Archiv für den Monat Oktober 2014

ALLES ÜBER DIE REISE NACH ISTANBUL

 MICKRIGER VERSUCH EINER DOKUMENTATION VON JULI ZUCKER

16. August

9:10

Alle entpacken Überraschungen: 1 Regenschirm, 1 Fisch, 1 Rätselheft, 1 Vokuhila; Abfahrt Haßfurt.

KM: 412 Österreich

16:06

Diskussion: DER oder DIE Inn (Anmerk. d. Redaktion: Geht’s noch?)

18:47

Erste Beschwerden über den Fisch treffen ein.

19:14

Exkurs: Es gibt ein berühmtes Foto aus den 70ern. ????, das einen Punk zeigt, auf dessen Rücken mit Malerklebeband steht: WIEN DU TOTE STADT

19:36

B: Betrachte mein Knie im Seitenspiegel. Schaut schön aus.

19:57

Ungarn, KM 756, Probleme mit Vignettenkauf

20:32

Juli singt ein kubanisches Revolutionslied.

20:39

Ankunft Campingplatz, KM 774,5, Mosonmaeyaróvar

17. August

11:11

Abfahrt vom Campingplatz nach Rührei und Kaffee. Im Auto befindet sich eine Fliege.

11:22

Achtung, Blitzer in 400 Metern. Wir sind in einem Testbereich. Mitteleuropäische Zeit +1h

11:49

Panjabi hat mich mit einer Apfelsine vergiftet.

12:36

KM934: Wir durchqueren Budapest.

13:10

Gustav hat sich seit gestern nicht mehr bewegt. Alle haben T-Shirts und weniger Kleidung als gestern an. 

14:56

Heiße Braut auf Roller gesichtet

15:15

Grenzübertritt im Niemandsland (km 1154). Jules: Was für eine behinderte Grenze.

15:26

Passkontrolle. Rumänische Grenzbeamte misstrauen Liechtensteiner. Erfolgreicher Grenzübertritt, erfolgreicher Kauf der Vignette.

18:39

Abfahrt Pause. Habe Waldbewohner Brot und eine Zigarette geschenkt. Nähe Lipova

18:52

Uns ist der Tod begegnet (Sense)

21:07

Es ist fast zu dunkel um besondere Vorkommen festzuhalten. Laut Navigationssystem fahren wir durch ein gemähtes Feld.

21:15

Die A1 Rumäniens ist die modernste Autobahn Europas. Wie eine Flughafenlandebahn.

22:09

Die Mitarbeiter des OMV können uns bei der Suche nach einem Campingplatz nur bedingt weiterhelfen.

22:55

Ankunft Camping.

  • RUMÄNIEN | SIBIU, BUKAREST, CONSTANCA, COSTINESTI

Nach kurzem Aufenthalt in Haßfurt, wo wir zum letzten Mal unsere Kräfte stärken und das Proviant in alle möglichen Fugen des VW-Busses verräumen, durchqueren wir den österreichischen Monsun, nächtigen in Ungarn, wo wir uns den Körper aus medizinischer Sicht erklären lassen, und gelangen nach Sibiu, Hermannstadt. Seitenstrangangina, eitrige Mandel und Flüssigkeit vor dem Ohr belasten mich zunehmend; einer von uns wird von einer Salamisucht umher getrieben. Der rumänische Taxifahrer Justin, der uns in die Stadt und wieder zu Camping Ananas in Cisnadionara bringt, erklärt uns, dass man am besten immer mit Taxameter fährt und dass alle Bären, die es im Wald nahe unseres Campingplatzes gibt, im Zoo gefangen sind. Er mietet das Auto tageweise, hat dann den Preis dafür, prozentual für beförderte Gäste und Sprit selbst zu tragen. Den Großteil davon – er fährt ungefähr zehn Stunden am Tag – steckt er in die Miete, die in Sibiu ungefähr 200 Euro pro Monat beträgt. Camping Ananas befindet sich inmitten von ungefähr 10.000 Beherbergungen von Hunden, die uns in der Nacht die Ohren vollheulen (COOL). Spitznamen etablieren sich; Urlaubsoutfits werden zu diesem Zeitpunkt noch sorgfältig ausgewählt. Wir besuchen ein Dorf, ergötzen uns an Altbauten in der Hermannstädter Innenstadt und einer von uns legt heftige Radstrecken (57 Kilometer) zurück. Tagsüber sind die meisten von uns so wehrlos wie Tomaten, die man tagelang in der Mikrowelle Runden kreisen lässt. Bei einer Wanderung treffen wir verschiedene Leute: 1P1090586 Mann, der dadurch auffällt, dass er im Nirgendwo spazieren geht und eine besonders hervorstehende Brust mit sich herum trägt; 100 Kinder, die uns umkreisen; 2 Rumänen mit Fahrradausrüstung; ca. 10 ältere Damen und Herren, die im Wald grillen und laut Autokennzeichen aus Augsburg kommen; zwei etwa 15-jährige Girls, die als „die Gothic-Girls“ in die Geschichte der Reise eingehen werden; 100 Hunde, wovon einer mich angreift, als ich ihn fotografiere. 

20. August

11:31

Abfahrt Cisnadionara

12:14

Schimmernder Dunst über den Karpaten

15:16

Verkehr ist ??? aufgrund von 1000 ??? (Anmerk. d. Redaktion: Verkehr ist behindert aufgrund von 1000 Schafen)

16:00

Abfahrt Stausee

Bukarest KM Stand 1885

In Bukarest ist die Stimmung gut, der Campingplatz wie ein Ausschnitt aus dem Europa-Park, gemischt mit Slenderman-Ästhetik und die Rückspiegel eines weiteren Taxifahrers überdimensional. DCIM107GOPRONach kurzer Ohnmachtsattacke meinerseits besichtigen wir im Handumdrehen die Stadt, einige vertilgen Hotdogs, andere sind genervt, wieder andere vertrauen auf Tipps von unserem Freund Passi, der Bukarest zuvor bereist hat und uns in coole Bars der Stadt lockt. Im Club Control scheiden sich die Geister: Die einen finden es ätzend, die anderen finden die Jungs attraktiv. Nach kurzer Überlegungsphase fahren wir mit Alanis Morissette im Taxi zurück zum Camping, um am nächsten Morgen fröhlich durch das anliegende Waldstück zu joggen und danach das Weite zu suchen.

22. August

14:38 Abfahrt Bukarest, Camping Kraus
Costinesti KM 2233

In Rumänien gibt es einen Küstenort, den DCIM107GOPROjeder im Gedächtnis behält, der schon mal da gewesen ist, und noch mehr diejenigen, die bei Camping Kraus eingecheckt haben: Costinesti. Anstatt Privatsphäre gibt es hier durchsichtige Vorhänge, auf denen Ahornblätter und deren Schattierungen abgebildet sind. Wir lernen Anton kennen. Anton ist ungefähr 15 – 17, ist mit seiner Mutter und Oma (oder wahlweise auch einer Freundin seiner Mutter, aber eher seiner Oma) unterwegs und hat ein Zelt, das keinen einzigen Regenschauer überstehen wird. Nach unserem Ankommen beschließen wir, sofort einige Bier am Meer zu schlürfen. Nach ein paar Minuten wird klar: Anton verfolgt uns. Die Verfolgung dauert mindestens zwei Stunden: Beharrlich wartet Anton hinter den Plastikstühlen am Strand, bis wir weiterziehen und schließlich eine Art Jahrmarkt in Costinesti finden. Die Mutigsten von uns fahren Dinge, die Loopings können, bis wir beschließen, Anton eine Falle zu stellen. Bei DREI laufen alle in verschiedene Richtungen, nur einer nicht, der, wie soll es anders sein, weiterhin von Anton verfolgt wird, bis sich alle sich wiedertreffen und alles genauso ist wie am Anfang. Sogar zum Urinieren verfolgt Anton einige Betroffenen (3 von 4). Als ich am nächsten Tag fröhlich erwache und aus dem Zelt springe, um meine Joggingmanier wenigstens einmal in der Woche aufrecht zu erhalten, erleide ich einen Herzinfarkt, als Anton an unserem DCIM107GOPROCampingtisch sitzt und nur auf mich gewartet zu haben scheint. Vor Schock renne ich kommentarlos vom Campingplatz und doppelt so schnell wie sonst. Als ich heimkomme, ist Anton nicht mehr da. Zwei von uns entscheiden sich für einen Tagesausflug nach Constanca, wo wir den Tag damit verbringen, einen alten und auch alternden Chinesen zu beobachten, der sich immer wieder (mit Stativ und erstaunlich langsamen Bewegungen sowie einer Mimik, die sich nie zu ändern scheint) selbst fotografieren möchte. Das Shooting dauert umgerechnet etwa eine Stunde, während wir Pflaumen essen und es bereuen, die Sonnencreme vergessen zu haben. Was wir auch vergessen haben: Dass Costinesti Costinesti heißt, weswegen sich die Rückfahrt schwieriger gestaltet. Andere verbringen den Tag am Strand. Wir reisen ab. Auf der Durchfahrt nach Bulgarien zähle ich sieben tote Hunde am Straßenrand.

24. August 12:22 Abfahrt Costinesti, Weiterfahrt nach Vama Veche
12:25 Einer bekreuzigt sich vor Friedhöfen und sagt: „Quod erat demonstrantum“
15:45 Grenzübergang Bulgarien
  • BULGARIEN | CAMPING KITEN

Zweitägiges Schlafkoma. Von den anderen bekomme ich mit, dass sie Bekanntschaft mit einem bulgarischen Nationalisten machen, der ihnen zum Abschied ein Stück Holz zur Aufbewahrung von Teelichtern schenkt. Ich verbringe zwei Tage ununterbrochen im Auto, schlafe etwa 40 Stunden. Ab und zu kommt jemand vorbei und bietet mir eine Orange, Tee oder Fisch an.

27. August

10:54

Abfahrt nach Istanbul 

10:56

Ankunft Tankstelle „perfekt“

11:03

Abfahrt nach Istanbul (viele Säfte)

13:27

2540km: Einreise nach einigen Strapazen (Panjabi, Löcher in der Straße, grandiose Hitze) in die Türkei

13:34

Vereinzelt kreisen Vögel über uns

13:37

Eine Windel liegt auf der Straße

13:38

Straße ist verlassen. Allen gefällt die Türkei. Truckerkolonne. Gustavs Rückenflosse glitzert in der prallen Sonne.

  • TÜRKEI | ISTANBUL: JOHANNA REIST ALS ÜBERRASCHUNG EIN. ALLE BETEILIGTEN VERBRINGEN TAGE MIT ESSEN UND HITZE.

IMG_0931Johanna reist ein und schenkt uns norwegischen Thunfisch. Die Überraschung ist groß, auch darüber, dass sie innerhalb eines Tages einen Sonnenbrand bekommen hat. Überall Postkartenmotive. Wir erkunden die Stadt, essen alles Essbare, trennen uns am Grand Bazar. Kurzerhand: Zum ersten Mal alleine unterwegs reise ich wieder ganz anders durch den Gewürzbasar, bekomme Handynummern, Rosen und gute Aufenthalte gewünscht. Nach Besichtigungen der Hagia Sophia und verschiedenen Vierteln der Stadt, essen wir Crêpes (oh Crêpes!), Döner, Hähnchen, Baglava, ungefähr alles, was die Stadt zu bieten hat. Unser Körpergewicht erhöht sich um drei Kilo. Wir sitzen im Café wie alte Männer, die sich zumIMG_0953 Schreiben und Kaffee trinken (oder, sehr beliebt, schwarzer Tee aus bauchigen Gläsern) verabredet haben, während verschiedene Männer 10-Liter-Kanister Ketchup an uns vorbei transportieren. Glücklicherweise finden wir im Supermarkt Bananen und eine neue Haarkur. Der Taksim Square ist lang, belebt und beliebt, aber normal. In Sultanahmet, wo sich auch unser Hostel befindet [Istanbul Hostel, Kutlugün Sk No 35, sehr freundlich und zuvorkommend, dafür aber auch 13 Euro pro Nacht], trinken wir Raki und Bier, entspannen am felsigen Strand und treffen einen Kellner, der Franzosen hasst. Wir lernen einen Freund von Johanna kennen, der mit uns melancholisch am Strand rumsitzt und uns Eis zeigt, das so hart ist, dass man es mit Messer und Gabel essen muss. Er hasst Amerikaner und er hasst es noch mehr, dass sie so fett sind [sagt er!]. Der IMG_1014Abschied von Johanna ist hart, verschiedene Tränen bilden sich in verschiedenen Augen, als sie in einen pinken Zug steigt und zurück nach Norwegen reist. Den einzigen Ausweg, den wir sehen, um die Trauer zu überwinden, ist ein Ausflug mit der Fähre zur Prinzeninsel. Nie haben wir ähnlich abgemagerte, dem Tode geweihte Pferde, die Touristen um eine der Prinzeninseln kutschieren sollen, gesehen. Ebenfalls phantastisch: IMG_0897Zufällig entdecken wir das (laut Inselkarte) größte Holz-Waisenhaus Europas, das rundum abgesperrt, stillgelegt und abgefackelt auf einer der höchsten Erhebungen der Insel rumsteht. Unser Tagesausflug wird beendet durch eine Fahrt mit der Fähre bis nach Usküdar, von der aus wir ungefähr drei Feuerwerke über der scheinbar endlosen Skyline von Istanbul beobachten. Nach fünf Tagen im Hostel reisen wir ab; deprimiert, dass Johanna nicht mehr dabei ist. 

1. September

12:02

Raus aus Istanbul. Eine Vignette zu kaufen dauert Jahre. Öl aufgefüllt nach 2814 km.

15:58

Überfahrt nach Griechenland: Km 3630?? Kann nicht stimmen!

2. September

23:00

Heftiger Regen, die ganze Nacht Sturm und Gewitter

  • GRIECHENLAND | KEINE AHNUNG: SCHILDKRÖTEN, STERNSCHNUPPEN, HAVANNA COLA

Bei der Einfahrt nach Griechenland überfahre P1100531ich fast eine Schildkröte (aber dann doch nicht). Die Nächte sind ein Überdruss an Sternschnuppen (4 in einer Nacht, 1 Wunsch davon ging halbwegs in Erfüllung). Neben uns wohnt ein sehr wütendes Paar, das sein Zelt mit Melonen befestigt. Die Autobahnfahrt läuft wie geschmiert und gebietet Erleichterung. Manche von uns entblößen sich zur Missgunst der anderen. An einer Raststätte, an der sich weit und breit nichts anderes befindet als wir, treffen wir auf jemanden, der gerade aufräumt. Es riecht nach Urin, oft.

3. September

9:45

Abfahrt Mandra Beach

12:10

Wir haben das Gewitter von heute Nacht wieder eingeholt. Zwischenziel ist Odessa, danach Ohrid-See 

16:56

MEZ Grenzübertritt nach Mazedonien KM 3629

  • MAZEDONIEN | ABENTEUER MIT METO UND ANDERE WERDEN VON EINEM PANFLÖTENSPIELENDEN ESTLÄNDER VERFOLGT

P1090813Wir checken am Campingplatz in einem kleinen Ort direkt am Ohrid-See ein und bestaunen mit offenen Mündern ungefähr alles. Der Campingboss serviert uns Espresso, wir lernen einen Hund kennen. Am nächsten Tag nehme ich eine Auszeit und die Jungs fahren auf eine Wanderung. Wutentbrannt erwache ich ein paar Stunden später im Zelt, erklimme flink einen Müllberg und laufe dann zurück, als Meto, ein ungefähr 70-jähriger Mazedone, mich anspricht und sagt, ich soll einen Kaffee mit ihm trinken. Kein Problem. Meto hat zehn Jahre lang in einer Teppichfabrik in Wien gearbeitet, deswegen ist sein Deutsch ausgezeichnet. Wir sitzen am Ohrid-See, ich frage, ob man hier angeln darf, er sagt, ja klar, aber manchmal fängt man nicht so viel. Oft wirft er einen verträumten Blick über den See, sagt dann: „So ist das Leben, weisch, Juli, so ist das Leben“, und nach fünfmal weiß ich es auch. Meto bringt mich zurück zum Campingplatz, lädt mich ein, am Abend mit meinen Freunden und seinem Auto nach Struga zum Essen zu fahren, weil ich ihn frage, DCIM107GOPROwas ich hier essen muss. Ich sage vielleicht zu. Am Straßenrand liegt ein geköpftes Hühnchen. Zum Essen in Struga kommt es nicht, weil die anderen von einem panflötenspielenden Estländer verfolgt worden sind und schockiert von ihrer Erfahrung berichten, während wir Paprika füllen und Fleisch auf den Grill werfen. Zum Estländer nur so viel: Er liebt mazedonische Girls, will nach Deutschland, weil man da 3000 Euro in einem Monat mit Straßenmusik in Berlin verdienen kann und liebt es, Manu Diao im Auto mitzusingen.

5. September

Weiterfahrt von Struga – Camping Rino – nach Shkoder. Km 3883,3. Stimmungslage: Bombe. Der Ohrid-See gehört 1/3 zu Albanien und begleitet uns auch auf der Weiterreise.

13:06

Kurz vor Tirana erreichen wir die 4000km.

15:30

Monsun!! Apokalypse! Wo ist Shokder? Nebel.

  • ALBANIEN | SKODRA: DER EINZUG INS VIERSTERNEKOMMUNISTENHOTEL

Wieder auf der Fährte von unseremDCIM107GOPRO Korrespondenten Passi erreichen wir ein ehemaliges Kommunistenhotel, namentlich Rozafa [Platz Sheshi Demokracia]. Von außen erwartet es die Abrissbirne, von innen wird es den ausgeschriebenen Vier-Sternen gerecht. Wir vermuten, die Frühstückskellner müssen sich wahrscheinlich mit Absicht mürrisch verhalten. Die Stimmung ist gut, der Muezzin ruft in der benachbarten Ebu-Bekr-Moschee zum Gebet, wir erkunden die Stadt, gehen essen, checken ein und dann wieder aus. Irgendjemand sagt, dass Shkoder die heimliche Hauptstadt Albaniens ist. Um 11 Uhr gehen an der hotelinternen Bar die Lichter aus, Kartenspiele im Dunkeln sind schwieriger als Kartenspiele im Hellen. Wir lernen niemanden kennen. An der Straße verkauft ein Händler puppenähnliche Hunde, die sich in winzigen Käfigen befinden.

06. September

9:54

Weiterfahrt von Shkoder nach Mostar. Km4114. Navi sagt 7h Fahrt, aber das ist eine falsche Route.

11:10

Grenze Albanien  Montenegro km 4150

  • BOSNIEN | MOSTAR: CREPES UND ANTIFA

DCIM107GOPROBeliebtester Spot in Mostar ist zweifelsohne der Urban Grill, der zu günstigem Preis wunderbare Burger und Crêpes (oh Crêpes!) serviert. In die „Stari Most“, eine Brücke, die als Wahrzeichen der Stadt gilt, springen oft junge Männer zum Erstaunen und auch zur Begeisterung verschiedener Touristen [diesen Vorgang kann man hervorragend vom Urban Grill aus beobachten, wenn man auf der richtigen Seite sitzt]. Auf den Velez, den Berg neben der Stadt, dürfen wir nicht, weil dort noch Landminen vergraben sind und wir die richtige Route nicht kennen. Die Stimmung ist mittlerweile angespannt, manche wollen lieber alleine sein. Wir spazieren durch die Stadt, trinken Bier im Marshall und anderen skurrilen Orten und besuchen das Antifa-Festival, das leider nach drei Songs schon endet. Zurück also ins Hipsterhotel, wo wir von attraktiven Girls mit blonden, an den Seiten rasierten Haaren begrüßt werden, die extra für uns Bushido auflegen [Hostel Backpackers, Brace Fejica 67]. Eine überdimensionale Pizza mit einem Berg Mayonnaise in der Mitte und Kräuterschnaps erheitern den letzten Abend.

8. September

10:40

Abfahrt Mostar Richtung Kroatien. Km 4420. Alle essen Pizza, Bär verzettelt sich in kleinsten Gassen der Welt. Juli hat erfolgreich 12 Postkarten abgeschickt!

12:01

Grenzübertritt nach Kroatien km 4466 bei Matkovic (billige Grenze)

  • KROATIEN | ÜBERDIMENSIONALE DEUTSCHE BRÜSTE IM NATIONALPARK KRKA UND REGEN IN RIJEKA

DCIM107GOPRODeutsche reisen laut unseren Berechnungen am liebsten mit ihrem Wohnmobil in den Osten, Österreicher mit dem Kleinwagen, Franzosen per Flug. Da man ja das Recht auf eine Reise hat. Mit dem Recht auf eine Reise gönnt man sich auch mal eine Besichtigung des Nationalparks Krkas im Süden Kroatiens, um mit Flipflops über die Wasserfälle laufen. Was dann ansteht: Eine Bootstour. Wir, zu zweit, stehen ganz am Anfang der Reihe, werden noch gebeten zu warten. Dann, unmittelbar danach, ein deutsches Ehepaar, dem Dialekt nach zumindest aufgewachsen in Hessen, ausgerüstet mit Caps und die Kamera easy um den Körper geschlungen, Alter: 45-55, den Ehering an der linken (aha!), wartet mit uns, genauer: hinter uns. Eine Frechheit, dieses Warten, oder? Noch frecher wird es, als plötzlich eine zwölfköpfige Gruppe (um nicht zu sagen Bande) von behinderten Menschen ankriecht, einer davon im Rollstuhl, vermeintlich aus DCIM107GOPROPolen. Der Betreuer erklärt, sie haben eine Reservierung, für zwölf Personen plus drei Betreuer, was sie jetzt tun sollen und dass derjenige, der im Rollstuhl sitzt, auch ein paar Schritte laufen kann. Um uns herum sammelt sich eine Masse von Menschen, die alle das 12-Uhr-Boot gebucht haben. Die ersten Taschen drücken sich in deinen Rücken, oft auch die Brüste der Hessin. Der Bootschef gewährt der Behindertenbande den Vortritt; der Behindertenbetreuer sagt: Wir haben eine Reservierung. Die Deutsche mit den Brüsten rastet aus. Eine Reservierung? Die ersten Behinderten klettern an Bord, auf die Reling. Der Rollstuhlfahrer wird aus dem Rollstuhl gehievt. Eine Unverschämtheit! Jeder hat doch eine Reservierung! Wir haben auch eine Reservierung, sagt die Deutsche mit den Brüsten. Um uns herum wird es immer enger. Die Deutschen fühlen sich von den polnischen Behinderten verarscht. Wann dürfen sie überhaupt endlich an Deck? Und schnappen ihnen jetzt die Behinderten die guten Plätze oben an Bord weg? Was für eine Ungerechtigkeit es in dieser Welt, in diesem Nationalpark Krka gibt, in dem zuerst die Behinderten geschlossen an Bord klettern dürfen. Die Deutsche mit den Brüsten hält es nicht mehr aus, schreit, sagt ihrem Mann, er solle doch endlich die Tickets aus seiner dummen Brusttasche holen, sie kämen ja sonst nie an Bord, alles umsonst gewesen, die Besichtigung des Nationalparks Krka, das Hotel, der gesamte Urlaub, alles ruiniiert durch die polnischen Behinderten. Was sollen sie dann der Familie erzählen? Während der Rollstuhlfahrer nun endlich mit seinem epileptischem Helm auf seinem Platz DCIM107GOPROangekommen ist, bedrängen uns die Brüste der Deutschen umso mehr. Endlich sind diese Behinderten an Bord und sie hält es schon nicht mehr aus, nur noch wenige Plätze gibt es oben. Die Deutsche mit den Brüsten beschwert sich über uns. Was wir hier machen, wieso wir uns vordrängen. Ob der altbewährte Nippelzwicker wohl auch bei ihr funktioniert? Wir haben keine Chance. Wie ein Rammbock stößt sie uns mit ihren überdimensionalen Brüsten nach rechts, damit wir in der Warteschlange keine Konkurrenz mehr sind. Dabei hat sie nochmal Glück gehabt: Die Deutsche mit den Brüsten hat ein Spezialboot, das sie sich nur mit fünf anderen Personen teilen muss. Was für ein Segen! Behutsam hievt der Mann zuerst ihren Körper und danach ihre Brüste in das kleine Boot, das sofort ablegt. Wir lernen inzwischen die Behinderten kennen und der Kapitän, der so riecht, wie man sich einen Alkoholiker vorstellt, erlaubt uns, beim Schiff ganz vorne zu sitzen.

In Rijeka sitzen wir im Regen.

11. September

14:57

km 5076 in Rijeka. Es regnet, regnet und regnet. Dafür kostenlose Nacht von Rothaariger bekommen.

17:59

Ankunft Grenze zu Slowenien. „Das Liechtensteiner Opfer ziehen sie wieder raus“.

18:01

Grenzübertritt

18:02

Ankunft Grenze Slowenien. Neben unseren Pässen sieht Panjabis aus wie eine billige türkische Fälschung. Der Regen dauert bereits einige Wochen. Viele Teilnehmer der Reise lieben die Süddeutsche Zeitung. 28 Minuten bis Graz.

18:51

Ankunft Österreich

  • GRAZ

Begeisterung pur. Wir kaufen etwa 10 Bücher in einem Second-Hand-Shop und einen Graz-Gedenkpulli (grün). Im Grazer Kino schauen wir uns einen Film über Inzest an und sind einen Abend lang verstört, bis wir durch ein Pfanderl und ein paar Bier wieder geheilt werden können. Spontan entscheiden wir uns für die letzte Runde Karten, bevor wir zurück in die WG zu Maik kehren, dessen Schwester zu Besuch ist. Es gibt Chili con Carne und Duschwasser, das man selbst temperieren kann. Selbst die Bettensituation ist einwandfrei.

13. September

10:04

Abfahrt Graz. 5403km BP und Shell wollen uns wohl verarschen. 5773,4km Abfahrt Kammern. geplant: Ziel Haßfurt 22:41 Nachtfahrt. fehlende Personen: Panjabi. ADAC Service included. Juli drückt aufs Gas. Melde mich später zurück.

14. September

1:50

Tachostand: 213,865km, Reisekilometer: 6055km, Spritverbrauch: 7,4Liter/100km. Verluste: 1 (Panjabim)

15. September

21:00

Ankunft Hildesheim. Verlust: 2 Personen. Dauer der Zugfahrt: 4,5 Stunden. Erschöpfungsgrad: 10.000.

Mit gebrochenem Herzen lassen wir Graz nach zwei Tagen zurück und verlieren den Liechtensteiner auf halber Strecke, bevor wir in den 50sten Geburtstag meiner Stiefmutter in der Nähe von München feiern, den Bus in Graz wieder einwandfrei säubern und die letzten Kilometer per Bahn bestreiten. In Deutschland ist Herbst; die Hildesheimer Innenstadt scheint sich in den Wochen unserer Absenz verändert zu haben.

ANHANG BILDMATERIAL:

DCIM107GOPRO

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Die ISTANBUL-BILDER sind alle (c) Johanna Baschke. Die anderen von irgendwem.

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Und ich sag noch, wir können hier auch Honeymoon machen oder die Wahrheit über Rumänien

VON DERM-STARGAST-AUTOR PASCAL RICHMANN

Am letzten Tag saß ich also auf der Couch eines lokalen Fernsehsenders und betrachtete mein Gesicht auf einem der Monitore, die unterhalb der Gürtellinie des Kameramanns angebracht waren. In der kleinen Walachei hätte ich eigentlich ein Interview mit dem Übersetzer von Dea Lohers Dieben führen sollen, doch der hatte andere Pläne und mich kurzerhand ins Frühstücksfernsehen geschleppt, wo mir nun auffiel, dass mir etwas Unappetitliches in den Geheimratsecken klebte, ein geeleartiges Stückchen Schweiß vielleicht, das aber genauso gut etwas anderes sein konnte, unmöglich es über diese Distanz zu erkennen.

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Und ich sag noch, dass Talkshowgäste der Moderatorin oder zumindest anderen Gästen in die Augen gucken sollten, aufmerksam und freundlich und manchmal, anlässlich eigener Worte und unmittelbar vor Werbeblöcken, direkt in die Kamera. Sag, dass überschlagene Beine es genauso gut drauf haben, scheiße auszusehen, wie breite, und dass jeder Blick, der sich im irgendwie nicht existenten Raum des Studios verliert, entweder desinteressiert oder dehydriert auf die Zuschauer wirkt. Ich sag das, sag das alles, sag auch, dass die schlechteste aller Ideen bedeutet, am Wasserglas zu nippen, weil so ein Glas höchstens obligatorisch obsolet, aber nie ironisch isotonisch gemeint ist.

Glücklicherweise war die Frau vom Frühstücksfernsehen sehr nett. Ihre lila Bluse versprühte den fliederfrischen Duft der Kompetenz, auch weil sie perfekt auf die Farbe ihres Lidschatten abgestimmt war. Mich hielt sie für einen deutschen Journalisten, warf den ein oder anderen Scherz unter Kollegen ein, Vertraulichkeiten, deren Pointen jedoch jungfräulich verpufften, was sicher auch daran lag, dass ich ihre Sprache nicht sprach, da machte ich mir nichts vor. Über die Dauer des Dolmetschen wird Sahne zu Butter, so ist das eben in dieser Welt, und später muss der Erdbeerschnitte dann erklärt werden, dass sie besser ein Käsebrot geworden wäre usw.

Bevor die Sendung zu Ende ging, musste ich der Moderatorin noch versprechen, dass ich, wäre ich erst einmal zurück in Deutschland, die Wahrheit über Rumänien schreiben würde. Es sei an der Zeit, sagte sie, mit den Klischees aufzuräumen, die in Europa wie ein Sinti und ein Romalümmel umhergingen, und damit hatte sie natürlich recht, weshalb ich zu nicken begann und aufgekratzt mit der rechten Hand über meinen Kopf fuhr, den Vogelschiss verwischend.

Zuhause goss ich dann zuerst die Sukkulenten und Aloe Vera Pflänzchen, wobei mir trotz spitzer Finger einige Stacheln roh insFleisch stachen, aktualisierte meinen tabellarischen Lebenslauf, schmiss den alten Gummibaum und etwas Müll aus dem Fenster, hauptsächlich Eimer von Kentucky Fried Chicken, in denen abgenagte Knochen wie Herbstlaub raschelten, Bergkäsereste und eine Salami, hart wie Kruppstahl, was insgesamt für ein eigenartiges Echo im Innenhof sorgte, bevor ich zwölf dutzend Bewerbungspakete verschickte, ausschließlich mit UPS, der galanten Fahrer wegen, die so gutgelaunt aus den Schwingtüren ihrer Lieferwagen hechten.

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Wahr ist, dass Rumänien für UPS ein weißer Fleck auf der Landkarte ist. Wahr ist, dass Rumänien im Diercke-Weltatlas von 1991 wie eine Flunder aussieht. Wahr ist, dass die Flunder ein abstoßend hässlicher Fisch ist, so hässlich wie ein Karpfen oder Wels. Wahr ist auch, dass Welse Beine von Badenden einsaugen, wenn sie Bock drauf haben. Wahr ist, dass es im Donaudelta vor Welsen nur so wimmelt. Wahr ist, dass es in Bukarest nach Fisch zu riechen beginnt, im Frühling, wenn die Seen tauen. Wahr ist, dass im Winter auf ihnen Schlittschuhgefahren wird, während ein Sicherheitsmann an einem Fürst-Pückler-Eis knabbert und schleckt. Wahr ist, dass es mehr Sicherheitsmänner als männliche Rumänen gibt und dass vor lauter Sarkasmus SECURITATE auf ihren Rücken geschrieben steht. Wahr ist, dass diese Männer auf ultramodernen Motorrädern und Quads rumfahren, um ein paar krasse Kickstarter für die Girls hinzulegen. Wahr ist, dass riesige Einkaufszentren aus der Erde klettern wie Godzilla aus dem Meer vor Japan. Wahr ist, dass es dort neben ganz viel MEGAFUN auch Honeymoon-Wasserfälle und Lasertag-Arenen mit endzeitesker Raumgestaltung gibt. Wahr ist, dass die Zukunft ein viel zu kleines Land ist. Wahr ist, dass Zigeuner in Kettcars kreuzen. Wahr ist, dass Benno von Archimboldi in Draculas Schloss gegens Gemäuer gewichst hat. Wahr ist

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