Archiv für den Monat Dezember 2015

Asien, 2015, Smartphone

20150928_152154

So geht es los. München, Flughafen, später Nachmittag. Kann über das Fliegen noch irgendetwas geschrieben werden? Ich glaube, nein. In meinem Gesicht (links im Bild) sehen sie die Vorfreude auf die On-Board-Filmauswahl. Ich poste das Bild bei Facebook, erstmals mit Smartphone unterwegs. Muss man ausnutzen.

20150929_210823

Städte nach Kommunisten benennen. Eine schöne, aussterbende Tradition. Ho-Chi-Minh-Stadt heißt Ho-Chi-Minh-Stadt, oder City, oder HCMC. Wie eine Atemwegserkrankung. Die Männer in den dunkelgrünen Uniformen mit goldenen Sternen auf rotem Grund auf den Schultern wollen uns nicht reinlassen. Weil wir keinen Nachweis haben, dass wir in zwei Wochen wieder abhauen. Ich bin mit einem Fuß schon wieder im Flieger, egal wohin, weil ich noch was fertig schauen muss. Dann buchen wir einen Bus, der uns in zwei Wochen aus der Stadt bringen soll. Wir buchen ihn sogar doppelt, weil uns per Mail nur eine Fehlermeldung erreicht. Dann lassen sie uns rein. Nix Lost in Translation, nix Edward Snowden. Am Abend Hot Pot mit Undefinierbarem, möglicherweise Darm und Ohr, möglicherweise vom Schwein. Schmeckt nicht schön.

20150930_092638

HCMC: Am ersten Morgen steigt J. verschlafen aus seinem Bett. Er hat okay geschlafen, er hat noch den Flug in den Knochen und er mag die Klimaanlagenluft nicht so gerne. Jetzt muss er pissen. Er ist flott unterwegs, J. ist immer flott unterwegs, ganz oder gar nicht, an oder aus, immer hundert Prozent. Dann schreit er und ich schrecke aus dem Bett und sehe, dass J. nur noch auf einem Bein steht und springt und den linken Fuß in den Händen hält. Es hat keinen Tag gedauert, bis sich der erste verletzt. An der absolut unnötigen Schwelle zum Klo den großen Zehennagel geopfert. Der steht jetzt scharfkantig in der Luft.

20151005_121402

Mui Ne. Der Strand ist schlammfarben und verschwindet jeden Tag ein bisschen mehr. Im Meer jagen Kitesurfer nach den Köpfen der Schwimmer. Mui Ne ist nur eine langgezogene, schmutzige Straße, links Massage, rechts Bungalow. Wir werden von zahnlückigen Rollerfahrern umschwirrt. Das Gefühl, für immer schlafen zu können. Die Asiatinnen, die einen bei jeder Bestellung auslachen. Die Sehnsucht, wenigstens ein bisschen Müll trennen zu dürfen. Viel Dosenbier und Gin-Tonic bei Joe’s, um irgendwie alles loszuwerden. Und immer wieder der blinde Rosenverkäufer, der von seiner Tochter durch die Reihen der Essenden und Trinkenden geführt wird: „Ekskjuuse mee…“Ab 22.30 Bayern gegen Dortmund in der russischen Sportsbar Ultras. Der Besitzer findet, Müller sei ein guter Spieler und Lewandowski eine Prostituierte. Ergebnis: 5 : 1. „That’s football.“

20151008_141957

Da Lat. Ja, im Wäldchen beim Kloster regnet es und wir müssen der Frau diese Plastiktüten-Ponchos abkaufen, aber repräsentativ ist dieses Bild nicht, weil Da Lat ist schön. Hier gibt es Skater, die Milchkaffee verkaufen und eine Band, die an jedem verdammten Abend das selbe spielt. Wonderwall zum Beispiel. Heute aber nicht Linkin Park, weil der Sänger ausfällt. Ich lasse mir die Haare schneiden, die sehr jugendliche Friseurin streckt danach beide Daumen hoch und grinst ganz wunderbar. Erinnert mich an ein Pokémon. Wir machen eine Secret Tour, bei der ich eine Holländerin auf dem Roller durch das Hochland fahre und wir von Dorfbewohnern für bombenschmeißende Amis gehalten werden. In Da Lat verspeise ich folgende Lebewesen: Grille, Ratte, Frosch, Schlange, fast Hund. Cool.

20151011_133920

Phu Quoc ist eine Insel. Man kann Kambodscha von hier aus sehen, aber man kommt nicht rüber, weil Vietnam und Kambodscha sich immer streiten, wem Phu Quoc gehört. Wir treffen einen Australier, der mit einer Hamburgerin reist und verstehen kein Wort von dem, was er sagt. Netter Kerl auf jeden Fall. Am besten ist es immer, sich einen Roller zu mieten. Und sich auf dem Nachtmarkt einen Thunfisch zu kaufen. Wir besuchen eine Disko, sie heißt Pirate’s Cave. Die DJane sieht cooler aus, als sie auflegt. Meistens ohrenbetäubende Remixe der neusten Superhits. Es ist ziemlich eisig kalt und ab und an kommt ein Pulk weißer Typen in Unterhemden rein und einer reißt so die Arme in die Höhe und streckt die Zunge raus und die anderen stehen außen rum und wissen eigentlich auch nicht so recht. Es gibt viele Asiatinnen mit sehr kurzen Röcken. Die anderen drängen mich, diesbezüglich etwas zu unternehmen. Ich frage ein Mädchen nach ihrem Namen, sie geht weg. Wird als Erfolg verbucht.

20151013_110444

Grenzübergang. Erst gibt man seinen Pass einer Frau, die den Pass dem Busfahrer gibt, der Busfahrer gibt den Pass dann einem Mann, der an den Autos in der Nähe der Grenze rumlungert, der geht dann voran. Dem geht man nach. Der rumlungernde Mann gibt den Pass an der Grenze einer Frau, die so aussieht, wie die erste Frau, die gibt den Pass dann einem kambodschanischen Grenzer. Die beiden Länder sind sich irgendwie nicht so ganz grün. Deswegen baut Kambodscha Casinos an die Grenzen. Die sind in Vietnam verboten. Auf die Art verhindert Kambodscha, angeblich!, dass die Vietnamesen ihre Grenze verschieben.

20151016_092424

Koh Rong wird einem wie jede Insel in diesen Gewässern als das Tropenparadies auf Erden angepriesen. Ist ja auch echt schön, aber dann zieht das immer diese Unterhemden an, die Pub Crawls und Sandwrestling veranstalten. Ist ja auch ihr gutes Recht. Andere leben tatsächlich davon, Goa-Dj zu sein und wenn man mit denen eine Bootstour macht, haben sie Boxen dabei und legen voll oldschool ihren geschmacklosen Schund auf (echt chillig, Mann!) und verjagen alle Fische. Ich fange trotzdem zwei, J. auch. Am nächsten Morgen muss er mich ans Festland begleiten: Habe die schrecklichsten Schmerzen meines Lebens, im Ohr. Beim Essen fallen mir die Nudeln aus dem Mund. Nachts wache ich auf, sobald die Wirkung der Ibuprophen nachlässt. Der viel zu junge Arzt im wunderbaren Krankenhaus in Sihanoukville verschreibt mir ein bisserl Codein. Das hilft.

20151016_151330

Bei der Rückfahrt teilen wir uns den Kahn mit Baumaterial. Es wird ständig überall gebaut, das ist die Nebensaison.

20151018_104929

Wenn Sie ein Sextourist sind oder werden wollen (uns ist ja jeder Leser recht, ein Klick im anonymen Ozean der Klicks), sich aber vor der strengen thailändischen Polizei und den verurteilenden Blicken der Touristen fürchten, dann ist Phnom Penh möglicherweise genau das richtige für Sie. Es ist, so scheint es, das Paradies der Haarlosen und Fettleibigen, der Teigfinger und Wulstlippen. Das ist nicht schön anzusehen. Zum Glück sehen wir auch einen Affen.

20151018_160822

Ich habe mit meiner Spiegelreflex auch gute Bilder von dem Affen gemacht, aber hier ist jetzt mal nur Smartphone, also muss man sich mit dem Mist begnügen. Generell würde ich sagen, früher war mehr Affen. Der hier ist ein Tempelaffe, der passt da auf, dass alles mit rechten Dingen zugeht, ärgert die Katze, schaut Kickboxen im Fernsehen. Solche Sachen. Hihi, Affe.

20151019_114358

Nach Siem Reap fahren die meisten Leute ja wegen den Tempeln von Angkor Wat. Dabei gibt es dort auch ganz hübsche Plastiken von Vögeln, die die Gedärme eines Menschen fressen. Buddhismus, du machst es richtig.

20151020_054221

Wir sind mit einem Tuk-Tuk-Fahrer verabredet, der holt und so gegen 4 Uhr morgens ab. Denn: Den Sonnenaufgang darf man überhaupt auf gar keinen Fall verpassen. So sieht man dann um die Uhrzeit aus. Bleich, fettiges Haar, Reisebart, übergewichtig. Man setzt sich an den Teich und wartet, dass hinter Angkor Wat die Sonne aufgeht und versucht dabei krampfhaft, bloß nicht einzuschlafen. Als die Sonne sich dann so langsam zeigt, hat sich ein Grüppchen mit ihrem Guide am Ufer des Teiches platziert. Hinter mir stehen fünfzig bis hundert Leute. Die ärgern sich jetzt. Irgendwann erbarmt sich einer und schreit: „Guys! Move ayway! You’re ruining the shot!“

20151020_062436

Schon gut. Aber wenn man jetzt nicht generell jemand ist, der gerne und immer um vier aufsteht, dann, ganz ehrlich, kann man auch noch bisschen liegen bleiben. Angkor Wat ist große Klasse. Aber dieser Sonnenaufgang ist überbewertet. So, jetzt ist es raus.

20151020_070710

Und fegen. Immer fegen. Das ganze Land muss immer optimal gefegt sein. Da wird bei Angkor Wat keine Ausnahme gemacht. Auch Ruinen kann man ab und zu mal ordentlich durchfegen.

20151024_130558

Bangkok. Du warst schon mal hier und denkst, Ah, ja, Bangkok, typisch Bangkok, so ist einfach Bangkok. Wie ein alter Hase. Du wimmelst die Leute ab, die dir was zeigen oder was andrehen wollen. Du knallst dir nen Skorpion vom Spieß rein, den die anderen schnell kaufen, während du auf dem Klo bist. Und du holst dir im Mission Hospital eine neue Ladung Antibiotika. Wegen des Ohrs. Dort wirst du auch gewogen wie ein Mastvieh. Und das ist nun wirklich keine schöne Urlaubserfahrung.

20151025_152756

Okay. Wir sind vier Wochen durch Südvietnam und Kambodscha gehetzt. Im Schnitt drei Tage pro Ort, oder vier. Dann rein in den Nachtbus, da schläft man eh nix. Und dann bleibt er noch liegen. Dann Sight-Seeing. Hier ein Tempel, hier ein Foltermuseum, hier altes Kriegsgerät, zwischendurch ein Eiskaffee, am Abend Sea Food. Vieles ist gar nicht schön, sondern billig oder Baustelle. Dafür ist es heiß und auf meiner einzigen kurzen Hose sind noch immer Fettflecken von einer Pho-Suppe in Ho Chi Minh Stadt. In Bangkok verabschieden wir uns von M., die jetzt heim und arbeiten muss. U., J. und ich wollen uns jetzt entspannen. Und dafür fahren wir nach Koh Phayam und machen dort genau nix. Fünf Tage mindestens hatten wir gesagt, am Ende sind es zwei Wochen. „You don’t need to go anywhere else. This is the best place“, hatte uns ein Schwede gesagt und weil der ein Arschloch war, wollten wir nicht auf ihn hören, taten es dann aber doch.

20151028_130454

Dieser junge Mann setzte sich in der Jungle Bar neben uns. Er sagte: „Hi, do you want bamboo tattoo?“ Das sei sehr ungefährlich sagte er, man könne am nächsten Tag schon wieder in die Sonne und auch ins Wasser. Ich erkundigte mich nach den Preisen. Dann sagte ich: „Hm.“ Wir dachten eine Nacht lang drüber nach. U. entschied sich für ein Horusauge, das passt, weil es für Gesundheit steht und U. so ein Hypochonder ist, der ständig glaubt, sich Malaria eingefangen zu haben. Ich habe jetzt einen Käfer, wegen des Derms aber auch sonst. Es gibt ja nichts Dämlicheres als Tattoos mit Bedeutung.

20151028_130833

Hier freue ich mich, weil ich so ein furchtloser, cooler Typ bin. Ganz süß eigentlich, oder?

20151029_163945

Diese Sache noch. Das ist die Hippy Bar. Als wir Koh Phayam erreichen, ist die Hippy Bar noch zu, wegen Nebensaison. Im Laufe der Woche schmeißen die Hippys ihren Generator an und verkaufen Bier. Sonst nix. Dann sitzt man da so rum, wenn man Glück hat, mit Anti, dem finnischen LKW-Fahrer, wenn man Pech hat, mit einem Engländer, der uns fragt, ob die fucking Merkel eigentlich übergeschnappt sei, die ganzen invaders in sein schönes Europa einzuladen. (Auf Koh Phayam wohnt außerdem ein Rudi, der davon überzeugt ist, Barack Obama sei schwul und Michelle eigentlich ein Michael (man kann das auch googeln, ich will das hier jetzt nicht verlinkt haben) und in Europa herrsche Bürgerkrieg und an der syrischen Grenze stehen zwei Container mit Dollars und iPhones 6 und wenn die Syrer dann Europa übernehmen sollen, bekommen sie alle eine SMS auf ihr iPhone…) Wenn der Generator dann den Geist aufgibt, ist es stockdunkel und also Feierabend. Wir sind ohnehin schon dicht genug. Ich stehe schlingernd auf, weil ich noch schnell ins Meer urinieren möchte. Ich leuchte mir mit einem Feuerzeug und erkenne den Steg, der von der Hippy Bar an den Strand führt. Sobald ich ihn erreicht habe, brauche ich nicht mehr leuchten, denke ich, vergesse dabei aber, dass der Steg sich nach Zentimetern in zwei Stege aufteilt. Ich trete ins Leere, kippe vornüber und knalle mit den Rippen auf einen Pflock. Fast gepfählt, denke ich, während ich mich stöhnend im Sand wälze.

20151108_143226

Und Phuket, also zumindest Phuket Stadt, ist auch besser als ihr Ruf. Wir unterhalten uns mit Ukrainern über den Krieg in ihrem Land, dann geben sie uns Wodka aus, der sogar recht erträglich ist.

20151108_152421

Wenige Stunden bis zum Heimflug. Der Reisebart wächst mir unangenehm in den Mund.

20151110_060226

In diesen sechs Wochen habe ich immer wieder Häme ertragen müssen, weil J. und U. einen deutlich rascheren Rückflug haben als ich. Nach zwei Stunden Aufenthalt in Doha, geht es auch schon weiter. Ich bleibe knapp zehn Stunden. Was die beiden nicht wissen, ist, dass sie daher den Sonnenaufgang verpassen, der am Morgen durch die Fenster linst. Und eine kalte, unbequeme, schreckliche Nacht in einem Quiet Room.

20151111_141730

Fazit? Lieber kein Fazit, wenn man nichts Neues zu sagen hat. Reisen sind gut. Sollte man definitiv ab und zu machen. In Asien sind die Menschen freundlich und das Essen schmeckt gut. Auch wenn einem auf Dauer die Knusprigkeit abgeht. Während des ganzen Rückfluges freue ich mich auf eine Butterbreze und ein belegtes Brötchen. Das kaufe ich mir in Frankfurt und stopfe es innerhalb von Sekunden in meinen Mund.

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , ,
SchöneSeiten

www.schoeneseiten.net | Blog für Gegenwartsliteratur

Leo's Literarische Landkarten

Geographie in Texten und Liedern.

stefan mesch

Literature. TV. Journalism.

new location: visit blog.kreativsaison.de

new location: visit blog.kreativsaison.de

The Daily Frown

Das Magazin für Musik Literatur Alltag