Archiv für den Monat März 2015

Reinster Hirnfasching: Sven Amtsberg schreibt Geschichten über Nazis, Aliens, Waschbären und andere Seltsamkeiten. Diese Geschichten sollten von allen gelesen werden.

Im Keller wummert ein kleiner Nazi, anstatt eines handelsüblichen Penis‘ hat er eine Art Fleischblume in der Unterhose. Die Fleischblume hat ein Gesicht und singt ein schrilles Lied, davon, dass alle Menschen auf der Welt sich sehr, sehr lieb haben sollen.

Die eigene Ehefrau wird von einem Außerirdischen abgeholt. Der Alien heißt Francois, singt außerirdische Kinderlieder und hat sein Raumschiff verloren. Auf seinem Kopf ist eine lange Antenne montiert, die er auf dem Weg in den Wald aus dem Autofenster hängt.

Eine Frau bekämpft die Einsamkeit nach dem Ableben ihres Ehemanns mit dem Kauf von Tieren. Sie kauft sämtliche Tiere und teilt mit ihnen ihre Wohnung, wo sie sich wild untereinander paaren. Seltsame, unbekannte Arten entstehen. In einer waschbärartigen Kreatur entdeckt sie die Reinkarnation ihres Mannes Hans.

Manchmal hat man das Gefühl, in einer obskuren Therapiestunde gelandet zu sein, wenn man die Geschichten von Sven Amtsberg liest. Die Selbstdiagnosen hören auf pseudowissenschaftliche Begriffe wie: „Embryonale Genese“, „Noctomalie“, „Meeresepiphanie“ oder „Akropathie“. Hallo, mein Name ist X und meine Geschichte handelt von Aliens/Wassermenschen/elektrischen Menschen/Aliens/lebenden Wohnungen/dem Aggregatszustand der Nacht.

Vater war nun oft im Fernsehen zu sehen, wie er sich verschiedene Stecker in den Mund steckte und so elektrische Gerätschaften wie Staubsauger, Pürierstäbe oder Hi-Fi-Anlagen zum Laufen brachte. Anfangs applaudierte das Publikum noch, man war begeistert. Selten habe ich Vater so glücklich erlebt wie in dieser Zeit. Erst später buhten sie, und immer häufiger trafen Briefe ein, in denen man Vater als Scharlatan beschimpfte.

paraHat man jemals einen fabelhafteren Einstieg zu einer Kurzgeschichte gelesen? Das ist mein voller Ernst. Es ist leider schon ein paar Monate her, dass ich das Buch gelesen habe und ich kann ihm mit einer Rezension jetzt gar nicht mehr gerecht werden, weil ich die meisten der klugen Gedanken, die ich mir dazu gemacht habe, schon wieder vergessen habe. Aber eigentlich, denke ich, müsste es schon genügen, so etwas zu zitieren, um die Empfehlung, die ich ausspreche, zu begründen. Deshalb wird diese Rezension sehr Zitat-lastig ausfallen, ich hoffe, das stört nicht.

„Paranormale Phänomene“ schildert das Eindringen des Abseitigen ins Normale durch eben: Paranormale Phänomene. Neunzehn Geschichten hat Amtsberg geschrieben, Metrolit hat ein sehr schönes Buch daraus gemacht, was auch der Illustratorin Kat Menschik zu verdanken ist, deren Bilder man sich eigentlich sämtlich direkt ins Gesicht tätowieren lassen würde, wenn da genug Platz wäre. In den neunzehn Geschichten lotet Amtsberg die Möglichkeiten der postmodernen Gruselgeschichte aus – er findet das Erschreckende, das Skurrile, das Fremde und er findet eine Sprache dafür, die vor allem nüchtern ist, sachlich und trotzdem stellenweise ins Märchenhafte abgleiten darf.

Meine Mutter stammt von der See.  Mein Stiefvater hat sie in die Berge gelockt, da war ich acht. Meine Mutter hatte es mit den Lungen und gehofft, auf einem Berg werde es besser werden. Mit einem kleinen Pappkoffer, in dem sich das Matrosenhemd ihres Vaters und das zerknickte Bild des Meeres befanden, war sie mit mir hierhergekommen und musste bald schon feststellen, dass sie nicht für die Berge gemacht war. Sie vermisste das Meer derart, dass sie heimlich weinte und ihre Tränen aufbewahrte.

Es gelingt Amtsberg, Situationen großer Ernsthaftigkeit und auch Traurigkeit herzustellen. Die Menschen sind mit Fremdheit konfrontiert und es sind selten die lauten, theatralen Ausbrüche, die als Reaktion in diesen Geschichten eine Rolle spielen. Sie sind passiv und still und schlucken noch ihre Verstörung. Aber: Diese stille Ernsthaftigkeit ist eine Fassade und sie wird eingerissen. Bevor man anfängt von stiller Ernsthaftigkeit oder verstörter Poesie zu faseln, ist es eigentlich geboten, das einfachste und darum wichtigste festzuhalten: Diese Geschichten sind unverschämt lustig. Klar, der Leser wundert sich, der Leser reibt sich seine Kulleraugen, weil er gar nicht glauben kann, was hier passiert, der Leser wird manchmal ein wenig melancholisch zurückgelassen – in den meisten Fällen amüsiert er sich aber und hat eine gute Zeit und sagt zum erstbesten Menschen in seiner Umgebung: „Ui, Kalle, pass mal auf, das musst du dir anhören.“ Verschenken Sie dieses Buch nicht, wenn sie nicht zu den wenigen Menschen gehören, die sich darüber freuen, witzige Stellen aus einem Buch vorgelesen zu bekommen, ohne überhaupt den Kontext der Passage zu kennen.

Der Humor kommt vom Seltsamen. Amtsbergs Geschichten fahren das denkbar Seltsamste auf, seltsame Menschen reagieren auf seltsame Prozesse und Ereignisse. Die Mutter, die so eine Sehnsucht nach dem Meer hat, hat das Meer in sich.

Sie bat mich, in ihr zu angeln, um das, was da in ihr war, herauszuholen. Sie hockte auf dem Boden, den Kopf in den Nacken gelegt, den Mund weit aufgerissen. Ich stand auf einem Stuhl und ließ mit meiner Angel den Haken samt Wurm in sie hinabgleiten. Wartete, kurbelte ihn dann wieder hoch. Ein Hering hatte gebissen, und ich zog noch mehr aus ihr. Stirn und Schlei, Krabben und Krebse.

Immer wieder werden die Figuren gezwungen, das Abwegige, Unbekannte und Unreale in ihr Leben zu integrieren, mit dem Wahnsinn, der nicht verschwindet, wenn man die Augen lange genug zusammenpresst, umzugehen. Der Crash von Banalität und Surrealismus ist meisterhaft inszeniert. Das ist es, was es eigentlich zu sagen gibt.

Auf dem Buchrücken steht etwas von Bukowksi, Poe und Max Goldt, die sich zum Kegeln treffen und von Außerirdischen entführt werden. Es fühlt sich ein bisschen schäbig an, sich als Rezensent auf die Reklame auf dem Buchrücken zu beziehen, aber es stimmt schon – Amtsberg ist, wie auch immer, der uneheliche Abkömmling dieser drei. Innerhalb handwerklich astreiner, fast schon aufdringlicher Kontrolliertheit, praktiziert er die reinste Ideenanarchie, den reinsten Gehirnfasching. Amtsberg hat seine kindlich überbordende Phantasie in kleine, starre Happen gegossen, die wütend gegen ihre eigenen Wände schlagen. Was dabei herausspringt, ist Quatsch, Unfug in künstlerisch anspruchsvollster Veredelung. Ist das etwas, das man schreiben möchte, das mit der künstlerisch anspruchsvollsten Veredelung? Lieber nicht. In diesem Fall bleibt einem aber kaum etwas anderes übrig. Ein letztes Beispiel vielleicht noch zum Beweis. Zurück zum Waschbär-Hans und einem der erstaunlichsten Dialoge, die ich bisher lesen durfte:

„Ich bin es“, sagte das Tier. „Hans.“
Sie sah es an, schlug ihm dann mit drei Fingern ins Gesicht.
„So etwas sagt man nicht“, sagte sie mit erhobenem Zeigefinger.
„Stimmt aber“, sagte das Tier und sah sie pikiert an.
„Hans war größer“, sagte sie.
„Wiedergeburt“, entgegnete das Tier. „Da verändert man sich. Ich bin ein Mungo.“
„Mango“, verbesserte sie.
„Nein, Mungo. Ich wusste auch nicht, was das ist. Bis jetzt eigentlich. Mungo, da dachte ich, das klingt aufregend, wie Internet oder Bungee, weißt du. Nun werde ich entlohnt. Doch du siehst ja selbst.“
„Ja“, log sie, wusste aber nicht, was sie sah und was sie sehen sollte. „Du wirkst recht agil.“

Svent Amtsbergs „Paranormale Phänomene“ hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie Aufmerksamkeitsökonomie im Feuilleton, in der Kulturindustrie funktioniert. Ich bin der Meinung, dieses Buch verdient einen Haufen Aufmerksamkeit, ein ganzer Tieflader voll mit Aufmerksamkeit sollte sich darüber ergießen. Es hat wenig bekommen. Andere Bücher verdienen weniger, bekommen aber mehr. So ist das, da kann man nix machen. So ernüchternd gestaltet sich das Resultat meines Gedankengangs. Nun habe ich zumindest meinen bescheidenen Beitrag geleistet.

Außerdem, das ist das letzte, was es zu sagen gibt, eignet sich dieses Buch sehr gut, wenn man seinen Freunden nach dem Skifahren eine Gutenacht-Geschichte vorlesen möchte (eine der angenehmsten Après-Skil-Alternativen). Dass die dann einschlafen, liegt nicht etwa an den Geschichten, sondern an der stundenlangen körperlichen Ertüchtigung, an der frischen Luft, und dem fetten Essen danach. Manchmal hört man sie im Halbschlaf leise kichern.

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HOW TO SURVIVE SCHEIßJOBS – AUSGABE 1: EUROTIER 2014

In der neuen Spitzenrubrik HOW TO SURVIVE SCHEIßJOBS, die vor allem für angehende Kunst- und Kulturschaffende von besonderem Interesse sein mag, berichtet der ehrenwerte DERM über unerträgliche Positionen in unerträglichen Jobs – und wie man sie überlebt.

EUROTIER, HANNOVER, 11. BIS 14. NOVEMBER 2014

Ich kenne diesen Scheißhund in- und auswendig. Von einer 1000-er Auflage Tüten mit Aufdruck falte ich in vier Tagen 800 Exemplare und stelle immer vierzehn davon vor unseren Messestand. Inhalt vorerst: zwei Tüten mit Gummibärchen, kurz später nur noch eine Tüte Gummibärchen, danach dann: nichts mehr, weil: keine Bärchen mehr übrig, die Firma hat falsch geplant. Der Scheißhund beißt der Scheißkatze mit seinen winzigen Zähnen ins Ohr. Und schaut dabei in die Kamera, klar. Und die Katze ist auch irgendwie süß. Verschmust, so sagen das die meisten. Zwei verschmuste Tiere, die für ein Unternehmen werben sollen, das Tierfette herstellt. Ein voller Erfolg. Seit vier Tagen trage ich heimlich dieselbe Bluse; ich habe das Kaffeefleckenproblem (wieso auch weiß!), dem ich mit geschickten Handbewegungen unter meinem Blazer oder am Kragen unter meinen Haaren entgehen kann. Offene Haare – ein absolutes Messe-No-Go, das nicht bemerkt wird, weil die Firma sich zum ersten Mal eine Messehostesse „hält“ und gängige Vorlagen also nicht kennt. „Goldig“, sage ich nach einiger Zeit zu den an unserem Scheißhund interessierten Leuten. Das sind eine Menge. Zehntausend oder eine Milliarde. Die diese Scheißhund-Tüte in den Händen anderer Messebesucher gesehen haben und sich, weiß Gott warum, auch eine Scheißhundtüte mitnehmen müssen, mit nach Hause. Für meine Tochter, sagt eine, für meine Cousine, sagt eine, für mich selber, ist ja so süß, sagen die meisten. „Echt goldig“, sage ich und kann mir nicht vorstellen, wie ich mich jemals wieder normalisieren soll.

Informationen zum Messestand: Vom Erfolg getrieben sind auf jeden Fall die Bosse, die sich immer ins Separée zurückziehen, ein Ehepaar, „proaktiv“ sind sie und bin ich (so wie es die gute Messehostess von heute eben sein soll!); so dass die Dame des Hauses gerne mal die gelegentlichen Messepausen nutzt, um durch die Herrenhäuser Gärten oder Ähnliches zu joggen, da kennt sie nichts. Der Herr dagegen nutzt diese Pausen, um sich auch mal bei den Kindern zu melden; zurückgelassen in Bayern, und jeden, den das stört – sagen wir es so. Sagen wir es halt gar nicht. Die beliebtesten Sachen, die sich die Besucher der EuroBlech 2014 mitnehmen, sind Eimer (in allen möglichen Farben und Formen und was weiß ich) und Strohhüte. Innerhalb weniger Tage sind die Hostessenregeln allesamt gebrochen. Was leicht ist: Diesmal bin ich nicht bei der Agentur angestellt, sondern für die Firma direkt. Ich bin: Eine Gebuchte! Ein Wunder. Und echt wenig steuerliche Abzüge, für jeden von uns. Die Regeln lauten folgendermaßen:

° NICHT HINSETZEN (Die Kunden dürfen nicht erfahren, dass du einen Körper hast, der sich ab und zu ausruhen muss, sagen wir es so. Aber setz dich einfach. Merkt sowieso keiner. Und da du direkt bei der Firma angestellt bist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass niemand diese Regel kennt, da sie, mit noch größerer Wahrscheinlichkeit eine Erfindung dieser zigtausenden Messeagenturen ist. Los gehts.)

° NICHT VOR DEN LEUTEN RAUCHEN (Auch hier gilt: Die meisten Firmen wissen nicht, dass das eine Regel ist und bieten gerne mal eine an – sogar eine fertige, nicht zum Selberdrehen. Mein Boss ist nett und erfolgreich. Am besten ist, das unterschwellige Um-Erlaubnis-Bitten. Leute lieben das. „Ich würde mal kurz eine rauchen gehen, wenn das in Ordnung ist“, zwinkerzwinker, ja klar, kein Problem, bis gleich.)

° NICHT VOR DEN KUNDEN ESSEN (Easy ein Croissant weggesnackt! Dann noch eins. Aber dann reichts auch.)

Passi arbeitet auf der Bierinsel vor meiner Halle und schickt mir abundzu bei WhatsApp ein Pic von Sachen, die er hier gefunden hat. Der Großteil der Kunden meines Standes kommt aus Japan: Als jemand zum ersten Mal ins Fischmehl(ih!)-Glas greift, bin ich noch nicht so sehr verwundert. Verwunderter bin ich, als ich meine Ansprechpartnerin frage, ob das normal ist, dass manche sich dieses Fischmehl nicht nur unter die Nase halten, sondern es auch essen. Zum ersten Mal begreife ich, was wir hier machen. Ich öffne einen Werbekatalog. So viel Fischmehl, das stinkt einem die komplette Bude zu. Und das vertreiben die. Wann wohl der Moment im Leben eines Menschen kommt, in dem man sich für die Produktion von Fischmehl entscheidet? Ein einfaches Leben wird das wohl nicht sein, denke ich. Aber bei den Asiaten ist das Gang und Gebe, dass die gerne mal so ein bisschen Fischmehl selber FUTTERN, meint meine Ansprechpartnerin. Also manche, sagt meine Ansprechpartnerin, finden das ja eklig, dass das hier alles tote Tiere sind, aber naja, sind ja schon tot, oder, sagt sie, während sie ein überdimensionales Schweine-Hämoglobin-Fett-Ausstellungsglas in eine riesige Mülltüte kippt; bereit zum Abfahren, jetzt muss aufgeräumt werden.

Alles nervt natürlich, aber ich will ja auch kein Heulbaby sein. Also Zähne zusammenbeißen, Kaffee servieren, benutzte Gläser spülen, in der Küche heimlich Celebrations essen. Obwohl: Die gute Zeit der Celebrations hat schon ausgedient; eigentlich passt gar keine Schokolade mehr in meinen Körper, nichts Süßes, kein einziges Brötchen und von den „süßen Teilchen“ (zwei Wörter, die ich in dieser Kombination etwa fünfzig Mal am Tag höre) dreht sich mir der Magen um. Also Kaffee und Leitungswasser für mich, für alle anderen alles andere. Das ist die letzte Messe, die ich in diesem Jahr absolvieren werde; im Dezember habe ich frei. Also noch ein paar Mal den schwülstigen Besucherfressen entgegen lächeln, in der Mittagspause schön den Lippenstift nachziehen, ein paar Tüten verteilen und das wars. Wie ich das aushalte, die ganze Zeit zu stehen, ob ich mich nicht mal setzen möchte, fragt mich meine Ansprechpartnerin. Ich denke einfach nicht drüber nach, antworte ich. Mit dem Gong, der die Eurotier 2014 beendet, wird mir von meiner Ansprechpartnerin ein Cola-Weizen serviert. Nach einem Glas schaffe ich den Weg zur S-Bahn nur noch wankend und mit der ständigen Vorstellung, mich den gesamten Dezember kein einziges Mal mehr bewegen zu müssen. Goldig, einfach goldig. „Sehen wir uns nächstes Jahr wieder auf der EuroTier“, fragen die Mich-Liebgewonnen, aber ich sage etwas Keckes: „Wenn ich nächstes Jahr immer noch hier bin, habe ich irgendwas absolut falsch gemacht.“ Das wars. In der Nebenhalle gibt’s mit Fleece-Stoff überzogenes Gerüst für die Kuh, in pink, simst mir Passi. In einer Werbeagentur für Kühe müsste man arbeiten.

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Stadthalle

Man hat natürlich immer leicht reden als Halli-Galli-Online-Blogger, der sich mit seinem Derm eine goldene Nase (und Uhr) verdient. Andere Menschen müssen arbeiten. Die gehen irgendwo hin, dann müssen die da was machen, dann kriegen sie ein paar schmutzige Scheine auf die Kralle, damit sie sich auf dem Heimweg in die Südstadt einen gammligen Döner kaufen können. Unser lieber Freund und frischgebackener Gastautor, M. W., gehört zu diesem, sogenannten arbeitenden Teil der Bevölkerung. Wir haben ihn gebeten, uns davon zu berichten, wie das ist. Unentgeltlich, versteht sich.

st 2Die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen steht man nun da, um 6 Uhr früh, und fragt sich nicht nur, warum man überhaupt schon wach ist, sondern auch, warum man nichts Gescheites gelernt hat. Man fragt sich das wirklich oft, wenn man für den Mindestlohn Stühle und Tische für eine meist vermutlich eher zweitklassige Veranstaltung durch die Gegend trägt. Das Programm sagt mir in der Regel nichts, beziehungsweise ist mir egal, kommt doch eh nichts Weltbewegendes in diese trostlose Gegend. Um 7 Uhr steht man dann wieder vor der Halle mit seinen Schlitzen und bläst sich diese mit Rauch voll. Goldene Regel: Wer raucht, kann Pause machen. Da raucht man schon mal mehr. Das Aufhören, das ich mir eigentlich mal wieder vorgenommen hatte, verschiebe ich auf nächste Woche, da habe ich mal 5 Tage frei. Eigentlich eh alles halb so schlimm, der Tag ist durchzogen von den „Ups und Downs“ wie man sagt, der Galgenhumor der Kollegen macht vieles erträglicher. Grob lassen sich diese in zwei Gruppen einteilen: Studenten, die, wie ich, nichts oder noch nichts Gescheites gelernt haben und deren Bafög aufgrund der dreist in die Länge gezogenen Studienzeit zur Neige geht einerseits. Andererseits die Techniker. Die haben wohl  schon was gelernt, vor allem das Ganze Jahre lang zu ertragen. In stillen Momenten erwischt man sie dabei, wie sie beim Frühstück, das in der Regel aus zwei Hackbrötchen besteht, vor sich hin starren. „Ja, hätt ich doch was gelernt“, hört man sie wimmern. Ansonsten ist alles Scheiße. Das Wort „Scheiße“ fällt tatsächlich sehr oft. Es gilt als Sammelbegriff für alles. Da kommt kein Veranstalter gut weg. Die Kollegen erst recht nicht. Die Putzfrau hat den Kaffeebecher beim Putzen minimal verschoben. Zwei alte Technikerhasen analysieren diesen Umstand etwa fünf bis zehn Minuten lang. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass erstens die Frau ihren Job nicht beherrscht und zweitens sowieso alles scheiße ist in diesem Drecksladen. Das Kreuzworträtsel in der Bildzeitung ist das Highlight des Tages. Komplett gelöst – der Chef strahlt. Dann wieder rauchen. Zu uns stößt ein Zeitarbeiter, man hört, bei seinem letzten Job sei er wegen schwerer Körperverletzung geflogen. Jetzt macht er nebenbei Holz. Er scheint stolz darauf zu sein. Die Glatze glänzt. Im Vertrauen nennt man ihn auch bald so: „Die Glatze“. Während die Glatze also auf seine teils aggressiv-hektische Art eine halbe Wand mithilfe eines Stuhlwagens (Goldene Regel Nr.2: Ein Stuhlwagen umfasst stets 25 Stühle) einreißt, haben wir Studentenpack besseres zu tun. Es folgt, das große Auflaufen der Gastro-Damen. Während man ansonsten nur mit älteren weiblichen Damen zu tun hat (liebevoll als „Putzen“ tituliert), erscheinen die adretten Damen von der Gastronomie in einer Art Engelslicht. Zumindest ein paar von ihnen nutzen den Durchgang von Festsaal zum Nebenraum mit Buffet als eine Art Laufsteg. Vielleicht auch allesst1 Einbildung. Der Chef gibt ein paar Chauvisprüche übelster Sorte zum Besten, die Männer lachen bisschen geil, dann geht es schwitzend, stinkend weiter. Das Buffet könnte gut riechen, würde sich nicht der beißende Gestank der Kerzen (Tatsache: Kerzenmesse) darunter mischen. Aus allen Bundesländern reisen sie dafür an. Für die Kerzen nehmen sie eine stundenwährende Anfahrt in Kauf. Die Sanitäter – sonst nur bei schwitzigen Auftritten von Größen wie „Kraftclub“ gefragt – haben ihren ersten und einzigen Einsatz heute: Eine Frau ist kurz nach Betreten der Eingangshalle zusammengebrochen. Man stutzt. Und witzelt. Ein Highlight. Vielleicht kann man das auch mal seinen Freunden erzählen. Samstagabend. Endlich frei. Man trinkt zuviel, in einer Kneipe taucht Kollege Moritz wieder auf, 21. Semester Soziologie. Auch er hat zu tief ins Glas geblickt und ketterauchend lacht man sich in Ektase über die ach so verhasste Schufterei. Alles halb so schlimm.

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stefan mesch

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