Archiv für den Monat Februar 2015

Meistens Unterhaching

Charlie sagt, wenn ich das studiert hätt‘, was ich behaupte, studiert zu haben, müsst ich mich ja auskennen mit Brecht und so. Früher hat er auch viel gelesen, Geo Hefte zum Beispiel, Bücher auch. Hat er aber alles weggeschmissen. Um die Geo Hefte ist es schad, zumindest die über Asien. Gegen Mitternacht schippt er vor meinem Fenster Schnee.

DSC_0008

Zwölf Quadratmeter müssen reichen, wenigstens einmal im Leben, muss man das mitgemacht haben. Das Ehepaar von nebenan habe ich kennengelernt, die Namen schon lange wieder vergessen. Nichts nervt mich mehr, als ihre Stimmen auf dem Gang zu hören. Er brummelt Albanisch, sie quäkt. Das macht einen wahnsinnig. Über mir wohnen auch noch Menschen. Ich weiß nicht, wie viele, ich habe nie einen gesehen. Und dann gibt es da noch das Hinterhaus. Auch dort haut eine gewisse, unbestimmbare Anzahl in den Souterrainlöchern. Es hat Monate gedauert, bis ich das herausgefunden habe.

Im Arrowz Sonntagmorgen, halb 3. Ein paar Nazis spielen Darts. Ein alter mit sackartiger Jeans und Kappe, aber ohne Hinterkopf hängt am wild blinkenden Automaten. Neben ihm ein normaler Typ, ebenfalls mit Kappe. An der Bar ein trauriger Nerd, der eine Zeit lang einer Rothaarigen über den Rücken streicheln darf. Dann schiebt sich die Rothaarige einem der Nazis ins Ohr. Eurotrash-Techno fiept aus den Boxen. Folge dem Delfin. Als wir gehen, schlafen der Nerd und die meisten Nazis. Ein friedliches Bild, man wünschte sich, es würde jemand mit Öl malen.

Wenn ich möchte, dass die Heizung warm wird, muss ich sie mit dem Hammer bearbeiten. Ich lasse kein Tageslicht herein. Die Tür muss man absperren, sonst fliegt sie wieder auf. Ein Messer und eine Gabel sind mit Klebeband fixiert. Im Bad ist die Lüftung ausgefallen. Habe Streichhölzer gekauft. Überzeugend erwecke ich den Anschein von Armut und Elend. Aber das ist eigentlich nur ein Theaterstück ohne Publikum.

DSC_0010

Charlie sagt, früher hat ihm das Haus gehört, aber dann wurd’s zwangsversteigert. Er haut mit dem Hammer gegen meine Heizung. In München unterhält man sich nie nicht über die Mietpreise. Ich erzähle Charlie, was ich zahle, kann seiner Reaktion aber nicht ablesen, ob er das viel oder wenig findet. Neulich hat er beim Leergutautomaten in der Norma seinen Bon stecken lassen. Als er es gemerkt hat, war der Bon schon weg. Anstand haben die Leute heute keinen mehr.

Beim Nachbarn kann man das Fahrrad reparieren lassen, aber erst ab April wieder. Im Wirtshaus Althaching sitzen die Menschen wie in einem Wintergarten. Das beliebteste Gastro-Unternehmen ist die American-Burger-Bar auf dem Edeka-Parkplatz. Manchmal hört man Jubel vom Alpenbauer Sportpark herüberwehen. Bei Pizza Avanti hängt das signierte Trikot eines Spielers. Jeden Mittwoch trifft sich am S-Bahn Gleis Richtung Holzkirchen die Senioren-Wandergruppe, Wetter egal. Rentner müsste man endlich sein.

Charlie sagt, als Autor verdient man doch ganz gut. Und die Wohnung ist ja nicht so teuer. Und am Wochenende fahre ich ja eh meist heim, oder? Wo ist das nochmal? Bamberg. Er will wissen, ob da nicht irgendwas mit Sängern gewesen sei. Bamberg sagt ihm schon was. Spiele mit Sängern. Ich frage ihn, ob er Bayreuth meint. Charlie bestätigt: Ja. Bayreuth, Festspiele. Er hat mal einen gekannt, der da gearbeitet hat. Gesungen?, fragte ich. Ja, sagt Charlie, gesungen und gesoffen wie ein Loch.

DSC_0007

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , , ,

John Lee Bob. Oder: Wie ich einmal Urlaub in Ohio machte.

Der DERM hat ausnahmsweise mal weder Kosten noch Mühen gescheut und seinen besten freien Mitarbeiter Pascal Richmann über den wiemansoschönsagt großen Teich und nach Ohio geschickt. Um mal zu sehen, was da so los ist. Etwa etwas Berichtenwertes? Und ob! 

Da hatten wir also Teleskopstangen in John-Lee-Bobs Garage gefunden, tipptopp in Schuss, das muss ich sagen, wobei mir jetzt auffällt, dass uns die erste Person Plural schon damals als eine ziemlich lächerliche vorgekommen war, aber was soll’s, Ohio ist schließlich nur einmal im Jahr und die Lammfelle, die wir über Zylinder gestülpt hatten, rollten schöne Rechtecke auf den Asphalt. Aber nein, falsch frottiert, natürlich waren wir es, John-Lee-Bob und ich, die im Vorgarten mit Malerwalzen ein dutzend Parkbuchten markierten, drei in jeder Reihe, das ist klar, und klar ist auch, dass Farbe kein Festland kennt. So wurde aus John-Lee-Bobs Garten ein Parkplatz, mir nichts, dir nichts, an einem sonnigen Morgen im Monat August. Als unsere Mofas endlich in den noch feuchten Parkbuchten standen, entdeckten wir auf der gegenüberliegenden Seite des Garagenvorplatz ein Mädchen, das selbstgemachte Limonade verkaufte. Sie trug einen Strohhut und las in einem Roman von Stephen King. Lust auf Limo ließ uns mit Dollarnoten winken, das Mädchen aber schien nichts zu bemerken.

Weil John-Lee-Bob bei der amerikanischen Regierung als Physiker angestellt ist, unterhielten wir uns oft über Oppenheimer, angeregt und im Plauderton. Farbe und Rasse seines Pferds, Lieblingsobst, das Verhältnis zu seiner Mutter, solche Dinge. Eben weil John-Lee-Bob für die Regierung arbeitet, die ihn von Geburt her vertritt, das ist klar, sprach er am liebsten über Unverfängliches, und tatsächlich hielt er sich ganz ordentlich, das muss ich sagen, zumindest solang bis die Eiswürfel im Tumbler geschmolzen waren. Einmal, das Weiß der Markierungen blitzte im Mondschein, denn es war spät geworden, begann er von schwingenden Weltflächen unterhalb des Bundesstaates zu berichten, wobei, das sagte er noch und brach dann in ein so heftiges Gelächter aus, dass er an der eigenen Spucke zu ersticken drohte und ich ihm also mehrmals auf den Rücken klopfen musste, wobei, sagte er, das sei sowieso klar, ich müsse mich nur umschauen, hier in den Cornfeldern Clevelands. Oben als Agrarwirte die Amischen, in Zweispannern und inzestuöse Tankwarte, ihre Kanister füllend, die Wohnwagensiedlungen usw. usf., unten die erdkernnahen Enthusiasten, die wirklich so hießen, das schwöre er bei Gott. Die rechte Hand am Herzen, sprang John-Lee-Bob vom Campingstuhl auf und intonierte den Star-Spangled Banner, und sofort stieg ich ein, und dann sangen wir alle vier Strophen, während sich unsere verwässerten Drinks im Takt dazu bewegten. Später fuhren wir auf unseren Mofas, jetzt Sinatras größte Hits singend, durch die schlafenden Städte Ohios.

richmann1

War John-Lee-Bobs Kommunikationskontrolle intakt, schwiegen wir. Gemütlich saßen wir dann vor seiner Garage und nippten am Bourbon, der Schärfe und unseren Gedanken nachschmeckend. In der Ferne rauschte der Freeway. Amerikanerinnen, die einen hohen Pick-Up fuhren, konnten problemlos über den mannshohen Mais blicken, das ist klar. Trucks und Trucker. Raststätten und Restaurants, die Fenster vor der Brust, uns observierend. Wir schlossen die Augen und lauschten. Wind, der über den Parkplatz ging und Plastiktüten vor sich her schob, stieg uns in die Nasen, gehaltvoll wie ein Mehrkornbrot von Trader Joe’s. Wenn uns langweilig wurde, verschwanden wir hinter John-Lee-Bobs Garage und schossen auf Leergut. Am liebsten nahmen wir mexikanische Pepsi-Flaschen ins Visier, des Vintage-Look wegen. Peng, machte die Mauser. Peng. Peng. Peng. John-Lee-Bob versicherte mir, dass die Patronen dutzende von Meilen, wie an einer Schnur gezogen, geradeaus fliegen können, vorausgesetzt, es käme ihnen nichts dazwischen, das sei klar, und dass kürzlich in Dubai ein im Rollstuhl sitzender Scheich von der eigenen Kugel erschlagen worden sei, nachdem er vor lauter Freude über eine neu entdeckte Ölquelle vertikal in den Himmel gezielt, dann aber vergessen hatte, rechtzeitig davonzurollen. Aufgeregt begann John-Lee-Bob die Parkbuchten mit mathematischen Formeln und Graphen zu füllen. Seine Walze war sehr filigran und alles bestens zu entziffern. Eine Weile lief ich zwischen den Buchten hin und her, doch dann begannen mich John-Lee-Bobs Berechnungen so sehr zu verwirren, dass ich eilig den Vorgarten verließ.

richmann2Als er mich, atemlos und mit zerzaustem Haar, hinter der Garage fand, fragte er, ob wir noch immer eine erste Person Plural seien, natürlich, sagte ich und fügte hinzu, dass ich gerade ein Gedicht über meine Zeit in New-York geschrieben hätte, das müsse ein junger Mensch so machen, seine Erlebnisse in das Große und das Ganze einordnen, obwohl, korrigierte ich mich, eigentlich sei es ein Kriminalgedicht, ein Gedicht mit Spannung, ein Gedicht mit Mord, das zwar in New York spiele, na gut, aber das bedeute nichts, es sei ja wirklich spannend und trage den Titel Walgesänge im Hudson River. Und sofort wollte John-Lee-Bob alles über Kriminalgedichte wissen, ob mitunter Krabben, Hummer und andere Meeresfrüchte, gar oder lebendig, in ihnen vorkämen, wollte er wissen, was ich heftig nickend bestätigte, und ob mir überhaupt klar sei, dass auch er, John-Lee-Bob, Gedichte schreibe, und zwar ausschließlich solche mit Spannung, ausschließlich solche mit Mord. Lachend vor Freude lagen wir uns lange in den Armen, bevor wir das erste internationale Komitee für aufregende Dichtung gründeten. Was aber war ein Kriminalgedicht? Formalismen!, riefen wir aufgebracht, Formalismen!, die nämlich haben ein echtes Kriminalgedicht nur so weit zu interessieren, wie es durch die eigene Form den Ursachen des Verschwindens anderer Formen nachstellt. Wo sind die Sonette?, riefen wir, und noch aufgebrachter als zuvor: Wo die Realviszeralisten? Die Form stellt der Form nach, wie der Dichter dem Dichter, das ist klar. Begeistert sprangen wir von Bucht zu Bucht, die sich inzwischen bis hin zu Wall Mart erstreckten, klatschten in die klammen Hände und umrissen Fäden als Parabel. Das Mädchen mit der Limonade war verschwunden. Über uns brannte der Himmel jäh wie Sonora hinter den Grenzlinien der Wüste. Und was wusste Wittgenstein?, schrie John-Lee-Bob in die Weite des Platzes, und dann beschlossen wir, dass sich diese Frage nie wieder stellen sollte. Ich griff nach der Malerwalze und

Getaggt mit , , , , , , ,
Advertisements
SchöneSeiten

www.schoeneseiten.net | Blog für Gegenwartsliteratur

Leo's Literarische Landkarten

Geographie in Texten und Liedern.

stefan mesch

Literature. TV. Journalism.

new location: visit blog.kreativsaison.de

new location: visit blog.kreativsaison.de

The Daily Frown

Das Magazin für Musik Literatur Alltag