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Balkan-Diary 5: Vepric, Makarska oder Die Nachbildung von etwas Unsichtbarem

Auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, legt die Gottesmuttter Hand an die Kupplung meines Renault Kangoo. Er jault jetzt noch lauter, als ohnehin schon. Er beschleunigt nicht mehr. LKWs überholen mich. Ich rede mir ein, das sei halt ein schweres Auto. Das sei der Gegenwind. Das liege an den gekippten Fenstern hinten, von wegen Aerodynamik und so.

Ich fahre rechts ran auf den Seitenstreifen. Zum ersten Mal auf den Seitenstreifen, den Notfallstreifen, den verbotenen Streifen. Sofort steigt mir der typische Kupplungsgeruch in die Nase, den man riecht und man weiß, aha Kupplung, ohne eine Ahnung zu haben, was genau da überhaupt so stinkt und warum.

Einfach einen Moment warten, denke ich, eine Pause gönnen, abkühlen lassen. Erstmal die gekippten Fenster hinten zumachen. Ich stelle fest, dass der Gegenwind lange nicht so stark ist, wie ich gedacht, gehofft, mir eingeredet hatte. Alles wird gut, denke ich und starte den Motor, alles gut bis hierhin, und lege den ersten Gang ein und gebe Gas, doch der Kangoo bleibt stehen. Und fährt nicht mehr.

Ich stehe auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, fast zweitausend Kilometer von daheim und die Gottesmutter hat mir das Auto geschrottet. Ich wühle durch Zettel, die sich im Handschuhfach angesammelt haben, Dokumente von jetzt und von früher, vom alten Auto und vom Vorbesitzer und von der Vorbesitzerin (Mama) des alten Autos. Ich muss irgendwo anrufen und weiß nicht wo, ich weiß noch nicht mal, in welchem Verein ich Mitglied bin und wo nicht. Ich bin stets zu naiv, optimistisch und faul gewesen, um mich mit dieser Möglichkeit auseinanderzusetzen.

Ich rufe bei der falschen Versicherung an. Ah, okay, danke trotzdem. – Ja, alles Gute. Ich überlege etwas zu lange, ob ich die gelbe oder die orangene Warnweste anziehen sollte, entscheide mich dann für die gelbe. Ist seriöser. Muss ich ein Warndreieck aufstellen? Ich probiere es nochmal mit Gasgeben. Nichts. Der Kangoo rührt sich nicht.

Ich finde die richtige Nummer, spreche mit einem netten Herrn, dem ich die Situation erkläre. Ich nenne Grabovac und Zagvozd, aber die falsche Autobahnnummer. Ich bekomme einen Rückruf und alles klärt sich auf und dann noch einen auf Englisch und dann soll ich warten und bestimmt dauert es bloß eine halbe Stunde und dann werde ich abgeschleppt und alles wird gut.

Ich sitze auf dem Seitenstreifen, gelbe Warnweste, und lese den Spiegel und mache Selfies und schicke sie nach Haus. Zwei Männer in so einem orangenen Baustellenwagen kommen vorbei, Autobahnmeisterei würde man in Deutschland wahrscheinlich sagen. Sie fragen, was los sei und drücken mir einen Zettel in die Hand, da soll ich unterschreiben. Ich verstehe nix, aber wenigstens kriege ich auch ein Exemplar. Für meine Unterlagen. Danke.

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Und ich warte. Five minutes, habe ich zu den Jungs von der Autobahnmeisterei gesagt. Und five minutes vergehen und auch zwanzig, eine halbe Stunde, ich lese den Spiegel. Ich schmiere mir den Nacken mit Sonnencreme ein. Und dann keimt herrliche Hoffnung, als ich sehe, dass sich ein Abschleppwagen nähert, wenn auch auf der falschen Seite. Am Steuer sitzt ein Kerl mit weißrandiger Kokser-Sonnenbrille und als er mich sieht, fährt er langsamer und deutet fuchtelnd an, dass er wenden muss, schon klar, und dass er dann wiederkäme.

Und die nächste halbe Stunde vergeht. Der Kangoo knackt leicht in der dalmatinischen Hitze. Und ich lese den Spiegel und glotze aufs Handy. Nächste Ausfahrt wird halt weit weg sein, denke ich, Misskommunikation, über so viele Ecken, kein Wunder. Da kommt der Abschleppwagen wieder um die Kurve mit der Sonnenbrille am Steuer und hinten drauf auf der Abschlepprampe sitzt schon einer, ein anderer, steht ein anderes Auto, wo der Kangoo stehen sollte, mein himmelblauer Kangoo.

Okay, ich will es nicht überstrapazieren: Nach insgesamt knapp zwei Stunden kommt der gleiche Kerl wieder und sagt, heute sei aber ein crazy day und ich denke, naja, good for you und sage: A lot of work for you. Aber er murmelt nur unzufrieden. Der Kangoo ist fest vertäut und der Mann bringt mich und ihn ins unweit entfernte Makarska. Schicksal möchte man meinen, Fügung.

Der Werkstattchef ist ein netter Mann, der gut Englisch spricht und mir erstens sagt, dass das sicher die Kupplung sei und nicht der Motor und dass er hier auch eine Ferienwohnung für mich hätte, die kann seine Frau schnell vorbereiten und wenn meine Versicherung nicht zahlen mag, macht er mir special price. Ja, ja, schon gut, es ist alles Recht.

Die Ferienwohnung hat eine Klimaanlage und einen Fernseher und das ist das Wichtigste. Während draußen der Sommer weiter so richtig hochfährt, sitze ich im eisigen Wohnzimmer meines neuen Apartments und verfolge die Fußball Weltmeisterschaft. Auch dann, wenn ich mich gerade am Telefon befinde, und am Telefon befinde ich mich in den kommenden beiden Tagen oft, läuft lautlos der Fernseher. Und am anderen Ende der Leitung erklärt mir jemand, dass die Übernachtungen erst ab der dritten bezahlt werden und dann dass das gar nicht stimme und dann dass ich ja gar keinen Schutzbrief hätte und dass also überhaupt gar nichts bezahlt werde und dann dass ich ja doch einen Schutzbrief hätte und bloß die entscheidenden Dokumente nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen seien. Und jetzt müsse man halt mal kucken.

Dazwischen: Lange Aufenthaltszeiten in der dudelnden Warteschleife meiner Versicherung. Klimaanlage an, Fußballkucken.

Manchmal fragt der Meister, ob ich etwas Neues wisse von der Versicherung und ich mache gequälte Geräusche als Antwort. Und dann zeigt er mir, was er beim Kangoo alles ausgebaut hat und erzählt, dass morgen die Teile kommen. Ich persönlich habe weder eine Ahnung, warum ein Auto fährt, noch was eine Kupplung macht und jeder, der so eine Ahnung hat, ist in meinen Augen ein Freak, aber ich habe großes Vertrauen diesem Mann gegenüber und er, so scheint es mir mit der Zeit, fast väterliche Gefühle mir gegenüber, diesem bleichen Deutschen, der in seiner Werkstatt gestrandet ist, auf dem Weg in die Herzegowina.

Am Ende kommen mir diese drei Tage unendlich lang, zermürbend, demotivierend vor. Auf einmal mag ich am liebsten Daheim sein. Am Anfang aber bin ich noch absolut gewillt, das Beste aus dieser Situation zu machen. Ändern lässt es sich ja nicht. Was gibt’s hier denn so?

Und Makarska, das ist das kleine Glück in diesem Unglück, ist äußerst bezaubernd, vielleicht die schönste Stadt meiner bisherigen Reise. Sie hat einen kleinen Strand und einen Hügel, von dem es sich schön glotzen lässt, sie hat enge Gassen, einen Platz, auf dem traditionell getanzt und gefiedelt wird, in ihrem Rücken ragt beeindruckend das Biokovo-Gebirge und es gibt tolles Risotto und Tintenfisch und eine Bar, in der ich forsch Rotwein bestelle. Do you have a favourite?, fragt der hippe Kellner. Dry and cheap, sage ich, der Werkstattrechnung bedenkend, die zu bezahlen sein wird.

Ganz egal, denke ich zunächst also, toll, hier sein zu dürfen, was muss ich gesehen haben? Das Muschelmuseum ist leider schon zu. Hinter der Schule spielen alte und junge Herren Boccia.Und im Park an der Franjo Tudjman Promenade steht unschuldig eine Statue von, genau, Franjo Tudjman, dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes, den nur der rechtzeitige Tod vor einer Anklage in Den Haag wegen Kriegsverbrechen bewahrte. Auch in Split gibt es eine Statue für den beinharten Nationalisten, Antisemiten, Rassisten, und in Pakostane und in Ploce. Ein überlebensgroßes Monumental-Denkmal entsteht zurzeit in Zagreb und soll in diesem Jahr enthüllt werden. Mann kann sich seine Helden nicht aussuchen – wobei, dochdoch, eigentlich schon.

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Das alles hat, zugegeben, wenig Schicksalhaftes, gar Göttliches an sich. Die Sache ist aber die: Seit ich vor rund drei Jahren eine umfangreiche Recherche zum Thema Marienerscheinungen in meiner Heimat und darüber hinaus begann, begnen mir solcherlei Orte, an denen sich die Gottesmutter angeblich zeigte, immer wieder. Maria verfolgt mich.

Eine gar kurze Recherche zeitigt, dass es hier, einen etwa halbstündigen Marsch entlang der brütend heißen Hauptstraße und dann durch ein Wohngebiet entfernt einen Ort namens Vepric gibt. Und dass ich diesen Ort sehen muss, ist klar, denn das ist besonders geil: Hier ist überhaupt gar nix erschienen. Hier hatte einfach nur ein irrer Bischof, Juraj Caric, Bock, die Pilgerstätte des bekanntesten Erscheinungsortes Lourdes mal eben nachbauen zu lassen, mit Grotte und Außenaltar und Erzengel-Gabriel-Statue und allem drum und dran.

Und als kleine lokale Zugabe gibt es eine Art Museum, in dem Bilder eines kroatischen Künstlers hängen, die zeigen, wie stählern der Herr war:

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Vepric ist quasi die Nachbildung von etwas Unsichtbarem, die Imitation von Mystik. Das noch viel Geilere daran: Es funktioniert. Natürlich kann der Schrein nicht mit dem Massentourismus an der Originalstätte mithalten. Aber an bestimmten heiligen Tagen pilgern etliche Gläubige hier her, um sich angesichts des Nachbaus vielleicht ein wenig der Illusion hinzugeben, sie wären woanders, an einem Ort in Frankreich, wo ein kleines Mädchen in 1858 die ein oder andere Botschaft empfing.

IMG_20180620_121922.jpgUnd deshalb, so müsste man meinen, hat die Gottesmutter ausgerechnet hier Hand an meine Kupplung gelegt. Wenn man glaubt, dass es sie gibt und sie sowas kann zumindest. Und wenn ja, dann hätte sie doch einen ganz guten, augenzwinkernden Humor, mit dem sie mir sagt: Zieh dir rein, was die Leute machen in ihrer Verrücktheit, zu der doch nur Glaube befähigt.

Am dritten Tage also frage ich nach dem Fortgang der Reparatur. Seine Frau müsse nur noch die Rechnung fertig machen, dann könne ich weiterfahren, lässt mich mein Mechaniker wissen. Und dann sieht er mich streng und etwas traurig von oben her an: Now you go to the beach, it’s a shame you haven’t been there. Und ich frage mich, woher er das wissen kann, aber es stimmt. Ich habe meine Zeit hier in Restaurants, vor dem Fernseher und an der Pilgerstätte verplempert anstatt, wie es sich gehört, am Strand zu fläzen.

Die Badehose und das Handtuch befanden sich allerdings auch im aufgebockten Kangoo. Bevor ich Abschied nehme von dieser ungeplanten Station, packe ich also das Zeug und mache mich auf den Weg. Ein letztes Mal aufs Meer glotzen, eine letzte kleine Runde im Meer schwimmen. Dann geht es weiter. Das Auto lässt sich nun so ungewohnt geschmeidig an, dass ich drei Mal abwürge, bevor ich es endlich aus dieser Ausfahrt schaffe. Ich hoffe, mein Mechaniker hat das nicht gesehen.

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Balkan-Diary 4: Das Weiße Haus bröckelt ins Meer (Insel Brac)

Am Fährhafen der Stadt Supetar auf der kroatischen Insel Brac taumelt ein großer Mann mit ölig schwarzen Haaren. Hey, my friend!, ruft er, als er mich sieht und das ist immer gleich verdächtig, wenn einer, den man noch nie im Leben gesehen hat, Freund zu einem sagt. Hey, sage ich also weitergehend und er: Do you play poker?

Ich frühstücke lieber ein Sandwich und hole mir einen Spiegel für viel Geld, was ja eigentlich immer schön ist nach so einer gewissen News-Auszeit, sich mal zu informieren und dann wiederum deprimierend.

Dann gehe ich an Bord, zurück nach Split. Unter Deck, klimatisierte Chill-Out-Area, ich hole mir einen Espresso, bisschen Spiegel lesen. Und da ist er wieder, der Große, zwei Tische weiter brüllt er einen Typ mit Vollbart an. Die Insassen der Fähre zucken zusammen, das Mädchen hinter der Bar nimmt einen Telefonhörer von der Wand. Der Große aber lässt ab von dem Mann mit dem Bart, taumelt davon und ruft noch einmal, bevor er im nichtklimatisierten Nebenraum verschwindet: Let’s play!

Nie sah ich einen Mann, der so dringend Poker spielen wollte.

Vier Tage habe ich auf dieser Insel verbracht, die in ein paar Wochen wahrscheinlich heillos überlaufen sein wird. Der Badeort Bol macht sich schon bereit und an der Promenade, die in Richtung des goldenen Horns führt – soundso oft von diesem und jenem Internetportal zum schönsten Strand der Welt oder mindestens Europas gewählt –, haben die Verkäufer von Hüten, Magneten, Fußballshirts und schönen Steinen bereits Stellung bezogen und harren der Käufer, die da kommen werden.

Ich kaufe einen Americano, weil ich es leid bin. Ganz kurz: Das große Problem ungefähr aller Länder südlich von Deutschland ist die Größe des Kaffees. Nein, ich möchte nicht, dass ihr Milch hineinschüttet, aber ich möchte trotzdem mehr als diesen, sorry, Vogelschiss in einer Espressotasse. Ich möchte lange an einem Kaffee nuckeln können. Ich möchte damit meinen Durst löschen.

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Mit meinem Gaskocher bereite ich mir ganze Tassen Kaffee zu. Der Typ, der den Zeltplatz hier betreibt ist so ein in die Jahre gekommener Sonnyboy mit extravaganter Sonnenbrille. Als er mich sieht sagt er nicht Hi, sondern: French? Und ich sage mal wieder Nö, German und auf einmal plaudert der Boy quasi flüssig Deutsch mit mir. Seine Schwester lebt in Unterfranken.

Am dazugehörigen Strand kann man auf Liegen liegen oder bei einem noch nicht in die Jahre gekommenen Ami-Sonnyboy Windsurfen lernen. Ich sage Jaja thanks und werde natürlich nicht Windsurfen lernen. Ich muss mich jetzt schließlich erstmal ans Alleinsein gewöhnen, also liege ich gern im Schatten, hole mir einen Espresso von der Bar, schwimme ein kleines Ründchen. Und stelle halb überrascht fest, wie schnell ich ritualisiere – das hier ist also meine Liege – und wie schnell sich in der Abwesenheit von Entscheidungszwang tatsächlich so etwas Ungewohntes wie Entspannung einstellen kann. Schön.

Mit für die Entspannung verantwortlich ist das Vorhandensein eines Fernsehers auf der Camping-Platz-Terrasse. Kroatien spielt gegen Nigeria und bestimmt, denke ich, bestimmt ist dann die Hölle los und alle tanzen und schreien und geben Schnaps aus.

Nichts davon. Vor dem Fernseher sitzt einsam ein alter Schweizer mit langem, grauem Pferdeschwanz und trinkt ganz langsam und schweigsam ein Bier. Der Campingplatz-Typ ist, wie sich herausstellt, Slowene und hat nicht nur eine Abneigung, er hasst die Kroaten. Aber hier ist doch Kroatien…?, sagt der Schweizer langsam, als wüsste er es wirklich nicht. Und der Slowene: Hier arbeite ich nur, vier Monate, dann zurück nach Maribor. Als Kroatien in Führung geht, flucht der Slowene auf Deutsch, erklärt mir, wie ich nach dem Spiel den Fernseher ausschalten soll und braust in seinem Landrover davon. Zurück bleiben der Schweizer und ich. Ich empfinde große Sympathie für diesen Mann. Wir wechseln kein Wort mehr bis Also, gutnacht.

Am Tag, an dem Deutschland ins Turnier einsteigt, will ich eine kleine Wanderung zum Eremiten-Kloster Pustijna Blaca machen. Das findet auch der Slowene gut da, obwohl Kroatien. Zu spät erfahre ich, dass Anstoß nicht um 20, sondern schon um 17 Uhr ist. Ich gerate in Eile, rase über die Insel, bis das Kloster ausgeschildert ist, dann einen Schotterweg hinunter, bis zu einem Parkplatz, von hier eine halbe Stunde Fußweg, dann eine kurze Führung, Dreiviertelstunde zurück zum Auto, über die Insel, zum Camping-Platz… Könnte klappen, könnte gerade so klappen.

Drei Dinge sorgen dafür, dass ich den Anstoß verpasse. Zum einen sind da die Spinnen. Sie sitzen dicht über meinem Kopf, scheinbar schwebend, in ihren Netzen und sie sind fett und schwarz und bösartig und wenn sie sich bewegen, was sie nur selten tun, so geschieht dies mit einer unnatürlichen, beängstigenden Schnelligkeit. Noch bei der dritten, fünften, achten Kolonie dieser Ungetüme zucke ich zusammen, bleibe stehen, sehe mich um: Krabbeln sie mir bereits die Beine hoch? Nein, aber da sitzt schon die nächste. War ich früher Spinnen gegenüber unempfindlich, bin ich nun ein Phobiker. Es ist der umgekehrte Effekt einer Konfrontationstherapie.

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Das zweite ist die Führung. Pustijna Blaca ist ein einzigartiger Ort, ein in den Fels gebautes Refugium der Glagoliten-Mönche, die im 16. Jahrhundert vor den Osmanen hier her flüchteten. Ich will da rein und ich stolpere in eine Reisegruppe, die sich gerade im Eingangsbereich formiert. Eine dünne Reiseführerin fragt mich, ob ich Franzose sei. Das ist hier anscheinend so ein running gag. Ich sage nö und sie fragt, ob ich trotzdem an der Führung teilnehmen möchte. Klar, sage ich. But… it’s in french, sagt sie, was wiederum heißt, dass ich kein Wort verstehe, aber jetzt habe ich das Gefühl aus dieser Nummer nicht mehr rauszukommen.

Ein bärtiger Kroate erzählt nun also etwas auf Kroatisch, die dünne Kroatin übersetzt das mit Hilfe der Franzosen ins Französische und ich stehe auch dabei und sehe mich gespielt interessiert um. Bis mir eine gelockte Französin ins Ohr flüstert: Do you understand? – Not at all, flüstere ich zurück, woraufhin die Gelockte in meiner Nähe bleibt und all das, was da bereits vom Kroatischen ins Französische transferiert wurde nun ins Englische zu übersetzen versucht.

Das macht sie vom Anfang bis zum Ende der Führung und so erfahre ich unter anderem, dass der letzte Priester, der hier oben lebte, Nicola Milicevic, ein ausgezeichneter Astronom war, der von Pustijna Blaca aus Planeten und Asteroiden entdeckte und deshalb in ständiger Korrespondenz mit Sternenentdeckern in aller Welt stand. Was wiederum auch hieß: Nicola brauchte ein Teleskop. Und Klavier spielen wollte er auch. Solche Dinge mussten erst vom Festland an die Küste und dann durch unwegsames Gelände hier her gebracht werden. Normalerweise benötigt man also von unten nach oben eine Dreiviertelstunde. Die beiden Kerls, die den Flügel brachten, waren sieben Stunden unterwegs. Und tranken dabei 65 Liter Wein. Möglicherweise ein Stille-Post-mäßiger Übersetzungsfehler.

Ein Blick auf die Uhr: Anpfiff in einer halben Stunde. Ich nuschle noch schnell ein Merci, dann haste ich los, zurück, bloß zurück zum Auto. Und habe die Rechnung ohne den Bärtigen gemacht. Der steht oben, über mir, am Eingang und ruft: Hey! Ticket! Für die Führung, von der ich so gar nichts verstanden hätte, muss ich also auch noch was zahlen. Okay, hier, Geld, tschau.

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Ich bin zwar schnell beim Auto, aber hier sind nun auch, drittens, die Esel. Es mag an den Spinnen liegen, jedenfalls habe ich mittlerweile eine generelle Skepsis dem Tierreich gegenüber entwickelt. Anstatt mich über die Esel zu freuen, die direkt auf mich zukommen, um mich kennenzulernen, denke ich an deren große Zähne und harte Hufe. Also sage ich zwar noch Hallo, flüchte dann aber in mein Auto und schlage die Tür gerade noch rechtzeitig zu, bevor einer der drei grauen Herren mit einsteigen kann. Er drückt sein Gesicht an die Scheibe wie so ein nerviger Schulbub, ich setze zurück, wende und will losdüsen in Richtung Fernseher, doch den Eseln passt das nicht. Ein weiterer Kollege stellt sich vor mir quer, als wollte er unbedingt das Klischee über sich und seine Artgenossen bestätigen. Ich umkurve ihn mit Leichtigkeit, fuck you, Esel, so nicht.

Bei der ersten Konoba, die ein Schild, Watch Wold Cup here, draußen stehen hat, fahre ich raus. Ich verfolge die Niederlage Deutschlands gegen Mexiko Seite an Seite mit einem aufgepumpten Iren im Dirk-Nowitzki-Shirt, mit dem man herrlichen fachsimpeln kann. Warum nur hat Löw Sané nicht mitgenommen? Solidarisches Nicken. Der Ire ist wegen Abwesenheit der irischen Mannschaft nun für Argentinien, auch nicht so einfach dieser Tage.

Am nächsten Tag also Bol, goldenes Horn und so, alles klar, schön, muss zurück zum Auto, weil ich nur für eine Parkstunde gezahlt habe. Statt zum Campingplatz zu fahren, folge ich einem der braunen Tourismusschilder, die ich so liebe in Richtung eines Klosters. Hier free Parking. Zweitens: Die Attraktion hier ist nicht primär das zwar schöne aber verschlossene Dominikanerkloster mit dem Friedhof, der erst dann eingerichtet wurde, als die Franzosen den Dominikanern erklärten, dass es uncool bzw. unhygienisch sei, die Toten in der Kirche beizusetzen. Hey, hier, toller Acker mit Blick auf den Strand, macht das mal lieber da, okay? Okay.

Später haben die Dominikaner nämlich einen Steinwurf entfernt noch das Weiße Haus gebaut, Bijela Kuca, das von 1936 bis zum Zweiten Weltkrieg als Schule diente. Später zwangen die Kommunisten die Mönche, ihnen den Komplex zu verkaufen, aus der Schule wurde ein Hotel, das größte Hotel der Insel, 300 Betten.

Und das war wohl eine gute Idee, bis der Krieg ausbrach. In den 90er-Jahren schliefen in Bijela Kuca Flüchtlinge. Und auch danach blieben die Touristen aus. Das Weiße Haus steht leer. Hier will niemand mehr schlafen. Es ist ein zerfallendes Monument besserer Tage, übersät mit Graffitis, teils sehr schönen Kunstwerken, teils obszön Auslander aus. Auf der ehemaligen Terrasse sitzt ein junges Pärchen und schaut aufs Meer und sie sehen beide so herrlich traurig aus, dass man fast neidisch werden könnte. Drinnen treffe ich einen Mann, den ich frage, was das hier denn sei, denn ich weiß es noch nicht. Doch der Mann spricht kein Englisch und zuckt nur die Achseln. Also durchstreife ich das ehemalige Hotel unwissend und mit zitterndem Herzen. Überall dort, wo ich keine Angst haben muss, dass mit der Boden unter den Füßen zusammenkracht, will ich gewesen sein. Es ist ein stiller Ort und ebenso traurig, wie das kroatische Pärchen da draußen auf der Bank über dem Mittelmeer.

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Balkan-Diary 3: Die blutige Nacht neben der stone factory (Zadar, Brac)

Jetzt schnell eine Zigarette gegen den Hunger und die Tränen. Es ist 6 Uhr morgens, ich hatte kein Frühstück und keinen Kaffee und meine Freundin hat sich gerade am Flughafen Zadar in den Sicherheitscheck verabschiedet. Von nun an bin ich allein, ganz allein. Das wissend blinzle ich in das Licht dieses jungen Tages. Und für einige Momente wär ich lieber daheim im Bett, Vorhang zu, Netflix.

An der nächsten Raststätte in Richtung Süden fahre ich raus und verspeise ein Schokocroissant und das hilft ganz gut.

Wir sind am Vortrag schlau genug gewesen, schon mal bis Zadar zu fahren, weil dieser dumme Flieger so früh geht. Wir finden die richtige Abzweigung der Straße in Richtung Zentrum. Ein holpriger, staubiger Weg, eine Art Industriegebiet, im Hintergrund Steinhaufen und Kräne.

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Hier gibt es einen Stellplatz. Außer uns sind schon Holländer da. Ein junger Kroate empfängt uns sehr freundlich und bietet einen Shuttle-Service in Richtung Altstadt an, was im Endeffekt heißt, dass er uns jederzeit bereitwillig da hin fährt mit seinem Kleinwagen und später dann auch wieder abholt. Magst du gerne vorne sitzen?, frage ich H., weil ich generell nie gerne vorne sitzen mag und sie weiß das und fragt scheinheilig: Magst du wohl nicht gerne vorne sitzen?

Der junge Mann heißt jedenfalls Fillipp. Fillipp arbeitet hier, aber er arbeitet auch jenseits des Zauns, bei den Kränen und Steinhaufen, das ist die stone factory, wie er sagt und ich denke, geil, so müsste man mal eine Bar oder Band oder ein Buch nennen, stone factory. Beides gehört Fillipps Onkel, der seinen Neffen ordentlich schuften lässt. Stein sei sehr beliebt momentan. Und nebenbei studiert Fillipp noch. Not much free time for you, ha?, frage ich und er wiegelt achselzuckend ab: I sleep very little.

Zadar ist schön und spiegelglatt und weiß. Man hat die Altstadt aber auch relativ schnell abgelaufen. Die Hälfte des Tages verbringen wir mit der Suche nach den Gassen, durch die wir noch nicht gelaufen sind. Aber immer wieder, die Eisdiele, die Bäckerei, der DM, kennma schon. Im Hintergrund dudelt die Meerorgel, ein Instrument ohne Spieler, das unablässig wahllos vor sich hinpfeift, je nachdem, welchen Schacht der Wind gerade so bedienen mag. Auf einem Liegerad strampelt gemütlich ein alter Mann vorbei, hinten flattern die Deutschland-, Bayern- und Frankenfahne. Ein paar Meter vor der Stadtmauer hängen Vogelskelette an einem Gerüst. Am Kai vergammeln zurückgelassene Schiffe wie Müll.

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Ich stelle den Wecker auf fünf Uhr früh. Allein der Gedanke, so früh wach und in der Lage sein zu müssen, sich angemessen emotional zu verabschieden, hält einen ja wach. Der Schlafzwang als größter Schlafverhinderer. Das kenne ich noch von früher. Im Bett liegen und wissen, dass man in der Schule wach sein muss, aber jetzt bleiben nur noch sechs, fünf, vier Stunden…

Und irgendwann sind wir beide gleichzeitig wieder wach, denn im Kangoo summt eine Stechmücke. Ich setze mir die Stirnlampe auf. H. lauert. Sie sieht fast fröhlich dabei aus. Es ist ein Jagdtrieb in ihr erwacht. Wir haben bald eine gute Routine entwickelt: Ich leuchte und denke dabei weiter panisch darüber nach, dass jede Sekunde Schnakenjagd eine Sekunde weniger Schlaf ist, H. erschlägt die Tiere. Es ist nämlich nicht nur eine Mücke. Fillipps Stellplatz neben der stone factory ist anscheinend die artgerechteste Brutstätte. Mit Einbruch der Dämmerung haben sich die Moskitos an unseren warmen Körpern gelabt. Insgesamt erschlagen wir mindestens sieben oder acht von ihnen. An der Decke meines Autos zeugen dunkle Flecken unseres eigenen Blutes von diesem Gemetzel.

Als alles vorbei ist, setzt eine beunruhigende Form von Befriedigung ein. Wir lauschen ängstlich in die Stille und kratzen an unzähligen Stichen. Wir lauschen, ist da noch was? Nein, keine Schnaken mehr, dafür ein Hund, der gerade jetzt anfängt zu bellen und lange, lange nicht mehr aufhören wird.

Es geht mir alles in allem also mittelmäßig am kommenden Tag, dem ersten Tag allein. Ich muss alleine weiter, das war eigentlich ja eh der Plan, schauen, ob das geht, ob man das aushält, so lange mit sich selbst.

Ich quetsche den Kangoo in den schachtartigen Bauch einer Fähre, die mich auf die Insel Brac bringt. Der Reiseleiter an den Plitvicer Seen hat’s empfohlen, ich gehorche. Von der einen Seite, Supetar, muss ich nun auf die andere, Bol, das Touri-Kaff mit dem goldenen Horn, einer Landzunge aus hellem Kies, die sehr fotogen ins Meer hineinzüngelt. Und wie um mir selbst und der nicht mehr anwesenden H. zu beweisen, dass ich kein kompletter Soziopath bin und auch, um das Konversationskonto zur Seelenhygiene ein wenig aufzufüllen, gebe ich mir selbst gar keine Gelegenheit, darüber nachzudenken und fahre sofort rechts ran, als ich dort, am Straßenrand, eine Tramper sehe.

Super umständlich, denn: Mein Auto ist auch meine Wohnung. Da ich nun allein fahre, ist der Beifahrersitz natürlich voll mit Reiseführern, Ladekabeln, Lebensmitteln. Hektisch Entschuldigungen murmelnd schmeiße ich alles nach hinten, auf die Luftmatratze, während der Typ schon mühsam am Einsteigen ist, ein alter Kroate mit ledriger Haut und wenigen, dafür aber ausgesprochen kleinen, spitzen Zähnen im Mund.

Das bringt jetzt natürlich wenig von wegen Konversationskonto und so, denn der Typ spricht kaum Englisch. Ah Germany, sagt er natürlich und: Where? Und dann möchte er immer wissen, ob ich hier Familie hätte oder wo meine Familie herkommt, zumindest glaube ich, dass er das wissen will, also sagen wir unterm Strich die meiste Zeit Germany zueinander und stellen alsbald fest, dass das wenig Zweck hat und dann schweigen wir. Der Weg nach Bol, wo auch mein Tramper hinwill, weil er da wohl Familie hat, ist weiter als gedacht.

Dumme Idee, denke ich, sich selbst davon überzeugen zu wollen, dass man offenherziger Typ sei, das hat man dann davon. Ich dekliniere diverse Katastrophenszenarien durch. Am Ziel wird der Spitzzahnige meine Brieftasche – wenn es um Raub geht, sagt man Brieftasche, nicht Geldbeutel – haben wollen. Wo ist eigentlich mein Handy? Ah, da liegt es, in der Mittelkonsole. Besser mal ein Auge drauf haben… So kriecht der alte Menschenekel zurück in das heuchlerische Travelerhirn. Ganz allgemein fühlt es sich so an, als würde ich den Trunkenbold, der wie nach Wild-West-Sitte aus der Stadt verbannt wurde, wieder genau dorthin zurückbringen, was mir wiederum den Zorn der Einheimischen einbringen wird. Wie um das zu bestätigen, bittet mich der Tramper dann auch, ihn am Supermarkt rauszulassen, something to drink, okay, okay, kein Problem. Handy da, Brieftasche da, der Mann müht sich murmelnd aus dem Sitz, haut die Tür zu und blickt nicht mehr zurück.

Das war die gute Tat für heute. Ich muss mich ganz dringend mal ausruhen. Heut beginnt in Russland die WM. Ich brauche ganz dringend einen Campingplatz mit Fernseher.

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Balkan-Diary 2: Die Attraktion ist der Mensch (Plitvicer Seen, Starigrad)

Auf der kurvenreichen Küstenstraße zwischen Zadar und Starigrad herrscht zumindest teilweise eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km/h. Weil ich schon seit geraumer Zeit spüre, wie mir die Einheimischen im Nacken sitzen, wie sie auf mein Kennzeichen schielen und fluchen auf die gesetzestreuen Touristen und ihre Art hier über ihre Küstenstraße zu schleichen, fahre ich eh schon eher 60, teilweise 70 km/h. Um die Demütigung ein wenig abzumildern.

Ich fahre hier ja zum ersten Mal. Ich weiß ja nicht, wie man das macht. Ich hatte gerade ein Thunfischsteak und danach gab es noch einen Honigbrandy, aufs Haus versteht sich, der Deutsche am Nebentisch erkundigt sich direkt händeschüttelnd nach dem Namen des Kellners und der lässt es sich nicht ansehen, ob ihm das unangenehm oder doch ganz recht ist.

Und jetzt, Honigbrandy im Kopf, Stracciatella im laktoseintoleranten Magen, zurück von Starigrad fast bis Tribanj, Camping Navis direkt an der so berühmt steinigen, dalmatinischen Küste. Der Nachbar vom bayrischen Wald jagte vorhin noch eilig zum Strand: Der Delfin is wieda do!, schreiend und nach seiner Frau, die ihn aus dem Wohnwagen heraus wissen ließ, sie müsse erst noch ihr Handy finden. Und dann standen wir an der berühmt steinigen Küste und warteten gemeinsam auf den Delfin. Der Bayer und der Schwarzwälder, wir Franken, ein paar Holländer, viel ledrige Haut, gegerbt in der dalmatinischen Sonne, viel geblähte Bäuche, weil es hier so gut schmeckt und zu knappe, viel zu knappe Speedos über Männerhintern. Aber kein Delfin, nicht mehr, nicht für mich.

Die Küstenstraße hier her, an diesen Ort zwischen zwei Orten, in diese Bucht, schlängelt sich zwischen Küste und Bergen und das ist dann, wie man so schön sagt, malerisch. In der Dämmerung aber kommt jede Kurve überraschend, kommt jede Geschwindigkeitsbegrenzung ungelegen. Lieber runterschalten, lieber langsam, bald sollten wir da sein, ein Kleinwagen, der mir die ganze Zeit schon so bedrohlich am Arsch klebte, drängt sich vorbei. Gut so, verpiss dich, bitte. Und da ist auch schon das Schild, Camping Navis, 200 m, langsam, Blinker, zweiter Gang. Ich bremse, will rüber, Spiegel, Schulterblick: Ey! Der Lieferwagen, der mir jetzt so bedrohlich auf dem Kofferraum klebte, wollt gade jetzt ganz gern vorbei, ich schon auf der Fahrbahnmitte. Ich sage: Alter! Spack! Und er wahrscheinlich etwas sinngemäß Gleiches auf Kroatisch.

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Es ist jetzt Vorsaison in Kroatien. Ein Wort, das sich schon so verlockend anhört. Vorsaison, man ist vor den anderen da. Man kommt heim und erzählt schon, wie es war, wenn die anderen erst aufbrechen. Vorsaison und man hat ein bisschen mehr von allem und den Strand für sich und der Schnaps geht aufs Haus.

Wenige Tage zuvor: Plitvicer Seen. Ja, Karl May, Winnetou und so, hier wurde doch irgendwas gedreht, das sagen die Leute zu einem und man selbst wiederholt es dann und der bzw. die gegenüber, in meinem Fall H., bestätigt das, ja, das habe sie auch gehört. Wir haben die Filme beide nicht gesehen. Ich halte die auch für schlimm langweilig. Aber die Hörspiele auf Kassette fand ich als Kind immer schön und ich musste auch fast nie weinen, wenn Winnetou dann stirbt, glaube ich.

Unterm Strich jedenfalls behauptet jeder Landstrich in Kroatien, auf dem es drei Bäume oder zwei Seen oder einen Wasserfall gibt, dass hier irgendeine der Karl-May-Verfilmungen gedreht worden sei. In Starigrad gibt es ein Winnetou-Museum, das zu einem Hotelkomplex gehört und laut Tripadvisor schön aber schwer zu finden ist. Wir gehen nicht hinein.

Von den Plitvicer Seen heißt es zweitens: Ja, die sind sehr schön, die muss man gesehen haben, aber Vorsicht, überlaufen. Wir denken: Vorsaison. Auf dem nahegelegenen Campingplatz ist auch noch viel frei, die Nachbarn sitzen vor ihrem Wohnmobil, hören Deutschrock und sehen ganz und gar nach Thüringen aus. Ein Frau erklärt ihrem Mann, dass sie jetzt das Toastbrot essen müssen, weil in dem Klima doch alles so schnell schimmelt. Eine andere fragt, weil wir doch junge Leute seien, ob wir auf unseren Handys nachschauen könnten, wie morgen das Wetter wird. Nur die Deutschen, scheint es, haben in 2018 überhaupt noch das Kleingeld, um auf Reisen zu gehen, aber wahrscheinlich war das schon immer so, bzw: Es gibt halt einfach viele von uns, Binsenweisheit.

H. hat sich im Vorfeld erst mal ein paar Geheimtipps im Internet angelesen. Zum Glück gibt es das Internet, wo alle Geheimtipps ganz schnell zu finden sind. Ein Blogger verrät, man solle sich den großen Wasserfall für später aufheben, am Abend ist weniger los, und zuerst einen J-förmigen See im Norden aufsuchen, der weniger Aufmerksamkeit abkriegt, aber auch schön ist.

Wir nehmen also zuerst das Schiff – kleine Überfahrt, große kindliche Freude meinerseits – nicht, weil das zum Plan gehört, sondern weil wir gar keine Wahl haben. Alle Besucher vom Eingang 2 werden zunächst mal verschifft. Dann versuchen wir, uns in Richtung des J zu halten. Die sporadisch aufgestellten Schilder sind, möglicherweise mit Absicht, absolut unbrauchbar: Mal ist von Wegen von 1 bis 10, mal von Routen mit den Buchstaben H,I,J,K die Rede und da, wo man einfach einen Wegweiser gebrauchen könnte, steht eh keiner. Google bringt auch nix, wir laufen wieder mal komplett in die falsche Richtung.

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Und das ist sehr gut, denn hier, auf einen Trampelpfad entlang eines dieser Seen, treffen wir nur ganz selten auf Menschen. Vielleicht weil der Weg durch eine Matschgrube führt und das will man ja auch nicht. Anders die Situation dann tatsächlich in Richtung des großen Wasserfalls. Das ist so ein Teil, wo man zwei Mal überlegt, ob man es jetzt überhaupt fotografieren soll, weil es ja so oft fotografiert worden ist und dann macht man es trotzdem und fühlt die Sinnlosigkeit aller Dinge.

Auf den Stegen, die zum Slap führen, drängen sich die Reisegruppen. Viele Asiaten jetzt. An dieser Stelle ist nicht mehr die Natur die Attraktion, sondern – vergleiche, Deflin und Strand –  der Mensch. Männer, deren haarige Bäuche frech aus den T-Shirts spitzen, Mädchen mit Tops, die von Partynächten berichten, die aufgeregten japanischen Paare und die jungen Frauen, die lange warten und posen, bis endlich, endlich das richtige, das perfekte Profilbild entstehen kann. Ein paar Meter weiter posiert auf demselben Steg ein Mann für seine Frau und versucht, seine Gesichtsmuskeln im Griff zu behalten und man kann sich so gut vorstellen,wie viele Profilbilder an einem solchen Tag an einem solchen Ort entstehen und wie die unterschiedlichen Facebook-Bubbles dann unterschiedlich darauf reagieren: So sweet, Hübsche! (viele Herzen), die einen, Gut schaust aus, schönen Urlaub noch (großer Smiley mit Daumen nach oben), die anderen.

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In einer Kehre, weg vom Wasserfall, den Berg hinauf, bleiben wir auf einer Bank sitzen. Ein Reiseleiter hält hier ein Schar wissbegieriger Rentner und Winnetour-Fans zusammen: Sie gehen jetzt hier über den Damm und dann rechts bis zum großen Wasserfall. Keine Hektik, wir haben Zeit, wiederholt er immer wieder und er hört sich dabei unverschämt so nett und angenehm an, dass wir noch ein wenig länger sitzen bleiben. Ich hör das irgendwie so gern, sage ich. Ich auch, sagt H.

Und dann sitzt er auch schon neben uns: Tut mir leid, dass ich hier so eure Ruhe störe, sagt er und wir beteuern, das mache gar nichts und Ruhe sei hier doch eh nicht so. Wir blicken auf die vielbeinige Menschenschlange, die sich an uns vorbeischlängelt. Ihr habt Glück, sagt der Reiseleiter, ein mittelalter Mann mit einer braunen Wolkenfrisur, heute ist wirklich wenig los. Das überrascht uns doch ein wenig. Ja, viele Menschen seien hier im Sommer halt immer. Dann passen Sie mal auf, dass sie niemand verlieren, sage ich und lache. Sie lachen, sagt der Reiseleiter, aber das passiert uns Reiseleitern wirklich oft. Die Leute kennen sich noch nicht und dann laufen sie einfach irgendjemand hinterher.

Er seufzt ironisch und man merkt, dass er ein gutes Verhältnis zu seinem Job hat und vom dem würde man sich auch gerne mal Kroatien zeigen lassen. Und dann rät er mir noch, nach Brac zu fahren, klar da sei jetzt auch alles packed, aber sein Lieblingsort in Kroatien. Und wenn der das sagt, denke ich. Dann muss er weiter, den großen Wasserfall herzeigen wie etwas von sich selbst und ich wüsste so gern, wie oft er ihn schon gesehen hat und ob das noch irgendetwas mit ihm macht.

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stefan mesch

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