Archiv für den Monat Juli 2018

Balkan-Diary 6: der aktive Vulkan der Marienverehrung (Medjugorje)

Ich möchte bitte keine Mautstraßen mehr fahren. Ich quäle den Kangoo über die Berge im Hinterland Kroatiens, scenic route. Auf Google Maps kann ich mich fast zu einhundert Prozent verlassen. Google weiß, wo ich bin und lässt mich zwischendurch schon mal eine enge Schlaufe fahren, damit ich sehe, wie sie hier heiraten, zwischen Betonpfosten am Straßenrand. Man schickt mir verwunderte Blicke nach. Auf der Straße trocknet eine überfahrene Schlange fest.

Wenige Kilometer weiter überquere ich die erste Grenze, die wirklich eine Grenze ist. Denn Bosnien-Herzegowina gehört nicht zur EU.

Green card, sagt die Frau in dem kleinen Grenzhäuschen und ich gebe ihr zuerst mal den Fahrzeugschein und sie sagt: No, no insurance card und wenn ich die nicht zufälligerweise wegen der Kupplungspanne gerade erst gebraucht hätte, wüsste ich so gar nicht, was sie von mir will.

Ein echter Grenzübertritt, inklusive Herzklopfen und finster dreinschauenden Soldaten und der Unsicherheit, dem stillen Zweifel, wenn die Schranke dann aufgeht, ob es das denn nun wirklich war. Darf ich rein? Jo.

Und dann kommt sogleich die Nachricht vom Netzanbieter: Herzlich willkommen in Bosnien und Herzegowina, hier gibt’s keine mobilen Daten für dich, wobei doch, du kannst irgendwie 16 Mb kaufen für 2 Euro, aber ansonsten fuck you.

Bosnien-Herzegowina ist das erste Land dieser Reise, das ich zum ersten Mal betrete. Dritthöchste Arbeitslosigkeit der Welt, bettelarm, vom Krieg zerfetzt und teils liegen gelassen. Und man neigt dazu, davon auszugehen, dass damit, dass man diese Grenze hinter sich lässt, auf einmal alles anders wird, sich links und rechts der Boden auftut, willkommen in der dritten Welt.

So ist das natürlich nicht. Stattdessen eröffnet sich hier in der südlichen Herzegowina zum einen eine malerische Hügellandschaft. Alles ist grün, nur der Himmel ist blau und die Hölle scheint weit weg. Zum anderen kommt eh kaum das Gefühl auf, dass man sich in einem anderen Land befindet, weil in jedem Dorf, an jeder Kneipe, an jedem Stall die Flagge mit dem Schachbrettmuster hängt, die kroatische oder gar die der nichtexistenten Teilrepublik Herceg Bosna, das kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen.

Diese roten und weißen Würfel jedenfalls sind ein erster Hinweis darauf, wie kompliziert das hier alles ist in Bosnien-Herzegowina, dem Dreivölkerstaat. Hier leben katholische Kroaten, muslimische Bosniaken, orthodoxe Serben – was auch immer das heißt! – und sie lebten hier friedlich, vorbildhaft, solange das alles hier sozialistisches Jugoslawien war, solange alle Tito liebten und der Nationalismus irgendwie gedeckelt war.

Kein Wunder also, dass als dann Anfang der 90er-Jahre alle Deckel von allen Töpfen flogen, der Krieg hier am blutigsten wütete. So viel weiß ich. Aber ich habe noch gar nix verstanden, als ich diese Grenze hinter mich bringe, rein in dieses Paradies, vorbei an dieses Flaggen, die sicher alles sind, aber nicht die Bosnische.

Ich bin auf dem Weg nach Mostar, aber ich kann die Schilder nicht ignorieren, die in Richtung Medjugorje weisen.

Dieser Ort sagt niemandem etwas, außer denen, die sich mit angeblichen Erscheinungsorten der Gottesmutter Maria auseinandergesetzt haben. Und wie ich bereits in Teil fünf dieses Berichts erläuterte, ist das irgendwie mein Thema. Und obwohl ich weiß, dass Medjugorje nicht unbedingt zu den sehenswerten Orten in Bosnien-Herzegowina gehört, steuere ich den Kangoo genau dort hin.

Ganz kurz zur Geschichte: Am 24. Juni stehlen sich sechs Jugendliche auf einen Hügel vor Medjugorje davon, um heimlich zu rauchen. Hier erscheint ihnen Maria erstmals, dann täglich, mittlerweile, etwas dosiert, nur noch monatlich. Am 25. jeden Monats veröffentlich das örtliche Informationszentrum eine neue Botschaft. Medjugorje ist unter den vielen Wallfahrtsorten dieser Art quasi der aktive Vulkan. Hier gibt’s noch was zu sehen – und zwar so, dass man die Uhr danach stellen kann. Herrlich.

Das Interessante an Medjugorje ist erstens der geographische Ort: Die angeblichen Erscheinungen finden im katholisch-kroatischen Landstrich innerhalb der muslimisch dominierten Teilrepublik des sozialistischen Jugoslawiens statt. Maria sagt einen blutigen Krieg auf dem Balkan voraus. Die jugoslawischen Behörden verfolgen die Seher, die in ein Kloster der Franziskanermönche fliehen. Später werden sie in die psychiatrische Anstalt in Mostar eingeliefert. Widerrufen aber wollen sie nicht.

Die Erscheinungen werden dadurch zu einer Art Waffe in einem Krieg, der noch nicht begonnen hat. Auf einmal haben die Katholiken etwas, das weder Muslime noch Orthodoxe vorweisen können: Ein Wunder.

Zweitens die Wirkung: Medjugorje ist in den 80er-Jahren ein absolut unbedeutendes Kaff im europäischen Niemandsland. Hier leben knapp 2000 Menschen. Die Gottesmutter Maria hat aus diesem Kaff einen der populärsten Pilgerorte weltweit gemacht, etwa eine Million Menschen kommen pro Jahr hier her. Teilweise predigen mehr als 7.000 Geistliche parallel. Angeblich ziehen weder Mostar noch Sarajevo mehr Übernachtungsgäste an. Wundersame Erscheinungen sind ein Tourismusmagnet und empfehlenswert für jedes Örtchen in jeder strukturschwachen Region. Man muss als Seher nur konsequent genug sein. Dass der Vatikan die Erscheinungen bis heute nicht anerkannt hat, ist für die Wirkung irrelevant.

Ich komme nicht an einem Feiertag, nicht an einem Erscheinungstag hier her, es ist einfach irgendein Dienstag oder Mittwoch und trotzdem finde ich im Zentrum, nahe der imposanten Jakobuskirche, erstmal keinen Parkplatz.

Fast-Food-Stände säumen meinen Weg, Klosterschwestern und Reisegruppen und Busse schieben sich vorbei. Und genauso wie der Stand mit den gefälschten Fußballtrikots an jeden Strand gehört, gehören hier her die Shops, einer neben dem anderen, mit den Marienfiguren, den Kerzen, den Büchern und Bildern und Rosenkranzketten. Hier, ein Erlösungssouvenir. Und gefälschte Fußballtrikots bekommt man trotzdem, ist ja WM, Modric hängt da und James, also alles gut.

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Ich fahre einen Halbkreis durch dieses Zentrum und bin schon jetzt, obwohl noch nicht mal ausgestiegen, einigermaßen genervt. Ich weiß, dass ich das hier gesehen haben muss, aber es widert mich an, vom ersten Moment an. Und eigentlich bin ich schon auf verschlungenen Pfaden zurück in Richtung Bundesstraße unterwegs, denke ich, als ich doch noch einmal abbiege, weil da nun einmal ein Schild in Richtung Erscheinungshügel weist.

Auf dem Parkplatz am Fuße des Erscheinungshügels lasse ich den Blick über Weinberge schweifen und esse eine Nektarine und ihr Saft saftet mir die Hand ein und das ist ein Problem.

Das Schild weist von hier eine enge Straße hinauf. Hier gibt es links und rechts wirklich nichts anderes mehr als die typischen Souvenirläden. Die sich alle, alle irgendwie rechnen müssen. Aber wenn man vorbeikommt, sieht man nie einen Pilger, der etwas kauft und die Verkäuferinnen lümmeln lässig im Hintergrund, rauchen und ratschen.

Und ich bin hier und eigentlich nicht zu unterscheiden von allen anderen, auch wenn ich kein Kreuz um den Hals trage und kein Rosenkranz durch meine Finger wandert. Auf dem Hügel ist vergleichsweise wenig los, denn der Weg hinauf zum eigentlichen Erscheinungsort, dorthin, wo die sechs Kinder doch eigentlich nur in Ruhe rauchen wollten, ist so belassen: Keine Treppen, nur rötlich braune Felsen. Ich wackle in Birkenstock hinauf bis zum Kreuz. Man hat eine schöne Aussicht. Blondierte Damen folgen mir in stiller Versenkung.

Später entdecke ich auch noch den Parkplatz hinter der Kirche. Jetzt hat das Ganze einen Sog entwickelt. Ich stehe vor Geländekarten, hier Freialtar, dort Kreuzgang, da lang zur Beichte. Ich sehe Kennzeichen aus Kroatien, Slowenien, Deutschland. Und ich höre, mikrophoniert, verstärkt, die säuselnde Stimme eines Priesters, die über die Amphitheater-artig angelegten Bänke schallt und in unendlicher Wiederholung Maria anbetet und preist, davon zumindest gehe ich aus.

Man könnte gut noch ein paar hundert Leute unterbringen an diesem späten Nachmittag, aber das heißt nicht, dass nicht schon ein paar hundert da wären. Und wer nicht sitzen mag, der kniet und breitet die Arme aus. Ein bisschen Ekstase ist immer drin in Medjugorje. Ich streife beobachtend durch die Reihen und fühle mich gleichzeitig beobachtet von einem jungen Mann mit sanftem Gesicht, dem etwas wie ein Ausweis um den Hals baumelt und der entweder auch wie ich durch die Reihen streift, oder wegen mir durch die Reihen streift und mich irgendwann fragen wird, warum ich fotografiere, ob er mir helfen könne.

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Ich flüchte mich hinter die Kirche, wo etwas noch Erstaunlicheres stattfindet: Open-Air-Beichte. Priester dürfen nach Medjugorje eigentlich nur als Privatpersonen kommen, wenn das noch der aktuelle Stand ist. Klar ist, es kommen einige und die stellen dann hier, hinter der Kirche, einen Stuhl auf und ein oder mehrere Kärtchen, auf denen die Sprachen stehen, die sie beherrschen. Vor dem, der Serbokratisch, aber auch vor dem der Deutsch beherrscht, haben sich bereits lange Schlangen gebildet und die glotzen dann gemeinschaftlich zu, wie da von Stuhl zu Stuhl gebeichtet wird.

Auch das betrachte ich einige Minuten.

Ich weiß, dass es sich gelohnt hat, hier her zu kommen, denn Medjugorje ist tatsächlich so ein Ort, wie es ihn auf der Welt kein zweites Mal gibt. Ein Kuriosum. Man kann hier überall stehen bleiben und sich das Schauspiel ansehen, ein Schauspiel das nie aufhört und morgen so aussehen wird, wie es heute aussieht, aber doch nicht identisch.

Und dann muss ich hier weg. Denn es ist interessant, all das zu sehen aus einer gewissen Distanziertheit heraus, aber mit der Zeit, und nun bin ich vielleicht bald zwei Stunden hier, greift es mich direkt körperlich an.

Medjugorje mag geil kurios und irgendwie mystisch sein und all das, vor allem aber spirituelle Massenabfertigung und Geldmache mit naiver Leichtgläubigkeit. Alles, was da dazugehört prasselt hier auf mich ein. Ich bekomme einen flauen Magen und komische Gedanken. Ich muss weg, ich muss weiter. Servus, Maria.

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Balkan-Diary 5: Vepric, Makarska oder Die Nachbildung von etwas Unsichtbarem

Auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, legt die Gottesmuttter Hand an die Kupplung meines Renault Kangoo. Er jault jetzt noch lauter, als ohnehin schon. Er beschleunigt nicht mehr. LKWs überholen mich. Ich rede mir ein, das sei halt ein schweres Auto. Das sei der Gegenwind. Das liege an den gekippten Fenstern hinten, von wegen Aerodynamik und so.

Ich fahre rechts ran auf den Seitenstreifen. Zum ersten Mal auf den Seitenstreifen, den Notfallstreifen, den verbotenen Streifen. Sofort steigt mir der typische Kupplungsgeruch in die Nase, den man riecht und man weiß, aha Kupplung, ohne eine Ahnung zu haben, was genau da überhaupt so stinkt und warum.

Einfach einen Moment warten, denke ich, eine Pause gönnen, abkühlen lassen. Erstmal die gekippten Fenster hinten zumachen. Ich stelle fest, dass der Gegenwind lange nicht so stark ist, wie ich gedacht, gehofft, mir eingeredet hatte. Alles wird gut, denke ich und starte den Motor, alles gut bis hierhin, und lege den ersten Gang ein und gebe Gas, doch der Kangoo bleibt stehen. Und fährt nicht mehr.

Ich stehe auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, fast zweitausend Kilometer von daheim und die Gottesmutter hat mir das Auto geschrottet. Ich wühle durch Zettel, die sich im Handschuhfach angesammelt haben, Dokumente von jetzt und von früher, vom alten Auto und vom Vorbesitzer und von der Vorbesitzerin (Mama) des alten Autos. Ich muss irgendwo anrufen und weiß nicht wo, ich weiß noch nicht mal, in welchem Verein ich Mitglied bin und wo nicht. Ich bin stets zu naiv, optimistisch und faul gewesen, um mich mit dieser Möglichkeit auseinanderzusetzen.

Ich rufe bei der falschen Versicherung an. Ah, okay, danke trotzdem. – Ja, alles Gute. Ich überlege etwas zu lange, ob ich die gelbe oder die orangene Warnweste anziehen sollte, entscheide mich dann für die gelbe. Ist seriöser. Muss ich ein Warndreieck aufstellen? Ich probiere es nochmal mit Gasgeben. Nichts. Der Kangoo rührt sich nicht.

Ich finde die richtige Nummer, spreche mit einem netten Herrn, dem ich die Situation erkläre. Ich nenne Grabovac und Zagvozd, aber die falsche Autobahnnummer. Ich bekomme einen Rückruf und alles klärt sich auf und dann noch einen auf Englisch und dann soll ich warten und bestimmt dauert es bloß eine halbe Stunde und dann werde ich abgeschleppt und alles wird gut.

Ich sitze auf dem Seitenstreifen, gelbe Warnweste, und lese den Spiegel und mache Selfies und schicke sie nach Haus. Zwei Männer in so einem orangenen Baustellenwagen kommen vorbei, Autobahnmeisterei würde man in Deutschland wahrscheinlich sagen. Sie fragen, was los sei und drücken mir einen Zettel in die Hand, da soll ich unterschreiben. Ich verstehe nix, aber wenigstens kriege ich auch ein Exemplar. Für meine Unterlagen. Danke.

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Und ich warte. Five minutes, habe ich zu den Jungs von der Autobahnmeisterei gesagt. Und five minutes vergehen und auch zwanzig, eine halbe Stunde, ich lese den Spiegel. Ich schmiere mir den Nacken mit Sonnencreme ein. Und dann keimt herrliche Hoffnung, als ich sehe, dass sich ein Abschleppwagen nähert, wenn auch auf der falschen Seite. Am Steuer sitzt ein Kerl mit weißrandiger Kokser-Sonnenbrille und als er mich sieht, fährt er langsamer und deutet fuchtelnd an, dass er wenden muss, schon klar, und dass er dann wiederkäme.

Und die nächste halbe Stunde vergeht. Der Kangoo knackt leicht in der dalmatinischen Hitze. Und ich lese den Spiegel und glotze aufs Handy. Nächste Ausfahrt wird halt weit weg sein, denke ich, Misskommunikation, über so viele Ecken, kein Wunder. Da kommt der Abschleppwagen wieder um die Kurve mit der Sonnenbrille am Steuer und hinten drauf auf der Abschlepprampe sitzt schon einer, ein anderer, steht ein anderes Auto, wo der Kangoo stehen sollte, mein himmelblauer Kangoo.

Okay, ich will es nicht überstrapazieren: Nach insgesamt knapp zwei Stunden kommt der gleiche Kerl wieder und sagt, heute sei aber ein crazy day und ich denke, naja, good for you und sage: A lot of work for you. Aber er murmelt nur unzufrieden. Der Kangoo ist fest vertäut und der Mann bringt mich und ihn ins unweit entfernte Makarska. Schicksal möchte man meinen, Fügung.

Der Werkstattchef ist ein netter Mann, der gut Englisch spricht und mir erstens sagt, dass das sicher die Kupplung sei und nicht der Motor und dass er hier auch eine Ferienwohnung für mich hätte, die kann seine Frau schnell vorbereiten und wenn meine Versicherung nicht zahlen mag, macht er mir special price. Ja, ja, schon gut, es ist alles Recht.

Die Ferienwohnung hat eine Klimaanlage und einen Fernseher und das ist das Wichtigste. Während draußen der Sommer weiter so richtig hochfährt, sitze ich im eisigen Wohnzimmer meines neuen Apartments und verfolge die Fußball Weltmeisterschaft. Auch dann, wenn ich mich gerade am Telefon befinde, und am Telefon befinde ich mich in den kommenden beiden Tagen oft, läuft lautlos der Fernseher. Und am anderen Ende der Leitung erklärt mir jemand, dass die Übernachtungen erst ab der dritten bezahlt werden und dann dass das gar nicht stimme und dann dass ich ja gar keinen Schutzbrief hätte und dass also überhaupt gar nichts bezahlt werde und dann dass ich ja doch einen Schutzbrief hätte und bloß die entscheidenden Dokumente nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen seien. Und jetzt müsse man halt mal kucken.

Dazwischen: Lange Aufenthaltszeiten in der dudelnden Warteschleife meiner Versicherung. Klimaanlage an, Fußballkucken.

Manchmal fragt der Meister, ob ich etwas Neues wisse von der Versicherung und ich mache gequälte Geräusche als Antwort. Und dann zeigt er mir, was er beim Kangoo alles ausgebaut hat und erzählt, dass morgen die Teile kommen. Ich persönlich habe weder eine Ahnung, warum ein Auto fährt, noch was eine Kupplung macht und jeder, der so eine Ahnung hat, ist in meinen Augen ein Freak, aber ich habe großes Vertrauen diesem Mann gegenüber und er, so scheint es mir mit der Zeit, fast väterliche Gefühle mir gegenüber, diesem bleichen Deutschen, der in seiner Werkstatt gestrandet ist, auf dem Weg in die Herzegowina.

Am Ende kommen mir diese drei Tage unendlich lang, zermürbend, demotivierend vor. Auf einmal mag ich am liebsten Daheim sein. Am Anfang aber bin ich noch absolut gewillt, das Beste aus dieser Situation zu machen. Ändern lässt es sich ja nicht. Was gibt’s hier denn so?

Und Makarska, das ist das kleine Glück in diesem Unglück, ist äußerst bezaubernd, vielleicht die schönste Stadt meiner bisherigen Reise. Sie hat einen kleinen Strand und einen Hügel, von dem es sich schön glotzen lässt, sie hat enge Gassen, einen Platz, auf dem traditionell getanzt und gefiedelt wird, in ihrem Rücken ragt beeindruckend das Biokovo-Gebirge und es gibt tolles Risotto und Tintenfisch und eine Bar, in der ich forsch Rotwein bestelle. Do you have a favourite?, fragt der hippe Kellner. Dry and cheap, sage ich, der Werkstattrechnung bedenkend, die zu bezahlen sein wird.

Ganz egal, denke ich zunächst also, toll, hier sein zu dürfen, was muss ich gesehen haben? Das Muschelmuseum ist leider schon zu. Hinter der Schule spielen alte und junge Herren Boccia.Und im Park an der Franjo Tudjman Promenade steht unschuldig eine Statue von, genau, Franjo Tudjman, dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes, den nur der rechtzeitige Tod vor einer Anklage in Den Haag wegen Kriegsverbrechen bewahrte. Auch in Split gibt es eine Statue für den beinharten Nationalisten, Antisemiten, Rassisten, und in Pakostane und in Ploce. Ein überlebensgroßes Monumental-Denkmal entsteht zurzeit in Zagreb und soll in diesem Jahr enthüllt werden. Mann kann sich seine Helden nicht aussuchen – wobei, dochdoch, eigentlich schon.

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Das alles hat, zugegeben, wenig Schicksalhaftes, gar Göttliches an sich. Die Sache ist aber die: Seit ich vor rund drei Jahren eine umfangreiche Recherche zum Thema Marienerscheinungen in meiner Heimat und darüber hinaus begann, begnen mir solcherlei Orte, an denen sich die Gottesmutter angeblich zeigte, immer wieder. Maria verfolgt mich.

Eine gar kurze Recherche zeitigt, dass es hier, einen etwa halbstündigen Marsch entlang der brütend heißen Hauptstraße und dann durch ein Wohngebiet entfernt einen Ort namens Vepric gibt. Und dass ich diesen Ort sehen muss, ist klar, denn das ist besonders geil: Hier ist überhaupt gar nix erschienen. Hier hatte einfach nur ein irrer Bischof, Juraj Caric, Bock, die Pilgerstätte des bekanntesten Erscheinungsortes Lourdes mal eben nachbauen zu lassen, mit Grotte und Außenaltar und Erzengel-Gabriel-Statue und allem drum und dran.

Und als kleine lokale Zugabe gibt es eine Art Museum, in dem Bilder eines kroatischen Künstlers hängen, die zeigen, wie stählern der Herr war:

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Vepric ist quasi die Nachbildung von etwas Unsichtbarem, die Imitation von Mystik. Das noch viel Geilere daran: Es funktioniert. Natürlich kann der Schrein nicht mit dem Massentourismus an der Originalstätte mithalten. Aber an bestimmten heiligen Tagen pilgern etliche Gläubige hier her, um sich angesichts des Nachbaus vielleicht ein wenig der Illusion hinzugeben, sie wären woanders, an einem Ort in Frankreich, wo ein kleines Mädchen in 1858 die ein oder andere Botschaft empfing.

IMG_20180620_121922.jpgUnd deshalb, so müsste man meinen, hat die Gottesmutter ausgerechnet hier Hand an meine Kupplung gelegt. Wenn man glaubt, dass es sie gibt und sie sowas kann zumindest. Und wenn ja, dann hätte sie doch einen ganz guten, augenzwinkernden Humor, mit dem sie mir sagt: Zieh dir rein, was die Leute machen in ihrer Verrücktheit, zu der doch nur Glaube befähigt.

Am dritten Tage also frage ich nach dem Fortgang der Reparatur. Seine Frau müsse nur noch die Rechnung fertig machen, dann könne ich weiterfahren, lässt mich mein Mechaniker wissen. Und dann sieht er mich streng und etwas traurig von oben her an: Now you go to the beach, it’s a shame you haven’t been there. Und ich frage mich, woher er das wissen kann, aber es stimmt. Ich habe meine Zeit hier in Restaurants, vor dem Fernseher und an der Pilgerstätte verplempert anstatt, wie es sich gehört, am Strand zu fläzen.

Die Badehose und das Handtuch befanden sich allerdings auch im aufgebockten Kangoo. Bevor ich Abschied nehme von dieser ungeplanten Station, packe ich also das Zeug und mache mich auf den Weg. Ein letztes Mal aufs Meer glotzen, eine letzte kleine Runde im Meer schwimmen. Dann geht es weiter. Das Auto lässt sich nun so ungewohnt geschmeidig an, dass ich drei Mal abwürge, bevor ich es endlich aus dieser Ausfahrt schaffe. Ich hoffe, mein Mechaniker hat das nicht gesehen.

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