Archiv für den Monat Juni 2014

Homo Homini Zombi

Paul Klambauer, Masterstudent des literarischen Schreibens in Hildesheim und Österreicher, hat eine fabelhafte Satire verfasst, die uns im Rahmen des Prosanova-Festivals aufgefallen war. Nach zähen Verhandlungen ist es dem Derm gelungen einen Auszug aus Klambauers Text für eine wahnwitzige Summe zu erstehen. Aber, wie gesagt: Nur ein Auszug.Noch reicher als der Derm sind nur die Kollegen der JENNY aus Wien. Die haben den ganzen Text bekommen, nachzulesen ab Erscheinungsmonat November. Der Derm empfiehlt mit warmen Grüßen.

 

„Ich schwöre Dir, wenn ich noch ein Gedicht ertragen muss, in dem irgendein Lasse oder Jens seine Fingerkuppen über Borke gleiten lässt, raste ich aus”, schnaubt Schinkinger auf dem Laufband neben mir, “beim nächsten Mal springe ich auf die Lesebühne hoch und stopf´ dem das Manuskript in sein dämliches Maul rein!”
Schinkinger schwitzt und stampft wie eine Dampflok, rote Flecken sprießen auf seinem Hals. “Und wie diese Typen immer vorlesen. Als wären sie in der Kirche.”, sagt er bitter, und macht dann ziemlich gekonnt einen jungen Kerl nach, der gestern Abend im Literaturcafé seinen neuen Gedichtband Wolkentier vorgestellt hat.
„Wir sind Jahrmarktspferde in einer / Taucheruhr Spritzwasser / Fest reicht für / uns nicht Meer nicht / Sommerdunst auf Kinderbrillen.”
Schinkinger kann sich das so gut merken, weil er früher selbst Lyrik gemacht hat und sogar einige Stipendien damit abräumte. Dann wurde er immer fetter und sein Literaturagent ließ ihn fallen. Seither versucht er sich neu auf dem Markt zu positionieren, als Mann von der Straße, der Sprüche klopft und die Gesellschaft von unten beschreibt. Ich trainiere gerne mit ihm, weil er dicker und dümmer ist als ich. In seiner Gegenwart kann ich mich normalerweise entspannen.
Heute nicht. Heute laufe ich im vollen Bewusstsein, dass Baselitz irgendwo in der Nähe sein Aufwärmprogramm absolviert und mich dabei beobachtet.
Seitdem ich mich bei der Bewerbung um den Wolfsburger Stadtschreiber gegen ihn durchgesetzt habe, ist er nicht gut auf mich zu sprechen.
„110 Kalorien“, stöhnt Schinkinger und starrt auf das Display seiner Tretmühle, “Das ist ein halbes Bounty. Mein Körper kann diese Tortur zehn Minuten lang mit einem halben Bounty finanzieren.”
Mir fällt auf, dass er zum Training eine alte Badehose angezogen hat. Bei jedem seiner Schritte arbeitet sich das graue Innennetz ein kleines Stück weiter über den Gummibund vor.
“Ich habe da eine Idee für eine Kurzgeschichte”, schnauft er, “sie spielt in einem Fitnessstudio, die haben ja oft vierundzwanzig Stunden durchgehend geöffnet. Nachts kommen da Leute her, die sich tagsüber gar nicht vor die Türe trauen.“
“Sozialrelevanz ist immer gut”, murmele ich. Mein Hinterkopf kribbelt. Ich versuche in den verspiegelten Wänden einen Blick auf Baselitz zu erhaschen, aber kann ihn nirgendwo entdecken.
“Das Setting ist extrem gegenwärtig”, sagt Schinkinger, “die Leistungsgesellschaft..”, er hat nicht genug Luft, um den Satz auszuformulieren, “..Symbolik!”
Schinkinger reduziert seine Bandgeschwindigkeit auf Gehtempo, um wieder Luft zu bekommen.
“Der Protagonist ist ein abgehalfterter Bodybuilder, der in den Neunzigern mal Erfolg hatte. Mittlerweile ist er total runtergekommen und schiebt Nachtschichten in einem Fitnessstudio.”
“So ein Mickey-Rourke-Typ?” sage ich, „Wie in The Wrestler?“
“Genau! Stell dir einfach diesen verwitternden Fleischberg im Neonlicht vor. Die Nacht presst gegen die hohen Fenster des Studios. Es ist das einzige hell erleuchtete Gebäude weit und breit, wie in dem berühmten Gemälde von diesem Café, du weißt schon, das an der Ecke. Der Fitnessclub als die..Autobahnkirche des.. Neoliberalismus.”
Auf den schiefen Vergleich ist er stolz, das merke ich an der kurzen Pause, die er danach einlegt. Schinkinger hat mir gegenüber Minderwertigkeitskomplexe, seit er es bei der Ausschreibung des Wolfsburger Stadtschreibers nicht einmal in die engere Auswahl geschafft hat.
“Jedenfalls”, sagt er, “die Mutter von diesem Bodybuilder, ich nenn ihn jetzt auch einfach mal Mickey, die sitzt im Knast, weil ihr Bullterrier das Gesicht von Mickeys Ex gefressen hat. Mickey und seine Mutter haben ein schwieriges Verhältnis.” Schinkingers Figuren haben immer ein schwieriges Verhältnis zu ihren Müttern, weiß der Himmel, was er aufzuarbeiten hat. “Er sitzt also um vier Uhr früh hinter dem Empfangspult des Studios, kein einziger Kunde ist da, und Mickey blickt auf sein Leben zurück. Die Wettbewerbe, den Ruhm, den ganzen Sex. Nicht mal den kann er noch haben, weil seine Eier auf Rosinengröße zusammengeschrumpelt sind, durch die Testosteronpräparate die er nimmt. Er schaut alte Fotos von sich an, auf denen er noch ein öliger Halbgott ist. Dann zieht er sich nackt aus und betrachtet sich lange im Spiegel. Angezogen wirkt der total fit, aber sobald er sein Hemd auszieht: als ob er schmelzen würde, wirklich eklig, überall hängen die Hautlappen an ihm runter. Unserem Mickey geht es da nicht besser, und außer seinem Körper, da hat er ja nichts mehr auf der Welt. Keine Familie, keine Freunde, niemand, der ihn vermissen würde. Er zieht seine Nachtwächterknarre und steckt sie in den Mund rein, nur mal um auszuprobieren, wie das so ist. Und während er gerade so bei sich denkt, dass es sich gar nicht so übel anfühlt, hört er ein Geräusch. Klingt, als ob jemand mit dem Strohhalm zwischen Eiswürfeln rumschlürft. Er geht also nachsehen, er läuft die endlosen verwaisten Gerätereihen ab, aber da ist niemand. Schließlich kommt er auf die Idee, in den Damenbereich zu gehen, den abgetrennten Hantelbereich hinter dem Sichtschutz..“, Schinkinger senkt seine Stimme, „..und dort sieht er..“
“Kannst du schon vergessen, Schinkinger”, sage ich, “mit solchen Suspensespielchen nimmt dich doch keiner ernst. Das ist ja eher was für Bastei Lübbe. So schreibt man heute nicht mehr.”
Den Wolfsburger Stadtschreiber zum Beispiel habe ich mit einem extrem selbstreferentiellen Text gewonnen, auch wenn ich Schinkinger jetzt keine Details verraten kann, sonst klaut er mir am Ende noch was.
Darin ging es um einen jungen Autor, der auf einer Künstlerparty eine dieser Frauen trifft, die sich an den Schläfen die Haare abrasieren. Sie sprechen über Magersucht und Psychiatrieaufenthalte, hohe Decken, alte Fahrräder, Dünen, Tee, Beziehungsprobleme, Apps, Analogfotografie, hopsende Klaviermelodien, Guerilla Knitting, Sonntagvormittag tanzen gehen, Guerilla Gardening und einen Film über einen Berliner Idioten, der es einfach nicht schafft, sich einen Kaffee zu besorgen. Dazu schluckt der junge Autor alles durcheinander, was die Party an Drogen hergibt und gerät davon auf einen fürchterlichen Horrortrip. Er flüchtet aus der Wohnung und stolpert halluzinierend durch Berlin. Die Häuser sind in bunten Farben eingestrickt, die Straßen verwandeln sich in reißende Flüsse aus Wolle, in jedem Fenster sitzen rauchende Mädchen in weißen Strumpfhosen und schnipsen ihre glühenden Kippen nach ihm. Bald steht das ganze Viertel in Flammen. Völlig verstört klettert der junge Autor auf eine Straßenlaterne und bleibt bis zum Morgengrauen dort oben hocken. Erst als die Sonne aufgeht und die Wirkung der Drogen endlich nachlässt, kommt er wieder runter und begreift: Ich muss raus aus diesem verstrahlten Kultursumpf. Ich brauche eine Stadt, in der es um echte Dinge, echte Werte, echte Arbeit geht; eine Stadt in der man in der Mittagspause im Blaumann seine Brotzeit isst. Also zieht er nach … na? Genau, nach Wolfsburg. Und dort gesundet er am ehrlichen Leben bei anständigen Leuten und einem mitarbeiterfreundlichen Autokonzern, der daherkommt wie ein Familienbetrieb und, unter uns gesagt, auch eine Stadtschreiberwohnung stiftet.
Um den Schein einer mutigen und unvoreingenommenen Juryentscheidung zu wahren, habe ich auch noch was von den türkischen Gastarbeitern drübergestreut, die dort früher mal ein bisschen ausgebeutet wurden.
Jemand klatscht mir mit der flachen Hand brutal auf den Hintern.
Baselitz trägt ein ärmelloses Sweatshirt, das seine Armmuskulatur betont. Um die Stirn hat er sich ein weißes David-Foster-Wallace-Gedenkkopftuch gebunden.
“Na Jungs?”, sagt er, “wie ist das Wasser?”
“Welches Wasser”, fragt Schinkinger treudoof.
Baselitz wirft einen spöttischen Blick auf das Display meines Laufbandes.
„Neun Stundenkilometer“, sagte er, „So wird das aber nichts mit der Strandfigur. Komm, ich helf´ dir ein bisschen.” Er drückt auf den Tempoknopf und lässt die Geschwindigkeit hochschnellen. Das Band reißt mir beinahe den Boden unter den Füßen weg.
“Hehehe! Lauf, du Schweinderl, lauf!“, feixt Baselitz. Kurz bevor ich das Gleichgewicht verliere, hat Schinkinger die Geistesgegenwart, auf den Notstop-Knopf zu drücken. Helle Pünktchen tanzen vor meinen Augen. „Ist alles in Ordnung bei dir?“, fragt Baselitz, „Du siehst ja ganz blass aus.“
„Alles bestens“, sage ich, und halte mich am Handlauf fest, „Übrigens, herzliche Gratulation zum zweiten Platz beim Wolfsburger Stadtschreiber. Was war denn der Trostpreis? Amazongutschein für 50 Euro?“
“Ach ja, das. Gut, dass ich da nicht gewonnen habe. Ich hätte ja gar keine Zeit gehabt diesen Sommer“, sagt Baselitz und grinst, „stellt sich raus: ich reise da schon auf den Spuren meiner Babuschka durchs Baltikum.“
„Blödsinn“, sage ich alarmiert. Ein Großmütterchen aus dem Osten ist in den Händen eines geschickten Autors ihr Gewicht in Gold wert. Keine Wettbewerbsjury, kein Literaturkritiker oder Verleger kann sich dem Zauber ihrer mineralischen Weisheit entziehen – immer vorausgesetzt, der Autor kann sich auf verwandtschaftliche Verhältnisse zu seiner Protagonistin berufen.
„Du hast keine Babuschka Baselitz“, protestiere ich, du bist doch Schwabe.“
Baselitz tippt sich keck an die Nase.
„Baselitz, Schwabe, das kam mir immer schon verdächtig vor. Dann habe ich ein wenig recherchiert: Urgroßmutter väterlicherseits – die wurde verschleppt! Sie war eine waschechte Babuschka.“
Er hält mir zum Beweis sein Smartphone mit der Mail des Literaturbeirats hin. Sechsmonatiges Aufenthaltsstipendium in Polen, dotiert mit zwölftausend Euro. EU-Projekt, geförderter Reiseblog, anschließende garantierte Veröffentlichung in Buchform.
“Ist aber sicher auch ganz nett in Drecks-Wolfsburg!”, sagt Baselitz und wirft sich das Handtuch über die Schulter, “Macht‘s gut, ihr Mösen, ich habe noch ein paar Eisen zu stemmen.” Meine Pulsuhr beginnt alamiert zu fiepen. Ich muss irgendwie zurückschlagen.

Über die Jenny auf dem Laufenden bleiben, bitte: https://www.facebook.com/jenny.Literatur

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