Und ich sag noch, wir können hier auch Honeymoon machen oder die Wahrheit über Rumänien

VON DERM-STARGAST-AUTOR PASCAL RICHMANN

Am letzten Tag saß ich also auf der Couch eines lokalen Fernsehsenders und betrachtete mein Gesicht auf einem der Monitore, die unterhalb der Gürtellinie des Kameramanns angebracht waren. In der kleinen Walachei hätte ich eigentlich ein Interview mit dem Übersetzer von Dea Lohers Dieben führen sollen, doch der hatte andere Pläne und mich kurzerhand ins Frühstücksfernsehen geschleppt, wo mir nun auffiel, dass mir etwas Unappetitliches in den Geheimratsecken klebte, ein geeleartiges Stückchen Schweiß vielleicht, das aber genauso gut etwas anderes sein konnte, unmöglich es über diese Distanz zu erkennen.

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Und ich sag noch, dass Talkshowgäste der Moderatorin oder zumindest anderen Gästen in die Augen gucken sollten, aufmerksam und freundlich und manchmal, anlässlich eigener Worte und unmittelbar vor Werbeblöcken, direkt in die Kamera. Sag, dass überschlagene Beine es genauso gut drauf haben, scheiße auszusehen, wie breite, und dass jeder Blick, der sich im irgendwie nicht existenten Raum des Studios verliert, entweder desinteressiert oder dehydriert auf die Zuschauer wirkt. Ich sag das, sag das alles, sag auch, dass die schlechteste aller Ideen bedeutet, am Wasserglas zu nippen, weil so ein Glas höchstens obligatorisch obsolet, aber nie ironisch isotonisch gemeint ist.

Glücklicherweise war die Frau vom Frühstücksfernsehen sehr nett. Ihre lila Bluse versprühte den fliederfrischen Duft der Kompetenz, auch weil sie perfekt auf die Farbe ihres Lidschatten abgestimmt war. Mich hielt sie für einen deutschen Journalisten, warf den ein oder anderen Scherz unter Kollegen ein, Vertraulichkeiten, deren Pointen jedoch jungfräulich verpufften, was sicher auch daran lag, dass ich ihre Sprache nicht sprach, da machte ich mir nichts vor. Über die Dauer des Dolmetschen wird Sahne zu Butter, so ist das eben in dieser Welt, und später muss der Erdbeerschnitte dann erklärt werden, dass sie besser ein Käsebrot geworden wäre usw.

Bevor die Sendung zu Ende ging, musste ich der Moderatorin noch versprechen, dass ich, wäre ich erst einmal zurück in Deutschland, die Wahrheit über Rumänien schreiben würde. Es sei an der Zeit, sagte sie, mit den Klischees aufzuräumen, die in Europa wie ein Sinti und ein Romalümmel umhergingen, und damit hatte sie natürlich recht, weshalb ich zu nicken begann und aufgekratzt mit der rechten Hand über meinen Kopf fuhr, den Vogelschiss verwischend.

Zuhause goss ich dann zuerst die Sukkulenten und Aloe Vera Pflänzchen, wobei mir trotz spitzer Finger einige Stacheln roh insFleisch stachen, aktualisierte meinen tabellarischen Lebenslauf, schmiss den alten Gummibaum und etwas Müll aus dem Fenster, hauptsächlich Eimer von Kentucky Fried Chicken, in denen abgenagte Knochen wie Herbstlaub raschelten, Bergkäsereste und eine Salami, hart wie Kruppstahl, was insgesamt für ein eigenartiges Echo im Innenhof sorgte, bevor ich zwölf dutzend Bewerbungspakete verschickte, ausschließlich mit UPS, der galanten Fahrer wegen, die so gutgelaunt aus den Schwingtüren ihrer Lieferwagen hechten.

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Wahr ist, dass Rumänien für UPS ein weißer Fleck auf der Landkarte ist. Wahr ist, dass Rumänien im Diercke-Weltatlas von 1991 wie eine Flunder aussieht. Wahr ist, dass die Flunder ein abstoßend hässlicher Fisch ist, so hässlich wie ein Karpfen oder Wels. Wahr ist auch, dass Welse Beine von Badenden einsaugen, wenn sie Bock drauf haben. Wahr ist, dass es im Donaudelta vor Welsen nur so wimmelt. Wahr ist, dass es in Bukarest nach Fisch zu riechen beginnt, im Frühling, wenn die Seen tauen. Wahr ist, dass im Winter auf ihnen Schlittschuhgefahren wird, während ein Sicherheitsmann an einem Fürst-Pückler-Eis knabbert und schleckt. Wahr ist, dass es mehr Sicherheitsmänner als männliche Rumänen gibt und dass vor lauter Sarkasmus SECURITATE auf ihren Rücken geschrieben steht. Wahr ist, dass diese Männer auf ultramodernen Motorrädern und Quads rumfahren, um ein paar krasse Kickstarter für die Girls hinzulegen. Wahr ist, dass riesige Einkaufszentren aus der Erde klettern wie Godzilla aus dem Meer vor Japan. Wahr ist, dass es dort neben ganz viel MEGAFUN auch Honeymoon-Wasserfälle und Lasertag-Arenen mit endzeitesker Raumgestaltung gibt. Wahr ist, dass die Zukunft ein viel zu kleines Land ist. Wahr ist, dass Zigeuner in Kettcars kreuzen. Wahr ist, dass Benno von Archimboldi in Draculas Schloss gegens Gemäuer gewichst hat. Wahr ist

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