Feel the Derm. USA 2016. Teil 1: Die berühmtesten Reisenden der Welt

Im Landeanflug noch schnell die niedergeschlagendste Musik durchhören, die die Spotify-Playlists zu bieten haben. Nix Sinatra. Weakerthans, Eels, Element of Crime. Solche Sachen. Weil New York ja eben nicht San Francisco ist, sondern schwarz weiß und hoffentlich ein bissl windig.

Wir sind seit 38 Stunden unterwegs. In Bamberg in die Bahn Richtung Amsterdam, die Verspätungen addieren sich auf über 80 Minuten, die am Puffer saugen, den Michi extra so großzügig angelegt hat. Geht aber alles klar, easy. In Amsterdam Stäff getroffen, Flieger nach Moskau. Nach Moskau! Um Nach New York zu kommen. Amsterdam – Moskau gleich Kurzstrecke, gleich kein Entertainment. Bier gibts ohnehin nicht, nur Wein, der Wein ist warm. Fünf Stunden Aufenthalt in Moskau und niemand, der einem einen kleinen Wodka ausschenken würde. Fürchterliches Dösen auf Flughafensesseln.

Also Brooklyn und ja, ja, klar, New York, die berühmteste Stadt der Welt und so: Ein Besuch also nicht um zu sehen, was da ist, sondern, wie es ist zu sehen, dass das alles tatsächlich da ist. Al Capone, Woody Allen, Carrie Bradshaw und drumherum acht Millionen normale Menschen, die auf die Arbeit gehen. Und keine einzige öffentliche Toilette.

Schön ist das. Wir steigen auf ein Krankenhausdach, wir suchen den Johnny-Ramone-Platz, der überhaupt kein Platz ist, nur ein Schild, wir suchen Wifi und essen Sandwiches, die vielleicht für den unguten Stuhl verantwortlich gemacht werden müssen oder das Leitungswasser, das schmeckt, als würde man Schwimmbad schlürfen. Wir treffen Taylor und Peter, Freunde von Michi, beschämend schlaue, junge Männer. Und natürlich spricht man sofort über Trump und Hillary und wie das alles ist. Eine Shitshow, sagt Taylor. Wunderschönes Wort. Wir sind uns relativ sicher, dass er, also Taylor nicht Trump, eines Tages Präsident sein wird. An der Brooklyn Bridge steht ein Mann, der Touristen gegen paar Dollars auf einen Boxsack hauen lässt: Auf der einen Seite die Clinton, auf der anderen der Donald. Unterhaltsam gewinnt.

Als wir nachts aus der U-Bahn steigen, liegt da eine Frau auf einer Bank, sie ist bekleidet, bis auf ihren Hintern, den streckt sie entblößt in die nachtschwüle Bahnhofsluft wie ihre Monstranz. Eine andere entschuldigt sich ein bisschen zu oft. You come to Brooklyn and have to see something like this. – No Problem.

Weiter nach zwei Tagen. Natürlich riecht der Mann, neben den ich mich im Greyhound setzen muss, unangenehm. Und wir berühren uns deutlich zu oft. Die Zustände des Reisenden: dösen, schwitzen und frieren, sich immer etwas fiebrig fühlen, das alles schönreden als Teil der Erfahrung und hoffen, dass man nicht gezwungen sein wird, das Greyhoundklo zu benutzen. Ist man nicht. Schlucke Kohletabletten wie Erdnussflips, easy. Wir fahren zehn Stunden durch die Nacht und manchmal nickt man minutenweise ein.

Grenzübergang nach Kanada. Der Grenzbeamte kennt die Klischees, die er zu erfüllen hat, das erkennt man an seinem Bart und seiner Freundlichkeit. Überhaupt sind die Kanadier, wie sich herausstellen wird, sehr gut darin, dieser Pflicht dem Reisenden gegenüber nachzukommen: Hello, hi, how are you, ja wir sind die freundlichere Version, usw. Er fragt, ob wir schon genug gehabt hätten, von den USA und lässt uns rein, keine Probleme, herzlich Willkommen.

Niagara Falls, eigentlich, denn wir haben eine Wohnung in Thorold, eigentlich Thorold, eher St. Catherines, beziehungsweise auf dem Campus der Brock University. Die meisten Studenten sind im Urlaub, Sarah nicht, also vermietet sie ein Zimmer der Studentenbude. Und eigentlich müsste sie uns jetzt reinlassen und wir könnten endlich duschen und vielleicht kurz verschnaufen und eine gesunde Kleinigkeit zu uns nehmen, tut sie aber nicht, denn es ist früh am Morgen und Sarah ist auf der Arbeit. Klassische Am-Pm-Verwirrung, aber ihre Schuld tatsächlich. Ein Sarahfreund nimmt unsere Rucksäcke, dann sind wir auf uns allein gestellt.

Der berühmteste Wasserfall der Welt, kanadische Seite, tosende Fluten, Touristenschiffe, Zipline, Casinotouristen mit weißen Basecaps und bequemen Schuhen. Uns gehts ganz schlecht. Niagara Falls, der Ort, ist ein bonbonbuntes Geisterbahnmassaker. Alles ist teuer und blinkt und wir müssen uns erstmal kurz in eine Wiese legen, bevor wir vor den Casinotouristen fliehen, Richtung Stadtrand, eine gammlige Burgerbude, ein goldiger Burgerbrater, der stolz erzählt, dass er einmal ganz viele Pommes auf seinen Burger gepackt habe und wie dick der dann gewesen sei. Das tut gut. Ein Busfahrer sagt god bless you, guys, da kommen einem fast die Tränen.

Auch Sarah ist natürlicht spitze, sobald sie da ist. Sie füttert uns mit nur ein bissl schimmligen Bagels und wäscht unsere Wäsche und findet uns im Allgemeinen supersweet und awesome, logisch. Allerdings mussten wir zweieinhalb Stunden in diversen Bussen verbringen, um von den Falls zurück zum verwaisten Campus zu kommen. Ein komischer Ort, um nachts einen Weißwein zu trinken, aber gut.

Weil Sarah morgen ausgerechnet und zum ersten Mal in ihrem Leben dorthin fährt, wo wir hinwollen, Detroit, bleiben wir eine Nacht länger als geplant in Brock. Wir ziehen um, von Gebäude 7 in die 9, zu Joyce, die sogar noch freundlicher ist und uns mit Schawarma füttert. Bin im Rahmen der Möglichkeiten von romantischen Gefühlen übermannt. Joyce. Was ne Frau. Ein Spaziergang zum Decew Fall versöhnt uns mit der epileptischen Klimbimhölle Niagara. Im Becken, in das sich der Wasserfall ergießt spielen wir mit zwei mittelalten Männern Frisbee. Als sich die beiden verabschiedet haben, kapituliert Michael vor dem Naturerlebnis. Der Mann entblößt sich hinterm Wasserfall stehend und genießt für einen heiligen Moment die Gischt. Morgen Roadtrip nach Detroit, Sarah und wir. Ich hab schon eine rote Nase. Wir sind auf diesem Kontinent sehr beliebt.

20160801_23310020160802_19551720160803_20342720160804_12112620160804_20392720160806_200250

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

SchöneSeiten

www.schoeneseiten.net | Blog für Gegenwartsliteratur

Leo's Literarische Landkarten

Geographie in Texten und Liedern.

stefan mesch

Literature. TV. Journalism.

new location: visit blog.kreativsaison.de

new location: visit blog.kreativsaison.de

The Daily Frown

Das Magazin für Musik Literatur Alltag

%d Bloggern gefällt das: