Balkan-Diary 5: Vepric, Makarska oder Die Nachbildung von etwas Unsichtbarem

Auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, legt die Gottesmuttter Hand an die Kupplung meines Renault Kangoo. Er jault jetzt noch lauter, als ohnehin schon. Er beschleunigt nicht mehr. LKWs überholen mich. Ich rede mir ein, das sei halt ein schweres Auto. Das sei der Gegenwind. Das liege an den gekippten Fenstern hinten, von wegen Aerodynamik und so.

Ich fahre rechts ran auf den Seitenstreifen. Zum ersten Mal auf den Seitenstreifen, den Notfallstreifen, den verbotenen Streifen. Sofort steigt mir der typische Kupplungsgeruch in die Nase, den man riecht und man weiß, aha Kupplung, ohne eine Ahnung zu haben, was genau da überhaupt so stinkt und warum.

Einfach einen Moment warten, denke ich, eine Pause gönnen, abkühlen lassen. Erstmal die gekippten Fenster hinten zumachen. Ich stelle fest, dass der Gegenwind lange nicht so stark ist, wie ich gedacht, gehofft, mir eingeredet hatte. Alles wird gut, denke ich und starte den Motor, alles gut bis hierhin, und lege den ersten Gang ein und gebe Gas, doch der Kangoo bleibt stehen. Und fährt nicht mehr.

Ich stehe auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, fast zweitausend Kilometer von daheim und die Gottesmutter hat mir das Auto geschrottet. Ich wühle durch Zettel, die sich im Handschuhfach angesammelt haben, Dokumente von jetzt und von früher, vom alten Auto und vom Vorbesitzer und von der Vorbesitzerin (Mama) des alten Autos. Ich muss irgendwo anrufen und weiß nicht wo, ich weiß noch nicht mal, in welchem Verein ich Mitglied bin und wo nicht. Ich bin stets zu naiv, optimistisch und faul gewesen, um mich mit dieser Möglichkeit auseinanderzusetzen.

Ich rufe bei der falschen Versicherung an. Ah, okay, danke trotzdem. – Ja, alles Gute. Ich überlege etwas zu lange, ob ich die gelbe oder die orangene Warnweste anziehen sollte, entscheide mich dann für die gelbe. Ist seriöser. Muss ich ein Warndreieck aufstellen? Ich probiere es nochmal mit Gasgeben. Nichts. Der Kangoo rührt sich nicht.

Ich finde die richtige Nummer, spreche mit einem netten Herrn, dem ich die Situation erkläre. Ich nenne Grabovac und Zagvozd, aber die falsche Autobahnnummer. Ich bekomme einen Rückruf und alles klärt sich auf und dann noch einen auf Englisch und dann soll ich warten und bestimmt dauert es bloß eine halbe Stunde und dann werde ich abgeschleppt und alles wird gut.

Ich sitze auf dem Seitenstreifen, gelbe Warnweste, und lese den Spiegel und mache Selfies und schicke sie nach Haus. Zwei Männer in so einem orangenen Baustellenwagen kommen vorbei, Autobahnmeisterei würde man in Deutschland wahrscheinlich sagen. Sie fragen, was los sei und drücken mir einen Zettel in die Hand, da soll ich unterschreiben. Ich verstehe nix, aber wenigstens kriege ich auch ein Exemplar. Für meine Unterlagen. Danke.

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Und ich warte. Five minutes, habe ich zu den Jungs von der Autobahnmeisterei gesagt. Und five minutes vergehen und auch zwanzig, eine halbe Stunde, ich lese den Spiegel. Ich schmiere mir den Nacken mit Sonnencreme ein. Und dann keimt herrliche Hoffnung, als ich sehe, dass sich ein Abschleppwagen nähert, wenn auch auf der falschen Seite. Am Steuer sitzt ein Kerl mit weißrandiger Kokser-Sonnenbrille und als er mich sieht, fährt er langsamer und deutet fuchtelnd an, dass er wenden muss, schon klar, und dass er dann wiederkäme.

Und die nächste halbe Stunde vergeht. Der Kangoo knackt leicht in der dalmatinischen Hitze. Und ich lese den Spiegel und glotze aufs Handy. Nächste Ausfahrt wird halt weit weg sein, denke ich, Misskommunikation, über so viele Ecken, kein Wunder. Da kommt der Abschleppwagen wieder um die Kurve mit der Sonnenbrille am Steuer und hinten drauf auf der Abschlepprampe sitzt schon einer, ein anderer, steht ein anderes Auto, wo der Kangoo stehen sollte, mein himmelblauer Kangoo.

Okay, ich will es nicht überstrapazieren: Nach insgesamt knapp zwei Stunden kommt der gleiche Kerl wieder und sagt, heute sei aber ein crazy day und ich denke, naja, good for you und sage: A lot of work for you. Aber er murmelt nur unzufrieden. Der Kangoo ist fest vertäut und der Mann bringt mich und ihn ins unweit entfernte Makarska. Schicksal möchte man meinen, Fügung.

Der Werkstattchef ist ein netter Mann, der gut Englisch spricht und mir erstens sagt, dass das sicher die Kupplung sei und nicht der Motor und dass er hier auch eine Ferienwohnung für mich hätte, die kann seine Frau schnell vorbereiten und wenn meine Versicherung nicht zahlen mag, macht er mir special price. Ja, ja, schon gut, es ist alles Recht.

Die Ferienwohnung hat eine Klimaanlage und einen Fernseher und das ist das Wichtigste. Während draußen der Sommer weiter so richtig hochfährt, sitze ich im eisigen Wohnzimmer meines neuen Apartments und verfolge die Fußball Weltmeisterschaft. Auch dann, wenn ich mich gerade am Telefon befinde, und am Telefon befinde ich mich in den kommenden beiden Tagen oft, läuft lautlos der Fernseher. Und am anderen Ende der Leitung erklärt mir jemand, dass die Übernachtungen erst ab der dritten bezahlt werden und dann dass das gar nicht stimme und dann dass ich ja gar keinen Schutzbrief hätte und dass also überhaupt gar nichts bezahlt werde und dann dass ich ja doch einen Schutzbrief hätte und bloß die entscheidenden Dokumente nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen seien. Und jetzt müsse man halt mal kucken.

Dazwischen: Lange Aufenthaltszeiten in der dudelnden Warteschleife meiner Versicherung. Klimaanlage an, Fußballkucken.

Manchmal fragt der Meister, ob ich etwas Neues wisse von der Versicherung und ich mache gequälte Geräusche als Antwort. Und dann zeigt er mir, was er beim Kangoo alles ausgebaut hat und erzählt, dass morgen die Teile kommen. Ich persönlich habe weder eine Ahnung, warum ein Auto fährt, noch was eine Kupplung macht und jeder, der so eine Ahnung hat, ist in meinen Augen ein Freak, aber ich habe großes Vertrauen diesem Mann gegenüber und er, so scheint es mir mit der Zeit, fast väterliche Gefühle mir gegenüber, diesem bleichen Deutschen, der in seiner Werkstatt gestrandet ist, auf dem Weg in die Herzegowina.

Am Ende kommen mir diese drei Tage unendlich lang, zermürbend, demotivierend vor. Auf einmal mag ich am liebsten Daheim sein. Am Anfang aber bin ich noch absolut gewillt, das Beste aus dieser Situation zu machen. Ändern lässt es sich ja nicht. Was gibt’s hier denn so?

Und Makarska, das ist das kleine Glück in diesem Unglück, ist äußerst bezaubernd, vielleicht die schönste Stadt meiner bisherigen Reise. Sie hat einen kleinen Strand und einen Hügel, von dem es sich schön glotzen lässt, sie hat enge Gassen, einen Platz, auf dem traditionell getanzt und gefiedelt wird, in ihrem Rücken ragt beeindruckend das Biokovo-Gebirge und es gibt tolles Risotto und Tintenfisch und eine Bar, in der ich forsch Rotwein bestelle. Do you have a favourite?, fragt der hippe Kellner. Dry and cheap, sage ich, der Werkstattrechnung bedenkend, die zu bezahlen sein wird.

Ganz egal, denke ich zunächst also, toll, hier sein zu dürfen, was muss ich gesehen haben? Das Muschelmuseum ist leider schon zu. Hinter der Schule spielen alte und junge Herren Boccia.Und im Park an der Franjo Tudjman Promenade steht unschuldig eine Statue von, genau, Franjo Tudjman, dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes, den nur der rechtzeitige Tod vor einer Anklage in Den Haag wegen Kriegsverbrechen bewahrte. Auch in Split gibt es eine Statue für den beinharten Nationalisten, Antisemiten, Rassisten, und in Pakostane und in Ploce. Ein überlebensgroßes Monumental-Denkmal entsteht zurzeit in Zagreb und soll in diesem Jahr enthüllt werden. Mann kann sich seine Helden nicht aussuchen – wobei, dochdoch, eigentlich schon.

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Das alles hat, zugegeben, wenig Schicksalhaftes, gar Göttliches an sich. Die Sache ist aber die: Seit ich vor rund drei Jahren eine umfangreiche Recherche zum Thema Marienerscheinungen in meiner Heimat und darüber hinaus begann, begnen mir solcherlei Orte, an denen sich die Gottesmutter angeblich zeigte, immer wieder. Maria verfolgt mich.

Eine gar kurze Recherche zeitigt, dass es hier, einen etwa halbstündigen Marsch entlang der brütend heißen Hauptstraße und dann durch ein Wohngebiet entfernt einen Ort namens Vepric gibt. Und dass ich diesen Ort sehen muss, ist klar, denn das ist besonders geil: Hier ist überhaupt gar nix erschienen. Hier hatte einfach nur ein irrer Bischof, Juraj Caric, Bock, die Pilgerstätte des bekanntesten Erscheinungsortes Lourdes mal eben nachbauen zu lassen, mit Grotte und Außenaltar und Erzengel-Gabriel-Statue und allem drum und dran.

Und als kleine lokale Zugabe gibt es eine Art Museum, in dem Bilder eines kroatischen Künstlers hängen, die zeigen, wie stählern der Herr war:

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Vepric ist quasi die Nachbildung von etwas Unsichtbarem, die Imitation von Mystik. Das noch viel Geilere daran: Es funktioniert. Natürlich kann der Schrein nicht mit dem Massentourismus an der Originalstätte mithalten. Aber an bestimmten heiligen Tagen pilgern etliche Gläubige hier her, um sich angesichts des Nachbaus vielleicht ein wenig der Illusion hinzugeben, sie wären woanders, an einem Ort in Frankreich, wo ein kleines Mädchen in 1858 die ein oder andere Botschaft empfing.

IMG_20180620_121922.jpgUnd deshalb, so müsste man meinen, hat die Gottesmutter ausgerechnet hier Hand an meine Kupplung gelegt. Wenn man glaubt, dass es sie gibt und sie sowas kann zumindest. Und wenn ja, dann hätte sie doch einen ganz guten, augenzwinkernden Humor, mit dem sie mir sagt: Zieh dir rein, was die Leute machen in ihrer Verrücktheit, zu der doch nur Glaube befähigt.

Am dritten Tage also frage ich nach dem Fortgang der Reparatur. Seine Frau müsse nur noch die Rechnung fertig machen, dann könne ich weiterfahren, lässt mich mein Mechaniker wissen. Und dann sieht er mich streng und etwas traurig von oben her an: Now you go to the beach, it’s a shame you haven’t been there. Und ich frage mich, woher er das wissen kann, aber es stimmt. Ich habe meine Zeit hier in Restaurants, vor dem Fernseher und an der Pilgerstätte verplempert anstatt, wie es sich gehört, am Strand zu fläzen.

Die Badehose und das Handtuch befanden sich allerdings auch im aufgebockten Kangoo. Bevor ich Abschied nehme von dieser ungeplanten Station, packe ich also das Zeug und mache mich auf den Weg. Ein letztes Mal aufs Meer glotzen, eine letzte kleine Runde im Meer schwimmen. Dann geht es weiter. Das Auto lässt sich nun so ungewohnt geschmeidig an, dass ich drei Mal abwürge, bevor ich es endlich aus dieser Ausfahrt schaffe. Ich hoffe, mein Mechaniker hat das nicht gesehen.

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