Balkan-Diary 4: Das Weiße Haus bröckelt ins Meer (Insel Brac)

Am Fährhafen der Stadt Supetar auf der kroatischen Insel Brac taumelt ein großer Mann mit ölig schwarzen Haaren. Hey, my friend!, ruft er, als er mich sieht und das ist immer gleich verdächtig, wenn einer, den man noch nie im Leben gesehen hat, Freund zu einem sagt. Hey, sage ich also weitergehend und er: Do you play poker?

Ich frühstücke lieber ein Sandwich und hole mir einen Spiegel für viel Geld, was ja eigentlich immer schön ist nach so einer gewissen News-Auszeit, sich mal zu informieren und dann wiederum deprimierend.

Dann gehe ich an Bord, zurück nach Split. Unter Deck, klimatisierte Chill-Out-Area, ich hole mir einen Espresso, bisschen Spiegel lesen. Und da ist er wieder, der Große, zwei Tische weiter brüllt er einen Typ mit Vollbart an. Die Insassen der Fähre zucken zusammen, das Mädchen hinter der Bar nimmt einen Telefonhörer von der Wand. Der Große aber lässt ab von dem Mann mit dem Bart, taumelt davon und ruft noch einmal, bevor er im nichtklimatisierten Nebenraum verschwindet: Let’s play!

Nie sah ich einen Mann, der so dringend Poker spielen wollte.

Vier Tage habe ich auf dieser Insel verbracht, die in ein paar Wochen wahrscheinlich heillos überlaufen sein wird. Der Badeort Bol macht sich schon bereit und an der Promenade, die in Richtung des goldenen Horns führt – soundso oft von diesem und jenem Internetportal zum schönsten Strand der Welt oder mindestens Europas gewählt –, haben die Verkäufer von Hüten, Magneten, Fußballshirts und schönen Steinen bereits Stellung bezogen und harren der Käufer, die da kommen werden.

Ich kaufe einen Americano, weil ich es leid bin. Ganz kurz: Das große Problem ungefähr aller Länder südlich von Deutschland ist die Größe des Kaffees. Nein, ich möchte nicht, dass ihr Milch hineinschüttet, aber ich möchte trotzdem mehr als diesen, sorry, Vogelschiss in einer Espressotasse. Ich möchte lange an einem Kaffee nuckeln können. Ich möchte damit meinen Durst löschen.

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Mit meinem Gaskocher bereite ich mir ganze Tassen Kaffee zu. Der Typ, der den Zeltplatz hier betreibt ist so ein in die Jahre gekommener Sonnyboy mit extravaganter Sonnenbrille. Als er mich sieht sagt er nicht Hi, sondern: French? Und ich sage mal wieder Nö, German und auf einmal plaudert der Boy quasi flüssig Deutsch mit mir. Seine Schwester lebt in Unterfranken.

Am dazugehörigen Strand kann man auf Liegen liegen oder bei einem noch nicht in die Jahre gekommenen Ami-Sonnyboy Windsurfen lernen. Ich sage Jaja thanks und werde natürlich nicht Windsurfen lernen. Ich muss mich jetzt schließlich erstmal ans Alleinsein gewöhnen, also liege ich gern im Schatten, hole mir einen Espresso von der Bar, schwimme ein kleines Ründchen. Und stelle halb überrascht fest, wie schnell ich ritualisiere – das hier ist also meine Liege – und wie schnell sich in der Abwesenheit von Entscheidungszwang tatsächlich so etwas Ungewohntes wie Entspannung einstellen kann. Schön.

Mit für die Entspannung verantwortlich ist das Vorhandensein eines Fernsehers auf der Camping-Platz-Terrasse. Kroatien spielt gegen Nigeria und bestimmt, denke ich, bestimmt ist dann die Hölle los und alle tanzen und schreien und geben Schnaps aus.

Nichts davon. Vor dem Fernseher sitzt einsam ein alter Schweizer mit langem, grauem Pferdeschwanz und trinkt ganz langsam und schweigsam ein Bier. Der Campingplatz-Typ ist, wie sich herausstellt, Slowene und hat nicht nur eine Abneigung, er hasst die Kroaten. Aber hier ist doch Kroatien…?, sagt der Schweizer langsam, als wüsste er es wirklich nicht. Und der Slowene: Hier arbeite ich nur, vier Monate, dann zurück nach Maribor. Als Kroatien in Führung geht, flucht der Slowene auf Deutsch, erklärt mir, wie ich nach dem Spiel den Fernseher ausschalten soll und braust in seinem Landrover davon. Zurück bleiben der Schweizer und ich. Ich empfinde große Sympathie für diesen Mann. Wir wechseln kein Wort mehr bis Also, gutnacht.

Am Tag, an dem Deutschland ins Turnier einsteigt, will ich eine kleine Wanderung zum Eremiten-Kloster Pustijna Blaca machen. Das findet auch der Slowene gut da, obwohl Kroatien. Zu spät erfahre ich, dass Anstoß nicht um 20, sondern schon um 17 Uhr ist. Ich gerate in Eile, rase über die Insel, bis das Kloster ausgeschildert ist, dann einen Schotterweg hinunter, bis zu einem Parkplatz, von hier eine halbe Stunde Fußweg, dann eine kurze Führung, Dreiviertelstunde zurück zum Auto, über die Insel, zum Camping-Platz… Könnte klappen, könnte gerade so klappen.

Drei Dinge sorgen dafür, dass ich den Anstoß verpasse. Zum einen sind da die Spinnen. Sie sitzen dicht über meinem Kopf, scheinbar schwebend, in ihren Netzen und sie sind fett und schwarz und bösartig und wenn sie sich bewegen, was sie nur selten tun, so geschieht dies mit einer unnatürlichen, beängstigenden Schnelligkeit. Noch bei der dritten, fünften, achten Kolonie dieser Ungetüme zucke ich zusammen, bleibe stehen, sehe mich um: Krabbeln sie mir bereits die Beine hoch? Nein, aber da sitzt schon die nächste. War ich früher Spinnen gegenüber unempfindlich, bin ich nun ein Phobiker. Es ist der umgekehrte Effekt einer Konfrontationstherapie.

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Das zweite ist die Führung. Pustijna Blaca ist ein einzigartiger Ort, ein in den Fels gebautes Refugium der Glagoliten-Mönche, die im 16. Jahrhundert vor den Osmanen hier her flüchteten. Ich will da rein und ich stolpere in eine Reisegruppe, die sich gerade im Eingangsbereich formiert. Eine dünne Reiseführerin fragt mich, ob ich Franzose sei. Das ist hier anscheinend so ein running gag. Ich sage nö und sie fragt, ob ich trotzdem an der Führung teilnehmen möchte. Klar, sage ich. But… it’s in french, sagt sie, was wiederum heißt, dass ich kein Wort verstehe, aber jetzt habe ich das Gefühl aus dieser Nummer nicht mehr rauszukommen.

Ein bärtiger Kroate erzählt nun also etwas auf Kroatisch, die dünne Kroatin übersetzt das mit Hilfe der Franzosen ins Französische und ich stehe auch dabei und sehe mich gespielt interessiert um. Bis mir eine gelockte Französin ins Ohr flüstert: Do you understand? – Not at all, flüstere ich zurück, woraufhin die Gelockte in meiner Nähe bleibt und all das, was da bereits vom Kroatischen ins Französische transferiert wurde nun ins Englische zu übersetzen versucht.

Das macht sie vom Anfang bis zum Ende der Führung und so erfahre ich unter anderem, dass der letzte Priester, der hier oben lebte, Nicola Milicevic, ein ausgezeichneter Astronom war, der von Pustijna Blaca aus Planeten und Asteroiden entdeckte und deshalb in ständiger Korrespondenz mit Sternenentdeckern in aller Welt stand. Was wiederum auch hieß: Nicola brauchte ein Teleskop. Und Klavier spielen wollte er auch. Solche Dinge mussten erst vom Festland an die Küste und dann durch unwegsames Gelände hier her gebracht werden. Normalerweise benötigt man also von unten nach oben eine Dreiviertelstunde. Die beiden Kerls, die den Flügel brachten, waren sieben Stunden unterwegs. Und tranken dabei 65 Liter Wein. Möglicherweise ein Stille-Post-mäßiger Übersetzungsfehler.

Ein Blick auf die Uhr: Anpfiff in einer halben Stunde. Ich nuschle noch schnell ein Merci, dann haste ich los, zurück, bloß zurück zum Auto. Und habe die Rechnung ohne den Bärtigen gemacht. Der steht oben, über mir, am Eingang und ruft: Hey! Ticket! Für die Führung, von der ich so gar nichts verstanden hätte, muss ich also auch noch was zahlen. Okay, hier, Geld, tschau.

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Ich bin zwar schnell beim Auto, aber hier sind nun auch, drittens, die Esel. Es mag an den Spinnen liegen, jedenfalls habe ich mittlerweile eine generelle Skepsis dem Tierreich gegenüber entwickelt. Anstatt mich über die Esel zu freuen, die direkt auf mich zukommen, um mich kennenzulernen, denke ich an deren große Zähne und harte Hufe. Also sage ich zwar noch Hallo, flüchte dann aber in mein Auto und schlage die Tür gerade noch rechtzeitig zu, bevor einer der drei grauen Herren mit einsteigen kann. Er drückt sein Gesicht an die Scheibe wie so ein nerviger Schulbub, ich setze zurück, wende und will losdüsen in Richtung Fernseher, doch den Eseln passt das nicht. Ein weiterer Kollege stellt sich vor mir quer, als wollte er unbedingt das Klischee über sich und seine Artgenossen bestätigen. Ich umkurve ihn mit Leichtigkeit, fuck you, Esel, so nicht.

Bei der ersten Konoba, die ein Schild, Watch Wold Cup here, draußen stehen hat, fahre ich raus. Ich verfolge die Niederlage Deutschlands gegen Mexiko Seite an Seite mit einem aufgepumpten Iren im Dirk-Nowitzki-Shirt, mit dem man herrlichen fachsimpeln kann. Warum nur hat Löw Sané nicht mitgenommen? Solidarisches Nicken. Der Ire ist wegen Abwesenheit der irischen Mannschaft nun für Argentinien, auch nicht so einfach dieser Tage.

Am nächsten Tag also Bol, goldenes Horn und so, alles klar, schön, muss zurück zum Auto, weil ich nur für eine Parkstunde gezahlt habe. Statt zum Campingplatz zu fahren, folge ich einem der braunen Tourismusschilder, die ich so liebe in Richtung eines Klosters. Hier free Parking. Zweitens: Die Attraktion hier ist nicht primär das zwar schöne aber verschlossene Dominikanerkloster mit dem Friedhof, der erst dann eingerichtet wurde, als die Franzosen den Dominikanern erklärten, dass es uncool bzw. unhygienisch sei, die Toten in der Kirche beizusetzen. Hey, hier, toller Acker mit Blick auf den Strand, macht das mal lieber da, okay? Okay.

Später haben die Dominikaner nämlich einen Steinwurf entfernt noch das Weiße Haus gebaut, Bijela Kuca, das von 1936 bis zum Zweiten Weltkrieg als Schule diente. Später zwangen die Kommunisten die Mönche, ihnen den Komplex zu verkaufen, aus der Schule wurde ein Hotel, das größte Hotel der Insel, 300 Betten.

Und das war wohl eine gute Idee, bis der Krieg ausbrach. In den 90er-Jahren schliefen in Bijela Kuca Flüchtlinge. Und auch danach blieben die Touristen aus. Das Weiße Haus steht leer. Hier will niemand mehr schlafen. Es ist ein zerfallendes Monument besserer Tage, übersät mit Graffitis, teils sehr schönen Kunstwerken, teils obszön Auslander aus. Auf der ehemaligen Terrasse sitzt ein junges Pärchen und schaut aufs Meer und sie sehen beide so herrlich traurig aus, dass man fast neidisch werden könnte. Drinnen treffe ich einen Mann, den ich frage, was das hier denn sei, denn ich weiß es noch nicht. Doch der Mann spricht kein Englisch und zuckt nur die Achseln. Also durchstreife ich das ehemalige Hotel unwissend und mit zitterndem Herzen. Überall dort, wo ich keine Angst haben muss, dass mit der Boden unter den Füßen zusammenkracht, will ich gewesen sein. Es ist ein stiller Ort und ebenso traurig, wie das kroatische Pärchen da draußen auf der Bank über dem Mittelmeer.

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