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Reinster Hirnfasching: Sven Amtsberg schreibt Geschichten über Nazis, Aliens, Waschbären und andere Seltsamkeiten. Diese Geschichten sollten von allen gelesen werden.

Im Keller wummert ein kleiner Nazi, anstatt eines handelsüblichen Penis‘ hat er eine Art Fleischblume in der Unterhose. Die Fleischblume hat ein Gesicht und singt ein schrilles Lied, davon, dass alle Menschen auf der Welt sich sehr, sehr lieb haben sollen.

Die eigene Ehefrau wird von einem Außerirdischen abgeholt. Der Alien heißt Francois, singt außerirdische Kinderlieder und hat sein Raumschiff verloren. Auf seinem Kopf ist eine lange Antenne montiert, die er auf dem Weg in den Wald aus dem Autofenster hängt.

Eine Frau bekämpft die Einsamkeit nach dem Ableben ihres Ehemanns mit dem Kauf von Tieren. Sie kauft sämtliche Tiere und teilt mit ihnen ihre Wohnung, wo sie sich wild untereinander paaren. Seltsame, unbekannte Arten entstehen. In einer waschbärartigen Kreatur entdeckt sie die Reinkarnation ihres Mannes Hans.

Manchmal hat man das Gefühl, in einer obskuren Therapiestunde gelandet zu sein, wenn man die Geschichten von Sven Amtsberg liest. Die Selbstdiagnosen hören auf pseudowissenschaftliche Begriffe wie: „Embryonale Genese“, „Noctomalie“, „Meeresepiphanie“ oder „Akropathie“. Hallo, mein Name ist X und meine Geschichte handelt von Aliens/Wassermenschen/elektrischen Menschen/Aliens/lebenden Wohnungen/dem Aggregatszustand der Nacht.

Vater war nun oft im Fernsehen zu sehen, wie er sich verschiedene Stecker in den Mund steckte und so elektrische Gerätschaften wie Staubsauger, Pürierstäbe oder Hi-Fi-Anlagen zum Laufen brachte. Anfangs applaudierte das Publikum noch, man war begeistert. Selten habe ich Vater so glücklich erlebt wie in dieser Zeit. Erst später buhten sie, und immer häufiger trafen Briefe ein, in denen man Vater als Scharlatan beschimpfte.

paraHat man jemals einen fabelhafteren Einstieg zu einer Kurzgeschichte gelesen? Das ist mein voller Ernst. Es ist leider schon ein paar Monate her, dass ich das Buch gelesen habe und ich kann ihm mit einer Rezension jetzt gar nicht mehr gerecht werden, weil ich die meisten der klugen Gedanken, die ich mir dazu gemacht habe, schon wieder vergessen habe. Aber eigentlich, denke ich, müsste es schon genügen, so etwas zu zitieren, um die Empfehlung, die ich ausspreche, zu begründen. Deshalb wird diese Rezension sehr Zitat-lastig ausfallen, ich hoffe, das stört nicht.

„Paranormale Phänomene“ schildert das Eindringen des Abseitigen ins Normale durch eben: Paranormale Phänomene. Neunzehn Geschichten hat Amtsberg geschrieben, Metrolit hat ein sehr schönes Buch daraus gemacht, was auch der Illustratorin Kat Menschik zu verdanken ist, deren Bilder man sich eigentlich sämtlich direkt ins Gesicht tätowieren lassen würde, wenn da genug Platz wäre. In den neunzehn Geschichten lotet Amtsberg die Möglichkeiten der postmodernen Gruselgeschichte aus – er findet das Erschreckende, das Skurrile, das Fremde und er findet eine Sprache dafür, die vor allem nüchtern ist, sachlich und trotzdem stellenweise ins Märchenhafte abgleiten darf.

Meine Mutter stammt von der See.  Mein Stiefvater hat sie in die Berge gelockt, da war ich acht. Meine Mutter hatte es mit den Lungen und gehofft, auf einem Berg werde es besser werden. Mit einem kleinen Pappkoffer, in dem sich das Matrosenhemd ihres Vaters und das zerknickte Bild des Meeres befanden, war sie mit mir hierhergekommen und musste bald schon feststellen, dass sie nicht für die Berge gemacht war. Sie vermisste das Meer derart, dass sie heimlich weinte und ihre Tränen aufbewahrte.

Es gelingt Amtsberg, Situationen großer Ernsthaftigkeit und auch Traurigkeit herzustellen. Die Menschen sind mit Fremdheit konfrontiert und es sind selten die lauten, theatralen Ausbrüche, die als Reaktion in diesen Geschichten eine Rolle spielen. Sie sind passiv und still und schlucken noch ihre Verstörung. Aber: Diese stille Ernsthaftigkeit ist eine Fassade und sie wird eingerissen. Bevor man anfängt von stiller Ernsthaftigkeit oder verstörter Poesie zu faseln, ist es eigentlich geboten, das einfachste und darum wichtigste festzuhalten: Diese Geschichten sind unverschämt lustig. Klar, der Leser wundert sich, der Leser reibt sich seine Kulleraugen, weil er gar nicht glauben kann, was hier passiert, der Leser wird manchmal ein wenig melancholisch zurückgelassen – in den meisten Fällen amüsiert er sich aber und hat eine gute Zeit und sagt zum erstbesten Menschen in seiner Umgebung: „Ui, Kalle, pass mal auf, das musst du dir anhören.“ Verschenken Sie dieses Buch nicht, wenn sie nicht zu den wenigen Menschen gehören, die sich darüber freuen, witzige Stellen aus einem Buch vorgelesen zu bekommen, ohne überhaupt den Kontext der Passage zu kennen.

Der Humor kommt vom Seltsamen. Amtsbergs Geschichten fahren das denkbar Seltsamste auf, seltsame Menschen reagieren auf seltsame Prozesse und Ereignisse. Die Mutter, die so eine Sehnsucht nach dem Meer hat, hat das Meer in sich.

Sie bat mich, in ihr zu angeln, um das, was da in ihr war, herauszuholen. Sie hockte auf dem Boden, den Kopf in den Nacken gelegt, den Mund weit aufgerissen. Ich stand auf einem Stuhl und ließ mit meiner Angel den Haken samt Wurm in sie hinabgleiten. Wartete, kurbelte ihn dann wieder hoch. Ein Hering hatte gebissen, und ich zog noch mehr aus ihr. Stirn und Schlei, Krabben und Krebse.

Immer wieder werden die Figuren gezwungen, das Abwegige, Unbekannte und Unreale in ihr Leben zu integrieren, mit dem Wahnsinn, der nicht verschwindet, wenn man die Augen lange genug zusammenpresst, umzugehen. Der Crash von Banalität und Surrealismus ist meisterhaft inszeniert. Das ist es, was es eigentlich zu sagen gibt.

Auf dem Buchrücken steht etwas von Bukowksi, Poe und Max Goldt, die sich zum Kegeln treffen und von Außerirdischen entführt werden. Es fühlt sich ein bisschen schäbig an, sich als Rezensent auf die Reklame auf dem Buchrücken zu beziehen, aber es stimmt schon – Amtsberg ist, wie auch immer, der uneheliche Abkömmling dieser drei. Innerhalb handwerklich astreiner, fast schon aufdringlicher Kontrolliertheit, praktiziert er die reinste Ideenanarchie, den reinsten Gehirnfasching. Amtsberg hat seine kindlich überbordende Phantasie in kleine, starre Happen gegossen, die wütend gegen ihre eigenen Wände schlagen. Was dabei herausspringt, ist Quatsch, Unfug in künstlerisch anspruchsvollster Veredelung. Ist das etwas, das man schreiben möchte, das mit der künstlerisch anspruchsvollsten Veredelung? Lieber nicht. In diesem Fall bleibt einem aber kaum etwas anderes übrig. Ein letztes Beispiel vielleicht noch zum Beweis. Zurück zum Waschbär-Hans und einem der erstaunlichsten Dialoge, die ich bisher lesen durfte:

„Ich bin es“, sagte das Tier. „Hans.“
Sie sah es an, schlug ihm dann mit drei Fingern ins Gesicht.
„So etwas sagt man nicht“, sagte sie mit erhobenem Zeigefinger.
„Stimmt aber“, sagte das Tier und sah sie pikiert an.
„Hans war größer“, sagte sie.
„Wiedergeburt“, entgegnete das Tier. „Da verändert man sich. Ich bin ein Mungo.“
„Mango“, verbesserte sie.
„Nein, Mungo. Ich wusste auch nicht, was das ist. Bis jetzt eigentlich. Mungo, da dachte ich, das klingt aufregend, wie Internet oder Bungee, weißt du. Nun werde ich entlohnt. Doch du siehst ja selbst.“
„Ja“, log sie, wusste aber nicht, was sie sah und was sie sehen sollte. „Du wirkst recht agil.“

Svent Amtsbergs „Paranormale Phänomene“ hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie Aufmerksamkeitsökonomie im Feuilleton, in der Kulturindustrie funktioniert. Ich bin der Meinung, dieses Buch verdient einen Haufen Aufmerksamkeit, ein ganzer Tieflader voll mit Aufmerksamkeit sollte sich darüber ergießen. Es hat wenig bekommen. Andere Bücher verdienen weniger, bekommen aber mehr. So ist das, da kann man nix machen. So ernüchternd gestaltet sich das Resultat meines Gedankengangs. Nun habe ich zumindest meinen bescheidenen Beitrag geleistet.

Außerdem, das ist das letzte, was es zu sagen gibt, eignet sich dieses Buch sehr gut, wenn man seinen Freunden nach dem Skifahren eine Gutenacht-Geschichte vorlesen möchte (eine der angenehmsten Après-Skil-Alternativen). Dass die dann einschlafen, liegt nicht etwa an den Geschichten, sondern an der stundenlangen körperlichen Ertüchtigung, an der frischen Luft, und dem fetten Essen danach. Manchmal hört man sie im Halbschlaf leise kichern.

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Der Wust palavernder Stimmen: Clemens Meyer – Im Stein

Man kann nicht unvorbelastet an ein zu rezensierendes Buch herantreten. Man kennt den Autor oder hat von ihm gehört, man findet das Cover schick oder grässlich, man hat den Titel gelesen und den Klappentext. Im Fall von Clemens Meyer bin ich in besonderem Maße vorbelastet. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als habe ich „Als wir träumten“ und „Die Stadt, die Lichter“ zum richtigen Zeitpunkt gelesen: Aus der obligatorischen Bukowski-Phase kommend und ausgestattet mit der Empfänglichkeit für Meyers Versuche einer ehrlichen Prekariats-Romantik. Aber ungeachtet meines Zustandes: „Als wir träumten“ ist ein großer Roman, eine der stärksten langen, deutschsprachigen Erzählungen, die mir bekannt ist.

Ich wollte „Im Stein“ nicht wegen der Longlist des Deutschen Buchpreises lesen oder wegen der Beurteilung einer Relevanz innerhalb des Betriebs und der Welt. Ich wollte „Im Stein“ für das eigene, subjektive Lesevergnügen, das „Als wir träumten“ mir noch beschert hatte, lesen, sonst nichts. Und darum fühle ich mich betrogen.

Dass auf dem Buchrücken von einem „vielstimmigen Gesang der Nacht“ die Rede ist, hätte argwöhnisch machen können. Aber was sagenim stein schon Klappentexte. Tatsächlich handelt es sich bei der Anlage von „Im Stein“ um ein ambitioniertes Projekt. Meyer versucht sich an der Illusion des Autors, der mit dem Mikrofon in der Hand durch die Halbwelt der Zuhälter und Prostituierten wandelt. So könnte man das etwas vereinfacht, ungeachtet der Multi-Perspektiven, ausdrücken. Im Grunde ist es das: Der Wust palavernder Stimmen aus der Unterwelt. Meyer will hier, anders als zuvor, nicht erzählen, sondern weben, einen Teppich aus überlieferten Geschichten, der eine darunterliegende Wahrheit erkennen lässt. Ich finde: Clemens Meyer ist ein Erzähler.

„Im Stein“ aber ist keine große Erzählung, baut keine Bögen, etabliert kaum unverwechselbare Charaktere. Im Stile eines Auktionators führt Meyer seine Figuren vor, Arnie Kraushaar, der Bielefelder, Magda, die Engel, manche tauchen wieder auf andere nicht, alle sprechen, als habe jemand auf einen Knopf gedrückt, aber sie erzählen nicht, sie labern: „Das Wort Fotze habe ich als Schimpfwort nie benutzt, da habe ich viel zu viel Respekt vor Frauen. Aber zurück zum Thema: Sie haben doch keine Ahnung, überhaupt keine Ahnung. Ich kann Ihnen was erzählen, kann Ihnen jede Menge erzählen über Zuhälter passend zum Anlass …, kann Ihnen da viel erzählen, aber mein Beruf, oder sagen wir: das, was ich mache, mein Job, meine Profession? Nein. Und was soll das hier überhaupt darstellen?“ Es gibt in diesem Buch zu viele Zeilen, voll mit Wörtern, aber ohne Inhalt. „Im Stein“ hat 558 Seiten. Es sollten 200 sein, maximal, eingedampft, präzise, pointiert, die kontrollierte Nicht-Struktur in stabile Rahmung gebracht, das wäre schön.

Ein solches Buch, ein mühsames, zu lesen, ist eben immer auch eine Selbstbeobachtung. Ich offenbare mich mir selbst, nicht zum ersten Mal, als ein fauler Leser, wenig leidenschaftlich für den Berg, den Meyer mir zur Überwindung vorgesetzt hat. Ich will abgeholt werden. Ich kann nicht folgen. Ich bin nicht geeignet. Das heißt nicht, dass ich an anspruchsvoller Literatur grundsätzlich scheitere, bestimmt nicht, nur, dass es mir zuwider ist, mich durch ein Buch zu quälen, bei dem der Anspruch eben nur daraus zu bestehen scheint: Die Mühe, die mir gemacht wird, ein Selbstzweck, als müsste der Autor der Welt etwas beweisen. Sperrigkeit ist zu oft nur der Anschein von Qualität. Redundanz kann ein Mittel sein, aber bitte keines der Beweisführung ihrer selbst. Literatur soll nicht trivial sein, genauso wenig aber störrisch aus Prinzip.

Vor allem dann nicht, wenn das, was erzählt und angedeutet wird, so fürchterlich erwartbar und so ganz und gar nie überraschend ist. Der Lude Arnie studiert jetzt nebenbei BWL, okay, die Prostitution ist ein großes Geschäft, eine Erkenntnis, die 2013 schon nicht mehr schockierend sondern schon bieder ist. Ein ehemaliger Boxer tritt auf, sonst wär es ja kein Clemens Meyer. Wenn die Bewegung der Menschen durch die Stadt ein ungeordnetes Fließen ist und die Gesichter derselben weiße Masken wie aus Schnee, so handelt es sich nicht mehr um literarische Bilder, sondern schon um Floskeln.

Es ist Meyer anzurechnen, dass hier Sprache nachvollzogen wird. Dass Dynamiken der Erinnerung Einzug halten in den Text, dass die Nullaussagen der täglichen Kommunikation literarisiert werden sollen. Der atmosphärische Über-Eindruck, der dabei potenziell entstehen könnte, ist aber eine Illusion, solange die einzelnen Bestandteile, so sehr auf ihrer Banalität pochen. Das ist umso frustrierender, wenn man darüber nachzudenken beginnt, was der Erzähler Clemens Meyer aus dem vorliegenden Material tatsächlich hätte machen können. Die „Kanacken-Attacken“, die ewig im Hintergrund drohenden „Engel“, Erpressung, Geldnot, koksende Jockeys, Bahnhofskneipen – nichts wird erzählt, alles angedeutet.

Die wenigen Stellen, an denen das Buch etwas liefern kann – ein erzählendes Moment, eine Überraschung, so etwas wie Effektivität – findet man eher da, wo das Geschehen das ewige Klischeepalaver des Milieus verlässt. Hans Pieszeck, rechte Hand des Arnie Kraushaar, fährt ans Sterbebett des Vaters in die Heimat: „Und er wollte nicht aufs Grabe der Mutter blicken. Direkt neben dem Loch in der Erde. Seit fast zwanzig Jahren schickte er Blumen auf ihr Grab. Vorhin hatte er Tannenzweige unterm Schnee gesehen. Wie haben sie nur das Loch in diese steinharte Erde bekommen? Mit einem kleinen Bagger wahrscheinlich.“

Da flackert die Literatur, die mich befriedigt hätte, schlaglichthaft auf. Und wird verschluckt von öden Sprachmühlen. „Im Stein“ sollte eben kein Buch werden, das meine primären Entertainmentbedürfnisse befriedigt. Es sollte experimentell sein, im Weitesten, ein ehrlicher Brocken zum Niederringen. Darüber ist es – und das hätte nicht sein müssen –  langweilig geworden; und ein bisschen egal.

  

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stefan mesch

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