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Fetisch Einöde. Teil 1: Ludwigsstadt und was dahinter kommt

Wo bin ich?

Ludwigstadt, Frankenwald, nahe der thüringischen Grenze.

Helga, die Wirtin des Gasthauses Torpeter gibt mir eine ganze Ferienwohnung zum Preis eines Einzelzimmers. Den Preis für ein Einzelzimmer kenne ich nicht. Aber es beruhigt mich, dass der andere Gast, ein Glatzkopf, der in der Stube abwechselnd Bildzeitung und Speisekarte liest, sagt, dass das ja alles so billig sei hier. Wir sind eine günstige Region, sagt Helga.

 

Ich bin drei Stunden gefahren. In Bamberg noch Proviant gekauft: Eine zweite Packung Ricola, eine Flasche Wasser, medium, eine Packung Silomat gegen Reizhusten, zum Lutschen.

Muss reichen.

Dann auf die Autobahn Richtung Suhl, bei Lichtenfels raus, weiter Richtung Kronach. In Lichtenfels nochmal volltanken, eine Cola dazu, fünfzig Euro. Die Hoffnung, dass ein bisschen Koffein etwas hilft, gegen die Krankheit, die durch den Körper kriecht. Ich will nicht darüber nachdenken, ob ich möglicherweise Fieber habe und woher die stechenden Schmerzen kommen, im Nacken und hinten seitlich am Rücken.

Dann: In den Frankenwald eintauchen, der sich hinter Kronach öffnet, diese dunkelgrüne Wolke, dieser düstere Vorhang aus Nadeln. Kurz rausfahren, wegen einer Wallfahrtskirche Glosberg. Kann man hier einen Kaffee trinken? Nein.

1727 hat die ortsansässige Muttergottesstatue Blut geweint. Weiter oben, im Wald, ist sie einem Hüterjungen erschienen. Der Weg zum Ort des Aufeinandertreffens führt an Bildstöcken der „sieben Schmerzen Marias“ vorüber. Würde ich gern sehen, bin aber zu schwach. 2010 wurden in Glosberg 3.000 Tonnen Säureharz und 15.000 Tonnen belasteter Boden entsorgt. Eine Kronacher Mineralölfirma hatte den heiligen Boden in den 60er-Jahren besudelt. Ha.

Natürlich begegnet mir ein solcher Ort zuerst.

Die Häuser sind hoch aufragend und dunkel. Kein freundlicher Landhausstil, kein Fachwerk. Vergessene, verbitterte Orte, nichts Einladendes. Es regnet. Ich fahre nochmal raus, Rothenkirchen, ein Rewe. Ich muss mir ein kleines Schulheft kaufen, für falls ich einen Einfall habe. Es ist ein kleines Schulheft mit Feuerwehrmännern. Ich habe wenige Einfälle.

Wo bin ich? Und warum?

Ich habe jetzt eine halbe Woche Urlaub. Ich bin einfach losgefahren. Nur, wer auf Facebook mit mir befreundet ist oder ein Büro mit mir teilt, weiß davon. Sprich: Sehr viele Menschen, aber nicht meine Eltern, zum Beispiel.

Es ist wichtig, dass ich kein Ziel habe, dass ich nicht weiß, wo es schön oder interessant sein könnte. Nur die Richtung muss einigermaßen eingehalten werden, Nordosten, Frankenwald, Thüringer Wald, später vielleicht noch Erzgebirge, dunkle, dunkle deutsche Depressionslandschaften. Die Fetischisierung der Einöde.

James Blunt schrieb bei Twitter, wer glaube, 2016 sei ein schreckliches Jahr gewesen, müsse wissen, dass er 2017 ein Album veröffentlichen werde. Daran muss ich immer denken.

Ich finde, ein Ei hat noch keinem Salat geschadet. Manchmal wäre ich gern ein Sänger, der Dinge sagt, wie: Bamberg! Seid ihr gut drauf? Obwohl er selbst aus Bamberg kommt.

Weg, um etwas loszuwerden, obwohl man weiß, dass das nicht geht. Und weil man das schon immer machen wollte: kein Ziel, nur fahren und schauen, wo man ein Zimmer findet, oder vielleicht gleich gar eine ganze Wohnung zum Preis eines Zimmers.

Ich kenne niemand, der so etwas mit mir machen würde, also bin ich allein. Freunde brauchen immer einen Plan, ein Ziel, einen Grund für das Unterwegssein, aber darum geht es nicht. Es ist eine Flucht, so wie immer alles eine Flucht ist.

Ludwigstadt. Eine stählerne Brücke vorm Balkon. Eine schwarzrotgoldene Fahne im Regen, schwarze und graue Häuser. Ludwigstadt, es gibt hier nichts für mich zu tun. Ein Märchendeutschland. Ich denke an alle Mädchen und schreibe Texte für frühestens posthume Veröffentlichungen. James Blunt schreibt auf Twitter, dass bald Muttertag sei, die beste Ausrede, sich sein neues Album zu kaufen.

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Ich schrieb einmal ein Gedicht, das Fuck 2016 hieß und von Wandtattoos handelte. Es ist sehr kurz.

Helga hat nur eine kleine Speisekarte, ich bestelle ein Schnitzel und ein Bier. Ein Stammgast ist da und liest die BILD, sonst niemand. Sie fragt, was mich nach Ludwigstadt verschlägt, ich sage, der Zufall und bin froh, diese Antwort untergebracht zu haben.

Helga, wie sie bedächtig zapft, sorgfältig, mit Zeit.

Als sie sieht, dass ich mich mit dem Bier auf einen leeren Tisch zubewege, sagt sie, dass ich mich ruhig dazu setzen darf, was eigentlich heißt, dass ich mich dazu setzen muss.

Der Stammgast ist vielleicht vierzig, möglicherweise jünger, ein großer Typ. Früher Basketball gespielt, auch gegen die Bamberger. Ein Team aus Lurtsch, so sagt man hier statt Ludwigstadt. Einen Trainer hatten sie nicht. Manchmal hätten sie die Bamberger geputzt, obwohl die Amis mit Sprungfedern in den Beinen hatten. Und im Winter wollten die Bamberger dann nicht nach Lurtsch hochkommen, wegen fünfzig Zentimeter Schnee. Geschenktes Spiel. Eine wilde Zeit gewasen, sagt der Basketballer. Gewasen, e ist hier oft a, seltsamster Dialekt.

Nicht nur Basketball. Der Stammgast hat alle Sportarten gemacht. Skifahren, Tischtennis, Faustball. Jetzt dürfe er nix mehr, der Rücken ist kaputt, seit zwei Wochen krankgeschrieben. Eigentlich arbeitet er als Heizungsbauer. Knapp zweitausend wohnen noch in Lurtsch, die Jungen ziehen weg. Eh klar, alter Hut. 1924 ist eine Dampflok von der stählernen Brücke gekippt, mitten in die Häuser rein. Moment, eine Sportart geht noch, trotz Rücken: Sportangeln.

Manchmal lesen wir, er BILD, ich Zeitmagazin, biernippend. Manchmal erzählt er was. Ich verstehe etwa siebzig Prozent.

Helga, sagt er, das muss ich noch erzählen, du schmeißt dich weg.

Die Leonie, das ist seine Tochter, habe heute ihren Loverboy mitbringen wollen. Hier oben, habe er gesagt. Er tippt sich an die Stirn. Kommt nicht in Frage. Und dann stand der Typ auf einmal auf der Matte, bei ihm. Dreizehn ist die Leonie. Da ist das Auto, habe er ihm gesagt, einsteigen, ich fahr dich zum Bahnhof, mir egal, wie du heimkommst. Zum wilden Tier sei er geworden. Als der Loverboy dann am Bahnhof stand, habe er ihm fast leidgetan. Das war ein Landsmann von dir, Bamberger. Helga schmeißt sich nicht weg. Ich innerlich.

Schnitzel, Pommes, Salat, zweites Bier. Später kommt noch ein kleiner, dicker mit Walrossbart. Hat Licht bei der Helga gesehen. Der Basketballer und der Walrossbart unterhalten sich über den Kleenen von einem Bekannten, der jetzt Kommandant bei der Freiwilligen Feuerwehr ist. Aber sonst sei Arbeit nix für den, sagt der Walrossbart. Der Basketballer meint, das liege vielleicht an dem Zinken in seinem Gesicht, bis der sich dreht, gegen Wind… Nee, nee, sagt der Walross, das sei der Große mit dem Zinken.

Fast zwei Stunden in Helgas Wirtshaus. Ich lerne viel. Waller und Kormorane sind Biester, richtige Krüppel. So ein Waller, ein richtiges Raubtier. Frisst einer Ente ihre Jungen weg mit einem Happs. Dann legt der Krüppel sich schon mal drei Wochen hin und verdaut. Walross nickt, Basketball trinkt sein viertes Bier aus und verabschiedet sich.

Ich ziehe mich auch zurück. Tut es gut, normalen Menschen zu lauschen, wenn sie über Fische und Feuerwehr und Renovieren reden, ist es das? Oder tut es gut, zwei Bier zu trinken. Es ist noch nicht mal acht. Es regnet noch immer. Wo bin ich? Ludwigsstadt. ARD einschalten.

Ich schlafe sehr schlecht. Immer wieder wache ich auf, in panischer Angst, ich hätte mein Frühstück verschlafen. Ich habe mich für neun angekündigt. Es ist zwei, dann vier, irgendwann sechs Uhr. Ich habe einen ekelhaften Kopfschmerz als ich mich aus dem Bett wälze. Der Rotz ist heute sonnengelb, dafür sind die Rückenschmerzen verschwunden.

Helga hat mir ein üppiges Frühstück vorbereitet. Brötchen, Marmelade, Nutella, Wurst, Käse, Kaffee, von allem zu viel. Zu viel, sage ich und: Aach!

Während ich frühstücke, kocht sie Gulaschsuppe für die Feuerwehr. Sie sagt, den Gasthof gebe es schon seit sechzehnhundertirgendwas. Immer im Familienbesitz. Aber mit mir stirbt er wahrscheinlich. Die Kinder wollen ihn nicht und ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Ich sage, dann alles Gute weiterhin, weil mir nichts Besseres einfällt.

Ich kann schlecht durch die Nase atmen, spucke während meines Spaziergangs durch Ludwigsstadt ständig gelbe Brocken aus. Am Morgen ist es immer am schlimmsten. Ich denke an Tennisarschlöcher, den Urgrund allen Hasses. Fucking lange her.

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Ich weiß, dass ich nach Hause fahren sollte, aber das geht nicht. Jetzt ist Urlaub. Also fahre ich, wie es mir der Basketballer empfohlen hat, zuerst auf die Burg Lauenstein. Ich besuche die Pralinenfabrik nicht.

Kurz nach Lauenstein passiere ich die deutsch-deutsche Grenze. Die Häuser sind genauso schieferdunkel, auf dieser Seite stehen nur mehr davon leer. Ich befinde mich im Thüringischen Schiefergebirge und wusste nicht, dass es existiert.

In Probstzella wieder raus. Eigentlich ein schöner Ort, alt, in den Berg gebaut, Kirche. Ein Leerstand neben dem anderen. Alle Menschen, denen ich begegne, sind alt. Wie wird das hier in zwanzig, in dreißig Jahren aussehen? Was wird bleiben außer ein paar Hippies, die sich die verfallenen Höfe billig unter den Nagel reißen?

Auf dem Weg zum Haus des Volkes beäugt man mich. Man ist immer Eindringling. Heben die Männer auf dem Friedhof gerade ein Grab aus? Ich will nicht zu lange hinschauen. Ist mein Foto vom leerstehenden Videoverleih brauchbar? Ich weiß es nicht, aber ich kann kein zweites machen, weil ich nicht der Elendstourist sein will, der ich eigentlich bin.

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Das Haus des Volkes ist Thüringens größter Bauhausbau. Jetzt ein Hotel mit einem Park, in dem ein paar rote Lampen stehen, ein Kneipbecken, ein runder Pool. Alles verwittert. Unklar, ob man in das Hotel noch einchecken könnte. Zwischenstufen des Verfalls.

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In Probstzella habe ich erstmals wieder Internet auf dem Handy. Diverse Nachrichten kommen rein. Ich muss weiter.

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Weiter, tiefer hinein also in die dunklen, deutschen Wälder. Fast wie Kalifornien. So hoch die Nadelbäume, so steil fahren die Berge am Straßenrand in die Höhe. Thüringen, das Kalifornien Deutschlands. Ein cleverer Marketingspruch vielleicht. Ich passiere eine Ortschaft die Gottes Gabe heißt und so aussieht als hätte sie ein paar Gaben des Allmächtigen dringend nötig. Es ist eine der schönsten Straßen, die ich in Deutschland bislang gefahren bin.

Was gibt es noch zu sagen, das interessant wäre?

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Plätzchenbacken und pubertäre Ablehnung: Leonard Cohen, Poet der Niedergeschlagenheit

Es gibt so ein paar Binsenweisheiten, die einem immer wieder begegnen, wenn es um Kriterien tatsächlich großer Popmusik geht. Von Herzen soll sie kommen, authentisch soll sie sein. Beides sind eigentlich gar keine Aussagen. Und zeitlos, sie soll irgendwie zeitlos sein, die Popmusik, sie soll sich bewähren über die Jahre und gut altern, um als relevant und, ja, als groß gelten zu können. Und da ist wohl wirklich was dran.

Ich glaube, es gibt wenige Künstler, deren Songs das Moment der Zeitlosigkeit wirklich zuverlässig heraufbeschwören können. Pete Seeger beispielsweise oder Woody Guthrie kann ich, Jahrgang 90, sicher nicht genauso empfinden wie der Working Class Hero aus Michigan 19-irgendwas-mit-50. Sie sind museal geworden. Es gibt andere, die vor diesem Schicksal gefeit sind. Und Leonard Cohen ist einer von ihnen.

Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass ich zu einer der ersten Generationen junger Menschen gehöre, deren Eltern bereits mit dem aufgewachsen sind, was wir Popmusik nennen. Und bis zu einem gewissen Grad waren meine Eltern wirklich begeisterte Musikhörer. Sie sind es bis heute. Nur das Zeitgenössische ist irgendwann aus dem Fokus gerückt, als schlicht und einfach die Zeit fehlte, sich weiterhin mit den neusten, heißen Platten zu beschäftigen. Die musikalische Sozialisation meiner Eltern reicht nur in etwa bis in die Mitte der 70er-Jahre – bis meine beiden Schwestern geboren wurden. Popmusik und der Ernst des Lebens haben sich noch nie besonders gut vertragen.

Auch meine eigene musikalische Sozialisation hängt natürlich nicht unwesentlich mit den Vorlieben meiner Eltern zusammen. Es ist ein Prozess, der sich ganz gut mit genau zwei Schlagworten überschreiben lässt. Pubertäre Ablehnung und: Plätzchenbacken.

Heute, aus der Distanz eines guten Jahrzehnts, kann ich reinen Gewissens sagen: Ich schäme mich meiner pubertären Ablehnung nicht. Ich glaube vielmehr, dass es sich bei dieser Phase um einen essentiellen Bestandteil einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung handelt. Natürlich weiß ich heute, dass es Linkin Park in keiner einzigen Kategorie mit Led Zeppelin aufnehmen können. Dass ich sie damals mit jugendlichem Furor gegen das alte Genöle des Robert Plant verteidigt habe, war trotzdem richtig. Irgendwas war da eben an diesem In The End, das mich sofort aufs Fahrrad steigen und in den Müller-Drogeriemarkt fahren ließ, um dieses Album zu kaufen. Und dass Chester Benningtons Geschrei meinen Eltern nicht gefiel, hatte daran sicherlich auch einen kleinen Anteil.

Das ist eine alte Geschichte. Mein Vater drehte in seinen Tagen der pubertären Ablehnung Pink Floyds Careful With That Axe Eugene in seinem Zimmer auf, besonders laut an der Stelle, wo die Axt, von der da die Rede ist, tatsächlich zum Einsatz kommt, woraufhin meine Großmutter, angeblich jedes Mal, entsetzt ins Zimmer stürzte, um nachzusehen, was da los sei. Ich weiß nicht, welche Musik meine Oma gehört hat, und ob überhaupt. Meine Form der musikalischen Selbstbehauptung war weitaus harmloser. Ich legte die Hybrid Theory im elterlichen Wohnzimmer auf und beharrte, dass das eben besser sei, als Pink Floyd, Led Zep, Iron Butterfly. Ich erntete Spott und Unverständnis. So wie es sich gehört, so wie es sein muss.

Es ist eine durchchoreographierte Angelegenheit, die ich mit meinen Kindern, so ich irgendwann welche haben sollte, in bewährter Weise nachexerzieren werde. Die ganze Wiederaufbereitungslogik der Retro-Wellen verleiht dem Schauspiel zwar eine etwas absurde Note, macht es aber nicht weniger notwendig.

Wenige Jahre vor Linkin Park und System Of A Down war ich noch empfänglicher gewesen für das, was die Eltern mir an altem Zeug als gute Musik auftischten. Zumindest, wenn das Auftischen mit dem Ritual des vorweihnachtlichen Plätzchenbackens einherging. Ich glaube, gehört zu haben, dass der Geruchssinn am engsten mit den Erinnerungszentren im Gehirn verknüpft ist. Vielleicht liegt es daran, dass die Melodien, die ich hörte, während ich von Zimt- und Nelkenschwaden umweht wurde, einen außergewöhnlich nachhaltigen und ungewöhnlich emotionalen Eindruck hinterlassen haben.

Das heißt nicht, dass mir grundsätzlich alles gefiel und noch heute gefällt, was Mama da in den CD-Player schob, bevor sie den Teig ausrollte. Mit dem wehleidigen Geheule einer Joan Baez kann ich heute so wenig anfangen wie damals und ich hasse – ja, hasse! – Cat Stevens, nach wie vor, unvermindert, für immer (mit Ausnahme einiger Songs vom 2014er-Album, auf dem er auf einmal nicht mehr wie ein Ziege in zu engen Cordhosen singt).

Reinhard Mey hingegen versorgt mich mit angenehmen Nostalgieschüben. Und Leonard Cohen steht für immer auf sämtlichen Podesten. Die Musik auf seinen frühen Alben ist für mich die Kristallisation der Zeitlosigkeit.

Ich sehe sie vor mir, es ist 1974, Heidi Thamm sitzt im Coburger Schwesternwohnheim und raucht heimlich Pfeife, nicht weil sie gerne Pfeife raucht, sondern weil sie es mag, wie sie aussieht, wenn sie heimlich Pfeife raucht. Ein schwerer, süßer Rauch hängt in dem kleinen Kabuff. Wahrscheinlich sitzt sie auf dem Boden, ich hoffe, dass sie auf dem Boden sitzt, vielleicht sogar auf einem alten Perser. Sie darf die Musik nicht zu laut aufdrehen, wegen der Oberschwester. New Skin For The Old Ceremony. Chelsea Hotel #2.

I don’t mean to suggest, that I loved you the best / I can’t keep track of each fallen robin / I remember you well in the Chelsea Hotel / That’s all, I don’t think of you that often

Und es gibt nicht sehr viel, was sie von mir unterscheidet, wie ich 40 Jahre später in meiner kleinen Wohnung sitze und sicher nicht Pfeife rauche, aber vielleicht eine Zigarette und möglicherweise (es liegt viel Schönheit in der Unmöglichkeit, darüber eine Aussage zu treffen) dasselbe Gefühl für die unfassbare Tiefe dieses Songs bekomme, wie sie damals. Es sind nicht nur Cohens Worte. Meine Mutter hat erst viel später damit begonnen, sich mit Cohens Texten auseinanderzusetzen und ist dabei zu dem Schluss gekommen, dass das oft ein rechter Schmarrn sei. Und als ich damals Plätzchen buk, war ich, sagen wir, acht Jahre alt. Ich habe maximal die Worte Hotel, all und I verstanden.

Und dass robin Rotkelchen heißt, weiß ich seit etwa zwei Minuten. Janis Joplin als Rotkelchen, okay.

Damals war das eine schlichte Melodie auf der Gitarre und der ein wenig lustlos genuschelte Gesang eines Mannes mit schmalem Gesicht und traurigen Augen. Heute gehört Chelsea Hotel zu den wenigen Songs meines Lebens, die über die Jahre zu einem emotional aufgeladenen Konstrukt geworden sind, zu einer Idee von einem Song, der auch etwas mit mir zu tun hat, mit dem Achtjährigen mit mehligen Händen, der es einfach nicht verstehen kann, warum man den Teig backen muss, wenn er roh doch viel besser schmeckt. Und mit dem 22-Jährigen, der mit dem ersten eigenen Auto und der ersten richtigen Freundin durch Slowenien und nach Kroatien fährt.

Es ist immer wieder Leonard Cohen. Ich will nicht so tun, als hätte ich das von Anfang an begriffen. Ich war schon in den Jahren vor der Pubertät ein Kind, das sich selbst zu einem gewissen Teil durch Ablehnung selbst legitimierte. Störrisch, stur, oft zornig. Nur was ich selbst mochte, galt unbedingt. Und es gab eben auch die im Nachhinein etwas peinlichen Momente, in denen ich diesen Säulenheiligen des Hauses Thamm beleidigt habe, gesagt habe, dass das langweilig sei, immer das gleiche, immer depressiv (ein Wort, das ich aufgeschnappt haben muss).

Aber das hat letztlich mehr mit der Ablehnungsgeste an sich zu tun, die ich ausprobieren musste, um herauszufinden, wer ich selbst werden konnte, als mit dem Objekt, auf das ich mich bezog, der Musik eines traurigen Kanadiers.

Cohen litt immer wieder an Depressionen und es ist offensichtlich, dass sich das auf seinen Alben mal mehr, mal weniger niederschlägt. Sein drittes Album Songs Of Love And Hate von 1971 gilt als sein emotionalstes. Und ist deshalb sein stärkstes. Cohen funktioniert dann am besten, wenn er anrührt, wenn er sich seinen Hörer greift und ganz nah an die dünnen, zitternden, nach Rauch stinkenden Lippen zerrt.

New York is cold, but I like where I’m living / There’s music on Clinton Street all through the evening

Dieser Ich-Erzähler in Famous Blue Raincoat, der behauptet, es gefalle ihm, wo er untergekommen sei und sich dabei so niedergeschlagen anhört, dass es unmöglich wird, ihm zu glauben. Das Negative in Cohens Musik ist nie ein Aufschrei, da sind nie Fäuste die gegen Wände hämmern – oder überhaupt Fäuste. Leonard Cohen ist der Poet der Niedergeschlagenheit, des stillen Sitzens und auf den Boden Schauens, der Resignation, der Erschöpfung, der offenen Handflächen, letztlich: der Kapitulation.

Famous Blue Raincoat ist dabei aber viel mehr als das. Es ist nicht einfach nur Ausdruck einer Emotion, sondern Storytelling. Von Cohen heißt es (in einer dieser Dokus), er wäre eben zuerst Literat gewesen und nachrangig Musiker, genau andersrum wie bei Dylan. Das ist das Falscheste. Das Gegenteil ist richtig. Dylan ist der Erzähler, dem es nur in Ausnahmefällen gelungen ist, seine überwältigende Poesie in gleichrangige Songs zu kleiden, während der Famous Blues Raincoat jeden anrührt, egal ob die Dreiecksbeziehung, die Cohen darin verhandelt, nachvollzogen wird oder nicht.

Der Text kann als Abschiedsbrief gelesen werden. Gleichzeitig gibt es relativ eindeutige Scientology-Anspielungen. Cohen, Sinnsucher, später Teilzeit-Mönch, mischte Anfang der 70er auch bei denen ein wenig mit. Im Nachhinein sagte er, er wäre dort Mitglied geworden, weil er gehört habe, es sei einfach, dort Frauen kennenzulernen.

Es spielt letztlich keine große Rolle. Ich erinnere mich: Mutter Thamm mit der Schürze um die Hüften und draußen schneit es vielleicht sogar schon, wahrscheinlich nicht, und eigentlich will ich gar nicht so gerne Plätzchen ausstechen, es macht mich müde, ich will nur naschen. Und dann setzt dieser Chorus ein, Worte, die Cohen mehr loswird, als dass er singt, als würde er sie atmen. Und Mama singt mit, zwei, drei Oktaven zu hoch, künstlich, irgendwie ironisch, aber vielleicht deshalb gut.

And Jane came by with a lock of your hair / she said, that you gave it to her

Das ist so verflucht wenig. Im Grunde reicht schon der Jane-came-Reim alleine. Das ist die Stelle, die sich festhakt, im Ohr des Achtährigen, des Fünfundzwanzigjährigen, der Fünfzigjährigen, die aus einer vertonten Short-Story einen eingängigen Popsong macht.

Ich habe einen guten Freund, der in Würzburg seinen Bachelor in Musikwissenschaft gemacht hat. Das Studium war für ihn selbst relativ sinnfrei. In keiner Zeitung steht bei den Stellenangeboten jemals: Suchen dringend Musikwissenschaftler. Es ging ihm wie vielen Geisteswissenschaftlern. Um wenigstens noch einen guten Spruch zu retten, damit das Ganze nicht absolut umsonst war, sagt mein Freund: Es habe sich insofern gelohnt, als es ihm Autorität verleiht. Wenn er sagt, dieser oder jener Song sei Mist, könne man sich jede Diskussion sparen, denn in diesem Moment wäre das dann wissenschaftlich belegt. Das ist eigentlich ziemlich klug. Vor allem weil wir ja wirklich immer irgendwie auf der Suche nach Kriterien sind, nach etwas, woran wir uns festhalten können, etwas, das über das ewige Geschmacksurteil hinausgeht.

Das ist Geschmackssache: Dieser Satz muss einfach verboten sein.

Aber es gibt ihn natürlich schon, den Geschmack. Und auch wenn wir aus Trotz und spätpubertärer Laune oft so tun, als sei das Gegenteil der Fall – der Musikwissenschaftler und ich haben eigentlich einen recht ähnlichen. Wir sind uns zumindest insofern einig, als dass wir der Meinung sind, einen wirklich großen Song ohne Melancholie könne es gar nicht geben.

Einen Leonard Cohen Song ohne Melancholie gibt es nicht. Was auch immer sich tatsächlich hinter diesem Abstraktum verbergen mag – wir haben alle eine ungefähre Vorstellung davon. Ich kenne neben Leonard Cohen und Nick Drake keinen dritten, der dieses komplexe und furchtbar schwammig-undeutliche Was-auch-immer so präzise mit Noten angesteuert und getroffen hätte.

Ich bin dafür immer empfänglich gewesen. Keine Ahnung, ob ich ein schwermütiges Kind war oder so, träge, lethargisch sicherlich. Es gibt diese Geschichte, die meine Mutter gerne erzählt. Sie habe Lego geliebt. Stundenlang habe sie mit mir auf dem Fußboden gesessen, um die schönsten Dinge zu bauen – Häuser, Schlösser, Wohnwägen, Flugzeuge. Ich hingegen – so erzählt das zumindest meine Mutter – saß nur daneben, untätig, wie gelähmt, und sagte am Ende auch noch, wie zum Spott: „Ja, schön.“

Sting mochte ich auch gerne. Das lag an meiner Schwester, die im Gegensatz zu meinen Eltern, den Draht zu den heißen Platten der End-80er und frühen 90er-Jahre hatte. Sie war es auch, der es gelang einen kleinen Keil des Zweifels in meine New-Metal-Obsession zu schlagen, indem sie mir Californication der Red Hot Chili Peppers auslieh. Sting jedenfalls. Auch ein Melancholiker im weitesten Sinne, wenn auch eher von der heiteren Sorte.

Englishman in New York ist kein Song, an den man als Mittzwanziger 2015 oft denken würde. Wenn meine Schwester am Plätzchenbacken teilnahm, bekam man diesen Song oft zu hören. Und im Radio läuft er ja nach wie vor nicht gerade selten. An der Stelle, wo Sting jault Oh, oh, I’m an Alien, I’m a legal Alien plärrte ich stets Oh, oh, I’m a Leberwurscht, meine unverwechselbare und eindeutig bessere Version der Lyrics. Ich verstand kein Englisch, klar, und trotzdem ist das alleine schon ein wenig verwunderlich: Alien und Leberwurscht haben phonetisch gesehen nicht allzu viel miteinander zu tun.

Es ist mir mittlerweile gelungen, zu rekonstruieren, woran das liegt. Nicht an Sting nämlich, sondern an Paul McCartney, der sechs Jahre nach Englishman in New York, 1993 nämlich, mit Hope of Deliverance einen entsetzlichen Hit landete. Im Chorus dieses Songs findet der Leberwurscht-Platzhalter seinen Ursprung in den titelgebenden Worten: We live in hope of the Leberwurscht / From the darkness that surrounds us. Das ist weitaus weniger absurd. Es hört sich wirklich so an, als würde McCartney Leberwurscht statt deliverance singen. Der kleine Andreas fand das anscheinend so unfassbar lustig, dass er fortan versuchte, das Prinzip auch auf andere Songs anzuwenden. Zum Beispiel beim Plätzchenbacken. Zum Beispiel auf Englishman in New York. Mit Erfolg.

Jahre später läuft Hope of Deliverance mal wieder im Autoradio. Ich fahre, der Beifahrer ist ein guter Freund, ein Drummer. Vielleicht sage ich: „Fürchterlicher Song.“ Woraufhin er mir die Geschichte erzählt, dass er den Text früher, als er noch kein Englisch konnte, immer falsch verstanden hätte…

Haben wir beide tatsächlich denselben unwahrscheinlichen Blödsinn verstanden? Oder überlappen hier unsere Erinnerungen, weil sie mittlerweile etwas Schwammiges, Unzuverlässiges geworden sind, sodass sich der eine die spezifische Geschichte aus der Vergangenheit des anderen einverleibt hat?

So oder so – bis auf diese kleine Anekdote spielen heute weder Sting, noch der, zumindest 1993, unerfreulich unmelancholische McCartney, in meinem Leben eine große Rolle.

Leonard Cohen hingegen ist dageblieben. Auch zu Zeiten, als ich das Plätzchenbacken längst verweigerte, zu Zeiten der pubertären Ablehnung. Ich glaube, wenn Cohen mich nicht in dieser speziellen Phase begleitet hätte, wäre ihm dasselbe Schicksal beschieden gewesen wie Sting.

Es ist das Alter zwischen 14 und 18, in dem man Cohen wirklich verstehen kann – eben auch ohne die Texte zu übersetzen. Die Pubertät hat die Kraft aus einem lethargischen und zornigen Sohn einen echten Melancholiker zu machen. Ich hörte Cohen eher heimlich, um meiner Mutter nicht den Triumph zu gönnen – eine fatale Auswirkung der Konkurrenzsituation, die sich aus dem New-Metal-Disput ergeben hatte – und am liebsten natürlich in Zeiten des ausgeprägten Herzschmerzes. Die erste unerfüllte Liebe, die erste Trennung. Leonard steht dir bei.

Dabei sind seine Songs gar nicht so unterkomplex und niedrigschwellig, wie man es vom klassischen Herzschmerzsong, der ein Moment der Identifikation verlangt, kennt. Für das bisschen Identifikation reicht auch Everlong von den Foo Fighters.

And I wonder / When I sing along with you / If anything could ever feel this real forever / If anything could ever be this good again

So geht Teenager-Emotion. Das ist gar nicht abwertend gemeint. Teenager-Emotionen sind etwas Wunderbares und Everlong ist ein fantastischer Song. Aber Cohen-Songs sind differenzierter, erwachsener, weniger Sehnsucht als Bitterkeit, weniger Aufbegehren als Desillusion. Es mag daran liegen, dass ich, als es dann wirklich drauf ankam, dann doch zu Jeff Buckleys zugänglicherer Version von Cohens Hallelujah griff. Beziehungsweise: Auf die Datei klickte, am Computertisch unter der Dachschräge im Elternhaus, heulend. So oder so: Buckleys Version transportiert über den Gesang zwar eindeutig Klage – Cohens Lyrics sind aber im Gegensatz zu denen von Dave Grohl nicht eindeutig zuordenbar, sondern angereichert mit christlicher Mystik, irgendwie verworren, kryptisch.

Erst nach Überwindung der Pubertät gelang es mir, auch eine andere Seite von Leonard Cohen anzuerkennen. Und das hat vor allem damit zu tun, dass meine Eltern mir irgendwann eröffneten, es gebe da noch so einen Sparvertrag, ich könnte mir doch mal ein Auto kaufen (ich lebte und studierte im 400 Kilometer von der geliebten Heimat entfernten Hildesheim). In meinen besten Jahren hatte ich also beides, was man zum Glücklichsein braucht: Ein Auto und eine Frau, die gerne mit mir im Auto wohin fahren wollte. Das Auto erlaubte mir nämlich nicht nur zu pendeln, sondern auch zu reisen, bevorzugt gemeinsam mit ihr.

Gemeinsame Reisen sind immer Zeitabschnitte, in denen man Musik intensiver und emotionaler hört und kennenlernt. Während wir auf den Azoren vor unserem Zelt versuchten, im Regen den Gaskocher zu bedienen, verliebten wir uns beide in David Bowies Ziggie Stardust And The Spiders From Mars. In den Birkenwäldern an der Mecklenburgischen Seenplatte schmalzte uns Sam Cooke ins Ohr. Gemeinsame Erinnerung, besondere Orte, das wertet die Musik selbst auf. Besonderen Künstlern gelingt es, Songs zu schreiben, die wie Gefäße sind für diese Erfahrungen.

Leonard Cohen gehört nicht an einen Ort. Er gehört ins Auto. Ich hatte einen Mix für die vielen langen Autofahrten zusammengestellt. Ich genoss es sehr, meiner Freundin Musik zu zeigen, die sie noch nicht kannte und ich freute mich, wenn sie ihr gefiel. Manchmal gelang das erst durch wiederholtes Hören und gleichzeitiges Argumentieren. Der Opener einer dieser Mix-CDs funktionierte sofort. Das war So Long Marianne.

 Oh, you are really such a pretty one / I see you’ve gone and changed your name again / And just when I climbed this whole mountainside / to wash my eyelids from the rain

Auch dieser Song ist bitter am Ende. Aber vorher kommt dieser Chorus, den man fast schon euphorisch nennen kann. Es ist ein seltsamer Song, Cohen leiert teilweise, dazu dieser kindliche Background-Chor. Geil, obwohl alles dagegen spricht. Und auf eine ebenfalls kindliche und wahnsinnig entzückende Art bettelte meine Freundin: „Nochmal Marianne!“, was zu einem dieser geflügelten Aussprüche der Beziehung wurde, etwas das sie wiederholte, weil sie wusste, dass wir beide uns daran erfreuen. Und weil sie den Song gerne oft hören wollte.

Bei vielen Künstlern gibt es eine Kluft zwischen dem Musiker und dem Menschen. Ich behaupte, bei Cohen gibt es sie nicht. Marianne gab es, Suzanne gab es. Leonard Cohen gibt es nicht mehr. Bei Youtube sehe ich ein langes Interview mit der schwedischen Journalistin Stina Dabrowski. Es wurde 2001 aufgenommen. Cohen ist ein alter Mann mit grauen Haaren und seltsam deformierter Nase. Nicht unbedingt schön im eigentlichen Sinne.

And your clenching your fist for the ones like us / Who are oppressed by the figures of beauty / You fixed yourself, you said “Well nevermind / We are ugly, but we have the music.”

Aber das, Chelsea Hotel #2, ist Understatement. Dabrowski erzählt, sie habe Freundinnen gebeten, ihr Fragen an ihn mitzugeben. Sie hätten alle dasselbe geantwortet: „Ask him, if he would make love to me.” Cohen lächelt wie ein alter Mann, nicht ver-, sondern überlegen. Auf diesem Gebiet sei er nicht mehr so aktiv, sagt er. „But I could always make an exception.“

So long, Marianne ist bei all der durchscheinenden Euphorie ein Abschiedslied. Die Beziehung zum entzückenden Mädchen gibt es nicht mehr. Es war schön, mit ihr gemeinsam Leonard Cohen zu hören. Aber ohne sie macht es doch irgendwie viel mehr Sinn.

Dieser Text entstand in seiner ersten Fassung im März 2016. Acht Monate später ist Leonard Cohen tot. Vielen Dank für die Songs, alter Mann.

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Unterwegs in einem Deutschen Mittelgebirge. Oder: Wie ich in der Fränkischen nie Rudolf Heß begegnete

Auf dem Weg nach Unterleinleiter komme ich an Gräfenberg vorbei. Gräfenberg, denke ich, da liegt doch Rudolf Heß begraben. An dieser Stelle täuscht mich, wie sich später zeigen wird, mein Gehirn. Rudolf Heß lag nie in Gräfenberg, er lag in Wunsiedel und selbst dort liegt er heute nicht mehr, nachdem die Pacht 2011 auslief und die Gemeinde beschloss, die Pilgerstätte, die aus seinem Grab geworden war, aufzulösen, und seine Knochen zuerst dem Feuer und seine Reste dann dem Meer zu überlassen.

In Unterleinleiter stelle ich den Picasso auf den Wandererparkplatz gegenüber des Friedhofs. Nebenan findet ein Fußballspiel statt. Die Spielvereinigung Dürrbrunn-Unterleinleiter beharkt sich mit dem Sportverein Kleinsendelbach. Kurz überlege ich, mich am Spielfeldrand dazuzustellen, dann mache ich mich auf den Weg in Richtung Ortszentrum.

Die Pizzeria steht leer. Die Gardinen sind zugezogen. Niemand hat es für nötig gehalten, die Polster vor den Bierbänken zu nehmen. An der Tür hängt ein Zettel, der darüber informiert, dass die Pizzeria für private Feiern nach wie vor gemietet werden kann. Ich setze mich auf eine Bierbank, hinter mir plätschert die Leinleiter, vor mir brettern die Motorradfahrer, die vom schönen Wetter in die Fränkische Schweiz gelockt werden, wo sie sich an den schlängelnden Bundesstraßen durch hügelige Landschaften und den Vibrationen der Maschine zwischen ihren Akneschenkeln laben. Ihre aufgeschwemmten Schnurrbartgesichter sind derart in die Helme gequetscht, dass sie mimisch nicht mehr imstande sind, zu vermitteln, wie unvorstellbar die Lust ist, die sie empfinden. Ein übergewichtiges Pärchen schleicht sich an mir vorbei und auf die Dachterrasse der Pizzeria. Vielleicht um rumzuknutschen. Ein junger Rechtsradikaler – Bundeswehrhose, schwarzes Shirt mit silbernem Adler – rollt auf seinen Rollerskates vorbei. Er hat einen schwarzen Pudel und beherrscht das Rollerskaten durchaus mit einem Mindestmaß an Anmut. Er sieht genauso bemitleidenswert aus, wie jeder andere Inliner, aber er hat den Pudel auf seiner Seite. Um 14 Uhr beginnt ein Gottesdienst, schwarzgekleidete Töchter führen ihre schwarzgekleideten Väter am Arm an mir vorbei.

Dann kommen meine Freunde.

Wir schlagen den  Weg in Richtung Volkmannsreuth ein. Es handelt sich um eine Landstraße, ein Umstand für den ich, der ich verantwortlich bin für die Wahl der Route, beschimpft und bespuckt werde. Volkmannsreuth liegt da wie tot. Nicht, als wären seine Einwohner tot, sondern das Dorf selbst. Dahinter fängt der Wald an. Wir steigen hinauf zum Totenstein.

Vom Totenstein blicken wir hinunter nach Veilbronn und die Leinleiter entlang in Richtung Ebermannstadt. Wir stellen uns vor, wie der Ritter Hans Wilhelm von Streitberg hier mitsamt Kutsche und Knecht die hundert, zweihundert Meter hinunterstürzte, wie seine Pferde wieherten und mit den Hufen die Leere traten, wie er selbst, aus einem Suffschlummer, den er sich in Bamberg teuer erzecht hatte, hochfuhr und nur durch den Suffschleier hindurch mitbekam, dass er in diesem Moment in den Tod stürzte. Als wäre das nichts als fieser Traum aus dem er schweißmariniert erwachen würde. Deswegen Totenstein.

Jahre zuvor, heißt es, habe er, der Ritter Wilhelm von Streitberg, endlich einen Sohn, also Erben, von seiner Geliebten empfangen. Einen Sohn, den die Magd noch als Säugling versehentlich in einen Bottich kochendes Wasser fallen ließ, was dieser ebensowenig überlebte, wie ein Hummer es überlebt, wenn man ihn in einen Bottich kochendes Wasser fallen lässt. Der Ritter war wieder ohne Sohn. Die Frau wurde erneut schwanger, sie bekam eine Tochter, die Magd hingegen einen Sohn. Der Ritter spielte mit dem Gedanken, die beiden Kinder auszutauschen, entschied sich dagegen und stattdessen dafür, sein Leben fortan dem Glücksspiel und dem Alkohol zu widmen. Absolute Kapitulation. Und ein mehr als würdiges Ende für einen edlen Herrn. Hans Wilhelm ist der letzte eines über fünfhundert Jahre alten Geschlechts.

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Wir hingegen steigen feige den Wanderweg hinab nach Veilbronn, wo wir uns in einem Biergarten zwischen Rentnern niederlassen, die schon ihre Westen in Sommerbeige aus dem Schrank geholt haben. Sie unterhalten sich darüber, wo sie früher gern hingefahren seien und wo sie heute gern hinführen. Ich esse einen Apfelkuchen. Wir besaufen uns an einer peinlichen Heimatliebe. Nirgendwo schmecke der Kuchen besser, vom Bier ganz zu schweigen, nirgendwo sei das Klima angenehmer, nirgendwo seien die Wiesen saftiger, nirgendwo sei es schlicht lebenswerter, keine andere Gegend dieser vorzuziehen; man muss froh sein, dass einen niemand hört, der keine sommerbeige Weste trägt.

Der Rasen liegt makellos vor Unterleinleiter. Die Spielvereinigung Dürrbach-Unterleinleiter hat drei zu null gewonnen. Zwei Sprenger bewässern gewissenhaft das Geläuf. Die Abendsonne spielt in der Gischt. Das ist ein Rasen in Bundesligaqualität. Manchmal frage ich mich, ob es in der Fränkischen Schweiz auch Obdachlose gibt.

Auf dem Pretzfelder Keller erfährt unsere Heimatliebe einen ersten Dämpfer. Der Keller ist wunderschön gelegen, wir sitzen in einem Märchenwald. Ausgeschenkt wird aber keineswegs Pretzfelder Bier, sondern Mönchshof. Man trinkt mit einem schlechten Gewissen im Genick. Die ganze Anlage ist auch eher eine größere Imbissbude als ein richtiger Keller. Zur Kellerplatte ein weißes Brötchen statt Schwarzbrot. Wir essen Currywurst. Die Aussicht ist fabelhaft, hierher kommen wir nie wieder.

Ich trenne mich von meinen Freunden und sitze allein in einem Auto ohne Radio, aufs Handy glotzend anstatt auf die Straße. Jetzt irgendwie nach Hause kommen ohne vor Langeweile umzukommen.

In Pretzfeld entdecken wir, das heißt, zuerst meine Freunde im Auto vor mir, einen Laden namens Pretzfelder Trödelhäusla. Ein bunt blinkendes Schild informiert uns darüber, dass das Trödelhäusla geöffnet hat. Und das am Tag des Herrn. Interessant, finden wir, das wollen wir uns ansehen, vielleicht gibt es hier Schätze zu heben, hochwertiges Zeug für wenig Geld. Vielleicht kann man hier ein wenig stöbern.

Es ist ein altes Wohnhaus. Die Tür steht offen. Davor einzelne Kisten mit Rollschuhen und anderem Kram, ein Schlitten. Kein Mensch zu sehen. Wir scheuen wie Pferde vor der Schlucht, eine Vorahnung vielleicht. M. wagt einen Schritt in den Flur, der mit Bildern behangen ist, vielleicht kann man die Bilder auch kaufen, ich könnte Bilder gebrauchen.

„Halt“, sagt M., „dort hängt ein Porträt von Adolf Hitler.“

20160508_194344Es handelt sich um eine Art Fahndungsplakat, kein echtes Porträt, etwas, das jemand entworfen und auf einem gelben Zettel ausgedruckt hat. Die Aufschrift lautet: „Vermisst seit 1945. Adolf Hitler, komm zurück.“ Keiner von uns kann das so richtig einordnen. Soll das ein Scherz sein? So offensichtlich wie das da hängt? M. blickt von außen durchs Fenster und entdeckt ein Wahlplakat der Republikaner, irgendwas mit Minaretten. Gibt es die noch, also die Reps? Feige versuche ich das Hitlerbild mit dem Handy zu fotografieren, bin aber zu weit weg, als dass man es so richtig erkennen könnte.

Der ganze schöne Lokalpatriotismus von vorhin ist verpufft. Oh herrlich – so herrlich ist es dann eben doch nicht. Irgendwo lag mal Rudolf Heß, aber nicht hier. Ein unzurechnungsfähiger Trödelhändler hängt sich den Adolf in den Flur. Überall wird Kulmbacher Bier ausgeschenkt.

Gräfenberg tatsächlich wird heute nicht mehr angesteuert. Das mit Heß war nicht ganz so falsch von meinem Gehirn, schließlich liefen die Neonazis in Gräfenberg ganz gern durch die Straßen, von 1999 bis 2011 war das, auch als Ersatzveranstaltung für den in Wunsiedel verbotenen Heß-Gedenkmarsch. Von einem Aktionsbündnis wurden die Nazis dann mehr oder weniger vertrieben, zumindest bis ins fünfzehn Kilometer entfernte Obertrubach, wo NPD und Fränkische Aktionsfront fröhliche Sommerfeste abhielten. Mittlerweile scheint Ruhe eingekehrt. Entsprechende Organisationen sind verboten, die NPD will sich mehr auf Niederbayern und die Oberpfalz konzentrieren. Dort kann man sicher auch toll wandern und Motorrad und Kutsche fahren. Dort ist es auch schön.

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HOW TO SURVIVE SCHEIßJOBS – AUSGABE 2: CeBIT 2015

In der neuen Spitzenrubrik HOW TO SURVIVE SCHEIßJOBS, die vor allem für angehende Kunst- und Kulturschaffende von besonderem Interesse sein mag, berichtet der ehrenwerte DERM über unerträgliche Positionen in unerträglichen Jobs – und wie man sie überlebt.

CeBIT, HANNOVER, 16. BIS 20. MÄRZ 2015

Wo Hände öfter geschüttelt werden als notwendig: 20150316_070051CeBIT 2015. Herzlich Willkommen im Land der Fantasie. In dem die Telekom eine halbe Messehalle mit pinken Regenschirmen schmückt und ein 1 cm großes Pizzastück nie weniger als vier Euro kostet. In der Stadtbahn 6 rüsten sich die gestriegelten Hosts und Hostessen für die kommenden fünf Tage – so auch Juan und ich, wie wir unter der Werbung sitzen, die uns zum fünfhundertsten Mal erklärt, dass das Messeticket die Fahrt per Hannoveraner Stadtverkehr zur Messe leider nicht trägt. Juan hat sich die Haut am Finger so abgekaut, dass er nicht aufhört, zu bluten. Mindestens einer von uns sieht sehr elegant aus.

Bis zu diesem Moment bin ich nicht ausreichend informiert. Ich weiß, dass es meine Aufgabe sein wird, die nächsten fünf Tage durchgehend zu lächeln; dass ich auf eine bestimmte Art geschminkt sein muss (Rouge und Lippenstift); dass ich der Anweisung meines Bosses folge und sie nicht hinterfrage; dass es ein offizielles und absolutes Rauch- und Alkoholverbot gibt und dass ich weder sitzen noch lehnen darf. Was ich nicht weiß: Dass ich für einen indischen Technologiepark an der Infotheke arbeite und nur zwei Aufgaben haben werde: Rucksäcke an Garderobenständer hängen und brav nicken, wenn jemand einen mitnehmen möchte. Und abundzu Kaffee kochen (was bedeutet, in unsere winzige Küche zu gehen und da auf einen Knopf zu drücken). You know how to speak Indian English?, fragt mich mein  Boss mit dem gespaltenen Ohrläppchen zur Begrüßung. Klar, Leute, lächle ich freundlich, kein Problem.

Grundsätzlich muss man sich immer vor Augen halten, dass man mit ein bisschen Menschenkenntnis ziemlich schnell in der Lage ist, abzuschätzen, wann man welche Regeln brechen kann. Weil die Firmen, für die man eingeteilt ist, über diese Regeln nicht informiert sind. Nur die Agentur, von der ich an diese Firmen vermittelt werde, kennt diese Regeln. Die Nicht-Sitzen-Nicht-Lehnen-Regel geht man am besten innerhalb des ersten Tages an, um direkt eine Base zu bauen und zu zeigen: So funktioniert es jetzt die nächsten fünf Tage. Nachdem wir zehntausend Rucksäcke an den Garderobenständern aufgehängt haben (und in mühsamer Arbeit zu dritt aus schweren Pappkartons ins Regal gelagert, was mich persönlich völlig wütend macht, so eine Arbeit aufzuteilen, aber gut), schleiche ich um den Plastikstuhl rum und lehne mich erstmal an, ohne jemals Blickkontakt zu suchen. Es ist wichtig, sich des Regelbruchs so anzunähern, dass er so unauffällig wie möglich ist. Dann, ein paar Minuten später und in einem vermeintlich unbeobachteten Moment, hüpfe ich rücklings auf den Stuhl, mache einen geraden Rücken und schwups haben wir all das in die Normalität integriert, als sich mein Boss mit dem gespaltenen Ohrläppchen neben mich setzt und ein Gespräch beginnt.

In den nächsten Tagen rede ich viel. Ich rede hauptsächlich mit den Vertretern des indischen Technologieparks, die alles in allem eigentlich ganz witzige Typen sind. Am dritten Tag spricht mich einer an, mit dem ich bisher nur in der Küche abhänge. Er möchte ein Businessmeeting mit mir vereinbaren. Ein Business-Meeting mit den anderen Leuten seiner Firma. Wir verabreden einen Termin, er fragt mich, ob ich die einzige Vertreterin seiner Firma in Deutschland sein möchte. Ich sage: Hä? Er sagt: Du brauchst doch Geld, du brauchst doch einen Part-Time-Job. Ich sage: Ja, stimmt. Aber ich kann nur 10 Stunden die Woche, weil ich auch noch andere Jobs hab. Er sagt: Ok, wir suchen wen für 40 Stunden die Woche. Ich sage: Ok, das bin ich nicht und das ist kein Part-Time-Job. Er sagt: Ok, dann suchen wir jemanden für 25. Ich sage: Es gibt bestimmte Gesetze in Deutschland, die mir den Studentenstatus bei einer zu hohen Anzahl der wöchentlichen Arbeitsstunden entziehen, was ich mir persönlich nicht leisten kann; alles, was darüber hinaus geht, dürfe nicht offiziell sein. Er sagt: Aha. Er sagt: Wie gut kennst du dich bei IT aus? Welche Kontakte hast du? Ich sage: Ich kenne mich nicht bei IT aus. Ich kenne mich mittel bei Literatur aus. Aber IT, keine Chance. Er sagt: Wenn du es erstmal kannst – das wird so ein halbes Jahr dauern – wirst du reich sein und Literatur und Journalismus vergessen. Ich sage: Ok. Ich überlege es mir bis nächsten Mittwoch. Ich ziehe meine Jacke an, er sagt: „And what are you giving me for this?“ Wow. Was für ein aufmerksamer, begehrenswerter, charmanter Mann.  Flink flitze ich nach Hause.

Am nächsten Tag kommt ein außergewöhnlich graubärtiger Mann an unseren Messestand und labert mich zu. Das liebe ich ja, zugelabert werden von erfahrenen, weisen Männern, die so manchen Tipp für mein Leben bereit halten. Natürlich hat er auch einige journalistische Tipps auf Lager, die ihm sofort einfallen, nachdem ihm mein Boss mit dem gespaltenen Ohrläppchen verpetzt hat, dass ich was mit Journalismus studiert habe, was ich persönlich immer lieber geheim halte, vor allen Menschen. Er arbeite, sagt der gaffende Mann, ja für die Welt, die ZEIT, die SZ, taz und FAZ, er sei Journalist, großartiger Journalist, und arbeite frei. Und, frage ich, können Sie sich davon finanzieren? Volltreffer. Der gaffende Mann ist richtig eingeschnappt. Nein, antwortet er. Soso, sage ich, und was machen Sie nebenbei? Ich bin Gastronom. Plötzlich liebe ich das Gespräch. Aber nur einige Sekunden. Denn: Natürlich ist der gaffende Mann gleichzeitig auch Literat und überlegt sich momentan, eine Autobiographie zu schreiben. Klar. Bei den ganzen Sachen, die er schon erlebt hat, kein Wunder. Ob ich den und den Pissautor aus Hannover kenne, ob ich das und das pissige Buch kenne, aber ich kenne ehrlich gesagt gar nichts, was den gaffenden Mann in seiner Weisheit bestätigt. Mein Boss mit den gespaltenen Ohrläppchen ermahnt mich später, ich müsse aufmerksamer sein, wenn ich mich mit Menschen unterhalte, und mehr Interesse zeigen. Aber ich bin zu wütend. Er nickt verständnisvoll. Glück gehabt.

Ein Vertreter des indischen Technologieparks macht mich richtig fertig. Er hat seine kleine Kabine links von mir, so dass ich direkt auf seinen Nacken sehen kann, was mich außerordentlich entsetzt: Man kennt das ja als jugendlichen Joke, dass man Menschen immer mit irgendwelchen Tieren vergleicht; aber noch nie hat mich ein Mensch so sehr an einen Fisch erinnert wie dieser Vertreter des indischen Technologieparks. Jeden Morgen, wenn er ankommt und an meiner Infotheke vorbeiläuft, bin ich davon überzeugt, dass er in Wirklichkeit ein Hering ist. Gerne möchte ich das mit meinen Mitmenschen teilen, aber das WLAN bei meinem Stand ist so schlecht, dass ich meinen Tweet nicht absenden kann. Ich schreibe alles auf unsere weißen Notizzettel und stopfe sie in meine Schuhe.

Meine Einnahmen:

51 Stunden, das heißt 510 Euro, abzüglich Lohnsteuer, die bei 50020150317_125814 Euro etwa 100 Euro betragen dürfte, also sagen wir 410,00 Euro, weil ich auf das Restgeld erst nach der nächsten Steuererklärung, also Anfang nächsten Jahres, zugreifen kann.

Meine Ausgaben:

26 Euro für den öffentlichen Nahverkehr. 2,60 Euro kostet das einfache Ticket von unserem Haus nach Messe / Ost. Das heißt 26,00 Euro für die kompletten fünf Tage.

Der Betrag, den meine Agentur für mich von meiner indischen Firma kassiert:

1045 Euro, was vorab überwiesen werden musste, zzgl. dem Hinweis, dass die Kosten steigen können und sich das an meinem Stundenzettel orientiert, bisher sei von 48,00 Stunden ausgegangen worden.

Mitte April bekomme ich von meiner Agentur also 410 Euro aufs Konto überwiesen, minus Fahrtgeld bedeutet das 384 Euro. Aber nicht mit mir. Und nicht mit meinem Boss mit dem gespaltenen Ohrläppchen. Der entscheidet, nachdem er von dieser Ungerechtigkeit Wind bekommt, mir täglich 10 Euro Lunchgeld zuzustecken. Was fünfzig Euro in der Woche macht. Und wovon ich mir ehrlich gesagt nichts kaufe, weil ich immer meine Banane und mein Brot dabei habe, so gut vorbereitet bin ich. Ich bekomme also fünfzig Euro, einfach so. Brauche ich ja gar nicht, diese Kohle. Weil ich überzeugt davon bin, dass ich eine Essstörung habe: Unsere Techniker bringen uns eine Unmenge an Karamellbonbons, die eigentlich dafür gedacht sind, in der Küche für die Mitarbeiter rumzuliegen oder die wir vorne auf einem kleinen Plastikteller servieren, damit sich die Schlenderer bedienen können. Ungefähr drei Stunden schaffe ich es, die Karamellbonbons nicht zu essen. Danach bin ich süchtig und stopfe mich nonstop voll.

Noch besser, als alles, was bisher geschah: Mein zweiter Boss lädt mich zum Essen ein. Erst zögere ich noch, aber dann ist es auch irgendwie normal. Denn eigentlich fragt er nicht, ob wir einen Burger essen gehen wollen, sondern wo er ein Kuscheltier kaufen kann für seine zweijährige Tochter, was ja wiederum eine ganz andere Frage ist. Von mir aus, ja. Ich führe ihn in den schönsten Shop Hannovers, Galeria Kaufhof. Da sein Kind nur sehr weiche Kuscheltiere mag, kaufen wir einen überdimensionalen Hasen, der gerade im Sale ist. Und ungefähr 1000 Schokoeier, die nicht zu osternmäßig aussehen, und die wir anstatt der Karamellbonbons servieren wollen, damit ich meine Sucht wieder in den Griff bekomme. Danach snacken wir noch einen Burger. Was ich jetzt so plane, fragt mein zweiter Boss mich. Jetzt geh ich heim und rauche eine mit Laura, sage ich. Wirklich, sagt er. Ja, sage ich, außerdem will ich duschen und schlafen. Aber mein Kollege hat mich heute verlassen, ich fühle mich einsam, sagt er. Tatsächlich, sage ich. Duschen und schlafen kannst du auch bei mir im Hotel, sagt er. Wie es einfach immer alle Leute dieser Firma schaffen, mich vor den Kopf zu stoßen! Aber ich brauche nur 10 Sekunden, um mich wieder einzukriegen. Ich bringe ihn vom Burger zum Bahnhof, dann sage ich Tschüß, dann will er ewig debattieren, dass ich nicht alleine nach Hause gehen kann, dann laufe ich weg. Glücklicherweise habe ich bereits am ersten Messetag verkündet, dass ich glücklich verlobt bin. Noch glücklicher: Ich habe sogar einen Messeverlobungsring.

Am allerletzten Tag versucht mein zweiter Boss ein soziales Experiment. Er hat die Rucksäcke unter den 36 Vertretern des indischen Technologieparks aufgeteilt, die sich jetzt, nachdem sie merken, wie gut die Rucksäcke ankommen, selbst bedienen und also meine zweite Aufgabe, das Hängen der Rucksäcke an Garderoben, einfach selbst erledigen. Klasse. Ich bringe meinem Boss bei, wie man Zigaretten dreht, schlendere so durch die Messehallen, suche Passi zwischen Halle 3 und 4, finde aber nur Löwenbräu, und snacke in der Pause ein winziges Stück Pizza für vier Euro. Zur Verabschiedung drückt mir mein zweiter indischer Boss noch 50 Euro in die Hand. Geschenke, die ich sonst noch bekomme: 2 Tacker, 1000 Tackernadeln, 1000 Schokoeier, eine Glasschüssel, ein Gästebuch (in das sich nur zwei Damen eingetragen haben), 2 T-Shirts, 2 Caps, 1 Tasse, auf der VERNÜNFTIG & KONSEQUENT steht. Zuhause angekommen finde ich einen Vertreter der Firma bei Tinder. Ich swipe nach links, was heißt: Nein.

David Bowie, ich fand dich supergut

Muss man im Januar 2016 noch einen Text hinzufügen zur Masse an Texten über Bowie? Wer braucht mehr als einen Nachruf? Und wer maßt sich das überhaupt an?

Ich zum Beispiel weiß nicht viel, über das Werk von David Bowie. Und bin sein größter Fan. Bowie begleitet mich erst seit wenigen Jahren. Er übt dabei eine stärkere Faszination aus als sozusagen jeder andere Künstler. Jetzt ist er tot und das stellt etwas an, das weniger mit ihm als mit mir zu tun hat.

Seit ein paar Jahren sterben sie alle weg. Die Maßgeblichen einer Generation, die das größte Phänomen der modernen Menschheitsgeschichte geprägt und erfunden haben, den Pop. Eine Kategorie, die gar keine Kategorie mehr ist, sondern das Eigentliche.

Lemmy ist tot. Das ist sehr schade. Den habe ich wenigstens noch live gesehen. Lou Reed ist tot. Udo Jürgens ist auch tot. Auch schade. Der Tot von David Bowie ist der erste, in dieser dichten Reihe an Abschieden, der mir tatsächlich etwas bedeutet. Auf einmal verbietet sich Ironie und Achselzucken von selbst. Das ist auch unangenehm.

Dabei ist es keine vier Jahre her, dass ich nur „Let’s Dance“ und „China Girl“ kannte und davon ausging, David Bowie, das ist Mist. So ist man manchmal, auch aus Prinzip. Jahrelang habe ich mich aus Prinzip den Beatles verschlossen. Einfach so. Als wäre die Beatles nicht gut zu finden, Teil meiner Identität. Das beschämt mich. Ich weiß nicht, was der Anlass war, mich dann eben doch mit Bowie auseinanderzusetzen. Aber ich weiß, dass es in Hildesheim war, Fenster zum Garten, Insekten im Hochbett, Doppelpärchen-WG. Ich erntete Unverständnis. Jetzt auf einmal ist Bowie der Gott des Feuilletons und der Masse. Zu Lebzeiten war sein Ruf gar nicht mal so gut. Das ist das, was die 80er mit vielen Großen angestellt haben.

Wie gesagt, ich weiß nicht viel über Bowie. Ich kenne nicht jedes Album. Aber in Ziggy Stardust habe ich mich verkrallt wie ein Kind, das den Klammerreflex kennenlernt. Es ist das perfekte Album. Es gibt kein anderes, das so sehr gespickt ist mit Hits, die sich niemals abnutzen, das so sehr gleichermaßen hoch anspruchsvoll und Mainstream ist, das so rund ist und trotzdem kantig, so ausufernd, dramatisch, ein Konzeptalbum im besten Sinne und bescheiden in der Produktion, nicht überfrachtet aber ausgewogen. Man kann über Ziggy Stardust nicht schreiben.

Ich gehe zum DJ der Kapuzinerklause und wünsche mir Starman. Die Gitarre windet sich in albernen Schleifen, Bowies Stimme überschlägt sich fast pubertär. La, la, la, la, la. Eine Hymne wie aus dem Leierkasten. Ein dreckiger, kleiner Popsong mit orchestralem Potential. Ein todernstes Kinderlied. Besser geht nicht. Die Kapuzinerklause gibt es ja auch nicht mehr.

Wir sitzen auf der Terrasse unseres Zeltplatzes in Furnas, Azoren. Es stehen zwei Zelte auf diesen Wiesen. Der Ort dampft und riecht nach Schwefel, wir bekommen Besuch von einem weiß-braun-schwarzen Straßenköter. Es regnet oft. Ich schneide mir eine portugiesische Wurst in den vegetarischen Eintopf. Wir sind mitten im Atlantik und außer uns macht hier niemand Urlaub. David Bowie nölt aus den beschissenen Reiseboxen. Press your space face close to mine, love / Freak out in a moonage daydream, oh yeah.

Den Großteil der Musik, die ich höre, suche ich mir über Spotify zusammen. Ich suche wie ein Junkie des Neuen nach Alben, die ich noch nicht kenne. Ich ordne ein und bewerte, was ich höre. Ich finde vieles großartig und höre das meiste nie wieder. Künstler, zu denen ich zurückkehre, gibt es wenige. Chad VanGaalen, Ryan Adams, The Growlers. Jack White eh. Cohen, Bowie.

Und auch wenn es sich kitschig und abgenutzt anhören mag: Die Songs, die man in regelmäßigen Abständen braucht, die Alben, die man nicht nur hört, sondern kennt, die Künstler, zu denen man zurückkehrt, sind die, die nicht nur aus ihrer Musik bestehen, sondern vor allem aus dem, was sie für mich sind. Bowie hat mich zum richtigen Zeitpunkt in Hildesheim besucht und uns auf die Azoren begleitet und seine Musik war ein Gefäß für eine Zeit, die wichtig bleibt, und meine Erinnerungen daran. Sie hat sich mehr als ideal dafür geeignet, sie aufzuladen und zu überhöhen und ist ungeeignet dafür, sie tot zu analysieren. Diese Songs sind Stellvertreter und Botschaften aus einer der besten Zeiten. Ich weiß nicht, woran das liegt. Aber ich will, dass es das Genie Bowies war, dem es gelang, Musik zu schreiben, die genau so funktioniert.

Your face, your race, the way, that you talk / I kiss you, you’re beatiful, I want you to walk / We’ve got five years, stuck on my eyes / We’ve got five years, what a surprise

Mein Musikgeschmack hat sich in den vergangenen zehn Jahren etwa zwanzig Mal geändert, gewandelt, erweitert, wie auch immer. Es gibt keine Garantie für nix. Es gibt wenige Konstanten. The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars wird trotzdem immer das beste Album aller Zeiten bleiben. Wenn es das gibt. Wegen allem. Michelangelos David, die Mona Lisa, Beethovens Neunte, das White Album und Ziggy Stardust. Man muss das übertreiben und ins Maßlose übersteigern. Jetzt ist wirklich mal nicht nur ein Typ, der ein Instrument spielen konnte, gestorben, sondern ein Mythos, eine Idee, ein Modus oder Prinzip, mit Gegenwart umzugehen.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich feststellen musste, dass die Fußballprofis im Fernsehen, so langsam in mein Alter kamen. Beziehungsweise, ich in das Alter der Fußballprofis. Das machte mich neidisch. Warum saß ich hier daheim auf dem Sofa meiner Eltern und musste am Montag wieder in die Schule, um danach irgendwas zu werden, während die Typen aus meinem Jahrgang… Das legte sich dann wieder. Neulich entdeckte ich die Homepage, auf der man nachschlagen kann, was Bowie in welchem Alter erledigt, erreicht, durchlebt hat. „He put the finishing touch to the look of his character Ziggy Stardust and released his 5th studio album The Rise and Fall of…” Mit 25 ein Meisterwerk, danach das, was in diesen Tagen so häufig und überall wiederholt wird. Chamäleon, Stilikone, Hits, Hits, Hits. Ich mag auch The Man Who Sold the World und Heroes und The Next Day und anderes. Aber Ziggy Stardust ist halt Ziggy Stardust.

Sobald ein bedeutender Mensch stirbt, wünscht man sich, dass es den Himmel doch irgendwie gibt. Gar nicht für sich selbst, nur für den Mythos eines anderen. Damit das nicht aufhört. Fan oder Bewunderer sein, ist ja schon auch mehr Symptom als Zustand. Man wünscht sich, dass es da oben Bläser und Geiger gibt, die die Coda von Rock’n’Roll Suicide lange genug einstudiert haben, um dem Mann jetzt einen entsprechenden Empfang zu bereiten. Wonderful.

Hört auf euch zu streiten, hört David Bowie.

Bowie

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München, Rotkreuzplatz. Unter uns mal wirr gesprochen.

Was kann es charmanteres geben, als diesen Mann in seinem senfgelben Sakko, der mir schräg gegenübersitzt? Eine Frau spricht mit ihm, wahrscheinlich seine Frau, aber der Mann im senfgelben Sakko hat es nicht nötig, ihr zu zuzuhören, ihr zu antworten, er schaut sie noch nicht einmal an. Er hat die grauen Haare nach hinten geschmiert, in den Nacken. Er hat die Beine, die in einer weißen Hose stecken, übereinandergeschlagen. Und er verkörpert so viel von dem was gut und richtig ist in dieser Stadt.

Die meisten Männer hier sehen aus wie Gustl Bayrhammer. Niemand hier ist weniger als zwanzig Jahre älter als ich. Der Kellner bringt mir eine Haxe, deren Fett so knusprig gebacken wurde, dass mir die Trommelfelle zerspringen, sobald ich meine Zähne in diese braune Kruste grabe. Es gibt kein Salatblatt, nichts Überflüssiges dazu, die Soße schmeckt stark überwürzt.

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich verstanden habe, dass es diesen Zustand nicht mehr lange geben wird. München ist nicht für die, die so sind wie ich. Wir jungen Menschen machen München kaputt. Wir sind schuld daran, dass es diese Orte bald nicht mehr geben wird. Die Orte ohne Cocktails auf der Karte. Die Orte mit hässlichen, dicken Bedienungen. Die Orte, wo alle rauchen und niemand kein Bier trinkt. Zwei Tische weiter sitzt eine Omi mit Sonnenbrille, sie ist ungefähr unendlich alt und hebt ihre Halbe mit beiden Händen. Aber noch hebt sie sie bis zum Mund.

2Das hier ist für all diejenigen, die nichts davon verstehen und es ist wieder nur ein Versuch, nur eine verkrüppelte Annäherung. Und gerade das ist auch der Punkt. Charme ist so ein schreckliches Wort, aber es gibt keine Worte, die das eingrenzen können, was München aus und zu einem der besten Orte macht.

Welche gäbe es noch? Aura? Atmosphäre? Diese komische, rustikale 70er-Jahre Leichtigkeit, die es noch gibt, die wir aber, also meine Generation, zerschießt mit ihren Cocktails und Schiefertafeln und Burgerläden. Natürlich ist das eine widerwärtige Nostalgie, die überhaupt gar nicht funktioniert, wenn ich sie vertrete. Aber wenigstens einmal muss man das doch ausformulieren.

Für einen Artikel fahre ich zum Umsonstladen am Leonrodplatz. Eine Frau erzählt mir, dass ihr Vermieter – ich stelle mir vor, es wäre der Mann im gelben Sakko – ihre Miete verdoppeln will. Das Gericht hat ihm gerade Recht gegeben. Die Frau hat Angst, obdachlos zu werden. Sie sei bestimmt keine Revoluzzerin sagt sie, aber stur könne sie sein.

Mein größtes Problem ist, dass ich keinen Zimt mehr zu Hause habe für mein Müsli und es sich nicht mehr lohnt, Zimt zu kaufen, weil man das dann ja mit umziehen muss. Ich würde mir so gerne Schlappen kaufen wie Heidi Klum sie einst bewarb, aber bei Galeria Kaufhof sind alle zu groß.

Ein paar Formeln gehören obligatorisch zu jedem Abschied:

– Danke für alles.
– Alles Gute.
– Es bleibt spannend.

Die schönsten Frauen sitzen alle mit mir in der S-Bahn in Richtung Holzkirchen. Eigentlich wollte ich mindestens einmal bis zur Endstation fahren. Endstationen sind besondere Orte. Holzkirchen. Holzkirchen bleibt mir. Ich lese in der S-Bahn, auch wenn ich angetrunken bin. Ich vergesse alles, was ich lese im selben Moment.

Meistens sitzen da außerdem ein paar 16-Jährige mit Polohemden und ledernen Segelschuhen – manche sogar mit Bommeln, kann es etwas widerwärtigeres geben? Es stimmt, dass man Menschen nicht treffender beurteilen kann, als anhand ihrer Schuhe. Die 16-Jährigen unterhalten sich meist über ihre Privatschule. Sie haben ähnliche Frisuren wie der Mann im gelben Sakko, nur noch nicht ergraut. Ich halte es für möglich, dass ich ihnen, wenn sie zehn Jahre älter wären, an dieser Stelle Komplimente machen würde. Aber so wie sie sind, sind diese Jungs nichts als ein schleimiger Auswurf dieser Stadt, der einen bitteren Geschmack auf der Zunge hinterlässt.

München war schlecht und München war gut.

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Tagebuch der unerhörten Begebenheiten. Drei: Tod durch Leberkäs hätte den Tag gerettet

9.3.15

Ich bin ja ein Autofahrer. Der Autofahrer an sich ist ein so verachtenswertes wie bösartiges Wesen. Er hat sich für ein Dasein im Kriegszustand entschieden, Krieg herrscht ständig –  mit dem Rest der Autofahrerschaft, dem Fußvolk, den Zweiradfahrern, sich selbst.

Das ist ein anderes Thema, über das schon zu viel geschrieben worden ist. Ich selbst erlebe das Autofahren vor allem in jüngster Zeit weniger als Krieg als als Paranoia. Nicht Aggression (schon auch), aber vor allem Angst prägt die Erfahrung der Kraftfahrzeugbewegung. Die Angst gilt dabei weniger dem Unfall, der unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben und Mitmensch – nein, ich habe weniger Angst vor, sondern Angst um, Angst um das Auto mit dem ich fahre. Mein Auto ist nicht schön, nicht schnell und auch nicht sparsam. Es ist eine Familienkutsche, Modell praktisch, aber nicht hochwertig genug um auch als zuverlässig durchzugehen. Ich fahre meist 126 Stundenkilometer, ungern mehr oder weniger. Dabei muss ich ständig damit rechnen und rechne ich ständig damit, dass mir das Teil um die Ohren fliegt. Im Normalfall geschieht das nicht.

Diesmal schon. Aber der Reihe nach: Zuerst mal freue ich mich nämlich nichtsahnend. Ich bin froh, nicht abgeschleppt worden zu sein, während ich arbeitete. Das ist nämlich die andere Paranoia: Nicht Defekt sondern Abwesenheit des PKWs.

Einstmals, in Hildesheim, bin ich abgeschleppt worden, nicht weit zum Glück, schließlich weckte mich das rückwärtsfahrende Piepsen des Abschleppwagens, ich hechtete ans Fenster, wühlte den Vorhang beiseite, drückte mir die Nase platt und sah: Der Silberne, Pablo genannte, hing schon an der bedrohlich rasselnden Kette, von der er auf die Ladefläche des Abschleppwagens gezogen wurde. Kein schöner Anblick am Morgen, noch schlimmer sind die dazugehörigen Geräusche, die mich bis heute in meine Träume begleiten. Barfuß sprang ich aus der Wohnung. Ein LKW hatte wegen meines rücksichtslosen Parkverhaltens nicht um die Kurve fahren können. Die den Strafzettel ausstellende Polizeibeamtin lächelte herablassend, aber auch sanft. Mir klebte das Haar vom Nachtschweiß fettig auf der Stirn. Ich entschuldigte mich, parkte barfuß um – wobei ich zuerst vor den Augen der arbeitenden Bevölkerung mehrmals am Rückwärtseinparken scheiterte, um dann sehr weit weg zu parken, zahlte dann 170 Euro an das bösartige Abschleppunternehmen und verfluchte Polizeistaat, Kapitalismus, das System, die Ungerechtigkeit des Daseins des kleinen Mannes.

Mit der Angst, das Auto ist nicht mehr da, aber nicht geklaut, sondern zur Strafe weggebracht worden, lebe ich also Tag für Tag. Diesmal ist das Auto da, so wie seitdem jeden Tag und wie jeden Tag kann ich mich der Erleichterung nicht verwehren.

TDUB

Ich fahre los. In einer Stunde ist Einlass, ich möchte Heinz Strunk live sehen. Das Auto gibt seltsame Geräusche von sich. Es hört sich an, als würde sich die ganze rechte Seite der Karosserie gleich verabschieden und auf dem Asphalt zerschellen. Ich parke bei REWE und steige aus. Meine schlimme Befürchtung bestätigt sich: Der hintere, rechte Reifen ist platt. Was tun? Auf dem Parkplatz warnen Schilder vor dem Abgeschlepptwerden. Wer länger als eineinhalb Stunden einkauft, muss nach Hause laufen. So viele Ängste, die sich fast gleichzeitig zu erfüllen drohen.

Ich kaufe zunächst ein. Es ist schließlich Abendessenzeit. Das ist nämlich Paranoia Nummer drei, gleichsam die schlimmste aller Ängste: Im Moment des knurrenden Magens maximal entfernt von Essen zu sein (eine verachtenswerte Wohlstandsangst eigentlich, oder? Frage geht in die Runde diesmal). Deswegen: Immer für Proviant sorgen. Bäcker sind meine besten Freunde, auch die im Eingangsbereich der Supermärkte, aber nur, wenn sie was Belegtes haben. Der Bäcker, der zwar viel trockenes Brot anbietet, aber keine Leckerei für jetzt schnell auf die Hand, braucht gar kein mitleidheischendes Handwerkergesicht aufsetzen, wenn er pleitegeht. So sehe ich das. Der Hunger kündigt sich bereits an, ich hechte also zum REWE-Bäcker, flehe um ein belegtes Brötchen und eine Butterbreze, werfe mit harten Münzen um mich. Ich bin schon zum zweiten Mal heute hier, vorhin schon geschnitten Brot gekauft.

Dann zurück zum Auto. Drin liegen nun drei Bäckertüten: Brottüte, Butterbrezentüte, Semmeltüte. Auf die Uhr geschaut: Scheißzeitpunkt. Alles eh scheiße. Ich schreibe einen Zettel: „Bitte nicht abschleppen. Weg morgen früh.“ Dazu die Handynummer. Dann sperre ich das Auto ab und laufe los in Richtung S-Bahn, muss ja zu Heinz Strunk. Über den Rest kann ich morgen nachdenken. Nach wenigen Metern drehe ich wieder um, Proviant vergessen. Auto auf, Bäckertüte raus, Auto zu, wieder in Richtung S-Bahn davon. Nach wenigen Metern drehe ich um: Da steht das Auto. Auf drei Reifen nur. Das steht ganz schief. Ob das gut ist? Für die Achsen? Die Felgen? Lieber mal Papa anrufen. Papa geht nicht ran. Dann eben Mama, Hauptsache, jemand Erwachsenes. Mama weiß auch nicht so recht. Mama will Papa anrufen, ich blättere derweil im Handbuch des Wagens, suche schon mal den Wagenheber heraus, finde die Stelle, wo ich diesen ansetzen müsste. Also doch jetzt und hier den Reifen wechseln? Zur Schonung des Gefährts? Kein Rückruf bislang, ich entschließe mich dafür und kurble schon mal los, wenn auch halbherzig, ohne rechte Überzeugung. Lieber würde ich das ganze vorher mal googeln, mir ein, zwei Tutorials anschauen. Doch dafür habe ich jetzt weder Gerät noch Zeit. Dann doch der Rückruf: Papa sagt, das macht eh nix, kann ich auch morgen machen, aber Schrauben nachziehen lassen nicht vergessen.

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Na Gottseidank. Also los jetzt, Richtung S-Bahn, zackig davongeeilt. Nach wenigen Metern drehe ich um: Proviant vergessen, mittlerweile hat sich schon ein veritabler Hunger etabliert. Auto auf, Tüte raus und wieder los, jetzt aber schnell. In einer Viertelstunde ist Einlass. Nächste Bahn in: Zwanzig Minuten. Die letzte sehr knapp verpasst. Ich sitze im Ismaninger Bahnhof auf einem Gitterstuhl. Der Duft, der mich umweht, ist mir wohlbekannt. Den ganzen Tag saß ich schon eingehüllt in eben dieses Aroma im Büro. Es ist der köstliche Duft von geschnittenem Brot. Schinkensemmel und Butterbreze liegen im – die Butterbreze, wie sich später herausstellen wird, sogar auf dem – defekten Gefährt. Zurücklaufen und Wiederkommen würde etwa zwanzig Minuten in Anspruch nehmen. Ich entscheide mich dagegen und knabbere trockenes Brot, ich versuche, mich daran zu erfreuen, ich bin ein großer Freund von Brot, zunehmend, es gibt nichts besseres, nichts unterschätzteres als Brot, einfach Brot, wie selten kommt man in den Genuss, selten genug.

So, schlimm genug, denkt man, was soll da noch kommen? Von wegen. Es folgt, natürlich, wie es sich gehört, eine temporäre Phase des allgemeinen Bergauf. Die Bahnfahrt ist angenehm komplikationslos, zwischen Bahnhof und Veranstaltungsort findet sich ein Tengelmann, inklusive Bäcker. Der Bäcker hat seine kargen Reste bereits zusammengeschoben wie um zu sagen: Das hier ist echt der letzte Dreck, ein richtiger Dreckshaufen, selbst für Enten im Park zu schad. Nichts für mich. Also in den Tengelmann gespurtet, da wird sich was Besseres finden. Tatsächlich: Eine Fleischtheke. Leberkäs her!, stammle ich, nach wie vor mehr von der Angst vor dem Hunger auf Trab gehalten als vom Hunger selbst. Auf dem Weg nach draußen schubse ich diverse Menschen auf den Boden, spucke ihnen ins Gesicht. Hab heut schließlich schon genug durchmachen müssen, wer will mich verurteilen? Sobald ich bezahlt habe, stopfe ich mir die Leberkässemmel in Gänze in den Schlund. Fast erleide ich einen Erstickungsanfall, zum Glück aber eben nur fast. Einmal mehr dem Tod von der Schippe gesprungen. Auch schade, eigentlich, weil Tod durch Leberkäs, schöner wird’s nicht mehr.

Dann treffe ich Freunde. Wir schauen uns Heinz Strunk an. Strunk ist eh fabelhaft, braucht man nicht viel zu sagen, um den geht es hier auch gar nicht. Am Ende sogar Computerfreak, sehr schön.

Dann: Zum Bahnhof fahren lassen. Mit S.H. (begegnen Sie im wieder in der anstehenden Buchveröffentlichung des Derm, dann aber unter anderem Namen, dafür in Bolivien) rein in den Bahnhof. Beide haben wir unsere Bahn knapp verpasst und müssen zwanzig Minuten warten. S. kauft sich Kartoffelwedges hier, klaut zusätzliches Ketschup und Mayo dort, weil er noch nicht genug hat, der gierige Ketschup- und Mayo-Hamster. Beschwert sich dann auch noch, weil das Ketschup des Ketschupwagens leer ist.

Im Schacht trennen sich unsere Wege. Ich rein in die Bahn, Musik an, ab nach Unterhaching. Kurz bevor der MP3-Player älteren Modells den Geist wegen Akku aufgibt setzt sich ein Mann mir gegenüber. Das heißt: Die Bahn ist nahezu leer. Er könnte fast überall ungestört sitzen und mampfen, der Mann. Er aber stürmt heran, schnappatmend, gehetzt, wovon?, man weiß es nicht, es ist niemand hinter ihm her, er hat keine Verpflichtungen, machen wir uns nichts vor, die Haare fettig, die Hose zerfetzt, die Augen glubschend, niemand wird ihn erwarten, weder heute, noch morgen in aller Früh. Er setzt sich mir gegenüber, nicht schräg gegenüber, am Gang, sondern direkt gegenüber, auch ans Fenster, um mich auch ja psychopathisch genug anstarren zu können.

Der Mann hat sich etwa fünf Cheeseburger gekauft. Ich glotze stumpf aus dem Fenster. Der Mann mampft und starrt mich an. Herausfordernd. Ich spiele mit dem Gedanken, die Kopfhörer wieder aufzusetzen und so zu tun als würde ich Musik hören, weil ich fast das Gefühl habe, er könnte mich jeden Moment stumpf provozierend ansprechen. Stattdessen beobachte ich sein Spiegelbild. Immer so lange, bis das Spiegelbild zurückstarrt. Noch zwei Cheeseburger. Der Mann ist sehr laut, Brösel kleben auf seiner Unterlippe, am Kinn, rieseln auf seine Hose, er hustet, ich will nicht nachschauen, ob meine Hose etwas abbekommen hat, die Omi auf der anderen Seite des Ganges schüttelt immer dann den Kopf, wenn sein Stierblick gerade nicht auf ihr ruht. Wie erbärmlich muss man sein, um sich von dieser armen Sau so sehr die gemütliche Heimfahrt versauen zu lassen? Aber so sind wir nunmal, die Omi und ich. Die Fahrt zieht sich hin, der Mann macht keine Anstalten, auszusteigen, in Unterhaching taumle ich schlingernd aus der Bahn. Endlich, daheim.

Noch schnell nach der Post schauen: Keine Post. Ab einem gewissen Alter ist das etwas Gutes, weil man eh nur Schlechtes erwartet von den Menschen, die einem Briefe schreiben. Bin ich jetzt etwa schon in diesem gewissen Alter? Ist das das Ende von allem, der Gedanke „Keine Post, na vielleicht besser so“? Mit diesem trüben Gedanken und der zermürbenden Angst vorm anstehenden Reifenwechsel im Kopf wechsle ich zaghaft hinüber ins Reich der Träume. Ich werde den Reifen tatsächlich wechseln, nicht ganz ohne die Hilfe des DHL-Mannes, der der REWE gerade ihre Post bringt. Der Mann stellt sich auf das Schraubendreh-Dings, eine der freundlichsten Gesten des neuen Jahres. Wenn ich eine Frau wäre, würde mich das Klischee vielleicht in meiner feministischen Ehre kränken, aber so geht’s klar. Den Rest hab ich ja allein geschafft, okay?

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50 GRÜNDE, WIESO DU DICH BESSER VON DER SURFnFUN-FLATRATE VON 1&1 FERNHALTEN SOLLTEST

Mit dem letzten Datenvolumen meines Handys veröffentliche ich diesen DERM. Er soll der Menschheit die Entscheidung abnehmen, ob sie Kunden bei 1&1 werden wollen. Wer die Geschichte der Misere nicht ganz lesen will: PRO Die Mitarbeiter am Telefon sind meist freundlich, CONTRA Du bekommst von deiner Internet- und Telefonflatrate nicht viel mehr mit als die Abbuchungen von deinem Konto am Ende des Monats. Entscheide selbst.

 1&1, ein tolles Unternehmen – und bisher hat auch alles gut geklappt, bis auf die Tatsache, dass sich mein monatlicher 19,90 Internet und Telefonflatrate-Vertrag plötzlich in einen 29,90 Internet und Telefonflatrate-Vertrag veränderte, ohne, dass jemals jemand mit mir darüber gesprochen hätte. Aber ok. Ich wusste ja, dass ich in absehbarer Zeit, vier Monaten um genau zu sein, aus meiner Wohnung ausziehe und es jetzt nicht besonders viel bringt, Stunk zu machen. Was ich nicht wusste: Dass mit meinem neuen 29,90 Internet und Telefonflatrate-Vertrag auch die einjährige Kündigungsfrist ins Haus geht. Die Dame, mit der ich im August telefonierte, wusste das scheinbar auch nicht, weil sie, als ich sie fragte, ob noch irgendwelche Kosten oder Ähnliches nach Beendigung des Vertrages, also dem 25. Oktober 2014, auf mich zukommen, klar verneint hat. Klasse, dachte ich. Klasse, dachte sie. Ob ich nicht lieber den Umzugsservice in Anspruch nehmen wolle? Nein, nein, sagte ich, ich ziehe ja komplett aus der Wohnung aus und in eine WG und da sei ja Internet schon vorhanden, also für mich persönlich lohne sich das gar nicht. Achso, alles klar, sagte die nette Frau. Und tschüß.

 Aber tschüß war noch lange nicht! Denn auch im November wurden mir weiterhin – obwohl ich der Frau sagte, ich ziehe Ende September aus und sie solle bitte das Internet in meiner Wohnung deaktivieren oder was man eben so macht, wenn man das gar nicht mehr nutzt, wurde mir ordentlich Kohle von meinem Konto eingezogen – selbst als ich schriftlich widersprach und mein Widersprechen mit juristischen Klauseln eines juristischen Freundes meinerseits schmückte. Dann passierte erstmal zehn Jahre lang gar nichts. Und ich wurde natürlich sauwütend, weil immer noch mehr Monate ins Land zogen und noch mehr Kohle von meinem Konto abgebucht wurde, was ich persönlich nicht verstehen konnte und nicht akzeptieren wollte, da ich ja, meiner Meinung nach, schon alles gemacht hätte, was in meiner Macht stand. Ich entwickelte das Ritual, jedes Mal, wenn ich nach dem Duschen einen Turban auf dem Kopf hatte, eine wütende Mail an 1&1 zu verschicken.

 1&1 schickte mir daraufhin eine Umfrage, speziell auf mich zugeschnitten, in der ich bewerten sollte, wie hilfreich/charmant/cool das Telefongespräch mit der Frau gewesen sei. In der Umfrage gab es kein Kästchen, in das ich irgendwas eintippen konnte, sondern nur ein Fünf-Sterne-Bewertungssystem, anhand dessen ich selber entscheiden sollte, wie freundlich die Frau am Telefon zu mir war, aber auch, ob mein Problem gelöst werden konnte. Konnte es nicht. Scheinbar gab es keine Möglichkeit, meinem Schicksal zu entrinnen und da 1&1 sowieso ignorierte, dass ich dem Unternehmen schriftlich untersagte, Geld von meinem Konto per Lastschrifteneinzug abzubuchen, hatte ich fast keine Wahl und befand mich nun also in einer Ein-Jahres-Kündigungsfrist, die zum 25. Oktober 2015 enden sollte. Natürlich hasste ich nicht nur mich, sondern auch Frau mit jeder Pore meines Körpers, da sie mich angelogen hatte, wissentlich oder nicht. Und da ich früher hätte widersprechen können, wenn die Frau mich am Telefon über alles aufgeklärt hätte. Ich verheimlichte alles vor meinen Freunden (außer Laura und Juan), weil es mir peinlich war und zog ab diesem Zeitpunkt immer Mützen an.

 Jedenfalls konnte man an meinem Fall nichts ändern, weswegen der Vertrag mit 1&1 noch läuft und zwar bis zum 25. Oktober 2015. Die einzige Möglichkeit: Ihn bei meinem nächsten, neuen Umzug wieder in die neue Wohnung mitnehmen (Inzwischen hatte ich vier Monate lang 29,90 Euro bezahlt). Wieso auch nicht nutzen, wenn ich dafür bleche und mein neues Haus noch kein Internet habe? Aber das habe ich mir schöner vorgestellt, als es war; die 60 Euro Umzugsgebühr würden mir, klärte mich eine weitere freundliche Dame am Telefon auf, direkt mit meiner Rechnung am Monatsende berechnet und von meinem Konto abgezogen werden.

 Den ersten Technikertermin bekamen wir am 06. März, ein Typ von der Telecom kam rein und es stand ziemlich schnell fest, dass er uns nicht weiterhelfen kann, weil er keinen Zugang hatte zu einem Kasten in unserem Keller, zu dem nur der neue Hausmeister den Schlüssel habe. Und dass sowieso kein Signal von der Straße komme, wo auch irgendein Kasten stand, mit dem er irgendwas machen musste, was er mir aber nicht erklärte, weil er meinte, es sei eher sein Metier als meines. Wir brauchten also einen weiteren Termin. Der war am 16. März, wie ich mit einer weiteren freundlichen Frau am Telefon aushandelte. Stimmte aber gar nicht. Ein paar Tage später bekam ich eine BestätigungsSMS, in der stand, dass der vereinbarte Termin am 17. März sei, was ja schon asozial genug ist. Ich war nicht zugegen, aber scheinbar hatte unser neuer Hausmeister den falschen Keller aufgesperrt und alles ging schief. Den dritten Techniker habe ich am 23. März an der Haustür gefragt, ob er uns heute das Internet bringe. Er hat geantwortet, ja, vielleicht. Ziemlich schnell stand fest, dass unser neuer Hausmeister wieder den falschen Kellerraum aufgesperrt hatte, aber der dritte Techniker fand auf der Straße einen Mann, der wohl auch ein neuer Hausmeister unseres Hauses war und der deswegen den richtigen Raum finden konnte. Was dem Techniker allerdings nichts half, weil er mit einem kleinen Piepdings am Kabel in unserer Wohnung entlang leider feststellen musste, dass man ab einem bestimmten Punkt kein Signal mehr habe. Und ich hasse diesen Blick, wenn dich einer anschaut und dir was sagst, wovon du keine Ahnung hast, aber dann fühlst du dich so, als ob du Ahnung haben müsstest. „Ich verstehe nicht, was Sie sagen“, sagte ich, und er antwortete: „Tja Mädels, jetzt haben wir ein Problem.“ Seine Diagnose lautete, das Telefonkabel sei kaputt. Weil er eh schon sauwütend war, dass er sich länger als seine zehn Minuten in unserem Haus aufhalten musste, ließen wir ihn ziehen.

 Und kontaktierten wie immer 1&1. Um einen neuen Termin zu vereinbaren. Was natürlich ein Witz ist, weil du den Termin nicht vereinbarst, sondern einfach zugeteilt bekommst und dann zuhause sein musst und zwar von 8 Uhr bis 13 Uhr. Wir telefonierten viermal mit unserer Hausverwaltung, die der Meinung war, es sei Aufgabe von 1&1, das Kabel zu wechseln, und wir telefonierten viermal mit 1&1, die der Meinung waren, es sei die Aufgabe der Hausverwaltung, das Kabel zu wechseln. Ab und zu legten wir einen Stepptanz zur 1&1-Wartemusik hin. Bis wir eine junge 1&1-Kollegin am Telefon hatten, die davon überzeugt war, dass sie einen Elektriker (nicht von der Telekom) vorbeischicken könnte, der das Kabel erneuert, wir müssten dafür nur einen Schrieb unserer Hausverwaltung bereit halten, der uns versicherte, dass der Elektriker Löcher und was weiß ich in unsere Wohnung bohren könne.

 Der Elektriker kam eine Woche später, wusste aber nichts von seiner Aufgabe, was das grundsätzliche Problem von 1&1 zu sein scheint: Jeder Techniker, der jemals unser Haus betrat, war in keinem Fall aufgeklärt über die Vorarbeit, die andere Techniker bereits geleistet hatten und fing also jedes Mal wieder bei null an. Ich telefonierte mit meiner Freundin Alina und berichtete ihr von meinem Leid und sie berichtete mir von dem Leid ihres Opas, der ähnliche Sorgen mit 1&1 hatte. Der Elektriker wechselte die TAE-Dose und fragte mich, ob meine FritzBox intakt sei. Ich sagte, meine FritzBox sei immer intakt gewesen. Er fragte mich, wie ich das wissen könne. Ich sagte, das Licht blinke, technisch müsste sie also funktionieren, aber ich könnte es nicht zu 100% überprüfen, da ja keiner in der Lage sei, das Internet in mein Haus zu bringen. Der Elektriker glaubte mir nicht, schloss seine persönliche FritzBox an und stellte danach fest, dass ich Recht hatte. Mein Mitbewohner fragte ihn, ob er heute gekommen sei, um das Kabel zu wechseln. Der Elektriker sagte, das dürfe er nicht. Wir fragten, wieso. Er erklärte uns irgendwas anderes. Ich sagte, dass ich sehr wütend und verzweifelt bin und dass ich mir jetzt einen Kräutertee SPRITZIGE STUNDE zubereite.

 Mein Mitbewohner verlor die Geduld und floh aus der Wohnung, so schnell ihn seine Beine trugen. Der Elektriker und ich allerdings hingen noch eine halbe Stunde in meiner Wohnung ab. Ich fragte ihn, wie ich mit 1&1 kommunizieren sollte, er sagte, sie als Kundin kommunizieren am besten gar nicht mit denen, er rufe jetzt eine andere Nummer an, bei der man schneller durchkomme, und dann finden wir etwas heraus. Auch der Elektriker und ich wippten mit den Köpfen im Takt zur Warteschleifenmusik, aber wir konnten niemand erreichen. Ich bring mich um, sagte ich dem Elektriker und er sagte: Sie machen jetzt erstmal gar nichts, ich nehme Kontakt zu denen auf, dann rufe ich Sie nochmal an. Aber ich bin so verzweifelt, sagte ich und was er dann sagte, weiß ich nicht, ich glaube aber, er meinte damit sinngemäß, dass ich einfach cool bleiben sollte, was ich auch tat. Am Abend, beim Telefongespräch, sagte mir der Elektriker: Rufen Sie bei 1&1 an und vereinbaren Sie einen neuen Termin. In diesem Moment fing ich an, mir die Haare büschelweise auszureißen.

 Als ehemalige Telefonistin weiß ich natürlich, wie hart es ist, mit Arschlöchern zu telefonieren. Und dass sich hinter jeder Telefonnummer, sollte sie noch so unscheinbar wirken, ein penetrantes Arschloch befinden könnte. Und dass man ja für eine höhere Macht arbeitet, die ziemlich scheiße ist, aber die einem grad Geld gibt, was man natürlich braucht, um sich Essen zu kaufen und eine Miete leisten zu können. Weswegen ich natürlich auch bei jeglichen Telefonaten, und wenn ich noch so fuchsteufelswild bin, versuche, freundlich zu bleiben. Aber irgendwann reißt auch mein Geduldsfaden und zwar beim Telefonat mit einem 1&1 Mitarbeiter, der mir wieder nicht helfen konnte. Das Gespräch verlief ungefähr so:

„Guten Tag, ich bin die und die, das ist meine Kundennummer, und ich bin wütend und verzweifelt. (Kurzer Bericht, was bisher alles passiert ist.) Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich bin so sauer, dass ich meine Wut und meinen Frust jetzt bei Ihnen ablade.“

Er: „Ja, das ist echt eine verzwickte Lage bei Ihnen.“

Ich: „Wieso?“

Er: „Wir könnten natürlich einen neuen Techniker-Termin vereinbaren.“

Ich: „Aber das bringt nichts, weil ja alle Techniker hier ständig irgendwelche Termine vereinbaren, keiner über das aufgeklärt ist, was bisher geschah und alle mich ständig anschauen, als müsste ich über irgendwas Bescheid wissen. Haben Sie keine Kommunikation in Ihrem Unternehmen?“

Er: „Wir könnten natürlich jemanden damit beauftragen, Ihr Kabel zu erneuern?“

Ich: „Aber wir wissen ja nicht mal, ob es kaputt ist.“

Er: „Aber wenn wir es erneuern, dürfte es ja nicht mehr kaputt sein.“

Ich: „Aber der erste Techniker sagte ja, es käme kein Signal von der Straße, und der vierte Techniker, dessen Aufgabe das ja eigentlich gewesen sein müsste, sagte, der sei nicht befugt, das Kabel zu erneuern.“

Er: „Hmm ja, lassen Sie uns das Kabel erneuern.“

Ich: „Ich will jetzt einfach, dass jemand in mein Haus kommt und mir hilft.“

Er: „Sie müssen jetzt eine Schätzung abgeben, wie lang das Kabel ist und wie viele Bohrungen man durchführen muss.“

Ich: „Hm. 10 Meter und 4 Bohrungen.“

Er: „Sind Sie sich sicher?“

Ich: „Nein, ich habe noch nie über die Länge dieses Kabels nachgedacht.“

Er:„Haben Sie noch weitere Fragen?“

Ich: „Ja, definitiv. Ich bin nicht bereit, 1&1 mein Geld in den Arsch zu schieben, weil ich für eine Leistung bezahle, die ich gar nicht bekomme. Also will ich die Kohle zurück. Ich bin Studentin.“

Er: „Ja, nachdem Ihr Anschluss steht, wird unsere Rechnungsstelle das überprüfen und Sie können natürlich Ihr Geld zurückfordern.“

Ich überlegte während dem Telefongespräch, ob ich ein paar Jokes machen sollte, ließ es dann aber, um meine Wut besser zeigen zu können. Am folgenden Abend fing ich eine neue Serie bei Twitter an, die sich „herzlichen dank, #1und1“ nennt und die von meiner Misere berichtet. Irgendwann in nächster Zeit kommt wieder ein Elektriker in unser Haus, der unser Telefonkabel erneuern soll, falls er diesmal befugt ist. Ob ich dann endlich wieder surfen könne, fragte ich am Telefon. Der Mitarbeiter sagte, nein, dann müsse zuerst wieder jemand von der Telekom kommen.

 In der Umfrage bezüglich der netten Frau gab es übrigens auch die Frage danach, ob ich 1&1 meinen Freunden weiterempfehlen würde. Ich habe diese Frage mit einem Stern bewertet, was das Schlechteste ist. Ein Telefongespräch mit der Frau würde ich jedem meiner Freunde weiterempfehlen. Hätte es ein Kommentarfeld gegeben, hätte ich eingetippt: „Liebe Freunde und Bekannte, am besten ist, wenn ihr euch von diesem blöden Verein fernhaltet. Ich hasse ihn und euch würde ich ans Herz legen, mir es gleichzutun. Wir müssen wieder damit anfangen, uns gegenseitig ein Fax zu senden.“

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HOW TO SURVIVE SCHEIßJOBS – AUSGABE 1: EUROTIER 2014

In der neuen Spitzenrubrik HOW TO SURVIVE SCHEIßJOBS, die vor allem für angehende Kunst- und Kulturschaffende von besonderem Interesse sein mag, berichtet der ehrenwerte DERM über unerträgliche Positionen in unerträglichen Jobs – und wie man sie überlebt.

EUROTIER, HANNOVER, 11. BIS 14. NOVEMBER 2014

Ich kenne diesen Scheißhund in- und auswendig. Von einer 1000-er Auflage Tüten mit Aufdruck falte ich in vier Tagen 800 Exemplare und stelle immer vierzehn davon vor unseren Messestand. Inhalt vorerst: zwei Tüten mit Gummibärchen, kurz später nur noch eine Tüte Gummibärchen, danach dann: nichts mehr, weil: keine Bärchen mehr übrig, die Firma hat falsch geplant. Der Scheißhund beißt der Scheißkatze mit seinen winzigen Zähnen ins Ohr. Und schaut dabei in die Kamera, klar. Und die Katze ist auch irgendwie süß. Verschmust, so sagen das die meisten. Zwei verschmuste Tiere, die für ein Unternehmen werben sollen, das Tierfette herstellt. Ein voller Erfolg. Seit vier Tagen trage ich heimlich dieselbe Bluse; ich habe das Kaffeefleckenproblem (wieso auch weiß!), dem ich mit geschickten Handbewegungen unter meinem Blazer oder am Kragen unter meinen Haaren entgehen kann. Offene Haare – ein absolutes Messe-No-Go, das nicht bemerkt wird, weil die Firma sich zum ersten Mal eine Messehostesse „hält“ und gängige Vorlagen also nicht kennt. „Goldig“, sage ich nach einiger Zeit zu den an unserem Scheißhund interessierten Leuten. Das sind eine Menge. Zehntausend oder eine Milliarde. Die diese Scheißhund-Tüte in den Händen anderer Messebesucher gesehen haben und sich, weiß Gott warum, auch eine Scheißhundtüte mitnehmen müssen, mit nach Hause. Für meine Tochter, sagt eine, für meine Cousine, sagt eine, für mich selber, ist ja so süß, sagen die meisten. „Echt goldig“, sage ich und kann mir nicht vorstellen, wie ich mich jemals wieder normalisieren soll.

Informationen zum Messestand: Vom Erfolg getrieben sind auf jeden Fall die Bosse, die sich immer ins Separée zurückziehen, ein Ehepaar, „proaktiv“ sind sie und bin ich (so wie es die gute Messehostess von heute eben sein soll!); so dass die Dame des Hauses gerne mal die gelegentlichen Messepausen nutzt, um durch die Herrenhäuser Gärten oder Ähnliches zu joggen, da kennt sie nichts. Der Herr dagegen nutzt diese Pausen, um sich auch mal bei den Kindern zu melden; zurückgelassen in Bayern, und jeden, den das stört – sagen wir es so. Sagen wir es halt gar nicht. Die beliebtesten Sachen, die sich die Besucher der EuroBlech 2014 mitnehmen, sind Eimer (in allen möglichen Farben und Formen und was weiß ich) und Strohhüte. Innerhalb weniger Tage sind die Hostessenregeln allesamt gebrochen. Was leicht ist: Diesmal bin ich nicht bei der Agentur angestellt, sondern für die Firma direkt. Ich bin: Eine Gebuchte! Ein Wunder. Und echt wenig steuerliche Abzüge, für jeden von uns. Die Regeln lauten folgendermaßen:

° NICHT HINSETZEN (Die Kunden dürfen nicht erfahren, dass du einen Körper hast, der sich ab und zu ausruhen muss, sagen wir es so. Aber setz dich einfach. Merkt sowieso keiner. Und da du direkt bei der Firma angestellt bist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass niemand diese Regel kennt, da sie, mit noch größerer Wahrscheinlichkeit eine Erfindung dieser zigtausenden Messeagenturen ist. Los gehts.)

° NICHT VOR DEN LEUTEN RAUCHEN (Auch hier gilt: Die meisten Firmen wissen nicht, dass das eine Regel ist und bieten gerne mal eine an – sogar eine fertige, nicht zum Selberdrehen. Mein Boss ist nett und erfolgreich. Am besten ist, das unterschwellige Um-Erlaubnis-Bitten. Leute lieben das. „Ich würde mal kurz eine rauchen gehen, wenn das in Ordnung ist“, zwinkerzwinker, ja klar, kein Problem, bis gleich.)

° NICHT VOR DEN KUNDEN ESSEN (Easy ein Croissant weggesnackt! Dann noch eins. Aber dann reichts auch.)

Passi arbeitet auf der Bierinsel vor meiner Halle und schickt mir abundzu bei WhatsApp ein Pic von Sachen, die er hier gefunden hat. Der Großteil der Kunden meines Standes kommt aus Japan: Als jemand zum ersten Mal ins Fischmehl(ih!)-Glas greift, bin ich noch nicht so sehr verwundert. Verwunderter bin ich, als ich meine Ansprechpartnerin frage, ob das normal ist, dass manche sich dieses Fischmehl nicht nur unter die Nase halten, sondern es auch essen. Zum ersten Mal begreife ich, was wir hier machen. Ich öffne einen Werbekatalog. So viel Fischmehl, das stinkt einem die komplette Bude zu. Und das vertreiben die. Wann wohl der Moment im Leben eines Menschen kommt, in dem man sich für die Produktion von Fischmehl entscheidet? Ein einfaches Leben wird das wohl nicht sein, denke ich. Aber bei den Asiaten ist das Gang und Gebe, dass die gerne mal so ein bisschen Fischmehl selber FUTTERN, meint meine Ansprechpartnerin. Also manche, sagt meine Ansprechpartnerin, finden das ja eklig, dass das hier alles tote Tiere sind, aber naja, sind ja schon tot, oder, sagt sie, während sie ein überdimensionales Schweine-Hämoglobin-Fett-Ausstellungsglas in eine riesige Mülltüte kippt; bereit zum Abfahren, jetzt muss aufgeräumt werden.

Alles nervt natürlich, aber ich will ja auch kein Heulbaby sein. Also Zähne zusammenbeißen, Kaffee servieren, benutzte Gläser spülen, in der Küche heimlich Celebrations essen. Obwohl: Die gute Zeit der Celebrations hat schon ausgedient; eigentlich passt gar keine Schokolade mehr in meinen Körper, nichts Süßes, kein einziges Brötchen und von den „süßen Teilchen“ (zwei Wörter, die ich in dieser Kombination etwa fünfzig Mal am Tag höre) dreht sich mir der Magen um. Also Kaffee und Leitungswasser für mich, für alle anderen alles andere. Das ist die letzte Messe, die ich in diesem Jahr absolvieren werde; im Dezember habe ich frei. Also noch ein paar Mal den schwülstigen Besucherfressen entgegen lächeln, in der Mittagspause schön den Lippenstift nachziehen, ein paar Tüten verteilen und das wars. Wie ich das aushalte, die ganze Zeit zu stehen, ob ich mich nicht mal setzen möchte, fragt mich meine Ansprechpartnerin. Ich denke einfach nicht drüber nach, antworte ich. Mit dem Gong, der die Eurotier 2014 beendet, wird mir von meiner Ansprechpartnerin ein Cola-Weizen serviert. Nach einem Glas schaffe ich den Weg zur S-Bahn nur noch wankend und mit der ständigen Vorstellung, mich den gesamten Dezember kein einziges Mal mehr bewegen zu müssen. Goldig, einfach goldig. „Sehen wir uns nächstes Jahr wieder auf der EuroTier“, fragen die Mich-Liebgewonnen, aber ich sage etwas Keckes: „Wenn ich nächstes Jahr immer noch hier bin, habe ich irgendwas absolut falsch gemacht.“ Das wars. In der Nebenhalle gibt’s mit Fleece-Stoff überzogenes Gerüst für die Kuh, in pink, simst mir Passi. In einer Werbeagentur für Kühe müsste man arbeiten.

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Stadthalle

Man hat natürlich immer leicht reden als Halli-Galli-Online-Blogger, der sich mit seinem Derm eine goldene Nase (und Uhr) verdient. Andere Menschen müssen arbeiten. Die gehen irgendwo hin, dann müssen die da was machen, dann kriegen sie ein paar schmutzige Scheine auf die Kralle, damit sie sich auf dem Heimweg in die Südstadt einen gammligen Döner kaufen können. Unser lieber Freund und frischgebackener Gastautor, M. W., gehört zu diesem, sogenannten arbeitenden Teil der Bevölkerung. Wir haben ihn gebeten, uns davon zu berichten, wie das ist. Unentgeltlich, versteht sich.

st 2Die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen steht man nun da, um 6 Uhr früh, und fragt sich nicht nur, warum man überhaupt schon wach ist, sondern auch, warum man nichts Gescheites gelernt hat. Man fragt sich das wirklich oft, wenn man für den Mindestlohn Stühle und Tische für eine meist vermutlich eher zweitklassige Veranstaltung durch die Gegend trägt. Das Programm sagt mir in der Regel nichts, beziehungsweise ist mir egal, kommt doch eh nichts Weltbewegendes in diese trostlose Gegend. Um 7 Uhr steht man dann wieder vor der Halle mit seinen Schlitzen und bläst sich diese mit Rauch voll. Goldene Regel: Wer raucht, kann Pause machen. Da raucht man schon mal mehr. Das Aufhören, das ich mir eigentlich mal wieder vorgenommen hatte, verschiebe ich auf nächste Woche, da habe ich mal 5 Tage frei. Eigentlich eh alles halb so schlimm, der Tag ist durchzogen von den „Ups und Downs“ wie man sagt, der Galgenhumor der Kollegen macht vieles erträglicher. Grob lassen sich diese in zwei Gruppen einteilen: Studenten, die, wie ich, nichts oder noch nichts Gescheites gelernt haben und deren Bafög aufgrund der dreist in die Länge gezogenen Studienzeit zur Neige geht einerseits. Andererseits die Techniker. Die haben wohl  schon was gelernt, vor allem das Ganze Jahre lang zu ertragen. In stillen Momenten erwischt man sie dabei, wie sie beim Frühstück, das in der Regel aus zwei Hackbrötchen besteht, vor sich hin starren. „Ja, hätt ich doch was gelernt“, hört man sie wimmern. Ansonsten ist alles Scheiße. Das Wort „Scheiße“ fällt tatsächlich sehr oft. Es gilt als Sammelbegriff für alles. Da kommt kein Veranstalter gut weg. Die Kollegen erst recht nicht. Die Putzfrau hat den Kaffeebecher beim Putzen minimal verschoben. Zwei alte Technikerhasen analysieren diesen Umstand etwa fünf bis zehn Minuten lang. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass erstens die Frau ihren Job nicht beherrscht und zweitens sowieso alles scheiße ist in diesem Drecksladen. Das Kreuzworträtsel in der Bildzeitung ist das Highlight des Tages. Komplett gelöst – der Chef strahlt. Dann wieder rauchen. Zu uns stößt ein Zeitarbeiter, man hört, bei seinem letzten Job sei er wegen schwerer Körperverletzung geflogen. Jetzt macht er nebenbei Holz. Er scheint stolz darauf zu sein. Die Glatze glänzt. Im Vertrauen nennt man ihn auch bald so: „Die Glatze“. Während die Glatze also auf seine teils aggressiv-hektische Art eine halbe Wand mithilfe eines Stuhlwagens (Goldene Regel Nr.2: Ein Stuhlwagen umfasst stets 25 Stühle) einreißt, haben wir Studentenpack besseres zu tun. Es folgt, das große Auflaufen der Gastro-Damen. Während man ansonsten nur mit älteren weiblichen Damen zu tun hat (liebevoll als „Putzen“ tituliert), erscheinen die adretten Damen von der Gastronomie in einer Art Engelslicht. Zumindest ein paar von ihnen nutzen den Durchgang von Festsaal zum Nebenraum mit Buffet als eine Art Laufsteg. Vielleicht auch allesst1 Einbildung. Der Chef gibt ein paar Chauvisprüche übelster Sorte zum Besten, die Männer lachen bisschen geil, dann geht es schwitzend, stinkend weiter. Das Buffet könnte gut riechen, würde sich nicht der beißende Gestank der Kerzen (Tatsache: Kerzenmesse) darunter mischen. Aus allen Bundesländern reisen sie dafür an. Für die Kerzen nehmen sie eine stundenwährende Anfahrt in Kauf. Die Sanitäter – sonst nur bei schwitzigen Auftritten von Größen wie „Kraftclub“ gefragt – haben ihren ersten und einzigen Einsatz heute: Eine Frau ist kurz nach Betreten der Eingangshalle zusammengebrochen. Man stutzt. Und witzelt. Ein Highlight. Vielleicht kann man das auch mal seinen Freunden erzählen. Samstagabend. Endlich frei. Man trinkt zuviel, in einer Kneipe taucht Kollege Moritz wieder auf, 21. Semester Soziologie. Auch er hat zu tief ins Glas geblickt und ketterauchend lacht man sich in Ektase über die ach so verhasste Schufterei. Alles halb so schlimm.

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stefan mesch

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