Warum Noah der beste Film des Jahres ist

Unser liebgewonnener freier Mitarbeiter Pascal Richmann befindet sich derzeit zwar im rumänischen Exil, das aber heißt noch lange nicht, dass er es verpassen würde, sich von den heißesten Blockbustern der Saison begeistern zu lassen. Der Derm präsentiert: Die ab sofort gültige Lehrmeinung zum Film „Noah“. 

Als junger Nachwuchswirt hörte ich einmal mit an, wie sich zwei am Tresen über Darren Aronofsky unterhielten. Der Eine fragte den Anderen, ob er schon wüsste, wer einen neuen Film gemacht habe, und der Andere wusste es nicht, und hätte also raten können, aber da half ihm auch schon der Eine, sagte, es sei einer ihrer Lieblingsregisseure, und sofort fiel beim Anderen der Groschen, wie man damals noch sagte. Ich drückte die Willibecher so kräftig auf die Spülbürsten, dass das Becken überschäumte.

Darren_Aronofsky_2011_AADann legten sie los. Pi? Geniestreich, müssen wir gar nicht drüber, nein echt nicht, Mathematik ist die Sprache der Natur, da muss man nichts mehr zu sagen. Requiem for a dream? Groß, ganz groß, und der Soundtrack, auch groß. The Fountain? Ok, Schwamm drüber. The Wrestler? Mein Gott, was ein Film, was ein Mickey Rourke, was eine vernarbte Fresse, was ein Trailerpark, was ein Nintendo, mein Gott, der Mann spielt sich selbst auf der Konsole und schneidet sich den Finger ab, will keine Wurst verkaufen, will Wrestler sein, mein Gott, was ein Film. Supermarket Sweep, der erste Kurzfilm? Gesehen? Nein, nein ich auch nicht, dachte wegen Wursttheke und Supermarkt, ja, egal, bestimmt auch toll, muss toll sein, mach mal noch zwei Bier, der Aronosfky hat’n neuen Film gemacht, ist bestimmt groß, war alles groß bisher. Black Swan! Das klingt schonmal, ja, das klingt gut, geht um Ballet, endlich wieder Schizophrenie, und Natalie Portman, oh mein Gott, Natalie Portman, Prost.

Vom Tresen zogen die Zwei später an einen Tisch und dann gingen sie ganz und ich spülte die Gläser und spülte sie nochmal, bevor ich mich entschloss Literatur zu studieren, weil man ja nicht ewig Bier in Becher zapfen kann.

Jahre darauf, ich war mittlerweile Nachwuchsliteraturwissenschaftler und auf der Suche nach einem Promotionsthema, besuchte ich auf Hawaii einen Kongress zum Thema Die rückwirkenden Widerstände Friedrich Dürrenmatts auf das Weltkino, wobei Weltkino eine ziemlich plumpe Anspielung auf Welttheater zu sein schien, das Dürrenmatt, so weit ich weiß, zum Ende seines Lebens doch ein wenig zu sehr überspannt hatte, will sagen, daran gescheitert war, literarisch zumindest, sagen die Experten, weil die Wirklichkeit ins Groteske zu übersetzen, um so das Wirkliche durchschaubar zu machen, das ist schon nicht wenig und jedenfalls hatte er, Dürrenmatt, es versucht, aber die Forschung fand Mängel, sagte, dass die Poetik unter der Poetik zu leiden hatte

Immerhin war das Wetter toll. Sonne und Wellen im Meer, und schroff und hoch die Felsen, von weitem wie Moos, und überall Aloah und regionaltypische Musik. Gutgebräunte Männer neben gutgebräunten Frauen in Beach Buggies. Um uns herum ein beinah parodistischer Pazifik, und darüber ein Himmel so transparent, dass wir die Raumstationen kreisen sahen.

Zwischen den Vorträgen wurden Mischgetränke auf Saftbasis gereicht. Abends saßen wir in Liegestühlen um den Pool des Kongresshotels und sprachen über den Dichter wie andere Menschen über Rockbands. Einhelliger Tenor zu später Stunde war, dass alles nach den Physikern Quatsch gewesen sei (tatsächlich sagte ein Germanist aus Seoul Quatsch, er sagte es sogar einige Male hintereinander). Ich sah das Ganze zwar anders, hielt mich aber mit meiner Meinung (und meinem Liegestuhl) im Hintergrund. Als der Saft und alles, was in den Saft hätte geschüttet werden können, zur Neige gegangen war, rezitierte der Koreaner Dürrenmatts Weihnacht. Auf dem drei Meter Brett wippend, schrie er: Alter Marzipan, dann sprang er, Arme und Beine zum Quader geschlossen.

Am nächsten Morgen saß ich allein über meinen Rühreiern, als sich Darren Aronofsky an meinen Tisch setzte. Überrascht fragte ich den Regisseur, was er hier verloren habe, und überhaupt, langweile er sich nicht? Er verneinte, bestellte Kaffee und ich sagte etwas von draußen nur Kännchen, was er nicht verstand, weil er Amerikaner ist. Wir machten uns gegenseitig Schnauzbart-Komplimente, bevor Darren zu erzählen begann, weshalb er nach Hawaii gekommen war. Für seinen neuen Film, ein Blockbuster bei den Paramount Studios, wolle er eine Figur wie Dürrenmatts Romulus entwickeln, eine Figur, so erklärte er mir, die zuerst blass und erwartbar in ihrer Anlage sei, die sich dann aber gegen das ihr zugedachte Schicksal im eigenen Narrativ zur Wehr setzen würde. Er brauche noch einen Impuls, es fehle nicht mehr viel. Unten am Strand spielten Kinder mit Plastiklichtschwertern. Ich kaute auf meinen Eier und traute mich nicht zu sagen, dass viele der Anwesenden Romulus für eine eher missglückte Komödie hielten. Ob ich eigentlich wüsste, dass Prinzessin Leia bei den Dreharbeiten zu Das Imperium schlägt zurück andauernd auf Koks gewesen sei, fragte Darren und natürlich wusste ich das und sofort wurde ich ein bisschen traurig, weil ich damals, als ich es erfahren hatte, sehr enttäuscht gewesen war. Darren und ich verstanden uns so gut, dass wir schon vor dem Mittagessen Mai Tais bestellten, und während der Nachmittag mit Meerblick verstrich und wir einen Vortrag verpassten, der mit Die Ausweglosigkeit und wie ihr zu entkommen ist überschrieben war, zog am Horizont eine Sturmfront auf.

Ohne voreingenommen sein zu wollen, aber Noah ist ein fantastischer Film. Zugegeben, vieles ist ein bisschen blöd. Engel aus Stein und Hannibal, der Hermine durch Handauflegen fruchtbar macht. Dazu ein ganzes Biologiebuch beschissen animierter Tiere. Und natürlich, die Kritiken sind verhalten bis vernichtend, stützen sich auf die ökologische Aspekte, aber sie übersehen, mit welcher Selbstverständlichkeit Russell Crowe vom Veganer zum Misanthropen wird, und dabei auch noch öfter seine Bartlänge als Mimik verändert. Nicht Gott und seine Flut wollen die Menschheit vernichten, Noah will es. Gott will einen Neuanfang, Noah das Ende. Oder wie Darren im Regen von Honolulu sagte: Nicht ich habe mein Reich verraten, Rom hat sich selbst verraten.

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