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In Kalifornien wird weitergescheitert: Jonas Lüscher – Kraft

Wie isses, fragt der Philosoph die Welt. Wie ist alles, so insgesamt betrachtet. Alles gut? Richard Kraft ist Rhetorikprofessor, Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Walter Jens in Tübingen, o-ho. Er erhält eine Einladung nach Kalifornien, Stanford University, um sich dort mit einer Theodizee-Variation eines philosophiebegeisterten Technikmillionärs herumzuschlagen. Es geht um die Frage, warum alles, was ist, gut ist und man es, also alles, dennoch verbessern kann. Schön für Kraft, diese Einladung. Der beste Essay, der sich der Beantwortung der Frage widmet, bekommt nämlich eine Million Euro.

„Kraft“ wie der Professor heißt der Roman von Jonas Lüscher. Lüscher ist ein studierter Philosoph, unter anderem, und weiß also, wovon er spricht. Endlich wieder so ein Campusroman. Das gefällt mir sehr gut, warum auch immer. Lüschers Roman ist fest in der akademischen Welt verankert. Er erzählt die Werdensgeschichte seines Helden, die Kalifornienreise ist Anlass und Endpunkt. Es geht aber nicht nur darum, ob Kraft Millionär wird, sondern vor allem darum, wie aus ihn so ein erbärmlicher und verzweifelter Mann werden konnte.

KraftMit diesem Kraft soll ein Mann beweisen, dass alles gut ist, bei dem aber überhaupt gar nix gut ist. Krafts zweite Ehe muss von ihm selbst als gescheitert betrachtet werden.
Hätte er das Preisgeld, er könnte sich eine Scheidung leisten. Auch Heike war, so heißt es, ersichtlich, dass er darauf angewiesen war, all seinen Restoptimismus zu reaktivieren, um zu begründen weshalb alles, was ist, gut sei; etwas, das war auch Heike klar, was ihm besser gelingen würde, je weiter er von ihr weg war. Kraft mietet sich also bei seinem ehemaligen Studienkollegen Ivan ein, der ihn ja schließlich auch eingeladen hat. Ivan heißt eigentlich István. Es verschlug ihn als Hemdenwäscher eines ungarischen Schachteams nach Berlin. Das Team vergaß ihn im Hotel und István konnte sich eine semiwahrheitsgetreue, schicke Existenz als Dissident zurechtbiegen. Kraft findet, damals zu Studienzeiten, 1981, in diesem Ungarn einen Mitstreiter im weltanschaulichen Abseits, denn:

Kraft genoss zu dieser Zeit an der Freien Universität einen Ruf als brillanter Denker […], aber weil er eben nur einer von jenen war, suchte er nach einem sicheren Mittel der Distinktion und wandte sich zum diesem Zweck dem Thatcherismus zu, einer weltanschaulichen Strömung, von der er sicher sein konnte, dass sie ihn in der Studentenschaft genügend isolierte, um fortan unter den Vielversprechenden als der verschrobenste Vielversprechende und damit auf geheimnisvolle Weise als der Vielversprechendste unter den Vielversprechenden zu gelten.

Kraft und Ivan sind das doppelköpfige Wappentier des Liberalismus an der traditionell sozialistischen Uni. Auf dem politischen Gleichschlag ihrer FDP-Herzen basiert diese Männerliebe. Das alles sind Zutaten für einen sehr konzeptuellen Thesenroman. Rhetorikprofessor, Politikwissenschaften, Theodizee, Liberalismus, Neoliberalismus, Silicon Valley, Midlife Crisis (wie sich das gehört für den guten Campusroman). Und Jonas Lüscher hat auch Bock drauf, immer wieder mal essayistisch auf die Kacke zu hauen, auszuufern und zu zeigen, dass seine Eltern ihn nicht umsonst auf die Philosophenschule geschickt haben. Am Ende aber ist Lüscher kein Philosoph, sondern schon Romancier. Er kann verdichten und dosieren und seine Charaktere in der Realität verankern. Mit Hilfe der Geschichte vom vergessenen Hemdenwäscher zum Beispiel. Später haut eine gewisse Ruth dem Ivan „Frieden schaffen ohne Waffen!“ brüllend eine Blume ins Gesicht. Es handelt sich um eine gelbe Gerbera. Kleine, sinnlose Details machen Spaß. Kraft muss diese Ruth heimlich schwängern, wobei er von der Schwangerschaft bzw.: dem Kind der Ruth ohnehin erst sechs Jahre später erfährt. Sein Freund trägt von der Attacke einen dauerhaften Schaden und viel Zorn davon:

Es flossen Tränen, es floss Blut und es floss leider auch Istváns Glaskörper, der, perforiert von dem Blumendraht, mit der eine umsichtige Floristin die Gerbera stabilisiert hatte, seinen Inhalt auf Istváns Brust verteilte und das Porträt des lachenden Präsidenten besudelte.

Eine solche Stelle zeigt doch recht schön, was Lüscher da vor allem sprachlich alles macht. Man muss das vielleicht einfach mal so unkritisch rausrotzen: Es ist ein großer, ästhetischer Genuss durch diesen Text zu schwimmen. „Kraft“ ist nie blutleer oder trocken, macht nie den Versuch, die großen Themen durch leichte Sprache zu portionieren. Gleichzeitig schafft es Lüscher ein Wort wie „perforieren“ unterzubringen, wo es um das Auge des Ungarn geht, ohne dass das zu gestelzt rüberkommen würde. Ironische Reflektion wirkt mittlerweile ja fast ein bisschen oldschool, aber wenn einer das so gut kann, gibt es doch eigentlich nichts Schöneres. Es steckt viel Sorgfalt in diesem Stil. Mehr als in dieser Rezension sicherlich. Ich habe mir nun extra Martin Walsers Brandung und Dietrich Schwanitz‘ Der Campus bereitgelegt, um eine Art Vergleich der schematischen Professorenfigur in diesen Romanen zu versuchen: natürlich neurotisch, pedantisch und immer ein bisschen zu geil auf Studentinnen, wobei das bei Lüscher nur am Rande mal auftaucht. Nun habe ich aber weder im Schwanitz noch im Walser etwas angestrichen, sodass dieser Vergleich entfallen muss und dieser Absatz bloß noch Zeugnis meiner immensen Belesenheit bei gleichzeitiger Vergesslichkeit bleibt.

Noch einmal in die Handlung des Romans hinein. Der Leser trifft quasi drei Krafts. Den in Berlin, den in Tübingen, schließlich den in Kalifornien. Zwar ist der erste schon ein arroganter Hund, aber in seiner Selbstüberzeugung nicht ungebrochen. An Kraft nagen Zweifel, mehr als an Ivan. Letztlich ist Kraft möglicherweise zu intelligent, um sich einem Konzept wie dem Kapitalismus tatsächlich voll und ganz verschreiben zu können. Die Philosophie soll ihm ein Schlüssel zur Welt sein, gegen ihre Komplexität. Sein andauernder Redefluss ist Bewältigungsstrategie. Damit ist Kraft ein immerwährend Scheiternder. Er wusste, dass nichts einfach war, nie. Er war für alle Zeiten verloren.

Ein Charakter, der an inneren Widersprüchen zu knabbern hat und von einem überreflektierten Über-Ich begleitet wird, das ist ein Rezept für einen sogenannten runden Charakter in der satirischen Überhöhung. Das muss man so erstmal können. Nichts ist einfach, nie, das ist die Grundannahme der Figur und des Romans. Es gilt für den Weltverlauf wie für die Persönlichkeit. Kraft bleibt auch dadurch immer glaubwürdig in seiner Lächerlichkeit. In Kalifornien wird weitergescheitert. Er will paddeln und kehrt ohne Handy und ohne Hose, besudelt zurück. Und er muss Johanna finden, die einst vor ihm nach Kalifornien floh. Aber warum? „Kraft“ ist auch die Geschichte dieser drei Lieben, Ruth, Johanna, Heike, die freilich scheiterten und scheitern.

Lüscher veranstaltet eine fröhliche Desillusionierung, die auch vor dem heiligsten, dass dieser Kraft womöglich je empfunden hat, nicht Halt macht. Die Freundschaft zu Ivan hat gelitten, es ist ein Schweigen, eine Fremdheit zwischen den Verbündeten, die es vielleicht schon immer gab, durch die Distanz aber hervorgetreten ist.

Kraft wirft einen Seitenblick auf seinen Freund. Sicher, sie sind nicht mehr Mitte zwanzig, und diese Art der Freundschaft, das weiß Kraft, ist für Männer in ihrem Alter keine Option mehr; nur wer noch nicht allzu viel Beschämendes erlebt hat, kann in der Vorstellung leben, einen Freund zu haben, mit dem man alles teilen kann, sei eine schöne Sache. 

Während es dem einen gelungen ist, sich ein geregeltes Leben aufzubauen, die Sehnsucht des anderen, versinkt der in der Komplexität, die er fürchtet und nicht negieren kann. Nun soll er vom Optimismus erzählen. Alles ist gut.

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Der literarische Andi: AUERHAUS

Ich bin ein Fan des literarischen Quartetts. In Hildesheim hatte ich eine Phase, in der ich Nächte im Hochbett damit zubrachte, die ganzen alten Folgen rund um MRR nachzuholen. Ich schlief nicht, sondern hörte den Herrschaften im gehobenen Alter zu, wie sie über Bücher sprachen, die ich nicht gelesen hatte. Das war eine gute Zeit, ich kann das nur empfehlen.

Ich bin aber auch ein Fan der Neuauflage. Ich finde, die Runde ist gut zusammengestellt, Biller nervt nur manchmal über das Maß, ansonsten ist er sehr wichtig für das Format. Das Literarische Quartett funktioniert, wenn es Streit gibt. Oder wenn zumindest die Möglichkeit eines Streits in der Luft liegt, wenn es nicht mehr darum geht, dass eh alles Geschmacksfragen sind und jedes Buch seine Berechtigung hat, sondern darum Qualität und Schrott voneinander unterscheidbar zu machen. Die Neuauflage des Formats hat uns Fans (bin ich der einzige?) schöne Auseinandersetzungen beschert.

Nur einmal waren sich alle vier einig, der leicht pubertär provozierende Biller mit der coolen Brille, die fast bis an die Schmerzgrenze sympathische Christine Westermann, der normale, etwas zur Zickigkeit neigende Volker Weidermann und Gast Daniel Cohn-Bendit, bei dem man nie so recht weiß, was von ihm eigentlich zu halten ist. Und weil ich so ein guter Fan bin, war ich schlagartig überzeugt, dieses Buch lesen, und im Idealfall, besprechen zu müssen. Es handelte sich um Bov Bjergs Auerhaus. Es habe alle umgehauen, die es bislang gelesen hätten, so Weidermann.

Auerhaus.jpgDas meiste, von dem, was in der Sendung gesagt wird, ist richtig. Man kann sie sich anschauen und sich das Lesen von hier an sparen. Bjerg hat so etwas gemacht, wonach ich, glaube ich, generell auf der Suche bin, zumindest was Filme und Bücher angeht: Etwas vordergründig Kleines, Kompaktes, sehr schlicht, einfach. A Single Man ist der prototypische Film, an den ich in dem Zusammenhang immer denken muss.

Man könnte, stumpf, sagen, das liest sich so schön runter. Es stimmt schon, wenige Widerstände, kurze Sätze, eine Perspektive, dünner Plot, wenig Verwirrung. Aber, und hier schlösse sich Billers Frage nach Deutschland und dem Warum an: Nur auf diese Weise gelingt eine Auseinandersetzung mit großen Fragen. Kein Pathos aber: Erwachsenwerden, Schwulsein, Psychiatrie, Suizid. Wolf-im-Schafspelz-Literatur.

Die Konstruktionsprinzipien sind aus den genannten Referenzbüchern bekannt: Tschick (Herrndorf), Schneckenmühle (J. Schmidt). Zweiteres kenne ich nicht, ersteres jeder. Es sind halt die anderen vermeintlichen Jugendbücher der Erwachsenenschriftsteller. Sie nehmen sich einen überschaubaren Rahmen. In Schneckenmühle ist das ein Ferienlager, in Auerhaus das Dorf, bei Tschick meinetwegen die Straße, das Auto. Der zeitliche Rahmen ist begrenzt, auch die Anzahl der Figuren. Überschaubarkeit heißt auch Erzählbarkeit. Brandts Gegen die Welt ist ja auch eine Adoleszenz-Geschichte, aber eine in die Komplexität gesteigerte, die diesen Rahmen sprengt.

Für Höppner und seinen Kumpel Frieder scheint alles normal zu laufen, dem Alter entsprechend: Ein bisschen Mist bauen, irgendwie das Abi schaffen, Sehnsuchtsort Berlin (um dem Wehrdienst zu entgehen, siehe, am Derm-Hausaltar, Sven Regener). Die junge Liebe darf nicht fehlen: Vera mit den langen grünen Haaren ist Höppners Freundin, irgendwie, aber schlafen will sie nicht mit ihm und manchmal mit anderen knutschen schon. Denn Liebe sei ja kein Kuchen, der weniger wird, wenn man ihn teilt.

Auch das ist eines der großen Themen des Buches. Der Offene-Beziehungs-Quatsch und wie er an einem jungen Mann durchexerziert wird, der seine Machtlosigkeit erkennen muss, dessen Lähmung rasend machen kann. Das ist auch schmerzhaft.

Frieders Suizidversuch knallt in diese Welt. Höppner besucht ihn in der Psychiatrie: „Auf den Bänken im Park saßen Leute in Trainingsanzügen und rauchten. Das waren wahrscheinlich die Verrückten. Warum rannten sie nicht einfach davon?“ Danach muss Frieder Medikamente futtern, er soll, so der ärztliche Rat, nicht zu seinen Eltern zurück.

Frieder, Höppner und Vera ziehen in das leerstehende Haus, das Frieders Familie gehört. Cäcilia kommt auch noch mit, sie spielt den Snob, später noch Harald, der Handwerker und Grasdealer und Homosexuelle und zu guter Letzt die wunderbar symmetrische Brandstifterin Pauline. Im Gegensatz zu Tschick drängt der Plot nicht nach draußen, ins Unbekannte, sondern aus dem begrenzten Raum Dorf ins noch begrenztere Auerhaus.

Hier müssen sie überleben lernen, sich versorgen lernen, und sei es durch Ladendiebstahl. Klar kommen, ein bisschen Erwachsenendasein simulieren: „Wir hatten immer so getan, als ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre“, sagt Höppner später und mehr braucht es nicht, um diesen rauschigen Filter der Jugendmelancholie über die Story zu schieben, eine Nostalgie nach dem Jetzt.

Gleichzeitig kann dieses Zusammenleben nie das Zusammenleben einer ganz normalen WG werden. Auch wenn Cohn-Bendit sich gerne erinnert: So sei das damals gewesen, in den 80er-Jahren, und die Gespräche! Ja, manche Gespräche sind bedeutsam, aber Bjerg übertreibt es nicht damit. Er macht schon klar, dass das bedeutsame Gespräch immer auch unangenehm ist und manchmal erzwungen werden muss, dann zum Beispiel, wenn man eigentlich schon gerne wüsste, warum der beste Freund versucht hat, sich umzubringen. Frieder, der Spaßvogel, der den Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz umsägt, der mit der Holzpistole auf Polizisten zielt, der traurige Clown. Vielleicht.

Biller findet: Es gibt eine Erklärung. Der junge Mann leidet an der Kälte des Landes, der Kälte der Erziehung durch seine Eltern. Frieder soll ein kalter Mensch werden, so kalt, wie alles, was ihn umgibt, das möchte er aber nicht. Deshalb will er sterben.

Ich habe das so nicht gelesen. Ich glaube, Bjerg verweigert, ganz bewusst, den tiefenpsychologischen Ansatz einer Pseudo-Erklärung für die Depression eines jungen Mannes. Gerade das ist eine der Stärken des Buches. Natürlich haben Theorien wie die von der Kälte der Eltern ihre Berechtigung, sie drängen sich aber nicht auf. Die Eltern bleiben ohnehin im Hintergrund, blass, unwichtig. Sie verschwinden im Rausch des Adoleszenz-Narzissmus.

Man kann über Auerhaus all diese Dinge sagen, die man über ein solches Buch von dieser Qualität gemeinhin sagt: Es verbindet das Leichte mit dem Schweren, ist so lustig wie tieftraurig. Der Autor kennt die Effektivität seiner Mittel, verknappt, baut Lücken und Abgründe, vertraut den wenigen Worten, die er benutzt. Er vermeidet es, Frieders Leid groß auszustellen. Die schmerzhaftesten Stellen, wie gesagt, sind die, an denen es um Höppner und Vera geht: „Was man theoretisch richtig findet, kann ziemlich weit weg sein, von dem, was man praktisch aushalten kann.“

Klar, so manches retardierendes „Jedenfalls“ am Satzanfang hätte Bjerg sich sparen können. Das ist dann auch ein bisschen zu sehr Herrndorf. Und nein, nicht jede Beobachtung, nicht jeder Joke ist originell. Ich weiß nicht, ob wir noch mehr Lehrer brauchen, die die wenigen Haare, die ihnen geblieben sind, über die Glatze schmieren. Geschenkt, wurscht.

Auerhaus fragt, ob es einen Unterschied gibt, zwischen Freitod und Suizid und ob es sein könnte, dass „ambivalent“ auch nur ein gebildetes oder ironisches Wort für „beschissen“ ist. Das sind kluge Fragen.

Was am Ende der Zeit des Erwachsenwerdens für den Einzelnen herausspringt, wie aus dem Schacht eines Automaten, ist meist recht weit entfernt von allen schönen Vorstellungen. Bov Bjerg räumt beiden ihren Platz ein, den Träumen und der Desillusion. Vielleicht muss man immer am Ausgang von allem ablesen, ob es sich nun um ein Jugendbuch handelt oder nicht.

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Reinster Hirnfasching: Sven Amtsberg schreibt Geschichten über Nazis, Aliens, Waschbären und andere Seltsamkeiten. Diese Geschichten sollten von allen gelesen werden.

Im Keller wummert ein kleiner Nazi, anstatt eines handelsüblichen Penis‘ hat er eine Art Fleischblume in der Unterhose. Die Fleischblume hat ein Gesicht und singt ein schrilles Lied, davon, dass alle Menschen auf der Welt sich sehr, sehr lieb haben sollen.

Die eigene Ehefrau wird von einem Außerirdischen abgeholt. Der Alien heißt Francois, singt außerirdische Kinderlieder und hat sein Raumschiff verloren. Auf seinem Kopf ist eine lange Antenne montiert, die er auf dem Weg in den Wald aus dem Autofenster hängt.

Eine Frau bekämpft die Einsamkeit nach dem Ableben ihres Ehemanns mit dem Kauf von Tieren. Sie kauft sämtliche Tiere und teilt mit ihnen ihre Wohnung, wo sie sich wild untereinander paaren. Seltsame, unbekannte Arten entstehen. In einer waschbärartigen Kreatur entdeckt sie die Reinkarnation ihres Mannes Hans.

Manchmal hat man das Gefühl, in einer obskuren Therapiestunde gelandet zu sein, wenn man die Geschichten von Sven Amtsberg liest. Die Selbstdiagnosen hören auf pseudowissenschaftliche Begriffe wie: „Embryonale Genese“, „Noctomalie“, „Meeresepiphanie“ oder „Akropathie“. Hallo, mein Name ist X und meine Geschichte handelt von Aliens/Wassermenschen/elektrischen Menschen/Aliens/lebenden Wohnungen/dem Aggregatszustand der Nacht.

Vater war nun oft im Fernsehen zu sehen, wie er sich verschiedene Stecker in den Mund steckte und so elektrische Gerätschaften wie Staubsauger, Pürierstäbe oder Hi-Fi-Anlagen zum Laufen brachte. Anfangs applaudierte das Publikum noch, man war begeistert. Selten habe ich Vater so glücklich erlebt wie in dieser Zeit. Erst später buhten sie, und immer häufiger trafen Briefe ein, in denen man Vater als Scharlatan beschimpfte.

paraHat man jemals einen fabelhafteren Einstieg zu einer Kurzgeschichte gelesen? Das ist mein voller Ernst. Es ist leider schon ein paar Monate her, dass ich das Buch gelesen habe und ich kann ihm mit einer Rezension jetzt gar nicht mehr gerecht werden, weil ich die meisten der klugen Gedanken, die ich mir dazu gemacht habe, schon wieder vergessen habe. Aber eigentlich, denke ich, müsste es schon genügen, so etwas zu zitieren, um die Empfehlung, die ich ausspreche, zu begründen. Deshalb wird diese Rezension sehr Zitat-lastig ausfallen, ich hoffe, das stört nicht.

„Paranormale Phänomene“ schildert das Eindringen des Abseitigen ins Normale durch eben: Paranormale Phänomene. Neunzehn Geschichten hat Amtsberg geschrieben, Metrolit hat ein sehr schönes Buch daraus gemacht, was auch der Illustratorin Kat Menschik zu verdanken ist, deren Bilder man sich eigentlich sämtlich direkt ins Gesicht tätowieren lassen würde, wenn da genug Platz wäre. In den neunzehn Geschichten lotet Amtsberg die Möglichkeiten der postmodernen Gruselgeschichte aus – er findet das Erschreckende, das Skurrile, das Fremde und er findet eine Sprache dafür, die vor allem nüchtern ist, sachlich und trotzdem stellenweise ins Märchenhafte abgleiten darf.

Meine Mutter stammt von der See.  Mein Stiefvater hat sie in die Berge gelockt, da war ich acht. Meine Mutter hatte es mit den Lungen und gehofft, auf einem Berg werde es besser werden. Mit einem kleinen Pappkoffer, in dem sich das Matrosenhemd ihres Vaters und das zerknickte Bild des Meeres befanden, war sie mit mir hierhergekommen und musste bald schon feststellen, dass sie nicht für die Berge gemacht war. Sie vermisste das Meer derart, dass sie heimlich weinte und ihre Tränen aufbewahrte.

Es gelingt Amtsberg, Situationen großer Ernsthaftigkeit und auch Traurigkeit herzustellen. Die Menschen sind mit Fremdheit konfrontiert und es sind selten die lauten, theatralen Ausbrüche, die als Reaktion in diesen Geschichten eine Rolle spielen. Sie sind passiv und still und schlucken noch ihre Verstörung. Aber: Diese stille Ernsthaftigkeit ist eine Fassade und sie wird eingerissen. Bevor man anfängt von stiller Ernsthaftigkeit oder verstörter Poesie zu faseln, ist es eigentlich geboten, das einfachste und darum wichtigste festzuhalten: Diese Geschichten sind unverschämt lustig. Klar, der Leser wundert sich, der Leser reibt sich seine Kulleraugen, weil er gar nicht glauben kann, was hier passiert, der Leser wird manchmal ein wenig melancholisch zurückgelassen – in den meisten Fällen amüsiert er sich aber und hat eine gute Zeit und sagt zum erstbesten Menschen in seiner Umgebung: „Ui, Kalle, pass mal auf, das musst du dir anhören.“ Verschenken Sie dieses Buch nicht, wenn sie nicht zu den wenigen Menschen gehören, die sich darüber freuen, witzige Stellen aus einem Buch vorgelesen zu bekommen, ohne überhaupt den Kontext der Passage zu kennen.

Der Humor kommt vom Seltsamen. Amtsbergs Geschichten fahren das denkbar Seltsamste auf, seltsame Menschen reagieren auf seltsame Prozesse und Ereignisse. Die Mutter, die so eine Sehnsucht nach dem Meer hat, hat das Meer in sich.

Sie bat mich, in ihr zu angeln, um das, was da in ihr war, herauszuholen. Sie hockte auf dem Boden, den Kopf in den Nacken gelegt, den Mund weit aufgerissen. Ich stand auf einem Stuhl und ließ mit meiner Angel den Haken samt Wurm in sie hinabgleiten. Wartete, kurbelte ihn dann wieder hoch. Ein Hering hatte gebissen, und ich zog noch mehr aus ihr. Stirn und Schlei, Krabben und Krebse.

Immer wieder werden die Figuren gezwungen, das Abwegige, Unbekannte und Unreale in ihr Leben zu integrieren, mit dem Wahnsinn, der nicht verschwindet, wenn man die Augen lange genug zusammenpresst, umzugehen. Der Crash von Banalität und Surrealismus ist meisterhaft inszeniert. Das ist es, was es eigentlich zu sagen gibt.

Auf dem Buchrücken steht etwas von Bukowksi, Poe und Max Goldt, die sich zum Kegeln treffen und von Außerirdischen entführt werden. Es fühlt sich ein bisschen schäbig an, sich als Rezensent auf die Reklame auf dem Buchrücken zu beziehen, aber es stimmt schon – Amtsberg ist, wie auch immer, der uneheliche Abkömmling dieser drei. Innerhalb handwerklich astreiner, fast schon aufdringlicher Kontrolliertheit, praktiziert er die reinste Ideenanarchie, den reinsten Gehirnfasching. Amtsberg hat seine kindlich überbordende Phantasie in kleine, starre Happen gegossen, die wütend gegen ihre eigenen Wände schlagen. Was dabei herausspringt, ist Quatsch, Unfug in künstlerisch anspruchsvollster Veredelung. Ist das etwas, das man schreiben möchte, das mit der künstlerisch anspruchsvollsten Veredelung? Lieber nicht. In diesem Fall bleibt einem aber kaum etwas anderes übrig. Ein letztes Beispiel vielleicht noch zum Beweis. Zurück zum Waschbär-Hans und einem der erstaunlichsten Dialoge, die ich bisher lesen durfte:

„Ich bin es“, sagte das Tier. „Hans.“
Sie sah es an, schlug ihm dann mit drei Fingern ins Gesicht.
„So etwas sagt man nicht“, sagte sie mit erhobenem Zeigefinger.
„Stimmt aber“, sagte das Tier und sah sie pikiert an.
„Hans war größer“, sagte sie.
„Wiedergeburt“, entgegnete das Tier. „Da verändert man sich. Ich bin ein Mungo.“
„Mango“, verbesserte sie.
„Nein, Mungo. Ich wusste auch nicht, was das ist. Bis jetzt eigentlich. Mungo, da dachte ich, das klingt aufregend, wie Internet oder Bungee, weißt du. Nun werde ich entlohnt. Doch du siehst ja selbst.“
„Ja“, log sie, wusste aber nicht, was sie sah und was sie sehen sollte. „Du wirkst recht agil.“

Svent Amtsbergs „Paranormale Phänomene“ hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie Aufmerksamkeitsökonomie im Feuilleton, in der Kulturindustrie funktioniert. Ich bin der Meinung, dieses Buch verdient einen Haufen Aufmerksamkeit, ein ganzer Tieflader voll mit Aufmerksamkeit sollte sich darüber ergießen. Es hat wenig bekommen. Andere Bücher verdienen weniger, bekommen aber mehr. So ist das, da kann man nix machen. So ernüchternd gestaltet sich das Resultat meines Gedankengangs. Nun habe ich zumindest meinen bescheidenen Beitrag geleistet.

Außerdem, das ist das letzte, was es zu sagen gibt, eignet sich dieses Buch sehr gut, wenn man seinen Freunden nach dem Skifahren eine Gutenacht-Geschichte vorlesen möchte (eine der angenehmsten Après-Skil-Alternativen). Dass die dann einschlafen, liegt nicht etwa an den Geschichten, sondern an der stundenlangen körperlichen Ertüchtigung, an der frischen Luft, und dem fetten Essen danach. Manchmal hört man sie im Halbschlaf leise kichern.

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Warum Noah der beste Film des Jahres ist

Unser liebgewonnener freier Mitarbeiter Pascal Richmann befindet sich derzeit zwar im rumänischen Exil, das aber heißt noch lange nicht, dass er es verpassen würde, sich von den heißesten Blockbustern der Saison begeistern zu lassen. Der Derm präsentiert: Die ab sofort gültige Lehrmeinung zum Film „Noah“. 

Als junger Nachwuchswirt hörte ich einmal mit an, wie sich zwei am Tresen über Darren Aronofsky unterhielten. Der Eine fragte den Anderen, ob er schon wüsste, wer einen neuen Film gemacht habe, und der Andere wusste es nicht, und hätte also raten können, aber da half ihm auch schon der Eine, sagte, es sei einer ihrer Lieblingsregisseure, und sofort fiel beim Anderen der Groschen, wie man damals noch sagte. Ich drückte die Willibecher so kräftig auf die Spülbürsten, dass das Becken überschäumte.

Darren_Aronofsky_2011_AADann legten sie los. Pi? Geniestreich, müssen wir gar nicht drüber, nein echt nicht, Mathematik ist die Sprache der Natur, da muss man nichts mehr zu sagen. Requiem for a dream? Groß, ganz groß, und der Soundtrack, auch groß. The Fountain? Ok, Schwamm drüber. The Wrestler? Mein Gott, was ein Film, was ein Mickey Rourke, was eine vernarbte Fresse, was ein Trailerpark, was ein Nintendo, mein Gott, der Mann spielt sich selbst auf der Konsole und schneidet sich den Finger ab, will keine Wurst verkaufen, will Wrestler sein, mein Gott, was ein Film. Supermarket Sweep, der erste Kurzfilm? Gesehen? Nein, nein ich auch nicht, dachte wegen Wursttheke und Supermarkt, ja, egal, bestimmt auch toll, muss toll sein, mach mal noch zwei Bier, der Aronosfky hat’n neuen Film gemacht, ist bestimmt groß, war alles groß bisher. Black Swan! Das klingt schonmal, ja, das klingt gut, geht um Ballet, endlich wieder Schizophrenie, und Natalie Portman, oh mein Gott, Natalie Portman, Prost.

Vom Tresen zogen die Zwei später an einen Tisch und dann gingen sie ganz und ich spülte die Gläser und spülte sie nochmal, bevor ich mich entschloss Literatur zu studieren, weil man ja nicht ewig Bier in Becher zapfen kann.

Jahre darauf, ich war mittlerweile Nachwuchsliteraturwissenschaftler und auf der Suche nach einem Promotionsthema, besuchte ich auf Hawaii einen Kongress zum Thema Die rückwirkenden Widerstände Friedrich Dürrenmatts auf das Weltkino, wobei Weltkino eine ziemlich plumpe Anspielung auf Welttheater zu sein schien, das Dürrenmatt, so weit ich weiß, zum Ende seines Lebens doch ein wenig zu sehr überspannt hatte, will sagen, daran gescheitert war, literarisch zumindest, sagen die Experten, weil die Wirklichkeit ins Groteske zu übersetzen, um so das Wirkliche durchschaubar zu machen, das ist schon nicht wenig und jedenfalls hatte er, Dürrenmatt, es versucht, aber die Forschung fand Mängel, sagte, dass die Poetik unter der Poetik zu leiden hatte

Immerhin war das Wetter toll. Sonne und Wellen im Meer, und schroff und hoch die Felsen, von weitem wie Moos, und überall Aloah und regionaltypische Musik. Gutgebräunte Männer neben gutgebräunten Frauen in Beach Buggies. Um uns herum ein beinah parodistischer Pazifik, und darüber ein Himmel so transparent, dass wir die Raumstationen kreisen sahen.

Zwischen den Vorträgen wurden Mischgetränke auf Saftbasis gereicht. Abends saßen wir in Liegestühlen um den Pool des Kongresshotels und sprachen über den Dichter wie andere Menschen über Rockbands. Einhelliger Tenor zu später Stunde war, dass alles nach den Physikern Quatsch gewesen sei (tatsächlich sagte ein Germanist aus Seoul Quatsch, er sagte es sogar einige Male hintereinander). Ich sah das Ganze zwar anders, hielt mich aber mit meiner Meinung (und meinem Liegestuhl) im Hintergrund. Als der Saft und alles, was in den Saft hätte geschüttet werden können, zur Neige gegangen war, rezitierte der Koreaner Dürrenmatts Weihnacht. Auf dem drei Meter Brett wippend, schrie er: Alter Marzipan, dann sprang er, Arme und Beine zum Quader geschlossen.

Am nächsten Morgen saß ich allein über meinen Rühreiern, als sich Darren Aronofsky an meinen Tisch setzte. Überrascht fragte ich den Regisseur, was er hier verloren habe, und überhaupt, langweile er sich nicht? Er verneinte, bestellte Kaffee und ich sagte etwas von draußen nur Kännchen, was er nicht verstand, weil er Amerikaner ist. Wir machten uns gegenseitig Schnauzbart-Komplimente, bevor Darren zu erzählen begann, weshalb er nach Hawaii gekommen war. Für seinen neuen Film, ein Blockbuster bei den Paramount Studios, wolle er eine Figur wie Dürrenmatts Romulus entwickeln, eine Figur, so erklärte er mir, die zuerst blass und erwartbar in ihrer Anlage sei, die sich dann aber gegen das ihr zugedachte Schicksal im eigenen Narrativ zur Wehr setzen würde. Er brauche noch einen Impuls, es fehle nicht mehr viel. Unten am Strand spielten Kinder mit Plastiklichtschwertern. Ich kaute auf meinen Eier und traute mich nicht zu sagen, dass viele der Anwesenden Romulus für eine eher missglückte Komödie hielten. Ob ich eigentlich wüsste, dass Prinzessin Leia bei den Dreharbeiten zu Das Imperium schlägt zurück andauernd auf Koks gewesen sei, fragte Darren und natürlich wusste ich das und sofort wurde ich ein bisschen traurig, weil ich damals, als ich es erfahren hatte, sehr enttäuscht gewesen war. Darren und ich verstanden uns so gut, dass wir schon vor dem Mittagessen Mai Tais bestellten, und während der Nachmittag mit Meerblick verstrich und wir einen Vortrag verpassten, der mit Die Ausweglosigkeit und wie ihr zu entkommen ist überschrieben war, zog am Horizont eine Sturmfront auf.

Ohne voreingenommen sein zu wollen, aber Noah ist ein fantastischer Film. Zugegeben, vieles ist ein bisschen blöd. Engel aus Stein und Hannibal, der Hermine durch Handauflegen fruchtbar macht. Dazu ein ganzes Biologiebuch beschissen animierter Tiere. Und natürlich, die Kritiken sind verhalten bis vernichtend, stützen sich auf die ökologische Aspekte, aber sie übersehen, mit welcher Selbstverständlichkeit Russell Crowe vom Veganer zum Misanthropen wird, und dabei auch noch öfter seine Bartlänge als Mimik verändert. Nicht Gott und seine Flut wollen die Menschheit vernichten, Noah will es. Gott will einen Neuanfang, Noah das Ende. Oder wie Darren im Regen von Honolulu sagte: Nicht ich habe mein Reich verraten, Rom hat sich selbst verraten.

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Identitätsroman mit Oma: Andreas von Flotow – Tage zwischen Gestern und Heute

Ein Junge hat eine berühmte Mutter. Sie verdient ihr Geld mit ihrem Gesang und gutes Geld anscheinend, schließlich gibt es so etwas wie ein Kindermädchen, Helen. Man lebt, versteht sich, in New York, während der Vater in Frankreich am Mittelmeer wohnt, deutschsprachige Bücher liest, und dann von seiner Familie Besuch bekommt, wenn die Mutter gerade auf Europatournee ist. Ein Vater, der Bücher schickt, ein seltsamer Junge, der die Bücher verschlingt, eine liebevolle Ersatzmutter, im Hintergrund droht die böse Oma. Die findet Bücher blöd.

Andreas von Flotow will uns weismachen, da säße einer im Jahr 2031 und versucht, sich an jetzt zu erinnern, an eine anekdotisch zerstückelte Kindheit, das Verhältnis zu Mama und Papa, von Helen Schwedisch lernen, Leseerfahrungen, Streit mit Tante Eve, das ist die Oma. Von Flotow reflektiert das Erinnern als Arbeit, die nicht immer gelingt, die an Grenzen stößt und für den Romancier nicht ausreichend kontrollierbar erscheint. Hinzu kommt die Erfahrung der eigenen Fremdheit: „Was habe ich überhaupt den ganzen Tag gemacht, als ich fünf, acht oder neun Jahre alt war?“

Das ist die Basis dieses kurzen Romans, „Tage zwischen Gestern und Heute“, der Versuch der realitätsnahen Überführung von Gedächtnis in Literatur, ohne dass dabei der Charakter der Erinnerung verloren ginge: Sie ist nichts vollständiges, sie gehorcht nicht: „Ich sitze im Wohnzimmer auf einem flauschigen, hellen Teppich, den mein Vater aus Frankreich mitgebracht hatte. Es gibt nichts, was ich anfassen, wonach ich greifen könnte. Aufstehen kann ich noch nicht. Das ist ein Moment, den ich so oder so ähnlich in dieser Wohnung erlebt haben muss.“ Sprachliche Unsicherheit ist die Voraussetzung dieser Form des Erzählens, der Autor räumt die Unausweichlichkeit seines Scheiterns ein, wenn er versucht Exemplarisches zu filtern.

Und unsicher ist auch das Kind, unsicher bis verschroben stakst es durch die Welt, die es – aber das mag genauso der Erinnerung geschuldet sein – wie aus einem dickwandigen Glaskasten heraus wahrnimmt, mit Ohropax in den Ohren. Eines Tages kommt der Onkel, Bruder der Mutter, vorbei und liefert einen Erzählanlass: Er schießt. Die Kugel gilt der Mutter, trifft und tötet den Vater und versetzt die berühmte Sängerin in einen „lebensbedrohlichen Schock“, dem sie nach fünfjährigem, stummen Siechtum im Krankenhaus erliegt.

Um den Anschlag und seine äußeren und inneren Folgen kreist der Roman. Wer bin ich geworden? Das ist eine Frage, die ein Buch erstmal unter Verdacht stellt. Das könnte sentimental werden, weinerlich, klischeebehaftet. Und tatsächlich gibt es diese Momente, da der Ich-Erzähler von „ungewohnter Traurigkeit überwältigt“ wird, eine Behauptung, die der Leser aufgetischt bekommt, wie eine wahnsinnig bittere und absolut wirkungslose Medizin. Die Rettung für von Flotow ist die Konstruktion, die Spürbewegung, der forschende Ansatz der Entwicklung der diversen Traumata und Neurosen gegenüber.

flotowDer Junge muss zur Oma, der alten Krähe, verliebt sich in Stille und Bücher, legt Zettel an, auf denen er Zitate festhält oder einfach nur Namen von Autoren, natürlich darf Luhmann nicht fehlen, in diesem aufgezurrten Referenzrahmen. Die intellektuelle Herangehensweise an die Welt soll Sicherheit, mithin Wahrheit herstellen. Irgendwann greift der Junge zum Telefon und nimmt einen Satz auf, der in ihm anschwillt: „Ich hasse meine Mutter.“ Das ist aufregend, für ihn. Und interessant für den Leser. Die Erfahrung des Anschlags und der Umgang mit der komatösen Mutter im Krankenhaus ist für das Bürschchen nicht bewältigen.

Diese Wahrheit findet ihren ehrlichsten Ausdruck, wenn der Autor die Einfachheit dem ewigen Ringen mit der Produktion des Buches vorzieht. Die Banalität, nicht der literaturhistorische oder reflexive Horizont, ist letztlich der Schlüssel zur Person-Werdung des Ich: „Bei aller Routine war ich ein bisschen stolz darauf, dass ich meine Mutter im Krankenhaus besuchen konnte. So hatte ich immer etwas Wichtiges zu erledigen. In der ersten Zeit wurde ich von den Mitarbeitern der Klinik über alle Maßen dafür gelobt, dass ich täglich kam.“

Was unterm Strich dabei herausspringt, ist ein ungewöhnlicher Roman, vielleicht tatsächlich eher eine Novelle. Von Flotow baut ein Gerüst aus literarischer Konstruktion und personeller Konstellation und lässt darunter wie ein Forscher über der Petrischale eine Figur entstehen. Es wirkt wie eine Wenn-Dann-Versuchsanordnung: Diese Voraussetzungen sind gegeben, diese Ereignisse treten ein, es verstreichen fünfzehn Jahre – was finden wir vor und was für eine Erzählung gibt das, in welcher Verfassung befindet sich mein Protagonist?

Er ist, um das noch zu sagen, ein ganz normaler Neurotiker. Vielleicht ist es die emotionale Abkapselung, die ein Zugrundgehen des Ich verhütet. In seinen Neurosen trifft von Flotow die Figur aber tatsächlich am präzisesten: „Mein Körper machte, was er wollte, ebenso mein Kopf. Ich konnte es nicht lassen, alles was ich tat, […], zu kommentieren. Ich sagte mir: Jetzt gucke ich aus dem Fenster, da steht die Platane, ich bin müde, leg dich ins Bett, du liegst schon wieder im Bett und kannst nicht schlafen, gleich kommt jemand – siehst du, jetzt weißt du nicht, was du sagen sollst.“

Dass bei einer Länge von etwas über 150 Seiten einiges verloren geht, dass vieles unerzählt bleibt, oder bleiben soll, ist klar. Wenn’s nach mir ginge, wär es dennoch kein längeres, sondern ein kürzeres Buch geworden. Zu oft schiebt von Flotow eine Reflexionsebene vor den Eindruck, die nur die Funktion zu haben scheint, eine und noch eine und noch eine Entschuldigung unterzubringen: „Heute kommt es mir gelegentlich naiv vor, dass ich über all das schreibe, obwohl ich meine damaligen Gefühle nur in einer unzulänglichen Sprache ausdrücken kann.“ Das wirkt eher feige als elegant und muss einfach nicht sein. Ein bisschen mehr Mut zur Kargheit hätte diesem Identitätsroman gut getan.

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Madonna versus Reality: Elizabeth Ellens wunderbare Geschichten aus Amerika

Kürzlich gab es mal wieder ein echte Literaturdebatte. Florian Kessler schrieb in der Zeit über die Literaturinstitute und deren Studentenschaft aus privilegierten Häusern, in der Taz gab’s Erwiderungen und bei Facebook quollen die Pinnwände über, weil jeder andere Schreibschüler auch eine Meinung hat. Was Kessler sagt, dass nämlich viele seiner Kommilitonen aus  der guten alten Zeit in Hildesheim die Söhne und Töchter von Ärzten und Immobilienhaien seien und dass wir es deswegen mit einer überprivilegierten Schicht der nächsten Literaten zu tun hätten, was möglicherweise nicht unerheblich sei für die braven (langweiligen), literarischen Produkte der Buben und Mädchen, die da Schreiben studieren in Hildesheim und Wien und Leipzig und Biel, ist ja sicher nicht ganz falsch. Einzig, die Art und Weise, wie erstens im Feuilleton und im sozialen Netzwerk mit dem Text an sich und zweitens mit dem Phänomen des „Erfolgs“ der Schreibschüler umgegangen wurde, ließ für einen Moment den Eindruck entstehen, die Autoren wüssten nicht, was jeder Sandkastenbub zwischen Wedding und Stuttgart weiß: Dass diese Absolventen, so sie denn tatsächlich veröffentlichen, eben nicht die Bestsellerlisten bevölkern, sondern sich im Gegenteil eher für ein prekäres Dasein qua Studium entscheiden (was ja sicher auch mit Netz und doppeltem Boden und Papas und Mamas Haus im Grünen mit unberührtem Kinderzimmer zu tun hat). So privilegiert sie also auch sein mögen, die Studenten, sie hätten einen Weg des geringeren Widerstandes und des höheren Auskommens wählen können.

Dass aber die Herkunft beziehungsweise eben die Berufe der Eltern etwas mit der literarischen Qualität der diversen erscheinenden und erschienenen Bücher zu tun haben, das ist so eine These, die interessant und überprüfenswert ist, was sich schon allein daran, dass so viele sich so laut dagegen wehren, schön ablesen lässt. Andererseits ist der Vorwurf auch nicht neu, eher anders formuliert. Vom fehlenden Leben in den perfekt konstruierten Texten war schon immer wieder mal zu lesen gewesen. Was das im Endeffekt heißen soll, weiß ich nicht, aber andersrum funktioniert’s: Ich weiß, dass ich das gefunden habe, das Leben, das die, die das gerne haben, immer gesucht haben, und zwar in den Texten, und jetzt kommt nach all dem Akademiegossip, der kein Schwein interessiert, der elegante Schwenk hinein in die Rezension, und zwar in den Texten einer jungen US-Amerikanerin, die, wie man lesen kann, zwischen dem New Yorker und dem Paris Review Literary Journal aufgewachsen sei, Tochter einer Dichtern, kein literaturfernes Milieu, aber wenigstens nie, auch wenn man es vermuten könnte, creative writing studiert hat. Heute gibt Ellen die Literaturzeitschrift Hobart heraus und schreibt Geschichten.

Fast Machine heißt der erste („richtige“), in den USA erschienene Band, Short Stories würde man in Amerika sagen, und in Deutschland auch, schließlich ist das irgendwie was anderes, als eine schnöde Kurzgeschichte. Und, zumindest so viel lässt sich sagen: Wenn man davon ausgeht, und das tue ich gerne, dass die bildfixierte Amerikanische Gesellschaft, sich als gefühltes Ganzes noch immer durch einzelne ikonische Klischees im Hirn des popkulturell geprägten Zentraleuropäers aufrufen lässt, dann handelt es sich um die amerikanischsten Geschichten, die ich vielleicht überhaupt kenne, weil sie so ein paar sehr schöne und sehr literaturtaugliche Dinge bestätigen. Es wird herrlich viel Whiskey gesoffen, es werden Münzen in Jukeboxen gesteckt, es wird Madonna gehört und Stevie Nicks, es gibt Vorstädte mit luftleeren Plastikbällen in der Garagenauffahrt, bärtige, wütende Männer in Unterhemden und so weiter und so fort. Wenn man Elizabeth Ellen mit Google-Bildersuche auf die Spur zu kommen versucht, sieht man sie direkt Billard spielen. Und so scheiße das Bild ist, gerät man kaum in Gefahr, das für eine strategisch motivierte Selbstinszenierung zu halten, wie man sie an der Uni lernen kann. Ist das nicht besonders wohltuend in einer Zeit, da jeder, der auch nur die ersten beiden Silben des Wortes authentisch in den Mund zu nehmen wagt, des Todes sei?

ellen

Andererseits, natürlich, ist es nicht über Nacht wieder 1960 geworden und Elizabeth Ellen ist niemand, der sich das wünscht. Ihr Blog ist ja letztlich auch genau das, die Selbstinszenierung in ungeschminktester Variante inklusive Pics mit Stars-and-Stripes-Bikini, völlig unverkrampft, weil die Ellen sich mehr so ugly on the inside findet. Und wer jetzt glaubt, besser kann’s eh nicht werden, ich zieh mir der ihren Blog rein, bis mir die Augen zufallen, der soll sich lieber mal das Buch kaufen, das da bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erscheint, „Die letzte Amerikanerin“ (da haben wir’s schon wieder, Stars and Stripes und Billard, die Gute). Die letzte Amerikanerin ist die erste Übersetzung von Elizabeth Ellens Stories ins Deutsche, eine Auswahl der besten Geschichten, stets aus weiblicher und meist aus einer Art Froschperspektive. Es geht, wenn man versucht den Band zusammenzufassen, was nie ganz gelingen kann, um Mädchen, die einer konstantwährenden Bedrohung ausgesetzt sind, einer Situation ohne Schutzmechanismen, ohne FSK; extreme Abweichungen vom gesellschaftlichen Ideal unterm Filter von Alltäglichkeit und ewig problematischer Adoleszenz. Das mediale Sitcom-Madonna-Versprechen muss sich mit der realen Realität messen.  

Die Ich-Erzählerin der ersten Story „Arizona“ beispielsweise hat Probleme einzuschlafen: Ihre Mutter stöhnt zu laut, wenn sie jede Nacht mit Mike fickt. Die Protagonistin selbst fühlt sich übergewichtig, sie kauft sich eine Gurke und erhitzt sie in einem Topf voll Wasser, damit sie sich „lebensechter“ anfühlt. „Die Gurke tut auch nicht weh. Sie fühlt sich irgendwie tröstlich an, wie eine Lieblingsdecke oder ein Kuscheltier. Und ich frage mich, ob sich so ein echter Schwanz anfühlt: warm und vertraut. Ich ziehe sie halb raus schiebe sie wieder rein. Ich horche nach meiner Mutter.“ So trocken und böse und explizit die Prosa auch sein mag, die Hoffnung auf irgendeine Form von Nähe besteht immer. Und: Sie ist nicht biestig, Ellen schreibt nicht mit hochgezogenen Lefzen, den Geschichten ist der Spaß an ihrer Produktion anzumerken. In der Story „Geschwisterliebe“ lernt Erin ihren Vater und ihre Halbschwester Leanne kennen. Man hängt am Pool ab, schaut fern, bewundert die Freaks im Guiness Buch der Rekorde, Erin zwingt Leanne ein wenig zu ersten sexuellen Erfahrungen und raucht ihre erste Zigarette: „Ich nahm einen Mundvoll Rauch und hustete, und der Rauch kam wieder raus und füllte die Höhle. Ich warf einen Blick zu Joel, der ähnlich hart daran arbeitete, das Rauchen wie eine gewöhnliche Beschäftigung aussehen zu lassen.“ 

Natürlich: Ein Mädchen, das sich eine Gurke reinschiebt, ein anderes, das eine erste Zigarette pafft, das sind keine literarischen Novitäten. Und wenn Ellen beschreibt, wie das Mädchen aus Geschichte eins, sich in Geschichte zwei in den brutalen Hackordnungen am Internat behaupten muss, denkt man unweigerlich an diverse Filme, die man vielleicht gar nicht gesehen hat. Vielleicht aber funktionieren die Geschichten, bis auf wenige Ausnahmen, gerade deshalb so gut. Weil Sprache und Konflikte zwar radikal sind, gleichzeitig aber vertraut und ehrlich. Ellen collagiert eine unbehagliche Welt, die aber so weit nicht entfernt zu sein scheint. Die Hoffnung auf kindliche Unschuld wird darin immer wieder brutal zerschmettert. Ein Mädchen macht sich Gedanken über das, was die Mutter von ihren wechselnden Freunden bekommt: „Das Mädchen bemerkte diese Bedürfnisse der Mutter und verabscheute sie. Sie verabscheute sie, weil sie nicht in der Lage war, sie zu befriedigen. Sie verabscheute sich selbst, weil sie kein Mann war. Sie verabscheute die Männer, weil sie der Mutter geben konnten, was sie selbst ihr nie würde geben können, nicht mit all ihren Zeichnungen und missgebildeten Vasen und geflüsterten Ich-liebe-Dichs.“ Auf die titelgebende Zahnfee wartet die Protagonistin dieser Geschichte vergeblich.

Die Protagonistin der Story „Wie ich aufhörte, Dave Eggers zu lieben und euch den Master-Abschluss stahl“ heißt Elizabeth Ellen. Es ist der eine Text, der ganz anders ist als die anderen, ein experimenteller Meta-Spaß über Stalking als Kulturform. „Rückblickend glaube ich“, schreibt Ellen, „dass der Blickkontakt dort auf dem Bürgersteig den Ausschlag gegeben hat. Meide jeglichen Blickkontakt zu einem potenziellen Stalker.“ Das ist dann insgesamt eine auf die literarisch-autorenreferentielle Spitze getriebene Selbstironie, ein Comic-Relief in diesem sorgsam zusammengestellten Band. Eine erste Leseprobe hat die Zeit veröffentlicht.

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Das Opferlamm der Rave-Schizophrenie. Sven Regener – Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt

Ich habe Sven Regeners Bücher, Herr Lehmann, Neue Vahr Süd, Der kleine Bruder, mit inniger, heißer Liebe bedacht, aber das ist schon was her, und seitdem sind viele Bücher die Hirndonau hinunter gegangen und manche waren besser als Neue Vahr Süd und andere waren schlechter, das sind die meisten. Und deshalb musste ich, mit fast nostalgischer Sehnsucht, Magical Mystery lesen. Das ist klar.

Karl ist wieder da. Karl Schmidt, der beste Freund des Frank Lehmann. Karl hat als Figur eine gewisse Karriere gemacht, die er Detlev Buck verdankt, der ihn in Haußmanns Verfilmung des Regenerdebüts verkörperte, ein Film, der sämtliche Superlative verdient, wenn man mich fragt. Es ist insofern berechnend zu nennen, dass Sven Regener ein viertes Buch schreibt, es in derselben Welt ansiedelt, dabei jedoch den hyperpopulären Sidekick zum Protagonisten befördert. Und andererseits ist es genau das nicht, als es sich bei Karl Schmidt, wie wir ihn im neuen Roman vorfinden, nicht um denselben Karl Schmidt handelt, auf den man sich, womöglich an Detlev Buck denkend, den riesigen Detlev Buck, der den Kiffer vorm Einfall durch die Luft wirbelte, gefreut hatte, sondern um einen geläuterten Karl Schmidt, einen trocken gelegten, entgifteten, nüchternen Karl Schmidt, Hausmeister und Tierpfleger im Kinderheim in Hamburg Altona.

Es verhält sich mit Sven Regener ähnlich wie mit Clemens Meyer, die beide ihre Vorschusslorbeeren aus dem Weg schnibbeln und die primären Hoffnungen und Erwartungen nicht erfüllen. Nur eben auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Meyer schreibt plötzlich Prosa, die sich des Zugangs verweigert, Regener schreibt immer noch realistisch und zaubert mit leichter Feder seinen Milieuhumor. Und weil die Zeit in der Lehmannwelt voranschreitet, ist es nicht mehr das Verweigerer-WG-Milieu oder ein Kreuzberg-Kneipen-Mileu, sondern, willkommen 90er-Jahre!, ein Techno-Druffi-Milieu, durch das der Protagonist einmal quer durchgeschoben wird und dann ist alles klar.

magicalDamit ist im Prinzip alles gesagt. Karl Schmidt ist clean, lebt in der Ex-Drogi-Wg Clean Cut 1 und arbeitet im Kinderkurheim inklusive Minizoo. Das könnte auch alles so bleiben, er würde täglich die beiden fiesen Affen füttern und sich in regener’scher Intimreflektion darüber auslassen, dass Kaffeemaschine-Entkalken eine Sache ist, die man immer machen sollte, aber nie macht oder darüber, dass jemand „der sich beim Anblick eines frischgewaschenen Pümpels, die Nase zuhält“ kein ganz schlechter Mensch sein könne, und dann wäre das alles ganz okay so, inklusive Drogen-Plenums oder -Plena oder -Plenata im Clean Cut 1. Dann taucht Raimund auf. Man kennt sich von früher, hat zusammen Musik gemacht, Glitterschnitter, mit Karl an Trennschleifer und Bohrmaschine. Auch Ferdi, der Mann für die pathosgeladenen Ansprachen im Roman, war dabei, und jetzt gehört den beiden, also Ferdi und Raimund, das Label mit dem onomatopoetischen Namen BummBumm, welchem nach Karls Verschwinden in Richtung Klapsmühle der finanzielle wie ästhetische Durchbruch gelang. Anstatt nun also seinen Urlaub auf Kur zu verbringen, lässt Karl sich als Tourfahrer engagieren. Er eignet sich dafür aufgrund seiner Nüchternheit und Kinderheimskills – „voll das Ledernackending“ – denn früh um 8 sollen die Raver, so die Labelchefs, aus den bespielten Clubs gezerrt werden.

„Magical Mystery“ – so heißt die Tour. Das kommt eigentlich von den Beatles, wie jeder Nebencharakter weiß, gehört jetzt aber BummBumm. Es soll hippiemäßig werden, Techno auf Tour, aber mit Anspruch, das ganz große Ding, von der die Szene irgendwann ihren Enkeln erzählen wird, nichts anderes als: „Die Erneuerung des Raves.“ Oder: Ein Haufen hypersensibler Neurotiker, im Tourbus zusammengesperrt, bis unter die Augenbrauen voll mit Koks, plus Lolek und Bolek, zwei Meerschweinchen, die allesamt von Charlie, dem Ex-Druffi durch Deutschland gekarrt werden, der nicht mehr darf, aber eigentlich manchmal schon ganz gerne würde. Wenn das mal, wird sich Sven Regener gedacht haben, keine Konstellation für einen Roman ist.

Was ihm mit der Trilogie zuvor schon gelang, gelingt Regener freilich wieder: Die spezifische Kommunikation der ganz normalen Idioten mit liebevoll spöttischem Blick offen zu legen. All das Gelaber läuft durch die Literaturpipeline aus den Hirnen von DJ Schulti oder den HostiBros oder Ferdi und Raimund und durch den gesettelten Filter Charlie und schließlich in meines rein. Und wenn es nur das wäre: Die Anekdoten aus Köln und Frankfurt und Schrankenhusen-Borstel, die man, mit dem gewissen Milieuwitz versetzt, der Reihe nach wegläse, so wäre das sicher sehr nett, aber nicht mehr. Gleichzeitig installiert Regener aber einen Protagonisten, der fünfhundert Seiten lang auf einem zahnseidedünnen Grat wandelt, der entweder eine spaßfreie Rolle akzeptiert, oder mitmacht, wie früher, und damit alles verliert, der also eine Tragweite hat, eine biographische Tragik, eine notwendige Bitterkeit im ausgestellten High-Life.

In diesem Sinne ist die Lehmantrilogie Karls Fluch, die diese mystifzierte Vergangenheitsbewältigung überhaupt erst notwendig macht. Und wie im Leerlauf stößt der Held immer wieder mit der Nase an die Fragestellung, wie das überhaupt passieren konnte. Sven Regener macht in Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt aus dem Sidekick das große Opferlamm der Rock’n’Roll- beziehungsweise Rave-Schizophrenie, das nur noch rauchen und Kaffee trinken darf und nicht mal mehr Kunst machen oder überhaupt ertragen kann (so es denn keine Schlumheimer-Installation ist, aber Schlumheimer, so stelle ich soeben fest, gibt es gar nicht).

Das in diesem Roadtrip mit Rave-Dödeln an Absurdem und Abgründigem schlummernde Potential, schöpft Regener ein bisschen vorsichtig, ein bisschen zaghaft ab, als wolle er seinen liebgewonnenen Charakteren nicht zu viel antun. Vielleicht ist Magical Mystery deswegen nicht ganz so vielfältig und tiefschichtig geworden wie Neue Vahr Süd, aber vergleichen ist ja auch immer irgendwie unfair.

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Der Wust palavernder Stimmen: Clemens Meyer – Im Stein

Man kann nicht unvorbelastet an ein zu rezensierendes Buch herantreten. Man kennt den Autor oder hat von ihm gehört, man findet das Cover schick oder grässlich, man hat den Titel gelesen und den Klappentext. Im Fall von Clemens Meyer bin ich in besonderem Maße vorbelastet. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als habe ich „Als wir träumten“ und „Die Stadt, die Lichter“ zum richtigen Zeitpunkt gelesen: Aus der obligatorischen Bukowski-Phase kommend und ausgestattet mit der Empfänglichkeit für Meyers Versuche einer ehrlichen Prekariats-Romantik. Aber ungeachtet meines Zustandes: „Als wir träumten“ ist ein großer Roman, eine der stärksten langen, deutschsprachigen Erzählungen, die mir bekannt ist.

Ich wollte „Im Stein“ nicht wegen der Longlist des Deutschen Buchpreises lesen oder wegen der Beurteilung einer Relevanz innerhalb des Betriebs und der Welt. Ich wollte „Im Stein“ für das eigene, subjektive Lesevergnügen, das „Als wir träumten“ mir noch beschert hatte, lesen, sonst nichts. Und darum fühle ich mich betrogen.

Dass auf dem Buchrücken von einem „vielstimmigen Gesang der Nacht“ die Rede ist, hätte argwöhnisch machen können. Aber was sagenim stein schon Klappentexte. Tatsächlich handelt es sich bei der Anlage von „Im Stein“ um ein ambitioniertes Projekt. Meyer versucht sich an der Illusion des Autors, der mit dem Mikrofon in der Hand durch die Halbwelt der Zuhälter und Prostituierten wandelt. So könnte man das etwas vereinfacht, ungeachtet der Multi-Perspektiven, ausdrücken. Im Grunde ist es das: Der Wust palavernder Stimmen aus der Unterwelt. Meyer will hier, anders als zuvor, nicht erzählen, sondern weben, einen Teppich aus überlieferten Geschichten, der eine darunterliegende Wahrheit erkennen lässt. Ich finde: Clemens Meyer ist ein Erzähler.

„Im Stein“ aber ist keine große Erzählung, baut keine Bögen, etabliert kaum unverwechselbare Charaktere. Im Stile eines Auktionators führt Meyer seine Figuren vor, Arnie Kraushaar, der Bielefelder, Magda, die Engel, manche tauchen wieder auf andere nicht, alle sprechen, als habe jemand auf einen Knopf gedrückt, aber sie erzählen nicht, sie labern: „Das Wort Fotze habe ich als Schimpfwort nie benutzt, da habe ich viel zu viel Respekt vor Frauen. Aber zurück zum Thema: Sie haben doch keine Ahnung, überhaupt keine Ahnung. Ich kann Ihnen was erzählen, kann Ihnen jede Menge erzählen über Zuhälter passend zum Anlass …, kann Ihnen da viel erzählen, aber mein Beruf, oder sagen wir: das, was ich mache, mein Job, meine Profession? Nein. Und was soll das hier überhaupt darstellen?“ Es gibt in diesem Buch zu viele Zeilen, voll mit Wörtern, aber ohne Inhalt. „Im Stein“ hat 558 Seiten. Es sollten 200 sein, maximal, eingedampft, präzise, pointiert, die kontrollierte Nicht-Struktur in stabile Rahmung gebracht, das wäre schön.

Ein solches Buch, ein mühsames, zu lesen, ist eben immer auch eine Selbstbeobachtung. Ich offenbare mich mir selbst, nicht zum ersten Mal, als ein fauler Leser, wenig leidenschaftlich für den Berg, den Meyer mir zur Überwindung vorgesetzt hat. Ich will abgeholt werden. Ich kann nicht folgen. Ich bin nicht geeignet. Das heißt nicht, dass ich an anspruchsvoller Literatur grundsätzlich scheitere, bestimmt nicht, nur, dass es mir zuwider ist, mich durch ein Buch zu quälen, bei dem der Anspruch eben nur daraus zu bestehen scheint: Die Mühe, die mir gemacht wird, ein Selbstzweck, als müsste der Autor der Welt etwas beweisen. Sperrigkeit ist zu oft nur der Anschein von Qualität. Redundanz kann ein Mittel sein, aber bitte keines der Beweisführung ihrer selbst. Literatur soll nicht trivial sein, genauso wenig aber störrisch aus Prinzip.

Vor allem dann nicht, wenn das, was erzählt und angedeutet wird, so fürchterlich erwartbar und so ganz und gar nie überraschend ist. Der Lude Arnie studiert jetzt nebenbei BWL, okay, die Prostitution ist ein großes Geschäft, eine Erkenntnis, die 2013 schon nicht mehr schockierend sondern schon bieder ist. Ein ehemaliger Boxer tritt auf, sonst wär es ja kein Clemens Meyer. Wenn die Bewegung der Menschen durch die Stadt ein ungeordnetes Fließen ist und die Gesichter derselben weiße Masken wie aus Schnee, so handelt es sich nicht mehr um literarische Bilder, sondern schon um Floskeln.

Es ist Meyer anzurechnen, dass hier Sprache nachvollzogen wird. Dass Dynamiken der Erinnerung Einzug halten in den Text, dass die Nullaussagen der täglichen Kommunikation literarisiert werden sollen. Der atmosphärische Über-Eindruck, der dabei potenziell entstehen könnte, ist aber eine Illusion, solange die einzelnen Bestandteile, so sehr auf ihrer Banalität pochen. Das ist umso frustrierender, wenn man darüber nachzudenken beginnt, was der Erzähler Clemens Meyer aus dem vorliegenden Material tatsächlich hätte machen können. Die „Kanacken-Attacken“, die ewig im Hintergrund drohenden „Engel“, Erpressung, Geldnot, koksende Jockeys, Bahnhofskneipen – nichts wird erzählt, alles angedeutet.

Die wenigen Stellen, an denen das Buch etwas liefern kann – ein erzählendes Moment, eine Überraschung, so etwas wie Effektivität – findet man eher da, wo das Geschehen das ewige Klischeepalaver des Milieus verlässt. Hans Pieszeck, rechte Hand des Arnie Kraushaar, fährt ans Sterbebett des Vaters in die Heimat: „Und er wollte nicht aufs Grabe der Mutter blicken. Direkt neben dem Loch in der Erde. Seit fast zwanzig Jahren schickte er Blumen auf ihr Grab. Vorhin hatte er Tannenzweige unterm Schnee gesehen. Wie haben sie nur das Loch in diese steinharte Erde bekommen? Mit einem kleinen Bagger wahrscheinlich.“

Da flackert die Literatur, die mich befriedigt hätte, schlaglichthaft auf. Und wird verschluckt von öden Sprachmühlen. „Im Stein“ sollte eben kein Buch werden, das meine primären Entertainmentbedürfnisse befriedigt. Es sollte experimentell sein, im Weitesten, ein ehrlicher Brocken zum Niederringen. Darüber ist es – und das hätte nicht sein müssen –  langweilig geworden; und ein bisschen egal.

  

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