Feel the Derm. USA 2016. Teil 3: Von Schnitzelburg nach Germantown

Seth erinnert sich an eine Schlange. Sein Vater hatte die im Gartenteich entdeckt. Sie schwamm an der Oberfläche, was entweder heißt, dass die Schlange giftig ist – oder ungiftig, das weiß Seth nicht mehr so genau. You guys should look that up. Jedenfalls ging sein Vater ins Haus und holte die Shotgun, um das Biest damit abzuknallen. So eine Shotgutn streut ohne Ende, keine Chance damit eine Schlange zu treffen. Seth erinnert sich an seine Mutter, die schrie, er, der Vater, werde noch alle Fische umbringen. Aber was soll man machen? My father just loves shooting at stuff.

Hunderte Knarren habe sein Vater zuhause, mindestens, sagt Seth. Und Jacob: Meiner tausende. Irgendwann werde er, Seth, die alle erben, obwohl er eigentlich keine Waffe haben will. But if I have to take one, it should at least have a kick-ass bible verse on it. Er zitiert gleich eine kleine Auswahl.

Jacob und Seth wohnen in einem Einfamilienhaus in Louisville, Kentucky. Auf dem Wohnzimmertisch klebt ein Bernie-Sticker, über alle drei Stockwerke sind Musikinstrumente verteilt, im Keller steht ein riesiger Fernseher, ein Super-Nintendo, ein Nintendo 64 und eine Gamecube, in der Küche hängen die Stars and Stripes, aber umgedreht. Die WG-Katze heißt Trout, Forelle.

Es ist unsere erste Couchsurfing-Experience. Seth und die anderen haben überall Schlafgelegenheiten und wollen gern, dass da Fremde drauf schlafen, damit man sich austauschen kann über Gott und die Welt. Dafür ist das Badezimmer halt mittelmäßig sauber und im Bett des Mitbewohners Nathan, der sich derzeit selbst auf Reisen befindet, riecht es noch nach diesem. Wir sind ein bisschen nervös wegen dieser Couchsurfing-Geschichte, was erwartet man hier von uns? Und das mit dem Austausch ist vielleicht eh nicht so mein Ding.

Die Jungs sind aber, war ja klar, irre nett. Seth arbeitet als Tonmann einer Morning-Talk-Show im Lokalfernsehen. Thema des Tages: Back to School. Die Sommerferien sind vorbei. Außerdem liebt er es, Fahrräder zu reparieren. Er leiht uns drei wunderbar geschmeidige Bikes und wir fahren durch Germantown und Schnitzelburg und zu einer fetten Zeder, an der Lewis und Clark angeblich mal irgendwas gemacht haben. Ein Mann kurbelt sein Autofenster runter und fragt uns, ob wir Pokemon spielen.

Ansonsten: Abhängen, Platten hören, den Jungs Dosenbier und Sandwiches ausgeben, für das schlechte Gewissen, weil man ganz und gar umsonst hier sein darf und sie einem so viel Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Jacob hat Familie in Deutschland und kennt sich aus. Warum, wollen wir wissen, hat das in Deutschland wohl funktioniert, was nirgendwo sonst funktionierte, die Demokratisierung und so: A lot of German women got laid, sagt er und hat sicherlich Recht.

Dass man auf einmal in Kentucky ist. Mega konservativ, mega viele Knarren, mega die Hillbillys, sagt Seth, aber Louisville ist cool, progressive. Die erste Nacht verbringen wir nicht bei Seth und Jacob, sondern im Keller von Jared, einem gut gebauten Glatzkopf mit Jeep. Wir sind uns sicher: Ein Ex-Marine. Weil Jared uns anscheinend ganz gut findet, fährt er uns am Abend noch ein bisschen durch die Gegend in seinem auf 15 Grad runtergekühlten Geländewagen. Er empfiehlt uns die Bambi Bar, obwohl da eigentlich nur alte Männer hingingen. Wir sollen da Wings essen. Machen wir, sagen wir. Good choice, sagt Jared. Die Bambi Bar ist ein holzvertäfelter, amerikanischer Sportsbar-Traum, ein Howdie-How-do-you-do-mäßiges Biertrinker-Paradies für echte Kerle und ehrliche Girls, Pferdediebstahlatmosphäre. Nebenan sitzt ein taubstummer Altmänner-Stammtisch, die Bedienung erklärt uns mehrmals ihre bedingungslose Liebe und wie man ihr einen anständiges Trinkgeld gibt, weil das ja schließlich ziemlich kompliziert ist.

Am letzten Abend dann nehmen wir die Lichterketten-Fußgängerbrücke rüber nach Indiana. Vor einer Bar werden von einem Koch angequatscht. Er hat von einem anderen Koch, der gerade erst aus dem Knast gekommen ist, ein Fahrrad gekauft. Sein altes steht drüben, im Barber-Shop von Mohammed Alis Neffen, wir sollen es uns anschauen, durchs Schaufenster. Er schnorrt sich noch fünf Dollar von uns, dann schlingert auf seinem neuen Bike in Richtung zuhause. Nach wenigen Metern hält er an und dreht sich noch ein mal um: Er liebe Deutschland, sagt er, er wünschte, noch einmal dorthin reisen zu können. We are born enemies, but you have good hearts. Not like those fucking Koreans.

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