Archiv der Kategorie: Prosa

Alles über Bonn oder die Abwesenheit des Salzes

Pascal Richmann, Derm-Gastautor, und zeitweiser Wahl-Bonner, begegnet in diesem Text den Nibelungen, Thomas Gottschalk, Maike Kohl und letztlich tatsächlich der Wahrheit über die Bundesrepublik.  

Weil ich frag noch, ob sie als Nachgeborene über dieses bundesrepublikanische Bonmot bescheid wüssten, was besagt, das beste am Zweiten sei immer noch gewesen, dass Bonn durch ihn Hauptstadt wurde. Um es kurz zu machen, denn kurz soll es zugehen im Zug, sag ich denen gleich mal, dass es stimmt, stimmt nämlich voll, ganz toll, sag ich, Klima und Himmel und Äd, ja ehrlich, sag ich, Bonn ist noch heute besser, als es die alte BRD in ihrer Gesamtheit je war. Und die war schon ganz geil, sag ich, denkt nur an die Ölkrise, sag ich, Fahrradfahren auf der Autobahn, sag ich, geil, sag ich, geil, wird da auch gleich zugegeben, Autobahn, sagen sie, Fahrrad, sagen sie, Bergisches Land. Oder die Rote Armee Fraktion, sag ich, die haben wenigstens Melville gelesen, wie die Bekloppten, sag ich, nur um doch nicht zu begreifen, warum einer den Weißen will und ein anderer es vorzieht, lieber nicht zu wollen. Aber es soll um Bonn gehen, denk ich, es soll ja immer und viel mehr um Bonn gehen, weil Bonn mit allem zu tun hat, weil Nord- und Süddeutschland genau dort zusammengenäht wurden. Um Bonn soll es gehen, denk ich, weil die Raczeks in Bonn ihre Schnitzel braten und nicht in Breslau, um dann saturiert und besoffen Ballonhosen tragende Boys durch die Korridore ihrer Verbindungshäuser zu jagen. Es soll verdammt nochmal nur um Bonn gehen, denk ich, weil Bonn Helmuts Brasilia war, obwohl Helmut den Kanzlerpavillon nicht mochte, weil er fand, es sei zu eng, weil seine beiden Prachtburschen dort keinen Platz fanden, weil Haile Selassie, König der Könige und 225. Nachfolger Salomons, ihn für den Verschlag des Hausmeisters hielt. Denk, dass es einzig und allein um Bonn gehen soll, weil durch Bonn der Rhein fließt und der Rhein dem Analogen ist, was die Meinungsfreiheit dem Digitalen. Es soll um Bonn gehen, denk ich, weil die Stadt einem Mann ein Anliegen war und in Deutschland seit jeher das Anliegen eines Mannes genügt. Es soll wegen Konrad um Bonn gehen, und Bonn wegen um Konrad. Ein Mann mit Hut, der mit der Gießkanne umgehen konnte, ein Mann mit Hut, denk ich, als Hüte noch echte Hüte waren, einer, der mal eben so die Sojawurst erfand, damals nach Verdun, weil den Schlachtern die Schweine ausgegangen waren.

bonn 3.jpegSo dachte ich, während der Intercity durch Bonn rollte, ganz andächtig und sanft, bevor ihn eine Weiche auf die schönste Bahnstrecke Deutschlands entließ. Bald schon erkannte ich hinter den Fenstern die bewaldeten Hügel des Mittelrheintals, werktätig plaudernde Winzer und erlesene Weine (ich sah es ihren Lippen an) zogen vorüber und wirklich alles schien ein Platz an der Sonne und da dachte ich, dass es vielleicht an der Zeit sei, Bonn wieder zur Hauptstadt zu machen, wie genau, das wusste ich selbst nicht, aber Dringlichkeit bestand, soviel war sicher, hörte ich doch beinah täglich die Geschichten meiner Freundinnen aus Berlin, die dem sogenannten Kreativprekariat angehörten, die sich also im alten Westen der Stadt eingemietet hatten, irgendwelche feuchten Kellerlöcher, die ihnen die Nieren ruinierten, nur um fern des Tageslichts nichts anderes zu tun, als Eukalyptusbonbons zu lutschen, und wenn sie doch einmal ausgingen, verbrachten sie ihre Freizeit auf nach einem Fisch benannten Zusammenkünften, wo sie bis zur Unkenntlichkeit verschnittenes Heroin rauchten, während Friseure und Fliesenlegerinnen Gedichte vortrugen, einem pneumatologisches Flaschendrehen gleich, dass die Freunde am Ende solcher Nächte entweder gekreuzigt und nackt an Kronleuchtern hingen oder anfingen sich inmitten getrockneter Bierlaken vom heiligen Geist zirklusieren zu lassen.

Mir blieb gar keine Wahl, ich musste etwas tun! Wäre nur ein Funken des alten Glanzes übrig, er würde schon überspringen, den Umzug der Republik ungeschehen zu machen. Und da kullerte mir der eigenen Courage wegen auch schon eine Träne die Wange hinab, als ich im Stechschritt auf den Schaffner zuhielt, um ihn zu bitten, den Zugführer zur Wende zu bewegen, ich müsse zurück nach Bonn, Bonn, rief ich, wir alle müssten zurück nach Bonn, rief ich, der Schaffner aber schüttelte den Kopf, ein Zug sei kein Schiff, sagte er, er könne nicht einfach so wenden, und da schrie ich, dass mit Männern wie ihm kein Staat zu machen sei, nicht einmal Geschichte, schrie ich, jetzt fuchsteufelswild, und das schien zu fruchten, so musste man mit den Leuten sprechen, so und nicht anders, dachte ich, während der Schaffner also die Notbremse zog, damit ich in Unkel aussteigen konnte. Hals über Kopf verliebte ich mich dann wegen eines schnellen Stücks Sachertorte in eine sechsundsechzigjährige Konditormeisterin, nur um sie kurz darauf schon wieder zu verlassen, lieb warf sie mir noch eine Kusshand hinterher, als ich bereits auf den Zug nach Bonn aufgesprungen war.

Doch schon in Rhöndorf stieg ich wieder aus und lief aufgeregt in eine Bäckerei, die Konrads Notzeitbrot noch heute genauso buk wie damals zu Notzeiten. Heftig kauend schrieb ich einen Aufsatz, den ich mit Die subversive Zutat des Brots überschrieb. Dann bestieg ich den Drachenfels. Oben angekommen machte ich Rast auf einer umgestürzten Linde. Als mich ein niederländischer Tourist freundlich grüßte, grüßte ich freundlich zurück und da schenkte er mir eine Tüte süße Cracker, von denen ich auch einige aß, wobei ich finde, dass Cracker nicht süß sein sollten, sondern salzig, weil Cracker nun einmal etwas sind, das mit Käse belegt gehört. Auf dem Weg ins Tal kam ich an derbonn1 Nibelungenhalle vorbei, deren Butzenscheiben eigenartige Reflexe warfen. Auf einem Schild stand: »Die Zeichen in den Fenstern sind „Swastika“. Das sind die alten germanischen Runen der Winter – und der Sommer – Sonnenwende. Sie sind 1913 beim Bau der Nibelungenhalle angebracht worden, leider später entsetzlich zweckentfremdet worden.« Sofort machte ich mir eine Notiz, entsetzlich entfremdet, schrieb ich und malte daneben einige Swastikas, aber was war das?, mit Bestürzen stellte ich fest, dass es Hakenkreuze waren!, ich malte Hakenkreuze in mein Notizbuch, um Gottes Willen, dachte ich, Hakenkreuze. Um auf andere Gedanken zu kommen, aß ich noch ein Stück Notzeitbrot und einen Cracker, doch die Abwesenheit des Salzes machte mich so wütend, dass ich die restlichen in einen Mülleimer schmiss. Drinnen roch es wie im Tropenhaus, was an den Würgeschlangen liegen musste, die nebenan im Reptilienzoo lebten, doch die Ölgemälde von Siegfried gefielen mir so gut, dass ich den Gestank mühelos aushielt. Stabiler Typ, dachte ich und las eine Schautafel, die über den Inzest seiner Eltern aufklärte. Wie konnte man etwas unter Strafe stellen, was bewiesenermaßen zur Zeugung des größten deutschen Helden geführt hatte, überlegte ich, kam jedoch zu keinem Entschluss und dann sah ich es, auf einem Amboss lag tatsächlich Siegfrieds Schwert. Kurz hielt ich inne und zog die Nase hoch, wobei ich an Simón Bolívar und das Schicksal Pablo Escobars dachte, bevor ich
das Schwert unter mein Feinripp schob und auf Zehenspitze die Halle verließ.

Aufgrund seiner strategisch guten Lage auf dem Petersberg, und auch um so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen, mietete ich ein Zimmer im Gästehaus der alten Bundesrepublik, dem Steigenberger Grandhotel. Siegfrieds Schwert versteckte ich hinter dem Duschvorhang. Am nächsten Morgen lief ich eine Runde auf dem Bill-Clinton-Jogging-Pfad, Schweißbänder an Kopf und Handgelenken, und wie ich so in Richtung bonn 4Oberdollendorf joggte, stieg mir der Geruch von Waldmeister in die Nase, der zuckrig aus dem Tal hinaufzog. Als ich später mit hochrotem Kopf die Lobby betrat, fragte ich den Pagen, was es denn sei, das hier so gut dufte, ob es wirklich der Waldmeister sei, fragte ich und da freute er sich, nein nein, sagte er, es sei die Haribofabrik, linksrheinisch, also schon fast in den Vogesen, sagte er, ganz Bonn rieche ihretwegen nach Bonbon. Schnurstracks spurtete ich zur Fähre und setzte über nach Bad Godesberg, um mich bei Hans Riegel als ungelernte Arbeitskraft zu bewerben. Meine Zeit bei Haribo war dann eine sehr glückliche. In weit ausladenden Achten rührte ich die Konfektmasse und einmal kam sogar Thomas Gottschalk vorbei, um allen Arbeitern ein signiertes Exemplar seiner
Autobiografie zu schenken, was natürlich viel mehr war, als uns der Mindestlohn versprach, und da wurde ich ein bisschen übermütig und fragte, was sein liebstes Haribo sei und da blitzten Tommys Augen, diplomatisch rief er: „Alle Haribos sind anders, aber alle Haribos sind gut!“, nur um dann ein stummes KON-FEKT mit dem Mund zu formen. Und weil es direkt gegenüber eine Grundschule gab, verbrachten wir Ungelernten die Mittagspausen damit, Gummitwist mit den Schülerinnen zu spielen, und so hätte ich wohl noch lange meinen Beitrag für jede neue Tüte Colorado geleistet, wären mir nicht die Freunde in Berlin und Siegfrieds Schwert in meiner Dusche eingefallen. Zum Abschied bekam ich eine Handvoll Gummibärchenbruch geschenkt, die ich mir ihrer Missbildungen wegen sofort in den Mund stopfte, als ich die Fabrik durch den Hinterausgang verließ.

Zurück auf dem Petersberg fand ich die Dusche verwaist vor. Irgendwer hatte Siegfrieds Schwert gestohlen! Ich fing schon an den Pagen zu verdächtigen, da fand ich einen Zettel, der neben einer Tafel Schokolade auf dem Kopfkissen lag. „Hier spricht Maike Kohl“, las ich, „des Bundeskanzlers Frau“, las ich, „Ich erwarte dich um Mitternacht auf dem Dach des Langen Eugen.“ Es schwindelte mir, dann las ich: „P.S. Ich habe das Schwert!“ Eine Nachricht von Maike, dachte ich und versuchte mich an ihr Gesicht zu erinnern, so wie ich Maike aus meinem Kinderzimmer kannte, als sie noch von einem Poster der Jungen Union auf mich hinab gelächelt hatte. Es dämmerte schon, als ich mich auf den Weg ins Regierungsviertel machte. Auf der Adenauer Brücke kam mir kein einziges Auto, kein einziger Passant entgegen. Schließlich erreichte ich Eiermanns Eugen, der nun, da der Mond am Himmel aufzog wie eine fette Pampelmuse, einen langen Schatten auf den Fluss zu werfen begann. Maike, dachte ich, Bonn, dachte ich, und dann begann ich zu klettern, zog mich Stockwerk für Stockwerk am alten Abgeordnetenhaus hinauf. Als die Glocke des Bonner Münsters zwölf Mal schlug, geriet ich ins Wanken, meine Hand griff in eine Leere, gerade so gelang es mir noch, die Balance nicht zu verlieren. Mit letzter Kraft hievte ich meinen Körper über die Balustrade, und da stand sie, ihr Kleid wehte im Wind, das Schwert hielt sie mit beiden Händen umgriffen, und erst als ich erschöpft auf die Knie sank, sah ich den Rollstuhl. Als Scherenschnitt vor gelbem Mond rollte er auf mich zu.

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Das Unbedingte

VOM DERM-STARGAST-AUTOR MORITZ GROTE

Ob es ihm etwas ausmachen würde, die gesprungene Kette dem Gaul um den Hals zu legen, damit er zusammenhält.

Er antwortete: Ich will den Namen von Bethlen wissen, ich will den Namen von Bladenmarkt wissen, ich will den Namen von Eisdorf wissen, damit ich mir selbst den Anschein erwecken kann, nicht grundsätzlich zu verschwinden. Er sagte: Diese Orte hatten nie Namen. Diese Orte waren lose Kreise, deren Radien senkrecht in den Himmel stachen und, weil sie stumpf waren, während sie sich mit den spitzen Enden an den Cortex heranschoben, wieder zurückgedrückt wurden und ausharren mussten. Er antwortete: Ich will den Namen von Frauenkirch wissen, ich will den Namen von Gladen wissen, ich will den Namen von Kaltbrunnen wissen, damit ich mich aushalten kann. Er sagte: Die freien Flächen zwischen den spitzen Enden und dem Cortex waren die losen Kreise, die, trotzdem sie im Mittelpunkt lagen, der äußerste Rand waren. Er antwortete: Ich will die Namen von Reschinar wissen. Er sagte: Die äußersten Ränder um die Augen des Gauls sind schon aussterbend geboren.

Über Kronstadt auf dem Tâmpa steht Braşov, darüber ist der Tâmpa zu Ende, in Reschinar steht das Haus, das es nicht geben dürfte, Das Seiende verursacht mir Asthma, DeWall Ledoux steht in Reschinar neben dem Haus, das es nicht geben dürfte, während dem Gaul eine Flüssigkeit aus der Rinne des Hauses auf seine Augen quillt, Ruth Cohle steht in Reschinar neben dem Haus, das es nicht geben dürfte, Alle Gewässer haben die Farbe des Ertrinkens, nichtsdestotrotz ist Klausenburg, oberhalb des Michelsbergs wartet der eigentliche Gott, der eigentliche Gott fragt: Was tun Sie vom Morgen bis zum Abend? Der eigentliche Gott antwortet: Ich erleide mich, Ruth Cohle spiegelt sich in der Flüssigkeit auf den Augen des Gauls, die eine Membran auf die Iris stülpt, wobei der Sehnerv sich vom Cortex löst und den Gaul umschlingt, sodass er sich letztendlich aus sich herauswürgen kann, die Schwarze Kirche flieht aus Kronstadt neben das Haus, das es nicht geben dürfte, Sein? Ein Mangel an Scham, die Flüssigkeit ist der eigentliche Gott, der aus den Löchern der losen Kreise auf die Rinnen des Hauses tropft, das es nicht geben dürfte.

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kursiv: Emil Cioran: Syllogismen der Bitterkeit; Vom Nachteil geboren zu sein

Homo Homini Zombi

Paul Klambauer, Masterstudent des literarischen Schreibens in Hildesheim und Österreicher, hat eine fabelhafte Satire verfasst, die uns im Rahmen des Prosanova-Festivals aufgefallen war. Nach zähen Verhandlungen ist es dem Derm gelungen einen Auszug aus Klambauers Text für eine wahnwitzige Summe zu erstehen. Aber, wie gesagt: Nur ein Auszug.Noch reicher als der Derm sind nur die Kollegen der JENNY aus Wien. Die haben den ganzen Text bekommen, nachzulesen ab Erscheinungsmonat November. Der Derm empfiehlt mit warmen Grüßen.

 

„Ich schwöre Dir, wenn ich noch ein Gedicht ertragen muss, in dem irgendein Lasse oder Jens seine Fingerkuppen über Borke gleiten lässt, raste ich aus”, schnaubt Schinkinger auf dem Laufband neben mir, “beim nächsten Mal springe ich auf die Lesebühne hoch und stopf´ dem das Manuskript in sein dämliches Maul rein!”
Schinkinger schwitzt und stampft wie eine Dampflok, rote Flecken sprießen auf seinem Hals. “Und wie diese Typen immer vorlesen. Als wären sie in der Kirche.”, sagt er bitter, und macht dann ziemlich gekonnt einen jungen Kerl nach, der gestern Abend im Literaturcafé seinen neuen Gedichtband Wolkentier vorgestellt hat.
„Wir sind Jahrmarktspferde in einer / Taucheruhr Spritzwasser / Fest reicht für / uns nicht Meer nicht / Sommerdunst auf Kinderbrillen.”
Schinkinger kann sich das so gut merken, weil er früher selbst Lyrik gemacht hat und sogar einige Stipendien damit abräumte. Dann wurde er immer fetter und sein Literaturagent ließ ihn fallen. Seither versucht er sich neu auf dem Markt zu positionieren, als Mann von der Straße, der Sprüche klopft und die Gesellschaft von unten beschreibt. Ich trainiere gerne mit ihm, weil er dicker und dümmer ist als ich. In seiner Gegenwart kann ich mich normalerweise entspannen.
Heute nicht. Heute laufe ich im vollen Bewusstsein, dass Baselitz irgendwo in der Nähe sein Aufwärmprogramm absolviert und mich dabei beobachtet.
Seitdem ich mich bei der Bewerbung um den Wolfsburger Stadtschreiber gegen ihn durchgesetzt habe, ist er nicht gut auf mich zu sprechen.
„110 Kalorien“, stöhnt Schinkinger und starrt auf das Display seiner Tretmühle, “Das ist ein halbes Bounty. Mein Körper kann diese Tortur zehn Minuten lang mit einem halben Bounty finanzieren.”
Mir fällt auf, dass er zum Training eine alte Badehose angezogen hat. Bei jedem seiner Schritte arbeitet sich das graue Innennetz ein kleines Stück weiter über den Gummibund vor.
“Ich habe da eine Idee für eine Kurzgeschichte”, schnauft er, “sie spielt in einem Fitnessstudio, die haben ja oft vierundzwanzig Stunden durchgehend geöffnet. Nachts kommen da Leute her, die sich tagsüber gar nicht vor die Türe trauen.“
“Sozialrelevanz ist immer gut”, murmele ich. Mein Hinterkopf kribbelt. Ich versuche in den verspiegelten Wänden einen Blick auf Baselitz zu erhaschen, aber kann ihn nirgendwo entdecken.
“Das Setting ist extrem gegenwärtig”, sagt Schinkinger, “die Leistungsgesellschaft..”, er hat nicht genug Luft, um den Satz auszuformulieren, “..Symbolik!”
Schinkinger reduziert seine Bandgeschwindigkeit auf Gehtempo, um wieder Luft zu bekommen.
“Der Protagonist ist ein abgehalfterter Bodybuilder, der in den Neunzigern mal Erfolg hatte. Mittlerweile ist er total runtergekommen und schiebt Nachtschichten in einem Fitnessstudio.”
“So ein Mickey-Rourke-Typ?” sage ich, „Wie in The Wrestler?“
“Genau! Stell dir einfach diesen verwitternden Fleischberg im Neonlicht vor. Die Nacht presst gegen die hohen Fenster des Studios. Es ist das einzige hell erleuchtete Gebäude weit und breit, wie in dem berühmten Gemälde von diesem Café, du weißt schon, das an der Ecke. Der Fitnessclub als die..Autobahnkirche des.. Neoliberalismus.”
Auf den schiefen Vergleich ist er stolz, das merke ich an der kurzen Pause, die er danach einlegt. Schinkinger hat mir gegenüber Minderwertigkeitskomplexe, seit er es bei der Ausschreibung des Wolfsburger Stadtschreibers nicht einmal in die engere Auswahl geschafft hat.
“Jedenfalls”, sagt er, “die Mutter von diesem Bodybuilder, ich nenn ihn jetzt auch einfach mal Mickey, die sitzt im Knast, weil ihr Bullterrier das Gesicht von Mickeys Ex gefressen hat. Mickey und seine Mutter haben ein schwieriges Verhältnis.” Schinkingers Figuren haben immer ein schwieriges Verhältnis zu ihren Müttern, weiß der Himmel, was er aufzuarbeiten hat. “Er sitzt also um vier Uhr früh hinter dem Empfangspult des Studios, kein einziger Kunde ist da, und Mickey blickt auf sein Leben zurück. Die Wettbewerbe, den Ruhm, den ganzen Sex. Nicht mal den kann er noch haben, weil seine Eier auf Rosinengröße zusammengeschrumpelt sind, durch die Testosteronpräparate die er nimmt. Er schaut alte Fotos von sich an, auf denen er noch ein öliger Halbgott ist. Dann zieht er sich nackt aus und betrachtet sich lange im Spiegel. Angezogen wirkt der total fit, aber sobald er sein Hemd auszieht: als ob er schmelzen würde, wirklich eklig, überall hängen die Hautlappen an ihm runter. Unserem Mickey geht es da nicht besser, und außer seinem Körper, da hat er ja nichts mehr auf der Welt. Keine Familie, keine Freunde, niemand, der ihn vermissen würde. Er zieht seine Nachtwächterknarre und steckt sie in den Mund rein, nur mal um auszuprobieren, wie das so ist. Und während er gerade so bei sich denkt, dass es sich gar nicht so übel anfühlt, hört er ein Geräusch. Klingt, als ob jemand mit dem Strohhalm zwischen Eiswürfeln rumschlürft. Er geht also nachsehen, er läuft die endlosen verwaisten Gerätereihen ab, aber da ist niemand. Schließlich kommt er auf die Idee, in den Damenbereich zu gehen, den abgetrennten Hantelbereich hinter dem Sichtschutz..“, Schinkinger senkt seine Stimme, „..und dort sieht er..“
“Kannst du schon vergessen, Schinkinger”, sage ich, “mit solchen Suspensespielchen nimmt dich doch keiner ernst. Das ist ja eher was für Bastei Lübbe. So schreibt man heute nicht mehr.”
Den Wolfsburger Stadtschreiber zum Beispiel habe ich mit einem extrem selbstreferentiellen Text gewonnen, auch wenn ich Schinkinger jetzt keine Details verraten kann, sonst klaut er mir am Ende noch was.
Darin ging es um einen jungen Autor, der auf einer Künstlerparty eine dieser Frauen trifft, die sich an den Schläfen die Haare abrasieren. Sie sprechen über Magersucht und Psychiatrieaufenthalte, hohe Decken, alte Fahrräder, Dünen, Tee, Beziehungsprobleme, Apps, Analogfotografie, hopsende Klaviermelodien, Guerilla Knitting, Sonntagvormittag tanzen gehen, Guerilla Gardening und einen Film über einen Berliner Idioten, der es einfach nicht schafft, sich einen Kaffee zu besorgen. Dazu schluckt der junge Autor alles durcheinander, was die Party an Drogen hergibt und gerät davon auf einen fürchterlichen Horrortrip. Er flüchtet aus der Wohnung und stolpert halluzinierend durch Berlin. Die Häuser sind in bunten Farben eingestrickt, die Straßen verwandeln sich in reißende Flüsse aus Wolle, in jedem Fenster sitzen rauchende Mädchen in weißen Strumpfhosen und schnipsen ihre glühenden Kippen nach ihm. Bald steht das ganze Viertel in Flammen. Völlig verstört klettert der junge Autor auf eine Straßenlaterne und bleibt bis zum Morgengrauen dort oben hocken. Erst als die Sonne aufgeht und die Wirkung der Drogen endlich nachlässt, kommt er wieder runter und begreift: Ich muss raus aus diesem verstrahlten Kultursumpf. Ich brauche eine Stadt, in der es um echte Dinge, echte Werte, echte Arbeit geht; eine Stadt in der man in der Mittagspause im Blaumann seine Brotzeit isst. Also zieht er nach … na? Genau, nach Wolfsburg. Und dort gesundet er am ehrlichen Leben bei anständigen Leuten und einem mitarbeiterfreundlichen Autokonzern, der daherkommt wie ein Familienbetrieb und, unter uns gesagt, auch eine Stadtschreiberwohnung stiftet.
Um den Schein einer mutigen und unvoreingenommenen Juryentscheidung zu wahren, habe ich auch noch was von den türkischen Gastarbeitern drübergestreut, die dort früher mal ein bisschen ausgebeutet wurden.
Jemand klatscht mir mit der flachen Hand brutal auf den Hintern.
Baselitz trägt ein ärmelloses Sweatshirt, das seine Armmuskulatur betont. Um die Stirn hat er sich ein weißes David-Foster-Wallace-Gedenkkopftuch gebunden.
“Na Jungs?”, sagt er, “wie ist das Wasser?”
“Welches Wasser”, fragt Schinkinger treudoof.
Baselitz wirft einen spöttischen Blick auf das Display meines Laufbandes.
„Neun Stundenkilometer“, sagte er, „So wird das aber nichts mit der Strandfigur. Komm, ich helf´ dir ein bisschen.” Er drückt auf den Tempoknopf und lässt die Geschwindigkeit hochschnellen. Das Band reißt mir beinahe den Boden unter den Füßen weg.
“Hehehe! Lauf, du Schweinderl, lauf!“, feixt Baselitz. Kurz bevor ich das Gleichgewicht verliere, hat Schinkinger die Geistesgegenwart, auf den Notstop-Knopf zu drücken. Helle Pünktchen tanzen vor meinen Augen. „Ist alles in Ordnung bei dir?“, fragt Baselitz, „Du siehst ja ganz blass aus.“
„Alles bestens“, sage ich, und halte mich am Handlauf fest, „Übrigens, herzliche Gratulation zum zweiten Platz beim Wolfsburger Stadtschreiber. Was war denn der Trostpreis? Amazongutschein für 50 Euro?“
“Ach ja, das. Gut, dass ich da nicht gewonnen habe. Ich hätte ja gar keine Zeit gehabt diesen Sommer“, sagt Baselitz und grinst, „stellt sich raus: ich reise da schon auf den Spuren meiner Babuschka durchs Baltikum.“
„Blödsinn“, sage ich alarmiert. Ein Großmütterchen aus dem Osten ist in den Händen eines geschickten Autors ihr Gewicht in Gold wert. Keine Wettbewerbsjury, kein Literaturkritiker oder Verleger kann sich dem Zauber ihrer mineralischen Weisheit entziehen – immer vorausgesetzt, der Autor kann sich auf verwandtschaftliche Verhältnisse zu seiner Protagonistin berufen.
„Du hast keine Babuschka Baselitz“, protestiere ich, du bist doch Schwabe.“
Baselitz tippt sich keck an die Nase.
„Baselitz, Schwabe, das kam mir immer schon verdächtig vor. Dann habe ich ein wenig recherchiert: Urgroßmutter väterlicherseits – die wurde verschleppt! Sie war eine waschechte Babuschka.“
Er hält mir zum Beweis sein Smartphone mit der Mail des Literaturbeirats hin. Sechsmonatiges Aufenthaltsstipendium in Polen, dotiert mit zwölftausend Euro. EU-Projekt, geförderter Reiseblog, anschließende garantierte Veröffentlichung in Buchform.
“Ist aber sicher auch ganz nett in Drecks-Wolfsburg!”, sagt Baselitz und wirft sich das Handtuch über die Schulter, “Macht‘s gut, ihr Mösen, ich habe noch ein paar Eisen zu stemmen.” Meine Pulsuhr beginnt alamiert zu fiepen. Ich muss irgendwie zurückschlagen.

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Bad Harzburg hat mit Filesharing nix zu tun

Es ist Sonntag und man ist ein bisschen angekatert. Das liegt daran, dass es noch nicht ganz Abend ist, man ist noch nicht sehr lange auf den Beinen und während die Nüchternheit den Alkohol aus dem Hirn schiebt und Kopfschmerz und Übelkeit mit sich bringt, fährt man aus dem Harz in Richtung Hannover, wissend, dass der Kater, bis man erst Hannover erreicht hat und es Abend geworden ist, ausgewachsen sein wird, in Gänze und Schönheit.

Also fährt man lieber noch mal raus. Man fährt nicht in Torfhaus raus, an der Bavaria Alm, hier scheint das Zentrum von allem zu sein, in touristischer Harz-Hinsicht, so viele Autos, man fährt auch nicht am Fliegenpilzkiosk am Radau-Wasserfall raus oder am Steinbruch gegenüber, sondern am Fuß des Harzes, dieser einen Mutantenbrust unseres Landes, ganz unten, Bad Harzburg, denkend: Man hätte vielleicht am Fliegenpilzkiosk rausfahren sollen. Bisschen Wasserfall anschauen, Eis am Stiel essen, komischer Augustsonntag.

Bad Harzburg ist auch toll. Wellness-Wanderland. Solebad. Mineralbrunnen. Burgseilbahn und kleine weiße Villen am Straßenrand, ich fahre wahllos links, stelle das Auto zwischen die Villen, unsicher wegen Parkverbot, aber es ist Sonntag, da tut einem hier niemand was. Auf den Schildern steht nichts von wegen Zentrum oder Burg, es werden ausschließlich Cafés ausgeschildert.

Bad Harzburg, Kurort, ich hab so ein Ziehen auf der Schädeldecke, das drückt mir von oben her die Lider zu. Ist ein komisches Wetter heute und man weiß gar nicht, ob das nun seltsam ist für Anfang/Mitte August oder ob das nun so typisch Anfang/Mitte August ist, einfach typisch, dunstig, schon warm, man trägt beige in Bad Harzburg und viel weiß, aber man trägt nicht einfach ein T-Shirt, sondern zieht sich eine Weste drüber, eine beigefarbene oder doch schon das Übergangsjäckchen, das weiße, damit man sich nicht verkühlt.

Man kennt das ja so aus den Kurorten. Ich bin in Bad Staffelstein gewesen und in Kühlungsborn, ich bin nicht in Bald Salzdetfurth gewesen, aber ich nehme an, es verhält sich ähnlich dort. Das Tolle an Bad Harzburg ist, wie extrem es riecht. Ich gehe so eine rötliche Fußgängerzone entlang, irgendwo rechts muss ein Kurpark liegen, es ist Sonntag aber man kann Souvenirs kaufen und Harzer Wildwurst, gutes Zeug, und es gibt aus Buchs geschnittene Pferde und eine Art Bücherflohmarkt und unfassbar viele Senioren.

Ich schätze Senioren durchaus. Ich schlängele mich an ihren Körpern vorbei, was mir trotz dieser Anzahl aufgrund ihrer langsamen Bewegungen nicht schwer fällt und versuche sie in die Kategorien „sehr wohlhabend“, „seit jeher wohlhabend“ und „erst seit Kurzem wohlhabend“ einzuordnen. Das wirklich Aberwitzige ist der Geruch. Jeder kennt den Geruch, den der Mensch erst im Alter annimmt, der direkt als der Geruch des alten Menschen identifizierbar ist, ein eher unaufdringliches Gemisch aus Parfüm, das aus der Mode gekommen ist, Staub, Verdautem und Tod.

Hier, in Bad Harzburg, habe ich die Keimzelle des Geruchs des Alters gefunden. Die Steine haben ihn angenommen, die Gebäude, die Blumenkübel haben ihn angenommen und die beiden galoppierenden Pferde aus Buchs, es riecht nach altem Mensch und das ist, wenn man ein junger Mensch ist, und getrunken hat, auf Dauer leider nicht zu ertragen. Entschuldigung, Bad Harzburg, aber das ist Fakt: Du bist ja niedlich, aber du bist auch der alte Mann unter den Städten, nicht weil du älter bist als andere Städte, sondern weil du so riechst.

Ich habe außerdem einen Bücherschrank gefunden in Bad Harzburg. Einen dieser offenen Verschläge, in die Menschen ein Buch reinstellen, dessen Vorhandensein in ihren eigenen Räumlichkeiten sie auf keinen Fall mehr ertragen können und dann kommt ein Passant und findet, das könnte man doch mal lesen und nimmt es mit nach Hause, stellt aber meistens keines rein. Trotzdem stehen in diesen Schränken immer Bücher. Ist auch toll. Da gehe ich hin und nehme mir einen Reiseführer für die griechischen Inseln und ein Rezensionsexemplar von „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“, was ein mächtig schwerer 800-Seiten-Oschi von einem Amerikaner ist, es geht irgendwie um Comics, aber ich will den, also halte ich ihn in der Hand, während ich meinen Weg durch die müffelnde Fußgängerzone fortsetze, fühle mich dabei etwas beobachtet, vor allem weil ich mich gleich doppelt bedient habe und denke mir:

Das ist doch auch eine Lösung. Bei aller Flut der zu lesenden Bücher und zu bereisenden Orte habe ich mich bisher, zumindest bezüglich Lektüre, oft an die Zufälligkeit der Antiquariatsbestände gehalten, denn man kann ja nicht alles lesen (und nicht alles bereisen), die Entscheidung, die Auswahl kann ich gar nicht treffen, von nun an aber soll nur noch gelesen und bereist werden, was aus den offenen Bücherschränken der Kurorte stehle. Und von stehlen muss die Rede sein, solange ich selbst nichts hineinstelle. Das hat mit Filesharing nix zu tun, das ist meine persönliche, bibliophile Kostenlosmentalität.

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Wisbyer Straße 19, Berlin gegen 11.21

WISBYER STRAßE, BERLIN. 11.21 UHR. Sie, 80, er, 75, sie fällt, prallt mit dem Hinterkopf auf den Gehsteig, liegt da, streckt wie ein dicker Käfer ihre Arme in die Luft, kommt nicht hoch, kommt nicht nach rechts und nicht nach links, bleibt liegen mit langsamen Bewegungen. Ihm reichen die Kräfte nur für den Rollator, für seinen Käfer ist er zu alt und auch zu schwach. Ich: hin. Ich: ohne Frühstück, fast auch zu schwach, um den Käfer zu heben, zum Glück Hilfe von einem Passanten. Der Passant und ich heben den Käfer, der Käfer fasst sich an den Hinterkopf, der Mann steht am Rollator, wir in der prallen Hitze, schauen uns um, kein Derm in Sicht und auch keine Hilfe. Sie: den Hosenstall offen, er: verzweifelt, fast am Weinen, seine Hände an den Hand-Dingen vom Rollator, der Passant hält den Käfer unter den Armen. Ich: Krankenwagen? Der Käfer: Nein, wir waren ja gerade beim Arzt. Ich: Na und? Der Käfer: Wegen dem Herzschrittmacher. Ich: Hilft nichts. Der Mann (Angst): Nein, bitte nicht. Ich: Soll ich Sie nach Hause bringen, Sie und den Käfer? Der Käfer versteht nichts, fasst sich durchgehend an den Hinterkopf. Ein AUDI, ich winke, der Auto hält. Die Blonde steigt mittvierzig aus dem Wagen, schockiert, bietet Hilfe an, fährt den Mann und den Käfer nach Hause. Wir hieven zuerst den Käfer auf den Beifahrersitz, dann den Mann nach hinten, der Käfer ächzt ein wenig, wie sollen die es in ihr Stockwerk schaffen? Der Audi fährt, der Passant und ich verabschieden uns sehr höflich voneinander.

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