Archiv für den Monat September 2014

ALLES ÜBER SLOWENIEN

Wir leben im letzten Dorf, am Ende der letzten Straße. Irgendwo in diese Richtung oder in die andere, auf einem der Höhenzüge oder durch den Fluss verläuft eine Grenze. Auf manchen Karten sieht es so aus, als wäre sie direkt unter uns, unterm Grill vielleicht oder den Apfelbäumen. Die Nachbarinnen sind alt, sie tragen Kopftücher und haben keine Männer mehr. Am Wochenende kommt ein Enkel oder Schwiegerenkel mit einer Enkelin oder Schwiegerenkelin. Er trägt einen Filzbatzen auf dem Kopf, seine Beine sind tätowiert. Er trinkt viel Dosenbier, dann fahren sie wieder nach Hause. Die Nachbarinnen hören sehr schlecht, wir dürfen laut sein, so lange wir wollen. Man kann das Dorf bei Google Street View komplett ablaufen. Das ist das absurdeste. Ich wünschte, ich hätte ein Bild davon, wie der Google Street View Wagen durch diese Straßen fährt.

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Wir stehen auf der Terrasse und schauen vielleicht in Richtung Italien. Hinterm Haus fängt der Wald an. Wir hören ein lautes Auto, irgendetwas scheppert, irgendetwas ist verdammt wacklig, Achsen quietschen. Durch die Straße, die kaum breiter ist als zwei lange Schritte, quält sich ein Geländewagen mit Anhänger. Auf dem Anhänger liegt der Hirsch, der kapitalste, der Hirschchef mit seinem ausladenden Geweih. Er ist zu groß für den Anhänger, er lappt hinten über. Irgendetwas quillt ihm noch aus dem Arsch.

Hier gibt es nichts. Keines der Häuser ist öffentlich. Mit Ausnahme der Kirche, aber die ist verschlossen. Nur Eier kann man kaufen. Es gibt mehr Hühner als Menschen. Knoblauch bekommt man geschenkt. Wir bringen der Nachbarin eine Zusammenstellung unseres Grillgutes. Sie scheint sich zu freuen, aber vielleicht gibt sie es den Hühnern, weil sie überhaupt nichts davon hält, wie wir würzen oder sie mag Gegrilltes gar nicht oder sie denkt zu lange darüber nach, dass es doch sein könnte, dass wir sie vergiften, um dann ihr Haus auszuräumen, bevor wir zurück nach Deutschland fahren; das perfekte Verbrechen. Als wir ihr zum Abschied ein paar Reste überlassen wollen, lehnt sie energisch ab. Ihre Stimme quietscht wie ein altes Gartentor.

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Als wir auf die Brücke kommen, hat sich eine Traube um das Podest gebildet, von dem die Bungee-Jumper abspringen. Die Italiener sind in Partylaune. Ein blondes Mädchen steht oben, auf dem Podest, sie trägt den Gurt, daran das Seil, es baumelt um ihre Hüften. Ihre Freunde feuern sie an, sie rufen ihre Namen, sie zählen von drei bis eins und von eins bis drei. Das Mädchen hebt die Schultern beim Einatmen. Ihr Blick schreitet die Länge des Tals ab. Sie versucht, nicht nach unten zu schauen. Sie versucht, sie nicht zu hören, die Italiener, die beiden Slowenen mit den Strohhüten. Sie ist nicht allein genug. Dann schüttelt sie den Kopf und dreht um, steigt die zwei Stufen hinunter. Der Chef der Strohhüte löst das Seil. Kein Geld zurück. Er sagt uns, dass sich unsere Sprünge um eine halbe Stunde nach hinten verschieben. Wir trinken Radler gegen die Nervosität. Sie machen das Radler mit Grapefruit.

Wir sind dran. Johnny kippt von der Brücke wie eine Säule. Ali ist nicht mehr ansprechbar. Er springt froschähnlich. Sie haben beide geschrien, als müssten sie schreckliche Schmerzen ertragen. Schreie, die man sich nicht vornehmen kann, die einem widerfahren wie Wind oder ein Erdbeben, die nichts mit einem zu tun haben. Ich bin cool. Es macht mir nichts. Das macht Spaß. Dann soll ich in die Schlaufen des Gurtes steigen. Meine Kniescheiben lösen sich von allem. Ich kann eigentlich gar nicht mehr stehen. Ich muss mich zusammenreißen, keine Fratzen zu ziehen. Zwei Stufen auf das Podest. Ich stehe oben. Ich muss atmen. Ich sollte besser nicht nach unten schauen, das türkisblaue Wasser, ich schaue nach unten, es sieht sehr nah aus. Die Strohhüte sprechen mit mir. Wie lange schon? Ich soll weiter nach vorn. Die Fußspitzen schauen über den Abgrund. Fünfundachtzig Meter. Ich fand drei schon viel. Ich weiß, dass ich nicht springen kann. Ich kann mir beim Denken zuhören: Du willst springen, aber du wirst es nicht können, du bist hier fixiert, auf dem Podest, du wirst maximal in die Knie gehen wie vorm Sprung, als ob du gleich springen würdest, weil du glaubst, dass es dann vielleicht ginge, aber es wird nicht passieren, es ist gar nicht möglich. Die Strohhüte zählen. Three – two – one. Ich bin in der Luft. Das ist mir passiert. Ich kann es gar nicht verstehen, dann schreie ich. Die Strohhüte schreien auch, irgendwo über mir: Bun-geee!

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Ich lese Der Englische Patient: Aber Romane fingen mit Zögern oder Chaos an. Leser wussten nie recht, woran sie waren. Eine Tür, ein Schloss, ein Wehr öffnete sich, und sie stürzten hindurch, in der einen Hand einen Butterfisch, in der anderen einen Hut. Aber eigentlich hat man einen Strudel im Kopf, und sieht die Worte gar nicht und springt, und man blättert, und springt, das Wasser kommt näher, türkisblau, dann die Brücke, betongrau, dann wieder das Wasser. Wenn er durchs Zimmer gehen und sie berühren könnte, würde er wieder normal werden.

Tolminer Klammen: Urwaldähnliches Gestrüpp, moosbewachsene Steine, Kaskaden, die Tolminska, zauberhaft, wirklich. Angeblich wurde Dante hier vom Patriarchen von Aquileja in eine Höhle geführt, die jetzt seinen Namen trägt. Man liest, Dante habe sich hier zu seiner Unterwelt inspirieren lassen. Aber wie viele Höhlen in Italien und in Italiens Nachbarländern gibt es wohl, die das von sich behaupten? Vor der Höhle stehen zwei Mountainbikes, im Eingang liegt ein Rucksack. Man soll entweder sehr höhlenerfahren sein oder einen Führer dabei haben. Wir haben zumindest schon mal keine Taschenlampen. Dafür ein Handy mit Taschenlampenapp. Wir kraxeln ein paar feuchte Stufen nach oben, ein kleiner Raum tut sich auf. Nur der vorderste, der mit dem Handy in der Hand kann überhaupt etwas sehen. Wir zittern uns wieder nach unten, den Arsch durch den Höhlenschlamm. Aber die Mountainbiker sind irgendwo da drin, in der Dantehöhle, wer weiß, wie tief.

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stefan mesch

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