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Zum Thema: Gebrechen

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Wöchentlich erscheinen zwei Beiträge zu einem Thema, auch Gastautoren sind gerne gesehen. In dieser Ausgabe lautet das Thema: GEBRECHEN.

KATEGORIE A) ANDREAS THAMM über GEBRECHEN:

Das Problem, unter dem ich rein psychologisch leide, lässt sich mit den Schlagworten geringe Kompetenz und geringe Auswahl beschreiben. Ich bin nicht in der Lage und nicht willens, raffinierte Gerichte zu zaubern, ich bin nicht wohlhabend genug, mir regelmäßig ein gutes Stück Fleisch kaufen zu können, ich bin zu verwöhnt, um sämtliche Gemüsesorten zu essen und ich bin nicht der Meinung, dass Salat eine Mahlzeit ist, noch dass es sich bei Menschen, die das behaupten, überhaupt um Menschen handelt. Um es kurz zu machen: Mein Leben ist eine abwechselnde Folge von Bratkartoffeln und Nudelauflauf. Die Natur scheint unzureichend vorgesorgt zu haben, es beschleicht mich der Eindruck, es gibt sonst einfach nichts. Ich bade in einer Lache aus öligem Kohlehydrat.

Das Bundessozialgericht in Kassel urteilt 2003, Adipositas sei eine Krankheit. Übergewicht verpflichtet die Krankenkassen. Wenn sich an meiner Unterversorgung mit Alternativen zu Nudeln und Kartoffeln binnen der nächsten fünf Jahre nicht grundlegend etwas ändert, werde ich mir das einhandeln. Wie das eben so ist: Es ist kein Mensch ohne Gebrechen.

Die Geschichte meines persönlichen Verfalls hat die konventionellen Stationen auf unspektakuläre Art und Weise abgeschritten: Wie etwa die Hälfte meiner Altersgenossen litt ich unter einer Zahnfehlstellung, die mit Hilfe einer losen Klammer beseitig wurde – wie schön im Übrigen, zu erfahren, mir würde auch eine feste Zahnspange gut stehen. Machen auch Sie den Test: http://bit.ly/147ZVZR. Irgendwann kam eine Brille hinzu, auch das ein Schicksal, das ich mit über 60 Prozent der Deutschen teile und nie als Schicksal empfunden habe.

Die Evolution hat am Menschen noch so einiges nachzujustieren. Während 60 Prozent der menschlichen Augen nicht ausreichen, um sehen zu können, was zu sehen wäre, gehen, angeblich, runde 70 Prozent auf Füßen durch die Welt, die sich dafür kaum eignen. In meinem Fall heißt die Diagnose Senk-Spreizfuß, politisch unkorrekt: Plattfuß. Als wissenschaftsgläubiges Individuum beunruhigt es mich schon ein wenig, wenn die Süddeutsche Zeitung schreibt, „Für Notwendigkeit und Nutzen der Behandlung fehlt jeglicher wissenschaftliche Beweis.“ Als Betroffener und Patient hingegen, muss ich feststellen, dass ich dank meiner Einlagen zumeist schmerzfrei gehe. Und: Seit Neuestem darf ich die Farbe aussuchen. Sie sind grün.

Neben den obligatorischen Rücken- und Nackenschmerzen, findet sich nun seit weniger als einem Jahr ein Symptom in meiner gedanklichen Krankenakte, das primär die Menschen stört, die mit mir das Schlafzimmer teilen. Es handelt sich dabei nicht um die unkontrollierbaren Flatulenzen eines Charles Darwin, sondern ums Zähneknirschen. Letzten Endes bin natürlich trotz allem ich der Leidtragende. Niemand möchte gern abgeriebene Stümpfe anstatt Zähnen im Mund tragen. Deshalb gibt es hierfür  eine Prothese in Form einer Plastikschiene, die meinen Zähnen angepasst ist und am Morgen, wie man sich denken kann, unangenehm riecht. So ist zumindest das Symptom behandelt, mein Körper vor mir selbst geschützt.

Man möchte das nicht, so klingen wie die Verwandtschaft auf Familienzusammenkünften, wenn das Beisammensein etwas lang wird und jeder bereits seinen letzten Urlaub rekapituliert hat. Die Klage über den eigenen Verfall, die Feststellung, man ist nicht perfekt, nicht ansatzweise, sie gehört sich nicht vor einer gewissen Altersgrenze. Und doch tragen wir die Ergebnisse der Eigendiagnose ständig mit uns herum, die Akte im Kopf, die Chronik des Siechtums, die Gewissheit: Gesund sind immer die Anderen.

Und ästhetisch. Ich habe keine Statistiken über Warzen auf dem Bauch gefunden. Ich möchte darüber bei aller Entblößung auch nicht zu viele Worte verlieren. Am Ende ist ja eh alles gar nicht so schlimm. Gar nicht so grässlich. Die beste Therapie für Rücken und Kopf bestünde wohl darin, die Finger vom Internet zu lassen. Neulich las ich von einem Zusammenhang zwischen einem Übermaß an Kohlenhydraten und Migräne. Heut gab es Chili, mit Reis. Hauptsach‘ satt sag ich immer.

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KATEGORIE B) JULI ZUCKER über GEBRECHEN:

Lieber Derm,

heute muss ich dir also von meinen körperlichen Unzulänglichkeiten berichten. Eine davon ist für mich weniger imposant als für ziemlich viele andere Menschen auf diesem Planeten: Meine Größe, die mich persönlich zwar gar nicht so belastet und deren Existenz mir bis auf peinliche Ausweiskontrollen an Tankstellen nur schemenhaft in meinem Gehirn vorhanden ist, bis zu den Momenten, in denen altweise Klugscheißer meinen, mich darauf hinweisen zu müssen. Sie haben also erkannt, dass ich klein bin, herzlichen Glückwunsch, wow, das ist eine Bereicherung, danke auch für die Mitteilung, gut, dass Sie mich daran erinnern, dass Sie mir Ihre Bemerkung mitteilen, die gerade über mich in Ihrem Gehirn passiert, das ist mir viel wert. Ehrlich. Seit 2003 liegt die Körpergröße von Frauen in Deutschland bei etwa 165 Zentimeter. Mir fehlen davon zwölf. Zwölf Zentimenter, so denkt die Wissenschaft, machen ungefähr den Größenunterschied von Männern und Frauen aus und laut einer 2006-Statistik von SOEP gibt es in Deutschland zu diesem Zeitpunkt nur 4% Frauen, die 150-154 cm hoch sind. Ich weiß, dass ich dem Klub langer Menschen nicht beitreten kann. Aber ich möchte auch keine Stelzen, ich bin kein Standgebläse und noch weniger bin ich Liliputaner. Danke für eure Ehrlichkeit und euren exquisiten Feinsinn für hervorragende Witze. Ich bewundere dieses Gespür zutiefst.

Was ich nicht aushalte, sind Menschen, die aus diversen Gründen Watte essen (Models essen Watte). Ich hasse Watte. Ich hasse, wie Watte aussieht, und wenn ich daran denke, dass ich Watte berühren muss, hasse ich alles noch mehr. Dabei habe ich gar keine Angst vor Watte (Bambakomallophobie), ich möchte nur auf gar keinen Fall mit ihr in Berührung kommen. Dieser Hass startete vor etwa zehn Jahren, als ich einen Hamster (Teddy) hatte, der in einem Hamsterhaus wohnte, und dieses Hamsterhaus musste man eben mit Watte füllen oder man musste zumindest Teddy die Watte geben, damit er sein Hamsterhaus selber füllen konnte – was er im Übrigen auch viel lieber mochte. Teddy liebte Watte sehr, aber irgendwann wurde er verrückt und biss in meinen Finger (im Ernst), naja, und selbst als Teddy nach zwei endlosen Jahren verstarb, blieb der Hass auf Watte (auch der Hass auf Teddy). Und jetzt kommen Models, die Watte essen. Ich kann mir fast nichts Ekelhafteres vorstellen, als einen Watteklumpen im Magen liegen zu haben. Oder doch: Den überhaupt erst im Mund zu haben. Ich will weinen. Ich bin noch zu jung für alle Krankheiten. Die letzten beiden Winterperioden habe ich fast ohne ein Ächzen überstanden, nur zwei, drei Tage auf der Couch und ein paar neurodermitisbedingte Ausschläge, die sich über den gesamten Körper ziehen, der dann so demoliert ist, dass man gar nicht raus will. Sonst ist alles echt in Ordnung. Nur mit dem linken Knie hab ich manchmal Probleme. Ich hoffe, du findest das ok.

Deine Juli

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Wisbyer Straße 19, Berlin gegen 11.21

WISBYER STRAßE, BERLIN. 11.21 UHR. Sie, 80, er, 75, sie fällt, prallt mit dem Hinterkopf auf den Gehsteig, liegt da, streckt wie ein dicker Käfer ihre Arme in die Luft, kommt nicht hoch, kommt nicht nach rechts und nicht nach links, bleibt liegen mit langsamen Bewegungen. Ihm reichen die Kräfte nur für den Rollator, für seinen Käfer ist er zu alt und auch zu schwach. Ich: hin. Ich: ohne Frühstück, fast auch zu schwach, um den Käfer zu heben, zum Glück Hilfe von einem Passanten. Der Passant und ich heben den Käfer, der Käfer fasst sich an den Hinterkopf, der Mann steht am Rollator, wir in der prallen Hitze, schauen uns um, kein Derm in Sicht und auch keine Hilfe. Sie: den Hosenstall offen, er: verzweifelt, fast am Weinen, seine Hände an den Hand-Dingen vom Rollator, der Passant hält den Käfer unter den Armen. Ich: Krankenwagen? Der Käfer: Nein, wir waren ja gerade beim Arzt. Ich: Na und? Der Käfer: Wegen dem Herzschrittmacher. Ich: Hilft nichts. Der Mann (Angst): Nein, bitte nicht. Ich: Soll ich Sie nach Hause bringen, Sie und den Käfer? Der Käfer versteht nichts, fasst sich durchgehend an den Hinterkopf. Ein AUDI, ich winke, der Auto hält. Die Blonde steigt mittvierzig aus dem Wagen, schockiert, bietet Hilfe an, fährt den Mann und den Käfer nach Hause. Wir hieven zuerst den Käfer auf den Beifahrersitz, dann den Mann nach hinten, der Käfer ächzt ein wenig, wie sollen die es in ihr Stockwerk schaffen? Der Audi fährt, der Passant und ich verabschieden uns sehr höflich voneinander.

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