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Balkan-Diary 6: der aktive Vulkan der Marienverehrung (Medjugorje)

Ich möchte bitte keine Mautstraßen mehr fahren. Ich quäle den Kangoo über die Berge im Hinterland Kroatiens, scenic route. Auf Google Maps kann ich mich fast zu einhundert Prozent verlassen. Google weiß, wo ich bin und lässt mich zwischendurch schon mal eine enge Schlaufe fahren, damit ich sehe, wie sie hier heiraten, zwischen Betonpfosten am Straßenrand. Man schickt mir verwunderte Blicke nach. Auf der Straße trocknet eine überfahrene Schlange fest.

Wenige Kilometer weiter überquere ich die erste Grenze, die wirklich eine Grenze ist. Denn Bosnien-Herzegowina gehört nicht zur EU.

Green card, sagt die Frau in dem kleinen Grenzhäuschen und ich gebe ihr zuerst mal den Fahrzeugschein und sie sagt: No, no insurance card und wenn ich die nicht zufälligerweise wegen der Kupplungspanne gerade erst gebraucht hätte, wüsste ich so gar nicht, was sie von mir will.

Ein echter Grenzübertritt, inklusive Herzklopfen und finster dreinschauenden Soldaten und der Unsicherheit, dem stillen Zweifel, wenn die Schranke dann aufgeht, ob es das denn nun wirklich war. Darf ich rein? Jo.

Und dann kommt sogleich die Nachricht vom Netzanbieter: Herzlich willkommen in Bosnien und Herzegowina, hier gibt’s keine mobilen Daten für dich, wobei doch, du kannst irgendwie 16 Mb kaufen für 2 Euro, aber ansonsten fuck you.

Bosnien-Herzegowina ist das erste Land dieser Reise, das ich zum ersten Mal betrete. Dritthöchste Arbeitslosigkeit der Welt, bettelarm, vom Krieg zerfetzt und teils liegen gelassen. Und man neigt dazu, davon auszugehen, dass damit, dass man diese Grenze hinter sich lässt, auf einmal alles anders wird, sich links und rechts der Boden auftut, willkommen in der dritten Welt.

So ist das natürlich nicht. Stattdessen eröffnet sich hier in der südlichen Herzegowina zum einen eine malerische Hügellandschaft. Alles ist grün, nur der Himmel ist blau und die Hölle scheint weit weg. Zum anderen kommt eh kaum das Gefühl auf, dass man sich in einem anderen Land befindet, weil in jedem Dorf, an jeder Kneipe, an jedem Stall die Flagge mit dem Schachbrettmuster hängt, die kroatische oder gar die der nichtexistenten Teilrepublik Herceg Bosna, das kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen.

Diese roten und weißen Würfel jedenfalls sind ein erster Hinweis darauf, wie kompliziert das hier alles ist in Bosnien-Herzegowina, dem Dreivölkerstaat. Hier leben katholische Kroaten, muslimische Bosniaken, orthodoxe Serben – was auch immer das heißt! – und sie lebten hier friedlich, vorbildhaft, solange das alles hier sozialistisches Jugoslawien war, solange alle Tito liebten und der Nationalismus irgendwie gedeckelt war.

Kein Wunder also, dass als dann Anfang der 90er-Jahre alle Deckel von allen Töpfen flogen, der Krieg hier am blutigsten wütete. So viel weiß ich. Aber ich habe noch gar nix verstanden, als ich diese Grenze hinter mich bringe, rein in dieses Paradies, vorbei an dieses Flaggen, die sicher alles sind, aber nicht die Bosnische.

Ich bin auf dem Weg nach Mostar, aber ich kann die Schilder nicht ignorieren, die in Richtung Medjugorje weisen.

Dieser Ort sagt niemandem etwas, außer denen, die sich mit angeblichen Erscheinungsorten der Gottesmutter Maria auseinandergesetzt haben. Und wie ich bereits in Teil fünf dieses Berichts erläuterte, ist das irgendwie mein Thema. Und obwohl ich weiß, dass Medjugorje nicht unbedingt zu den sehenswerten Orten in Bosnien-Herzegowina gehört, steuere ich den Kangoo genau dort hin.

Ganz kurz zur Geschichte: Am 24. Juni stehlen sich sechs Jugendliche auf einen Hügel vor Medjugorje davon, um heimlich zu rauchen. Hier erscheint ihnen Maria erstmals, dann täglich, mittlerweile, etwas dosiert, nur noch monatlich. Am 25. jeden Monats veröffentlich das örtliche Informationszentrum eine neue Botschaft. Medjugorje ist unter den vielen Wallfahrtsorten dieser Art quasi der aktive Vulkan. Hier gibt’s noch was zu sehen – und zwar so, dass man die Uhr danach stellen kann. Herrlich.

Das Interessante an Medjugorje ist erstens der geographische Ort: Die angeblichen Erscheinungen finden im katholisch-kroatischen Landstrich innerhalb der muslimisch dominierten Teilrepublik des sozialistischen Jugoslawiens statt. Maria sagt einen blutigen Krieg auf dem Balkan voraus. Die jugoslawischen Behörden verfolgen die Seher, die in ein Kloster der Franziskanermönche fliehen. Später werden sie in die psychiatrische Anstalt in Mostar eingeliefert. Widerrufen aber wollen sie nicht.

Die Erscheinungen werden dadurch zu einer Art Waffe in einem Krieg, der noch nicht begonnen hat. Auf einmal haben die Katholiken etwas, das weder Muslime noch Orthodoxe vorweisen können: Ein Wunder.

Zweitens die Wirkung: Medjugorje ist in den 80er-Jahren ein absolut unbedeutendes Kaff im europäischen Niemandsland. Hier leben knapp 2000 Menschen. Die Gottesmutter Maria hat aus diesem Kaff einen der populärsten Pilgerorte weltweit gemacht, etwa eine Million Menschen kommen pro Jahr hier her. Teilweise predigen mehr als 7.000 Geistliche parallel. Angeblich ziehen weder Mostar noch Sarajevo mehr Übernachtungsgäste an. Wundersame Erscheinungen sind ein Tourismusmagnet und empfehlenswert für jedes Örtchen in jeder strukturschwachen Region. Man muss als Seher nur konsequent genug sein. Dass der Vatikan die Erscheinungen bis heute nicht anerkannt hat, ist für die Wirkung irrelevant.

Ich komme nicht an einem Feiertag, nicht an einem Erscheinungstag hier her, es ist einfach irgendein Dienstag oder Mittwoch und trotzdem finde ich im Zentrum, nahe der imposanten Jakobuskirche, erstmal keinen Parkplatz.

Fast-Food-Stände säumen meinen Weg, Klosterschwestern und Reisegruppen und Busse schieben sich vorbei. Und genauso wie der Stand mit den gefälschten Fußballtrikots an jeden Strand gehört, gehören hier her die Shops, einer neben dem anderen, mit den Marienfiguren, den Kerzen, den Büchern und Bildern und Rosenkranzketten. Hier, ein Erlösungssouvenir. Und gefälschte Fußballtrikots bekommt man trotzdem, ist ja WM, Modric hängt da und James, also alles gut.

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Ich fahre einen Halbkreis durch dieses Zentrum und bin schon jetzt, obwohl noch nicht mal ausgestiegen, einigermaßen genervt. Ich weiß, dass ich das hier gesehen haben muss, aber es widert mich an, vom ersten Moment an. Und eigentlich bin ich schon auf verschlungenen Pfaden zurück in Richtung Bundesstraße unterwegs, denke ich, als ich doch noch einmal abbiege, weil da nun einmal ein Schild in Richtung Erscheinungshügel weist.

Auf dem Parkplatz am Fuße des Erscheinungshügels lasse ich den Blick über Weinberge schweifen und esse eine Nektarine und ihr Saft saftet mir die Hand ein und das ist ein Problem.

Das Schild weist von hier eine enge Straße hinauf. Hier gibt es links und rechts wirklich nichts anderes mehr als die typischen Souvenirläden. Die sich alle, alle irgendwie rechnen müssen. Aber wenn man vorbeikommt, sieht man nie einen Pilger, der etwas kauft und die Verkäuferinnen lümmeln lässig im Hintergrund, rauchen und ratschen.

Und ich bin hier und eigentlich nicht zu unterscheiden von allen anderen, auch wenn ich kein Kreuz um den Hals trage und kein Rosenkranz durch meine Finger wandert. Auf dem Hügel ist vergleichsweise wenig los, denn der Weg hinauf zum eigentlichen Erscheinungsort, dorthin, wo die sechs Kinder doch eigentlich nur in Ruhe rauchen wollten, ist so belassen: Keine Treppen, nur rötlich braune Felsen. Ich wackle in Birkenstock hinauf bis zum Kreuz. Man hat eine schöne Aussicht. Blondierte Damen folgen mir in stiller Versenkung.

Später entdecke ich auch noch den Parkplatz hinter der Kirche. Jetzt hat das Ganze einen Sog entwickelt. Ich stehe vor Geländekarten, hier Freialtar, dort Kreuzgang, da lang zur Beichte. Ich sehe Kennzeichen aus Kroatien, Slowenien, Deutschland. Und ich höre, mikrophoniert, verstärkt, die säuselnde Stimme eines Priesters, die über die Amphitheater-artig angelegten Bänke schallt und in unendlicher Wiederholung Maria anbetet und preist, davon zumindest gehe ich aus.

Man könnte gut noch ein paar hundert Leute unterbringen an diesem späten Nachmittag, aber das heißt nicht, dass nicht schon ein paar hundert da wären. Und wer nicht sitzen mag, der kniet und breitet die Arme aus. Ein bisschen Ekstase ist immer drin in Medjugorje. Ich streife beobachtend durch die Reihen und fühle mich gleichzeitig beobachtet von einem jungen Mann mit sanftem Gesicht, dem etwas wie ein Ausweis um den Hals baumelt und der entweder auch wie ich durch die Reihen streift, oder wegen mir durch die Reihen streift und mich irgendwann fragen wird, warum ich fotografiere, ob er mir helfen könne.

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Ich flüchte mich hinter die Kirche, wo etwas noch Erstaunlicheres stattfindet: Open-Air-Beichte. Priester dürfen nach Medjugorje eigentlich nur als Privatpersonen kommen, wenn das noch der aktuelle Stand ist. Klar ist, es kommen einige und die stellen dann hier, hinter der Kirche, einen Stuhl auf und ein oder mehrere Kärtchen, auf denen die Sprachen stehen, die sie beherrschen. Vor dem, der Serbokratisch, aber auch vor dem der Deutsch beherrscht, haben sich bereits lange Schlangen gebildet und die glotzen dann gemeinschaftlich zu, wie da von Stuhl zu Stuhl gebeichtet wird.

Auch das betrachte ich einige Minuten.

Ich weiß, dass es sich gelohnt hat, hier her zu kommen, denn Medjugorje ist tatsächlich so ein Ort, wie es ihn auf der Welt kein zweites Mal gibt. Ein Kuriosum. Man kann hier überall stehen bleiben und sich das Schauspiel ansehen, ein Schauspiel das nie aufhört und morgen so aussehen wird, wie es heute aussieht, aber doch nicht identisch.

Und dann muss ich hier weg. Denn es ist interessant, all das zu sehen aus einer gewissen Distanziertheit heraus, aber mit der Zeit, und nun bin ich vielleicht bald zwei Stunden hier, greift es mich direkt körperlich an.

Medjugorje mag geil kurios und irgendwie mystisch sein und all das, vor allem aber spirituelle Massenabfertigung und Geldmache mit naiver Leichtgläubigkeit. Alles, was da dazugehört prasselt hier auf mich ein. Ich bekomme einen flauen Magen und komische Gedanken. Ich muss weg, ich muss weiter. Servus, Maria.

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Balkan-Diary 5: Vepric, Makarska oder Die Nachbildung von etwas Unsichtbarem

Auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, legt die Gottesmuttter Hand an die Kupplung meines Renault Kangoo. Er jault jetzt noch lauter, als ohnehin schon. Er beschleunigt nicht mehr. LKWs überholen mich. Ich rede mir ein, das sei halt ein schweres Auto. Das sei der Gegenwind. Das liege an den gekippten Fenstern hinten, von wegen Aerodynamik und so.

Ich fahre rechts ran auf den Seitenstreifen. Zum ersten Mal auf den Seitenstreifen, den Notfallstreifen, den verbotenen Streifen. Sofort steigt mir der typische Kupplungsgeruch in die Nase, den man riecht und man weiß, aha Kupplung, ohne eine Ahnung zu haben, was genau da überhaupt so stinkt und warum.

Einfach einen Moment warten, denke ich, eine Pause gönnen, abkühlen lassen. Erstmal die gekippten Fenster hinten zumachen. Ich stelle fest, dass der Gegenwind lange nicht so stark ist, wie ich gedacht, gehofft, mir eingeredet hatte. Alles wird gut, denke ich und starte den Motor, alles gut bis hierhin, und lege den ersten Gang ein und gebe Gas, doch der Kangoo bleibt stehen. Und fährt nicht mehr.

Ich stehe auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, fast zweitausend Kilometer von daheim und die Gottesmutter hat mir das Auto geschrottet. Ich wühle durch Zettel, die sich im Handschuhfach angesammelt haben, Dokumente von jetzt und von früher, vom alten Auto und vom Vorbesitzer und von der Vorbesitzerin (Mama) des alten Autos. Ich muss irgendwo anrufen und weiß nicht wo, ich weiß noch nicht mal, in welchem Verein ich Mitglied bin und wo nicht. Ich bin stets zu naiv, optimistisch und faul gewesen, um mich mit dieser Möglichkeit auseinanderzusetzen.

Ich rufe bei der falschen Versicherung an. Ah, okay, danke trotzdem. – Ja, alles Gute. Ich überlege etwas zu lange, ob ich die gelbe oder die orangene Warnweste anziehen sollte, entscheide mich dann für die gelbe. Ist seriöser. Muss ich ein Warndreieck aufstellen? Ich probiere es nochmal mit Gasgeben. Nichts. Der Kangoo rührt sich nicht.

Ich finde die richtige Nummer, spreche mit einem netten Herrn, dem ich die Situation erkläre. Ich nenne Grabovac und Zagvozd, aber die falsche Autobahnnummer. Ich bekomme einen Rückruf und alles klärt sich auf und dann noch einen auf Englisch und dann soll ich warten und bestimmt dauert es bloß eine halbe Stunde und dann werde ich abgeschleppt und alles wird gut.

Ich sitze auf dem Seitenstreifen, gelbe Warnweste, und lese den Spiegel und mache Selfies und schicke sie nach Haus. Zwei Männer in so einem orangenen Baustellenwagen kommen vorbei, Autobahnmeisterei würde man in Deutschland wahrscheinlich sagen. Sie fragen, was los sei und drücken mir einen Zettel in die Hand, da soll ich unterschreiben. Ich verstehe nix, aber wenigstens kriege ich auch ein Exemplar. Für meine Unterlagen. Danke.

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Und ich warte. Five minutes, habe ich zu den Jungs von der Autobahnmeisterei gesagt. Und five minutes vergehen und auch zwanzig, eine halbe Stunde, ich lese den Spiegel. Ich schmiere mir den Nacken mit Sonnencreme ein. Und dann keimt herrliche Hoffnung, als ich sehe, dass sich ein Abschleppwagen nähert, wenn auch auf der falschen Seite. Am Steuer sitzt ein Kerl mit weißrandiger Kokser-Sonnenbrille und als er mich sieht, fährt er langsamer und deutet fuchtelnd an, dass er wenden muss, schon klar, und dass er dann wiederkäme.

Und die nächste halbe Stunde vergeht. Der Kangoo knackt leicht in der dalmatinischen Hitze. Und ich lese den Spiegel und glotze aufs Handy. Nächste Ausfahrt wird halt weit weg sein, denke ich, Misskommunikation, über so viele Ecken, kein Wunder. Da kommt der Abschleppwagen wieder um die Kurve mit der Sonnenbrille am Steuer und hinten drauf auf der Abschlepprampe sitzt schon einer, ein anderer, steht ein anderes Auto, wo der Kangoo stehen sollte, mein himmelblauer Kangoo.

Okay, ich will es nicht überstrapazieren: Nach insgesamt knapp zwei Stunden kommt der gleiche Kerl wieder und sagt, heute sei aber ein crazy day und ich denke, naja, good for you und sage: A lot of work for you. Aber er murmelt nur unzufrieden. Der Kangoo ist fest vertäut und der Mann bringt mich und ihn ins unweit entfernte Makarska. Schicksal möchte man meinen, Fügung.

Der Werkstattchef ist ein netter Mann, der gut Englisch spricht und mir erstens sagt, dass das sicher die Kupplung sei und nicht der Motor und dass er hier auch eine Ferienwohnung für mich hätte, die kann seine Frau schnell vorbereiten und wenn meine Versicherung nicht zahlen mag, macht er mir special price. Ja, ja, schon gut, es ist alles Recht.

Die Ferienwohnung hat eine Klimaanlage und einen Fernseher und das ist das Wichtigste. Während draußen der Sommer weiter so richtig hochfährt, sitze ich im eisigen Wohnzimmer meines neuen Apartments und verfolge die Fußball Weltmeisterschaft. Auch dann, wenn ich mich gerade am Telefon befinde, und am Telefon befinde ich mich in den kommenden beiden Tagen oft, läuft lautlos der Fernseher. Und am anderen Ende der Leitung erklärt mir jemand, dass die Übernachtungen erst ab der dritten bezahlt werden und dann dass das gar nicht stimme und dann dass ich ja gar keinen Schutzbrief hätte und dass also überhaupt gar nichts bezahlt werde und dann dass ich ja doch einen Schutzbrief hätte und bloß die entscheidenden Dokumente nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen seien. Und jetzt müsse man halt mal kucken.

Dazwischen: Lange Aufenthaltszeiten in der dudelnden Warteschleife meiner Versicherung. Klimaanlage an, Fußballkucken.

Manchmal fragt der Meister, ob ich etwas Neues wisse von der Versicherung und ich mache gequälte Geräusche als Antwort. Und dann zeigt er mir, was er beim Kangoo alles ausgebaut hat und erzählt, dass morgen die Teile kommen. Ich persönlich habe weder eine Ahnung, warum ein Auto fährt, noch was eine Kupplung macht und jeder, der so eine Ahnung hat, ist in meinen Augen ein Freak, aber ich habe großes Vertrauen diesem Mann gegenüber und er, so scheint es mir mit der Zeit, fast väterliche Gefühle mir gegenüber, diesem bleichen Deutschen, der in seiner Werkstatt gestrandet ist, auf dem Weg in die Herzegowina.

Am Ende kommen mir diese drei Tage unendlich lang, zermürbend, demotivierend vor. Auf einmal mag ich am liebsten Daheim sein. Am Anfang aber bin ich noch absolut gewillt, das Beste aus dieser Situation zu machen. Ändern lässt es sich ja nicht. Was gibt’s hier denn so?

Und Makarska, das ist das kleine Glück in diesem Unglück, ist äußerst bezaubernd, vielleicht die schönste Stadt meiner bisherigen Reise. Sie hat einen kleinen Strand und einen Hügel, von dem es sich schön glotzen lässt, sie hat enge Gassen, einen Platz, auf dem traditionell getanzt und gefiedelt wird, in ihrem Rücken ragt beeindruckend das Biokovo-Gebirge und es gibt tolles Risotto und Tintenfisch und eine Bar, in der ich forsch Rotwein bestelle. Do you have a favourite?, fragt der hippe Kellner. Dry and cheap, sage ich, der Werkstattrechnung bedenkend, die zu bezahlen sein wird.

Ganz egal, denke ich zunächst also, toll, hier sein zu dürfen, was muss ich gesehen haben? Das Muschelmuseum ist leider schon zu. Hinter der Schule spielen alte und junge Herren Boccia.Und im Park an der Franjo Tudjman Promenade steht unschuldig eine Statue von, genau, Franjo Tudjman, dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes, den nur der rechtzeitige Tod vor einer Anklage in Den Haag wegen Kriegsverbrechen bewahrte. Auch in Split gibt es eine Statue für den beinharten Nationalisten, Antisemiten, Rassisten, und in Pakostane und in Ploce. Ein überlebensgroßes Monumental-Denkmal entsteht zurzeit in Zagreb und soll in diesem Jahr enthüllt werden. Mann kann sich seine Helden nicht aussuchen – wobei, dochdoch, eigentlich schon.

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Das alles hat, zugegeben, wenig Schicksalhaftes, gar Göttliches an sich. Die Sache ist aber die: Seit ich vor rund drei Jahren eine umfangreiche Recherche zum Thema Marienerscheinungen in meiner Heimat und darüber hinaus begann, begnen mir solcherlei Orte, an denen sich die Gottesmutter angeblich zeigte, immer wieder. Maria verfolgt mich.

Eine gar kurze Recherche zeitigt, dass es hier, einen etwa halbstündigen Marsch entlang der brütend heißen Hauptstraße und dann durch ein Wohngebiet entfernt einen Ort namens Vepric gibt. Und dass ich diesen Ort sehen muss, ist klar, denn das ist besonders geil: Hier ist überhaupt gar nix erschienen. Hier hatte einfach nur ein irrer Bischof, Juraj Caric, Bock, die Pilgerstätte des bekanntesten Erscheinungsortes Lourdes mal eben nachbauen zu lassen, mit Grotte und Außenaltar und Erzengel-Gabriel-Statue und allem drum und dran.

Und als kleine lokale Zugabe gibt es eine Art Museum, in dem Bilder eines kroatischen Künstlers hängen, die zeigen, wie stählern der Herr war:

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Vepric ist quasi die Nachbildung von etwas Unsichtbarem, die Imitation von Mystik. Das noch viel Geilere daran: Es funktioniert. Natürlich kann der Schrein nicht mit dem Massentourismus an der Originalstätte mithalten. Aber an bestimmten heiligen Tagen pilgern etliche Gläubige hier her, um sich angesichts des Nachbaus vielleicht ein wenig der Illusion hinzugeben, sie wären woanders, an einem Ort in Frankreich, wo ein kleines Mädchen in 1858 die ein oder andere Botschaft empfing.

IMG_20180620_121922.jpgUnd deshalb, so müsste man meinen, hat die Gottesmutter ausgerechnet hier Hand an meine Kupplung gelegt. Wenn man glaubt, dass es sie gibt und sie sowas kann zumindest. Und wenn ja, dann hätte sie doch einen ganz guten, augenzwinkernden Humor, mit dem sie mir sagt: Zieh dir rein, was die Leute machen in ihrer Verrücktheit, zu der doch nur Glaube befähigt.

Am dritten Tage also frage ich nach dem Fortgang der Reparatur. Seine Frau müsse nur noch die Rechnung fertig machen, dann könne ich weiterfahren, lässt mich mein Mechaniker wissen. Und dann sieht er mich streng und etwas traurig von oben her an: Now you go to the beach, it’s a shame you haven’t been there. Und ich frage mich, woher er das wissen kann, aber es stimmt. Ich habe meine Zeit hier in Restaurants, vor dem Fernseher und an der Pilgerstätte verplempert anstatt, wie es sich gehört, am Strand zu fläzen.

Die Badehose und das Handtuch befanden sich allerdings auch im aufgebockten Kangoo. Bevor ich Abschied nehme von dieser ungeplanten Station, packe ich also das Zeug und mache mich auf den Weg. Ein letztes Mal aufs Meer glotzen, eine letzte kleine Runde im Meer schwimmen. Dann geht es weiter. Das Auto lässt sich nun so ungewohnt geschmeidig an, dass ich drei Mal abwürge, bevor ich es endlich aus dieser Ausfahrt schaffe. Ich hoffe, mein Mechaniker hat das nicht gesehen.

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Balkan-Diary 4: Das Weiße Haus bröckelt ins Meer (Insel Brac)

Am Fährhafen der Stadt Supetar auf der kroatischen Insel Brac taumelt ein großer Mann mit ölig schwarzen Haaren. Hey, my friend!, ruft er, als er mich sieht und das ist immer gleich verdächtig, wenn einer, den man noch nie im Leben gesehen hat, Freund zu einem sagt. Hey, sage ich also weitergehend und er: Do you play poker?

Ich frühstücke lieber ein Sandwich und hole mir einen Spiegel für viel Geld, was ja eigentlich immer schön ist nach so einer gewissen News-Auszeit, sich mal zu informieren und dann wiederum deprimierend.

Dann gehe ich an Bord, zurück nach Split. Unter Deck, klimatisierte Chill-Out-Area, ich hole mir einen Espresso, bisschen Spiegel lesen. Und da ist er wieder, der Große, zwei Tische weiter brüllt er einen Typ mit Vollbart an. Die Insassen der Fähre zucken zusammen, das Mädchen hinter der Bar nimmt einen Telefonhörer von der Wand. Der Große aber lässt ab von dem Mann mit dem Bart, taumelt davon und ruft noch einmal, bevor er im nichtklimatisierten Nebenraum verschwindet: Let’s play!

Nie sah ich einen Mann, der so dringend Poker spielen wollte.

Vier Tage habe ich auf dieser Insel verbracht, die in ein paar Wochen wahrscheinlich heillos überlaufen sein wird. Der Badeort Bol macht sich schon bereit und an der Promenade, die in Richtung des goldenen Horns führt – soundso oft von diesem und jenem Internetportal zum schönsten Strand der Welt oder mindestens Europas gewählt –, haben die Verkäufer von Hüten, Magneten, Fußballshirts und schönen Steinen bereits Stellung bezogen und harren der Käufer, die da kommen werden.

Ich kaufe einen Americano, weil ich es leid bin. Ganz kurz: Das große Problem ungefähr aller Länder südlich von Deutschland ist die Größe des Kaffees. Nein, ich möchte nicht, dass ihr Milch hineinschüttet, aber ich möchte trotzdem mehr als diesen, sorry, Vogelschiss in einer Espressotasse. Ich möchte lange an einem Kaffee nuckeln können. Ich möchte damit meinen Durst löschen.

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Mit meinem Gaskocher bereite ich mir ganze Tassen Kaffee zu. Der Typ, der den Zeltplatz hier betreibt ist so ein in die Jahre gekommener Sonnyboy mit extravaganter Sonnenbrille. Als er mich sieht sagt er nicht Hi, sondern: French? Und ich sage mal wieder Nö, German und auf einmal plaudert der Boy quasi flüssig Deutsch mit mir. Seine Schwester lebt in Unterfranken.

Am dazugehörigen Strand kann man auf Liegen liegen oder bei einem noch nicht in die Jahre gekommenen Ami-Sonnyboy Windsurfen lernen. Ich sage Jaja thanks und werde natürlich nicht Windsurfen lernen. Ich muss mich jetzt schließlich erstmal ans Alleinsein gewöhnen, also liege ich gern im Schatten, hole mir einen Espresso von der Bar, schwimme ein kleines Ründchen. Und stelle halb überrascht fest, wie schnell ich ritualisiere – das hier ist also meine Liege – und wie schnell sich in der Abwesenheit von Entscheidungszwang tatsächlich so etwas Ungewohntes wie Entspannung einstellen kann. Schön.

Mit für die Entspannung verantwortlich ist das Vorhandensein eines Fernsehers auf der Camping-Platz-Terrasse. Kroatien spielt gegen Nigeria und bestimmt, denke ich, bestimmt ist dann die Hölle los und alle tanzen und schreien und geben Schnaps aus.

Nichts davon. Vor dem Fernseher sitzt einsam ein alter Schweizer mit langem, grauem Pferdeschwanz und trinkt ganz langsam und schweigsam ein Bier. Der Campingplatz-Typ ist, wie sich herausstellt, Slowene und hat nicht nur eine Abneigung, er hasst die Kroaten. Aber hier ist doch Kroatien…?, sagt der Schweizer langsam, als wüsste er es wirklich nicht. Und der Slowene: Hier arbeite ich nur, vier Monate, dann zurück nach Maribor. Als Kroatien in Führung geht, flucht der Slowene auf Deutsch, erklärt mir, wie ich nach dem Spiel den Fernseher ausschalten soll und braust in seinem Landrover davon. Zurück bleiben der Schweizer und ich. Ich empfinde große Sympathie für diesen Mann. Wir wechseln kein Wort mehr bis Also, gutnacht.

Am Tag, an dem Deutschland ins Turnier einsteigt, will ich eine kleine Wanderung zum Eremiten-Kloster Pustijna Blaca machen. Das findet auch der Slowene gut da, obwohl Kroatien. Zu spät erfahre ich, dass Anstoß nicht um 20, sondern schon um 17 Uhr ist. Ich gerate in Eile, rase über die Insel, bis das Kloster ausgeschildert ist, dann einen Schotterweg hinunter, bis zu einem Parkplatz, von hier eine halbe Stunde Fußweg, dann eine kurze Führung, Dreiviertelstunde zurück zum Auto, über die Insel, zum Camping-Platz… Könnte klappen, könnte gerade so klappen.

Drei Dinge sorgen dafür, dass ich den Anstoß verpasse. Zum einen sind da die Spinnen. Sie sitzen dicht über meinem Kopf, scheinbar schwebend, in ihren Netzen und sie sind fett und schwarz und bösartig und wenn sie sich bewegen, was sie nur selten tun, so geschieht dies mit einer unnatürlichen, beängstigenden Schnelligkeit. Noch bei der dritten, fünften, achten Kolonie dieser Ungetüme zucke ich zusammen, bleibe stehen, sehe mich um: Krabbeln sie mir bereits die Beine hoch? Nein, aber da sitzt schon die nächste. War ich früher Spinnen gegenüber unempfindlich, bin ich nun ein Phobiker. Es ist der umgekehrte Effekt einer Konfrontationstherapie.

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Das zweite ist die Führung. Pustijna Blaca ist ein einzigartiger Ort, ein in den Fels gebautes Refugium der Glagoliten-Mönche, die im 16. Jahrhundert vor den Osmanen hier her flüchteten. Ich will da rein und ich stolpere in eine Reisegruppe, die sich gerade im Eingangsbereich formiert. Eine dünne Reiseführerin fragt mich, ob ich Franzose sei. Das ist hier anscheinend so ein running gag. Ich sage nö und sie fragt, ob ich trotzdem an der Führung teilnehmen möchte. Klar, sage ich. But… it’s in french, sagt sie, was wiederum heißt, dass ich kein Wort verstehe, aber jetzt habe ich das Gefühl aus dieser Nummer nicht mehr rauszukommen.

Ein bärtiger Kroate erzählt nun also etwas auf Kroatisch, die dünne Kroatin übersetzt das mit Hilfe der Franzosen ins Französische und ich stehe auch dabei und sehe mich gespielt interessiert um. Bis mir eine gelockte Französin ins Ohr flüstert: Do you understand? – Not at all, flüstere ich zurück, woraufhin die Gelockte in meiner Nähe bleibt und all das, was da bereits vom Kroatischen ins Französische transferiert wurde nun ins Englische zu übersetzen versucht.

Das macht sie vom Anfang bis zum Ende der Führung und so erfahre ich unter anderem, dass der letzte Priester, der hier oben lebte, Nicola Milicevic, ein ausgezeichneter Astronom war, der von Pustijna Blaca aus Planeten und Asteroiden entdeckte und deshalb in ständiger Korrespondenz mit Sternenentdeckern in aller Welt stand. Was wiederum auch hieß: Nicola brauchte ein Teleskop. Und Klavier spielen wollte er auch. Solche Dinge mussten erst vom Festland an die Küste und dann durch unwegsames Gelände hier her gebracht werden. Normalerweise benötigt man also von unten nach oben eine Dreiviertelstunde. Die beiden Kerls, die den Flügel brachten, waren sieben Stunden unterwegs. Und tranken dabei 65 Liter Wein. Möglicherweise ein Stille-Post-mäßiger Übersetzungsfehler.

Ein Blick auf die Uhr: Anpfiff in einer halben Stunde. Ich nuschle noch schnell ein Merci, dann haste ich los, zurück, bloß zurück zum Auto. Und habe die Rechnung ohne den Bärtigen gemacht. Der steht oben, über mir, am Eingang und ruft: Hey! Ticket! Für die Führung, von der ich so gar nichts verstanden hätte, muss ich also auch noch was zahlen. Okay, hier, Geld, tschau.

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Ich bin zwar schnell beim Auto, aber hier sind nun auch, drittens, die Esel. Es mag an den Spinnen liegen, jedenfalls habe ich mittlerweile eine generelle Skepsis dem Tierreich gegenüber entwickelt. Anstatt mich über die Esel zu freuen, die direkt auf mich zukommen, um mich kennenzulernen, denke ich an deren große Zähne und harte Hufe. Also sage ich zwar noch Hallo, flüchte dann aber in mein Auto und schlage die Tür gerade noch rechtzeitig zu, bevor einer der drei grauen Herren mit einsteigen kann. Er drückt sein Gesicht an die Scheibe wie so ein nerviger Schulbub, ich setze zurück, wende und will losdüsen in Richtung Fernseher, doch den Eseln passt das nicht. Ein weiterer Kollege stellt sich vor mir quer, als wollte er unbedingt das Klischee über sich und seine Artgenossen bestätigen. Ich umkurve ihn mit Leichtigkeit, fuck you, Esel, so nicht.

Bei der ersten Konoba, die ein Schild, Watch Wold Cup here, draußen stehen hat, fahre ich raus. Ich verfolge die Niederlage Deutschlands gegen Mexiko Seite an Seite mit einem aufgepumpten Iren im Dirk-Nowitzki-Shirt, mit dem man herrlichen fachsimpeln kann. Warum nur hat Löw Sané nicht mitgenommen? Solidarisches Nicken. Der Ire ist wegen Abwesenheit der irischen Mannschaft nun für Argentinien, auch nicht so einfach dieser Tage.

Am nächsten Tag also Bol, goldenes Horn und so, alles klar, schön, muss zurück zum Auto, weil ich nur für eine Parkstunde gezahlt habe. Statt zum Campingplatz zu fahren, folge ich einem der braunen Tourismusschilder, die ich so liebe in Richtung eines Klosters. Hier free Parking. Zweitens: Die Attraktion hier ist nicht primär das zwar schöne aber verschlossene Dominikanerkloster mit dem Friedhof, der erst dann eingerichtet wurde, als die Franzosen den Dominikanern erklärten, dass es uncool bzw. unhygienisch sei, die Toten in der Kirche beizusetzen. Hey, hier, toller Acker mit Blick auf den Strand, macht das mal lieber da, okay? Okay.

Später haben die Dominikaner nämlich einen Steinwurf entfernt noch das Weiße Haus gebaut, Bijela Kuca, das von 1936 bis zum Zweiten Weltkrieg als Schule diente. Später zwangen die Kommunisten die Mönche, ihnen den Komplex zu verkaufen, aus der Schule wurde ein Hotel, das größte Hotel der Insel, 300 Betten.

Und das war wohl eine gute Idee, bis der Krieg ausbrach. In den 90er-Jahren schliefen in Bijela Kuca Flüchtlinge. Und auch danach blieben die Touristen aus. Das Weiße Haus steht leer. Hier will niemand mehr schlafen. Es ist ein zerfallendes Monument besserer Tage, übersät mit Graffitis, teils sehr schönen Kunstwerken, teils obszön Auslander aus. Auf der ehemaligen Terrasse sitzt ein junges Pärchen und schaut aufs Meer und sie sehen beide so herrlich traurig aus, dass man fast neidisch werden könnte. Drinnen treffe ich einen Mann, den ich frage, was das hier denn sei, denn ich weiß es noch nicht. Doch der Mann spricht kein Englisch und zuckt nur die Achseln. Also durchstreife ich das ehemalige Hotel unwissend und mit zitterndem Herzen. Überall dort, wo ich keine Angst haben muss, dass mit der Boden unter den Füßen zusammenkracht, will ich gewesen sein. Es ist ein stiller Ort und ebenso traurig, wie das kroatische Pärchen da draußen auf der Bank über dem Mittelmeer.

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Balkan-Diary 3: Die blutige Nacht neben der stone factory (Zadar, Brac)

Jetzt schnell eine Zigarette gegen den Hunger und die Tränen. Es ist 6 Uhr morgens, ich hatte kein Frühstück und keinen Kaffee und meine Freundin hat sich gerade am Flughafen Zadar in den Sicherheitscheck verabschiedet. Von nun an bin ich allein, ganz allein. Das wissend blinzle ich in das Licht dieses jungen Tages. Und für einige Momente wär ich lieber daheim im Bett, Vorhang zu, Netflix.

An der nächsten Raststätte in Richtung Süden fahre ich raus und verspeise ein Schokocroissant und das hilft ganz gut.

Wir sind am Vortrag schlau genug gewesen, schon mal bis Zadar zu fahren, weil dieser dumme Flieger so früh geht. Wir finden die richtige Abzweigung der Straße in Richtung Zentrum. Ein holpriger, staubiger Weg, eine Art Industriegebiet, im Hintergrund Steinhaufen und Kräne.

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Hier gibt es einen Stellplatz. Außer uns sind schon Holländer da. Ein junger Kroate empfängt uns sehr freundlich und bietet einen Shuttle-Service in Richtung Altstadt an, was im Endeffekt heißt, dass er uns jederzeit bereitwillig da hin fährt mit seinem Kleinwagen und später dann auch wieder abholt. Magst du gerne vorne sitzen?, frage ich H., weil ich generell nie gerne vorne sitzen mag und sie weiß das und fragt scheinheilig: Magst du wohl nicht gerne vorne sitzen?

Der junge Mann heißt jedenfalls Fillipp. Fillipp arbeitet hier, aber er arbeitet auch jenseits des Zauns, bei den Kränen und Steinhaufen, das ist die stone factory, wie er sagt und ich denke, geil, so müsste man mal eine Bar oder Band oder ein Buch nennen, stone factory. Beides gehört Fillipps Onkel, der seinen Neffen ordentlich schuften lässt. Stein sei sehr beliebt momentan. Und nebenbei studiert Fillipp noch. Not much free time for you, ha?, frage ich und er wiegelt achselzuckend ab: I sleep very little.

Zadar ist schön und spiegelglatt und weiß. Man hat die Altstadt aber auch relativ schnell abgelaufen. Die Hälfte des Tages verbringen wir mit der Suche nach den Gassen, durch die wir noch nicht gelaufen sind. Aber immer wieder, die Eisdiele, die Bäckerei, der DM, kennma schon. Im Hintergrund dudelt die Meerorgel, ein Instrument ohne Spieler, das unablässig wahllos vor sich hinpfeift, je nachdem, welchen Schacht der Wind gerade so bedienen mag. Auf einem Liegerad strampelt gemütlich ein alter Mann vorbei, hinten flattern die Deutschland-, Bayern- und Frankenfahne. Ein paar Meter vor der Stadtmauer hängen Vogelskelette an einem Gerüst. Am Kai vergammeln zurückgelassene Schiffe wie Müll.

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Ich stelle den Wecker auf fünf Uhr früh. Allein der Gedanke, so früh wach und in der Lage sein zu müssen, sich angemessen emotional zu verabschieden, hält einen ja wach. Der Schlafzwang als größter Schlafverhinderer. Das kenne ich noch von früher. Im Bett liegen und wissen, dass man in der Schule wach sein muss, aber jetzt bleiben nur noch sechs, fünf, vier Stunden…

Und irgendwann sind wir beide gleichzeitig wieder wach, denn im Kangoo summt eine Stechmücke. Ich setze mir die Stirnlampe auf. H. lauert. Sie sieht fast fröhlich dabei aus. Es ist ein Jagdtrieb in ihr erwacht. Wir haben bald eine gute Routine entwickelt: Ich leuchte und denke dabei weiter panisch darüber nach, dass jede Sekunde Schnakenjagd eine Sekunde weniger Schlaf ist, H. erschlägt die Tiere. Es ist nämlich nicht nur eine Mücke. Fillipps Stellplatz neben der stone factory ist anscheinend die artgerechteste Brutstätte. Mit Einbruch der Dämmerung haben sich die Moskitos an unseren warmen Körpern gelabt. Insgesamt erschlagen wir mindestens sieben oder acht von ihnen. An der Decke meines Autos zeugen dunkle Flecken unseres eigenen Blutes von diesem Gemetzel.

Als alles vorbei ist, setzt eine beunruhigende Form von Befriedigung ein. Wir lauschen ängstlich in die Stille und kratzen an unzähligen Stichen. Wir lauschen, ist da noch was? Nein, keine Schnaken mehr, dafür ein Hund, der gerade jetzt anfängt zu bellen und lange, lange nicht mehr aufhören wird.

Es geht mir alles in allem also mittelmäßig am kommenden Tag, dem ersten Tag allein. Ich muss alleine weiter, das war eigentlich ja eh der Plan, schauen, ob das geht, ob man das aushält, so lange mit sich selbst.

Ich quetsche den Kangoo in den schachtartigen Bauch einer Fähre, die mich auf die Insel Brac bringt. Der Reiseleiter an den Plitvicer Seen hat’s empfohlen, ich gehorche. Von der einen Seite, Supetar, muss ich nun auf die andere, Bol, das Touri-Kaff mit dem goldenen Horn, einer Landzunge aus hellem Kies, die sehr fotogen ins Meer hineinzüngelt. Und wie um mir selbst und der nicht mehr anwesenden H. zu beweisen, dass ich kein kompletter Soziopath bin und auch, um das Konversationskonto zur Seelenhygiene ein wenig aufzufüllen, gebe ich mir selbst gar keine Gelegenheit, darüber nachzudenken und fahre sofort rechts ran, als ich dort, am Straßenrand, eine Tramper sehe.

Super umständlich, denn: Mein Auto ist auch meine Wohnung. Da ich nun allein fahre, ist der Beifahrersitz natürlich voll mit Reiseführern, Ladekabeln, Lebensmitteln. Hektisch Entschuldigungen murmelnd schmeiße ich alles nach hinten, auf die Luftmatratze, während der Typ schon mühsam am Einsteigen ist, ein alter Kroate mit ledriger Haut und wenigen, dafür aber ausgesprochen kleinen, spitzen Zähnen im Mund.

Das bringt jetzt natürlich wenig von wegen Konversationskonto und so, denn der Typ spricht kaum Englisch. Ah Germany, sagt er natürlich und: Where? Und dann möchte er immer wissen, ob ich hier Familie hätte oder wo meine Familie herkommt, zumindest glaube ich, dass er das wissen will, also sagen wir unterm Strich die meiste Zeit Germany zueinander und stellen alsbald fest, dass das wenig Zweck hat und dann schweigen wir. Der Weg nach Bol, wo auch mein Tramper hinwill, weil er da wohl Familie hat, ist weiter als gedacht.

Dumme Idee, denke ich, sich selbst davon überzeugen zu wollen, dass man offenherziger Typ sei, das hat man dann davon. Ich dekliniere diverse Katastrophenszenarien durch. Am Ziel wird der Spitzzahnige meine Brieftasche – wenn es um Raub geht, sagt man Brieftasche, nicht Geldbeutel – haben wollen. Wo ist eigentlich mein Handy? Ah, da liegt es, in der Mittelkonsole. Besser mal ein Auge drauf haben… So kriecht der alte Menschenekel zurück in das heuchlerische Travelerhirn. Ganz allgemein fühlt es sich so an, als würde ich den Trunkenbold, der wie nach Wild-West-Sitte aus der Stadt verbannt wurde, wieder genau dorthin zurückbringen, was mir wiederum den Zorn der Einheimischen einbringen wird. Wie um das zu bestätigen, bittet mich der Tramper dann auch, ihn am Supermarkt rauszulassen, something to drink, okay, okay, kein Problem. Handy da, Brieftasche da, der Mann müht sich murmelnd aus dem Sitz, haut die Tür zu und blickt nicht mehr zurück.

Das war die gute Tat für heute. Ich muss mich ganz dringend mal ausruhen. Heut beginnt in Russland die WM. Ich brauche ganz dringend einen Campingplatz mit Fernseher.

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Balkan-Diary 2: Die Attraktion ist der Mensch (Plitvicer Seen, Starigrad)

Auf der kurvenreichen Küstenstraße zwischen Zadar und Starigrad herrscht zumindest teilweise eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km/h. Weil ich schon seit geraumer Zeit spüre, wie mir die Einheimischen im Nacken sitzen, wie sie auf mein Kennzeichen schielen und fluchen auf die gesetzestreuen Touristen und ihre Art hier über ihre Küstenstraße zu schleichen, fahre ich eh schon eher 60, teilweise 70 km/h. Um die Demütigung ein wenig abzumildern.

Ich fahre hier ja zum ersten Mal. Ich weiß ja nicht, wie man das macht. Ich hatte gerade ein Thunfischsteak und danach gab es noch einen Honigbrandy, aufs Haus versteht sich, der Deutsche am Nebentisch erkundigt sich direkt händeschüttelnd nach dem Namen des Kellners und der lässt es sich nicht ansehen, ob ihm das unangenehm oder doch ganz recht ist.

Und jetzt, Honigbrandy im Kopf, Stracciatella im laktoseintoleranten Magen, zurück von Starigrad fast bis Tribanj, Camping Navis direkt an der so berühmt steinigen, dalmatinischen Küste. Der Nachbar vom bayrischen Wald jagte vorhin noch eilig zum Strand: Der Delfin is wieda do!, schreiend und nach seiner Frau, die ihn aus dem Wohnwagen heraus wissen ließ, sie müsse erst noch ihr Handy finden. Und dann standen wir an der berühmt steinigen Küste und warteten gemeinsam auf den Delfin. Der Bayer und der Schwarzwälder, wir Franken, ein paar Holländer, viel ledrige Haut, gegerbt in der dalmatinischen Sonne, viel geblähte Bäuche, weil es hier so gut schmeckt und zu knappe, viel zu knappe Speedos über Männerhintern. Aber kein Delfin, nicht mehr, nicht für mich.

Die Küstenstraße hier her, an diesen Ort zwischen zwei Orten, in diese Bucht, schlängelt sich zwischen Küste und Bergen und das ist dann, wie man so schön sagt, malerisch. In der Dämmerung aber kommt jede Kurve überraschend, kommt jede Geschwindigkeitsbegrenzung ungelegen. Lieber runterschalten, lieber langsam, bald sollten wir da sein, ein Kleinwagen, der mir die ganze Zeit schon so bedrohlich am Arsch klebte, drängt sich vorbei. Gut so, verpiss dich, bitte. Und da ist auch schon das Schild, Camping Navis, 200 m, langsam, Blinker, zweiter Gang. Ich bremse, will rüber, Spiegel, Schulterblick: Ey! Der Lieferwagen, der mir jetzt so bedrohlich auf dem Kofferraum klebte, wollt gade jetzt ganz gern vorbei, ich schon auf der Fahrbahnmitte. Ich sage: Alter! Spack! Und er wahrscheinlich etwas sinngemäß Gleiches auf Kroatisch.

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Es ist jetzt Vorsaison in Kroatien. Ein Wort, das sich schon so verlockend anhört. Vorsaison, man ist vor den anderen da. Man kommt heim und erzählt schon, wie es war, wenn die anderen erst aufbrechen. Vorsaison und man hat ein bisschen mehr von allem und den Strand für sich und der Schnaps geht aufs Haus.

Wenige Tage zuvor: Plitvicer Seen. Ja, Karl May, Winnetou und so, hier wurde doch irgendwas gedreht, das sagen die Leute zu einem und man selbst wiederholt es dann und der bzw. die gegenüber, in meinem Fall H., bestätigt das, ja, das habe sie auch gehört. Wir haben die Filme beide nicht gesehen. Ich halte die auch für schlimm langweilig. Aber die Hörspiele auf Kassette fand ich als Kind immer schön und ich musste auch fast nie weinen, wenn Winnetou dann stirbt, glaube ich.

Unterm Strich jedenfalls behauptet jeder Landstrich in Kroatien, auf dem es drei Bäume oder zwei Seen oder einen Wasserfall gibt, dass hier irgendeine der Karl-May-Verfilmungen gedreht worden sei. In Starigrad gibt es ein Winnetou-Museum, das zu einem Hotelkomplex gehört und laut Tripadvisor schön aber schwer zu finden ist. Wir gehen nicht hinein.

Von den Plitvicer Seen heißt es zweitens: Ja, die sind sehr schön, die muss man gesehen haben, aber Vorsicht, überlaufen. Wir denken: Vorsaison. Auf dem nahegelegenen Campingplatz ist auch noch viel frei, die Nachbarn sitzen vor ihrem Wohnmobil, hören Deutschrock und sehen ganz und gar nach Thüringen aus. Ein Frau erklärt ihrem Mann, dass sie jetzt das Toastbrot essen müssen, weil in dem Klima doch alles so schnell schimmelt. Eine andere fragt, weil wir doch junge Leute seien, ob wir auf unseren Handys nachschauen könnten, wie morgen das Wetter wird. Nur die Deutschen, scheint es, haben in 2018 überhaupt noch das Kleingeld, um auf Reisen zu gehen, aber wahrscheinlich war das schon immer so, bzw: Es gibt halt einfach viele von uns, Binsenweisheit.

H. hat sich im Vorfeld erst mal ein paar Geheimtipps im Internet angelesen. Zum Glück gibt es das Internet, wo alle Geheimtipps ganz schnell zu finden sind. Ein Blogger verrät, man solle sich den großen Wasserfall für später aufheben, am Abend ist weniger los, und zuerst einen J-förmigen See im Norden aufsuchen, der weniger Aufmerksamkeit abkriegt, aber auch schön ist.

Wir nehmen also zuerst das Schiff – kleine Überfahrt, große kindliche Freude meinerseits – nicht, weil das zum Plan gehört, sondern weil wir gar keine Wahl haben. Alle Besucher vom Eingang 2 werden zunächst mal verschifft. Dann versuchen wir, uns in Richtung des J zu halten. Die sporadisch aufgestellten Schilder sind, möglicherweise mit Absicht, absolut unbrauchbar: Mal ist von Wegen von 1 bis 10, mal von Routen mit den Buchstaben H,I,J,K die Rede und da, wo man einfach einen Wegweiser gebrauchen könnte, steht eh keiner. Google bringt auch nix, wir laufen wieder mal komplett in die falsche Richtung.

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Und das ist sehr gut, denn hier, auf einen Trampelpfad entlang eines dieser Seen, treffen wir nur ganz selten auf Menschen. Vielleicht weil der Weg durch eine Matschgrube führt und das will man ja auch nicht. Anders die Situation dann tatsächlich in Richtung des großen Wasserfalls. Das ist so ein Teil, wo man zwei Mal überlegt, ob man es jetzt überhaupt fotografieren soll, weil es ja so oft fotografiert worden ist und dann macht man es trotzdem und fühlt die Sinnlosigkeit aller Dinge.

Auf den Stegen, die zum Slap führen, drängen sich die Reisegruppen. Viele Asiaten jetzt. An dieser Stelle ist nicht mehr die Natur die Attraktion, sondern – vergleiche, Deflin und Strand –  der Mensch. Männer, deren haarige Bäuche frech aus den T-Shirts spitzen, Mädchen mit Tops, die von Partynächten berichten, die aufgeregten japanischen Paare und die jungen Frauen, die lange warten und posen, bis endlich, endlich das richtige, das perfekte Profilbild entstehen kann. Ein paar Meter weiter posiert auf demselben Steg ein Mann für seine Frau und versucht, seine Gesichtsmuskeln im Griff zu behalten und man kann sich so gut vorstellen,wie viele Profilbilder an einem solchen Tag an einem solchen Ort entstehen und wie die unterschiedlichen Facebook-Bubbles dann unterschiedlich darauf reagieren: So sweet, Hübsche! (viele Herzen), die einen, Gut schaust aus, schönen Urlaub noch (großer Smiley mit Daumen nach oben), die anderen.

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In einer Kehre, weg vom Wasserfall, den Berg hinauf, bleiben wir auf einer Bank sitzen. Ein Reiseleiter hält hier ein Schar wissbegieriger Rentner und Winnetour-Fans zusammen: Sie gehen jetzt hier über den Damm und dann rechts bis zum großen Wasserfall. Keine Hektik, wir haben Zeit, wiederholt er immer wieder und er hört sich dabei unverschämt so nett und angenehm an, dass wir noch ein wenig länger sitzen bleiben. Ich hör das irgendwie so gern, sage ich. Ich auch, sagt H.

Und dann sitzt er auch schon neben uns: Tut mir leid, dass ich hier so eure Ruhe störe, sagt er und wir beteuern, das mache gar nichts und Ruhe sei hier doch eh nicht so. Wir blicken auf die vielbeinige Menschenschlange, die sich an uns vorbeischlängelt. Ihr habt Glück, sagt der Reiseleiter, ein mittelalter Mann mit einer braunen Wolkenfrisur, heute ist wirklich wenig los. Das überrascht uns doch ein wenig. Ja, viele Menschen seien hier im Sommer halt immer. Dann passen Sie mal auf, dass sie niemand verlieren, sage ich und lache. Sie lachen, sagt der Reiseleiter, aber das passiert uns Reiseleitern wirklich oft. Die Leute kennen sich noch nicht und dann laufen sie einfach irgendjemand hinterher.

Er seufzt ironisch und man merkt, dass er ein gutes Verhältnis zu seinem Job hat und vom dem würde man sich auch gerne mal Kroatien zeigen lassen. Und dann rät er mir noch, nach Brac zu fahren, klar da sei jetzt auch alles packed, aber sein Lieblingsort in Kroatien. Und wenn der das sagt, denke ich. Dann muss er weiter, den großen Wasserfall herzeigen wie etwas von sich selbst und ich wüsste so gern, wie oft er ihn schon gesehen hat und ob das noch irgendetwas mit ihm macht.

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Balkan-Diary 1: On Balkan is always war (Pressegger See, Bovec, Ljubljana, Otocec)

Auf dieser Art zu reisen, mit dem Auto unterm Arsch aber ohne die Sicherheit irgendwelcher Ziele oder gar Buchungen, heißt immer, sich mit möglichst großer Konsequenz dem Zufall auszuliefern. In welches Tal steuern wir den Kangoo, Weißensee oder Pressegger See? Wir haben von weder noch eine Vorstellung. Wo schlagen wir das Zelt auf, Trenta, Soca oder Bovec?

Und sollte man nicht da, in Most na Soci, mal rausfahren, einfach weil das Wasser der aufgestauten Soca hier so surreal Eisbonbon-blau aussieht…?

Der Zufall ist der Freund des Reisenden. Vielleicht der einzige. Der Reisende ist oft allein, er ist fremd, Eindringling, Analphabet, Finanzspritze und Last. Der Zufall ist blind, er sieht nicht, woher du kommst.

Irgendwo, ich glaube im Reiseführer, steht, die Slowenen denken westeuropäisch und fühlen Balkan. Neva, die immer in Ljbuljana City Center gelebt hat, sagt, ich soll auf jeden Fall nach Serbien und Bosnien fahren, weil dort wirklich der Balkan ist, dieser Balkan, und hier doch mehr noch Österreich und Sauerkraut.

Neva und Hannah haben sich in Sri Lanka kennengelernt, Zufall. Und jetzt sitzen wir in einer Art Biergarten vor einem Jugenzentrum-mäßigen Club, in dem eine Band vor sich hin jammt, deren Sänger einen langen schwarzen Mantel trägt. Hört sich bisschen ungeordnet an, findet H. Wir trinken Nefiltrano, ungefilterters, quite normal beer, findet Neva.

Neva ist Anwältin, fünfzig Stunden Woche. Und weil der Job so mies bezahlt ist und der Chef vielleicht ein schlechtes Gewissen hat, fliegt die ganze Belegschaft morgen früh nach Istanbul, um da drei Tage Party zu machen. Früh um sechs gibt’s den ersten Schampus. Sie muss High Heels mitnehmen und das passt ihr nicht.

Es ist bald dreißig Jahre her, dass Nevas Vater hier in diesem Land, das so etwas wie das Baden-Württemberg Osteuropas ist, im Krieg war. Zehn Tage lang musste Slowenien um seine Unabhängigkeit von Jugoslawien kämpfen, Nevas Papa trug zwar eine Waffe, aber schießen musste er nicht. Rund hundert Menschen sind gestorben, sagt Neva, weil ein Hubschrauber über Ljubljana abstürzte.

Aber trotzdem: Ihr Vater reist heute nicht in diese Länder, Serbien, Bosnien, Montenegro, weil er nicht weiß, was der, dem er gegenübersteht, vor dreißig Jahren möglicherweise getan hat.

On Balkan there is always war, sagt Neva. Die Slowenen hassen die Kroaten, die Serben die Bosniaken. Aber nur daheim, der Hass gehört auf die Halbinsel: Wenn sie sich im Ausland träfen, seien alle Südosteuropäer dann doch auf einmal Brüder. Im Vorfeld der Reise habe ich natürlich versucht, mich ein wenig zu informieren, was da passiert ist. Es geht nicht. Es ist zu viel und mit jeder Information, darüber, wer wem wann und warum auf den Schädel gehauen hat, verliert man eine andere aus dem Gedächtnis.

Aber einmal, denke ich, und das stimmt doch, da gab es zumindest mal fast vierzig Jahre lang Frieden: Solange Jospip Broz Tito an der Macht war im geeinigten Jugoslawien. Also frage ich, ein bisschen vorsichtig, weil man ja nicht so richtig weiß: Do people sometimes miss it? Nein, sagt Neva, obwohl das natürlich richtig sei und nein, ein Stalin sei der Tito sicher nicht gewesen, aber ein Diktator halt schon und wer eine oppositionelle Meinung hatte, konnte immerhin im Gefängnis landen.

Und weil man dann schon mal dabei ist, verpasst man die Band mit dem Manteltyp und bestellt noch so ein Union oder Lasko. Und weil man dann schon mal dabei ist, versuche ich noch Neva zu erklären, was da bei uns bei der letzten Wahl passiert ist. Und dann schauen wir alle drei auf das bisschen Europa und wie das gerade aussieht, nach allem, was in den letzten drei, vier Jahren passiert ist. Die stärkste Oppositionspartei in dem Land, aus dem wir kommen, ist rechtsradikal. Das muss ich zugeben.

Und hier? Ein paar hundert Flüchtlinge seien geblieben, sagt Neva, die wollten ja alle nach Deutschland. Und trotzdem lassen die Menschen sich eine Angst einreden und wählen die, na ja, man könne es nicht anders sagen, Nazis. Vor der vergangen Parlamentswahl habe ihr Bruder ihr eröffnet, die katholischen Liberalen zu wählen. Und Neva habe gefragt: Was, wenn deine Freundin schwanger wird und ihr könnt euch kein Kind leisten, aber wegen deiner Partei ist Abtreibung illegal. Ich habe Geld, habe er gesagt, dann fahren wir nach Österreich.

Money rules, sagt Neva. Vielleicht war das damals anders, in Jugoslawien. Dafür waren die Supermarktregale immer wieder mal leer. Wir wissen auch nicht weiter und waren vielleicht noch nie so pessimistisch wie jetzt. Und wir schauen auf das, was bei den nächsten Wahlen vermutlich noch passieren wird. Und ich sage. We’re fucked. Und Neva sagt: For sure.

Hätten wir diese oder jede Reise vor fünf oder mehr Jahren gemacht, man hätte kaum über Politik gesprochen und mehr über die schönen Dinge im Leben. Aber morgen gehen wir erst Mal auf die Burg und essen ein Eis und ein Street Food aus Tanzania. Weil morgen ist Freitag, Zufall, und da kann man in Ljubljana ganz wunderbar auf Markt vor der Kathedrale St. Nikolai speisen und es läuft Musik und man teilt sich eine Bierbank mit ein paar Rentnern aus Österreich oder sonstwo her.

Und so geht es natürlich auch.

In other news:

In Kärnten, Pressegger See, Hermagor, esse ich ein okayes Schnitzel im Camping-Platz-Restaurant. Der Platz, und noch einer, sowie diverse Pensionen gehören einer gewissen Familie Schluga. Die kontrolliert hier das Business, stellen wir uns vor, die bestimmt, wer Bürgermeister wird und wo die Umgehungsstraße gebaut wird. H. isst eine kleine Pizza.

Und will dann mit Karte zahlen, weil sie mit Zahlen dran ist, aber der Kellner, ein Österreicher, der ganz genau weiß, wie österreichisch er ist, struppig, hehe-grinsend, der Kunde is König am Oasch, sagt: Mit Koadn geht jetz nemma. Weil er ein fauler Depp ist. Und H. soll sich halt erkenntlich zeigen, wenn ich jetzt zahle, weil Frauen seien doch kreativ, hehe, zwinker, zwinker und guade Nocht noch.

Man kennt ja auch nette Österreicher und das Land ist toll schön und die Hauptstadt, jaja, aber in seiner Gesamtheit doch: Zum Vergessen. Provinzielle Selbstvergessenheit als Markenkern, Besäufnis an der eigenen Unzulänglichkeit, Sebastian Kurz.

Im Soca-Tal, Bovec, beziehen wir einen von mehreren wie die Perlen an der Kette aufgereihten Camping-Plätze. Vorsaison, quasi nix los. Am Abend bringe ich ein mickriges Lagerfeuer zustande, aber immerhin. Am Tag wollen wir zu einer Burg und in eine Schlucht, laufen dann am komplett in die falsche Richtung, vorbei an Kühen und Schafen und in ein Dorf, in dem es nichts weiter gibt, außer einer Terrasse mit eindrucksvoller Kakteen-Sammlung. Ein von pickenden Hühnern umringter Mann grüßt freundlich. Man grüßt immer so mit Geräuschen, weil man weder weiß, ob der Gegenüber einen versteht, noch sich erinnern kann, wie Guten Tag auf slowenisch heißt, wenn es drauf ankommt. Also lieber hastig schief grinsen und ein: Mhhjjjellog rausmurmeln. Geht immer.

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Wir versuchen die Wanderung zu retten, indem wir einen Rundweg draus machen. Dazu müssen wir hier nur kurz auf die Serpentinen-Landstraße, gefährlich, aber dann irgendwie rechts weg und dann gibt das so eine Art Schlaufe. Sagt Google Maps. Wir finden die Abzweigung und dann ist es erst sehr schön Urwald-mäßig und dann ist der Weg weg, klar. Nicht schon wieder so eine Scheiße, sage ich, in Kärnten war es genauso. Da steht man dann im hüfthohen Gras und hat keine Ahnung und Angst vor Zecken und Kühen, in deren Revier man gerade eingedrungen ist.

Aber dann war’s doch halb so wild. In Bovec gibt’s eine hippe Brauerei und ein alter Slowene empfiehlt mir was, ich bestelle aber was anderes. Mit neuseeländischem Hopfen. So.

Und letztlich, bevor wir dieses ungelogen wunderbare Land verlassen, Otocec. Auf einer Insel auf der Krka steht das Wasserschloss. Ich denke: Burgen und Schlösser, da dachte man früher immer, wow, toll besonders. Heute merkt man, egal, wo man hinkommt, alle zehn Meter haben irgendwelche Habsburger oder Windischeschenbacher oder man weiß es nicht mehr so genau irgendwelche Wasserschlösser in die Landschaft gekackt. Das Teil hier stammt sogar aus dem 13. Jahrhundert, als sich irgendjemand so wichtig und bedeutend gefühlt hat, um in genau diesem letzten Winkel der Welt etwas Monumentales zu hinterlassen.

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Was das damals bedeutete, kann man kaum sagen. Heute bedeutet es, dass da ein Fünfsternehotel ist und ein slowenischer Boy hat den undankbaren Job, den ganzen Tag über in einer unbequemen Uniform vorm Tor zu warten. Am Ufer, schräg gegenüber, also wirklich zwei, drei große Schritte entfernt, gibt es einen winzigen, komplett Komfort-freien Camping-Platz. Zehner die Nacht.

Wir stellen den Kangoo so, dass wir mit Blick auf das grün sprudelnde Wasser aufwachen. Ein slowakisches Pärchen stellt ihr Zelt so, dass sie direkt neben sowohl Mülltonnen und Toiletten aufwachen. Jeder wie er mag. Wenig später trägt sie ein Abendkleid und er einen Anzug und sie bitten uns um einen Stift, um noch was auf ihre Karte zu schreiben… Im Schloss wird heute Hochzeit gefeiert und das Paar spaziert, angeführt von so einer Art Prinz oder so, durch die bescheidende Parkanlage.

Am Abend bekommen wir noch Besuch von zwei slowenischen Jungs, ein dicker und ein dünner, die beide recht verschoben aussehen, als wären ihre Gesichtsknochen einmal wild durchgewürfelt worden. Sie fragen nach Zigaretten und machen mit Händen und Füßen darauf aufmerksam, dass die Sonne heute heiß ist. Dann zeigt der Dicke noch eine Art Geschwür an einem seiner Finger und schon sind sie wieder fort. Nett.

Zuletzt besucht uns, und wir dachten, hier herrscht abgeschiedene Ruhe, der Strudelmann. Der zerrt blecheweise Kirschsstrudel aus seinem Kofferraum und hält uns sofort ein Stück unter die Nase: Probieren! Stichprobe machen! Strudel! H. sagt, danke und das sei ja sehr lieb, aber sie habe eben erst gegessen. Stück zwei Euro!, sagt der Strudelmann. Danke nein, sagt H., aber ich suche schon nach dem Geldbeutel. Sehen die Farbe!, sagt der Strudelmann, alles natural! Wie viel Stück? Ich habe kein Kleingeld, H. schon. Eines, sage ich. Mehr!, sagt der Strudelmann, wieviel? Zwei Stück? Morgen essen! Eines reicht, sagen wir und dann sagen wir es noch ein paar mal und der Strudelmann freut sich und sagt: Kann nur wenig Deutsch aber guten Appetit und eine schöne Reise.

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Andermatt. Das Zentrum der Welt.

Ich zeige dir das Zentrum der Schweiz, schreibt C, und ich sitze im Regionalexpress neben einem dicken Mann mit schleimiger Frisur und Sonnenbrille, der sich eine Romcom auf seinem Laptop ansieht. Ein paar Tage zuvor hatte ich C. im Skype gefragt, wo sie denn eigentlich sei, diese Hütte in den Bergen. Und C. hatte gelacht und gesagt: Das ist keine Hütte, Thamm! Das ist ein Anwesen!

Ein Arbeitswochenende in der Schweiz. Ich war als Kind zuletzt in diesem Land. Aber ich bin ein großer Fan. Diese kompakte Nation. Wie ein natürlicher Freizeitpark fürs Auge. Irgendwann ein Haus in der Schweiz. Lebensziel, bucket list.

In Basel scheint die Sonne. C. sagt, hier sei es immer etwa drei Grad wärmer als in München, wo wir uns kennengelernt haben. Er versucht, diverse enorme Winterjacken in einem winzigen Koffer zu verstauen. Ich frage ihn, ob ihm klar sei, dass wir nur übers Wochenende wegfahren. Er sagt, er habe Schwierigkeiten, sich einzuschränken. Ob ich meine Wanderschuhe dabei hätte. Ich zeige ihm die, die ich trage, eher Trekkingschuhe, sie reichen nicht über die Knöchel.

Während der Fahrt erzählt mir C., was ich über die Schweiz wissen muss. Die Deutschen seien offener, nicht so verkrampft. Mit den Schweizern könne man nicht über die wichtigen Dinge des Lebens reden. Es komme ihm so vor, als herrsche eine Art Geschlechtertrennung. Diese Berge da, das könnten die Mythen sein, Mithen, sagen die Schweizer. Auf den Gipfeln liegt Schnee. Den Gotthard-Tunnel hätten die Schweizer gesprengt, wenn die Nazis eingefallen wären. Zwei Stunden später sind wir in Andermatt.

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C. entstammt, natürlich, einer Unternehmerfamilie. Seine Eltern haben sich am Rande des Dorfes ein kleines Haus gekauft, nicht eigentlich ein Anwesen. Dann haben sie es ausgebaut, alles ist seltsam verwinkelt, ungeahnte Stockwerke verbergen sich unterm Boden. Es gibt übermäßig viele Bäder und Fernseher. Ein winziger Balkon, den C.s Vater selbst geplant hat: zum Rauchen. Am Abend platzieren wir uns an der Bar im Postillion und bewundern die blonde Bedienung.

Benz besitzt einen kleinen Tabakladen mit Café. C. und er unterhalten sich in ihrer knarzenden Mundart, als hätten sie den Mund voller Walnussschalen. Benz trägt so eine seltsame Mischung aus Trekkingschuh und Sandale. Er bietet auch Bergtouren an. Letzte Woche hatten sie hier den schönsten Powder des Jahres, huregeil, sagt er, huregeil. Es ist Mai.

C. fragt, wo wir wandern könnten und Benz holt die Karte raus und meint, er würde auf den Nätschen gehen, an unserer Stelle, aber nass sei es schon. Dann erzählt er vom Tessin, von steinernen Hütten, und gratis Thermalbädern, von einer Tour, auf der er in einer Woche nur einem einzigen anderen Menschen begegnet sei. Absolute wilderness, sagt Benz, huregeil. Man muss irgendwann gehen, sonst quatscht er einen fest.

Das rosafarbene Kasernengelände Andermatts, dahinter eine hölzerne Röhre, in der, angeblich, die englische Bob-Nationalmannschaft das Anschieben übte. Hier windet sich ein schmaler Pfad den Nätschen hinauf. Wir gehen hintereinander, bald hämmert das Herz in meiner untrainierten Brust. Über einen sprudelnden Bach und hinein in den Wald. Der Pfad verschwindet unterm Schnee, zuerst knöchel-, dann kniehoher Schnee. Nass, ja. Ich trete in die Spuren, die C. hinterlässt und bleibe immer wieder stehen, um kleine, eisige Brocken aus meinen Schuhen zu pulen.

Das ist Schattenseite hier, sagt C., nein, anders: Wald, das sei Wald, deswegen so viel Schnee. Aha, Wald, sage ich, kenn ich.

Der Wald hört nicht auf. Meine Socken sind in eisiges Schmelzwasser getränkt. Wir verlieren den Pfad und kraxeln irgendwie querfeldein über die Heide. Weil wir da rüber müssen, wo unterhalb des Gipfels die Liftstation des Skigebiets zu sehen ist. Absolute Vollkatastrophe. Ich denke viel an den Rückweg Reinhold Messners vom Nanga Parbat und daran, wie viele Zehen er dabei verloren hat. Wie lange dauert es, bis die Füße in nassen Socken blau werden? Und wann schwarz?

Mist, sage ich, das Schweigen durchbrechend. C. dreht sich zu mir um: Was? – Mütze verloren. – Der Wald schluckt alles, sagt C.

Ich zweifle an seinen schweizerisch angeborenen Bergführerkünsten. Ich sehe mich ausgleiten und eine Böschung hinabkullern, die Kamera zerspringt an einem Felsen, C. muss die Bergwacht alarmieren, die mich im Hubschrauber abholt und nach Zürich ins Spital bringt. Sagt man hier Spital? Bestimmt.

Stattdessen finden wir den Pfad wieder. Meine Füße sind gar nicht so kalt. Dort drüben gibt es ein Restaurant, sagt C. Ich liebe, wie er das Wort auf der ersten Silbe betont, dieser Singsang. Meinst, das hat offen?, frage ich. – Sicher, sagt C., aber er irrt sich. Eine Stunde später sind wir zurück im Haus und schieben eine Tiefkühllasagne in den Ofen. Ich hänge die nassen Socken über das Balkongeländer, dann beginnt es zu regnen. Die nassen Socken hängen im Regen, auch schon egal.

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Im Restaurant wird C. per Handschlag begrüßt. Ich auch. Die Wirtsleute freuen sich, ihn mal wieder zu sehen. Sie sind sehr freundlich. Zu mir auch. Ich verstehe aber nur sehr wenig und lausche entzückt diesen herrlichen Geräuschen.

Am Nachbartisch sitzt ein deutsches Paar. Er sieht zwanzig Jahre älter aus als sie und erklärt ihr, wie viele Leute heutzutage den Konjunktiv falsch verwenden. Ich vermute: ein Lehrer mit einer ehemaligen Schülerin. Er ruft uns zu, dass wir nach unserem Fondue einen Appenzeller Kräuter trinken müssten und C. flüstert, dass man daran die Deutschen erkennt. Sie lieben die regionalen Produkte. Eigentlich sehr schön, aber: Appenzeller, das trinkt kein Schweizer. Er bestellt einen Grappa, ich Zwetschge. Als der Deutsche mit EC-Karte zahlen will, sagt die Kellnerin, dazu müsse sie das große Gerät holen. Das große Gerät habe ich hier, sagt der Deutsche und ich wär so gern ein Schweizer.

Und wieder so, als der Este den Hitlergruß auspackt. Wir sind erneut im Postillion gelandet, der einzigen Anlaufstelle der Andermatter Jugend am Abend. Gleicher Platz an der Bar, obwohl die schöne Blonde nicht da ist, dafür Anna-Maria, ihre polnische Kollegin, die gestern, als wir zum ersten Mal trafen, nicht wusste, was wir mit Wandern meinen.

In Andermatt ist es so: Das Dorf ist wirklich recht klein und lebt von den Ski- und Wandergästen in der Saison. Jetzt ist es leer. In ein paar Jahren wird Andermatt auf die doppelte Größe angewachsen sein. Der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris baut hier Fünfsternehotels, ein Hallenbad, eine Eissporthalle, einen 14-Loch-Golfplatz. Ein zweites Dorf, das kann man so sagen.

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Das heißt, er lässt bauen. Deshalb sind die Esten hier. Deutlich billigere Arbeitskräfte als Schweizer Bauarbeiter. Wir stehen rauchend mit ihnen vorm Postillion. Einer trägt eine Jacke, auf der Estonia steht, einer ist blond, einer dick, bärtig und in Camouflage, der letzte hat eine Jacke mit Red-Bull- und Pirelli-Logos wie ein Rennfahrer. Sie verstehen nicht, sagt der Bärtige, was sie hier eigentlich machen. Das Dorf ist immer leer und sie bauen noch mehr Häuser. Was soll das? Sie lachen.

Wo wir her seien. Basel sagt C., Germany sage ich. Oh really?, sagen alle Esten und der Bärtige reißt den rechten Arm stramm nach oben. Diese brutale Geste. An seinen Fingern könnte man eine Wäscheleine festmachen. Er bleibt viel, viel zu lange so stehen. Heil Hitler. Fuck, denke ich. No, sage ich, no Heil Hitler, not good. – Ah, just joking, sagt der Rennfahrer und flüstert C. lautstark ins Ohr, dass ein neuer Hitler trotzdem ganz super wäre. Nein, sagen wir, gar nicht super, obwohl wir jetzt reingehen sollten, weil klar ist was kommt: Merkel is shit. Die holt die ganzen Afrikaner.

Es ist nicht nach erste Mal, dass ich linksgrün-wählender Jungspund in die Lage versetzt werde, diesen Satz sagen zu müssen, auch weil es ja stimmt: I like Merkel. Ungläubigkeit bei den Esten. Sie raten mir, meinen Schnurbart zu stutzen, like this, der Rennfahrer hält sich zwei Finger unter die Nase, just joking. But is it allowed? – Yes, sage ich, it is, but then you get punched in the face.

Wir sitzen wieder an der Bar und glotzen unser Bier an. Das normale Bier ist leer, ob ein Frühlingsbier okay sei. Klar. Die Esten kommen vorbei und klopfen uns immer wieder auf die Schultern, we are just joking, ok? – Yes, it’s okay. Der da sei aus Germany. – Really?

Dann sitzt der Rallyefahrer neben uns. Ich stiere angestrengt geradeaus, auch weil ich spüre, dass er, Jägermeister-Cola und eine Dose Energydrink süffelnd, immer wieder rüberschaut. C., zwischen uns. Der Este erzählt ihm, dass er schnelle Autos liebe. C. liebt auch schnelle Autos. Er will wissen, ob der Este Rennfahrer sei, wegen der Jacke. Der Este flüstert, damit Anna-Maria nichts hört: Jaja, das Überholen ist das Geilste. Er behauptet, einen VW Polo zu fahren und wir sind uns nicht sicher, ob das ein Witz ist, oder ob er mit einem ans Limit getunten Polo durch Nordestland ballert. Kimi Räikönnen is my big hero, I love him so much.

Das Problem ist, der Typ, der findet, dass so ein neuer Hitler gar nicht schlecht wäre und dass ich mir doch so ein Bärtchen stehen lassen könnte, ist eben auch wahnsinnig nett. Herzig, sagt C., aber so viel Herzigkeit sei für ihn, als Schweizer, eh schwierig. This are my new friends, ruft der Rennfahrer durchs Postillion. Aha, soso. Wir grinsen verkrampft irgendwohin. Ein halbes Jahr hat er hier für den Ägypter gebaut, morgen fährt er wieder nach Hause. Ja, froh sei er schon, aber er will zurückkommen. Das sei ein guter Ort hier.

Stimmt schon. Schweiz halt, wahnsinnig schön, unfassbar unbezahlbar. Erstaunlich, dass es mir hier so geht, wie zuletzt in Thailand, mit einem aggressiven Engländer. Dieser Merkelhass. Flüchtlingsthema und Unverständnis, mit dem man irgendwie, irgendwie!, umgehen muss. Damals, auf der Insel, wurde heftig diskutiert. Heute habe ich nur Gestammel und den Wunsch nach Distanz anzubieten. Das ist kein Diskurs.

Und keiner, keiner den man trifft, sagt: Oh, yes, I really liked, how she accomplished to manage this crisis. Die SVP hat jetzt zwei Sitze im Bundesrat, sagt C., und ich wusste zuvor nicht, wie das hier läuft mit diesem Bundesrat. Ein Ägypter lässt Esten in Andermatt Hotels bauen. Und am Gotthard ist Stau. Die wollen alle nach Italien, Autobahn Richtung Mailand. In der Schweiz wird sich nie etwas ändern, sagt C., warum auch, es funktioniert ja.

Wir überlegen uns, wie es wäre, wenn C. ein Kind bekäme und ihm weder Lesen noch Schreiben beibrächte, sondern nur gehirnwäschemäßig seine Lebensaufgabe eintrichterte: Du musst die Welt verändern. Also retten eigentlich. Aber das kann es ja auch nicht sein. Push-Nachricht auf C.s Handy: Stephen Hawking gibt der Menschheit noch 100 Jahre. Wir trinken aus und gehen nach Hause. Im Keller hängt eine Schweizer Flagge, meine Socken noch immer auf dem Balkon.

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Fetisch Einöde. Teil 2: Falsche Entscheidungen

Tag zwei und schon wird das Alleinsein zum ersten Mal zur Qual. Man fühlt sich nicht mehr wohl mit so einer Reise, die man sich ausgedacht hat wie ein kleines Drama zur Uraufführung im diskret-privaten Rahmen. Ich fahre also zu einem Stausee. Kann man hier irgendwo einen Kaffee trinken? Nein. Also weiter.

Antenne Thüringen spielt die Hits, ich singe mit und linse nur manchmal auf mein Handy.

In Saalfeld stelle ich das Auto ab. Ich spiele mit dem Gedanken, mir die Feengrotten anzusehen und entscheide mich dagegen. Warum? Das ist im Nachhinein schwer zu sagen. Man ist manchmal, selten genug!, nicht in der Stimmung für Zauberhaftes.

In der Mocaba Espressobar trinke ich einen Kaffee und lese, dann esse ich ein Panino mit Schinken und Walnuss-Tomaten-Pesto. Der Kellner ist unverhältnismäßig begeistert von dem wenigen Trinkgeld, das ich ihm gebe. Unter einem Stadttor rauche ich die erste Zigarette des Tages. Weil ich davor Ricola gelutscht habe, schmeckt sie ein wenig schokoladig. Muss weiter.

Wohin? Richtung Rudolstadt? Hört sich nicht schlecht an, aber auch irgendwie zu groß.

Kurz vor Rudolstadt biege ich ab, in den Wald, Serpentinen, die einen Berg hinaufschlängeln, irgendwie italienisch. Ich erreiche Schwarzburg, ein zweigeteiltes Dorf, unten und oben alles Fachwerk, malerisch.

Oben drauf: Die Schwarzburg. Ich lerne, dass hier die erste deutsche, demokratische Verfassung unterzeichnet wurde, Weimarer Verfassung, 1919 war das. Was man alles nicht weiß.

Ich will hier bleiben, aber die Pension ist belegt, ein Hotel ist zu und ich bin zu scheu, um zu klingeln, in die Jugendherberge will ich nicht, die anderen Hotels sind, Google sagt mir das, zu teuer.

Schwarzburg rausgeputzt, zu sauber, zu flott, und trotzdem tot jetzt in März.

Weiter, Strecke machen, mehr sehen. Ich bin müde, würde gerne jetzt bald irgendwo ankommen, mich noch ein wenig hinlegen vorm Abendessen. Ich versuche, so zu fahren, dass es nach mehr Berg und nach mehr Wald aussieht, Thüringer Wald, das war ja so ein heimliches Ziel bei dieser Reise, die Ziele verbietet. Einmal falsch abgebogen, schon touchiert man den Wald nur noch und vor mir öffnet sich die Ebene, Felder, keine Bäume, wie zur Strafe dafür, dass ich meine halben Gedanken zu konkret an Ziele verschwendet habe.

Das Traurigste ist, dass man mehr Gästehäuser, Wirtschaften, Kneipen sieht, die leer stehen als solche, die noch betrieben werden. Ich fahre irgendwie Richtung Ilmenau, aber Richtung Ilmenau will ich nicht.

Und Rudolstadt ist wirklich zu groß, zu viele Autos und Ampeln, die Hotels schaue ich mir gar nicht erst an. Ich fühle mich überfordert und ein bisschen nervös.

Und das ist das Risiko, das man eingehen muss: Dass man scheitert beim Reisen. Dass es schiefgeht, weil man einmal verzagt ist, einmal denkt, da geht noch mehr, einmal falsch abbiegt, Ilmenau, Rudolstadt, alles Scheiße. Aber Unzufriedenheit ist eigentlich genauso verboten wie Zielehaben.

Ich passiere Teichröda und sehe eine Pension. Schaut nett aus, denke ich, muss ich mir merken. Aber hier bin ich im Tal, ich will auf den Berg. Also wieder rechts, da steht etwas von wegen Schloss. Die Pension Sonja gefällt mir aber nicht, zu privat, kein Gasthaus. Also weiter, vorbei an den leerstehenden Gasthäusern. Nie kann man sich entscheiden, immer denkt man, man findet etwas Besseres, Schleifen und Kreise fahrend wie eine irrlichternde Motte. Zum Glück bin ich allein, keine Diskussionen. Alles Part of the Game.

Zurück nach Teichröda. An der Pension Hopfgarten hängt ein Schild, Gäste möchten gegenüber, im Restaurant Hopfgarten, auf sich aufmerksam machen. Der Besitzer hat mich schon gesehen, ein älterer Herr in der glänzenden Trainingsjacke des FSV Rot-Weiß Teichröda.

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Ich sage, dass ich auf der Suche nach einem Zimmer sei. Kann er haben, sagt der Mann. Man wird hier nicht gesiezt oder geduzt, sondern geerzt. Und zwar konsequent. Er murmelt etwas Unverständliches und läuft dann voran Richtung Restaurant, ich hinterher. Auf halbem Weg dreht er sich um und sagt, er könne auch warten, weil er nur die Schlüssel hole. Also einmal er ich, einmal er er. Als er mir aufsperrt fragt er, ob er zum Arbeiten hier sei. Ich sage, nein, ich fahre einfach durch die Gegend, bis ich keine Lust mehr habe. Ahja, sagt der Mann.

Dann spaziere ich durch den Ort. Er ist wirklich ganz hübsch, kein Schiefer mehr, alles Fachwerk, keine Leerstände. Liegt vielleicht am Gewerbegebiet Teichröda. Sonst aber ist hier nichts. Keine Bar, noch nicht mal eine Spielo, keine Menschen auf der Straße, keine Wanderkarte. Nur ein Friseur und ein zweites Restaurant, Alter Konsum, leider Betriebsurlaub.

Weil der Mann nicht sehr freundlich war, onaniere ich ihm in die Dusche.

Eine Stunde lang kämpfe ich mit der Fernbedienung. Keine Sender. Kein Signal. Endlich finde ich heraus, wie man einen Suchlauf startet. Kein Erfolg. Ich will nicht um Hilfe bitten müssen. Immer wieder Menü, zurück, Einstellungen, Ok. Manchmal funktioniert die Fernbedienung, manchmal nicht. Ich werde zornig. Dann entdecke ich zwei weitere Fernbedienungen auf dem Fliesentisch. So geht das.

Im Restaurant sitzen außer dem Wirt noch drei weitere Gäste. Zwei verabschieden sich bald. Einer sitzt noch schweigend mit dem Wirt zusammen. Ich bestelle Bier, Apoldaer, es schmeckt sehr gut. Ich frage, worum es sich beim Thüringer Rostbrätel handelt. Ein Kammfleisch, sagt der Wirt, vom Schwein. Das probiere ich, sage ich. Das Rostbrätel ist mit einem Haufen Zwiebeln bedeckt, die ich nicht so mag. In den Bratkartoffeln erkenne ich Speck. Der Wirt fragt: Wann will er denn frühstücken?

Wieder nur zwei Bier. Diese Minimalkommunikation den ganzen Tag, alles zweckdienlich, alles Dienstleistung, verursacht, dass ich entweder in Dialogen mit mir oder mit ihr oder in Schreibsprache denke. Man reibt sich innerlich wund. Ich würde gerne weitertrinken, aber hier fühle ich mich nicht wohl damit, noch eins zu bestellen und dann alleine hier sitzen zu bleiben mit dem Trainingsjackenmann, der kein Interesse daran zu haben scheint, mir ungefragt seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Also rauche ich auf meinem Balkon. Die Pension ist architektonisch ein bisschen wie ein Motel. Thüringen ist Kalifornien.

Wo zur Hölle bin ich? Teichröda.

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Vielleicht eine Fehlentscheidung. Hier wird nichts Berichtenswertes mehr geschehen. Ich fühle mich unter Druck, morgen was richtig Gutes zu finden. Und eigentlich schreit vieles in mir nach Heimkehr. Das ist nicht drin, keine Kapitulation.

Am Morgen ist der Rotz noch da, aber durchsichtig, das ist ein gutes Zeichen bekanntlich. Alle Gedanken an Heimkehr fortgewischt. In der Nacht träumte ich von einem Mädchen. Wir lagen in Berlin auf der Straße, mein Kopf auf ihrem Bauch. Ich hatte ein riesiges Terrarium gekauft und nun sprachen wir darüber, welches Tier darin leben sollte. Ich dachte an eine Echse, einen Waran, sie meinte, dafür sei mein Terrarium zu klein. Dann war ihr Gesicht ganz nah an meinem. Ich wusste nicht, ob ich durfte, wir zögerten, dann spürte ich ihre Lippen. Sie waren sehr surreal weich. Wie alpenländisches Gebäck. Ich wachte auf und sah, dass genau dieses Mädchen mir geschrieben hatte.

Ich habe weniger Schmerzen als an den Vortagen und bin voller Tatendrang. Aber ich bin mir unsicher, ob ich jetzt in den Thüringer Wald, also quasi zurück, oder nach Jena fahren soll. Der Wirt hat mir ein Frühstück vor die Tür gestellt. Ich versuche, die Entscheidung per Whatsapp auf verschiedene Freunde abzuwälzen. Die meisten sind dafür, dass ich in den Wald fahre. Im Auto sitzend entscheide ich mich für Jena. Ich will den Abend nicht vorm Fernseher, sondern in einer Bar verbringen.

Ich habe jetzt ein Ziel. So war das nicht gedacht gewesen. Aber Jena hört sich irgendwie gut an.

Jena. Hier, entlang der Saale, ist es schön, sanfte Hügel, in denen Nebel hängt, Dörfer, die gar nicht so sehr nach Verfall aussehen. Ich sehe ein Schloss auf einem Berg, also biege ich rechts ab. Das Schloss ist eine Burg, die Weißenburg, sie liegt direkt neben einer imposanten Rheumaklinik.

Ein Wegweiser sagt, ein Kilometer auf den Elsterberg. Ich beschließe, ein bisschen zu laufen. Erst geht es durch einen kahlen Wald, dann über eine Wiese. Unter mir hängen die Wolken im Tal. Ich komme mir vor wie im Gebirge.

Ich bekomme wenig Luft durch die Nase, der Kopf pulsiert vom Rotz. Egal.

Goethe muss wohl, das steht auf der Wanderertafel, gesagt haben, er finde diese Gegend, das Saaleland, ganz herrlich. Man fragt sich, wo der damals seinen Klumpfuß nicht hingesetzt hat.

Wäre vielleicht mal eine Idee für einen sehr schönen, sehr dünnen Reiseführer: Urlaub machen, wo Goethe nie gewesen ist.

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Nach meiner kurzen Bergtour will ich natürlich auch noch die Burg betrachten. Zwei Vermesser bauen hier gerade ihr Vermessungsgerät auf. Immer muss dieses Land vermessen werden, das hört nie auf.

Ich gehe durch ein Tor und ignoriere ein gelbes Schild an einem Baum: Privatgrundstück, Eltern haften für ihre Kinder. Blödsinn, denke ich. Man wird sich ja wohl noch eine Burg anschauen dürfen. An der Burg hängt auch das Schild einer Biermarke, vielleicht bekomme ich hier sogar einen Kaffee. Und dort vorne ist so eine Art Terrasse von der ich bestimmt einen erhebenden Ausblick habe.

Ein Mann streckt seinen Kopf aus einem der unzähligen Burgfenster.

Ob er mir helfen könne. Nö, sage ich, ich schaue mich nur um. Da hängt ein Schild an dem Baum da vorne, sagt der Mann. Ich glotze ihn blöd an. Ich bin ahnungslos, soll das heißen, ein Schild habe ich nicht gesehen, bitte erklären Sie sich. Privatgrundstück, sagt der Mann. Oh, sage ich, sorry. Ja, sagt der Mann. Bin schon weg, sage ich. Ja, sagt der Mann auffordernd, ja!

Ja, doch.

Weiter Richtung Jena. Das hat gut getan. Vielleicht weil ich mit jemandem sprach, von dem ich nichts wollte, sondern vielmehr er von mir, dass ich von seinem Grundstück verschwinde nämlich.

Wenige Kilometer weiter entdecke ich ein außergewöhnliches Dorf. Es ist sogar eine Stadt, eine der kleinsten Thüringens. Orlamünde. Wieder so ein zweigeteilter Ort. Die Oberstadt krallt sich in einen Bergkamm, eine Reihe Häuser, die aussieht, als könnte sie jeden Moment herunterfallen, in die Dächer der Unterstadt. Attraktion dieser Oberstadt ist die Kemenate.

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Ich weiß nicht, was eine Kemenate ist, sieht aus, wie eine sehr alte Kirche.

Sie ist verschlossen. Ich gehe die Straße auf dem Bergkamm entlang. Pastellfarbene Häuser winden sich einen leichten Anstieg hinauf. Der Ort hat einen Instagram-Filter. Im 18. Jahrhundert gab es hier eine Bierschlacht inklusive Verwundungen. Außerdem stritten die Bürger mit Martin Luther, daran erinnert ein Denkmal. Heute schläft die Stadt, immerzu, Tag und Nacht, Schlaf. Auch in Orlamümde stehen viele Häuser leer. Einen Kaffee kann man hier nicht trinken.

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In Jena, denke ich, sollte es nicht so schwer sein, einen guten Gasthof zu finden. Ich fahre einen Kreis um das Zentrum, stoße dann hinein, glotze halb immer auf das Handy, Google Maps, hier in der Nähe sollte etwas, irgendwas mit Zum Hirsch… Viele Fußgänger um mich herum. Ich bin nicht sehr aufmerksam. Ein roter Blitz. Fuck! Vierzig in der zwanziger Zone. Zwanziger Zone! Wer macht denn sowas? Scheißdreck.

So geht das nicht. Ich fahre ein Stück aus dem Zentrum. Bei Google habe ich die Grüne Tanne entdeckt, die mir Richmann empfohlen hat. Ich sehe das Gasthaus und lese, dass hier die erste Burschenschaft gegründet wurde und dass Goethe hier gern eingekehrt sei. Natürlich! Wenn er mein Nachbar wäre, ich würde ihm das Autofenster einschmeißen.

Ich frage die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt, ob sie auch Zimmer haben. Sie sagt: Nein. Ich sage: Na gut, alles klar, und höre mich dabei unangemessen fröhlich an. Andreas hüpfend ab.

Das Zentrum nördlich umkurven, sich irgendwie durch Einbahnstraßen schlängeln. Gasthof Zur Schweiz. Sieht sehr gut aus, aber auch so, dass man nicht ganz sicher sein kann, ob er noch betrieben wird. Die Tür ist offen. Drin sitzt eine Frau mit derselben blondgefärbten Kurzhaarfrisur. Ich bräuchte ein Zimmer. Für wen?, bellt die Frau. Naja, für mich sage ich. Also, Einzelzimmer, hänge ich an, weil ich merke, dass sie mit meiner Antwort nicht zufrieden ist. Ja, wann?, schreit sie ungeduldig. Heute sage ich, also eine Nacht. Ich kichere nervös. Achtundfünfzig Euro mit Frühstück, sagt die Frau, als handle es sich um ihren letzten Versuch, mich doch noch zu vertreiben. Is‘ okay, sage ich sehr kleinlaut, jeder Preis wäre okay gewesen, das hat sie geschafft.

Ich beziehe mein Zimmer, es ist sehr groß. Ich mache mich auf die Suche nach einer Bratwurst. Das dauert länger als gedacht. Zuerst finde ich einen Sushiwagen, einen Vegane-Burger-Wagen und diverse syrische Shawarma-Stände. Thüringen, denke ich, fuck you. Das Theaterstück von Camus, das ich mir heute Abend anschauen könnte, entfällt wegen Krankheit. Schillers Gartenhäuschen ist geschlossen, wegen Krankheit. Beim Grillteufel bekomme ich eine Wurst. Sie ist erstaunlich zäh. Jena ist eine Enttäuschung. In einem Café lese ich und belausche den Nebentisch. Ein Typ mit Bart und seltsamen Haaren, wahrscheinlich Pädagogik-Hiwi, unterhält sich mit einem Punk-Mädchen mit grünen und orangenen Haaren. Ihr Freund muss Sozialstunden machen und sie sucht einen Aushilfsjob und tanzt nicht gerne. Beide sind schüchtern, als wäre das ein Date. Einmal erwischt mich der Hiwi dabei, wie ich rüberschaue.

An dieser Stelle brechen die Aufzeichnungen ab. Man erlebt immer schnell und schreibt immer langsam. Das ist ein Problem. Ich bin dann noch nach Berlin gefahren. Da war es auch okay.

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Fetisch Einöde. Teil 1: Ludwigsstadt und was dahinter kommt

Wo bin ich?

Ludwigstadt, Frankenwald, nahe der thüringischen Grenze.

Helga, die Wirtin des Gasthauses Torpeter gibt mir eine ganze Ferienwohnung zum Preis eines Einzelzimmers. Den Preis für ein Einzelzimmer kenne ich nicht. Aber es beruhigt mich, dass der andere Gast, ein Glatzkopf, der in der Stube abwechselnd Bildzeitung und Speisekarte liest, sagt, dass das ja alles so billig sei hier. Wir sind eine günstige Region, sagt Helga.

 

Ich bin drei Stunden gefahren. In Bamberg noch Proviant gekauft: Eine zweite Packung Ricola, eine Flasche Wasser, medium, eine Packung Silomat gegen Reizhusten, zum Lutschen.

Muss reichen.

Dann auf die Autobahn Richtung Suhl, bei Lichtenfels raus, weiter Richtung Kronach. In Lichtenfels nochmal volltanken, eine Cola dazu, fünfzig Euro. Die Hoffnung, dass ein bisschen Koffein etwas hilft, gegen die Krankheit, die durch den Körper kriecht. Ich will nicht darüber nachdenken, ob ich möglicherweise Fieber habe und woher die stechenden Schmerzen kommen, im Nacken und hinten seitlich am Rücken.

Dann: In den Frankenwald eintauchen, der sich hinter Kronach öffnet, diese dunkelgrüne Wolke, dieser düstere Vorhang aus Nadeln. Kurz rausfahren, wegen einer Wallfahrtskirche Glosberg. Kann man hier einen Kaffee trinken? Nein.

1727 hat die ortsansässige Muttergottesstatue Blut geweint. Weiter oben, im Wald, ist sie einem Hüterjungen erschienen. Der Weg zum Ort des Aufeinandertreffens führt an Bildstöcken der „sieben Schmerzen Marias“ vorüber. Würde ich gern sehen, bin aber zu schwach. 2010 wurden in Glosberg 3.000 Tonnen Säureharz und 15.000 Tonnen belasteter Boden entsorgt. Eine Kronacher Mineralölfirma hatte den heiligen Boden in den 60er-Jahren besudelt. Ha.

Natürlich begegnet mir ein solcher Ort zuerst.

Die Häuser sind hoch aufragend und dunkel. Kein freundlicher Landhausstil, kein Fachwerk. Vergessene, verbitterte Orte, nichts Einladendes. Es regnet. Ich fahre nochmal raus, Rothenkirchen, ein Rewe. Ich muss mir ein kleines Schulheft kaufen, für falls ich einen Einfall habe. Es ist ein kleines Schulheft mit Feuerwehrmännern. Ich habe wenige Einfälle.

Wo bin ich? Und warum?

Ich habe jetzt eine halbe Woche Urlaub. Ich bin einfach losgefahren. Nur, wer auf Facebook mit mir befreundet ist oder ein Büro mit mir teilt, weiß davon. Sprich: Sehr viele Menschen, aber nicht meine Eltern, zum Beispiel.

Es ist wichtig, dass ich kein Ziel habe, dass ich nicht weiß, wo es schön oder interessant sein könnte. Nur die Richtung muss einigermaßen eingehalten werden, Nordosten, Frankenwald, Thüringer Wald, später vielleicht noch Erzgebirge, dunkle, dunkle deutsche Depressionslandschaften. Die Fetischisierung der Einöde.

James Blunt schrieb bei Twitter, wer glaube, 2016 sei ein schreckliches Jahr gewesen, müsse wissen, dass er 2017 ein Album veröffentlichen werde. Daran muss ich immer denken.

Ich finde, ein Ei hat noch keinem Salat geschadet. Manchmal wäre ich gern ein Sänger, der Dinge sagt, wie: Bamberg! Seid ihr gut drauf? Obwohl er selbst aus Bamberg kommt.

Weg, um etwas loszuwerden, obwohl man weiß, dass das nicht geht. Und weil man das schon immer machen wollte: kein Ziel, nur fahren und schauen, wo man ein Zimmer findet, oder vielleicht gleich gar eine ganze Wohnung zum Preis eines Zimmers.

Ich kenne niemand, der so etwas mit mir machen würde, also bin ich allein. Freunde brauchen immer einen Plan, ein Ziel, einen Grund für das Unterwegssein, aber darum geht es nicht. Es ist eine Flucht, so wie immer alles eine Flucht ist.

Ludwigstadt. Eine stählerne Brücke vorm Balkon. Eine schwarzrotgoldene Fahne im Regen, schwarze und graue Häuser. Ludwigstadt, es gibt hier nichts für mich zu tun. Ein Märchendeutschland. Ich denke an alle Mädchen und schreibe Texte für frühestens posthume Veröffentlichungen. James Blunt schreibt auf Twitter, dass bald Muttertag sei, die beste Ausrede, sich sein neues Album zu kaufen.

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Ich schrieb einmal ein Gedicht, das Fuck 2016 hieß und von Wandtattoos handelte. Es ist sehr kurz.

Helga hat nur eine kleine Speisekarte, ich bestelle ein Schnitzel und ein Bier. Ein Stammgast ist da und liest die BILD, sonst niemand. Sie fragt, was mich nach Ludwigstadt verschlägt, ich sage, der Zufall und bin froh, diese Antwort untergebracht zu haben.

Helga, wie sie bedächtig zapft, sorgfältig, mit Zeit.

Als sie sieht, dass ich mich mit dem Bier auf einen leeren Tisch zubewege, sagt sie, dass ich mich ruhig dazu setzen darf, was eigentlich heißt, dass ich mich dazu setzen muss.

Der Stammgast ist vielleicht vierzig, möglicherweise jünger, ein großer Typ. Früher Basketball gespielt, auch gegen die Bamberger. Ein Team aus Lurtsch, so sagt man hier statt Ludwigstadt. Einen Trainer hatten sie nicht. Manchmal hätten sie die Bamberger geputzt, obwohl die Amis mit Sprungfedern in den Beinen hatten. Und im Winter wollten die Bamberger dann nicht nach Lurtsch hochkommen, wegen fünfzig Zentimeter Schnee. Geschenktes Spiel. Eine wilde Zeit gewasen, sagt der Basketballer. Gewasen, e ist hier oft a, seltsamster Dialekt.

Nicht nur Basketball. Der Stammgast hat alle Sportarten gemacht. Skifahren, Tischtennis, Faustball. Jetzt dürfe er nix mehr, der Rücken ist kaputt, seit zwei Wochen krankgeschrieben. Eigentlich arbeitet er als Heizungsbauer. Knapp zweitausend wohnen noch in Lurtsch, die Jungen ziehen weg. Eh klar, alter Hut. 1924 ist eine Dampflok von der stählernen Brücke gekippt, mitten in die Häuser rein. Moment, eine Sportart geht noch, trotz Rücken: Sportangeln.

Manchmal lesen wir, er BILD, ich Zeitmagazin, biernippend. Manchmal erzählt er was. Ich verstehe etwa siebzig Prozent.

Helga, sagt er, das muss ich noch erzählen, du schmeißt dich weg.

Die Leonie, das ist seine Tochter, habe heute ihren Loverboy mitbringen wollen. Hier oben, habe er gesagt. Er tippt sich an die Stirn. Kommt nicht in Frage. Und dann stand der Typ auf einmal auf der Matte, bei ihm. Dreizehn ist die Leonie. Da ist das Auto, habe er ihm gesagt, einsteigen, ich fahr dich zum Bahnhof, mir egal, wie du heimkommst. Zum wilden Tier sei er geworden. Als der Loverboy dann am Bahnhof stand, habe er ihm fast leidgetan. Das war ein Landsmann von dir, Bamberger. Helga schmeißt sich nicht weg. Ich innerlich.

Schnitzel, Pommes, Salat, zweites Bier. Später kommt noch ein kleiner, dicker mit Walrossbart. Hat Licht bei der Helga gesehen. Der Basketballer und der Walrossbart unterhalten sich über den Kleenen von einem Bekannten, der jetzt Kommandant bei der Freiwilligen Feuerwehr ist. Aber sonst sei Arbeit nix für den, sagt der Walrossbart. Der Basketballer meint, das liege vielleicht an dem Zinken in seinem Gesicht, bis der sich dreht, gegen Wind… Nee, nee, sagt der Walross, das sei der Große mit dem Zinken.

Fast zwei Stunden in Helgas Wirtshaus. Ich lerne viel. Waller und Kormorane sind Biester, richtige Krüppel. So ein Waller, ein richtiges Raubtier. Frisst einer Ente ihre Jungen weg mit einem Happs. Dann legt der Krüppel sich schon mal drei Wochen hin und verdaut. Walross nickt, Basketball trinkt sein viertes Bier aus und verabschiedet sich.

Ich ziehe mich auch zurück. Tut es gut, normalen Menschen zu lauschen, wenn sie über Fische und Feuerwehr und Renovieren reden, ist es das? Oder tut es gut, zwei Bier zu trinken. Es ist noch nicht mal acht. Es regnet noch immer. Wo bin ich? Ludwigsstadt. ARD einschalten.

Ich schlafe sehr schlecht. Immer wieder wache ich auf, in panischer Angst, ich hätte mein Frühstück verschlafen. Ich habe mich für neun angekündigt. Es ist zwei, dann vier, irgendwann sechs Uhr. Ich habe einen ekelhaften Kopfschmerz als ich mich aus dem Bett wälze. Der Rotz ist heute sonnengelb, dafür sind die Rückenschmerzen verschwunden.

Helga hat mir ein üppiges Frühstück vorbereitet. Brötchen, Marmelade, Nutella, Wurst, Käse, Kaffee, von allem zu viel. Zu viel, sage ich und: Aach!

Während ich frühstücke, kocht sie Gulaschsuppe für die Feuerwehr. Sie sagt, den Gasthof gebe es schon seit sechzehnhundertirgendwas. Immer im Familienbesitz. Aber mit mir stirbt er wahrscheinlich. Die Kinder wollen ihn nicht und ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Ich sage, dann alles Gute weiterhin, weil mir nichts Besseres einfällt.

Ich kann schlecht durch die Nase atmen, spucke während meines Spaziergangs durch Ludwigsstadt ständig gelbe Brocken aus. Am Morgen ist es immer am schlimmsten. Ich denke an Tennisarschlöcher, den Urgrund allen Hasses. Fucking lange her.

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Ich weiß, dass ich nach Hause fahren sollte, aber das geht nicht. Jetzt ist Urlaub. Also fahre ich, wie es mir der Basketballer empfohlen hat, zuerst auf die Burg Lauenstein. Ich besuche die Pralinenfabrik nicht.

Kurz nach Lauenstein passiere ich die deutsch-deutsche Grenze. Die Häuser sind genauso schieferdunkel, auf dieser Seite stehen nur mehr davon leer. Ich befinde mich im Thüringischen Schiefergebirge und wusste nicht, dass es existiert.

In Probstzella wieder raus. Eigentlich ein schöner Ort, alt, in den Berg gebaut, Kirche. Ein Leerstand neben dem anderen. Alle Menschen, denen ich begegne, sind alt. Wie wird das hier in zwanzig, in dreißig Jahren aussehen? Was wird bleiben außer ein paar Hippies, die sich die verfallenen Höfe billig unter den Nagel reißen?

Auf dem Weg zum Haus des Volkes beäugt man mich. Man ist immer Eindringling. Heben die Männer auf dem Friedhof gerade ein Grab aus? Ich will nicht zu lange hinschauen. Ist mein Foto vom leerstehenden Videoverleih brauchbar? Ich weiß es nicht, aber ich kann kein zweites machen, weil ich nicht der Elendstourist sein will, der ich eigentlich bin.

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Das Haus des Volkes ist Thüringens größter Bauhausbau. Jetzt ein Hotel mit einem Park, in dem ein paar rote Lampen stehen, ein Kneipbecken, ein runder Pool. Alles verwittert. Unklar, ob man in das Hotel noch einchecken könnte. Zwischenstufen des Verfalls.

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In Probstzella habe ich erstmals wieder Internet auf dem Handy. Diverse Nachrichten kommen rein. Ich muss weiter.

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Weiter, tiefer hinein also in die dunklen, deutschen Wälder. Fast wie Kalifornien. So hoch die Nadelbäume, so steil fahren die Berge am Straßenrand in die Höhe. Thüringen, das Kalifornien Deutschlands. Ein cleverer Marketingspruch vielleicht. Ich passiere eine Ortschaft die Gottes Gabe heißt und so aussieht als hätte sie ein paar Gaben des Allmächtigen dringend nötig. Es ist eine der schönsten Straßen, die ich in Deutschland bislang gefahren bin.

Was gibt es noch zu sagen, das interessant wäre?

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Plätzchenbacken und pubertäre Ablehnung: Leonard Cohen, Poet der Niedergeschlagenheit

Es gibt so ein paar Binsenweisheiten, die einem immer wieder begegnen, wenn es um Kriterien tatsächlich großer Popmusik geht. Von Herzen soll sie kommen, authentisch soll sie sein. Beides sind eigentlich gar keine Aussagen. Und zeitlos, sie soll irgendwie zeitlos sein, die Popmusik, sie soll sich bewähren über die Jahre und gut altern, um als relevant und, ja, als groß gelten zu können. Und da ist wohl wirklich was dran.

Ich glaube, es gibt wenige Künstler, deren Songs das Moment der Zeitlosigkeit wirklich zuverlässig heraufbeschwören können. Pete Seeger beispielsweise oder Woody Guthrie kann ich, Jahrgang 90, sicher nicht genauso empfinden wie der Working Class Hero aus Michigan 19-irgendwas-mit-50. Sie sind museal geworden. Es gibt andere, die vor diesem Schicksal gefeit sind. Und Leonard Cohen ist einer von ihnen.

Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass ich zu einer der ersten Generationen junger Menschen gehöre, deren Eltern bereits mit dem aufgewachsen sind, was wir Popmusik nennen. Und bis zu einem gewissen Grad waren meine Eltern wirklich begeisterte Musikhörer. Sie sind es bis heute. Nur das Zeitgenössische ist irgendwann aus dem Fokus gerückt, als schlicht und einfach die Zeit fehlte, sich weiterhin mit den neusten, heißen Platten zu beschäftigen. Die musikalische Sozialisation meiner Eltern reicht nur in etwa bis in die Mitte der 70er-Jahre – bis meine beiden Schwestern geboren wurden. Popmusik und der Ernst des Lebens haben sich noch nie besonders gut vertragen.

Auch meine eigene musikalische Sozialisation hängt natürlich nicht unwesentlich mit den Vorlieben meiner Eltern zusammen. Es ist ein Prozess, der sich ganz gut mit genau zwei Schlagworten überschreiben lässt. Pubertäre Ablehnung und: Plätzchenbacken.

Heute, aus der Distanz eines guten Jahrzehnts, kann ich reinen Gewissens sagen: Ich schäme mich meiner pubertären Ablehnung nicht. Ich glaube vielmehr, dass es sich bei dieser Phase um einen essentiellen Bestandteil einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung handelt. Natürlich weiß ich heute, dass es Linkin Park in keiner einzigen Kategorie mit Led Zeppelin aufnehmen können. Dass ich sie damals mit jugendlichem Furor gegen das alte Genöle des Robert Plant verteidigt habe, war trotzdem richtig. Irgendwas war da eben an diesem In The End, das mich sofort aufs Fahrrad steigen und in den Müller-Drogeriemarkt fahren ließ, um dieses Album zu kaufen. Und dass Chester Benningtons Geschrei meinen Eltern nicht gefiel, hatte daran sicherlich auch einen kleinen Anteil.

Das ist eine alte Geschichte. Mein Vater drehte in seinen Tagen der pubertären Ablehnung Pink Floyds Careful With That Axe Eugene in seinem Zimmer auf, besonders laut an der Stelle, wo die Axt, von der da die Rede ist, tatsächlich zum Einsatz kommt, woraufhin meine Großmutter, angeblich jedes Mal, entsetzt ins Zimmer stürzte, um nachzusehen, was da los sei. Ich weiß nicht, welche Musik meine Oma gehört hat, und ob überhaupt. Meine Form der musikalischen Selbstbehauptung war weitaus harmloser. Ich legte die Hybrid Theory im elterlichen Wohnzimmer auf und beharrte, dass das eben besser sei, als Pink Floyd, Led Zep, Iron Butterfly. Ich erntete Spott und Unverständnis. So wie es sich gehört, so wie es sein muss.

Es ist eine durchchoreographierte Angelegenheit, die ich mit meinen Kindern, so ich irgendwann welche haben sollte, in bewährter Weise nachexerzieren werde. Die ganze Wiederaufbereitungslogik der Retro-Wellen verleiht dem Schauspiel zwar eine etwas absurde Note, macht es aber nicht weniger notwendig.

Wenige Jahre vor Linkin Park und System Of A Down war ich noch empfänglicher gewesen für das, was die Eltern mir an altem Zeug als gute Musik auftischten. Zumindest, wenn das Auftischen mit dem Ritual des vorweihnachtlichen Plätzchenbackens einherging. Ich glaube, gehört zu haben, dass der Geruchssinn am engsten mit den Erinnerungszentren im Gehirn verknüpft ist. Vielleicht liegt es daran, dass die Melodien, die ich hörte, während ich von Zimt- und Nelkenschwaden umweht wurde, einen außergewöhnlich nachhaltigen und ungewöhnlich emotionalen Eindruck hinterlassen haben.

Das heißt nicht, dass mir grundsätzlich alles gefiel und noch heute gefällt, was Mama da in den CD-Player schob, bevor sie den Teig ausrollte. Mit dem wehleidigen Geheule einer Joan Baez kann ich heute so wenig anfangen wie damals und ich hasse – ja, hasse! – Cat Stevens, nach wie vor, unvermindert, für immer (mit Ausnahme einiger Songs vom 2014er-Album, auf dem er auf einmal nicht mehr wie ein Ziege in zu engen Cordhosen singt).

Reinhard Mey hingegen versorgt mich mit angenehmen Nostalgieschüben. Und Leonard Cohen steht für immer auf sämtlichen Podesten. Die Musik auf seinen frühen Alben ist für mich die Kristallisation der Zeitlosigkeit.

Ich sehe sie vor mir, es ist 1974, Heidi Thamm sitzt im Coburger Schwesternwohnheim und raucht heimlich Pfeife, nicht weil sie gerne Pfeife raucht, sondern weil sie es mag, wie sie aussieht, wenn sie heimlich Pfeife raucht. Ein schwerer, süßer Rauch hängt in dem kleinen Kabuff. Wahrscheinlich sitzt sie auf dem Boden, ich hoffe, dass sie auf dem Boden sitzt, vielleicht sogar auf einem alten Perser. Sie darf die Musik nicht zu laut aufdrehen, wegen der Oberschwester. New Skin For The Old Ceremony. Chelsea Hotel #2.

I don’t mean to suggest, that I loved you the best / I can’t keep track of each fallen robin / I remember you well in the Chelsea Hotel / That’s all, I don’t think of you that often

Und es gibt nicht sehr viel, was sie von mir unterscheidet, wie ich 40 Jahre später in meiner kleinen Wohnung sitze und sicher nicht Pfeife rauche, aber vielleicht eine Zigarette und möglicherweise (es liegt viel Schönheit in der Unmöglichkeit, darüber eine Aussage zu treffen) dasselbe Gefühl für die unfassbare Tiefe dieses Songs bekomme, wie sie damals. Es sind nicht nur Cohens Worte. Meine Mutter hat erst viel später damit begonnen, sich mit Cohens Texten auseinanderzusetzen und ist dabei zu dem Schluss gekommen, dass das oft ein rechter Schmarrn sei. Und als ich damals Plätzchen buk, war ich, sagen wir, acht Jahre alt. Ich habe maximal die Worte Hotel, all und I verstanden.

Und dass robin Rotkelchen heißt, weiß ich seit etwa zwei Minuten. Janis Joplin als Rotkelchen, okay.

Damals war das eine schlichte Melodie auf der Gitarre und der ein wenig lustlos genuschelte Gesang eines Mannes mit schmalem Gesicht und traurigen Augen. Heute gehört Chelsea Hotel zu den wenigen Songs meines Lebens, die über die Jahre zu einem emotional aufgeladenen Konstrukt geworden sind, zu einer Idee von einem Song, der auch etwas mit mir zu tun hat, mit dem Achtjährigen mit mehligen Händen, der es einfach nicht verstehen kann, warum man den Teig backen muss, wenn er roh doch viel besser schmeckt. Und mit dem 22-Jährigen, der mit dem ersten eigenen Auto und der ersten richtigen Freundin durch Slowenien und nach Kroatien fährt.

Es ist immer wieder Leonard Cohen. Ich will nicht so tun, als hätte ich das von Anfang an begriffen. Ich war schon in den Jahren vor der Pubertät ein Kind, das sich selbst zu einem gewissen Teil durch Ablehnung selbst legitimierte. Störrisch, stur, oft zornig. Nur was ich selbst mochte, galt unbedingt. Und es gab eben auch die im Nachhinein etwas peinlichen Momente, in denen ich diesen Säulenheiligen des Hauses Thamm beleidigt habe, gesagt habe, dass das langweilig sei, immer das gleiche, immer depressiv (ein Wort, das ich aufgeschnappt haben muss).

Aber das hat letztlich mehr mit der Ablehnungsgeste an sich zu tun, die ich ausprobieren musste, um herauszufinden, wer ich selbst werden konnte, als mit dem Objekt, auf das ich mich bezog, der Musik eines traurigen Kanadiers.

Cohen litt immer wieder an Depressionen und es ist offensichtlich, dass sich das auf seinen Alben mal mehr, mal weniger niederschlägt. Sein drittes Album Songs Of Love And Hate von 1971 gilt als sein emotionalstes. Und ist deshalb sein stärkstes. Cohen funktioniert dann am besten, wenn er anrührt, wenn er sich seinen Hörer greift und ganz nah an die dünnen, zitternden, nach Rauch stinkenden Lippen zerrt.

New York is cold, but I like where I’m living / There’s music on Clinton Street all through the evening

Dieser Ich-Erzähler in Famous Blue Raincoat, der behauptet, es gefalle ihm, wo er untergekommen sei und sich dabei so niedergeschlagen anhört, dass es unmöglich wird, ihm zu glauben. Das Negative in Cohens Musik ist nie ein Aufschrei, da sind nie Fäuste die gegen Wände hämmern – oder überhaupt Fäuste. Leonard Cohen ist der Poet der Niedergeschlagenheit, des stillen Sitzens und auf den Boden Schauens, der Resignation, der Erschöpfung, der offenen Handflächen, letztlich: der Kapitulation.

Famous Blue Raincoat ist dabei aber viel mehr als das. Es ist nicht einfach nur Ausdruck einer Emotion, sondern Storytelling. Von Cohen heißt es (in einer dieser Dokus), er wäre eben zuerst Literat gewesen und nachrangig Musiker, genau andersrum wie bei Dylan. Das ist das Falscheste. Das Gegenteil ist richtig. Dylan ist der Erzähler, dem es nur in Ausnahmefällen gelungen ist, seine überwältigende Poesie in gleichrangige Songs zu kleiden, während der Famous Blues Raincoat jeden anrührt, egal ob die Dreiecksbeziehung, die Cohen darin verhandelt, nachvollzogen wird oder nicht.

Der Text kann als Abschiedsbrief gelesen werden. Gleichzeitig gibt es relativ eindeutige Scientology-Anspielungen. Cohen, Sinnsucher, später Teilzeit-Mönch, mischte Anfang der 70er auch bei denen ein wenig mit. Im Nachhinein sagte er, er wäre dort Mitglied geworden, weil er gehört habe, es sei einfach, dort Frauen kennenzulernen.

Es spielt letztlich keine große Rolle. Ich erinnere mich: Mutter Thamm mit der Schürze um die Hüften und draußen schneit es vielleicht sogar schon, wahrscheinlich nicht, und eigentlich will ich gar nicht so gerne Plätzchen ausstechen, es macht mich müde, ich will nur naschen. Und dann setzt dieser Chorus ein, Worte, die Cohen mehr loswird, als dass er singt, als würde er sie atmen. Und Mama singt mit, zwei, drei Oktaven zu hoch, künstlich, irgendwie ironisch, aber vielleicht deshalb gut.

And Jane came by with a lock of your hair / she said, that you gave it to her

Das ist so verflucht wenig. Im Grunde reicht schon der Jane-came-Reim alleine. Das ist die Stelle, die sich festhakt, im Ohr des Achtährigen, des Fünfundzwanzigjährigen, der Fünfzigjährigen, die aus einer vertonten Short-Story einen eingängigen Popsong macht.

Ich habe einen guten Freund, der in Würzburg seinen Bachelor in Musikwissenschaft gemacht hat. Das Studium war für ihn selbst relativ sinnfrei. In keiner Zeitung steht bei den Stellenangeboten jemals: Suchen dringend Musikwissenschaftler. Es ging ihm wie vielen Geisteswissenschaftlern. Um wenigstens noch einen guten Spruch zu retten, damit das Ganze nicht absolut umsonst war, sagt mein Freund: Es habe sich insofern gelohnt, als es ihm Autorität verleiht. Wenn er sagt, dieser oder jener Song sei Mist, könne man sich jede Diskussion sparen, denn in diesem Moment wäre das dann wissenschaftlich belegt. Das ist eigentlich ziemlich klug. Vor allem weil wir ja wirklich immer irgendwie auf der Suche nach Kriterien sind, nach etwas, woran wir uns festhalten können, etwas, das über das ewige Geschmacksurteil hinausgeht.

Das ist Geschmackssache: Dieser Satz muss einfach verboten sein.

Aber es gibt ihn natürlich schon, den Geschmack. Und auch wenn wir aus Trotz und spätpubertärer Laune oft so tun, als sei das Gegenteil der Fall – der Musikwissenschaftler und ich haben eigentlich einen recht ähnlichen. Wir sind uns zumindest insofern einig, als dass wir der Meinung sind, einen wirklich großen Song ohne Melancholie könne es gar nicht geben.

Einen Leonard Cohen Song ohne Melancholie gibt es nicht. Was auch immer sich tatsächlich hinter diesem Abstraktum verbergen mag – wir haben alle eine ungefähre Vorstellung davon. Ich kenne neben Leonard Cohen und Nick Drake keinen dritten, der dieses komplexe und furchtbar schwammig-undeutliche Was-auch-immer so präzise mit Noten angesteuert und getroffen hätte.

Ich bin dafür immer empfänglich gewesen. Keine Ahnung, ob ich ein schwermütiges Kind war oder so, träge, lethargisch sicherlich. Es gibt diese Geschichte, die meine Mutter gerne erzählt. Sie habe Lego geliebt. Stundenlang habe sie mit mir auf dem Fußboden gesessen, um die schönsten Dinge zu bauen – Häuser, Schlösser, Wohnwägen, Flugzeuge. Ich hingegen – so erzählt das zumindest meine Mutter – saß nur daneben, untätig, wie gelähmt, und sagte am Ende auch noch, wie zum Spott: „Ja, schön.“

Sting mochte ich auch gerne. Das lag an meiner Schwester, die im Gegensatz zu meinen Eltern, den Draht zu den heißen Platten der End-80er und frühen 90er-Jahre hatte. Sie war es auch, der es gelang einen kleinen Keil des Zweifels in meine New-Metal-Obsession zu schlagen, indem sie mir Californication der Red Hot Chili Peppers auslieh. Sting jedenfalls. Auch ein Melancholiker im weitesten Sinne, wenn auch eher von der heiteren Sorte.

Englishman in New York ist kein Song, an den man als Mittzwanziger 2015 oft denken würde. Wenn meine Schwester am Plätzchenbacken teilnahm, bekam man diesen Song oft zu hören. Und im Radio läuft er ja nach wie vor nicht gerade selten. An der Stelle, wo Sting jault Oh, oh, I’m an Alien, I’m a legal Alien plärrte ich stets Oh, oh, I’m a Leberwurscht, meine unverwechselbare und eindeutig bessere Version der Lyrics. Ich verstand kein Englisch, klar, und trotzdem ist das alleine schon ein wenig verwunderlich: Alien und Leberwurscht haben phonetisch gesehen nicht allzu viel miteinander zu tun.

Es ist mir mittlerweile gelungen, zu rekonstruieren, woran das liegt. Nicht an Sting nämlich, sondern an Paul McCartney, der sechs Jahre nach Englishman in New York, 1993 nämlich, mit Hope of Deliverance einen entsetzlichen Hit landete. Im Chorus dieses Songs findet der Leberwurscht-Platzhalter seinen Ursprung in den titelgebenden Worten: We live in hope of the Leberwurscht / From the darkness that surrounds us. Das ist weitaus weniger absurd. Es hört sich wirklich so an, als würde McCartney Leberwurscht statt deliverance singen. Der kleine Andreas fand das anscheinend so unfassbar lustig, dass er fortan versuchte, das Prinzip auch auf andere Songs anzuwenden. Zum Beispiel beim Plätzchenbacken. Zum Beispiel auf Englishman in New York. Mit Erfolg.

Jahre später läuft Hope of Deliverance mal wieder im Autoradio. Ich fahre, der Beifahrer ist ein guter Freund, ein Drummer. Vielleicht sage ich: „Fürchterlicher Song.“ Woraufhin er mir die Geschichte erzählt, dass er den Text früher, als er noch kein Englisch konnte, immer falsch verstanden hätte…

Haben wir beide tatsächlich denselben unwahrscheinlichen Blödsinn verstanden? Oder überlappen hier unsere Erinnerungen, weil sie mittlerweile etwas Schwammiges, Unzuverlässiges geworden sind, sodass sich der eine die spezifische Geschichte aus der Vergangenheit des anderen einverleibt hat?

So oder so – bis auf diese kleine Anekdote spielen heute weder Sting, noch der, zumindest 1993, unerfreulich unmelancholische McCartney, in meinem Leben eine große Rolle.

Leonard Cohen hingegen ist dageblieben. Auch zu Zeiten, als ich das Plätzchenbacken längst verweigerte, zu Zeiten der pubertären Ablehnung. Ich glaube, wenn Cohen mich nicht in dieser speziellen Phase begleitet hätte, wäre ihm dasselbe Schicksal beschieden gewesen wie Sting.

Es ist das Alter zwischen 14 und 18, in dem man Cohen wirklich verstehen kann – eben auch ohne die Texte zu übersetzen. Die Pubertät hat die Kraft aus einem lethargischen und zornigen Sohn einen echten Melancholiker zu machen. Ich hörte Cohen eher heimlich, um meiner Mutter nicht den Triumph zu gönnen – eine fatale Auswirkung der Konkurrenzsituation, die sich aus dem New-Metal-Disput ergeben hatte – und am liebsten natürlich in Zeiten des ausgeprägten Herzschmerzes. Die erste unerfüllte Liebe, die erste Trennung. Leonard steht dir bei.

Dabei sind seine Songs gar nicht so unterkomplex und niedrigschwellig, wie man es vom klassischen Herzschmerzsong, der ein Moment der Identifikation verlangt, kennt. Für das bisschen Identifikation reicht auch Everlong von den Foo Fighters.

And I wonder / When I sing along with you / If anything could ever feel this real forever / If anything could ever be this good again

So geht Teenager-Emotion. Das ist gar nicht abwertend gemeint. Teenager-Emotionen sind etwas Wunderbares und Everlong ist ein fantastischer Song. Aber Cohen-Songs sind differenzierter, erwachsener, weniger Sehnsucht als Bitterkeit, weniger Aufbegehren als Desillusion. Es mag daran liegen, dass ich, als es dann wirklich drauf ankam, dann doch zu Jeff Buckleys zugänglicherer Version von Cohens Hallelujah griff. Beziehungsweise: Auf die Datei klickte, am Computertisch unter der Dachschräge im Elternhaus, heulend. So oder so: Buckleys Version transportiert über den Gesang zwar eindeutig Klage – Cohens Lyrics sind aber im Gegensatz zu denen von Dave Grohl nicht eindeutig zuordenbar, sondern angereichert mit christlicher Mystik, irgendwie verworren, kryptisch.

Erst nach Überwindung der Pubertät gelang es mir, auch eine andere Seite von Leonard Cohen anzuerkennen. Und das hat vor allem damit zu tun, dass meine Eltern mir irgendwann eröffneten, es gebe da noch so einen Sparvertrag, ich könnte mir doch mal ein Auto kaufen (ich lebte und studierte im 400 Kilometer von der geliebten Heimat entfernten Hildesheim). In meinen besten Jahren hatte ich also beides, was man zum Glücklichsein braucht: Ein Auto und eine Frau, die gerne mit mir im Auto wohin fahren wollte. Das Auto erlaubte mir nämlich nicht nur zu pendeln, sondern auch zu reisen, bevorzugt gemeinsam mit ihr.

Gemeinsame Reisen sind immer Zeitabschnitte, in denen man Musik intensiver und emotionaler hört und kennenlernt. Während wir auf den Azoren vor unserem Zelt versuchten, im Regen den Gaskocher zu bedienen, verliebten wir uns beide in David Bowies Ziggie Stardust And The Spiders From Mars. In den Birkenwäldern an der Mecklenburgischen Seenplatte schmalzte uns Sam Cooke ins Ohr. Gemeinsame Erinnerung, besondere Orte, das wertet die Musik selbst auf. Besonderen Künstlern gelingt es, Songs zu schreiben, die wie Gefäße sind für diese Erfahrungen.

Leonard Cohen gehört nicht an einen Ort. Er gehört ins Auto. Ich hatte einen Mix für die vielen langen Autofahrten zusammengestellt. Ich genoss es sehr, meiner Freundin Musik zu zeigen, die sie noch nicht kannte und ich freute mich, wenn sie ihr gefiel. Manchmal gelang das erst durch wiederholtes Hören und gleichzeitiges Argumentieren. Der Opener einer dieser Mix-CDs funktionierte sofort. Das war So Long Marianne.

 Oh, you are really such a pretty one / I see you’ve gone and changed your name again / And just when I climbed this whole mountainside / to wash my eyelids from the rain

Auch dieser Song ist bitter am Ende. Aber vorher kommt dieser Chorus, den man fast schon euphorisch nennen kann. Es ist ein seltsamer Song, Cohen leiert teilweise, dazu dieser kindliche Background-Chor. Geil, obwohl alles dagegen spricht. Und auf eine ebenfalls kindliche und wahnsinnig entzückende Art bettelte meine Freundin: „Nochmal Marianne!“, was zu einem dieser geflügelten Aussprüche der Beziehung wurde, etwas das sie wiederholte, weil sie wusste, dass wir beide uns daran erfreuen. Und weil sie den Song gerne oft hören wollte.

Bei vielen Künstlern gibt es eine Kluft zwischen dem Musiker und dem Menschen. Ich behaupte, bei Cohen gibt es sie nicht. Marianne gab es, Suzanne gab es. Leonard Cohen gibt es nicht mehr. Bei Youtube sehe ich ein langes Interview mit der schwedischen Journalistin Stina Dabrowski. Es wurde 2001 aufgenommen. Cohen ist ein alter Mann mit grauen Haaren und seltsam deformierter Nase. Nicht unbedingt schön im eigentlichen Sinne.

And your clenching your fist for the ones like us / Who are oppressed by the figures of beauty / You fixed yourself, you said “Well nevermind / We are ugly, but we have the music.”

Aber das, Chelsea Hotel #2, ist Understatement. Dabrowski erzählt, sie habe Freundinnen gebeten, ihr Fragen an ihn mitzugeben. Sie hätten alle dasselbe geantwortet: „Ask him, if he would make love to me.” Cohen lächelt wie ein alter Mann, nicht ver-, sondern überlegen. Auf diesem Gebiet sei er nicht mehr so aktiv, sagt er. „But I could always make an exception.“

So long, Marianne ist bei all der durchscheinenden Euphorie ein Abschiedslied. Die Beziehung zum entzückenden Mädchen gibt es nicht mehr. Es war schön, mit ihr gemeinsam Leonard Cohen zu hören. Aber ohne sie macht es doch irgendwie viel mehr Sinn.

Dieser Text entstand in seiner ersten Fassung im März 2016. Acht Monate später ist Leonard Cohen tot. Vielen Dank für die Songs, alter Mann.

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