt jemanden anruft, um dem zu sagen, bitte, verhaften Sie diese Weiber!, sehe ich nur aus dem Augenwinkel wie Johanna meine winzige Laptoptasche gegen einen sehr dünnen Baum wirft, und ich denke mir noch, toll, auch das noch, jetzt ist Johanna, mit der ich mir den Rest meines Lebens die Zelle teilen werde, verrückt geworden und schmeißt meinen Laptop eben gegen diesen sehr dünnen Baum und als ob das nicht genug wäre, trifft sie auch noch, und dann schreit sie, und ich sehe schon keinen Wald mehr, keinen Park, nur noch uns beide, wie wir, in Handschellen, auf die Straße rauskatapultiert werden und in sehr trauriges, aber gut aufgeräumtes Gefängnis abgeführt werden und absolut in dieser Sekunde, die die Sekunde vor der absoluten Depression und des absoluten Nervenzusammenbruchs meinerseits ist – denn ich habe seit eh und je ein ziemlich großes Problem mit nichtauffindbaren Sachen – hat Johanna den Schlüssel unter ein bisschen Laub gefunden und daneben fünf Euro in einzelnen Münzstücken und wir umarmen uns, als ob es das größte Fest wäre, was wir je gefeiert haben und es regnet beständig auf unsere kleinen, freudigen Köpfe mit einem eigenständigen Nieselregen, und dann packe ich die fünf Euro und Johanna packt den Laptop, der immer noch neben dem sehr dünnen Baum liegt, und wie zum Abschied und bestimmt auch wie einst Sissi verlassen wir den Schlosspark SCHÖNBRUNN, nicht ohne dem verrunzelten Wärter noch einmal die mickrige Hand zum Gruß hochzuwinken, der nur verdutzt schaut über unsere jetzt friedvollen Gesichter, und dann gehen Johanna und ich zur Würstelbude, die ganz Wien volldampft und wählen eine normale Wurst und einen normalen Toast und einen normalen Ketchup und dann essen wir diese Würstel mitten im völlig zerstörten Wien und alles ist normal.

Advertisements
Getaggt mit , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Advertisements
SchöneSeiten

www.schoeneseiten.net | Blog für Gegenwartsliteratur

Leo's Literarische Landkarten

Geographie in Texten und Liedern.

stefan mesch

Literature. TV. Journalism.

new location: visit blog.kreativsaison.de

new location: visit blog.kreativsaison.de

The Daily Frown

Das Magazin für Musik Literatur Alltag

%d Bloggern gefällt das: