Archiv für den Monat Mai 2014

JULIS UPDATE: PROSANOVA 2014, FESTIVAL FÜR JUNGE LITERATUR. DER ÜBERBLICK.

ich soll endlich damit anfangen, abfalllogistisch zu denken, sagt man mir am telefon, als ich mich nach mülltonnen und müllentsorgung erkundige, und vor allem erstmal wissen, was ich genau will. was ich genau nicht will ist: eine eröffnungsrede halten. an diesen tagen gibt es viel zu tun: paletten müssen verbaut, möbel verschleppt, girlanden bestellt und bachelorarbeiten geschrieben werden. das ist normal bei festivals. nicht normal ist, dass zoe und milan bis tief in die nacht vor dem infokiosk den ultimativen stundenplan anbringen, weil sie einfach so sehr wollen, dass die linien gerade sind. marina und ich haben berechnet, dass wir ungefähr 10.000 klopapierrollen in der metro kaufen müssen, marina will von allen sachen 1000 kaufen, weil sie 1000 liebt. curry kalle freut sich auf prosanova. johanna sagt, sie kann einen motorroller und eine betonmischmaschine für die rottenkinckshow besorgen. luca hat sich in ein sofa verliebt. oft sagen leute, es ist sehr stressig, aber in wirklichkeit laufen alle sachen wie am schnürchen. philipp hecht würde gern mehr vom prosanova geist aufsaugen. rebecca freut sich auf die goldparty, weil sie ihre augenringe mit gold überdecken mag. dinge, die wir uns momentan fragen, sind: wie bringt man gold auf alle leute gleichzeitig? woher bekommt man eine hochwertige kaffeemaschine, die nicht gekauft werden muss? wie soll man jemals allen leuten bei exchange-alert die sachen wieder zurückbringen können? welchen kuchen essen leute gerne? wann fährt jana remus zur göttinger literarischen gesellschaft und wird sie von dort zurückkehren? ich liebe tatjana, weil sie eine überraschung bereit hält, für den zeitpunkt des durchdrehens aber ich befolge den rat meines vaters: cool bleiben. zoe, milan, julia aus der schweiz und luca spielen tischtennis; weil es nur drei schläger gibt, benutzt der vierte ein buch. von den würstchen der tag der offenen tür ernähren wir uns heute noch, der ketchup reicht bis zum ende unseres lebens. jaqueline und stephi haben die erste version der festivalzeitung parat und sind auch zufrieden damit. meloudie ist faltsüchtig geworden und holt sich auch sonntags auf dem festivalgelände bücher ab, um sie zu falten, während benjamin in voller panik den fast weggewehten pavillon irgendwie ineinander stopft. isi schwenks team hat uns besucht und bespielt eine eigene insel. vera gefällts gut. auf dem festivalgelände dürfen die brennnesseln nicht vernichtet werden, weil für einige schmetterlinge gerade nistzeit herrscht und wir uns daran halten müssen (und viele von uns wollen das auch). benjamin kleidet sich beim streichen des holzes für den white cube nur in weiß, was komisch aussieht, aber heute war er beim friseur, deswegen nimmt man die veränderung in kauf. er verspürt oft das dringende bedürfnis, sich seiner schuhe zu entledigen. der gin am kiosk kostet 8,40, ich bin 23. dirk ist der boss von der literaturkiche und hat uns auf dem gelände besucht. sein anfang mai geborenes baby hatte er in einem umhängedings vor seinem körper, so dass wir danach darüber gesprochen haben, weil nur manche das sehen konnten. kumpelfotografie läuft in diesen tagen auf hochtouren, nur rossmann ist bei der filmentwicklung so unzuverlässig, dass ich oft wie ein weinender welpe vor den fotobestellungen stehe und mit gebrochenem herzen wieder weggehen muss. die openofficedatei der pressemappe umfasst über 90 mb. wie hochauflösend können bilder denn sein? wenn man etwas beantragt (zum beispiel müllentsorgung, toiletten, bauzäune), muss man sehr betonen, dass man ehrenamtlich ist, weil die leute ja schließlich wissen wollen, was sie unterstützen. es kommen die ersten anfragen, was mit den möbeln, den paletten und sonst auch allem passiert; eine frage, die uns den aufblasbaren baseballschläger zücken lässt, den wir für die fightnight besorgen müssen. leo und sarah von der hawk kommen oft vorbei, weil sie den flur ausleuchten, aber einmal war nur leo da, weil sarah migräne hatte. henning, der für die installationen in der steinhalle verantwortlich war, ist vor netto von einem auto angefahren worden. sophia hat ihn gerettet und sehr schnell erbsen bei netto gekauft, um ihn bei der kühlung zu unterstützen. die andere sophia will uns viele pflanzen besorgen. 116 künstlerinnen und künstler haben wir eingeladen. in mir etabliert sich das gefühl einer mutter, die gut darauf bedacht ist, ihre kinder vor bösartigen fremdeinflüssen zu schützen. diese kinder sind nicht prosanova. diese kinder sind die, die tatjana gerade in die schichtpläne für die letzte festivalwoche einträgt oder alina rohrer, die gerade wieder nussschnecken vorbeigebracht hat oder jonathan, der sich einfach mal so den wischmop schnappt und den bookroom durchfegt. als wir uns daran erinnert haben, dass am 25. mai die europawahl im litradio-flur stattfindet, haben wir drei herzattacken hintereinander bekommen, uns dann an die perfekte organisation vom tag der offenen tür erinnert und sind jetzt wieder normal. am sonntag hat jeder von uns radio tonkuhle gehört, weil sophia und miss sophie und christoph und thomas mielmann einen beitrag gemacht haben. erst drei stunden später konnte ich mich wieder von radio tonkuhle lösen. wir denken noch gar nicht daran, was wir uns von den partys erwarten; wir überlegen: wie kann man es schaffen, so viele kisten zu lackieren, woher kriegt man schiffe und bäume und das internet? welche möbel benötigen die künstler? was passiert da? wo sind wir an diesen zeitpunkten? wer weint als erster? fritz ist beim badminton ins loch gefallen. alona liebt den buchstaben i: auf alle besorgungslisten schreibt sie: käsi, lampenschirmi, aschenbechi. sie hat ins festivalbüro ein fondue-set mitgebracht. für sophia habe ich ein kind besorgt; jetzt brauche ich nur noch „zwei erwachsene männer, die einfach nur mit einem rollstuhl auf dem gelände rumfahren müssen“. pascal reist aus bukarest an, um dieses event mitzuerleben. mit der partyvorbereitung von gesche und hannah läuft es sehr gut. mittlerweile gibt es acht anmeldungen für die pressekonferenz. guido hat zu mir gesagt, dass sein litradio-team den schichtplan in einer sekunde im internet erstellt hat. franzi schurr hat uns auf dem festivalgelände besucht, ihr gefällt es sehr gut. beim tag der offenen tür stand bernd, der hausmeister, mit benjamin im zweiten stock der schule, von dem aus man alle inseln überblicken kann. er hat gesagt: das ist genau richtig, wie ihr das macht. ich bereue, dass ich es in meiner jugend nicht so gemacht habe. ich werde euch nach prosanova vermissen. was komisch für ist, weil er eigentlich kein emotionaler typ ist. litradio macht eine umfrage. in der prosanova-woche gibt es entweder drei gewitter oder es wird sehr sonnig. noch in dieser sekunde beginne ich damit, abfalllogistisch zu denken. das ist der überblick.

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Warum Noah der beste Film des Jahres ist

Unser liebgewonnener freier Mitarbeiter Pascal Richmann befindet sich derzeit zwar im rumänischen Exil, das aber heißt noch lange nicht, dass er es verpassen würde, sich von den heißesten Blockbustern der Saison begeistern zu lassen. Der Derm präsentiert: Die ab sofort gültige Lehrmeinung zum Film „Noah“. 

Als junger Nachwuchswirt hörte ich einmal mit an, wie sich zwei am Tresen über Darren Aronofsky unterhielten. Der Eine fragte den Anderen, ob er schon wüsste, wer einen neuen Film gemacht habe, und der Andere wusste es nicht, und hätte also raten können, aber da half ihm auch schon der Eine, sagte, es sei einer ihrer Lieblingsregisseure, und sofort fiel beim Anderen der Groschen, wie man damals noch sagte. Ich drückte die Willibecher so kräftig auf die Spülbürsten, dass das Becken überschäumte.

Darren_Aronofsky_2011_AADann legten sie los. Pi? Geniestreich, müssen wir gar nicht drüber, nein echt nicht, Mathematik ist die Sprache der Natur, da muss man nichts mehr zu sagen. Requiem for a dream? Groß, ganz groß, und der Soundtrack, auch groß. The Fountain? Ok, Schwamm drüber. The Wrestler? Mein Gott, was ein Film, was ein Mickey Rourke, was eine vernarbte Fresse, was ein Trailerpark, was ein Nintendo, mein Gott, der Mann spielt sich selbst auf der Konsole und schneidet sich den Finger ab, will keine Wurst verkaufen, will Wrestler sein, mein Gott, was ein Film. Supermarket Sweep, der erste Kurzfilm? Gesehen? Nein, nein ich auch nicht, dachte wegen Wursttheke und Supermarkt, ja, egal, bestimmt auch toll, muss toll sein, mach mal noch zwei Bier, der Aronosfky hat’n neuen Film gemacht, ist bestimmt groß, war alles groß bisher. Black Swan! Das klingt schonmal, ja, das klingt gut, geht um Ballet, endlich wieder Schizophrenie, und Natalie Portman, oh mein Gott, Natalie Portman, Prost.

Vom Tresen zogen die Zwei später an einen Tisch und dann gingen sie ganz und ich spülte die Gläser und spülte sie nochmal, bevor ich mich entschloss Literatur zu studieren, weil man ja nicht ewig Bier in Becher zapfen kann.

Jahre darauf, ich war mittlerweile Nachwuchsliteraturwissenschaftler und auf der Suche nach einem Promotionsthema, besuchte ich auf Hawaii einen Kongress zum Thema Die rückwirkenden Widerstände Friedrich Dürrenmatts auf das Weltkino, wobei Weltkino eine ziemlich plumpe Anspielung auf Welttheater zu sein schien, das Dürrenmatt, so weit ich weiß, zum Ende seines Lebens doch ein wenig zu sehr überspannt hatte, will sagen, daran gescheitert war, literarisch zumindest, sagen die Experten, weil die Wirklichkeit ins Groteske zu übersetzen, um so das Wirkliche durchschaubar zu machen, das ist schon nicht wenig und jedenfalls hatte er, Dürrenmatt, es versucht, aber die Forschung fand Mängel, sagte, dass die Poetik unter der Poetik zu leiden hatte

Immerhin war das Wetter toll. Sonne und Wellen im Meer, und schroff und hoch die Felsen, von weitem wie Moos, und überall Aloah und regionaltypische Musik. Gutgebräunte Männer neben gutgebräunten Frauen in Beach Buggies. Um uns herum ein beinah parodistischer Pazifik, und darüber ein Himmel so transparent, dass wir die Raumstationen kreisen sahen.

Zwischen den Vorträgen wurden Mischgetränke auf Saftbasis gereicht. Abends saßen wir in Liegestühlen um den Pool des Kongresshotels und sprachen über den Dichter wie andere Menschen über Rockbands. Einhelliger Tenor zu später Stunde war, dass alles nach den Physikern Quatsch gewesen sei (tatsächlich sagte ein Germanist aus Seoul Quatsch, er sagte es sogar einige Male hintereinander). Ich sah das Ganze zwar anders, hielt mich aber mit meiner Meinung (und meinem Liegestuhl) im Hintergrund. Als der Saft und alles, was in den Saft hätte geschüttet werden können, zur Neige gegangen war, rezitierte der Koreaner Dürrenmatts Weihnacht. Auf dem drei Meter Brett wippend, schrie er: Alter Marzipan, dann sprang er, Arme und Beine zum Quader geschlossen.

Am nächsten Morgen saß ich allein über meinen Rühreiern, als sich Darren Aronofsky an meinen Tisch setzte. Überrascht fragte ich den Regisseur, was er hier verloren habe, und überhaupt, langweile er sich nicht? Er verneinte, bestellte Kaffee und ich sagte etwas von draußen nur Kännchen, was er nicht verstand, weil er Amerikaner ist. Wir machten uns gegenseitig Schnauzbart-Komplimente, bevor Darren zu erzählen begann, weshalb er nach Hawaii gekommen war. Für seinen neuen Film, ein Blockbuster bei den Paramount Studios, wolle er eine Figur wie Dürrenmatts Romulus entwickeln, eine Figur, so erklärte er mir, die zuerst blass und erwartbar in ihrer Anlage sei, die sich dann aber gegen das ihr zugedachte Schicksal im eigenen Narrativ zur Wehr setzen würde. Er brauche noch einen Impuls, es fehle nicht mehr viel. Unten am Strand spielten Kinder mit Plastiklichtschwertern. Ich kaute auf meinen Eier und traute mich nicht zu sagen, dass viele der Anwesenden Romulus für eine eher missglückte Komödie hielten. Ob ich eigentlich wüsste, dass Prinzessin Leia bei den Dreharbeiten zu Das Imperium schlägt zurück andauernd auf Koks gewesen sei, fragte Darren und natürlich wusste ich das und sofort wurde ich ein bisschen traurig, weil ich damals, als ich es erfahren hatte, sehr enttäuscht gewesen war. Darren und ich verstanden uns so gut, dass wir schon vor dem Mittagessen Mai Tais bestellten, und während der Nachmittag mit Meerblick verstrich und wir einen Vortrag verpassten, der mit Die Ausweglosigkeit und wie ihr zu entkommen ist überschrieben war, zog am Horizont eine Sturmfront auf.

Ohne voreingenommen sein zu wollen, aber Noah ist ein fantastischer Film. Zugegeben, vieles ist ein bisschen blöd. Engel aus Stein und Hannibal, der Hermine durch Handauflegen fruchtbar macht. Dazu ein ganzes Biologiebuch beschissen animierter Tiere. Und natürlich, die Kritiken sind verhalten bis vernichtend, stützen sich auf die ökologische Aspekte, aber sie übersehen, mit welcher Selbstverständlichkeit Russell Crowe vom Veganer zum Misanthropen wird, und dabei auch noch öfter seine Bartlänge als Mimik verändert. Nicht Gott und seine Flut wollen die Menschheit vernichten, Noah will es. Gott will einen Neuanfang, Noah das Ende. Oder wie Darren im Regen von Honolulu sagte: Nicht ich habe mein Reich verraten, Rom hat sich selbst verraten.

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Alles über Prag. Oder: Dreams o‘ Vintage Future

Neulich in Prag gewesen. Kann man auch mal machen. Die überschwänglichen Erörterungen über Stadt, Bier und Leute kann sich jeder selbst ausdenken. Nein, wirklich, ist toll. Bei dieser Ausgabe von Alles über handelt es sich jedoch um eine Art Etikettenschwindel (ich hoffe inständig, die treuen Fans der Formats damit nicht zu vergraulen). Es geht bestimmt nicht um alles, es geht auch gar nicht primär um Prag, es geht vor allem um mich und darum, mein Profil zu erweitern. Ich bin jetzt nämlich auch Kunst- und Architekturkritiker. In einem. Meine auf Unkenntnis basierende Naivität stellt dabei mein größtes, man könnte sagen, Asset dar.

In den Osten Europas zu reisen ist einfach im 21. Jahrhundert. Am besten, man setzt sich ab Nürnberg in einen Doppeldeckerbus, am allerbesten oben, ganz vorne. Ist der Bus erst einmal aus Nürnberg hinausgetorkelt, ist man zwei Warsteiner später auch schon da. Man kann in Euro und in Kronen bezahlen. Wenn man dann, nach einigem Zirkulieren im weiteren Bahnhofsbereich, den U-Bahn-Schacht gefunden hat, bewundert man bald die Beulen und Dellen, die dort glänzend und wunderschön die Wände zieren. Wie der leere Rest einer Toffifee-Verpackung etwa. Und ein bisschen auch so wie Meister Kubrick sich in den 60er-Jahren einen Prager U-Bahn-Schacht gewünscht hätte.

Es sind die Relikte der utopisch engagierten Sozialismusarchitektur, die die standardmäßige Stadtfassade in fast regelmäßigen Abständen durch ihren schizophrenen Charme aufwerten: nostalgische Zukunftslust, antike Utopie, Vintage Future (geiler Tumblr), nur eben nicht als Comic, sondern in der Realität, vor meiner Nase. Eine Ästhetik des Vorauseilens, architektonische Verwirklichung der Idee vom politisch-gesellschaftlichen Vorsprung.

Im Osten der Stadt, im Stadtteil Zizkov, steht ein Fersenhturm, der sich regelmäßig in diversen Listen der hässlichsten BauwerkeOLYMPUS DIGITAL CAMERA aller Zeiten wiederfindet. Mit einer Bauzeit von 1985 bis 1992 markiert er auch das Ende der kommunistischen Ära in Tschechien. Beim Prager Fernsehturm handelt es sich um das letzte tschechische Gebäude, das Kommunismus als Entschuldigung vorbringen kann.

Meiner Meinung nach ist das gar nicht nötig. Der Turm mag viele Feinde haben, ich gehöre nicht dazu. Inmitten der zauberhaft herausgeputzten Altbaufassaden des Stadtteils ragt und rast und stürmt er nach oben wie ein Versprechen; als würde er im nächsten Moment abheben und einer besseren, extraterrestrischen Existenz aus Glas und Stahl zustreben. In den Nächten wird er in den Landesfarben, rot, weiß, blau, angestrahlt, was dem Setting noch das nötige Pathos verleiht.

Dann glänzen auch umso schöner die Babys, die sich, wie auf der Suche nach Ostereiern, krabbelnd an die drei Rohre des Turms klammern. Jawohl, Babys. Splitternackt recken sie dem Besucher ihre bronzenen Babyhintern entgegen, wobei solche Dimensionen von Babyhintern in der Regel nicht erreicht werden. David Cerny heißt der Mann, der diese Kunst im Jahr 2000 verbrach. Was Kunst am Bau normalerweise auslösen soll, weiß ich nicht, in diesem Fall aber ist es Unbehagen. Das niedliche Kleinkindschema bekommt durch die Überlebensgröße der Skulpturen und ihre absurde Tätigkeit monströs einen Fernsehturm hochzuklettern eine maximal gruselige Note. Man möchte diesen Kindern nicht bei Nacht über den Weg krabbeln.

Es sei dazu gesagt, dass das weniger gegen als für den Turm spricht. Einst war er reiner Vintage Future Kitsch, heut ist er um eine unangenehme Komponente reicher. Das kann zur Faszination, die vom Turm ausgeht, nur beitragen. David Cerny scheint, wenn man so die Bildersuche bemüht, einer zu sein, der sich genau darauf spezialisiert hat: Ekel, Abscheu, Monströsität. Außerdem sieht er ein bisschen aus wie ein Rockstar in seinem Unterhemd, was ihm coolnesmäßig auf jeden Fall zu Gute kommt. Unterm Strich ein Meister der humorig gefärbten Provokation. Cool auch von den Prager Großkopferten, den an ihren schönen Turm zu lassen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Mittlerweile hat die kapitalistische Luxuskultur das einstige Denkmal des Kommunismus für sich erobert: Im Turm wurde eine Fünf-Sterne-Bude eingerichtet, ein Hotel mit handgezählt einem einzigen Zimmer, die Nacht kostet einen schlappen Tausi. Wenn ich jemals wiederkomme, will ich nirgendwo anders meine Zeit verbringen, als dort oben. Die Aussicht aus dem komplett verglasten Fenster, sei einzigartig, heißt es, Sonnenaufgang und Bronzebabys, besser wird’s nicht werden.

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Identitätsroman mit Oma: Andreas von Flotow – Tage zwischen Gestern und Heute

Ein Junge hat eine berühmte Mutter. Sie verdient ihr Geld mit ihrem Gesang und gutes Geld anscheinend, schließlich gibt es so etwas wie ein Kindermädchen, Helen. Man lebt, versteht sich, in New York, während der Vater in Frankreich am Mittelmeer wohnt, deutschsprachige Bücher liest, und dann von seiner Familie Besuch bekommt, wenn die Mutter gerade auf Europatournee ist. Ein Vater, der Bücher schickt, ein seltsamer Junge, der die Bücher verschlingt, eine liebevolle Ersatzmutter, im Hintergrund droht die böse Oma. Die findet Bücher blöd.

Andreas von Flotow will uns weismachen, da säße einer im Jahr 2031 und versucht, sich an jetzt zu erinnern, an eine anekdotisch zerstückelte Kindheit, das Verhältnis zu Mama und Papa, von Helen Schwedisch lernen, Leseerfahrungen, Streit mit Tante Eve, das ist die Oma. Von Flotow reflektiert das Erinnern als Arbeit, die nicht immer gelingt, die an Grenzen stößt und für den Romancier nicht ausreichend kontrollierbar erscheint. Hinzu kommt die Erfahrung der eigenen Fremdheit: „Was habe ich überhaupt den ganzen Tag gemacht, als ich fünf, acht oder neun Jahre alt war?“

Das ist die Basis dieses kurzen Romans, „Tage zwischen Gestern und Heute“, der Versuch der realitätsnahen Überführung von Gedächtnis in Literatur, ohne dass dabei der Charakter der Erinnerung verloren ginge: Sie ist nichts vollständiges, sie gehorcht nicht: „Ich sitze im Wohnzimmer auf einem flauschigen, hellen Teppich, den mein Vater aus Frankreich mitgebracht hatte. Es gibt nichts, was ich anfassen, wonach ich greifen könnte. Aufstehen kann ich noch nicht. Das ist ein Moment, den ich so oder so ähnlich in dieser Wohnung erlebt haben muss.“ Sprachliche Unsicherheit ist die Voraussetzung dieser Form des Erzählens, der Autor räumt die Unausweichlichkeit seines Scheiterns ein, wenn er versucht Exemplarisches zu filtern.

Und unsicher ist auch das Kind, unsicher bis verschroben stakst es durch die Welt, die es – aber das mag genauso der Erinnerung geschuldet sein – wie aus einem dickwandigen Glaskasten heraus wahrnimmt, mit Ohropax in den Ohren. Eines Tages kommt der Onkel, Bruder der Mutter, vorbei und liefert einen Erzählanlass: Er schießt. Die Kugel gilt der Mutter, trifft und tötet den Vater und versetzt die berühmte Sängerin in einen „lebensbedrohlichen Schock“, dem sie nach fünfjährigem, stummen Siechtum im Krankenhaus erliegt.

Um den Anschlag und seine äußeren und inneren Folgen kreist der Roman. Wer bin ich geworden? Das ist eine Frage, die ein Buch erstmal unter Verdacht stellt. Das könnte sentimental werden, weinerlich, klischeebehaftet. Und tatsächlich gibt es diese Momente, da der Ich-Erzähler von „ungewohnter Traurigkeit überwältigt“ wird, eine Behauptung, die der Leser aufgetischt bekommt, wie eine wahnsinnig bittere und absolut wirkungslose Medizin. Die Rettung für von Flotow ist die Konstruktion, die Spürbewegung, der forschende Ansatz der Entwicklung der diversen Traumata und Neurosen gegenüber.

flotowDer Junge muss zur Oma, der alten Krähe, verliebt sich in Stille und Bücher, legt Zettel an, auf denen er Zitate festhält oder einfach nur Namen von Autoren, natürlich darf Luhmann nicht fehlen, in diesem aufgezurrten Referenzrahmen. Die intellektuelle Herangehensweise an die Welt soll Sicherheit, mithin Wahrheit herstellen. Irgendwann greift der Junge zum Telefon und nimmt einen Satz auf, der in ihm anschwillt: „Ich hasse meine Mutter.“ Das ist aufregend, für ihn. Und interessant für den Leser. Die Erfahrung des Anschlags und der Umgang mit der komatösen Mutter im Krankenhaus ist für das Bürschchen nicht bewältigen.

Diese Wahrheit findet ihren ehrlichsten Ausdruck, wenn der Autor die Einfachheit dem ewigen Ringen mit der Produktion des Buches vorzieht. Die Banalität, nicht der literaturhistorische oder reflexive Horizont, ist letztlich der Schlüssel zur Person-Werdung des Ich: „Bei aller Routine war ich ein bisschen stolz darauf, dass ich meine Mutter im Krankenhaus besuchen konnte. So hatte ich immer etwas Wichtiges zu erledigen. In der ersten Zeit wurde ich von den Mitarbeitern der Klinik über alle Maßen dafür gelobt, dass ich täglich kam.“

Was unterm Strich dabei herausspringt, ist ein ungewöhnlicher Roman, vielleicht tatsächlich eher eine Novelle. Von Flotow baut ein Gerüst aus literarischer Konstruktion und personeller Konstellation und lässt darunter wie ein Forscher über der Petrischale eine Figur entstehen. Es wirkt wie eine Wenn-Dann-Versuchsanordnung: Diese Voraussetzungen sind gegeben, diese Ereignisse treten ein, es verstreichen fünfzehn Jahre – was finden wir vor und was für eine Erzählung gibt das, in welcher Verfassung befindet sich mein Protagonist?

Er ist, um das noch zu sagen, ein ganz normaler Neurotiker. Vielleicht ist es die emotionale Abkapselung, die ein Zugrundgehen des Ich verhütet. In seinen Neurosen trifft von Flotow die Figur aber tatsächlich am präzisesten: „Mein Körper machte, was er wollte, ebenso mein Kopf. Ich konnte es nicht lassen, alles was ich tat, […], zu kommentieren. Ich sagte mir: Jetzt gucke ich aus dem Fenster, da steht die Platane, ich bin müde, leg dich ins Bett, du liegst schon wieder im Bett und kannst nicht schlafen, gleich kommt jemand – siehst du, jetzt weißt du nicht, was du sagen sollst.“

Dass bei einer Länge von etwas über 150 Seiten einiges verloren geht, dass vieles unerzählt bleibt, oder bleiben soll, ist klar. Wenn’s nach mir ginge, wär es dennoch kein längeres, sondern ein kürzeres Buch geworden. Zu oft schiebt von Flotow eine Reflexionsebene vor den Eindruck, die nur die Funktion zu haben scheint, eine und noch eine und noch eine Entschuldigung unterzubringen: „Heute kommt es mir gelegentlich naiv vor, dass ich über all das schreibe, obwohl ich meine damaligen Gefühle nur in einer unzulänglichen Sprache ausdrücken kann.“ Das wirkt eher feige als elegant und muss einfach nicht sein. Ein bisschen mehr Mut zur Kargheit hätte diesem Identitätsroman gut getan.

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stefan mesch

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