Feel the Derm. USA 2016. Teil 5: Anwälte, Antikes, Fettabsaugung. Von Missouri nach Colorado

Einen Bär zu sehen, wäre natürlich das Kronjuwel der Naturbeobachtung. Zumindest wissen wir schon bevor wir uns aufmachen – in die Wildnis und so -, wie man sich im Fall des Bärenfalles zu verhalten hätte: Dem Tier einen Korridor, einen Fluchtweg, anbieten. Sich langsam entfernen. And if the bear fights you – fight back. Meister Petz mit gezielten Faustschlägen – auf die Schnauze! in die Augen! – derart auf die Nerven gehen, dass er sich verzieht. Einzige Chance, dem sicheren Tod doch noch zu entgehen.

Zunächst aber schlängeln wir uns aus der Großstadt und auf den Interstate, die pfeilgerade Verbindung mit dem Süden, Arkansas, Oklahoma, dessen Ränder unterbrechungslos mit den überdimensionierten Billboards gepflastert sind, die für Anwälte, Antikes und Fettabsaugung werben. In den Raststätten schlagen wir uns die Bäuche mit Fastfood voll, das zunächst einmal bewirkt, dass sich der Körper anfühlt wie ein mit öligen Schrauben gefüllter Müllsack. Aber wenn man dafür von einer reifen Dinermutti als Gentlemen und Sweetie angesprochen wird – oder aber : die Getränke zur nach Müll schmeckenden Pizza von einer Modelleisenbahn geliefert werden -, dann macht das mit dem Bodyfeeling quasi nichts mehr aus. In den dazugehörigen Tankstellenshops kann der geneigte Trucker sich und die Familie mit Shirts aus der Designabteilung der National Rifle Association ausstatten. Bunte Farben, Hirschköpfe, Schnörkelschrift: You’ll keep your advice, we keep our guns. Klasse.

Kurz bevor die Dämmerung einsetzt, fahren wir vom Interstate ab und auf die sich schlängelnden Highways durchs Heartland. Wir trinken Wendys Kafee aus Bechern, die eher Bottiche als Becher sind, und finden bei Aurora, Missouri das Motel, das tatsächlich so aussieht, als hätten sie sich beim Bau als Vorlage der collagierten Filmklischees aus unseren Hirnen bedient: Zugang zum Raucherzimmer über den Balkon, außenrum ist nix. Der Motelbesitzer, ein freundlicher, älterer Herr mit starkem Akzent rät uns nach Branson zu fahren. Live Entertainment Capitol of the World, laut Selbstaussage. Dort gebe es eine Beatlesshow und einen Freizeitpark und einen orginalgetreuen Nachbau der Titanic. Liegt leider nicht auf der Route. Außerdem bittet er uns, bevor wir eine Nacht in seinem Etablissement verbringen, um eine Adresse. Für Notfälle, weil ja ständig schlimme Sachen passierten. Die Angst bleibt der liebste Fetisch Amerikas, ein ständig beschworener Terrorist des eigenen Bewussteins.

Fred, der Großcousin, hat uns ein Zelt geschenkt. Weil er so viele hat und nie zelten geht. Zum ersten Mal beziehen wir es im Mark Twain National Forest, in Emerald Beach, direkt am Ufer des Table Rock Lake, Grenzgebiet zwischen Missouri und Arkansas. Das alleine schon. Den Zeltplatz haben wir quasi für uns, die Besitzerin verbringt die Tage mit ihrem Ehemann im Camper. Sie nimmt uns einen symbolischen Betrag ab und erzählt nach kurzem Blabla von ihrer Herkunft: Die Großmutter war Deutsche, sie heiratete in den USA einen syrischen Schnapsschmuggler. Prohibitionszeiten, many, many years ago. Aber schon interessant, gerade jetzt, und wie finden wir die Merkel eigentlich so?

Überhaupt, nach fast zwei Wochen kann man das mal so feststellen: Ungefähr jeder, den man trifft, fragt schnell, wo man denn her sei und ungefähr jeder hat dann a) deutsche Vorfahren, b) Kinder, die mal in Deutschland waren, c) Zeit in Deutschland verbracht, in der Regel als Soldat oder Kind eines solchen. Sie finden das ganz schön toll, dass wir da herkommen und machen sich ein wenig Sorgen um uns, so wie wir uns um sie. Auf der anderen Seite der Grenze, in Arkansas, besuchen wir einen Barbershop, der von zwei Herren im Rentenalter geleitet wird. „Mein“ Friseur stammt eigentlich aus Heidelberg, wo er sein Handwerk gelernt hat, 1947 war das und er damals 14 Jahre alt. Wegen seiner Frau ist er nach Chicago gezogen, in Arkansas genießt er, nach wie vor haareschneidend, seinen Ruhestand. Auf dem Tisch liegen Jagdzeitschriften. Der Friseur spricht Deutsch, ich Englisch, weil er mein Deutsch so schlecht versteht. Er fragt, was ich gerne hätte, frisurentechnisch, bekanntlich eine der am schwersten zu beantwortenden Fragen überhaupt. Also sage ich nothing special und feel free und der Heidelberger macht sich mit etlichen, fremdartigen Gerätschafen an meinem Haupt zu schaffen, schmiert mich mit einem Rasierpinsel ein und massiert mir im Anschluss die Schultern. Handsome, young man, sagt er und hat Recht: Ich sehe aus wie ein handsome, young man, kurz vor der Ausschiffung nach Korea.

Auf dem Zeltplatz unternehmen wir erste Bemühungen in Sachen Selbversorgung, von wegen Wildnis und so. Ich finde eine Angelschnur, an den Haken hänge ich eine der unzähligen Fliegen, dann binde ich die Schnur an einen Stock und hänge sie tomsawyermäßig in den See. Winzige, grüne Fischlein beißen die Fliege vom Haken und schwimmen glücklich-wohlgenährt davon. Wir schmeißen in Speck gewickeltes Huhn auf den Grill und verschlingen das nicht optimal durchgebratene Fleisch vom Fliegenschwarm an den Rand der Tränen getrieben. Die Wildnis nimmt keine Rücksicht. Bären sehen wir nicht, nur Reiher und ähnliches Geflügel.

Zwischen hier und Texas säumen mehr Kirchen und Gunshops als Wohnhäuser unseren Weg. Sweetie hier, Honey da, ein Trucker mit Basecap und Sporen an den Cowboystiefeln, das ist das echte Amerika, wir haben es gefunden. Ein Tag im Ford, bis wir in einem Zweitausend-Seelen-Kaff 60 Meilen vor Amarillo das It’ll do Motel erreichen. Die Tochter der Besitzerin hat in Deutschland gelebt, Luftwaffe. Berlin hat ihr gut gefallen und Italien natürlich. Stäff geht bei der Tanke gegenüber Bier holen, der Sheriff, der tatsächlich auch jetzt noch, mitten in der Nacht, seine verspiegelte Sonnenbrille trägt, mustert ihn argwöhnisch. Wir diskutieren die Möglichkeit, in einer Art Truman-Show gelandet zu sein, einer einmaligen Inszenierung zum Zweck, uns dieses Land genau so zu präsentieren, wie wir es gerne hätten. Vielleicht doch ncht so echt das Amerika.

Wir verlassen Texas, streifen New Mexiko und erreichen, endlich, endlich, Colorado. Im Touri-Büro von Trinidad breitet Lee diverse Karten vor uns aus. Wir befinden uns am südöstlichen Rand der Rockie Mountains. Lee hat eine Zeit lang in Hessen gelebt. Zum Beweis setzt er eine Schirmmütze der Navy auf und lacht, als würde die Mütze unter seinen langen, grauen Haaren einen Lachschalter betätigen. Eine Türkin betritt das Büro, sie hat ein paar Jahre in München gelebt. Lee freut sich, das zu hören: Mütze auf, wanstiges Gelächter. Sie lädt uns nach Arizona ein. Liegt leider nicht auf der Route. Ob es hier denn Bären gebe, fragen wir Lee und Lee erzählt, dass er einmal einen im Haus gehabt habe. Er wirf die Arme in die Luft und schreit, um zu demonstrieren, wie es ihm gelungen sei, das Tier zu vertreiben. Dann lacht er wieder und wir lachen auch. Guter Typ.

Die Indianerin im Tankstellenshop am Highway 12, Highway of Legends, beneidet uns: So ein schönes Wetter, und sie muss arbeiten… Sorry. Der Ford schlängelt sich die Berge hinauf und an Seeen vorbei. Zahlreiche Adler drehen über uns ihre Kreise. Ob es wirklich Adler sind? Wahrscheinlich nicht, wäre aber schön. Wir erreichen den ungeteerten Cordova-Pass Richtung Spanish Peaks Wilderness, der uns auf fast 3500 Höhenmeter befördert. Es ist eine holprige, spekakuläre Fahrt, zwischen den Nadelbäumen tun sich Ausblicke auf, im Hintergrund türmen sich Gewitterwolken, in einer Kurve, etwa fünfzig Meter vor uns steht ein Schwarzbär und schaut in unsere Richtung. Alter, Bär, sagt Michi und Stäff bremst ein wenig ab. Der Bär schüttelt sich als hätten wir ihn bei einer für Bären besonders peinlichen Angelegenheit ertappt und springt dann ungeschickt ins Gebüsch. Ein paar Meilen weiter erreichen wir den höchsten Punkt des Passes. Zwei Cowboys mit Colt und Mantel und allem drumunddran reiten vorbei. Die Luft ist dünn, es gibt einen Zelplatz, wir fahren aber weiter. Nicht wegen des Bärs, wegen der Gewitterwolken!

Nicht zu bleiben, könnte blöd gewesen sein. Am Fuß der Bergkette tut sich flache Langeweile auf, gesäumt von versprengten Hillbillyortschaften, die mit kruden Attraktionen locken. In einer Art Garage gibt es ein Albinikrokodil zu besichtigen, das Gelände steht zum Verkauf. Die Gewitterwolken sind schwarz und überall außer im Norden, da dringt noch ein wenig Sonnenlicht durch, und da wollen wir ja eh hin, mehr oder weniger. Das also ist der Plan: Grob Richtung Denver fahren und einen Campingplatz finden, der heute Nacht nicht absäuft und es uns ermöglicht, morgen nochmal ein bisschen wandern zu gehen. Wir passieren Hooper, wo ständig UFOs gesichtet werden und die Great Sand Dunes, das Land ist flach und campingplatzfrei, nur Farmen und Adler, Tropfen landen auf der Windschutzscheibe, bald wird es dunkel.

Aber, wie das in diesem Urlaub oft so ist, und das nährt natürlich das Truman-Show-Gefühl – echt kann das alles nicht sein – am Ende kriegen wir alles ganz gut hin. Wir verbringen die Nacht nicht in einem schäbigen Motel und nicht im Gewitter, sondern finden im letzten verbliebenen Wolkenloch den Campingplatz von La Garita. Hier gibt es keinen Besitzer, keinen Verantwortlichen, nur einen Schacht, in den man sein Geld schmeißt. Das Gebiet ist ein Klettererparadies, vor soundsoviel Millionen Jahren fand hier der größte Vulkanausbruch aller Zeiten statt, ein Supervulkan, aber mit Superlativen muss man vorsichtig sein in diesem Land. Neben Kletterern gibt es hier Klapperschlangen und zwar gar nicht mal wenige. Neulich sei einer ihrer Gäste auf eine getreten, erklärt uns die gespielt grimmige Alte, die uns einen Rührei-Bratkartoffelberg hinknallt, und verdammtes Glück hätte er gehabt, nicht gebissen worden zu sein. Wir sehen unser Exemplar am kommenden Abend. Fie Klapperschlange kriecht direkt an unserem Zelt vorbei, in all ihrer schlangentypischen Lässigkeit und Arroganz. Wir springen auf den Betontisch, fasziniert und angewidert und endlich bereit, Richtung Stadt aufzubrechen. Wildnis, schön und gut, aber das muss nun doch nicht sein.

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Ein Gedanke zu „Feel the Derm. USA 2016. Teil 5: Anwälte, Antikes, Fettabsaugung. Von Missouri nach Colorado

  1. Grandioser Beitrag, Sweety!

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