Archiv für den Monat Februar 2016

Der literarische Andi: AUERHAUS

Ich bin ein Fan des literarischen Quartetts. In Hildesheim hatte ich eine Phase, in der ich Nächte im Hochbett damit zubrachte, die ganzen alten Folgen rund um MRR nachzuholen. Ich schlief nicht, sondern hörte den Herrschaften im gehobenen Alter zu, wie sie über Bücher sprachen, die ich nicht gelesen hatte. Das war eine gute Zeit, ich kann das nur empfehlen.

Ich bin aber auch ein Fan der Neuauflage. Ich finde, die Runde ist gut zusammengestellt, Biller nervt nur manchmal über das Maß, ansonsten ist er sehr wichtig für das Format. Das Literarische Quartett funktioniert, wenn es Streit gibt. Oder wenn zumindest die Möglichkeit eines Streits in der Luft liegt, wenn es nicht mehr darum geht, dass eh alles Geschmacksfragen sind und jedes Buch seine Berechtigung hat, sondern darum Qualität und Schrott voneinander unterscheidbar zu machen. Die Neuauflage des Formats hat uns Fans (bin ich der einzige?) schöne Auseinandersetzungen beschert.

Nur einmal waren sich alle vier einig, der leicht pubertär provozierende Biller mit der coolen Brille, die fast bis an die Schmerzgrenze sympathische Christine Westermann, der normale, etwas zur Zickigkeit neigende Volker Weidermann und Gast Daniel Cohn-Bendit, bei dem man nie so recht weiß, was von ihm eigentlich zu halten ist. Und weil ich so ein guter Fan bin, war ich schlagartig überzeugt, dieses Buch lesen, und im Idealfall, besprechen zu müssen. Es handelte sich um Bov Bjergs Auerhaus. Es habe alle umgehauen, die es bislang gelesen hätten, so Weidermann.

Auerhaus.jpgDas meiste, von dem, was in der Sendung gesagt wird, ist richtig. Man kann sie sich anschauen und sich das Lesen von hier an sparen. Bjerg hat so etwas gemacht, wonach ich, glaube ich, generell auf der Suche bin, zumindest was Filme und Bücher angeht: Etwas vordergründig Kleines, Kompaktes, sehr schlicht, einfach. A Single Man ist der prototypische Film, an den ich in dem Zusammenhang immer denken muss.

Man könnte, stumpf, sagen, das liest sich so schön runter. Es stimmt schon, wenige Widerstände, kurze Sätze, eine Perspektive, dünner Plot, wenig Verwirrung. Aber, und hier schlösse sich Billers Frage nach Deutschland und dem Warum an: Nur auf diese Weise gelingt eine Auseinandersetzung mit großen Fragen. Kein Pathos aber: Erwachsenwerden, Schwulsein, Psychiatrie, Suizid. Wolf-im-Schafspelz-Literatur.

Die Konstruktionsprinzipien sind aus den genannten Referenzbüchern bekannt: Tschick (Herrndorf), Schneckenmühle (J. Schmidt). Zweiteres kenne ich nicht, ersteres jeder. Es sind halt die anderen vermeintlichen Jugendbücher der Erwachsenenschriftsteller. Sie nehmen sich einen überschaubaren Rahmen. In Schneckenmühle ist das ein Ferienlager, in Auerhaus das Dorf, bei Tschick meinetwegen die Straße, das Auto. Der zeitliche Rahmen ist begrenzt, auch die Anzahl der Figuren. Überschaubarkeit heißt auch Erzählbarkeit. Brandts Gegen die Welt ist ja auch eine Adoleszenz-Geschichte, aber eine in die Komplexität gesteigerte, die diesen Rahmen sprengt.

Für Höppner und seinen Kumpel Frieder scheint alles normal zu laufen, dem Alter entsprechend: Ein bisschen Mist bauen, irgendwie das Abi schaffen, Sehnsuchtsort Berlin (um dem Wehrdienst zu entgehen, siehe, am Derm-Hausaltar, Sven Regener). Die junge Liebe darf nicht fehlen: Vera mit den langen grünen Haaren ist Höppners Freundin, irgendwie, aber schlafen will sie nicht mit ihm und manchmal mit anderen knutschen schon. Denn Liebe sei ja kein Kuchen, der weniger wird, wenn man ihn teilt.

Auch das ist eines der großen Themen des Buches. Der Offene-Beziehungs-Quatsch und wie er an einem jungen Mann durchexerziert wird, der seine Machtlosigkeit erkennen muss, dessen Lähmung rasend machen kann. Das ist auch schmerzhaft.

Frieders Suizidversuch knallt in diese Welt. Höppner besucht ihn in der Psychiatrie: „Auf den Bänken im Park saßen Leute in Trainingsanzügen und rauchten. Das waren wahrscheinlich die Verrückten. Warum rannten sie nicht einfach davon?“ Danach muss Frieder Medikamente futtern, er soll, so der ärztliche Rat, nicht zu seinen Eltern zurück.

Frieder, Höppner und Vera ziehen in das leerstehende Haus, das Frieders Familie gehört. Cäcilia kommt auch noch mit, sie spielt den Snob, später noch Harald, der Handwerker und Grasdealer und Homosexuelle und zu guter Letzt die wunderbar symmetrische Brandstifterin Pauline. Im Gegensatz zu Tschick drängt der Plot nicht nach draußen, ins Unbekannte, sondern aus dem begrenzten Raum Dorf ins noch begrenztere Auerhaus.

Hier müssen sie überleben lernen, sich versorgen lernen, und sei es durch Ladendiebstahl. Klar kommen, ein bisschen Erwachsenendasein simulieren: „Wir hatten immer so getan, als ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre“, sagt Höppner später und mehr braucht es nicht, um diesen rauschigen Filter der Jugendmelancholie über die Story zu schieben, eine Nostalgie nach dem Jetzt.

Gleichzeitig kann dieses Zusammenleben nie das Zusammenleben einer ganz normalen WG werden. Auch wenn Cohn-Bendit sich gerne erinnert: So sei das damals gewesen, in den 80er-Jahren, und die Gespräche! Ja, manche Gespräche sind bedeutsam, aber Bjerg übertreibt es nicht damit. Er macht schon klar, dass das bedeutsame Gespräch immer auch unangenehm ist und manchmal erzwungen werden muss, dann zum Beispiel, wenn man eigentlich schon gerne wüsste, warum der beste Freund versucht hat, sich umzubringen. Frieder, der Spaßvogel, der den Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz umsägt, der mit der Holzpistole auf Polizisten zielt, der traurige Clown. Vielleicht.

Biller findet: Es gibt eine Erklärung. Der junge Mann leidet an der Kälte des Landes, der Kälte der Erziehung durch seine Eltern. Frieder soll ein kalter Mensch werden, so kalt, wie alles, was ihn umgibt, das möchte er aber nicht. Deshalb will er sterben.

Ich habe das so nicht gelesen. Ich glaube, Bjerg verweigert, ganz bewusst, den tiefenpsychologischen Ansatz einer Pseudo-Erklärung für die Depression eines jungen Mannes. Gerade das ist eine der Stärken des Buches. Natürlich haben Theorien wie die von der Kälte der Eltern ihre Berechtigung, sie drängen sich aber nicht auf. Die Eltern bleiben ohnehin im Hintergrund, blass, unwichtig. Sie verschwinden im Rausch des Adoleszenz-Narzissmus.

Man kann über Auerhaus all diese Dinge sagen, die man über ein solches Buch von dieser Qualität gemeinhin sagt: Es verbindet das Leichte mit dem Schweren, ist so lustig wie tieftraurig. Der Autor kennt die Effektivität seiner Mittel, verknappt, baut Lücken und Abgründe, vertraut den wenigen Worten, die er benutzt. Er vermeidet es, Frieders Leid groß auszustellen. Die schmerzhaftesten Stellen, wie gesagt, sind die, an denen es um Höppner und Vera geht: „Was man theoretisch richtig findet, kann ziemlich weit weg sein, von dem, was man praktisch aushalten kann.“

Klar, so manches retardierendes „Jedenfalls“ am Satzanfang hätte Bjerg sich sparen können. Das ist dann auch ein bisschen zu sehr Herrndorf. Und nein, nicht jede Beobachtung, nicht jeder Joke ist originell. Ich weiß nicht, ob wir noch mehr Lehrer brauchen, die die wenigen Haare, die ihnen geblieben sind, über die Glatze schmieren. Geschenkt, wurscht.

Auerhaus fragt, ob es einen Unterschied gibt, zwischen Freitod und Suizid und ob es sein könnte, dass „ambivalent“ auch nur ein gebildetes oder ironisches Wort für „beschissen“ ist. Das sind kluge Fragen.

Was am Ende der Zeit des Erwachsenwerdens für den Einzelnen herausspringt, wie aus dem Schacht eines Automaten, ist meist recht weit entfernt von allen schönen Vorstellungen. Bov Bjerg räumt beiden ihren Platz ein, den Träumen und der Desillusion. Vielleicht muss man immer am Ausgang von allem ablesen, ob es sich nun um ein Jugendbuch handelt oder nicht.

WIN_20160224_165005.JPG

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , ,

HOW TO SURVIVE SCHEIßJOBS – AUSGABE 2: CeBIT 2015

In der neuen Spitzenrubrik HOW TO SURVIVE SCHEIßJOBS, die vor allem für angehende Kunst- und Kulturschaffende von besonderem Interesse sein mag, berichtet der ehrenwerte DERM über unerträgliche Positionen in unerträglichen Jobs – und wie man sie überlebt.

CeBIT, HANNOVER, 16. BIS 20. MÄRZ 2015

Wo Hände öfter geschüttelt werden als notwendig: 20150316_070051CeBIT 2015. Herzlich Willkommen im Land der Fantasie. In dem die Telekom eine halbe Messehalle mit pinken Regenschirmen schmückt und ein 1 cm großes Pizzastück nie weniger als vier Euro kostet. In der Stadtbahn 6 rüsten sich die gestriegelten Hosts und Hostessen für die kommenden fünf Tage – so auch Juan und ich, wie wir unter der Werbung sitzen, die uns zum fünfhundertsten Mal erklärt, dass das Messeticket die Fahrt per Hannoveraner Stadtverkehr zur Messe leider nicht trägt. Juan hat sich die Haut am Finger so abgekaut, dass er nicht aufhört, zu bluten. Mindestens einer von uns sieht sehr elegant aus.

Bis zu diesem Moment bin ich nicht ausreichend informiert. Ich weiß, dass es meine Aufgabe sein wird, die nächsten fünf Tage durchgehend zu lächeln; dass ich auf eine bestimmte Art geschminkt sein muss (Rouge und Lippenstift); dass ich der Anweisung meines Bosses folge und sie nicht hinterfrage; dass es ein offizielles und absolutes Rauch- und Alkoholverbot gibt und dass ich weder sitzen noch lehnen darf. Was ich nicht weiß: Dass ich für einen indischen Technologiepark an der Infotheke arbeite und nur zwei Aufgaben haben werde: Rucksäcke an Garderobenständer hängen und brav nicken, wenn jemand einen mitnehmen möchte. Und abundzu Kaffee kochen (was bedeutet, in unsere winzige Küche zu gehen und da auf einen Knopf zu drücken). You know how to speak Indian English?, fragt mich mein  Boss mit dem gespaltenen Ohrläppchen zur Begrüßung. Klar, Leute, lächle ich freundlich, kein Problem.

Grundsätzlich muss man sich immer vor Augen halten, dass man mit ein bisschen Menschenkenntnis ziemlich schnell in der Lage ist, abzuschätzen, wann man welche Regeln brechen kann. Weil die Firmen, für die man eingeteilt ist, über diese Regeln nicht informiert sind. Nur die Agentur, von der ich an diese Firmen vermittelt werde, kennt diese Regeln. Die Nicht-Sitzen-Nicht-Lehnen-Regel geht man am besten innerhalb des ersten Tages an, um direkt eine Base zu bauen und zu zeigen: So funktioniert es jetzt die nächsten fünf Tage. Nachdem wir zehntausend Rucksäcke an den Garderobenständern aufgehängt haben (und in mühsamer Arbeit zu dritt aus schweren Pappkartons ins Regal gelagert, was mich persönlich völlig wütend macht, so eine Arbeit aufzuteilen, aber gut), schleiche ich um den Plastikstuhl rum und lehne mich erstmal an, ohne jemals Blickkontakt zu suchen. Es ist wichtig, sich des Regelbruchs so anzunähern, dass er so unauffällig wie möglich ist. Dann, ein paar Minuten später und in einem vermeintlich unbeobachteten Moment, hüpfe ich rücklings auf den Stuhl, mache einen geraden Rücken und schwups haben wir all das in die Normalität integriert, als sich mein Boss mit dem gespaltenen Ohrläppchen neben mich setzt und ein Gespräch beginnt.

In den nächsten Tagen rede ich viel. Ich rede hauptsächlich mit den Vertretern des indischen Technologieparks, die alles in allem eigentlich ganz witzige Typen sind. Am dritten Tag spricht mich einer an, mit dem ich bisher nur in der Küche abhänge. Er möchte ein Businessmeeting mit mir vereinbaren. Ein Business-Meeting mit den anderen Leuten seiner Firma. Wir verabreden einen Termin, er fragt mich, ob ich die einzige Vertreterin seiner Firma in Deutschland sein möchte. Ich sage: Hä? Er sagt: Du brauchst doch Geld, du brauchst doch einen Part-Time-Job. Ich sage: Ja, stimmt. Aber ich kann nur 10 Stunden die Woche, weil ich auch noch andere Jobs hab. Er sagt: Ok, wir suchen wen für 40 Stunden die Woche. Ich sage: Ok, das bin ich nicht und das ist kein Part-Time-Job. Er sagt: Ok, dann suchen wir jemanden für 25. Ich sage: Es gibt bestimmte Gesetze in Deutschland, die mir den Studentenstatus bei einer zu hohen Anzahl der wöchentlichen Arbeitsstunden entziehen, was ich mir persönlich nicht leisten kann; alles, was darüber hinaus geht, dürfe nicht offiziell sein. Er sagt: Aha. Er sagt: Wie gut kennst du dich bei IT aus? Welche Kontakte hast du? Ich sage: Ich kenne mich nicht bei IT aus. Ich kenne mich mittel bei Literatur aus. Aber IT, keine Chance. Er sagt: Wenn du es erstmal kannst – das wird so ein halbes Jahr dauern – wirst du reich sein und Literatur und Journalismus vergessen. Ich sage: Ok. Ich überlege es mir bis nächsten Mittwoch. Ich ziehe meine Jacke an, er sagt: „And what are you giving me for this?“ Wow. Was für ein aufmerksamer, begehrenswerter, charmanter Mann.  Flink flitze ich nach Hause.

Am nächsten Tag kommt ein außergewöhnlich graubärtiger Mann an unseren Messestand und labert mich zu. Das liebe ich ja, zugelabert werden von erfahrenen, weisen Männern, die so manchen Tipp für mein Leben bereit halten. Natürlich hat er auch einige journalistische Tipps auf Lager, die ihm sofort einfallen, nachdem ihm mein Boss mit dem gespaltenen Ohrläppchen verpetzt hat, dass ich was mit Journalismus studiert habe, was ich persönlich immer lieber geheim halte, vor allen Menschen. Er arbeite, sagt der gaffende Mann, ja für die Welt, die ZEIT, die SZ, taz und FAZ, er sei Journalist, großartiger Journalist, und arbeite frei. Und, frage ich, können Sie sich davon finanzieren? Volltreffer. Der gaffende Mann ist richtig eingeschnappt. Nein, antwortet er. Soso, sage ich, und was machen Sie nebenbei? Ich bin Gastronom. Plötzlich liebe ich das Gespräch. Aber nur einige Sekunden. Denn: Natürlich ist der gaffende Mann gleichzeitig auch Literat und überlegt sich momentan, eine Autobiographie zu schreiben. Klar. Bei den ganzen Sachen, die er schon erlebt hat, kein Wunder. Ob ich den und den Pissautor aus Hannover kenne, ob ich das und das pissige Buch kenne, aber ich kenne ehrlich gesagt gar nichts, was den gaffenden Mann in seiner Weisheit bestätigt. Mein Boss mit den gespaltenen Ohrläppchen ermahnt mich später, ich müsse aufmerksamer sein, wenn ich mich mit Menschen unterhalte, und mehr Interesse zeigen. Aber ich bin zu wütend. Er nickt verständnisvoll. Glück gehabt.

Ein Vertreter des indischen Technologieparks macht mich richtig fertig. Er hat seine kleine Kabine links von mir, so dass ich direkt auf seinen Nacken sehen kann, was mich außerordentlich entsetzt: Man kennt das ja als jugendlichen Joke, dass man Menschen immer mit irgendwelchen Tieren vergleicht; aber noch nie hat mich ein Mensch so sehr an einen Fisch erinnert wie dieser Vertreter des indischen Technologieparks. Jeden Morgen, wenn er ankommt und an meiner Infotheke vorbeiläuft, bin ich davon überzeugt, dass er in Wirklichkeit ein Hering ist. Gerne möchte ich das mit meinen Mitmenschen teilen, aber das WLAN bei meinem Stand ist so schlecht, dass ich meinen Tweet nicht absenden kann. Ich schreibe alles auf unsere weißen Notizzettel und stopfe sie in meine Schuhe.

Meine Einnahmen:

51 Stunden, das heißt 510 Euro, abzüglich Lohnsteuer, die bei 50020150317_125814 Euro etwa 100 Euro betragen dürfte, also sagen wir 410,00 Euro, weil ich auf das Restgeld erst nach der nächsten Steuererklärung, also Anfang nächsten Jahres, zugreifen kann.

Meine Ausgaben:

26 Euro für den öffentlichen Nahverkehr. 2,60 Euro kostet das einfache Ticket von unserem Haus nach Messe / Ost. Das heißt 26,00 Euro für die kompletten fünf Tage.

Der Betrag, den meine Agentur für mich von meiner indischen Firma kassiert:

1045 Euro, was vorab überwiesen werden musste, zzgl. dem Hinweis, dass die Kosten steigen können und sich das an meinem Stundenzettel orientiert, bisher sei von 48,00 Stunden ausgegangen worden.

Mitte April bekomme ich von meiner Agentur also 410 Euro aufs Konto überwiesen, minus Fahrtgeld bedeutet das 384 Euro. Aber nicht mit mir. Und nicht mit meinem Boss mit dem gespaltenen Ohrläppchen. Der entscheidet, nachdem er von dieser Ungerechtigkeit Wind bekommt, mir täglich 10 Euro Lunchgeld zuzustecken. Was fünfzig Euro in der Woche macht. Und wovon ich mir ehrlich gesagt nichts kaufe, weil ich immer meine Banane und mein Brot dabei habe, so gut vorbereitet bin ich. Ich bekomme also fünfzig Euro, einfach so. Brauche ich ja gar nicht, diese Kohle. Weil ich überzeugt davon bin, dass ich eine Essstörung habe: Unsere Techniker bringen uns eine Unmenge an Karamellbonbons, die eigentlich dafür gedacht sind, in der Küche für die Mitarbeiter rumzuliegen oder die wir vorne auf einem kleinen Plastikteller servieren, damit sich die Schlenderer bedienen können. Ungefähr drei Stunden schaffe ich es, die Karamellbonbons nicht zu essen. Danach bin ich süchtig und stopfe mich nonstop voll.

Noch besser, als alles, was bisher geschah: Mein zweiter Boss lädt mich zum Essen ein. Erst zögere ich noch, aber dann ist es auch irgendwie normal. Denn eigentlich fragt er nicht, ob wir einen Burger essen gehen wollen, sondern wo er ein Kuscheltier kaufen kann für seine zweijährige Tochter, was ja wiederum eine ganz andere Frage ist. Von mir aus, ja. Ich führe ihn in den schönsten Shop Hannovers, Galeria Kaufhof. Da sein Kind nur sehr weiche Kuscheltiere mag, kaufen wir einen überdimensionalen Hasen, der gerade im Sale ist. Und ungefähr 1000 Schokoeier, die nicht zu osternmäßig aussehen, und die wir anstatt der Karamellbonbons servieren wollen, damit ich meine Sucht wieder in den Griff bekomme. Danach snacken wir noch einen Burger. Was ich jetzt so plane, fragt mein zweiter Boss mich. Jetzt geh ich heim und rauche eine mit Laura, sage ich. Wirklich, sagt er. Ja, sage ich, außerdem will ich duschen und schlafen. Aber mein Kollege hat mich heute verlassen, ich fühle mich einsam, sagt er. Tatsächlich, sage ich. Duschen und schlafen kannst du auch bei mir im Hotel, sagt er. Wie es einfach immer alle Leute dieser Firma schaffen, mich vor den Kopf zu stoßen! Aber ich brauche nur 10 Sekunden, um mich wieder einzukriegen. Ich bringe ihn vom Burger zum Bahnhof, dann sage ich Tschüß, dann will er ewig debattieren, dass ich nicht alleine nach Hause gehen kann, dann laufe ich weg. Glücklicherweise habe ich bereits am ersten Messetag verkündet, dass ich glücklich verlobt bin. Noch glücklicher: Ich habe sogar einen Messeverlobungsring.

Am allerletzten Tag versucht mein zweiter Boss ein soziales Experiment. Er hat die Rucksäcke unter den 36 Vertretern des indischen Technologieparks aufgeteilt, die sich jetzt, nachdem sie merken, wie gut die Rucksäcke ankommen, selbst bedienen und also meine zweite Aufgabe, das Hängen der Rucksäcke an Garderoben, einfach selbst erledigen. Klasse. Ich bringe meinem Boss bei, wie man Zigaretten dreht, schlendere so durch die Messehallen, suche Passi zwischen Halle 3 und 4, finde aber nur Löwenbräu, und snacke in der Pause ein winziges Stück Pizza für vier Euro. Zur Verabschiedung drückt mir mein zweiter indischer Boss noch 50 Euro in die Hand. Geschenke, die ich sonst noch bekomme: 2 Tacker, 1000 Tackernadeln, 1000 Schokoeier, eine Glasschüssel, ein Gästebuch (in das sich nur zwei Damen eingetragen haben), 2 T-Shirts, 2 Caps, 1 Tasse, auf der VERNÜNFTIG & KONSEQUENT steht. Zuhause angekommen finde ich einen Vertreter der Firma bei Tinder. Ich swipe nach links, was heißt: Nein.

Advertisements
SchöneSeiten

www.schoeneseiten.net | Blog für Gegenwartsliteratur

Leo's Literarische Landkarten

Geographie in Texten und Liedern.

stefan mesch

Literature. TV. Journalism.

new location: visit blog.kreativsaison.de

new location: visit blog.kreativsaison.de

The Daily Frown

Das Magazin für Musik Literatur Alltag