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Stadthalle

Man hat natürlich immer leicht reden als Halli-Galli-Online-Blogger, der sich mit seinem Derm eine goldene Nase (und Uhr) verdient. Andere Menschen müssen arbeiten. Die gehen irgendwo hin, dann müssen die da was machen, dann kriegen sie ein paar schmutzige Scheine auf die Kralle, damit sie sich auf dem Heimweg in die Südstadt einen gammligen Döner kaufen können. Unser lieber Freund und frischgebackener Gastautor, M. W., gehört zu diesem, sogenannten arbeitenden Teil der Bevölkerung. Wir haben ihn gebeten, uns davon zu berichten, wie das ist. Unentgeltlich, versteht sich.

st 2Die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen steht man nun da, um 6 Uhr früh, und fragt sich nicht nur, warum man überhaupt schon wach ist, sondern auch, warum man nichts Gescheites gelernt hat. Man fragt sich das wirklich oft, wenn man für den Mindestlohn Stühle und Tische für eine meist vermutlich eher zweitklassige Veranstaltung durch die Gegend trägt. Das Programm sagt mir in der Regel nichts, beziehungsweise ist mir egal, kommt doch eh nichts Weltbewegendes in diese trostlose Gegend. Um 7 Uhr steht man dann wieder vor der Halle mit seinen Schlitzen und bläst sich diese mit Rauch voll. Goldene Regel: Wer raucht, kann Pause machen. Da raucht man schon mal mehr. Das Aufhören, das ich mir eigentlich mal wieder vorgenommen hatte, verschiebe ich auf nächste Woche, da habe ich mal 5 Tage frei. Eigentlich eh alles halb so schlimm, der Tag ist durchzogen von den „Ups und Downs“ wie man sagt, der Galgenhumor der Kollegen macht vieles erträglicher. Grob lassen sich diese in zwei Gruppen einteilen: Studenten, die, wie ich, nichts oder noch nichts Gescheites gelernt haben und deren Bafög aufgrund der dreist in die Länge gezogenen Studienzeit zur Neige geht einerseits. Andererseits die Techniker. Die haben wohl  schon was gelernt, vor allem das Ganze Jahre lang zu ertragen. In stillen Momenten erwischt man sie dabei, wie sie beim Frühstück, das in der Regel aus zwei Hackbrötchen besteht, vor sich hin starren. „Ja, hätt ich doch was gelernt“, hört man sie wimmern. Ansonsten ist alles Scheiße. Das Wort „Scheiße“ fällt tatsächlich sehr oft. Es gilt als Sammelbegriff für alles. Da kommt kein Veranstalter gut weg. Die Kollegen erst recht nicht. Die Putzfrau hat den Kaffeebecher beim Putzen minimal verschoben. Zwei alte Technikerhasen analysieren diesen Umstand etwa fünf bis zehn Minuten lang. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass erstens die Frau ihren Job nicht beherrscht und zweitens sowieso alles scheiße ist in diesem Drecksladen. Das Kreuzworträtsel in der Bildzeitung ist das Highlight des Tages. Komplett gelöst – der Chef strahlt. Dann wieder rauchen. Zu uns stößt ein Zeitarbeiter, man hört, bei seinem letzten Job sei er wegen schwerer Körperverletzung geflogen. Jetzt macht er nebenbei Holz. Er scheint stolz darauf zu sein. Die Glatze glänzt. Im Vertrauen nennt man ihn auch bald so: „Die Glatze“. Während die Glatze also auf seine teils aggressiv-hektische Art eine halbe Wand mithilfe eines Stuhlwagens (Goldene Regel Nr.2: Ein Stuhlwagen umfasst stets 25 Stühle) einreißt, haben wir Studentenpack besseres zu tun. Es folgt, das große Auflaufen der Gastro-Damen. Während man ansonsten nur mit älteren weiblichen Damen zu tun hat (liebevoll als „Putzen“ tituliert), erscheinen die adretten Damen von der Gastronomie in einer Art Engelslicht. Zumindest ein paar von ihnen nutzen den Durchgang von Festsaal zum Nebenraum mit Buffet als eine Art Laufsteg. Vielleicht auch allesst1 Einbildung. Der Chef gibt ein paar Chauvisprüche übelster Sorte zum Besten, die Männer lachen bisschen geil, dann geht es schwitzend, stinkend weiter. Das Buffet könnte gut riechen, würde sich nicht der beißende Gestank der Kerzen (Tatsache: Kerzenmesse) darunter mischen. Aus allen Bundesländern reisen sie dafür an. Für die Kerzen nehmen sie eine stundenwährende Anfahrt in Kauf. Die Sanitäter – sonst nur bei schwitzigen Auftritten von Größen wie „Kraftclub“ gefragt – haben ihren ersten und einzigen Einsatz heute: Eine Frau ist kurz nach Betreten der Eingangshalle zusammengebrochen. Man stutzt. Und witzelt. Ein Highlight. Vielleicht kann man das auch mal seinen Freunden erzählen. Samstagabend. Endlich frei. Man trinkt zuviel, in einer Kneipe taucht Kollege Moritz wieder auf, 21. Semester Soziologie. Auch er hat zu tief ins Glas geblickt und ketterauchend lacht man sich in Ektase über die ach so verhasste Schufterei. Alles halb so schlimm.

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