Archiv der Kategorie: Synchron

ZUM THEMA: MESSE

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Verschiedene Autoren, ein Topos. In dieser Ausgabe lautet das Thema: MESSE.

KATEGORIE A: PASCAL RICHMANN ÜBER JUNGBAUERN UND GETRÄNKESCHIRMCHEN

Es beginnt damit, dass ich auf dem Skywalk zwischen Bahnhof Messe/Laatzen und Eingang Messe West in einem Pulkmesse 1 Jungbauern stehe, während sich die Sonne über das Plakat einer Zeitarbeitsfirma schiebt. Dahinter Plattenbauten aus Hannovers Peripherie. Neben mir tragen sie den hübschen Satz Bauern sind die besseren Menschen auf ihren T-Shirts und Überbleibsel der letzten Kartoffelernte unter den Fingernägeln. Ein dutzend Kronkorken schießt ins Konvexe, was aufgrund von simultanem Feuerzeugeinsatz durchaus beeindruckend klingt. Dann: „Frauen und Bier stößt man von unten!“, die Augen so rotgeädert, dass nicht klar ist, ob er zum Frühstück einen Schluck zuviel hatte oder direkt aus dieser „total geile[n] Tittenbar!“ kommt, von der er jetzt zu reden anfängt. Der Himmel ist ein Sunny-Side-Up-Spiegelei mit aufgeplatztem Dotter. Fest steht: Je mehr Carotin sich im Hühnerfutter befindet, desto oranger erscheint später das Eigelb. Fest steht auch: Je südlicher ein Hühnerbauer eine Hühnerfarm betreibt, desto mehr Farbstoff mischt er dem Futter bei.

Es beginnt auch damit, dass ich im brasilianischen Pavillon der Expo 2000 einen zweiten Caipirinha bestelle, der gleich, katalysiert durch Rohrzucker und umringt von Sambatänzerinnen und Bongotrommlern, meinen ersten Vollrausch in Gang setzen wird. Die Weltausstellung ist mir scheißegal. Ich bin zwölf und habe ein Schirmchen im Drink. Fest steht: Die Außenwände des brasilianischen Pavillon bestanden aus eineinhalb Millionen handgefertigter Holzstifte, die mithilfe jeder erdenklichen Extremität nach innen geschoben werden konnten, um so ein Relief zu hinterlassen. Fest steht auch: Der Landwirt Prinz Ernst August von Hannover zog es vor, gegen den türkischen Pavillon zu pissen.

messe 1_landflirtEs ist Jungbauerntag auf der Agritechnica 2013 und ich habe vorgesorgt. Ein Schutzwall aus 30-Liter-Fässern erstreckt sich vom Bierstand Gilde Ratsherren Nr. 5 über den benachbarten Hot-Dog-Stand bis hin zum Ditsch-Snackpoint, wo bereits die erste Ladung Pizzazunge Classico – „üppig belegt mit pikanten Salamiwürfeln, sonnengereiften Paprika und herzhaftem Käse“ – in einen goldbraunen Zustand gebracht wird. John Deer, der amerikanische Weltmarktführer für Landwirtschaftsmaschinen, teilt sich die angrenzende Halle 13 mit dem deutschen Hersteller Claas. Claas verteilt Tassen mit dem Firmenslogan the beginning of better. Die Amerikaner hingegen laden ein zu Lasershow und Erntesimulator. Fest steht: Auf der diesjährigen DLD-Konferenz trug WhatsApp Gründer Jan Koum ein John Deer T-Shirt. Fest steht auch: Kein Monat zog ins Silicon Valley, da kaufte Mark Zuckerberg den Messenger für 19. Milliarden Dollar

Es wird damit enden, dass ich zu einer Zapfmaschine degeneriere, die gleichzeitig Pepsi an Kinder verteilen und Fässer mit den Füßen wechseln kann, und damit dass fünf holländische Jungbauern ihre letzten Schlücke mit einer Captain-Planet-Gedächtnisgeste zu einem vollen Becher vereinen, um ihn bei mir als „total schal, total schal!“ zu reklamieren, während Eltern ihrer dreijährigen Tochter erklären, dass Röstzwiebeln und saure Gurken genauso zu einem Hot-Dog gehören, wie Ketchup und Wiener Würstchen, und dann wird ein Jungbauer kopfüber in eine Mülltonne klettern und ein Anderer wird auf einem Gullydeckel niederknien und ins Erdinnere hinab brüllen. Fest steht: Ab 20.30 Uhr steigt in der TUI-Arena die Young Farmers Party. Fest steht auch: Liebe vergeht, Hektar besteht.

KATEGORIE B: JULI ZUCKER ÜBER WELCHE VORKEHRUNGEN MEINE STIEFSCHWESTER IN MEINEM GESICHT TRIFFT, BEVOR ICH FROHEN MUTES AN SILVESTER IM REICHENCLUB ARBEITE

Weil meine Stiefschwester findet, dass ich ein hübscher natürlicher Typ bin und man nichts unter Make-Up Bergen verstecken bzw. verdecken muss, beginnt sie mit einem PRIMER, den sie mit einer BEAUTYSPONGE gleichmäßig aufs Gesicht aufträgt. Ich kaue auf einem Stift. Um die geeignete FOUNDATION FARBE zu finden, mischt sie ihr hellstes LIQUID MAKE UP mit etwas TAGESCREME (somit wirkt die FOUNDATION auch nicht so maskenhaft, sondern eher natürlich). Ich tunke einen Pinsel in eine Farbe. Die Mischung trägt sie mit dem DIOR BACKSTAGE MAKE UP PINSEL auf, um am Ende etwas mit der Hand nachzuarbeiten, da sich das MAKE UP so viel besser in die Haut einarbeiten lässt. Das Einzige, was sie abdeckt, sind meine Augenringe, wofür sie den PRO LONGWEAR CONCELAER von MAC in der Farbe NC15 benutzt. Ich spiele mit meinem Ring. PRO LONGWEAR auch deswegen, weil ich die ganze Nacht vor mir habe. Ich befummle meine Haare. Für meine natürlichen Augenbrauen nimmt sie nur etwas BROW POWDER von Benefit in der Farbe Medium, den sie mit dem EYEBROW BRUSH von Bobbi Brown aufträgt. Ich schreibe eine SMS. Mit einem PUDER von MANHATTAN mattiert sie die glänzenden Flächen in meinem Gesicht. Ich singe Orange Trees. Ein pfirsichfarbenes sowie rotes ROUGE, das sich POWDER BLUSH PEACHES von Mac sowie RED IMPASSION von Chanel nennt,  wählt sie als Farbtupfer. Ich lache ein bisschen. Den Pinsel, mit dem man am besten die Wangenkontur trifft, nennt man LARGE ANCLED BLUSH BRUSH. Ich bin verrückt geworden. Für meine Augen verwendet sie HIGH VOLUME von L‘Oreal und zu guter Letzt einen nudefarbenen Lippenstift von CREME D’NUDE von Mac-Cosmetics. Ich habe Angst vor diesem Abend. Meine Haare werden klassisch und modern. An meinem Körper befinden sich 15 Sachen, die ich nicht kenne. Innerhalb von zehn Stunden verdiene ich insgesamt 200 Euro, habe drei Flirts und etwa 100 Euro Trinkgeld.

KATEGORIE C: ANDREAS THAMM ÜBER GESCHENKE

Es ist nicht unser Schlachtfeld. Wir finden zuverlässig sämtliche Streams und Downloads. Wir gehen nicht um des Filmes, sondern um des Kinobesitzers wegen ins Kino. Wir planieren den Browser mit kilometerlangen Tab-Kolonnen, um sicherzugehen, das Sportereignis X in der besten Qualität zu verfolgen. Wir lösen den 20 Prozent-Amazon-Gutschein nie ein, weil das hieße, dass man 80 Prozent bezahlen muss. Wir stehen starr und staunen und aus den Feldern steiget, ein alter Herr, er trägt links eine Plastiktüte und rechts eine Plastiktüte und beide Plastiktüten sind prall gefüllt mit den herrlichsten Geschenken, die die Leipziger Buchmesse zu bieten hat, Köstlichkeiten, rare Exemplare, Nippes, Plunder, Artefakte, Kram, Kinkerlitzchen, Schnickschnack. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Er kennt das nicht anders. Sein federleichter Gang sagt uns, ich bin noch gar nicht lange hier, ich schlender‘ nur kurz mal drüber, das ist mir die fünfzehn Euro wert, ich komme jedes Jahr, ich schau mal eben rein, ich gehe mit vollen Taschen, weil das nämlich so ist, bei der Messe, hier und da wird einem gerne was geschenkt, ich bin seit vielen Jahren treuer Kunde diverser Verlage, ich habe Koeppen lesen sehen, das ist ja wohl das Mindeste. „Wir müssen“, sagt A. „auch mal rum gehen, und Geschenke einsammeln.“ – „Schon“, sage ich, „ich hab noch nicht mal einen Kugelschreiber.“ Also ziehen wir los. Ich kaufe A. ein Eis. Bei der FAZ entdecke ich einen Stapel Zeitungen. Im Vorbeigehen schnellt mein Arm aus dem Mantel, ich greife zu. Es ist noch nicht einmal die ganze FAZ, nur das Feuilleton, egal, Hauptsache irgendwas, Hauptsache nicht mit leeren Händen heimkehren. Jetzt bloß kein Augenkontakt mit dem Standpersonal, einfach weitergehen, sich in den Strom einreihen, es ist hier nichts geschehen, niemand hat hier ein Feuilleton entwendet. Mir sitzt die Angst im Nacken: Jemand könnte „Junger Mann!“ rufen. Niemand ruft „Junger Mann!“ Das Standpersonal lacht sich wahrscheinlich schlapp, aber was soll man machen. Geschenke in der echten Welt sind erst legitim, wenn man Interesse zeigt. Interesse zeigen können wir nicht, wir können andere Sachen. „Komm“, sage ich zu A., „wir ziehen uns die Comicleute rein.“ Dann gehen wir in die Comic-Halle und ziehen wie Eisläufer unsere Bahnen, immer schön glotzen, dass einem bloß keine dicke Elfe entgeht, das Maximum an visuellen Eindrücken rausholen, aufs Schäbigste, das können wir, das können wir gut. Nächstes Jahr bleib ich daheim, ich mag es nicht, von meinen Defiziten belästigt zu werden.

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ZUM THEMA: KLEINOD

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Wöchentlich erscheinen zwei Beiträge zu einem Thema, auch Gastautoren sind gerne gesehen. In dieser Ausgabe lautet das Thema: KLEINOD

KATEGORIE A: ANDREAS THAMM ÜBER LEIDINGSHOF

Wo ich herkomme (beziehungsweise keine dreißig Kilometer von da) haben die Orte so wunderschöne Namen wie Tiefenpölz oder Veilbronn. Es ist die Gegend der paradiesischen Zustände und guten Dinge, der großen Fleischportionen und köstlichen kupferfarbenen Biere für wenig Geld. Die Natur wird stets mit dem Duett der beiden Adjektive romantisch und bizarr (bezüglich der Felsformationen) beschrieben. Ein anderer Ort heißt Leidingshof. Leidingshof hat, Stand 2013, vierzig Einwohner. Am besten, man stellt sein Auto in Veilbronn ab, und folgt dann dem Mathelbach in Richtung Osten in das Leidingshofer Tal. Denn: Bei aller Abgeschiedenheit, geradezu Entrücktheit vom Rest der Welt, ist ein Dorf mit vierzig Einwohnern selbst in der fränkischen Schweiz etwas, das einen gewissen Reiz ausübt, allein der Zahl wegen, wie sie bei Wikipedia steht, vierzig, und nicht neununddreißig, und nicht einundvierzig, vierzig, rund, und wenn einer zuzieht, muss einer sterben. Man folgt dem Mathelbach durch dichte Wälder, umgeben von steilen Anstiegen, zum Totenstein hinauf, eine ironisch gefärbte Namensgebung ist das, angesichts der Landschaft, ein sanfter Hügel, grüner Wiese, ein Apfelbaum, Leidingshof ist nah, vielleicht leben dort Untote oder Päderasten mit Mopeds oder Zwitterwesen, halb Mensch halb Ziegenbock, genau vierzig von ihnen, und wollen nicht leben und dürfen nicht sterben. Ja, die fränkische Schweiz ist schön, aber wenn man nach Leidingshof geht, wenn man nach Leidingshof pilgert, ist das die Randbemerkung, weil man eigentlich hofft, das Unschöne aufzustöbern, das Grauslige, das hier, abseitig, noch hinter der Quelle des Mathelbachs, versteckt und geheim gehalten werden muss, im Schutze bizarrer Felsen und Streuobstwiesen, darauf hofft man und darauf, im Wald Knochen zu finden, die nicht nach Wild aussehen, sondern nach Mensch, sie sind noch warm, und es ist ein Flüstern im Wald, ein Geräusch als würde ein primitives Messer gewetzt, man rennt über Wurzeln stolpernd zurück, in Richtung Veilbronn, Hafen der Zivilisation, man rennt nach den Freunden tretend, nehmt die andern, ich bin zu jung!, lehnt keuchend am Auto auf dem Parkplatz in Veilbronn und niemand will glauben, was man gesehen hat. Der Spaziergang ist wirklich hübsch. Wir sind dann nicht nach Leidingshof. Aus der Entfernung sah es so aus als gäbe es da Audis und Sky in HD.

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KATEGORIE B: JULI ZUCKER ÜBER MIRACLE MIKE

Nach einigem Sinnieren über „Kleinod“ bin ich an meine Grenzen gestoßen und würde meine Beziehung zu diesem Wort am liebsten an einem Beispiel erklären, einem Huhn. Ein Huhn ist ein Faszinosum und verfügt über die Dringlichkeit, beschrieben zu werden. Unser Huhn ist ein Hahn, kommt aus Colorado und heißt Mike, the Headless Chicken. Mike soll 18 Monate überlebt haben, nachdem ihm der Kopf abgeschlagen wurde. Sein Herrchen – wie man bei Hühnern im Übrigen nicht zu sagen pflegt, weil sie ja, wie jeder weiß, nur in sehr seltenen Fällen als Haustiere gehalten werden – hatte ihn töten und servieren wollen, aber die Halsschlagager und also auch das Menü verfehlt. Hier kurz ein Exkurs und einige Informationen darüber, was man beachten muss, wenn man sich ein Huhn als Haustier aneigenen möchte: 1. Zuerst mit den Nachbarn sprechen. Eine Beanstandung frühmorgendlichen Krähens ist nicht ausschließbar. 2. Einholung der Baumaßgenehmigung, falls ein Stallbau erwünscht ist. 3. Achtung! Hühner verstehen sich gut mit Meerschweinchen, Kleinvögeln und Kanninchen; Katzen und Hunde aber fühlen sich vor allem durch Küken oder notdürftiges Umhereilen der Hühner oftmals animiert, den eigenen Jagdinstikt auszuleben. Kinder und Hühner sind meistens kein Problem. 4. Es ist absolut notwendig, Hühner vom Tierarzt impfen zu lassen. 5. Hühnerhaltung muss bei irgendwem registiert werden. Unser Huhn, also Hahn, also Mike, überlebte ohne Auge, Hals und – was am schlimmsten für seinen hähnischen Stolz gewesen sein muss – ohne Hahnenkamm. Den Hahnenkamm übrigens, und das ist also der Grund für diesen Text, muss gewertet werden als Kleinod von Mike und deswegen, sehr geehrter Leser, möchte ich gleich mitteilen, dass es auch Erfrierungen an dieser besagten Stelle geben kann, aber ein bisschen (Kräuter-)Vaseline und es sieht schon wieder ganz anders aus. Man kann ja einfach nichts tun gegen Zugluft und Feuchtigkeit im Stall! Dabei ist das unangenehm für jeden: Früher Delikatesse, heute in Deutschland kaum noch gern gesehen, wurde der Hahnkamm früher auch gerne mal ohne den zugehörigen Körper serviert – mit Hühnerbrühe (passend!), Zitronensaft, Trüffeln, paniert oder in Teig gepackt. Mit Mike hat das nicht mehr viel zu tun, sein Kleinod ging bei seiner Köpfung ja verloren und wohin sein Herrchen den Kamm wohl gebracht haben mag, bleibt fraglich. Man munkelt, das Herrchen habe sogar einiges an Geld eingenommen, als er Schaulustigen Mike präsentieren konnte, ungefähr 25 Cent pro Besichtigung. Macht nichts, denkt sich Miracle Mike mit seinem halben Gehirn und tritt gerne auch mal im Zirkus auf – neben zweiköpfigen Kälbern und so weiter. Er selbst wird davon wahrscheinlich gar nicht so viel mitbekommen haben und ob Mike wirklich ein guter Name für eine Einnahmequelle ist, die einem das restliche Leben finanziert, will wohlbedacht sein. Dabei hat Rockstar Mike einen guten Abgang hingelegt – in einem Motel ist er nach einer Tour mit seinem Herrchen zu Grunde gegangen. Gewürgt hat er, weil sein Grundgütiger vergessen hat, ihm den Schleim aus dem Hals zu pumpen. Egal. Kleinvieh macht auch Mist.

ZUM THEMA: GERUCH / GESTANK

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Wöchentlich erscheinen zwei Beiträge zu einem Thema, auch Gastautoren sind gerne gesehen. In dieser Ausgabe lautet das Thema: GERUCH/GESTANK

KATEGORIE A: ANDREAS THAMM ÜBER GERUCH

Es ist weniger lange her, als ich es gern hätte, dass ich noch mit heiligem Ernst Gedichte schrieb, mit Sprache und Verdichtung und so, schreckliches Zeug. Heute ist mir das zu blöd und ich möchte niemand etwas vormachen, das heißt, ich will mir selbst nix vormachen. Solange ich es vermag einer Jury etwas vorzumachen, ist alles okay. Ich will davon ausgehen, dass das die meisten Lyriker, die keine Pfauen sind, heutzutage so handhaben. Aber manchmal funkt etwas in meinem Gehirn und es brizzelt und dann fällt mir das mit dem Geruch von Neuwagen ein, der über der Stadt schwebt oder hängt, oder so. Das war ein Vers. Hab ich selbst gemacht. Und das war stark. So stark, dass ich da manchmal dran denken muss, Geruch von Neuwagen, über der Stadt, Wahnsinnszeug. Vielleicht hat das aber auch nur mit meiner persönlichen Vorliebe zu tun. Am besten ist immer, wenn Papa ein neues Auto hat. Das war sogar schon immer am besten. Das Zwickauer Unternehmen „Reima“ packt den Duft der flüchtigen organischen Verbindungen, die aus verbauten Materialien verdampfen“ seit 2000 erfolgreich in Dosen. Neuwagenduft für daheim und jede Gelegenheit, für olle Gebrauchtwagen und untern Arm. Dabei ist dieser Neuwagenduft sozusagen nur ein Nebenprodukt der Automobilherstellung und vom Hersteller im Regelfall gar nicht erwünscht. Der Kunde freut sich im Regelfall trotzdem ein Auto zu erstehen, dass neu riecht und er freut sich jedes Mal festzustellen, dass er noch immer nicht gewichen ist, der Neuwagenduft. Wenn ich Psychologe wäre, würde ich die Theorie aufstellen, dass es nicht der Geruch an sich ist, der ein positives Gefühl auslöst, sondern seine Verknüpfung mit der Investition in etwas Hochwertiges. Ich selbst schnuppere noch manchmal an der Tastatur meines Laptops, beseelt von der stupiden Hoffnung, der Geruch von Neulaptop sei zurückgekehrt. Ist er aber nicht. Zwischen den Buchstaben türmen sich Essensreste. Vielleicht schreibe ich mal ein Gedicht darüber, wahrscheinlich aber nicht.

KATEGORIE B: JULI ZUCKER ÜBER: GESTANK

Gestank ist immer meine Oma, die in der Waschküche sitzt und ihre Taube rupft. Ein orangener Eimer, der neben ihren stattlichen Waden steht, ein alter Holzstuhl und ihre kleinen, runzligen Hände, die kurz zuvor der Taube einen Holzscheit auf den Schädel geschlagen haben. Meine Oma, wie sie die Taube in die Waschküche trägt, meine Oma, wie sie das Köpfchen der Taube an ihre rotgesprenkelte Schürze drückt, meine Oma, wie sie sich setzt, die Ärmel nach hinten krempelt, die Taube auf ihrem dicken Bauch ablegt und zu rupfen beginnt. Die Hände meiner Oma, die eine Feder nach der anderen aus der Taube reißen, meine Oma, die dabei etwas erzählt, meine Oma, die die Taube überprüft, meine Oma, die mit ihrem Finger über die nackten, freiliegenden Poren dieser Taube fährt. So ungefähr: Meine Oma hebt die Taube gegen die Lampe und überprüft mit ihren phantastisch blauen Augen, ob man sie jetzt in Ruhe einfrieren kann. Meine Oma, die die Taube wieder aus dem Gefrierschrank nimmt und etwas mit ihr macht. Ich bin zwischen sechs und zehn, zwischen einem Meter und eins zwanzig, die Taube liegt in der Soße und hier lerne ich Gestank.

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Zum Thema: Gebrechen

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Wöchentlich erscheinen zwei Beiträge zu einem Thema, auch Gastautoren sind gerne gesehen. In dieser Ausgabe lautet das Thema: GEBRECHEN.

KATEGORIE A) ANDREAS THAMM über GEBRECHEN:

Das Problem, unter dem ich rein psychologisch leide, lässt sich mit den Schlagworten geringe Kompetenz und geringe Auswahl beschreiben. Ich bin nicht in der Lage und nicht willens, raffinierte Gerichte zu zaubern, ich bin nicht wohlhabend genug, mir regelmäßig ein gutes Stück Fleisch kaufen zu können, ich bin zu verwöhnt, um sämtliche Gemüsesorten zu essen und ich bin nicht der Meinung, dass Salat eine Mahlzeit ist, noch dass es sich bei Menschen, die das behaupten, überhaupt um Menschen handelt. Um es kurz zu machen: Mein Leben ist eine abwechselnde Folge von Bratkartoffeln und Nudelauflauf. Die Natur scheint unzureichend vorgesorgt zu haben, es beschleicht mich der Eindruck, es gibt sonst einfach nichts. Ich bade in einer Lache aus öligem Kohlehydrat.

Das Bundessozialgericht in Kassel urteilt 2003, Adipositas sei eine Krankheit. Übergewicht verpflichtet die Krankenkassen. Wenn sich an meiner Unterversorgung mit Alternativen zu Nudeln und Kartoffeln binnen der nächsten fünf Jahre nicht grundlegend etwas ändert, werde ich mir das einhandeln. Wie das eben so ist: Es ist kein Mensch ohne Gebrechen.

Die Geschichte meines persönlichen Verfalls hat die konventionellen Stationen auf unspektakuläre Art und Weise abgeschritten: Wie etwa die Hälfte meiner Altersgenossen litt ich unter einer Zahnfehlstellung, die mit Hilfe einer losen Klammer beseitig wurde – wie schön im Übrigen, zu erfahren, mir würde auch eine feste Zahnspange gut stehen. Machen auch Sie den Test: http://bit.ly/147ZVZR. Irgendwann kam eine Brille hinzu, auch das ein Schicksal, das ich mit über 60 Prozent der Deutschen teile und nie als Schicksal empfunden habe.

Die Evolution hat am Menschen noch so einiges nachzujustieren. Während 60 Prozent der menschlichen Augen nicht ausreichen, um sehen zu können, was zu sehen wäre, gehen, angeblich, runde 70 Prozent auf Füßen durch die Welt, die sich dafür kaum eignen. In meinem Fall heißt die Diagnose Senk-Spreizfuß, politisch unkorrekt: Plattfuß. Als wissenschaftsgläubiges Individuum beunruhigt es mich schon ein wenig, wenn die Süddeutsche Zeitung schreibt, „Für Notwendigkeit und Nutzen der Behandlung fehlt jeglicher wissenschaftliche Beweis.“ Als Betroffener und Patient hingegen, muss ich feststellen, dass ich dank meiner Einlagen zumeist schmerzfrei gehe. Und: Seit Neuestem darf ich die Farbe aussuchen. Sie sind grün.

Neben den obligatorischen Rücken- und Nackenschmerzen, findet sich nun seit weniger als einem Jahr ein Symptom in meiner gedanklichen Krankenakte, das primär die Menschen stört, die mit mir das Schlafzimmer teilen. Es handelt sich dabei nicht um die unkontrollierbaren Flatulenzen eines Charles Darwin, sondern ums Zähneknirschen. Letzten Endes bin natürlich trotz allem ich der Leidtragende. Niemand möchte gern abgeriebene Stümpfe anstatt Zähnen im Mund tragen. Deshalb gibt es hierfür  eine Prothese in Form einer Plastikschiene, die meinen Zähnen angepasst ist und am Morgen, wie man sich denken kann, unangenehm riecht. So ist zumindest das Symptom behandelt, mein Körper vor mir selbst geschützt.

Man möchte das nicht, so klingen wie die Verwandtschaft auf Familienzusammenkünften, wenn das Beisammensein etwas lang wird und jeder bereits seinen letzten Urlaub rekapituliert hat. Die Klage über den eigenen Verfall, die Feststellung, man ist nicht perfekt, nicht ansatzweise, sie gehört sich nicht vor einer gewissen Altersgrenze. Und doch tragen wir die Ergebnisse der Eigendiagnose ständig mit uns herum, die Akte im Kopf, die Chronik des Siechtums, die Gewissheit: Gesund sind immer die Anderen.

Und ästhetisch. Ich habe keine Statistiken über Warzen auf dem Bauch gefunden. Ich möchte darüber bei aller Entblößung auch nicht zu viele Worte verlieren. Am Ende ist ja eh alles gar nicht so schlimm. Gar nicht so grässlich. Die beste Therapie für Rücken und Kopf bestünde wohl darin, die Finger vom Internet zu lassen. Neulich las ich von einem Zusammenhang zwischen einem Übermaß an Kohlenhydraten und Migräne. Heut gab es Chili, mit Reis. Hauptsach‘ satt sag ich immer.

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KATEGORIE B) JULI ZUCKER über GEBRECHEN:

Lieber Derm,

heute muss ich dir also von meinen körperlichen Unzulänglichkeiten berichten. Eine davon ist für mich weniger imposant als für ziemlich viele andere Menschen auf diesem Planeten: Meine Größe, die mich persönlich zwar gar nicht so belastet und deren Existenz mir bis auf peinliche Ausweiskontrollen an Tankstellen nur schemenhaft in meinem Gehirn vorhanden ist, bis zu den Momenten, in denen altweise Klugscheißer meinen, mich darauf hinweisen zu müssen. Sie haben also erkannt, dass ich klein bin, herzlichen Glückwunsch, wow, das ist eine Bereicherung, danke auch für die Mitteilung, gut, dass Sie mich daran erinnern, dass Sie mir Ihre Bemerkung mitteilen, die gerade über mich in Ihrem Gehirn passiert, das ist mir viel wert. Ehrlich. Seit 2003 liegt die Körpergröße von Frauen in Deutschland bei etwa 165 Zentimeter. Mir fehlen davon zwölf. Zwölf Zentimenter, so denkt die Wissenschaft, machen ungefähr den Größenunterschied von Männern und Frauen aus und laut einer 2006-Statistik von SOEP gibt es in Deutschland zu diesem Zeitpunkt nur 4% Frauen, die 150-154 cm hoch sind. Ich weiß, dass ich dem Klub langer Menschen nicht beitreten kann. Aber ich möchte auch keine Stelzen, ich bin kein Standgebläse und noch weniger bin ich Liliputaner. Danke für eure Ehrlichkeit und euren exquisiten Feinsinn für hervorragende Witze. Ich bewundere dieses Gespür zutiefst.

Was ich nicht aushalte, sind Menschen, die aus diversen Gründen Watte essen (Models essen Watte). Ich hasse Watte. Ich hasse, wie Watte aussieht, und wenn ich daran denke, dass ich Watte berühren muss, hasse ich alles noch mehr. Dabei habe ich gar keine Angst vor Watte (Bambakomallophobie), ich möchte nur auf gar keinen Fall mit ihr in Berührung kommen. Dieser Hass startete vor etwa zehn Jahren, als ich einen Hamster (Teddy) hatte, der in einem Hamsterhaus wohnte, und dieses Hamsterhaus musste man eben mit Watte füllen oder man musste zumindest Teddy die Watte geben, damit er sein Hamsterhaus selber füllen konnte – was er im Übrigen auch viel lieber mochte. Teddy liebte Watte sehr, aber irgendwann wurde er verrückt und biss in meinen Finger (im Ernst), naja, und selbst als Teddy nach zwei endlosen Jahren verstarb, blieb der Hass auf Watte (auch der Hass auf Teddy). Und jetzt kommen Models, die Watte essen. Ich kann mir fast nichts Ekelhafteres vorstellen, als einen Watteklumpen im Magen liegen zu haben. Oder doch: Den überhaupt erst im Mund zu haben. Ich will weinen. Ich bin noch zu jung für alle Krankheiten. Die letzten beiden Winterperioden habe ich fast ohne ein Ächzen überstanden, nur zwei, drei Tage auf der Couch und ein paar neurodermitisbedingte Ausschläge, die sich über den gesamten Körper ziehen, der dann so demoliert ist, dass man gar nicht raus will. Sonst ist alles echt in Ordnung. Nur mit dem linken Knie hab ich manchmal Probleme. Ich hoffe, du findest das ok.

Deine Juli

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