Tagebuch der unerhörten Begebenheiten. Drei: Tod durch Leberkäs hätte den Tag gerettet

9.3.15

Ich bin ja ein Autofahrer. Der Autofahrer an sich ist ein so verachtenswertes wie bösartiges Wesen. Er hat sich für ein Dasein im Kriegszustand entschieden, Krieg herrscht ständig –  mit dem Rest der Autofahrerschaft, dem Fußvolk, den Zweiradfahrern, sich selbst.

Das ist ein anderes Thema, über das schon zu viel geschrieben worden ist. Ich selbst erlebe das Autofahren vor allem in jüngster Zeit weniger als Krieg als als Paranoia. Nicht Aggression (schon auch), aber vor allem Angst prägt die Erfahrung der Kraftfahrzeugbewegung. Die Angst gilt dabei weniger dem Unfall, der unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben und Mitmensch – nein, ich habe weniger Angst vor, sondern Angst um, Angst um das Auto mit dem ich fahre. Mein Auto ist nicht schön, nicht schnell und auch nicht sparsam. Es ist eine Familienkutsche, Modell praktisch, aber nicht hochwertig genug um auch als zuverlässig durchzugehen. Ich fahre meist 126 Stundenkilometer, ungern mehr oder weniger. Dabei muss ich ständig damit rechnen und rechne ich ständig damit, dass mir das Teil um die Ohren fliegt. Im Normalfall geschieht das nicht.

Diesmal schon. Aber der Reihe nach: Zuerst mal freue ich mich nämlich nichtsahnend. Ich bin froh, nicht abgeschleppt worden zu sein, während ich arbeitete. Das ist nämlich die andere Paranoia: Nicht Defekt sondern Abwesenheit des PKWs.

Einstmals, in Hildesheim, bin ich abgeschleppt worden, nicht weit zum Glück, schließlich weckte mich das rückwärtsfahrende Piepsen des Abschleppwagens, ich hechtete ans Fenster, wühlte den Vorhang beiseite, drückte mir die Nase platt und sah: Der Silberne, Pablo genannte, hing schon an der bedrohlich rasselnden Kette, von der er auf die Ladefläche des Abschleppwagens gezogen wurde. Kein schöner Anblick am Morgen, noch schlimmer sind die dazugehörigen Geräusche, die mich bis heute in meine Träume begleiten. Barfuß sprang ich aus der Wohnung. Ein LKW hatte wegen meines rücksichtslosen Parkverhaltens nicht um die Kurve fahren können. Die den Strafzettel ausstellende Polizeibeamtin lächelte herablassend, aber auch sanft. Mir klebte das Haar vom Nachtschweiß fettig auf der Stirn. Ich entschuldigte mich, parkte barfuß um – wobei ich zuerst vor den Augen der arbeitenden Bevölkerung mehrmals am Rückwärtseinparken scheiterte, um dann sehr weit weg zu parken, zahlte dann 170 Euro an das bösartige Abschleppunternehmen und verfluchte Polizeistaat, Kapitalismus, das System, die Ungerechtigkeit des Daseins des kleinen Mannes.

Mit der Angst, das Auto ist nicht mehr da, aber nicht geklaut, sondern zur Strafe weggebracht worden, lebe ich also Tag für Tag. Diesmal ist das Auto da, so wie seitdem jeden Tag und wie jeden Tag kann ich mich der Erleichterung nicht verwehren.

TDUB

Ich fahre los. In einer Stunde ist Einlass, ich möchte Heinz Strunk live sehen. Das Auto gibt seltsame Geräusche von sich. Es hört sich an, als würde sich die ganze rechte Seite der Karosserie gleich verabschieden und auf dem Asphalt zerschellen. Ich parke bei REWE und steige aus. Meine schlimme Befürchtung bestätigt sich: Der hintere, rechte Reifen ist platt. Was tun? Auf dem Parkplatz warnen Schilder vor dem Abgeschlepptwerden. Wer länger als eineinhalb Stunden einkauft, muss nach Hause laufen. So viele Ängste, die sich fast gleichzeitig zu erfüllen drohen.

Ich kaufe zunächst ein. Es ist schließlich Abendessenzeit. Das ist nämlich Paranoia Nummer drei, gleichsam die schlimmste aller Ängste: Im Moment des knurrenden Magens maximal entfernt von Essen zu sein (eine verachtenswerte Wohlstandsangst eigentlich, oder? Frage geht in die Runde diesmal). Deswegen: Immer für Proviant sorgen. Bäcker sind meine besten Freunde, auch die im Eingangsbereich der Supermärkte, aber nur, wenn sie was Belegtes haben. Der Bäcker, der zwar viel trockenes Brot anbietet, aber keine Leckerei für jetzt schnell auf die Hand, braucht gar kein mitleidheischendes Handwerkergesicht aufsetzen, wenn er pleitegeht. So sehe ich das. Der Hunger kündigt sich bereits an, ich hechte also zum REWE-Bäcker, flehe um ein belegtes Brötchen und eine Butterbreze, werfe mit harten Münzen um mich. Ich bin schon zum zweiten Mal heute hier, vorhin schon geschnitten Brot gekauft.

Dann zurück zum Auto. Drin liegen nun drei Bäckertüten: Brottüte, Butterbrezentüte, Semmeltüte. Auf die Uhr geschaut: Scheißzeitpunkt. Alles eh scheiße. Ich schreibe einen Zettel: „Bitte nicht abschleppen. Weg morgen früh.“ Dazu die Handynummer. Dann sperre ich das Auto ab und laufe los in Richtung S-Bahn, muss ja zu Heinz Strunk. Über den Rest kann ich morgen nachdenken. Nach wenigen Metern drehe ich wieder um, Proviant vergessen. Auto auf, Bäckertüte raus, Auto zu, wieder in Richtung S-Bahn davon. Nach wenigen Metern drehe ich um: Da steht das Auto. Auf drei Reifen nur. Das steht ganz schief. Ob das gut ist? Für die Achsen? Die Felgen? Lieber mal Papa anrufen. Papa geht nicht ran. Dann eben Mama, Hauptsache, jemand Erwachsenes. Mama weiß auch nicht so recht. Mama will Papa anrufen, ich blättere derweil im Handbuch des Wagens, suche schon mal den Wagenheber heraus, finde die Stelle, wo ich diesen ansetzen müsste. Also doch jetzt und hier den Reifen wechseln? Zur Schonung des Gefährts? Kein Rückruf bislang, ich entschließe mich dafür und kurble schon mal los, wenn auch halbherzig, ohne rechte Überzeugung. Lieber würde ich das ganze vorher mal googeln, mir ein, zwei Tutorials anschauen. Doch dafür habe ich jetzt weder Gerät noch Zeit. Dann doch der Rückruf: Papa sagt, das macht eh nix, kann ich auch morgen machen, aber Schrauben nachziehen lassen nicht vergessen.

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Na Gottseidank. Also los jetzt, Richtung S-Bahn, zackig davongeeilt. Nach wenigen Metern drehe ich um: Proviant vergessen, mittlerweile hat sich schon ein veritabler Hunger etabliert. Auto auf, Tüte raus und wieder los, jetzt aber schnell. In einer Viertelstunde ist Einlass. Nächste Bahn in: Zwanzig Minuten. Die letzte sehr knapp verpasst. Ich sitze im Ismaninger Bahnhof auf einem Gitterstuhl. Der Duft, der mich umweht, ist mir wohlbekannt. Den ganzen Tag saß ich schon eingehüllt in eben dieses Aroma im Büro. Es ist der köstliche Duft von geschnittenem Brot. Schinkensemmel und Butterbreze liegen im – die Butterbreze, wie sich später herausstellen wird, sogar auf dem – defekten Gefährt. Zurücklaufen und Wiederkommen würde etwa zwanzig Minuten in Anspruch nehmen. Ich entscheide mich dagegen und knabbere trockenes Brot, ich versuche, mich daran zu erfreuen, ich bin ein großer Freund von Brot, zunehmend, es gibt nichts besseres, nichts unterschätzteres als Brot, einfach Brot, wie selten kommt man in den Genuss, selten genug.

So, schlimm genug, denkt man, was soll da noch kommen? Von wegen. Es folgt, natürlich, wie es sich gehört, eine temporäre Phase des allgemeinen Bergauf. Die Bahnfahrt ist angenehm komplikationslos, zwischen Bahnhof und Veranstaltungsort findet sich ein Tengelmann, inklusive Bäcker. Der Bäcker hat seine kargen Reste bereits zusammengeschoben wie um zu sagen: Das hier ist echt der letzte Dreck, ein richtiger Dreckshaufen, selbst für Enten im Park zu schad. Nichts für mich. Also in den Tengelmann gespurtet, da wird sich was Besseres finden. Tatsächlich: Eine Fleischtheke. Leberkäs her!, stammle ich, nach wie vor mehr von der Angst vor dem Hunger auf Trab gehalten als vom Hunger selbst. Auf dem Weg nach draußen schubse ich diverse Menschen auf den Boden, spucke ihnen ins Gesicht. Hab heut schließlich schon genug durchmachen müssen, wer will mich verurteilen? Sobald ich bezahlt habe, stopfe ich mir die Leberkässemmel in Gänze in den Schlund. Fast erleide ich einen Erstickungsanfall, zum Glück aber eben nur fast. Einmal mehr dem Tod von der Schippe gesprungen. Auch schade, eigentlich, weil Tod durch Leberkäs, schöner wird’s nicht mehr.

Dann treffe ich Freunde. Wir schauen uns Heinz Strunk an. Strunk ist eh fabelhaft, braucht man nicht viel zu sagen, um den geht es hier auch gar nicht. Am Ende sogar Computerfreak, sehr schön.

Dann: Zum Bahnhof fahren lassen. Mit S.H. (begegnen Sie im wieder in der anstehenden Buchveröffentlichung des Derm, dann aber unter anderem Namen, dafür in Bolivien) rein in den Bahnhof. Beide haben wir unsere Bahn knapp verpasst und müssen zwanzig Minuten warten. S. kauft sich Kartoffelwedges hier, klaut zusätzliches Ketschup und Mayo dort, weil er noch nicht genug hat, der gierige Ketschup- und Mayo-Hamster. Beschwert sich dann auch noch, weil das Ketschup des Ketschupwagens leer ist.

Im Schacht trennen sich unsere Wege. Ich rein in die Bahn, Musik an, ab nach Unterhaching. Kurz bevor der MP3-Player älteren Modells den Geist wegen Akku aufgibt setzt sich ein Mann mir gegenüber. Das heißt: Die Bahn ist nahezu leer. Er könnte fast überall ungestört sitzen und mampfen, der Mann. Er aber stürmt heran, schnappatmend, gehetzt, wovon?, man weiß es nicht, es ist niemand hinter ihm her, er hat keine Verpflichtungen, machen wir uns nichts vor, die Haare fettig, die Hose zerfetzt, die Augen glubschend, niemand wird ihn erwarten, weder heute, noch morgen in aller Früh. Er setzt sich mir gegenüber, nicht schräg gegenüber, am Gang, sondern direkt gegenüber, auch ans Fenster, um mich auch ja psychopathisch genug anstarren zu können.

Der Mann hat sich etwa fünf Cheeseburger gekauft. Ich glotze stumpf aus dem Fenster. Der Mann mampft und starrt mich an. Herausfordernd. Ich spiele mit dem Gedanken, die Kopfhörer wieder aufzusetzen und so zu tun als würde ich Musik hören, weil ich fast das Gefühl habe, er könnte mich jeden Moment stumpf provozierend ansprechen. Stattdessen beobachte ich sein Spiegelbild. Immer so lange, bis das Spiegelbild zurückstarrt. Noch zwei Cheeseburger. Der Mann ist sehr laut, Brösel kleben auf seiner Unterlippe, am Kinn, rieseln auf seine Hose, er hustet, ich will nicht nachschauen, ob meine Hose etwas abbekommen hat, die Omi auf der anderen Seite des Ganges schüttelt immer dann den Kopf, wenn sein Stierblick gerade nicht auf ihr ruht. Wie erbärmlich muss man sein, um sich von dieser armen Sau so sehr die gemütliche Heimfahrt versauen zu lassen? Aber so sind wir nunmal, die Omi und ich. Die Fahrt zieht sich hin, der Mann macht keine Anstalten, auszusteigen, in Unterhaching taumle ich schlingernd aus der Bahn. Endlich, daheim.

Noch schnell nach der Post schauen: Keine Post. Ab einem gewissen Alter ist das etwas Gutes, weil man eh nur Schlechtes erwartet von den Menschen, die einem Briefe schreiben. Bin ich jetzt etwa schon in diesem gewissen Alter? Ist das das Ende von allem, der Gedanke „Keine Post, na vielleicht besser so“? Mit diesem trüben Gedanken und der zermürbenden Angst vorm anstehenden Reifenwechsel im Kopf wechsle ich zaghaft hinüber ins Reich der Träume. Ich werde den Reifen tatsächlich wechseln, nicht ganz ohne die Hilfe des DHL-Mannes, der der REWE gerade ihre Post bringt. Der Mann stellt sich auf das Schraubendreh-Dings, eine der freundlichsten Gesten des neuen Jahres. Wenn ich eine Frau wäre, würde mich das Klischee vielleicht in meiner feministischen Ehre kränken, aber so geht’s klar. Den Rest hab ich ja allein geschafft, okay?

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