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Meistens Unterhaching

Charlie sagt, wenn ich das studiert hätt‘, was ich behaupte, studiert zu haben, müsst ich mich ja auskennen mit Brecht und so. Früher hat er auch viel gelesen, Geo Hefte zum Beispiel, Bücher auch. Hat er aber alles weggeschmissen. Um die Geo Hefte ist es schad, zumindest die über Asien. Gegen Mitternacht schippt er vor meinem Fenster Schnee.

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Zwölf Quadratmeter müssen reichen, wenigstens einmal im Leben, muss man das mitgemacht haben. Das Ehepaar von nebenan habe ich kennengelernt, die Namen schon lange wieder vergessen. Nichts nervt mich mehr, als ihre Stimmen auf dem Gang zu hören. Er brummelt Albanisch, sie quäkt. Das macht einen wahnsinnig. Über mir wohnen auch noch Menschen. Ich weiß nicht, wie viele, ich habe nie einen gesehen. Und dann gibt es da noch das Hinterhaus. Auch dort haut eine gewisse, unbestimmbare Anzahl in den Souterrainlöchern. Es hat Monate gedauert, bis ich das herausgefunden habe.

Im Arrowz Sonntagmorgen, halb 3. Ein paar Nazis spielen Darts. Ein alter mit sackartiger Jeans und Kappe, aber ohne Hinterkopf hängt am wild blinkenden Automaten. Neben ihm ein normaler Typ, ebenfalls mit Kappe. An der Bar ein trauriger Nerd, der eine Zeit lang einer Rothaarigen über den Rücken streicheln darf. Dann schiebt sich die Rothaarige einem der Nazis ins Ohr. Eurotrash-Techno fiept aus den Boxen. Folge dem Delfin. Als wir gehen, schlafen der Nerd und die meisten Nazis. Ein friedliches Bild, man wünschte sich, es würde jemand mit Öl malen.

Wenn ich möchte, dass die Heizung warm wird, muss ich sie mit dem Hammer bearbeiten. Ich lasse kein Tageslicht herein. Die Tür muss man absperren, sonst fliegt sie wieder auf. Ein Messer und eine Gabel sind mit Klebeband fixiert. Im Bad ist die Lüftung ausgefallen. Habe Streichhölzer gekauft. Überzeugend erwecke ich den Anschein von Armut und Elend. Aber das ist eigentlich nur ein Theaterstück ohne Publikum.

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Charlie sagt, früher hat ihm das Haus gehört, aber dann wurd’s zwangsversteigert. Er haut mit dem Hammer gegen meine Heizung. In München unterhält man sich nie nicht über die Mietpreise. Ich erzähle Charlie, was ich zahle, kann seiner Reaktion aber nicht ablesen, ob er das viel oder wenig findet. Neulich hat er beim Leergutautomaten in der Norma seinen Bon stecken lassen. Als er es gemerkt hat, war der Bon schon weg. Anstand haben die Leute heute keinen mehr.

Beim Nachbarn kann man das Fahrrad reparieren lassen, aber erst ab April wieder. Im Wirtshaus Althaching sitzen die Menschen wie in einem Wintergarten. Das beliebteste Gastro-Unternehmen ist die American-Burger-Bar auf dem Edeka-Parkplatz. Manchmal hört man Jubel vom Alpenbauer Sportpark herüberwehen. Bei Pizza Avanti hängt das signierte Trikot eines Spielers. Jeden Mittwoch trifft sich am S-Bahn Gleis Richtung Holzkirchen die Senioren-Wandergruppe, Wetter egal. Rentner müsste man endlich sein.

Charlie sagt, als Autor verdient man doch ganz gut. Und die Wohnung ist ja nicht so teuer. Und am Wochenende fahre ich ja eh meist heim, oder? Wo ist das nochmal? Bamberg. Er will wissen, ob da nicht irgendwas mit Sängern gewesen sei. Bamberg sagt ihm schon was. Spiele mit Sängern. Ich frage ihn, ob er Bayreuth meint. Charlie bestätigt: Ja. Bayreuth, Festspiele. Er hat mal einen gekannt, der da gearbeitet hat. Gesungen?, fragte ich. Ja, sagt Charlie, gesungen und gesoffen wie ein Loch.

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stefan mesch

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