TAGEBUCH DER UNERHÖRTEN BEGEBENHEITEN. EINS: ICH VERSUCHE MEINER WUT ÜBER DEN UNERREICHBAREN FERNSEHER UND DEN KATZENGESTANK AUSDRUCK ZU VERLEIHEN

12.1.15

Ich möchte gerne einen Fernseher kaufen, weil mein ehemaliger Mitbewohner mir seine X-Box vermacht hat. Er spielt jetzt Wii-U, was etwas Sakrileghaftes an sich hat. Und etwas sehr Symbolisches liegt im Akt des Konsolenverschenkens. Das Ende einer Ära. Mit einem Symbol sollte man eigentlich nicht spielen. Man sollte es aufbewahren. Ich möchte trotzdem spielen. Zocken möchte ich. Dazu brauche ich einen Fernseher.

Also fahre ich nach Schwabing. Dort bekomme ich einen, einen der Internet kann sogar. Und zwar preiswert. Ich hebe Geld ab und quäle mich durch den Münchner Stoßzeitenverkehr. In meinem Auto riecht es seit dem Wochenende penetrant nach Katze. Eigentlich denkt man, von den beiden beliebten Haustieren, sei der Hund der Stinker. Das stimmt nicht. Hundegestank ist ehrlich, erdiger, natürlicher. Katzengestank ist chemisch, giftig, mehr als nur ein Geruch, eine Krankheit, die die Haut jucken lässt. Ich frage mich schon, wie der Geruch in mein Auto kommt.

Dann klingle ich an der Tür, hinter der sich irgendwo mein neuer Fernseher zum Zocken und mit Internet verbergen soll. Niemand öffnet mir. Wir sind seit einer Stunde verabredet. Also seit einer Stunde darf ich kommen. In einer Viertelstunde wäre ich da, habe ich gesagt. Ich bin jetzt schon da. Vielleicht, denke ich, sitzt die Person, die mir einen Fernseher verkaufen möchte, auf dem Klo. Oder steht in der Dusche. Oder liegt in der Badewanne. Ich spaziere einmal um den Block. Es sind weiße Wohnblöcke, eigentlich ganz nett irgendwie. Man kann sich gut vorstellen, selbst hinter diesen Fenstern zu wohnen. Also ich, ich kann das gut. Ich stelle mir das eine Weile vor, aber halbherzig. Dann klingle ich wieder. Niemand öffnet.

Ich steige wieder ins Auto. Habe eh schon lang genug einem Anwohner den Parkplatz weggenommen, denke ich. Auf die Fernseherverkäufer bin ich weniger wütend als angemessen wäre. Während ich in der Sackgassen-Straße wende, sehe ich eine Frau, dann einen Mann, dann einen Radler. Sie nähern sich dem Haus, hinter dem mein Fernseher auf mich wartet. Ich will zocken. Macht man ja eigentlich nicht als junger Kulturspacko. Oder gerade schon, wegen der neuen erzählerischen Dimensionen und so. Ich parke halb auf dem Gehsteig, wobei ich fast eine Frau mit Kinderwagen über den Haufen fahre. Ist schon recht dunkel jetzt, wegen Winter. Dann nähere ich mich erneut dem Haus, halte aber Sicherheitsabstand zu dem Radfahrer, weil ich nicht gleichzeitig mit ihm bei der Haustür sein will. Er würde mir die Tür aufhalten und dann müsste ich ihn nach seinem Namen fragen. Vielleicht würde ich nicht nach seinem Namen fragen wollen, aber dann würde ich an seiner Wohnungstür klingeln, beziehungsweise: Er würde voraus gehen, in Richtung seiner Wohnung, ich hinterher. Und dann würde er sagen: „Ach Sie sind’s.“ Oder so etwas. Das wäre natürlich schrecklich.

Ich warte also, bis alle potenziellen Bewohner des Fernseherhauses verschwunden sind. Dann klingle ich erneut. Niemand öffnet. Nichts regt sich. Die Fenster sind und bleiben dunkel. Ich denke Arschlöcher, Drecksäcke und Wichsschweine und dass ich doch einfach bloß zocken will und extra Geld abgehoben habe und was die Scheiße soll. Dann steige ich wieder in mein Katzenpisseauto.

Zu Hause in Unterhaching muss ich das Auto ausräumen, weil ich gerade vom Heimaturlaub komme. Das sind zwei Rucksäcke und eine Laptoptasche und die Tüte mit der X-Box und den Spielen (kann ich im Auto lassen) und die Tüte von Rewe (kann ich nicht im Auto lassen, lasse ich aber im Auto, dann stapfe ich fluchend zurück zum Auto(mit Hausschuhen, was auch scheiße ist, wegen Winter)). Weil meine Wohnung sehr klein ist, verwende ich das Auto als fahrenden Koffer und Regal. Ein paar Bücher – Eines über Verhaltenskunde zum Beispiel oder diverse Kochbücher von Tim Mälzer und irgendwas von Remarque – bleiben einfach mal in der Karre. Außerdem der Videorekorder (ich habe ja grad keinen Fernseher (stimmt nicht, aber der ist so groß und klobig und scheiße, will ihn einer?)) und diverse Videokasetten.

Die mit Kevin Costner stammen alle von dem Mitbewohner mit der Wii U. Casablanca und Die Möwe Jonathan aber haben wir zu Hause eingeladen, in der Wohnung der Mutter meiner Freundin. Jetzt, wütend wühlend nach Rucksack Nummer 2, fällt mir Die Möwe Jonathan (Scheißmöwe Kackjonathan Kack!) vor die Füße und auf die Straße. Ich bücke mich nach dem Dreckskack, wobei eine Mütze aus dem Rucksack auf die Straße fällt. Als ich die Videokasette in der Hand halte, bemerke ich, woher der krankheitserregende Katzengestank rührt. Diese penetrante Nasenqual ist ein so hartnäckiger Scheißdreck, dass es vermeintlich (!) selbst am Plastik der Hülle der Möwe Jonathan und Casablanca und wasweißich haftet. Was tun? Videokasettenhüllen abwaschen? Von Videokasetten, die man sich nie niemals anschauen wird? Mit diesen und ähnlichen Fragen muss sich der normale Unterhachinger im 21. Jahrhundert Tag für Tag herumschlagen. Und das soll ein Leben sein?

Jedenfalls bin ich mir noch nicht sicher. Bezüglich der Strategie im Umgang mit dem Videokassetten, meine ich. Vorläufig bleiben sie im Auto. In der Wohnung kann ich sie nicht gebrauchen. Die Wohnung ist kleiner als das Auto. Morgen muss ich ins Auto zurück, wenn ich nicht S-Bahn fahren will. Und weiß Gott – zum einen will ich das sicher nicht, zum anderen muss ich noch einen Fernseher abholen. Die Klingel war kaputt. Habe den Verkäufer um ganze 10 Euro runtergehandelt. Noch 24 Mal vor verschlossener Türe stehen, dann ist der Fernseher umsonst.

Nachtrag 1: Am nächsten Tag öffnen die Fernsehermenschen die Tür. Sie sind sehr nett. Ich möchte mich entschuldigen.

Nachtrag 2: Meine Freundin behauptet, Casablanca und der Kram mit der Möwe entstammten nicht ihrem Heim, sondern ebenfalls der Kevin-Costner-Bude. Das heißt: Schuld am Gestank kann nicht Carlo sein. In Frage käme in diesem Fall nur Bronco der Teilzeitgast der Kevin-Costner-Fans (u.a. die Co-Autorin dieses Blogs). Oder: Die Kassetten befanden sich früher einmal dort, wo Carlo sich aufhält, wurden dann nach Hannover verschifft und haben seinen Geruch konserviert. Beide Szenarien erscheinen mir unwahrscheinlich. Das Katzenaroma hat sich derweil verflüchtigt. Jemand spielt mir einen üblen Streich. Werde wachsam bleiben.

Anbei ein Bild von mir mit einer eindrucksvollen Tasse. Ich verrate nicht, woher ich die habe.

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