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Feel the Derm. USA 2016. Teil 6: Rumballern und wie es dazu kam

Sie seien, schreibt eine Frau auf J.s Couchsurfing-Seite, nach ihrer Ankunft sofort wieder abgereist. Das Haus, in dem J. in Salt Lake City Gäse aus aller Welt beherbergt, sei kein geeigneter Ort für Kinder. Die restlichen Reviews sind positiv. Uns erscheint J., der, wie sich später herausstellen wird, kräftig gebaute Freund von Hawaiihemden und alten Autos, schon vor unserer Ankunft in der Mormonenmetropole als außergewöhnlich zuvorkommend: Er will uns vom Bahnhof abholen.

Dies geschieht, nachdem ihn meine Whatsappnachrichten aus dem Schlaf gerissen haben, tatsächlich. J. steigt aus seinem Honda und begrüßt uns in einem österreichischen Dialekt mit amerikanischer Färbung: Verdammte Hippies, sagt er. Ich hasse Hippies. Unsicher kichernd steigen wir ein. Unser Gastgeber stellt sich nicht vor und fragt nicht, wie wir heißen, er flucht nur unablässig während er uns an einer knäuelhaften Obdachlosenarmee vorbeifährt. Der Mann ist müde, er hat nicht mehr mit uns gerechnet. And you smell like bums, too.

Das allerdings ist sicherlich wahr. Die Stecke zwischen Denver und Salt Lake City haben wir mit dem California Zephyr hinter uns gebracht, einem ultra bequemen und ultra langsamen Zug über die Rockie Mountains. Wir sind fünfzehn Stunden unterwegs und trinken dünnen Kaffee im Panoramabistro.

In Denver haben wir vier Tage beim schlaksigen Schiebermützenträger Bryan und dessen Mitbewohner Steven verbracht. Bryan arbeitet im Geschäft seiner Eltern, während seines Studiums der Religionsphilosophie hat er seinen Glauben verloren. Das könne man nicht ganz so sagen, meint er, aber eigentlich schon. Steven war bei den Marines, jetzt ist er ein bisschen moppelig. Er würde gerne Skateboard fahren, traut sich aber nicht, weil er die Arztkosten nicht zahlen könnte, wenn er sich den Arm bräche. Wir unterhalten uns darüber, wie viel Geld die USA für Rüstung ausgeben. Sehr viel.

Ansonsten ist alles easy in Denver, ganz entspannt, ein bisschen träge. Die Stadt fühlt sich ein wenig an, wie ein Ballungszentrum mitteldeutscher Gewerbegebiete. Flache Autohäuser reihen sich aneinander. Wir sind viel in den falschen Ecken unterwegs. Zusammen mit unseren Gastgebern besuchen wir Red Rocks, eine Art Arena aus rotem, brachial aufragendem Fels. Open Air Kino, wir schauen uns Deadpool an. Im Rahmen der Vorführung treten unter anderem ein Comedian, ein tanzendes Huhn und ein Eisbär, der für die föderale Kulturföderungssteuer wirbt, auf. Ein junger Mann, der vor uns sitzt, macht mir Komplimente für den durchaus streitbaren Schnurrbart in meinem Gesicht.

Das scheint so ein Ding zu sein in Denver, der Haupstadt des schlechten Geschmacks beziehungsweise der anlasslosen Höflichkeit. In der Straßenbahn entspinnt sich ein ausuferndes Gespräch zwischen zwei Frauen, weil eine von beiden einen bunten Kreuzklunker um den Hals trägt. Und Michael wird die Aufmerksamkeit einer hübschen Doc-Martens-Trägerin zuteil – ausgerechnet wegen der entsetzlichen Arbeitsschuhe im Denim-Look, die er Wochen gegen unsere verbalen Giftpfeile verteidigen muss. Unterm Strich sind die halt wieder mal alle wahnsinnig nett. Anlasslos. In einem kleinen Buchladen sage ich zu Stäff, dass ich auf der Suche nach irgendwas über Lewis and Clark wäre. Ein anderer Kunde hört das und schenkt mir die dreibändige 60er-Jahre-Ausgabe der Tagebücher, die er gerade zufällig im Kofferraum hat. Die Welt ist an sich ein echt okayer Ort.

Dann aber Salt Lake City. Vor J.s Haus werden wir von wütendem Gebell empfangen. Das ist Bootsy, J.s Hund, benannt nach dem Funkmusiker Bootsy Collins. Bootsy muss draußen bleiben, damit er das Haus, das, die Küche ausgenommen, eine Baustelle ist, nicht vollpisst. Dafür darf er in den Garten scheißen. Kein Ort für Kinder, nein, nein. Erst drin nennt J. uns seinen Namen. Er macht sich ein Bier auf, bietet keines an und erzählt, dass er sechs Jahre lang in Österreich gelebt habe, daher der Schmäh. Heute verkauft er Mercedesse. Eine halbe Stunde später sitzen wir gemeinsam am Wohnzimmertisch und trinken Tequila. Guter Tequila, sagt J., müsse sich anfühlen, als würde man die Sonne trinken. Er hat guten da. Auf einmal ist es doch vorstellbar, dass das hier ganz angenehm wird.

Im Laufe der vergangenen vier Wochen hat uns wiederholt die Ahnung beschlichen, es könnte sein, dass Jesus selbst seine Finger in unsere Hintern gesteckt hat. Anders ist das Glück nicht zu erklären, dass wir haben, wenn es um Hosts geht oder Frühstücksrestaurants oder den Ort, den wir ansteuern, weil da ein grüner Fleck auf der Karte ist. Erst viel später, in Santa Cruz, Californien, scheint es erstmals so, als habe sich der Messias aus unserem Gemächt zurückgezogen. Aber das ist eine andere Geschichte, die damit endet, dass Stäff und ich Achterbahn fahren, während Michael in sanftem Schlummer seinen San-Francisco-Rausch verarbeitet.

Hier nun in Salt Lake City müsste der Heiland einem ja genaugenommen besonders nah sein. Es ist eine seltsame Stadt, seltsam still und steril, fast dumpf, eine Stadt wie ein eingeschlafener Arm, in deren Zentrum eine Burg steht, die eigentlich nach Disneyland gehört. Das ist der Mormonentempel. Wir stolpern durch diverse Austellungsräume, die schamlos dem religiösem Kitsch frönen und werden nicht wirklich schlau: Altes Testament, Neues Testament, schön und gut, der Ex-Messdiener ist noch einigermaßen bewandert. Was aber ist denn nun mit der Vielweiberei und den vielen Planeten, die unter den Mormomen aufgeteilt werden, zumindest unter denen, die sich anständig benommen haben auf Erden?

Zum Glück gibt es für Suchende wie uns eine Heerschar der ausgesucht hübschesten Mormoninnen, die unaufdringlich über das Gelände schweben und gerne bereit sind, sämtliche Fragen zu beantworten. Während Michi sich entnervt auf eine Bank zurückzieht, machen Stephan und ich uns auf die Jagd nach der einen mit dem schwarz-rot-goldenen Sticker auf der Brust. Die kann zumindest einen Bruchteil der offenen Fragen beantworten. Es gibt ein drittes Testament, ja ja, klar, das in Amerika geschrieben wurde, von den Vorfahren der Indianer, die aber keine Indianer, sondern israelische Auswanderer waren. Dieses Testament fand Joseph Smith in goldene Platten geprägt. Nachdem ihm eine Übersetzung gelungen war, kam ein Engel, die Platten abzuholen. Deshalb können die hier freilich nicht ausgestellt werden. Kein Wort von Aliengöttern, das ist schade, aber gut, vielen Dank, wir wollen nicht weiter stören.

Auch J. ist einst Mormone gewesen. Je mehr Zeit wir mit ihm verbringen, desto klarer und gleichzeitig rätselhafter erscheint uns sein komplexer Charakter. Wir haben Bier gekauft, als Entschädigung, J. schenkt einen Kräuterschnaps aus, Bootsy mag uns mittlerweile recht gern. Irgendwann gesellt sich J.s Mitbewohner, R., zu uns. Zwischen den beiden scheint ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zu bestehen. Sie kennen sich schon sehr lange, aber dann war R. anscheinend obdachlos und J. nahm ihn bei sich auf. Jetzt leben beide in diesem Haus, an dem sie und andere quasi täglich ein wenig weiter arbeiten, oder auch nicht. Wir bieten unsere Hilfe an, die dankend abgelehnt wird. R. scheint sich in seinem Zimmer heimlich Schnaps in sein undefinierbares, braunes Getränk zu gießen, als dürfe J. nichts davon mitbekommen, dass er trinkt. Und dann erzählt er von einer ganz bestimmten Kombination aus LSD und diversen Medikamenten, die in einer strengen zeitlichen Abfolge eingenommen werden müssen. Ein Freund von ihm, ein ganz erfahrener Acid-Head, habe danach Led Zeppelin winzig klein auf seinem Tisch spielen sehen. Live und in Farbe, Whole Lotta Love, dabei sei der Typ gar kein Classic-Rock-Fan.

Wir drei klammern uns an unsere Bierdosen und verbringen den Abend mit Zuhören. Kokain zum Beispiel sei eine gute Sache, finden die beiden, leider aber so teuer. Crack ist nichts Gescheites. Kumpel P. war wohl eine zeitlang ganz narrisch auf das Zeug: Unter wieherndem, zahnlosem Gelächter erzählt R., wie P. einen Straßendealer aus dem Auto heraus von zwei auf einen Dollar für einen Krümel herunterhandeln wollte. Es dauert keine zehn Minuten und P. steht im Wohnzimmer, gar kein Crackhead auf den ersten Blick, eher so eine Art Latino-di-Caprio, gebräunt, gutaussehend, schleimiges Haar, buntes Hemd. Nice to meet you. P. wrestelt kurz mit R., dann erzählt R., wie er damals, als er im Park lebte, gegen einen großen, schweren Typ gekämpft hat, der ihn zwar besiegte, wobei der Typ aber besoffen, R. hingegen nüchtern war. Hat ihm viel Respekt eingebracht. P. hält noch eine wunderschöne, hochemotionale Lobrede auf die E-Zigarettenindustrie, dann macht er sich wieder aus dem Staub. Muss morgen früh raus. Nice to meet you, jedenfalls, ebenfalls.

Inmitten des ultrareligiösen Salt Lake City, wo man im Supermarkt nur Bier mit 3 Prozent Alkoholgehalt bekommt, haben wir ein funktionierendes Ökosystem aus halbirren, im Grunde aber doch liebenswerten Vögeln gefunden. Vor der Tür steht ein massives 80er-Jahre-Wohnmobil, das J. zum Überlebensmobil ausbauen will, mit Wasserspeicher und Luftfilter: Für den Fall, dass der Yellowstone-Vulkan ausbricht. Er ist ein großes Kind, verliebt in die eigenen Projekte, die vielleicht nie zu Ende gebracht werden, ein Typ, der manchmal bedrohlich, fast gefährlich rüberkommt, weil da eine Wut in ihm schlummert und er weiß das. Er will jetzt ein besserer Mensch werden, er nimmt sogar Hippies bei sich auf, denen J. das ganze Wohnzimmer und die nur ein wenig vollgepissten Sofas zur Verfügung stellt. Er selbst schläft im Keller, umgeben von 10.000 Kugeln für seine serbische AK, der AK selbst, einer Shotgun und einer SIG vom deutschen Bundesgrenzschutz. Fuck, sagt J., ich höre mich an wie ein Typ mit wahnsinnig kleinem Penis. Aber was soll er machen? Er liebt es nunmal, rumzuballern.

Und das ist der Moment, in dem Stephan den Finger des Heilands ganz deutlich und konturiert wahrnehmen kann. Während das Gespräch schon wegzudriften droht, in harmlose Gefilde, fasst sich der Kiwi-Kopf ein Herz: Ob er vielleicht, wenn das möglich wäre, die Waffen mal sehen könnte, weil das ja, wenn man aus Deutschland kommt, so etwas ganz und gar Undenkbares ist… Und J., natürlich, freut sich. Die Deutschen sind keine Hippies, nicht so richtig jedenfalls. Die Waffen dürfen sie nicht nur sehen, sie dürfen sie sogar anfassen, sie dürfen die Shotgun ganz aleine halten, mit zitternden Händen und unsicher dabei, ob J., der ein Wodkamixgetränk aus Weizengläsern in sich hineinschüttet wie Eistee, auch wirklich alles entladen und gesichert hat und so. Die Waffe in der Hand, das ist eben nicht nur ein Punkt auf der Liste der Dinge, die man gemacht haben sollte, in den USA, das ist auch die ultimative Grenzüberschreitung, zumindest für das mittelstandsverwöhnte, linksliberale Backpackervolk, dem wir angehören. Morgen, sagt J., fahren wir in die Wüste, bisschen rumballern, nur wenn wir Bock haben, natürlich.

Spätestens dann als wir, nächstentags, auf der Ladefläche eines Mitsubishi-Jeeps, Baujahr 1990, sitzen, uns die staubige Utah-Luft durch die Haare fährt, wir uns mit den Soßen der Apollo-Burger einsauen und zu unseren Füßen das Kriegsgerät klappert, verstehen wir, dass das jetzt wirklich passiert. J. ballert mit dem liedschäftigen Jeep in Richtung Wüste, als wäre das hier ein geschmackloses Musikvideo, ist es aber nicht, denn mir gegenüber sitzt R. und macht hin und wieder einen Witz, den ich nicht verstehe. Mir ist ein wenig übel. Das ist die Aufregung, die sich erst recht nicht legt, als J., endlich offroad, den Mitsubishi einen steinigen Hügel hinaufquält. Der Motor heult, wir sind unangeschnallte Deutsche, wir klammern uns an den Überrollbügel und sind uns für einen Moment ganz sicher, dass jetzt gleich nach hinten kippt und niemand diesen Trip überlebt – den Fahrer ausgenommen.

Ich schreibe diese Zeilen in einem schwarzweißen Studio in Los Angeles, was zweifellos bedeutet, das ich und auch meine Freunde den Trip überlebt haben. Selten fiel es mir schwerer, etwas, das tatsächlich passiert ist, in Worte zu fassen, die dem Erleben irgendwie nahe kommen. Das Problem ist ein altes, das immer wieder neu daherkommt – und umso drastischer, je unerwarteter und extremer die Erfahrung. Dabei geht es letztendlich gar nicht darum, dass J. zunächst einmal wild ins Gebüsch feuert, um die Klapperschlangen zu vertreiben. Oder um das Gefühl, wenn der Abzug unterm Finger nachgibt, um den Rückstoß, um den man weiß und der dann trotzdem überraschend daherkommt. Es geht letztendlich nicht darum, dass die serbische AK auseinanderzufallen droht und doppelt auslöst, obwohl man nur einmal abzieht. Die SIG finden alle ganz angenehm. Von der Shotgun lassen die Deutschen respektvoll die Finger. Das alles ist nicht der Punkt, der ausgeschmückt werden muss, weil man sich die irre Mischung aus Begeisterung und größtmöglicher Unsicherheit in Stäffs Blick entweder vorstellen kann oder nicht. Natürlich ist das Rumballern geil. Weil wir da eben echt rumballern. Mit Killermaterial. In der Wüste. Aber süchtig macht uns das alle drei nicht. Es reicht dann irgendwann auch, vielleicht hätte man sich sogar ein bisschen mehr Flash erwartet. Der eigentliche Punkt ist letztendlich der Zufall, Jesus‘ Finger, der uns hierher geführt hat, zu diesen Typen, zu dieser Gesichte, an einem Ort, von dem wir nichts wussten und von dem wir nichts erwarteten.

In zwei Tagen fährt der Zug nach San Francisco. Wir mögen J. mittlerweile, trotz allem, ganz gern. Aber so langsam wird es anstrengend. Wir würden gerne umziehen. Es gibt hier einen Campingplatz mit Pool und Hot Tub und sich da jetzt nach all der Aufregung nochmal abzulegen, das hört sich ziemlich verlockend an. J. bietet, obwohl er oft genug in Englisch und Österreichisch beteuert, wir müssten nicht gehen, wir seien sehr willkommen, an, uns zu fahren. Er ruft sogar bei Campingplatz an und fragt, ob noch ein Platz frei ist, findet heraus: Ja, aber erstens, nicht ganz billig und zwotens nicht viel mehr als zwei Meilen von hier entfernt. Guys, I’d really like you to stay, sagt er und wir sehen uns an und besprechen uns zaghaft, da J. ja alles versteht. Und, okay, fast schämen wir uns für die versuchte Flucht.

Noch einmal also, bevor wir uns am kommenden Tag wirklich zum Campingplatz aufmachen, ein Abend mit R. und J. Wir haben nochmal Bier geholt, dreiprozentiges „Kinderbier“, weil Sonntag ist. Davon wollen die beiden nichts. Stattdessen Wodka-irgendwas aus Weizengläsern und braunes Irgendwas mit heimlichem Schnaps. R. legt alte Punk-Classics auf, Michi singt Misifts mit, irgendwann spielen wir sogar das Entweder-Oder-Spiel: Would you fuck Hillary oder Donald Trump? Uff. Dj J. legt Türlich, türlich auf, den ersten deutschen Song, den er je gehört hat und R. will uns isrealische Geheimdienst-Selbstverteidigungstricks beibringen. Dann verabschiedet er sich ins Bett. Good night, R., nur um zehn Minuten später wieder im Zimmer zu stehen: Wanna fight? Grinsegesicht, Straßenkämpfer. No, thank you. Okay, good night. Er geht nicht wirklich ins Bett, irgendwie nie, das Spiel wiederholt sich vier, fünf Mal. Auch dann noch, als Michi schon auf dem Sofa liegt, und J. ehrlich und melancholisch wird: Vor ein paar Monaten ist sein Großvater gestorben, sein Vorbild und Held. He died, sagt J., not to see this election. He hated all of it. Stille, Betretenheit. Ein letzter Auftritt des Kistenkaspers, R.: Wanna fight?

Es ist dann doch gut, wegzukommen. Zelt aufbauen, Hot Tub, Pool, und einen Tag lang Ruhe und Frieden genießen, eine, scheinbar zumindest, waffenfreie Umgebung. Wir kaufen uns die letzte Box Utah-Light-Bier und lassen den Tag verstreichen wie eine angenehme Notwendigkeit. J. schreibt nochmal: Heute Abend Pool-Party? Entschuldigt sich später aber: zu lange gearbeitet, müde, man sieht sich. Man sieht sich nie wieder. Ein Besuch im Museum für Gegenwartskunst fühlt sich an wie eine Desinfektionsmitteldusche. Wir steigen in den Californian Zephyr und fahren – diesmal aber wirklich nach Kalifornien.

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Feel the Derm. USA 2016. Teil 5: Anwälte, Antikes, Fettabsaugung. Von Missouri nach Colorado

Einen Bär zu sehen, wäre natürlich das Kronjuwel der Naturbeobachtung. Zumindest wissen wir schon bevor wir uns aufmachen – in die Wildnis und so -, wie man sich im Fall des Bärenfalles zu verhalten hätte: Dem Tier einen Korridor, einen Fluchtweg, anbieten. Sich langsam entfernen. And if the bear fights you – fight back. Meister Petz mit gezielten Faustschlägen – auf die Schnauze! in die Augen! – derart auf die Nerven gehen, dass er sich verzieht. Einzige Chance, dem sicheren Tod doch noch zu entgehen.

Zunächst aber schlängeln wir uns aus der Großstadt und auf den Interstate, die pfeilgerade Verbindung mit dem Süden, Arkansas, Oklahoma, dessen Ränder unterbrechungslos mit den überdimensionierten Billboards gepflastert sind, die für Anwälte, Antikes und Fettabsaugung werben. In den Raststätten schlagen wir uns die Bäuche mit Fastfood voll, das zunächst einmal bewirkt, dass sich der Körper anfühlt wie ein mit öligen Schrauben gefüllter Müllsack. Aber wenn man dafür von einer reifen Dinermutti als Gentlemen und Sweetie angesprochen wird – oder aber : die Getränke zur nach Müll schmeckenden Pizza von einer Modelleisenbahn geliefert werden -, dann macht das mit dem Bodyfeeling quasi nichts mehr aus. In den dazugehörigen Tankstellenshops kann der geneigte Trucker sich und die Familie mit Shirts aus der Designabteilung der National Rifle Association ausstatten. Bunte Farben, Hirschköpfe, Schnörkelschrift: You’ll keep your advice, we keep our guns. Klasse.

Kurz bevor die Dämmerung einsetzt, fahren wir vom Interstate ab und auf die sich schlängelnden Highways durchs Heartland. Wir trinken Wendys Kafee aus Bechern, die eher Bottiche als Becher sind, und finden bei Aurora, Missouri das Motel, das tatsächlich so aussieht, als hätten sie sich beim Bau als Vorlage der collagierten Filmklischees aus unseren Hirnen bedient: Zugang zum Raucherzimmer über den Balkon, außenrum ist nix. Der Motelbesitzer, ein freundlicher, älterer Herr mit starkem Akzent rät uns nach Branson zu fahren. Live Entertainment Capitol of the World, laut Selbstaussage. Dort gebe es eine Beatlesshow und einen Freizeitpark und einen orginalgetreuen Nachbau der Titanic. Liegt leider nicht auf der Route. Außerdem bittet er uns, bevor wir eine Nacht in seinem Etablissement verbringen, um eine Adresse. Für Notfälle, weil ja ständig schlimme Sachen passierten. Die Angst bleibt der liebste Fetisch Amerikas, ein ständig beschworener Terrorist des eigenen Bewussteins.

Fred, der Großcousin, hat uns ein Zelt geschenkt. Weil er so viele hat und nie zelten geht. Zum ersten Mal beziehen wir es im Mark Twain National Forest, in Emerald Beach, direkt am Ufer des Table Rock Lake, Grenzgebiet zwischen Missouri und Arkansas. Das alleine schon. Den Zeltplatz haben wir quasi für uns, die Besitzerin verbringt die Tage mit ihrem Ehemann im Camper. Sie nimmt uns einen symbolischen Betrag ab und erzählt nach kurzem Blabla von ihrer Herkunft: Die Großmutter war Deutsche, sie heiratete in den USA einen syrischen Schnapsschmuggler. Prohibitionszeiten, many, many years ago. Aber schon interessant, gerade jetzt, und wie finden wir die Merkel eigentlich so?

Überhaupt, nach fast zwei Wochen kann man das mal so feststellen: Ungefähr jeder, den man trifft, fragt schnell, wo man denn her sei und ungefähr jeder hat dann a) deutsche Vorfahren, b) Kinder, die mal in Deutschland waren, c) Zeit in Deutschland verbracht, in der Regel als Soldat oder Kind eines solchen. Sie finden das ganz schön toll, dass wir da herkommen und machen sich ein wenig Sorgen um uns, so wie wir uns um sie. Auf der anderen Seite der Grenze, in Arkansas, besuchen wir einen Barbershop, der von zwei Herren im Rentenalter geleitet wird. „Mein“ Friseur stammt eigentlich aus Heidelberg, wo er sein Handwerk gelernt hat, 1947 war das und er damals 14 Jahre alt. Wegen seiner Frau ist er nach Chicago gezogen, in Arkansas genießt er, nach wie vor haareschneidend, seinen Ruhestand. Auf dem Tisch liegen Jagdzeitschriften. Der Friseur spricht Deutsch, ich Englisch, weil er mein Deutsch so schlecht versteht. Er fragt, was ich gerne hätte, frisurentechnisch, bekanntlich eine der am schwersten zu beantwortenden Fragen überhaupt. Also sage ich nothing special und feel free und der Heidelberger macht sich mit etlichen, fremdartigen Gerätschafen an meinem Haupt zu schaffen, schmiert mich mit einem Rasierpinsel ein und massiert mir im Anschluss die Schultern. Handsome, young man, sagt er und hat Recht: Ich sehe aus wie ein handsome, young man, kurz vor der Ausschiffung nach Korea.

Auf dem Zeltplatz unternehmen wir erste Bemühungen in Sachen Selbversorgung, von wegen Wildnis und so. Ich finde eine Angelschnur, an den Haken hänge ich eine der unzähligen Fliegen, dann binde ich die Schnur an einen Stock und hänge sie tomsawyermäßig in den See. Winzige, grüne Fischlein beißen die Fliege vom Haken und schwimmen glücklich-wohlgenährt davon. Wir schmeißen in Speck gewickeltes Huhn auf den Grill und verschlingen das nicht optimal durchgebratene Fleisch vom Fliegenschwarm an den Rand der Tränen getrieben. Die Wildnis nimmt keine Rücksicht. Bären sehen wir nicht, nur Reiher und ähnliches Geflügel.

Zwischen hier und Texas säumen mehr Kirchen und Gunshops als Wohnhäuser unseren Weg. Sweetie hier, Honey da, ein Trucker mit Basecap und Sporen an den Cowboystiefeln, das ist das echte Amerika, wir haben es gefunden. Ein Tag im Ford, bis wir in einem Zweitausend-Seelen-Kaff 60 Meilen vor Amarillo das It’ll do Motel erreichen. Die Tochter der Besitzerin hat in Deutschland gelebt, Luftwaffe. Berlin hat ihr gut gefallen und Italien natürlich. Stäff geht bei der Tanke gegenüber Bier holen, der Sheriff, der tatsächlich auch jetzt noch, mitten in der Nacht, seine verspiegelte Sonnenbrille trägt, mustert ihn argwöhnisch. Wir diskutieren die Möglichkeit, in einer Art Truman-Show gelandet zu sein, einer einmaligen Inszenierung zum Zweck, uns dieses Land genau so zu präsentieren, wie wir es gerne hätten. Vielleicht doch ncht so echt das Amerika.

Wir verlassen Texas, streifen New Mexiko und erreichen, endlich, endlich, Colorado. Im Touri-Büro von Trinidad breitet Lee diverse Karten vor uns aus. Wir befinden uns am südöstlichen Rand der Rockie Mountains. Lee hat eine Zeit lang in Hessen gelebt. Zum Beweis setzt er eine Schirmmütze der Navy auf und lacht, als würde die Mütze unter seinen langen, grauen Haaren einen Lachschalter betätigen. Eine Türkin betritt das Büro, sie hat ein paar Jahre in München gelebt. Lee freut sich, das zu hören: Mütze auf, wanstiges Gelächter. Sie lädt uns nach Arizona ein. Liegt leider nicht auf der Route. Ob es hier denn Bären gebe, fragen wir Lee und Lee erzählt, dass er einmal einen im Haus gehabt habe. Er wirf die Arme in die Luft und schreit, um zu demonstrieren, wie es ihm gelungen sei, das Tier zu vertreiben. Dann lacht er wieder und wir lachen auch. Guter Typ.

Die Indianerin im Tankstellenshop am Highway 12, Highway of Legends, beneidet uns: So ein schönes Wetter, und sie muss arbeiten… Sorry. Der Ford schlängelt sich die Berge hinauf und an Seeen vorbei. Zahlreiche Adler drehen über uns ihre Kreise. Ob es wirklich Adler sind? Wahrscheinlich nicht, wäre aber schön. Wir erreichen den ungeteerten Cordova-Pass Richtung Spanish Peaks Wilderness, der uns auf fast 3500 Höhenmeter befördert. Es ist eine holprige, spekakuläre Fahrt, zwischen den Nadelbäumen tun sich Ausblicke auf, im Hintergrund türmen sich Gewitterwolken, in einer Kurve, etwa fünfzig Meter vor uns steht ein Schwarzbär und schaut in unsere Richtung. Alter, Bär, sagt Michi und Stäff bremst ein wenig ab. Der Bär schüttelt sich als hätten wir ihn bei einer für Bären besonders peinlichen Angelegenheit ertappt und springt dann ungeschickt ins Gebüsch. Ein paar Meilen weiter erreichen wir den höchsten Punkt des Passes. Zwei Cowboys mit Colt und Mantel und allem drumunddran reiten vorbei. Die Luft ist dünn, es gibt einen Zelplatz, wir fahren aber weiter. Nicht wegen des Bärs, wegen der Gewitterwolken!

Nicht zu bleiben, könnte blöd gewesen sein. Am Fuß der Bergkette tut sich flache Langeweile auf, gesäumt von versprengten Hillbillyortschaften, die mit kruden Attraktionen locken. In einer Art Garage gibt es ein Albinikrokodil zu besichtigen, das Gelände steht zum Verkauf. Die Gewitterwolken sind schwarz und überall außer im Norden, da dringt noch ein wenig Sonnenlicht durch, und da wollen wir ja eh hin, mehr oder weniger. Das also ist der Plan: Grob Richtung Denver fahren und einen Campingplatz finden, der heute Nacht nicht absäuft und es uns ermöglicht, morgen nochmal ein bisschen wandern zu gehen. Wir passieren Hooper, wo ständig UFOs gesichtet werden und die Great Sand Dunes, das Land ist flach und campingplatzfrei, nur Farmen und Adler, Tropfen landen auf der Windschutzscheibe, bald wird es dunkel.

Aber, wie das in diesem Urlaub oft so ist, und das nährt natürlich das Truman-Show-Gefühl – echt kann das alles nicht sein – am Ende kriegen wir alles ganz gut hin. Wir verbringen die Nacht nicht in einem schäbigen Motel und nicht im Gewitter, sondern finden im letzten verbliebenen Wolkenloch den Campingplatz von La Garita. Hier gibt es keinen Besitzer, keinen Verantwortlichen, nur einen Schacht, in den man sein Geld schmeißt. Das Gebiet ist ein Klettererparadies, vor soundsoviel Millionen Jahren fand hier der größte Vulkanausbruch aller Zeiten statt, ein Supervulkan, aber mit Superlativen muss man vorsichtig sein in diesem Land. Neben Kletterern gibt es hier Klapperschlangen und zwar gar nicht mal wenige. Neulich sei einer ihrer Gäste auf eine getreten, erklärt uns die gespielt grimmige Alte, die uns einen Rührei-Bratkartoffelberg hinknallt, und verdammtes Glück hätte er gehabt, nicht gebissen worden zu sein. Wir sehen unser Exemplar am kommenden Abend. Fie Klapperschlange kriecht direkt an unserem Zelt vorbei, in all ihrer schlangentypischen Lässigkeit und Arroganz. Wir springen auf den Betontisch, fasziniert und angewidert und endlich bereit, Richtung Stadt aufzubrechen. Wildnis, schön und gut, aber das muss nun doch nicht sein.

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Feel the Derm. USA 2016.Teil 4: St. Louis, Germany

Jede Reisegruppe braucht ein Mitglied, das sich mit öffentlichem Nahverkehr auskennt und weiß, wie man Türen mit einem Schlüssel öffnet. Wir haben uns für den Jazzheini und Eisenbahnenthusiasten Stephan Goldbach entschieden. Dies ist ein Gastbeitrag von weit, weit weg. 

Das erste Mal Autofahren in Amerika ist natürlich unangenehm. Vor lauter Nervosität lassen wir meine Aktentasche auf dem Dach des seltsamen Hyundai Veloster Sportwagen/Kleinwagen-Verschnitts liegen. Das Gehupe und Geblinke der höflichen Bürger um uns herum macht uns darauf aufmerksam. War ja auch nur Geldbeutel und Reisepass drin… Nach kurzen Angstszenen auf sieben-spurigen Highwaykreuzungen stellt sich das automobile Reisen auf amerikanischen Interstates allerdings als wahrer Traum heraus. Tempomat auf 70, Countryradio an – St.Louis, noch 400 Meilen, ein Klacks.

Niemand – nicht mal Michi – weiß, was uns bei seiner Großtante Julia erwartet. Als uns die extrem rüstige 83-Jährige dann mit ihrem liebenswert-absurden Fränkisch-Amerikanisch empfängt, sind wir erstmal etwas erschlagen. Das Haus, das in einem klischehaften Vorort gelegen ist, wie man ihn aus unzähligen Bewegtbildserien kennt, ist ein Mausoleum deutscher und fränkischer Kultur-Objekte. Auf dem Fernsehtisch liegt das „German-Life“-Magazin, welches über Schwäbisch Hall berichtet, Reisen zum Schloss Neuschwanstein vorschlägt und Bestellhotlines für das Kulturgut „German Schultüte“ für die deutschlandgerechte Einschulung bereithält. Natürlich in schwarz-rot-goldener Frakturschrift.

Fred, Michis Großcousin, seines Zeichens echter Ami-Trucker, versorgt uns mit kistenweise Heineken und Corona. Nachdem er uns zum Flughafen begleitet, um uns nach der Autoabgabe wieder mit zurückzunehmen, wundere ich mich zuerst über den langen Rückweg – bis mir klar wird: Wir machen gerade einen Sightseeing-Trip, ohne Aussteigen allerdings, denn es ist schon nach Sonnenuntergang und auch St.Louis scheint überall gefährliche Ecken zu haben. Hysterie oder berechtigte Angst? Ähnlich wie in Detroit kommen uns Zweifel. Und doch: Auch in St Louis gab es gerade erst wieder Schiessereien mit Todesfolge. In einer der Touristenstraßen steigen wir dann doch aus, es ist eine Art Walk Of Fame der Stadt. Fred macht ein Foto von uns und einer Chuck-Berry-Statue, wir stellen ausserdem fest, dass auch William S. Burroughs ein Sohn der Stadt ist.

Beim anschließenden Abendessen lavieren wir uns geschickt um brisante politische Diskussionen herum und gehen dann im auf 16 Grad heruntergekühlten Keller zwischen entschärften Handgranaten, dem Gun Digest 1998, bayerischen Oktoberfesthüten und einem Brauerei Wagner Merkendorf-Krug schlafen. Gerne würde ich detailliert beschreiben, welch unterhaltsames Sammelsurium amerikainscher und fränkischer Museumsobjekte dort lagerten, doch ähnlich wie besagter Keller würde das jeden Rahmen sprengen. Die angehängten Bilder mögen für sich sprechen.

Nach einem späten Frühstück am Tag darauf lässt es sich Fred nicht nehmen, uns St. Louis zu zeigen. Es folgen der berühmte Arch und das Stadion Downtown, alles irgendwie wie erwartet und trotzdem beeindruckend. Touristische Begleiterscheinungen wie eine Schlange pinker Hochzeitkutschen voller Logos diverser Sponsoren schocken auch schon lange nicht mehr. Exzessiver Genuss der verschiedenen Craft-Biere der Schlafly-Brauerei rundet den Tag ab: Lager „Helles“-Style, Kölsch und die ganze Palette an Pale Ales, um nur ein paar Beispiele zu nennen – gebraut natürlich mit Bamberger Weyermann-Malz.

Sehr interessant dann der Abschlussabend am Tag darauf. Freds Schwester Silvia kommt zum Abendessen vorbei und es folgt ein epischer Schlagabtausch absurder Geschichten zwischen ihr und ihrer Mutter Julia. Wir sind – wie meistens – leicht angetrunken und nicht immer sicher, ob wir das alles glauben können:

– Als deutsche Einwandererin kurz nach dem zweiten Weltkrieg ein Kind am 20. April auf die Welt zu bringen – für Julia unmöglich. Das Kind muss drin bleiben. Es wird also alles menschenmögliche veranlasst und tatsächlich: Silvia erblickt kurz nach zwölf, also am 21. April, das Licht der Welt. Ein Anchor-Baby am Geburtstag des Führers – wo kämen wir denn da hin?

– Silvias Hunde, die wir kennenlernen dürfen, sind nur der aktuelle Stand einer illustren Reihe an Haustieren. Neben Katzen und Papageien sticht vor allem der Affe Jacky heraus. In den 60er Jahren für 57 Dollar im Baumarkt gekauft, hält er das Familienleben auf Trab, erhängt sich aber aus Kummer irgendwann selbst. Wir zweifeln.

– Großtante Julia berichtet von einer absurden Figur, die ihr aus Nazi-Deutschland im Gedächtnis hängen geblieben ist: Der Chickencounter. Der ging rum und zählte die Hühner der Leute. Nicht dass die zuviele davon haben.

Erschöpft gehen wir schlafen in unserem German Krims-Krams-Keller. Dankbar, aber auch ein bisschen verwirrt, machen wir uns am nächsten Morgen in unserem gemieteten Ford-Jeep ohne genaues Ziel auf in Richtung Westen.

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Feel the Derm. USA 2016. Teil 3: Von Schnitzelburg nach Germantown

Seth erinnert sich an eine Schlange. Sein Vater hatte die im Gartenteich entdeckt. Sie schwamm an der Oberfläche, was entweder heißt, dass die Schlange giftig ist – oder ungiftig, das weiß Seth nicht mehr so genau. You guys should look that up. Jedenfalls ging sein Vater ins Haus und holte die Shotgun, um das Biest damit abzuknallen. So eine Shotgutn streut ohne Ende, keine Chance damit eine Schlange zu treffen. Seth erinnert sich an seine Mutter, die schrie, er, der Vater, werde noch alle Fische umbringen. Aber was soll man machen? My father just loves shooting at stuff.

Hunderte Knarren habe sein Vater zuhause, mindestens, sagt Seth. Und Jacob: Meiner tausende. Irgendwann werde er, Seth, die alle erben, obwohl er eigentlich keine Waffe haben will. But if I have to take one, it should at least have a kick-ass bible verse on it. Er zitiert gleich eine kleine Auswahl.

Jacob und Seth wohnen in einem Einfamilienhaus in Louisville, Kentucky. Auf dem Wohnzimmertisch klebt ein Bernie-Sticker, über alle drei Stockwerke sind Musikinstrumente verteilt, im Keller steht ein riesiger Fernseher, ein Super-Nintendo, ein Nintendo 64 und eine Gamecube, in der Küche hängen die Stars and Stripes, aber umgedreht. Die WG-Katze heißt Trout, Forelle.

Es ist unsere erste Couchsurfing-Experience. Seth und die anderen haben überall Schlafgelegenheiten und wollen gern, dass da Fremde drauf schlafen, damit man sich austauschen kann über Gott und die Welt. Dafür ist das Badezimmer halt mittelmäßig sauber und im Bett des Mitbewohners Nathan, der sich derzeit selbst auf Reisen befindet, riecht es noch nach diesem. Wir sind ein bisschen nervös wegen dieser Couchsurfing-Geschichte, was erwartet man hier von uns? Und das mit dem Austausch ist vielleicht eh nicht so mein Ding.

Die Jungs sind aber, war ja klar, irre nett. Seth arbeitet als Tonmann einer Morning-Talk-Show im Lokalfernsehen. Thema des Tages: Back to School. Die Sommerferien sind vorbei. Außerdem liebt er es, Fahrräder zu reparieren. Er leiht uns drei wunderbar geschmeidige Bikes und wir fahren durch Germantown und Schnitzelburg und zu einer fetten Zeder, an der Lewis und Clark angeblich mal irgendwas gemacht haben. Ein Mann kurbelt sein Autofenster runter und fragt uns, ob wir Pokemon spielen.

Ansonsten: Abhängen, Platten hören, den Jungs Dosenbier und Sandwiches ausgeben, für das schlechte Gewissen, weil man ganz und gar umsonst hier sein darf und sie einem so viel Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Jacob hat Familie in Deutschland und kennt sich aus. Warum, wollen wir wissen, hat das in Deutschland wohl funktioniert, was nirgendwo sonst funktionierte, die Demokratisierung und so: A lot of German women got laid, sagt er und hat sicherlich Recht.

Dass man auf einmal in Kentucky ist. Mega konservativ, mega viele Knarren, mega die Hillbillys, sagt Seth, aber Louisville ist cool, progressive. Die erste Nacht verbringen wir nicht bei Seth und Jacob, sondern im Keller von Jared, einem gut gebauten Glatzkopf mit Jeep. Wir sind uns sicher: Ein Ex-Marine. Weil Jared uns anscheinend ganz gut findet, fährt er uns am Abend noch ein bisschen durch die Gegend in seinem auf 15 Grad runtergekühlten Geländewagen. Er empfiehlt uns die Bambi Bar, obwohl da eigentlich nur alte Männer hingingen. Wir sollen da Wings essen. Machen wir, sagen wir. Good choice, sagt Jared. Die Bambi Bar ist ein holzvertäfelter, amerikanischer Sportsbar-Traum, ein Howdie-How-do-you-do-mäßiges Biertrinker-Paradies für echte Kerle und ehrliche Girls, Pferdediebstahlatmosphäre. Nebenan sitzt ein taubstummer Altmänner-Stammtisch, die Bedienung erklärt uns mehrmals ihre bedingungslose Liebe und wie man ihr einen anständiges Trinkgeld gibt, weil das ja schließlich ziemlich kompliziert ist.

Am letzten Abend dann nehmen wir die Lichterketten-Fußgängerbrücke rüber nach Indiana. Vor einer Bar werden von einem Koch angequatscht. Er hat von einem anderen Koch, der gerade erst aus dem Knast gekommen ist, ein Fahrrad gekauft. Sein altes steht drüben, im Barber-Shop von Mohammed Alis Neffen, wir sollen es uns anschauen, durchs Schaufenster. Er schnorrt sich noch fünf Dollar von uns, dann schlingert auf seinem neuen Bike in Richtung zuhause. Nach wenigen Metern hält er an und dreht sich noch ein mal um: Er liebe Deutschland, sagt er, er wünschte, noch einmal dorthin reisen zu können. We are born enemies, but you have good hearts. Not like those fucking Koreans.

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Feel the Derm. USA 2016. Teil 2: Detroit, y’all.

Auf meiner Forschungsreise durch die Vereinigsten Staaten werde ich unter anderem vom Anglisten und Schallplattenhändler Michael Rupp begleitet. Für seinen ersten Derm-Gastbeitrag hat der junge Mann sich und uns in Lebensgefahr, sprich, nach Detroit, gebracht. Aber alles gut, Mama. Anbei die Ergebnisse der Untersuchung. 

Detroit ist dann absolut eine Nummer für sich. Der Blick durch die Scheiben des abgefuckten Hondas unserer Ex-Gastgeberin Sarah, die zwischen Handy hier und Fruchtdrink da tatsächlich auch ab und an mal die Hände am Steuer hat, offenbart plötzlich eine Welt, die wir bisher nur als animierte Figuren in fiktiven Stories um Gewalt, Bandenkriminalität und schnelle Autos betreten durften. Die Straße bietet locker Platz für drei Spuren – eingezeichnet ist nur der Mittelstreifen. In den Freiflächen zwischen den teils eingefallenen, teils bewohnten Häusern könnte man problemlos Fußballturniere stattfinden lassen. Später lernen wir: Hier wurden als Downsizing-Maßnahme ganze Häuserblocks weggerissen, um den negativen Konsequenzen des massiven Bevölkerungsschwunds von Detroit irgendwie entgegenzuwirken. Ampeln werden zurückgebaut, um Strom zu sparen. Weniger als die Hälfte von einst leben noch in der ehemaligen Industrie-Metropole, vor nicht allzu langer Zeit lag die Arbeitslosenquote bei 50 Prozent. Am Straßenrand legt ein Cop einem farbigen Mann Handschellen an, wir machen kurz Halt an einer Tankstelle mit angrenzendem Liquor Store.

Unsere Fahrerin hat offensichtlich mit der Panik zu kämpfen und auch wir drei fühlen uns nicht absolut wohl – aber: Zum ersten mal fühlt sich unsere Reise ein bisschen nach Abenteuer an, nach wirklich woanders sein. In der Tankenstelle zahlen wir zuerst, um dann für den bezahlten Betrag tanken zu können. Ein Typ erzählt irgendwas von einer Techno-Party Downtown, ich verstehe nur jedes dritte Wort. Ein bisschen Kleingeld hätte der ein oder andere gerne, Reaktionen auf Absagen sind bemerkenswert höflich. You enjoy yourselves and have a nice night, gentlemen. Wahrscheinlich Ironie. Ausgestattet mit zwei Sixpacks Lightbeer schmeißt uns Sarah an unserer Unterkunft für die nächsten drei Nächte raus.

Das kleine Haus, das wir über eine Online-Plattform angemietet haben, ist wunderschön. Frontporch inklusive zwei fetten Sesseln und Grusel-Schaukelpferd, weiß lackierte Holzverkleidung, drinnen dunkler Holzboden, vielleicht achtzig Quadratmeter Grundfläche, kaum Türen – vom offenen Wohnzimmer blickt man durch den Essbereich in die Küche. Als American Foresquare oder vielleicht auch als California Bungalow würde man das Haus wohl bezeichnen. Keine zwanzig Dollar zahlen wir pro Nase für die Nacht. Wir fühlen uns großartig. Bier trinken auf der Front Porch. Das Zirpen der Zikaden ist ohrenbetäubend. Ein herrenloser Pitbull stolziert die Straße hinunter, als gehöre ihm das hier alles. Er würdigt uns keines Blickes.

Der Taxi-Fahrer, der uns am nächsten Morgen Downtown fährt, hält nicht viel von unserer Hood. Schläunigst in eine andere Umgebung umziehen sollten wir. Ain’t safe around this area. Keine zehn Minuten vorher hatten wir noch ein nettes Gespräch mit ein paar Nachbarn: Busse gebe es keine, aber Uber sei das neue Ding. Nice accent you got there, boys. Gute Reise, stay safe. Ach ja, ein bisschen Gras?

Downtown Detroit ist die charmbefreite Touristen-Partymeile der Stadt: Burgerbuden, Bars, Beerbike, Baseball-Stadion. Eine familienfreundliche Vergnügungsinsel im Schatten der düstersten Türme Gotham Citys. Ein Typ legt psychedelisches Wah-Wah-Gitarrengewaber über seine Midi-Sound-Backingband und singt dazu monoton. Der Pickup, vor dem er possiert, ist mit allerlei Schildern dekoriert: Jesus lives. Jesus saves. Jesus is real. Zu lange geglotzt, um keinen Dollar da zu lassen. Take care. Wir wollen zum leerstehenden Bahnhofsgebäude, das wir am Tag zuvor aus der Ferne gesehen haben. Der ältere Herr, den wir nach dem Weg dorthin fragen, beäugt uns skeptisch: You boys have any idea where ya goin‘? That’s almost Mexican Town. Tagsüber kann man da aber wohl schon mal hin.

Das verfallene Gebäude der ehemaligen Michigan Central Station wirkt wie eine monumentale Ruine des amerikanischen Kapitalismus. Wikipedia verrät uns aber, dass der Bau schon zur Blütezeit der Stadt Sorgenkind war und als Folge diverser Planungsfehler nie richtig angenommen wurde. Ein bisschen wünsche ich mir, das Informationszeitalter hätte mich etwas länger im Dunkeln gelassen und mir ein paar Minuten der Mythenbildung gegönnt. Den Abend verbringen wir in Corktown, dem Detroiter Hipster-Viertel mit DIY-Bars und Live-Bands. Longdrinks sind überraschend billig, die Bierauswahl stattlich. Ich entdecke meine Liebe für India Pale Ale. Zuhause buchen wir noch den Bus nach Louisville, Kentucky. Southbound.

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Feel the Derm. USA 2016. Teil 1: Die berühmtesten Reisenden der Welt

Im Landeanflug noch schnell die niedergeschlagendste Musik durchhören, die die Spotify-Playlists zu bieten haben. Nix Sinatra. Weakerthans, Eels, Element of Crime. Solche Sachen. Weil New York ja eben nicht San Francisco ist, sondern schwarz weiß und hoffentlich ein bissl windig.

Wir sind seit 38 Stunden unterwegs. In Bamberg in die Bahn Richtung Amsterdam, die Verspätungen addieren sich auf über 80 Minuten, die am Puffer saugen, den Michi extra so großzügig angelegt hat. Geht aber alles klar, easy. In Amsterdam Stäff getroffen, Flieger nach Moskau. Nach Moskau! Um Nach New York zu kommen. Amsterdam – Moskau gleich Kurzstrecke, gleich kein Entertainment. Bier gibts ohnehin nicht, nur Wein, der Wein ist warm. Fünf Stunden Aufenthalt in Moskau und niemand, der einem einen kleinen Wodka ausschenken würde. Fürchterliches Dösen auf Flughafensesseln.

Also Brooklyn und ja, ja, klar, New York, die berühmteste Stadt der Welt und so: Ein Besuch also nicht um zu sehen, was da ist, sondern, wie es ist zu sehen, dass das alles tatsächlich da ist. Al Capone, Woody Allen, Carrie Bradshaw und drumherum acht Millionen normale Menschen, die auf die Arbeit gehen. Und keine einzige öffentliche Toilette.

Schön ist das. Wir steigen auf ein Krankenhausdach, wir suchen den Johnny-Ramone-Platz, der überhaupt kein Platz ist, nur ein Schild, wir suchen Wifi und essen Sandwiches, die vielleicht für den unguten Stuhl verantwortlich gemacht werden müssen oder das Leitungswasser, das schmeckt, als würde man Schwimmbad schlürfen. Wir treffen Taylor und Peter, Freunde von Michi, beschämend schlaue, junge Männer. Und natürlich spricht man sofort über Trump und Hillary und wie das alles ist. Eine Shitshow, sagt Taylor. Wunderschönes Wort. Wir sind uns relativ sicher, dass er, also Taylor nicht Trump, eines Tages Präsident sein wird. An der Brooklyn Bridge steht ein Mann, der Touristen gegen paar Dollars auf einen Boxsack hauen lässt: Auf der einen Seite die Clinton, auf der anderen der Donald. Unterhaltsam gewinnt.

Als wir nachts aus der U-Bahn steigen, liegt da eine Frau auf einer Bank, sie ist bekleidet, bis auf ihren Hintern, den streckt sie entblößt in die nachtschwüle Bahnhofsluft wie ihre Monstranz. Eine andere entschuldigt sich ein bisschen zu oft. You come to Brooklyn and have to see something like this. – No Problem.

Weiter nach zwei Tagen. Natürlich riecht der Mann, neben den ich mich im Greyhound setzen muss, unangenehm. Und wir berühren uns deutlich zu oft. Die Zustände des Reisenden: dösen, schwitzen und frieren, sich immer etwas fiebrig fühlen, das alles schönreden als Teil der Erfahrung und hoffen, dass man nicht gezwungen sein wird, das Greyhoundklo zu benutzen. Ist man nicht. Schlucke Kohletabletten wie Erdnussflips, easy. Wir fahren zehn Stunden durch die Nacht und manchmal nickt man minutenweise ein.

Grenzübergang nach Kanada. Der Grenzbeamte kennt die Klischees, die er zu erfüllen hat, das erkennt man an seinem Bart und seiner Freundlichkeit. Überhaupt sind die Kanadier, wie sich herausstellen wird, sehr gut darin, dieser Pflicht dem Reisenden gegenüber nachzukommen: Hello, hi, how are you, ja wir sind die freundlichere Version, usw. Er fragt, ob wir schon genug gehabt hätten, von den USA und lässt uns rein, keine Probleme, herzlich Willkommen.

Niagara Falls, eigentlich, denn wir haben eine Wohnung in Thorold, eigentlich Thorold, eher St. Catherines, beziehungsweise auf dem Campus der Brock University. Die meisten Studenten sind im Urlaub, Sarah nicht, also vermietet sie ein Zimmer der Studentenbude. Und eigentlich müsste sie uns jetzt reinlassen und wir könnten endlich duschen und vielleicht kurz verschnaufen und eine gesunde Kleinigkeit zu uns nehmen, tut sie aber nicht, denn es ist früh am Morgen und Sarah ist auf der Arbeit. Klassische Am-Pm-Verwirrung, aber ihre Schuld tatsächlich. Ein Sarahfreund nimmt unsere Rucksäcke, dann sind wir auf uns allein gestellt.

Der berühmteste Wasserfall der Welt, kanadische Seite, tosende Fluten, Touristenschiffe, Zipline, Casinotouristen mit weißen Basecaps und bequemen Schuhen. Uns gehts ganz schlecht. Niagara Falls, der Ort, ist ein bonbonbuntes Geisterbahnmassaker. Alles ist teuer und blinkt und wir müssen uns erstmal kurz in eine Wiese legen, bevor wir vor den Casinotouristen fliehen, Richtung Stadtrand, eine gammlige Burgerbude, ein goldiger Burgerbrater, der stolz erzählt, dass er einmal ganz viele Pommes auf seinen Burger gepackt habe und wie dick der dann gewesen sei. Das tut gut. Ein Busfahrer sagt god bless you, guys, da kommen einem fast die Tränen.

Auch Sarah ist natürlicht spitze, sobald sie da ist. Sie füttert uns mit nur ein bissl schimmligen Bagels und wäscht unsere Wäsche und findet uns im Allgemeinen supersweet und awesome, logisch. Allerdings mussten wir zweieinhalb Stunden in diversen Bussen verbringen, um von den Falls zurück zum verwaisten Campus zu kommen. Ein komischer Ort, um nachts einen Weißwein zu trinken, aber gut.

Weil Sarah morgen ausgerechnet und zum ersten Mal in ihrem Leben dorthin fährt, wo wir hinwollen, Detroit, bleiben wir eine Nacht länger als geplant in Brock. Wir ziehen um, von Gebäude 7 in die 9, zu Joyce, die sogar noch freundlicher ist und uns mit Schawarma füttert. Bin im Rahmen der Möglichkeiten von romantischen Gefühlen übermannt. Joyce. Was ne Frau. Ein Spaziergang zum Decew Fall versöhnt uns mit der epileptischen Klimbimhölle Niagara. Im Becken, in das sich der Wasserfall ergießt spielen wir mit zwei mittelalten Männern Frisbee. Als sich die beiden verabschiedet haben, kapituliert Michael vor dem Naturerlebnis. Der Mann entblößt sich hinterm Wasserfall stehend und genießt für einen heiligen Moment die Gischt. Morgen Roadtrip nach Detroit, Sarah und wir. Ich hab schon eine rote Nase. Wir sind auf diesem Kontinent sehr beliebt.

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Unterwegs in einem Deutschen Mittelgebirge. Oder: Wie ich in der Fränkischen nie Rudolf Heß begegnete

Auf dem Weg nach Unterleinleiter komme ich an Gräfenberg vorbei. Gräfenberg, denke ich, da liegt doch Rudolf Heß begraben. An dieser Stelle täuscht mich, wie sich später zeigen wird, mein Gehirn. Rudolf Heß lag nie in Gräfenberg, er lag in Wunsiedel und selbst dort liegt er heute nicht mehr, nachdem die Pacht 2011 auslief und die Gemeinde beschloss, die Pilgerstätte, die aus seinem Grab geworden war, aufzulösen, und seine Knochen zuerst dem Feuer und seine Reste dann dem Meer zu überlassen.

In Unterleinleiter stelle ich den Picasso auf den Wandererparkplatz gegenüber des Friedhofs. Nebenan findet ein Fußballspiel statt. Die Spielvereinigung Dürrbrunn-Unterleinleiter beharkt sich mit dem Sportverein Kleinsendelbach. Kurz überlege ich, mich am Spielfeldrand dazuzustellen, dann mache ich mich auf den Weg in Richtung Ortszentrum.

Die Pizzeria steht leer. Die Gardinen sind zugezogen. Niemand hat es für nötig gehalten, die Polster vor den Bierbänken zu nehmen. An der Tür hängt ein Zettel, der darüber informiert, dass die Pizzeria für private Feiern nach wie vor gemietet werden kann. Ich setze mich auf eine Bierbank, hinter mir plätschert die Leinleiter, vor mir brettern die Motorradfahrer, die vom schönen Wetter in die Fränkische Schweiz gelockt werden, wo sie sich an den schlängelnden Bundesstraßen durch hügelige Landschaften und den Vibrationen der Maschine zwischen ihren Akneschenkeln laben. Ihre aufgeschwemmten Schnurrbartgesichter sind derart in die Helme gequetscht, dass sie mimisch nicht mehr imstande sind, zu vermitteln, wie unvorstellbar die Lust ist, die sie empfinden. Ein übergewichtiges Pärchen schleicht sich an mir vorbei und auf die Dachterrasse der Pizzeria. Vielleicht um rumzuknutschen. Ein junger Rechtsradikaler – Bundeswehrhose, schwarzes Shirt mit silbernem Adler – rollt auf seinen Rollerskates vorbei. Er hat einen schwarzen Pudel und beherrscht das Rollerskaten durchaus mit einem Mindestmaß an Anmut. Er sieht genauso bemitleidenswert aus, wie jeder andere Inliner, aber er hat den Pudel auf seiner Seite. Um 14 Uhr beginnt ein Gottesdienst, schwarzgekleidete Töchter führen ihre schwarzgekleideten Väter am Arm an mir vorbei.

Dann kommen meine Freunde.

Wir schlagen den  Weg in Richtung Volkmannsreuth ein. Es handelt sich um eine Landstraße, ein Umstand für den ich, der ich verantwortlich bin für die Wahl der Route, beschimpft und bespuckt werde. Volkmannsreuth liegt da wie tot. Nicht, als wären seine Einwohner tot, sondern das Dorf selbst. Dahinter fängt der Wald an. Wir steigen hinauf zum Totenstein.

Vom Totenstein blicken wir hinunter nach Veilbronn und die Leinleiter entlang in Richtung Ebermannstadt. Wir stellen uns vor, wie der Ritter Hans Wilhelm von Streitberg hier mitsamt Kutsche und Knecht die hundert, zweihundert Meter hinunterstürzte, wie seine Pferde wieherten und mit den Hufen die Leere traten, wie er selbst, aus einem Suffschlummer, den er sich in Bamberg teuer erzecht hatte, hochfuhr und nur durch den Suffschleier hindurch mitbekam, dass er in diesem Moment in den Tod stürzte. Als wäre das nichts als fieser Traum aus dem er schweißmariniert erwachen würde. Deswegen Totenstein.

Jahre zuvor, heißt es, habe er, der Ritter Wilhelm von Streitberg, endlich einen Sohn, also Erben, von seiner Geliebten empfangen. Einen Sohn, den die Magd noch als Säugling versehentlich in einen Bottich kochendes Wasser fallen ließ, was dieser ebensowenig überlebte, wie ein Hummer es überlebt, wenn man ihn in einen Bottich kochendes Wasser fallen lässt. Der Ritter war wieder ohne Sohn. Die Frau wurde erneut schwanger, sie bekam eine Tochter, die Magd hingegen einen Sohn. Der Ritter spielte mit dem Gedanken, die beiden Kinder auszutauschen, entschied sich dagegen und stattdessen dafür, sein Leben fortan dem Glücksspiel und dem Alkohol zu widmen. Absolute Kapitulation. Und ein mehr als würdiges Ende für einen edlen Herrn. Hans Wilhelm ist der letzte eines über fünfhundert Jahre alten Geschlechts.

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Wir hingegen steigen feige den Wanderweg hinab nach Veilbronn, wo wir uns in einem Biergarten zwischen Rentnern niederlassen, die schon ihre Westen in Sommerbeige aus dem Schrank geholt haben. Sie unterhalten sich darüber, wo sie früher gern hingefahren seien und wo sie heute gern hinführen. Ich esse einen Apfelkuchen. Wir besaufen uns an einer peinlichen Heimatliebe. Nirgendwo schmecke der Kuchen besser, vom Bier ganz zu schweigen, nirgendwo sei das Klima angenehmer, nirgendwo seien die Wiesen saftiger, nirgendwo sei es schlicht lebenswerter, keine andere Gegend dieser vorzuziehen; man muss froh sein, dass einen niemand hört, der keine sommerbeige Weste trägt.

Der Rasen liegt makellos vor Unterleinleiter. Die Spielvereinigung Dürrbach-Unterleinleiter hat drei zu null gewonnen. Zwei Sprenger bewässern gewissenhaft das Geläuf. Die Abendsonne spielt in der Gischt. Das ist ein Rasen in Bundesligaqualität. Manchmal frage ich mich, ob es in der Fränkischen Schweiz auch Obdachlose gibt.

Auf dem Pretzfelder Keller erfährt unsere Heimatliebe einen ersten Dämpfer. Der Keller ist wunderschön gelegen, wir sitzen in einem Märchenwald. Ausgeschenkt wird aber keineswegs Pretzfelder Bier, sondern Mönchshof. Man trinkt mit einem schlechten Gewissen im Genick. Die ganze Anlage ist auch eher eine größere Imbissbude als ein richtiger Keller. Zur Kellerplatte ein weißes Brötchen statt Schwarzbrot. Wir essen Currywurst. Die Aussicht ist fabelhaft, hierher kommen wir nie wieder.

Ich trenne mich von meinen Freunden und sitze allein in einem Auto ohne Radio, aufs Handy glotzend anstatt auf die Straße. Jetzt irgendwie nach Hause kommen ohne vor Langeweile umzukommen.

In Pretzfeld entdecken wir, das heißt, zuerst meine Freunde im Auto vor mir, einen Laden namens Pretzfelder Trödelhäusla. Ein bunt blinkendes Schild informiert uns darüber, dass das Trödelhäusla geöffnet hat. Und das am Tag des Herrn. Interessant, finden wir, das wollen wir uns ansehen, vielleicht gibt es hier Schätze zu heben, hochwertiges Zeug für wenig Geld. Vielleicht kann man hier ein wenig stöbern.

Es ist ein altes Wohnhaus. Die Tür steht offen. Davor einzelne Kisten mit Rollschuhen und anderem Kram, ein Schlitten. Kein Mensch zu sehen. Wir scheuen wie Pferde vor der Schlucht, eine Vorahnung vielleicht. M. wagt einen Schritt in den Flur, der mit Bildern behangen ist, vielleicht kann man die Bilder auch kaufen, ich könnte Bilder gebrauchen.

„Halt“, sagt M., „dort hängt ein Porträt von Adolf Hitler.“

20160508_194344Es handelt sich um eine Art Fahndungsplakat, kein echtes Porträt, etwas, das jemand entworfen und auf einem gelben Zettel ausgedruckt hat. Die Aufschrift lautet: „Vermisst seit 1945. Adolf Hitler, komm zurück.“ Keiner von uns kann das so richtig einordnen. Soll das ein Scherz sein? So offensichtlich wie das da hängt? M. blickt von außen durchs Fenster und entdeckt ein Wahlplakat der Republikaner, irgendwas mit Minaretten. Gibt es die noch, also die Reps? Feige versuche ich das Hitlerbild mit dem Handy zu fotografieren, bin aber zu weit weg, als dass man es so richtig erkennen könnte.

Der ganze schöne Lokalpatriotismus von vorhin ist verpufft. Oh herrlich – so herrlich ist es dann eben doch nicht. Irgendwo lag mal Rudolf Heß, aber nicht hier. Ein unzurechnungsfähiger Trödelhändler hängt sich den Adolf in den Flur. Überall wird Kulmbacher Bier ausgeschenkt.

Gräfenberg tatsächlich wird heute nicht mehr angesteuert. Das mit Heß war nicht ganz so falsch von meinem Gehirn, schließlich liefen die Neonazis in Gräfenberg ganz gern durch die Straßen, von 1999 bis 2011 war das, auch als Ersatzveranstaltung für den in Wunsiedel verbotenen Heß-Gedenkmarsch. Von einem Aktionsbündnis wurden die Nazis dann mehr oder weniger vertrieben, zumindest bis ins fünfzehn Kilometer entfernte Obertrubach, wo NPD und Fränkische Aktionsfront fröhliche Sommerfeste abhielten. Mittlerweile scheint Ruhe eingekehrt. Entsprechende Organisationen sind verboten, die NPD will sich mehr auf Niederbayern und die Oberpfalz konzentrieren. Dort kann man sicher auch toll wandern und Motorrad und Kutsche fahren. Dort ist es auch schön.

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Besser Wurst. Ein Wochenende in Dortmund

Auf der Rückfahrt bin ich übellaunig. Es ist ein schöner Tag, die Autobahn ist weitestgehend frei. Doch Dortmund liegt nun hinter uns. Immer, wenn ich Dortmund in den Verkehrsnachrichten höre, muss ich an Dortmund denken. Ein magisches Wochenende.

Als ich einmal im Radio zum Thema Urlaub befragt wurde, sagte ich, neulich hätte ich ja auch Urlaub in Dortmund gemacht, nur um sagen zu können, ich mache Urlaub in Dortmund. Und schön sei es gewesen! Vielleicht stimmt das. Vielleicht habe ich aber auch Urlaub in Dortmund gemacht, um im Radio sagen zu können, ich hätte Urlaub in Dortmund gemacht, um überhaupt sagen zu können, ich mache Urlaub in Dortmund.

Das soll die Nachwelt entscheiden.

richmannFakt ist, die Kunst des guten Gastgebens wird von Pascal Richmann (anbei mit Fanschal) höchst würdevoll praktiziert. Er bettet uns sanft zwischen Schallplatten der Hamburger Schule und füttert uns mit scharfen Pastagerichten. Überhaupt, der Dortmunder isst gern scharf, nicht nur Richmann. Ich weiß nicht, wie das Viertel heißt, in dem wir untergekommen sind, und ob man Viertel sagt oder Kiez oder Dings. Aber es ist schön hier. Wir kommen spätnachts nach Hause und kaufen im Kiosk gegenüber ein großes Glas Bockwürste. Dann sitzen wir am Küchentisch und tunken die Bockwürste in ein Glas Salsasoße (wenn ich mich recht erinnere) und können kaum noch sprechen.

Überhaupt Wurst. Wurst, der Markenkern der Ruhrpottromantik. Im Ascheregen zwischen Bohrtürmen und Halden eine gute Wurst, scheißegal, ob mit Sulfite, und nen markigen Spruch auf den Lippen.

Klar suchen wir das Scheißklischee, denn wir kommen schließlich aus Bayern, wir leben in barocken Palästen oder niedlichen Fachwerkhäuschen. Ich dusche eine Woche lang kochend, als ich endlich zurück bin und schwöre mir, nie wieder NRW, denn ich bin zu schwach. Eine Frau vorm Sissykingkong wirft uns vor, wir könnten, was die Ausländer angeht, überhaupt nicht mitreden. Kommen hier her ausm schönen Bayern und ihr was erzählen wollen. Zwei meiner vier Freunde wollen sie hauen, aber sie ist eine Frau.

Wir sitzen unterm U in der Sonne und trinken Gin Tonic. Wir bemitleiden den Mann mit der Lederjacke, der mit seiner schrecklichen Familie Meeresfrüchte Essen gehen muss. Wir finden einen Ort, an dem es anständigerweise ein Spiegelei auf den Burger gibt. Nebenan im Anschluss Jägermeister.

Stadion Rote Erde. Natürlich. Dortmund II gegen Dynamo Dresden. Ist Kevin dabei? Nö. Ein aufgebrachter Pulk hüpfender Glatzen, angereist aus dem Un-Ort, gegenüber die „Sektion Stadionverbot“, hier bei den Amateuren, denn im großen, wunderschönen Tempel, in dessen Schatten wir stehen, haben sie halt eben Stadionverbot. Rote Erde, das klingt schon so nach epischen Schlachten, Nachkriegsdeutschland, Wunder von Bern. Dazu eine Stadionwurst, versteht sich.

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Danach in die City. Richmann will sehen, wie es bei der Ersten läuft, verlässt die Kneipe alsbald aber wieder. Zu viele Nazis. Die machen das immer unangenehm. Wir verfolgen den weiteren Verlauf des Spieltags in einer Einkaufszentrums-Kneipe. Schöner geht kaum. Richmann zum Nebenmann: Wie stehts bei Scheiße? Man sagt „Scheiße“ statt „Schalke“. Ich geißle mich mit Meterwurst, weil ich so ein schnöder Bayernfan bin.

In der Nacht versuchen Richmann und ich den Bambergern die Liebe zu Elton John beizubringen. Wir scheitern.

Dortmund heißt Auszeit, mal wieder Jungs sein, nachts Bockwurst fressen und am frühen Nachmittag den Bockwurstgeschmack mit Bier aus dem Mund spülen. Über Musik reden und über Frauen. Groß, alles viel zu groß. Stephan kauft sich auf dem Flohmarkt sieben Sonnenbrillen zum Preis von zwölf Euro. Weil er eh immer alle verliert. Dann holen wir uns Currywurst. Besser Wurst, sagt Michi, sei das Motto des Urlaubs.

schlafJeder Urlaub braucht ein gutes Motto. Comittment hatten wir zuletzt, Hannover. Eines habe ich vergessen. Besser Wurst ist auch gut. Man muss lernen, das Gefühl zu genießen,
wenn der Körper nach drei Tagen Alkohol und Wurst aufquillt und Talg aus allen Poren sprießt. Man muss lernen, das als wünschenswertes Endes eines Prozesses zu betrachten, für den man sich schließlich entschieden hat, als man entschieden hat, nach Dortmund zu fahren.

Ein bunter Mann fährt auf Rollschuhen durch die Stadt. Gab es ihn wirklich? Wenn man nur noch ein kleines Bier schafft, bestellt man ein Stößchen. Vom Dach des U zeigt Richmann in irgendeine Richtung. Grüne Hügel, irgendwo wahrscheinlich die Ruhr. Dort sei angeblich das Sauerland.

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Asien, 2015, Smartphone

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So geht es los. München, Flughafen, später Nachmittag. Kann über das Fliegen noch irgendetwas geschrieben werden? Ich glaube, nein. In meinem Gesicht (links im Bild) sehen sie die Vorfreude auf die On-Board-Filmauswahl. Ich poste das Bild bei Facebook, erstmals mit Smartphone unterwegs. Muss man ausnutzen.

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Städte nach Kommunisten benennen. Eine schöne, aussterbende Tradition. Ho-Chi-Minh-Stadt heißt Ho-Chi-Minh-Stadt, oder City, oder HCMC. Wie eine Atemwegserkrankung. Die Männer in den dunkelgrünen Uniformen mit goldenen Sternen auf rotem Grund auf den Schultern wollen uns nicht reinlassen. Weil wir keinen Nachweis haben, dass wir in zwei Wochen wieder abhauen. Ich bin mit einem Fuß schon wieder im Flieger, egal wohin, weil ich noch was fertig schauen muss. Dann buchen wir einen Bus, der uns in zwei Wochen aus der Stadt bringen soll. Wir buchen ihn sogar doppelt, weil uns per Mail nur eine Fehlermeldung erreicht. Dann lassen sie uns rein. Nix Lost in Translation, nix Edward Snowden. Am Abend Hot Pot mit Undefinierbarem, möglicherweise Darm und Ohr, möglicherweise vom Schwein. Schmeckt nicht schön.

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HCMC: Am ersten Morgen steigt J. verschlafen aus seinem Bett. Er hat okay geschlafen, er hat noch den Flug in den Knochen und er mag die Klimaanlagenluft nicht so gerne. Jetzt muss er pissen. Er ist flott unterwegs, J. ist immer flott unterwegs, ganz oder gar nicht, an oder aus, immer hundert Prozent. Dann schreit er und ich schrecke aus dem Bett und sehe, dass J. nur noch auf einem Bein steht und springt und den linken Fuß in den Händen hält. Es hat keinen Tag gedauert, bis sich der erste verletzt. An der absolut unnötigen Schwelle zum Klo den großen Zehennagel geopfert. Der steht jetzt scharfkantig in der Luft.

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Mui Ne. Der Strand ist schlammfarben und verschwindet jeden Tag ein bisschen mehr. Im Meer jagen Kitesurfer nach den Köpfen der Schwimmer. Mui Ne ist nur eine langgezogene, schmutzige Straße, links Massage, rechts Bungalow. Wir werden von zahnlückigen Rollerfahrern umschwirrt. Das Gefühl, für immer schlafen zu können. Die Asiatinnen, die einen bei jeder Bestellung auslachen. Die Sehnsucht, wenigstens ein bisschen Müll trennen zu dürfen. Viel Dosenbier und Gin-Tonic bei Joe’s, um irgendwie alles loszuwerden. Und immer wieder der blinde Rosenverkäufer, der von seiner Tochter durch die Reihen der Essenden und Trinkenden geführt wird: „Ekskjuuse mee…“Ab 22.30 Bayern gegen Dortmund in der russischen Sportsbar Ultras. Der Besitzer findet, Müller sei ein guter Spieler und Lewandowski eine Prostituierte. Ergebnis: 5 : 1. „That’s football.“

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Da Lat. Ja, im Wäldchen beim Kloster regnet es und wir müssen der Frau diese Plastiktüten-Ponchos abkaufen, aber repräsentativ ist dieses Bild nicht, weil Da Lat ist schön. Hier gibt es Skater, die Milchkaffee verkaufen und eine Band, die an jedem verdammten Abend das selbe spielt. Wonderwall zum Beispiel. Heute aber nicht Linkin Park, weil der Sänger ausfällt. Ich lasse mir die Haare schneiden, die sehr jugendliche Friseurin streckt danach beide Daumen hoch und grinst ganz wunderbar. Erinnert mich an ein Pokémon. Wir machen eine Secret Tour, bei der ich eine Holländerin auf dem Roller durch das Hochland fahre und wir von Dorfbewohnern für bombenschmeißende Amis gehalten werden. In Da Lat verspeise ich folgende Lebewesen: Grille, Ratte, Frosch, Schlange, fast Hund. Cool.

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Phu Quoc ist eine Insel. Man kann Kambodscha von hier aus sehen, aber man kommt nicht rüber, weil Vietnam und Kambodscha sich immer streiten, wem Phu Quoc gehört. Wir treffen einen Australier, der mit einer Hamburgerin reist und verstehen kein Wort von dem, was er sagt. Netter Kerl auf jeden Fall. Am besten ist es immer, sich einen Roller zu mieten. Und sich auf dem Nachtmarkt einen Thunfisch zu kaufen. Wir besuchen eine Disko, sie heißt Pirate’s Cave. Die DJane sieht cooler aus, als sie auflegt. Meistens ohrenbetäubende Remixe der neusten Superhits. Es ist ziemlich eisig kalt und ab und an kommt ein Pulk weißer Typen in Unterhemden rein und einer reißt so die Arme in die Höhe und streckt die Zunge raus und die anderen stehen außen rum und wissen eigentlich auch nicht so recht. Es gibt viele Asiatinnen mit sehr kurzen Röcken. Die anderen drängen mich, diesbezüglich etwas zu unternehmen. Ich frage ein Mädchen nach ihrem Namen, sie geht weg. Wird als Erfolg verbucht.

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Grenzübergang. Erst gibt man seinen Pass einer Frau, die den Pass dem Busfahrer gibt, der Busfahrer gibt den Pass dann einem Mann, der an den Autos in der Nähe der Grenze rumlungert, der geht dann voran. Dem geht man nach. Der rumlungernde Mann gibt den Pass an der Grenze einer Frau, die so aussieht, wie die erste Frau, die gibt den Pass dann einem kambodschanischen Grenzer. Die beiden Länder sind sich irgendwie nicht so ganz grün. Deswegen baut Kambodscha Casinos an die Grenzen. Die sind in Vietnam verboten. Auf die Art verhindert Kambodscha, angeblich!, dass die Vietnamesen ihre Grenze verschieben.

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Koh Rong wird einem wie jede Insel in diesen Gewässern als das Tropenparadies auf Erden angepriesen. Ist ja auch echt schön, aber dann zieht das immer diese Unterhemden an, die Pub Crawls und Sandwrestling veranstalten. Ist ja auch ihr gutes Recht. Andere leben tatsächlich davon, Goa-Dj zu sein und wenn man mit denen eine Bootstour macht, haben sie Boxen dabei und legen voll oldschool ihren geschmacklosen Schund auf (echt chillig, Mann!) und verjagen alle Fische. Ich fange trotzdem zwei, J. auch. Am nächsten Morgen muss er mich ans Festland begleiten: Habe die schrecklichsten Schmerzen meines Lebens, im Ohr. Beim Essen fallen mir die Nudeln aus dem Mund. Nachts wache ich auf, sobald die Wirkung der Ibuprophen nachlässt. Der viel zu junge Arzt im wunderbaren Krankenhaus in Sihanoukville verschreibt mir ein bisserl Codein. Das hilft.

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Bei der Rückfahrt teilen wir uns den Kahn mit Baumaterial. Es wird ständig überall gebaut, das ist die Nebensaison.

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Wenn Sie ein Sextourist sind oder werden wollen (uns ist ja jeder Leser recht, ein Klick im anonymen Ozean der Klicks), sich aber vor der strengen thailändischen Polizei und den verurteilenden Blicken der Touristen fürchten, dann ist Phnom Penh möglicherweise genau das richtige für Sie. Es ist, so scheint es, das Paradies der Haarlosen und Fettleibigen, der Teigfinger und Wulstlippen. Das ist nicht schön anzusehen. Zum Glück sehen wir auch einen Affen.

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Ich habe mit meiner Spiegelreflex auch gute Bilder von dem Affen gemacht, aber hier ist jetzt mal nur Smartphone, also muss man sich mit dem Mist begnügen. Generell würde ich sagen, früher war mehr Affen. Der hier ist ein Tempelaffe, der passt da auf, dass alles mit rechten Dingen zugeht, ärgert die Katze, schaut Kickboxen im Fernsehen. Solche Sachen. Hihi, Affe.

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Nach Siem Reap fahren die meisten Leute ja wegen den Tempeln von Angkor Wat. Dabei gibt es dort auch ganz hübsche Plastiken von Vögeln, die die Gedärme eines Menschen fressen. Buddhismus, du machst es richtig.

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Wir sind mit einem Tuk-Tuk-Fahrer verabredet, der holt und so gegen 4 Uhr morgens ab. Denn: Den Sonnenaufgang darf man überhaupt auf gar keinen Fall verpassen. So sieht man dann um die Uhrzeit aus. Bleich, fettiges Haar, Reisebart, übergewichtig. Man setzt sich an den Teich und wartet, dass hinter Angkor Wat die Sonne aufgeht und versucht dabei krampfhaft, bloß nicht einzuschlafen. Als die Sonne sich dann so langsam zeigt, hat sich ein Grüppchen mit ihrem Guide am Ufer des Teiches platziert. Hinter mir stehen fünfzig bis hundert Leute. Die ärgern sich jetzt. Irgendwann erbarmt sich einer und schreit: „Guys! Move ayway! You’re ruining the shot!“

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Schon gut. Aber wenn man jetzt nicht generell jemand ist, der gerne und immer um vier aufsteht, dann, ganz ehrlich, kann man auch noch bisschen liegen bleiben. Angkor Wat ist große Klasse. Aber dieser Sonnenaufgang ist überbewertet. So, jetzt ist es raus.

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Und fegen. Immer fegen. Das ganze Land muss immer optimal gefegt sein. Da wird bei Angkor Wat keine Ausnahme gemacht. Auch Ruinen kann man ab und zu mal ordentlich durchfegen.

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Bangkok. Du warst schon mal hier und denkst, Ah, ja, Bangkok, typisch Bangkok, so ist einfach Bangkok. Wie ein alter Hase. Du wimmelst die Leute ab, die dir was zeigen oder was andrehen wollen. Du knallst dir nen Skorpion vom Spieß rein, den die anderen schnell kaufen, während du auf dem Klo bist. Und du holst dir im Mission Hospital eine neue Ladung Antibiotika. Wegen des Ohrs. Dort wirst du auch gewogen wie ein Mastvieh. Und das ist nun wirklich keine schöne Urlaubserfahrung.

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Okay. Wir sind vier Wochen durch Südvietnam und Kambodscha gehetzt. Im Schnitt drei Tage pro Ort, oder vier. Dann rein in den Nachtbus, da schläft man eh nix. Und dann bleibt er noch liegen. Dann Sight-Seeing. Hier ein Tempel, hier ein Foltermuseum, hier altes Kriegsgerät, zwischendurch ein Eiskaffee, am Abend Sea Food. Vieles ist gar nicht schön, sondern billig oder Baustelle. Dafür ist es heiß und auf meiner einzigen kurzen Hose sind noch immer Fettflecken von einer Pho-Suppe in Ho Chi Minh Stadt. In Bangkok verabschieden wir uns von M., die jetzt heim und arbeiten muss. U., J. und ich wollen uns jetzt entspannen. Und dafür fahren wir nach Koh Phayam und machen dort genau nix. Fünf Tage mindestens hatten wir gesagt, am Ende sind es zwei Wochen. „You don’t need to go anywhere else. This is the best place“, hatte uns ein Schwede gesagt und weil der ein Arschloch war, wollten wir nicht auf ihn hören, taten es dann aber doch.

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Dieser junge Mann setzte sich in der Jungle Bar neben uns. Er sagte: „Hi, do you want bamboo tattoo?“ Das sei sehr ungefährlich sagte er, man könne am nächsten Tag schon wieder in die Sonne und auch ins Wasser. Ich erkundigte mich nach den Preisen. Dann sagte ich: „Hm.“ Wir dachten eine Nacht lang drüber nach. U. entschied sich für ein Horusauge, das passt, weil es für Gesundheit steht und U. so ein Hypochonder ist, der ständig glaubt, sich Malaria eingefangen zu haben. Ich habe jetzt einen Käfer, wegen des Derms aber auch sonst. Es gibt ja nichts Dämlicheres als Tattoos mit Bedeutung.

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Hier freue ich mich, weil ich so ein furchtloser, cooler Typ bin. Ganz süß eigentlich, oder?

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Diese Sache noch. Das ist die Hippy Bar. Als wir Koh Phayam erreichen, ist die Hippy Bar noch zu, wegen Nebensaison. Im Laufe der Woche schmeißen die Hippys ihren Generator an und verkaufen Bier. Sonst nix. Dann sitzt man da so rum, wenn man Glück hat, mit Anti, dem finnischen LKW-Fahrer, wenn man Pech hat, mit einem Engländer, der uns fragt, ob die fucking Merkel eigentlich übergeschnappt sei, die ganzen invaders in sein schönes Europa einzuladen. (Auf Koh Phayam wohnt außerdem ein Rudi, der davon überzeugt ist, Barack Obama sei schwul und Michelle eigentlich ein Michael (man kann das auch googeln, ich will das hier jetzt nicht verlinkt haben) und in Europa herrsche Bürgerkrieg und an der syrischen Grenze stehen zwei Container mit Dollars und iPhones 6 und wenn die Syrer dann Europa übernehmen sollen, bekommen sie alle eine SMS auf ihr iPhone…) Wenn der Generator dann den Geist aufgibt, ist es stockdunkel und also Feierabend. Wir sind ohnehin schon dicht genug. Ich stehe schlingernd auf, weil ich noch schnell ins Meer urinieren möchte. Ich leuchte mir mit einem Feuerzeug und erkenne den Steg, der von der Hippy Bar an den Strand führt. Sobald ich ihn erreicht habe, brauche ich nicht mehr leuchten, denke ich, vergesse dabei aber, dass der Steg sich nach Zentimetern in zwei Stege aufteilt. Ich trete ins Leere, kippe vornüber und knalle mit den Rippen auf einen Pflock. Fast gepfählt, denke ich, während ich mich stöhnend im Sand wälze.

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Und Phuket, also zumindest Phuket Stadt, ist auch besser als ihr Ruf. Wir unterhalten uns mit Ukrainern über den Krieg in ihrem Land, dann geben sie uns Wodka aus, der sogar recht erträglich ist.

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Wenige Stunden bis zum Heimflug. Der Reisebart wächst mir unangenehm in den Mund.

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In diesen sechs Wochen habe ich immer wieder Häme ertragen müssen, weil J. und U. einen deutlich rascheren Rückflug haben als ich. Nach zwei Stunden Aufenthalt in Doha, geht es auch schon weiter. Ich bleibe knapp zehn Stunden. Was die beiden nicht wissen, ist, dass sie daher den Sonnenaufgang verpassen, der am Morgen durch die Fenster linst. Und eine kalte, unbequeme, schreckliche Nacht in einem Quiet Room.

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Fazit? Lieber kein Fazit, wenn man nichts Neues zu sagen hat. Reisen sind gut. Sollte man definitiv ab und zu machen. In Asien sind die Menschen freundlich und das Essen schmeckt gut. Auch wenn einem auf Dauer die Knusprigkeit abgeht. Während des ganzen Rückfluges freue ich mich auf eine Butterbreze und ein belegtes Brötchen. Das kaufe ich mir in Frankfurt und stopfe es innerhalb von Sekunden in meinen Mund.

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John Lee Bob. Oder: Wie ich einmal Urlaub in Ohio machte.

Der DERM hat ausnahmsweise mal weder Kosten noch Mühen gescheut und seinen besten freien Mitarbeiter Pascal Richmann über den wiemansoschönsagt großen Teich und nach Ohio geschickt. Um mal zu sehen, was da so los ist. Etwa etwas Berichtenwertes? Und ob! 

Da hatten wir also Teleskopstangen in John-Lee-Bobs Garage gefunden, tipptopp in Schuss, das muss ich sagen, wobei mir jetzt auffällt, dass uns die erste Person Plural schon damals als eine ziemlich lächerliche vorgekommen war, aber was soll’s, Ohio ist schließlich nur einmal im Jahr und die Lammfelle, die wir über Zylinder gestülpt hatten, rollten schöne Rechtecke auf den Asphalt. Aber nein, falsch frottiert, natürlich waren wir es, John-Lee-Bob und ich, die im Vorgarten mit Malerwalzen ein dutzend Parkbuchten markierten, drei in jeder Reihe, das ist klar, und klar ist auch, dass Farbe kein Festland kennt. So wurde aus John-Lee-Bobs Garten ein Parkplatz, mir nichts, dir nichts, an einem sonnigen Morgen im Monat August. Als unsere Mofas endlich in den noch feuchten Parkbuchten standen, entdeckten wir auf der gegenüberliegenden Seite des Garagenvorplatz ein Mädchen, das selbstgemachte Limonade verkaufte. Sie trug einen Strohhut und las in einem Roman von Stephen King. Lust auf Limo ließ uns mit Dollarnoten winken, das Mädchen aber schien nichts zu bemerken.

Weil John-Lee-Bob bei der amerikanischen Regierung als Physiker angestellt ist, unterhielten wir uns oft über Oppenheimer, angeregt und im Plauderton. Farbe und Rasse seines Pferds, Lieblingsobst, das Verhältnis zu seiner Mutter, solche Dinge. Eben weil John-Lee-Bob für die Regierung arbeitet, die ihn von Geburt her vertritt, das ist klar, sprach er am liebsten über Unverfängliches, und tatsächlich hielt er sich ganz ordentlich, das muss ich sagen, zumindest solang bis die Eiswürfel im Tumbler geschmolzen waren. Einmal, das Weiß der Markierungen blitzte im Mondschein, denn es war spät geworden, begann er von schwingenden Weltflächen unterhalb des Bundesstaates zu berichten, wobei, das sagte er noch und brach dann in ein so heftiges Gelächter aus, dass er an der eigenen Spucke zu ersticken drohte und ich ihm also mehrmals auf den Rücken klopfen musste, wobei, sagte er, das sei sowieso klar, ich müsse mich nur umschauen, hier in den Cornfeldern Clevelands. Oben als Agrarwirte die Amischen, in Zweispannern und inzestuöse Tankwarte, ihre Kanister füllend, die Wohnwagensiedlungen usw. usf., unten die erdkernnahen Enthusiasten, die wirklich so hießen, das schwöre er bei Gott. Die rechte Hand am Herzen, sprang John-Lee-Bob vom Campingstuhl auf und intonierte den Star-Spangled Banner, und sofort stieg ich ein, und dann sangen wir alle vier Strophen, während sich unsere verwässerten Drinks im Takt dazu bewegten. Später fuhren wir auf unseren Mofas, jetzt Sinatras größte Hits singend, durch die schlafenden Städte Ohios.

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War John-Lee-Bobs Kommunikationskontrolle intakt, schwiegen wir. Gemütlich saßen wir dann vor seiner Garage und nippten am Bourbon, der Schärfe und unseren Gedanken nachschmeckend. In der Ferne rauschte der Freeway. Amerikanerinnen, die einen hohen Pick-Up fuhren, konnten problemlos über den mannshohen Mais blicken, das ist klar. Trucks und Trucker. Raststätten und Restaurants, die Fenster vor der Brust, uns observierend. Wir schlossen die Augen und lauschten. Wind, der über den Parkplatz ging und Plastiktüten vor sich her schob, stieg uns in die Nasen, gehaltvoll wie ein Mehrkornbrot von Trader Joe’s. Wenn uns langweilig wurde, verschwanden wir hinter John-Lee-Bobs Garage und schossen auf Leergut. Am liebsten nahmen wir mexikanische Pepsi-Flaschen ins Visier, des Vintage-Look wegen. Peng, machte die Mauser. Peng. Peng. Peng. John-Lee-Bob versicherte mir, dass die Patronen dutzende von Meilen, wie an einer Schnur gezogen, geradeaus fliegen können, vorausgesetzt, es käme ihnen nichts dazwischen, das sei klar, und dass kürzlich in Dubai ein im Rollstuhl sitzender Scheich von der eigenen Kugel erschlagen worden sei, nachdem er vor lauter Freude über eine neu entdeckte Ölquelle vertikal in den Himmel gezielt, dann aber vergessen hatte, rechtzeitig davonzurollen. Aufgeregt begann John-Lee-Bob die Parkbuchten mit mathematischen Formeln und Graphen zu füllen. Seine Walze war sehr filigran und alles bestens zu entziffern. Eine Weile lief ich zwischen den Buchten hin und her, doch dann begannen mich John-Lee-Bobs Berechnungen so sehr zu verwirren, dass ich eilig den Vorgarten verließ.

richmann2Als er mich, atemlos und mit zerzaustem Haar, hinter der Garage fand, fragte er, ob wir noch immer eine erste Person Plural seien, natürlich, sagte ich und fügte hinzu, dass ich gerade ein Gedicht über meine Zeit in New-York geschrieben hätte, das müsse ein junger Mensch so machen, seine Erlebnisse in das Große und das Ganze einordnen, obwohl, korrigierte ich mich, eigentlich sei es ein Kriminalgedicht, ein Gedicht mit Spannung, ein Gedicht mit Mord, das zwar in New York spiele, na gut, aber das bedeute nichts, es sei ja wirklich spannend und trage den Titel Walgesänge im Hudson River. Und sofort wollte John-Lee-Bob alles über Kriminalgedichte wissen, ob mitunter Krabben, Hummer und andere Meeresfrüchte, gar oder lebendig, in ihnen vorkämen, wollte er wissen, was ich heftig nickend bestätigte, und ob mir überhaupt klar sei, dass auch er, John-Lee-Bob, Gedichte schreibe, und zwar ausschließlich solche mit Spannung, ausschließlich solche mit Mord. Lachend vor Freude lagen wir uns lange in den Armen, bevor wir das erste internationale Komitee für aufregende Dichtung gründeten. Was aber war ein Kriminalgedicht? Formalismen!, riefen wir aufgebracht, Formalismen!, die nämlich haben ein echtes Kriminalgedicht nur so weit zu interessieren, wie es durch die eigene Form den Ursachen des Verschwindens anderer Formen nachstellt. Wo sind die Sonette?, riefen wir, und noch aufgebrachter als zuvor: Wo die Realviszeralisten? Die Form stellt der Form nach, wie der Dichter dem Dichter, das ist klar. Begeistert sprangen wir von Bucht zu Bucht, die sich inzwischen bis hin zu Wall Mart erstreckten, klatschten in die klammen Hände und umrissen Fäden als Parabel. Das Mädchen mit der Limonade war verschwunden. Über uns brannte der Himmel jäh wie Sonora hinter den Grenzlinien der Wüste. Und was wusste Wittgenstein?, schrie John-Lee-Bob in die Weite des Platzes, und dann beschlossen wir, dass sich diese Frage nie wieder stellen sollte. Ich griff nach der Malerwalze und

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