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Hotel Thüringen. Oder: Wo ist das verschissene Sauerland, Pletzinger?

Menschen, die mit ihrem Hobby der Um- und/oder der Tier- und Pflanzenwelt schaden, haben es nicht leicht in diesen Tagen. Hobby-Jet-Piloten zum Beispiel oder Pyrotechniker oder Treibjäger. Da kann es schnell passieren, dass ein Mitmensch einen bei der Ausübung des moralisch verwerflichen Hobbies ertappt und einem die Grundsatzfrage stellt, ob dass den nötig sei, nur des eigenen Vergnügens wegen, ob das sein müsse, ob man denn nicht genauso gut ein Erdbeerbeet anlegen oder ein Vogelhäuschen zimmern könnte. Dabei ist das Letzte, was einer will, der gerade sein Hobby ausübt, dabei so Grundsatzfragen gestellt zu bekommen. Entsprechend selber schuld ist der grundsätzlich Fragende aber auch, denn umso trotziger, ja, geradezu wütend, wird der so Angeherrschte seinen Jet fliegen oder seine Wildsau jagen. Das hat man dann davon.

Ich zum Beispiel fahre manchmal gerne Auto. Ich würde das nicht als Hobby bezeichnen, weil ich meistens nicht gerne Auto fahre, aber dann zumindest schon, wenn ich von Hannover nicht über Kassel und Fulda, sondern über die waldigen Wipfels des Harzes und durch den Thüringer Wald nach Bamberg heim düse. Wenn man sagt, man fahre gerne Auto, ist die Akzeptanz in Deutschland meist höher, als in anderen Ländern, das besagt das Klischee und wahrscheinlich auch die Statistik. Wir trennen so verdammt gut den Müll, denken wir Deutschen, da braucht keiner was sagen, wenn wir gern mal mit dem Auto rumdüsen. Das immer wieder zitierte Gesetz, das es verbietet, ziellos umherzufahren, existiert übrigens nicht, zumindest nicht so pauschal. Es ist aber tatsächlich untersagt „innerhalb geschlossener Ortschaften unnütz hin und her zu fahren„. Das ist vielleicht eines der schönsten Stücke deutscher Juristenprosa, unnütz, hin und her, stark.

Wenn man von Hannover über die waldigen Wipfel des Harzes nach Franken fährt, reist, das muss man auch mal sagen dürfen, die deutsche Geschichte mit. Bei Hohegeiß gibt es einen schwarzrotgoldenen „Grenzimbiss“. Wurst im Sinne der Einheit sozusagen, Einheitswurst statt Einheitsbrei sozusagen, ich könnte ewig weiter machen. Es ist überhaupt die Wurst unsere eigentliche Identitätsstiftungsvorsitzende. Dass man in Thüringen ist, erkennt man an der Aufschrift „Thüringer Landwurst“ am erstbesten Wurstladen. Hinter der Scheibe wischt eine junge Thüringerin die Auslage. Zwei Männer fegen den Bürgersteig, weil sie den offenbar durch ihre Bauarbeiten eingestaubt haben. Vor dem Wochenende macht man gerne noch mal sauber. Feierabend, Sonnenuntergang, noch zwei Stunden bis Bamberg, brumm, brumm.

Und dann gibt es, selten auf Landstraßen, diese großen braunen Schilder, die auf eine Sehenswürdigkeit oder eine historische Aufladung des Ortes hinweisen. Korrekterweise heißen sie „Touristische Hinweisschilder“ oder noch viel schöner: „Touristische Unterrichtungstafeln“. Diese braunen Unterrichtungstafeln gehören eigentlich zu jenen Objekten, auf die man nur mit einer überheblichen Ironie und krausen Lippen und einem Tonfall, der „So was Blödes aber auch“ sagt, hinweist, als wäre sich darüber ohnehin jeder einig, braune Schilder auf denen „Dom und Michaeliskirche. Weltkulturerbe Hildesheim“ steht, die sind doof und irrelevant; irrelevant ist das Wort, das mit touristischer Verkehrsbeschilderung minimal zu tun hat, gleichzeitig aber jede Debatte hinfällig macht. Ich aber, ich einfaches Gemüt, freue mich immer wieder, von Schildern unterrichtet zu werden.

Als ich auf dieser Landstraße zwischen Niedersachsen und Thüringen das monumentale Schild mit der sanft pathetischen Aufschrift „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 18. März 1990 um 11 Uhr geteilt“ entdecke, fahre ich impulsiv wie ein südamerikanisches Tango-Ass und ohne zu blinken rechts ran. Krasser Hauch der Geschichte und so. Die Frau im Auto hinter mir, die möglichst schnell zurück nach Thüringen möchte, schaut erbost. Ich mache ein paar Fotos, weil mir danach ist. Und weil die Sonne grad so schön untergeht. Und wegen der Windräder. Einfach stark, denke ich, was ich für ein toller Fotograf bin, natürliche Ästhetik und historische Aufladung durch touristisches Unterrichtungsschild, journalistische Präzision und erzählerische Tiefe, wirklich beeindruckend.

Beim Weiterfahren denke ich über Bundesländer nach. Dann höre ich ein Hörspiel von Thomas Pletzinger. Darin sitzt ein Mann in einem Sauerländer Hotel und schaut eine DVD über sein Leben, die er nie aufgenommen hat und die seinen derzeitigen Aufenthaltsort im Zeitgefüge überholt und ihm seine Zukunft zeigt, gutes Hörspiel, denke ich, und: Wo ist eigentlich dieses Sauerland?

Als ich durch den Thüringer Wald fahre, ist es bereits zu dunkel, um die Bäume des Thüringer Waldes zu sehen. Nur ein brutalistisches Hotel an der Autobahn, „Hotel Thüringen.“ Schade. Die beste Unterrichtungstafel an dieser A 73 weist übrigens auf die Saalfelder Feengrotten hin. Oh, du zauberhaftes Thüringen, hast glatt das Zeug mein nächstes Meckpomm zu werden. 

Achtung jetzt, krasser Geschichtshauch beim Derm.

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Einwas noch zu diesem Thema, Matthias Kamann hat in der Welt offenbar das Richtigste getan: Der A2-Report.

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Bad Harzburg hat mit Filesharing nix zu tun

Es ist Sonntag und man ist ein bisschen angekatert. Das liegt daran, dass es noch nicht ganz Abend ist, man ist noch nicht sehr lange auf den Beinen und während die Nüchternheit den Alkohol aus dem Hirn schiebt und Kopfschmerz und Übelkeit mit sich bringt, fährt man aus dem Harz in Richtung Hannover, wissend, dass der Kater, bis man erst Hannover erreicht hat und es Abend geworden ist, ausgewachsen sein wird, in Gänze und Schönheit.

Also fährt man lieber noch mal raus. Man fährt nicht in Torfhaus raus, an der Bavaria Alm, hier scheint das Zentrum von allem zu sein, in touristischer Harz-Hinsicht, so viele Autos, man fährt auch nicht am Fliegenpilzkiosk am Radau-Wasserfall raus oder am Steinbruch gegenüber, sondern am Fuß des Harzes, dieser einen Mutantenbrust unseres Landes, ganz unten, Bad Harzburg, denkend: Man hätte vielleicht am Fliegenpilzkiosk rausfahren sollen. Bisschen Wasserfall anschauen, Eis am Stiel essen, komischer Augustsonntag.

Bad Harzburg ist auch toll. Wellness-Wanderland. Solebad. Mineralbrunnen. Burgseilbahn und kleine weiße Villen am Straßenrand, ich fahre wahllos links, stelle das Auto zwischen die Villen, unsicher wegen Parkverbot, aber es ist Sonntag, da tut einem hier niemand was. Auf den Schildern steht nichts von wegen Zentrum oder Burg, es werden ausschließlich Cafés ausgeschildert.

Bad Harzburg, Kurort, ich hab so ein Ziehen auf der Schädeldecke, das drückt mir von oben her die Lider zu. Ist ein komisches Wetter heute und man weiß gar nicht, ob das nun seltsam ist für Anfang/Mitte August oder ob das nun so typisch Anfang/Mitte August ist, einfach typisch, dunstig, schon warm, man trägt beige in Bad Harzburg und viel weiß, aber man trägt nicht einfach ein T-Shirt, sondern zieht sich eine Weste drüber, eine beigefarbene oder doch schon das Übergangsjäckchen, das weiße, damit man sich nicht verkühlt.

Man kennt das ja so aus den Kurorten. Ich bin in Bad Staffelstein gewesen und in Kühlungsborn, ich bin nicht in Bald Salzdetfurth gewesen, aber ich nehme an, es verhält sich ähnlich dort. Das Tolle an Bad Harzburg ist, wie extrem es riecht. Ich gehe so eine rötliche Fußgängerzone entlang, irgendwo rechts muss ein Kurpark liegen, es ist Sonntag aber man kann Souvenirs kaufen und Harzer Wildwurst, gutes Zeug, und es gibt aus Buchs geschnittene Pferde und eine Art Bücherflohmarkt und unfassbar viele Senioren.

Ich schätze Senioren durchaus. Ich schlängele mich an ihren Körpern vorbei, was mir trotz dieser Anzahl aufgrund ihrer langsamen Bewegungen nicht schwer fällt und versuche sie in die Kategorien „sehr wohlhabend“, „seit jeher wohlhabend“ und „erst seit Kurzem wohlhabend“ einzuordnen. Das wirklich Aberwitzige ist der Geruch. Jeder kennt den Geruch, den der Mensch erst im Alter annimmt, der direkt als der Geruch des alten Menschen identifizierbar ist, ein eher unaufdringliches Gemisch aus Parfüm, das aus der Mode gekommen ist, Staub, Verdautem und Tod.

Hier, in Bad Harzburg, habe ich die Keimzelle des Geruchs des Alters gefunden. Die Steine haben ihn angenommen, die Gebäude, die Blumenkübel haben ihn angenommen und die beiden galoppierenden Pferde aus Buchs, es riecht nach altem Mensch und das ist, wenn man ein junger Mensch ist, und getrunken hat, auf Dauer leider nicht zu ertragen. Entschuldigung, Bad Harzburg, aber das ist Fakt: Du bist ja niedlich, aber du bist auch der alte Mann unter den Städten, nicht weil du älter bist als andere Städte, sondern weil du so riechst.

Ich habe außerdem einen Bücherschrank gefunden in Bad Harzburg. Einen dieser offenen Verschläge, in die Menschen ein Buch reinstellen, dessen Vorhandensein in ihren eigenen Räumlichkeiten sie auf keinen Fall mehr ertragen können und dann kommt ein Passant und findet, das könnte man doch mal lesen und nimmt es mit nach Hause, stellt aber meistens keines rein. Trotzdem stehen in diesen Schränken immer Bücher. Ist auch toll. Da gehe ich hin und nehme mir einen Reiseführer für die griechischen Inseln und ein Rezensionsexemplar von „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“, was ein mächtig schwerer 800-Seiten-Oschi von einem Amerikaner ist, es geht irgendwie um Comics, aber ich will den, also halte ich ihn in der Hand, während ich meinen Weg durch die müffelnde Fußgängerzone fortsetze, fühle mich dabei etwas beobachtet, vor allem weil ich mich gleich doppelt bedient habe und denke mir:

Das ist doch auch eine Lösung. Bei aller Flut der zu lesenden Bücher und zu bereisenden Orte habe ich mich bisher, zumindest bezüglich Lektüre, oft an die Zufälligkeit der Antiquariatsbestände gehalten, denn man kann ja nicht alles lesen (und nicht alles bereisen), die Entscheidung, die Auswahl kann ich gar nicht treffen, von nun an aber soll nur noch gelesen und bereist werden, was aus den offenen Bücherschränken der Kurorte stehle. Und von stehlen muss die Rede sein, solange ich selbst nichts hineinstelle. Das hat mit Filesharing nix zu tun, das ist meine persönliche, bibliophile Kostenlosmentalität.

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