Archiv für den Monat April 2015

Tagebuch der unerhörten Begebenheiten. Drei: Tod durch Leberkäs hätte den Tag gerettet

9.3.15

Ich bin ja ein Autofahrer. Der Autofahrer an sich ist ein so verachtenswertes wie bösartiges Wesen. Er hat sich für ein Dasein im Kriegszustand entschieden, Krieg herrscht ständig –  mit dem Rest der Autofahrerschaft, dem Fußvolk, den Zweiradfahrern, sich selbst.

Das ist ein anderes Thema, über das schon zu viel geschrieben worden ist. Ich selbst erlebe das Autofahren vor allem in jüngster Zeit weniger als Krieg als als Paranoia. Nicht Aggression (schon auch), aber vor allem Angst prägt die Erfahrung der Kraftfahrzeugbewegung. Die Angst gilt dabei weniger dem Unfall, der unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben und Mitmensch – nein, ich habe weniger Angst vor, sondern Angst um, Angst um das Auto mit dem ich fahre. Mein Auto ist nicht schön, nicht schnell und auch nicht sparsam. Es ist eine Familienkutsche, Modell praktisch, aber nicht hochwertig genug um auch als zuverlässig durchzugehen. Ich fahre meist 126 Stundenkilometer, ungern mehr oder weniger. Dabei muss ich ständig damit rechnen und rechne ich ständig damit, dass mir das Teil um die Ohren fliegt. Im Normalfall geschieht das nicht.

Diesmal schon. Aber der Reihe nach: Zuerst mal freue ich mich nämlich nichtsahnend. Ich bin froh, nicht abgeschleppt worden zu sein, während ich arbeitete. Das ist nämlich die andere Paranoia: Nicht Defekt sondern Abwesenheit des PKWs.

Einstmals, in Hildesheim, bin ich abgeschleppt worden, nicht weit zum Glück, schließlich weckte mich das rückwärtsfahrende Piepsen des Abschleppwagens, ich hechtete ans Fenster, wühlte den Vorhang beiseite, drückte mir die Nase platt und sah: Der Silberne, Pablo genannte, hing schon an der bedrohlich rasselnden Kette, von der er auf die Ladefläche des Abschleppwagens gezogen wurde. Kein schöner Anblick am Morgen, noch schlimmer sind die dazugehörigen Geräusche, die mich bis heute in meine Träume begleiten. Barfuß sprang ich aus der Wohnung. Ein LKW hatte wegen meines rücksichtslosen Parkverhaltens nicht um die Kurve fahren können. Die den Strafzettel ausstellende Polizeibeamtin lächelte herablassend, aber auch sanft. Mir klebte das Haar vom Nachtschweiß fettig auf der Stirn. Ich entschuldigte mich, parkte barfuß um – wobei ich zuerst vor den Augen der arbeitenden Bevölkerung mehrmals am Rückwärtseinparken scheiterte, um dann sehr weit weg zu parken, zahlte dann 170 Euro an das bösartige Abschleppunternehmen und verfluchte Polizeistaat, Kapitalismus, das System, die Ungerechtigkeit des Daseins des kleinen Mannes.

Mit der Angst, das Auto ist nicht mehr da, aber nicht geklaut, sondern zur Strafe weggebracht worden, lebe ich also Tag für Tag. Diesmal ist das Auto da, so wie seitdem jeden Tag und wie jeden Tag kann ich mich der Erleichterung nicht verwehren.

TDUB

Ich fahre los. In einer Stunde ist Einlass, ich möchte Heinz Strunk live sehen. Das Auto gibt seltsame Geräusche von sich. Es hört sich an, als würde sich die ganze rechte Seite der Karosserie gleich verabschieden und auf dem Asphalt zerschellen. Ich parke bei REWE und steige aus. Meine schlimme Befürchtung bestätigt sich: Der hintere, rechte Reifen ist platt. Was tun? Auf dem Parkplatz warnen Schilder vor dem Abgeschlepptwerden. Wer länger als eineinhalb Stunden einkauft, muss nach Hause laufen. So viele Ängste, die sich fast gleichzeitig zu erfüllen drohen.

Ich kaufe zunächst ein. Es ist schließlich Abendessenzeit. Das ist nämlich Paranoia Nummer drei, gleichsam die schlimmste aller Ängste: Im Moment des knurrenden Magens maximal entfernt von Essen zu sein (eine verachtenswerte Wohlstandsangst eigentlich, oder? Frage geht in die Runde diesmal). Deswegen: Immer für Proviant sorgen. Bäcker sind meine besten Freunde, auch die im Eingangsbereich der Supermärkte, aber nur, wenn sie was Belegtes haben. Der Bäcker, der zwar viel trockenes Brot anbietet, aber keine Leckerei für jetzt schnell auf die Hand, braucht gar kein mitleidheischendes Handwerkergesicht aufsetzen, wenn er pleitegeht. So sehe ich das. Der Hunger kündigt sich bereits an, ich hechte also zum REWE-Bäcker, flehe um ein belegtes Brötchen und eine Butterbreze, werfe mit harten Münzen um mich. Ich bin schon zum zweiten Mal heute hier, vorhin schon geschnitten Brot gekauft.

Dann zurück zum Auto. Drin liegen nun drei Bäckertüten: Brottüte, Butterbrezentüte, Semmeltüte. Auf die Uhr geschaut: Scheißzeitpunkt. Alles eh scheiße. Ich schreibe einen Zettel: „Bitte nicht abschleppen. Weg morgen früh.“ Dazu die Handynummer. Dann sperre ich das Auto ab und laufe los in Richtung S-Bahn, muss ja zu Heinz Strunk. Über den Rest kann ich morgen nachdenken. Nach wenigen Metern drehe ich wieder um, Proviant vergessen. Auto auf, Bäckertüte raus, Auto zu, wieder in Richtung S-Bahn davon. Nach wenigen Metern drehe ich um: Da steht das Auto. Auf drei Reifen nur. Das steht ganz schief. Ob das gut ist? Für die Achsen? Die Felgen? Lieber mal Papa anrufen. Papa geht nicht ran. Dann eben Mama, Hauptsache, jemand Erwachsenes. Mama weiß auch nicht so recht. Mama will Papa anrufen, ich blättere derweil im Handbuch des Wagens, suche schon mal den Wagenheber heraus, finde die Stelle, wo ich diesen ansetzen müsste. Also doch jetzt und hier den Reifen wechseln? Zur Schonung des Gefährts? Kein Rückruf bislang, ich entschließe mich dafür und kurble schon mal los, wenn auch halbherzig, ohne rechte Überzeugung. Lieber würde ich das ganze vorher mal googeln, mir ein, zwei Tutorials anschauen. Doch dafür habe ich jetzt weder Gerät noch Zeit. Dann doch der Rückruf: Papa sagt, das macht eh nix, kann ich auch morgen machen, aber Schrauben nachziehen lassen nicht vergessen.

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Na Gottseidank. Also los jetzt, Richtung S-Bahn, zackig davongeeilt. Nach wenigen Metern drehe ich um: Proviant vergessen, mittlerweile hat sich schon ein veritabler Hunger etabliert. Auto auf, Tüte raus und wieder los, jetzt aber schnell. In einer Viertelstunde ist Einlass. Nächste Bahn in: Zwanzig Minuten. Die letzte sehr knapp verpasst. Ich sitze im Ismaninger Bahnhof auf einem Gitterstuhl. Der Duft, der mich umweht, ist mir wohlbekannt. Den ganzen Tag saß ich schon eingehüllt in eben dieses Aroma im Büro. Es ist der köstliche Duft von geschnittenem Brot. Schinkensemmel und Butterbreze liegen im – die Butterbreze, wie sich später herausstellen wird, sogar auf dem – defekten Gefährt. Zurücklaufen und Wiederkommen würde etwa zwanzig Minuten in Anspruch nehmen. Ich entscheide mich dagegen und knabbere trockenes Brot, ich versuche, mich daran zu erfreuen, ich bin ein großer Freund von Brot, zunehmend, es gibt nichts besseres, nichts unterschätzteres als Brot, einfach Brot, wie selten kommt man in den Genuss, selten genug.

So, schlimm genug, denkt man, was soll da noch kommen? Von wegen. Es folgt, natürlich, wie es sich gehört, eine temporäre Phase des allgemeinen Bergauf. Die Bahnfahrt ist angenehm komplikationslos, zwischen Bahnhof und Veranstaltungsort findet sich ein Tengelmann, inklusive Bäcker. Der Bäcker hat seine kargen Reste bereits zusammengeschoben wie um zu sagen: Das hier ist echt der letzte Dreck, ein richtiger Dreckshaufen, selbst für Enten im Park zu schad. Nichts für mich. Also in den Tengelmann gespurtet, da wird sich was Besseres finden. Tatsächlich: Eine Fleischtheke. Leberkäs her!, stammle ich, nach wie vor mehr von der Angst vor dem Hunger auf Trab gehalten als vom Hunger selbst. Auf dem Weg nach draußen schubse ich diverse Menschen auf den Boden, spucke ihnen ins Gesicht. Hab heut schließlich schon genug durchmachen müssen, wer will mich verurteilen? Sobald ich bezahlt habe, stopfe ich mir die Leberkässemmel in Gänze in den Schlund. Fast erleide ich einen Erstickungsanfall, zum Glück aber eben nur fast. Einmal mehr dem Tod von der Schippe gesprungen. Auch schade, eigentlich, weil Tod durch Leberkäs, schöner wird’s nicht mehr.

Dann treffe ich Freunde. Wir schauen uns Heinz Strunk an. Strunk ist eh fabelhaft, braucht man nicht viel zu sagen, um den geht es hier auch gar nicht. Am Ende sogar Computerfreak, sehr schön.

Dann: Zum Bahnhof fahren lassen. Mit S.H. (begegnen Sie im wieder in der anstehenden Buchveröffentlichung des Derm, dann aber unter anderem Namen, dafür in Bolivien) rein in den Bahnhof. Beide haben wir unsere Bahn knapp verpasst und müssen zwanzig Minuten warten. S. kauft sich Kartoffelwedges hier, klaut zusätzliches Ketschup und Mayo dort, weil er noch nicht genug hat, der gierige Ketschup- und Mayo-Hamster. Beschwert sich dann auch noch, weil das Ketschup des Ketschupwagens leer ist.

Im Schacht trennen sich unsere Wege. Ich rein in die Bahn, Musik an, ab nach Unterhaching. Kurz bevor der MP3-Player älteren Modells den Geist wegen Akku aufgibt setzt sich ein Mann mir gegenüber. Das heißt: Die Bahn ist nahezu leer. Er könnte fast überall ungestört sitzen und mampfen, der Mann. Er aber stürmt heran, schnappatmend, gehetzt, wovon?, man weiß es nicht, es ist niemand hinter ihm her, er hat keine Verpflichtungen, machen wir uns nichts vor, die Haare fettig, die Hose zerfetzt, die Augen glubschend, niemand wird ihn erwarten, weder heute, noch morgen in aller Früh. Er setzt sich mir gegenüber, nicht schräg gegenüber, am Gang, sondern direkt gegenüber, auch ans Fenster, um mich auch ja psychopathisch genug anstarren zu können.

Der Mann hat sich etwa fünf Cheeseburger gekauft. Ich glotze stumpf aus dem Fenster. Der Mann mampft und starrt mich an. Herausfordernd. Ich spiele mit dem Gedanken, die Kopfhörer wieder aufzusetzen und so zu tun als würde ich Musik hören, weil ich fast das Gefühl habe, er könnte mich jeden Moment stumpf provozierend ansprechen. Stattdessen beobachte ich sein Spiegelbild. Immer so lange, bis das Spiegelbild zurückstarrt. Noch zwei Cheeseburger. Der Mann ist sehr laut, Brösel kleben auf seiner Unterlippe, am Kinn, rieseln auf seine Hose, er hustet, ich will nicht nachschauen, ob meine Hose etwas abbekommen hat, die Omi auf der anderen Seite des Ganges schüttelt immer dann den Kopf, wenn sein Stierblick gerade nicht auf ihr ruht. Wie erbärmlich muss man sein, um sich von dieser armen Sau so sehr die gemütliche Heimfahrt versauen zu lassen? Aber so sind wir nunmal, die Omi und ich. Die Fahrt zieht sich hin, der Mann macht keine Anstalten, auszusteigen, in Unterhaching taumle ich schlingernd aus der Bahn. Endlich, daheim.

Noch schnell nach der Post schauen: Keine Post. Ab einem gewissen Alter ist das etwas Gutes, weil man eh nur Schlechtes erwartet von den Menschen, die einem Briefe schreiben. Bin ich jetzt etwa schon in diesem gewissen Alter? Ist das das Ende von allem, der Gedanke „Keine Post, na vielleicht besser so“? Mit diesem trüben Gedanken und der zermürbenden Angst vorm anstehenden Reifenwechsel im Kopf wechsle ich zaghaft hinüber ins Reich der Träume. Ich werde den Reifen tatsächlich wechseln, nicht ganz ohne die Hilfe des DHL-Mannes, der der REWE gerade ihre Post bringt. Der Mann stellt sich auf das Schraubendreh-Dings, eine der freundlichsten Gesten des neuen Jahres. Wenn ich eine Frau wäre, würde mich das Klischee vielleicht in meiner feministischen Ehre kränken, aber so geht’s klar. Den Rest hab ich ja allein geschafft, okay?

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50 GRÜNDE, WIESO DU DICH BESSER VON DER SURFnFUN-FLATRATE VON 1&1 FERNHALTEN SOLLTEST

Mit dem letzten Datenvolumen meines Handys veröffentliche ich diesen DERM. Er soll der Menschheit die Entscheidung abnehmen, ob sie Kunden bei 1&1 werden wollen. Wer die Geschichte der Misere nicht ganz lesen will: PRO Die Mitarbeiter am Telefon sind meist freundlich, CONTRA Du bekommst von deiner Internet- und Telefonflatrate nicht viel mehr mit als die Abbuchungen von deinem Konto am Ende des Monats. Entscheide selbst.

 1&1, ein tolles Unternehmen – und bisher hat auch alles gut geklappt, bis auf die Tatsache, dass sich mein monatlicher 19,90 Internet und Telefonflatrate-Vertrag plötzlich in einen 29,90 Internet und Telefonflatrate-Vertrag veränderte, ohne, dass jemals jemand mit mir darüber gesprochen hätte. Aber ok. Ich wusste ja, dass ich in absehbarer Zeit, vier Monaten um genau zu sein, aus meiner Wohnung ausziehe und es jetzt nicht besonders viel bringt, Stunk zu machen. Was ich nicht wusste: Dass mit meinem neuen 29,90 Internet und Telefonflatrate-Vertrag auch die einjährige Kündigungsfrist ins Haus geht. Die Dame, mit der ich im August telefonierte, wusste das scheinbar auch nicht, weil sie, als ich sie fragte, ob noch irgendwelche Kosten oder Ähnliches nach Beendigung des Vertrages, also dem 25. Oktober 2014, auf mich zukommen, klar verneint hat. Klasse, dachte ich. Klasse, dachte sie. Ob ich nicht lieber den Umzugsservice in Anspruch nehmen wolle? Nein, nein, sagte ich, ich ziehe ja komplett aus der Wohnung aus und in eine WG und da sei ja Internet schon vorhanden, also für mich persönlich lohne sich das gar nicht. Achso, alles klar, sagte die nette Frau. Und tschüß.

 Aber tschüß war noch lange nicht! Denn auch im November wurden mir weiterhin – obwohl ich der Frau sagte, ich ziehe Ende September aus und sie solle bitte das Internet in meiner Wohnung deaktivieren oder was man eben so macht, wenn man das gar nicht mehr nutzt, wurde mir ordentlich Kohle von meinem Konto eingezogen – selbst als ich schriftlich widersprach und mein Widersprechen mit juristischen Klauseln eines juristischen Freundes meinerseits schmückte. Dann passierte erstmal zehn Jahre lang gar nichts. Und ich wurde natürlich sauwütend, weil immer noch mehr Monate ins Land zogen und noch mehr Kohle von meinem Konto abgebucht wurde, was ich persönlich nicht verstehen konnte und nicht akzeptieren wollte, da ich ja, meiner Meinung nach, schon alles gemacht hätte, was in meiner Macht stand. Ich entwickelte das Ritual, jedes Mal, wenn ich nach dem Duschen einen Turban auf dem Kopf hatte, eine wütende Mail an 1&1 zu verschicken.

 1&1 schickte mir daraufhin eine Umfrage, speziell auf mich zugeschnitten, in der ich bewerten sollte, wie hilfreich/charmant/cool das Telefongespräch mit der Frau gewesen sei. In der Umfrage gab es kein Kästchen, in das ich irgendwas eintippen konnte, sondern nur ein Fünf-Sterne-Bewertungssystem, anhand dessen ich selber entscheiden sollte, wie freundlich die Frau am Telefon zu mir war, aber auch, ob mein Problem gelöst werden konnte. Konnte es nicht. Scheinbar gab es keine Möglichkeit, meinem Schicksal zu entrinnen und da 1&1 sowieso ignorierte, dass ich dem Unternehmen schriftlich untersagte, Geld von meinem Konto per Lastschrifteneinzug abzubuchen, hatte ich fast keine Wahl und befand mich nun also in einer Ein-Jahres-Kündigungsfrist, die zum 25. Oktober 2015 enden sollte. Natürlich hasste ich nicht nur mich, sondern auch Frau mit jeder Pore meines Körpers, da sie mich angelogen hatte, wissentlich oder nicht. Und da ich früher hätte widersprechen können, wenn die Frau mich am Telefon über alles aufgeklärt hätte. Ich verheimlichte alles vor meinen Freunden (außer Laura und Juan), weil es mir peinlich war und zog ab diesem Zeitpunkt immer Mützen an.

 Jedenfalls konnte man an meinem Fall nichts ändern, weswegen der Vertrag mit 1&1 noch läuft und zwar bis zum 25. Oktober 2015. Die einzige Möglichkeit: Ihn bei meinem nächsten, neuen Umzug wieder in die neue Wohnung mitnehmen (Inzwischen hatte ich vier Monate lang 29,90 Euro bezahlt). Wieso auch nicht nutzen, wenn ich dafür bleche und mein neues Haus noch kein Internet habe? Aber das habe ich mir schöner vorgestellt, als es war; die 60 Euro Umzugsgebühr würden mir, klärte mich eine weitere freundliche Dame am Telefon auf, direkt mit meiner Rechnung am Monatsende berechnet und von meinem Konto abgezogen werden.

 Den ersten Technikertermin bekamen wir am 06. März, ein Typ von der Telecom kam rein und es stand ziemlich schnell fest, dass er uns nicht weiterhelfen kann, weil er keinen Zugang hatte zu einem Kasten in unserem Keller, zu dem nur der neue Hausmeister den Schlüssel habe. Und dass sowieso kein Signal von der Straße komme, wo auch irgendein Kasten stand, mit dem er irgendwas machen musste, was er mir aber nicht erklärte, weil er meinte, es sei eher sein Metier als meines. Wir brauchten also einen weiteren Termin. Der war am 16. März, wie ich mit einer weiteren freundlichen Frau am Telefon aushandelte. Stimmte aber gar nicht. Ein paar Tage später bekam ich eine BestätigungsSMS, in der stand, dass der vereinbarte Termin am 17. März sei, was ja schon asozial genug ist. Ich war nicht zugegen, aber scheinbar hatte unser neuer Hausmeister den falschen Keller aufgesperrt und alles ging schief. Den dritten Techniker habe ich am 23. März an der Haustür gefragt, ob er uns heute das Internet bringe. Er hat geantwortet, ja, vielleicht. Ziemlich schnell stand fest, dass unser neuer Hausmeister wieder den falschen Kellerraum aufgesperrt hatte, aber der dritte Techniker fand auf der Straße einen Mann, der wohl auch ein neuer Hausmeister unseres Hauses war und der deswegen den richtigen Raum finden konnte. Was dem Techniker allerdings nichts half, weil er mit einem kleinen Piepdings am Kabel in unserer Wohnung entlang leider feststellen musste, dass man ab einem bestimmten Punkt kein Signal mehr habe. Und ich hasse diesen Blick, wenn dich einer anschaut und dir was sagst, wovon du keine Ahnung hast, aber dann fühlst du dich so, als ob du Ahnung haben müsstest. „Ich verstehe nicht, was Sie sagen“, sagte ich, und er antwortete: „Tja Mädels, jetzt haben wir ein Problem.“ Seine Diagnose lautete, das Telefonkabel sei kaputt. Weil er eh schon sauwütend war, dass er sich länger als seine zehn Minuten in unserem Haus aufhalten musste, ließen wir ihn ziehen.

 Und kontaktierten wie immer 1&1. Um einen neuen Termin zu vereinbaren. Was natürlich ein Witz ist, weil du den Termin nicht vereinbarst, sondern einfach zugeteilt bekommst und dann zuhause sein musst und zwar von 8 Uhr bis 13 Uhr. Wir telefonierten viermal mit unserer Hausverwaltung, die der Meinung war, es sei Aufgabe von 1&1, das Kabel zu wechseln, und wir telefonierten viermal mit 1&1, die der Meinung waren, es sei die Aufgabe der Hausverwaltung, das Kabel zu wechseln. Ab und zu legten wir einen Stepptanz zur 1&1-Wartemusik hin. Bis wir eine junge 1&1-Kollegin am Telefon hatten, die davon überzeugt war, dass sie einen Elektriker (nicht von der Telekom) vorbeischicken könnte, der das Kabel erneuert, wir müssten dafür nur einen Schrieb unserer Hausverwaltung bereit halten, der uns versicherte, dass der Elektriker Löcher und was weiß ich in unsere Wohnung bohren könne.

 Der Elektriker kam eine Woche später, wusste aber nichts von seiner Aufgabe, was das grundsätzliche Problem von 1&1 zu sein scheint: Jeder Techniker, der jemals unser Haus betrat, war in keinem Fall aufgeklärt über die Vorarbeit, die andere Techniker bereits geleistet hatten und fing also jedes Mal wieder bei null an. Ich telefonierte mit meiner Freundin Alina und berichtete ihr von meinem Leid und sie berichtete mir von dem Leid ihres Opas, der ähnliche Sorgen mit 1&1 hatte. Der Elektriker wechselte die TAE-Dose und fragte mich, ob meine FritzBox intakt sei. Ich sagte, meine FritzBox sei immer intakt gewesen. Er fragte mich, wie ich das wissen könne. Ich sagte, das Licht blinke, technisch müsste sie also funktionieren, aber ich könnte es nicht zu 100% überprüfen, da ja keiner in der Lage sei, das Internet in mein Haus zu bringen. Der Elektriker glaubte mir nicht, schloss seine persönliche FritzBox an und stellte danach fest, dass ich Recht hatte. Mein Mitbewohner fragte ihn, ob er heute gekommen sei, um das Kabel zu wechseln. Der Elektriker sagte, das dürfe er nicht. Wir fragten, wieso. Er erklärte uns irgendwas anderes. Ich sagte, dass ich sehr wütend und verzweifelt bin und dass ich mir jetzt einen Kräutertee SPRITZIGE STUNDE zubereite.

 Mein Mitbewohner verlor die Geduld und floh aus der Wohnung, so schnell ihn seine Beine trugen. Der Elektriker und ich allerdings hingen noch eine halbe Stunde in meiner Wohnung ab. Ich fragte ihn, wie ich mit 1&1 kommunizieren sollte, er sagte, sie als Kundin kommunizieren am besten gar nicht mit denen, er rufe jetzt eine andere Nummer an, bei der man schneller durchkomme, und dann finden wir etwas heraus. Auch der Elektriker und ich wippten mit den Köpfen im Takt zur Warteschleifenmusik, aber wir konnten niemand erreichen. Ich bring mich um, sagte ich dem Elektriker und er sagte: Sie machen jetzt erstmal gar nichts, ich nehme Kontakt zu denen auf, dann rufe ich Sie nochmal an. Aber ich bin so verzweifelt, sagte ich und was er dann sagte, weiß ich nicht, ich glaube aber, er meinte damit sinngemäß, dass ich einfach cool bleiben sollte, was ich auch tat. Am Abend, beim Telefongespräch, sagte mir der Elektriker: Rufen Sie bei 1&1 an und vereinbaren Sie einen neuen Termin. In diesem Moment fing ich an, mir die Haare büschelweise auszureißen.

 Als ehemalige Telefonistin weiß ich natürlich, wie hart es ist, mit Arschlöchern zu telefonieren. Und dass sich hinter jeder Telefonnummer, sollte sie noch so unscheinbar wirken, ein penetrantes Arschloch befinden könnte. Und dass man ja für eine höhere Macht arbeitet, die ziemlich scheiße ist, aber die einem grad Geld gibt, was man natürlich braucht, um sich Essen zu kaufen und eine Miete leisten zu können. Weswegen ich natürlich auch bei jeglichen Telefonaten, und wenn ich noch so fuchsteufelswild bin, versuche, freundlich zu bleiben. Aber irgendwann reißt auch mein Geduldsfaden und zwar beim Telefonat mit einem 1&1 Mitarbeiter, der mir wieder nicht helfen konnte. Das Gespräch verlief ungefähr so:

„Guten Tag, ich bin die und die, das ist meine Kundennummer, und ich bin wütend und verzweifelt. (Kurzer Bericht, was bisher alles passiert ist.) Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich bin so sauer, dass ich meine Wut und meinen Frust jetzt bei Ihnen ablade.“

Er: „Ja, das ist echt eine verzwickte Lage bei Ihnen.“

Ich: „Wieso?“

Er: „Wir könnten natürlich einen neuen Techniker-Termin vereinbaren.“

Ich: „Aber das bringt nichts, weil ja alle Techniker hier ständig irgendwelche Termine vereinbaren, keiner über das aufgeklärt ist, was bisher geschah und alle mich ständig anschauen, als müsste ich über irgendwas Bescheid wissen. Haben Sie keine Kommunikation in Ihrem Unternehmen?“

Er: „Wir könnten natürlich jemanden damit beauftragen, Ihr Kabel zu erneuern?“

Ich: „Aber wir wissen ja nicht mal, ob es kaputt ist.“

Er: „Aber wenn wir es erneuern, dürfte es ja nicht mehr kaputt sein.“

Ich: „Aber der erste Techniker sagte ja, es käme kein Signal von der Straße, und der vierte Techniker, dessen Aufgabe das ja eigentlich gewesen sein müsste, sagte, der sei nicht befugt, das Kabel zu erneuern.“

Er: „Hmm ja, lassen Sie uns das Kabel erneuern.“

Ich: „Ich will jetzt einfach, dass jemand in mein Haus kommt und mir hilft.“

Er: „Sie müssen jetzt eine Schätzung abgeben, wie lang das Kabel ist und wie viele Bohrungen man durchführen muss.“

Ich: „Hm. 10 Meter und 4 Bohrungen.“

Er: „Sind Sie sich sicher?“

Ich: „Nein, ich habe noch nie über die Länge dieses Kabels nachgedacht.“

Er:„Haben Sie noch weitere Fragen?“

Ich: „Ja, definitiv. Ich bin nicht bereit, 1&1 mein Geld in den Arsch zu schieben, weil ich für eine Leistung bezahle, die ich gar nicht bekomme. Also will ich die Kohle zurück. Ich bin Studentin.“

Er: „Ja, nachdem Ihr Anschluss steht, wird unsere Rechnungsstelle das überprüfen und Sie können natürlich Ihr Geld zurückfordern.“

Ich überlegte während dem Telefongespräch, ob ich ein paar Jokes machen sollte, ließ es dann aber, um meine Wut besser zeigen zu können. Am folgenden Abend fing ich eine neue Serie bei Twitter an, die sich „herzlichen dank, #1und1“ nennt und die von meiner Misere berichtet. Irgendwann in nächster Zeit kommt wieder ein Elektriker in unser Haus, der unser Telefonkabel erneuern soll, falls er diesmal befugt ist. Ob ich dann endlich wieder surfen könne, fragte ich am Telefon. Der Mitarbeiter sagte, nein, dann müsse zuerst wieder jemand von der Telekom kommen.

 In der Umfrage bezüglich der netten Frau gab es übrigens auch die Frage danach, ob ich 1&1 meinen Freunden weiterempfehlen würde. Ich habe diese Frage mit einem Stern bewertet, was das Schlechteste ist. Ein Telefongespräch mit der Frau würde ich jedem meiner Freunde weiterempfehlen. Hätte es ein Kommentarfeld gegeben, hätte ich eingetippt: „Liebe Freunde und Bekannte, am besten ist, wenn ihr euch von diesem blöden Verein fernhaltet. Ich hasse ihn und euch würde ich ans Herz legen, mir es gleichzutun. Wir müssen wieder damit anfangen, uns gegenseitig ein Fax zu senden.“

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