Archiv für den Monat Oktober 2017

Fetisch Einöde. Teil 2: Falsche Entscheidungen

Tag zwei und schon wird das Alleinsein zum ersten Mal zur Qual. Man fühlt sich nicht mehr wohl mit so einer Reise, die man sich ausgedacht hat wie ein kleines Drama zur Uraufführung im diskret-privaten Rahmen. Ich fahre also zu einem Stausee. Kann man hier irgendwo einen Kaffee trinken? Nein. Also weiter.

Antenne Thüringen spielt die Hits, ich singe mit und linse nur manchmal auf mein Handy.

In Saalfeld stelle ich das Auto ab. Ich spiele mit dem Gedanken, mir die Feengrotten anzusehen und entscheide mich dagegen. Warum? Das ist im Nachhinein schwer zu sagen. Man ist manchmal, selten genug!, nicht in der Stimmung für Zauberhaftes.

In der Mocaba Espressobar trinke ich einen Kaffee und lese, dann esse ich ein Panino mit Schinken und Walnuss-Tomaten-Pesto. Der Kellner ist unverhältnismäßig begeistert von dem wenigen Trinkgeld, das ich ihm gebe. Unter einem Stadttor rauche ich die erste Zigarette des Tages. Weil ich davor Ricola gelutscht habe, schmeckt sie ein wenig schokoladig. Muss weiter.

Wohin? Richtung Rudolstadt? Hört sich nicht schlecht an, aber auch irgendwie zu groß.

Kurz vor Rudolstadt biege ich ab, in den Wald, Serpentinen, die einen Berg hinaufschlängeln, irgendwie italienisch. Ich erreiche Schwarzburg, ein zweigeteiltes Dorf, unten und oben alles Fachwerk, malerisch.

Oben drauf: Die Schwarzburg. Ich lerne, dass hier die erste deutsche, demokratische Verfassung unterzeichnet wurde, Weimarer Verfassung, 1919 war das. Was man alles nicht weiß.

Ich will hier bleiben, aber die Pension ist belegt, ein Hotel ist zu und ich bin zu scheu, um zu klingeln, in die Jugendherberge will ich nicht, die anderen Hotels sind, Google sagt mir das, zu teuer.

Schwarzburg rausgeputzt, zu sauber, zu flott, und trotzdem tot jetzt in März.

Weiter, Strecke machen, mehr sehen. Ich bin müde, würde gerne jetzt bald irgendwo ankommen, mich noch ein wenig hinlegen vorm Abendessen. Ich versuche, so zu fahren, dass es nach mehr Berg und nach mehr Wald aussieht, Thüringer Wald, das war ja so ein heimliches Ziel bei dieser Reise, die Ziele verbietet. Einmal falsch abgebogen, schon touchiert man den Wald nur noch und vor mir öffnet sich die Ebene, Felder, keine Bäume, wie zur Strafe dafür, dass ich meine halben Gedanken zu konkret an Ziele verschwendet habe.

Das Traurigste ist, dass man mehr Gästehäuser, Wirtschaften, Kneipen sieht, die leer stehen als solche, die noch betrieben werden. Ich fahre irgendwie Richtung Ilmenau, aber Richtung Ilmenau will ich nicht.

Und Rudolstadt ist wirklich zu groß, zu viele Autos und Ampeln, die Hotels schaue ich mir gar nicht erst an. Ich fühle mich überfordert und ein bisschen nervös.

Und das ist das Risiko, das man eingehen muss: Dass man scheitert beim Reisen. Dass es schiefgeht, weil man einmal verzagt ist, einmal denkt, da geht noch mehr, einmal falsch abbiegt, Ilmenau, Rudolstadt, alles Scheiße. Aber Unzufriedenheit ist eigentlich genauso verboten wie Zielehaben.

Ich passiere Teichröda und sehe eine Pension. Schaut nett aus, denke ich, muss ich mir merken. Aber hier bin ich im Tal, ich will auf den Berg. Also wieder rechts, da steht etwas von wegen Schloss. Die Pension Sonja gefällt mir aber nicht, zu privat, kein Gasthaus. Also weiter, vorbei an den leerstehenden Gasthäusern. Nie kann man sich entscheiden, immer denkt man, man findet etwas Besseres, Schleifen und Kreise fahrend wie eine irrlichternde Motte. Zum Glück bin ich allein, keine Diskussionen. Alles Part of the Game.

Zurück nach Teichröda. An der Pension Hopfgarten hängt ein Schild, Gäste möchten gegenüber, im Restaurant Hopfgarten, auf sich aufmerksam machen. Der Besitzer hat mich schon gesehen, ein älterer Herr in der glänzenden Trainingsjacke des FSV Rot-Weiß Teichröda.

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Ich sage, dass ich auf der Suche nach einem Zimmer sei. Kann er haben, sagt der Mann. Man wird hier nicht gesiezt oder geduzt, sondern geerzt. Und zwar konsequent. Er murmelt etwas Unverständliches und läuft dann voran Richtung Restaurant, ich hinterher. Auf halbem Weg dreht er sich um und sagt, er könne auch warten, weil er nur die Schlüssel hole. Also einmal er ich, einmal er er. Als er mir aufsperrt fragt er, ob er zum Arbeiten hier sei. Ich sage, nein, ich fahre einfach durch die Gegend, bis ich keine Lust mehr habe. Ahja, sagt der Mann.

Dann spaziere ich durch den Ort. Er ist wirklich ganz hübsch, kein Schiefer mehr, alles Fachwerk, keine Leerstände. Liegt vielleicht am Gewerbegebiet Teichröda. Sonst aber ist hier nichts. Keine Bar, noch nicht mal eine Spielo, keine Menschen auf der Straße, keine Wanderkarte. Nur ein Friseur und ein zweites Restaurant, Alter Konsum, leider Betriebsurlaub.

Weil der Mann nicht sehr freundlich war, onaniere ich ihm in die Dusche.

Eine Stunde lang kämpfe ich mit der Fernbedienung. Keine Sender. Kein Signal. Endlich finde ich heraus, wie man einen Suchlauf startet. Kein Erfolg. Ich will nicht um Hilfe bitten müssen. Immer wieder Menü, zurück, Einstellungen, Ok. Manchmal funktioniert die Fernbedienung, manchmal nicht. Ich werde zornig. Dann entdecke ich zwei weitere Fernbedienungen auf dem Fliesentisch. So geht das.

Im Restaurant sitzen außer dem Wirt noch drei weitere Gäste. Zwei verabschieden sich bald. Einer sitzt noch schweigend mit dem Wirt zusammen. Ich bestelle Bier, Apoldaer, es schmeckt sehr gut. Ich frage, worum es sich beim Thüringer Rostbrätel handelt. Ein Kammfleisch, sagt der Wirt, vom Schwein. Das probiere ich, sage ich. Das Rostbrätel ist mit einem Haufen Zwiebeln bedeckt, die ich nicht so mag. In den Bratkartoffeln erkenne ich Speck. Der Wirt fragt: Wann will er denn frühstücken?

Wieder nur zwei Bier. Diese Minimalkommunikation den ganzen Tag, alles zweckdienlich, alles Dienstleistung, verursacht, dass ich entweder in Dialogen mit mir oder mit ihr oder in Schreibsprache denke. Man reibt sich innerlich wund. Ich würde gerne weitertrinken, aber hier fühle ich mich nicht wohl damit, noch eins zu bestellen und dann alleine hier sitzen zu bleiben mit dem Trainingsjackenmann, der kein Interesse daran zu haben scheint, mir ungefragt seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Also rauche ich auf meinem Balkon. Die Pension ist architektonisch ein bisschen wie ein Motel. Thüringen ist Kalifornien.

Wo zur Hölle bin ich? Teichröda.

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Vielleicht eine Fehlentscheidung. Hier wird nichts Berichtenswertes mehr geschehen. Ich fühle mich unter Druck, morgen was richtig Gutes zu finden. Und eigentlich schreit vieles in mir nach Heimkehr. Das ist nicht drin, keine Kapitulation.

Am Morgen ist der Rotz noch da, aber durchsichtig, das ist ein gutes Zeichen bekanntlich. Alle Gedanken an Heimkehr fortgewischt. In der Nacht träumte ich von einem Mädchen. Wir lagen in Berlin auf der Straße, mein Kopf auf ihrem Bauch. Ich hatte ein riesiges Terrarium gekauft und nun sprachen wir darüber, welches Tier darin leben sollte. Ich dachte an eine Echse, einen Waran, sie meinte, dafür sei mein Terrarium zu klein. Dann war ihr Gesicht ganz nah an meinem. Ich wusste nicht, ob ich durfte, wir zögerten, dann spürte ich ihre Lippen. Sie waren sehr surreal weich. Wie alpenländisches Gebäck. Ich wachte auf und sah, dass genau dieses Mädchen mir geschrieben hatte.

Ich habe weniger Schmerzen als an den Vortagen und bin voller Tatendrang. Aber ich bin mir unsicher, ob ich jetzt in den Thüringer Wald, also quasi zurück, oder nach Jena fahren soll. Der Wirt hat mir ein Frühstück vor die Tür gestellt. Ich versuche, die Entscheidung per Whatsapp auf verschiedene Freunde abzuwälzen. Die meisten sind dafür, dass ich in den Wald fahre. Im Auto sitzend entscheide ich mich für Jena. Ich will den Abend nicht vorm Fernseher, sondern in einer Bar verbringen.

Ich habe jetzt ein Ziel. So war das nicht gedacht gewesen. Aber Jena hört sich irgendwie gut an.

Jena. Hier, entlang der Saale, ist es schön, sanfte Hügel, in denen Nebel hängt, Dörfer, die gar nicht so sehr nach Verfall aussehen. Ich sehe ein Schloss auf einem Berg, also biege ich rechts ab. Das Schloss ist eine Burg, die Weißenburg, sie liegt direkt neben einer imposanten Rheumaklinik.

Ein Wegweiser sagt, ein Kilometer auf den Elsterberg. Ich beschließe, ein bisschen zu laufen. Erst geht es durch einen kahlen Wald, dann über eine Wiese. Unter mir hängen die Wolken im Tal. Ich komme mir vor wie im Gebirge.

Ich bekomme wenig Luft durch die Nase, der Kopf pulsiert vom Rotz. Egal.

Goethe muss wohl, das steht auf der Wanderertafel, gesagt haben, er finde diese Gegend, das Saaleland, ganz herrlich. Man fragt sich, wo der damals seinen Klumpfuß nicht hingesetzt hat.

Wäre vielleicht mal eine Idee für einen sehr schönen, sehr dünnen Reiseführer: Urlaub machen, wo Goethe nie gewesen ist.

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Nach meiner kurzen Bergtour will ich natürlich auch noch die Burg betrachten. Zwei Vermesser bauen hier gerade ihr Vermessungsgerät auf. Immer muss dieses Land vermessen werden, das hört nie auf.

Ich gehe durch ein Tor und ignoriere ein gelbes Schild an einem Baum: Privatgrundstück, Eltern haften für ihre Kinder. Blödsinn, denke ich. Man wird sich ja wohl noch eine Burg anschauen dürfen. An der Burg hängt auch das Schild einer Biermarke, vielleicht bekomme ich hier sogar einen Kaffee. Und dort vorne ist so eine Art Terrasse von der ich bestimmt einen erhebenden Ausblick habe.

Ein Mann streckt seinen Kopf aus einem der unzähligen Burgfenster.

Ob er mir helfen könne. Nö, sage ich, ich schaue mich nur um. Da hängt ein Schild an dem Baum da vorne, sagt der Mann. Ich glotze ihn blöd an. Ich bin ahnungslos, soll das heißen, ein Schild habe ich nicht gesehen, bitte erklären Sie sich. Privatgrundstück, sagt der Mann. Oh, sage ich, sorry. Ja, sagt der Mann. Bin schon weg, sage ich. Ja, sagt der Mann auffordernd, ja!

Ja, doch.

Weiter Richtung Jena. Das hat gut getan. Vielleicht weil ich mit jemandem sprach, von dem ich nichts wollte, sondern vielmehr er von mir, dass ich von seinem Grundstück verschwinde nämlich.

Wenige Kilometer weiter entdecke ich ein außergewöhnliches Dorf. Es ist sogar eine Stadt, eine der kleinsten Thüringens. Orlamünde. Wieder so ein zweigeteilter Ort. Die Oberstadt krallt sich in einen Bergkamm, eine Reihe Häuser, die aussieht, als könnte sie jeden Moment herunterfallen, in die Dächer der Unterstadt. Attraktion dieser Oberstadt ist die Kemenate.

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Ich weiß nicht, was eine Kemenate ist, sieht aus, wie eine sehr alte Kirche.

Sie ist verschlossen. Ich gehe die Straße auf dem Bergkamm entlang. Pastellfarbene Häuser winden sich einen leichten Anstieg hinauf. Der Ort hat einen Instagram-Filter. Im 18. Jahrhundert gab es hier eine Bierschlacht inklusive Verwundungen. Außerdem stritten die Bürger mit Martin Luther, daran erinnert ein Denkmal. Heute schläft die Stadt, immerzu, Tag und Nacht, Schlaf. Auch in Orlamümde stehen viele Häuser leer. Einen Kaffee kann man hier nicht trinken.

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In Jena, denke ich, sollte es nicht so schwer sein, einen guten Gasthof zu finden. Ich fahre einen Kreis um das Zentrum, stoße dann hinein, glotze halb immer auf das Handy, Google Maps, hier in der Nähe sollte etwas, irgendwas mit Zum Hirsch… Viele Fußgänger um mich herum. Ich bin nicht sehr aufmerksam. Ein roter Blitz. Fuck! Vierzig in der zwanziger Zone. Zwanziger Zone! Wer macht denn sowas? Scheißdreck.

So geht das nicht. Ich fahre ein Stück aus dem Zentrum. Bei Google habe ich die Grüne Tanne entdeckt, die mir Richmann empfohlen hat. Ich sehe das Gasthaus und lese, dass hier die erste Burschenschaft gegründet wurde und dass Goethe hier gern eingekehrt sei. Natürlich! Wenn er mein Nachbar wäre, ich würde ihm das Autofenster einschmeißen.

Ich frage die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt, ob sie auch Zimmer haben. Sie sagt: Nein. Ich sage: Na gut, alles klar, und höre mich dabei unangemessen fröhlich an. Andreas hüpfend ab.

Das Zentrum nördlich umkurven, sich irgendwie durch Einbahnstraßen schlängeln. Gasthof Zur Schweiz. Sieht sehr gut aus, aber auch so, dass man nicht ganz sicher sein kann, ob er noch betrieben wird. Die Tür ist offen. Drin sitzt eine Frau mit derselben blondgefärbten Kurzhaarfrisur. Ich bräuchte ein Zimmer. Für wen?, bellt die Frau. Naja, für mich sage ich. Also, Einzelzimmer, hänge ich an, weil ich merke, dass sie mit meiner Antwort nicht zufrieden ist. Ja, wann?, schreit sie ungeduldig. Heute sage ich, also eine Nacht. Ich kichere nervös. Achtundfünfzig Euro mit Frühstück, sagt die Frau, als handle es sich um ihren letzten Versuch, mich doch noch zu vertreiben. Is‘ okay, sage ich sehr kleinlaut, jeder Preis wäre okay gewesen, das hat sie geschafft.

Ich beziehe mein Zimmer, es ist sehr groß. Ich mache mich auf die Suche nach einer Bratwurst. Das dauert länger als gedacht. Zuerst finde ich einen Sushiwagen, einen Vegane-Burger-Wagen und diverse syrische Shawarma-Stände. Thüringen, denke ich, fuck you. Das Theaterstück von Camus, das ich mir heute Abend anschauen könnte, entfällt wegen Krankheit. Schillers Gartenhäuschen ist geschlossen, wegen Krankheit. Beim Grillteufel bekomme ich eine Wurst. Sie ist erstaunlich zäh. Jena ist eine Enttäuschung. In einem Café lese ich und belausche den Nebentisch. Ein Typ mit Bart und seltsamen Haaren, wahrscheinlich Pädagogik-Hiwi, unterhält sich mit einem Punk-Mädchen mit grünen und orangenen Haaren. Ihr Freund muss Sozialstunden machen und sie sucht einen Aushilfsjob und tanzt nicht gerne. Beide sind schüchtern, als wäre das ein Date. Einmal erwischt mich der Hiwi dabei, wie ich rüberschaue.

An dieser Stelle brechen die Aufzeichnungen ab. Man erlebt immer schnell und schreibt immer langsam. Das ist ein Problem. Ich bin dann noch nach Berlin gefahren. Da war es auch okay.

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