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Wenn ich gewusst hätte, dass sie da oben den Förster erschlagen haben, hätte ich einen anderen Weg gewählt

Die Möglichkeit, zu erblinden besteht jeden Tag. Es könnte ein schlimmer Unfall passieren oder man könnte von einer seltenen Krankheit heimgesucht werden. Mit diesem Risiko muss man leben, weil man keine andere Wahl hat. Wie wäre das, nichts mehr sehen zu können?

Das frage ich mich manchmal. Ich frage hingegen A., ob sie mir bitte die Haare schneiden könnte. Es ist allgemein bekannt, dass sich der Haarwuchs meines Körpers seltsam verhält. Im Gesicht wachsen mir wenig Haare, bis auf zwischen den Augenbrauen. Meine Achselhaare sind eher Oberarmhaare. Ich habe Haare auf den Füßen. Und meine Nackenhaare scheinen schneller zu wachsen, als der Rest meines Haupthaars, sodass bei längerem Tragen meiner standardmäßigen Nichtfrisur irgendwann der Eindruck eines werdenden Vokuhilas entsteht.

A. fragt, ob sie nur hinten schneiden soll, oder auch an den Seiten, wo mir die Haare über die Ohren wachsen. Ich drücke ihr meine Nagelschere in die Hand und sage, mach, dass es cool aussieht und während sie versucht, zu machen, dass es cool aussieht, sagt sie immer wieder Oh Gott und Oh je und das ist kein gutes Zeichen.

Ich sehe ihr Werk auf dem Display meines Handys, ein Bild mit, eines ohne Blitz. Ein blondgefärbter Lappen baumelt über kurzgeschorenem, nachwachsendem, braunem Haar. An den Seiten ist das Deckhaar mit harter Kante gestutzt, als hätte A. ein Lineal angelegt. Am nächsten Tag muss ich zu Serdar. Serdar ist ein Friseur, der selber keine Haare hat. Ich sage, eine Freundin hätte meine Haare geschnitten und ob man da denn was retten könne. Serdar setzt mich auf seinen Stuhl und erschrickt: Von hinten ist noch schlimmer! Ich lache und sehe im Spiegel, wie ich rot werde. Serdar und seine Frau reden über meinen Kopf hinweg miteinander über meine Haare und was da zu tun sei, sie reden aufgeregt, Panikmodus, und sie reden ausschließlich auf Türkisch und ich sitze und warte und starre mir selbst ins Gesicht.

Ich starre mir selbst so lange ins Gesicht, dass ich den Anblick meines Schnurrbarts irgendwann nicht mehr ertragen kann. Zu Hause rasiere ich ihn ab. Ich bereue es sofort.

Der Körper erfindet immer neue Schikanen, um einem irgend etwas mitzuteilen. Neulich stand ich mit ebenjener Nagelschere vor dem Spiegel und versuchte ein Haar abzuschneiden, das es gar nicht gab. Etwas kitzelte mich an meinem linken Nasenflügel, immer wieder. Aber da war nichts. Ich richtete alle Lampen, die es im Bad gibt, auf mein Gesicht. Ich fuchtelte mit der Schere. Das unsichtbare Haar strich mir über die Haut. Es ist wie mit dem Baby, das schreit und man weiß nicht, warum. Vielleicht eine Stressreaktion. Im Zweifel immer eine Stressreaktion.

Am Sonntag ging ich also in den Wald. Im Steigerwald lag Schnee. Ein Parkplatz am Marswaldspielplatz. Großartig, wie gern hätte man selbst als Kind Zeit auf einem Marswaldspielplatz verbracht. Das Schild sagt, vier Kilometer zur Aurachquelle und ohne zu verstehen, dass ich nur die Straße überqueren müsste, um zum Mordgrund (!) zu gelangen, folge ich dem anderen Weg,  dem in die entgegengesetzte Richtung.

Das hier, meine Damen und Herren, ist Unterfranken, das leicht streberhaft-verkniffene der drei Frankens, weniger gemütlich als Ober- und Mittel-, aber auch weniger eng und düster, irgendwie sanfter vielleicht, wenn man das so sagen kann. Ich bin in Richtung Zell am Ebersberg gefahren, damit befinde ich mich gar nicht so weit von Haßfurt. Haßfurt, der Ort wo alle lokalpatriotische Dümmlichkeit des Heimatsmenschen kulminiert, denn kein Zeitgenosse ist dem Bamberger verhasster als der Haßfurter, er kann nämlich nicht Autofahren. Und wir tragen diese Erzählung, ironisch!, fort und machen uns damit mitschuldig an der Dümmlichkeit im Allgemeinen. Das hier ist Unterfranken. Ich befinde mich in einer scheinbar durch und durch unmystischen Gegend. Ich sehe eine durch und durch unspektakuläre Landschaft, ein zugeschneiter, breiter Weg, links und rechts Birken und Buchen, wahrscheinlich, und mit jeder Kehre, die mein Weg macht, ändert sich original nichts, keine Variation, hier ist nichts und ausgerechnet hier denke ich, wie wäre das wohl, wenn man nicht mehr sehen könnte.

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Die Aurachquelle, denke ich, wird mich dafür unter Umständen entschädigen. An einer Gabelung, wo ein Kind einen Teddybär im Schnee auf einem Tisch stehen ließ, entscheide ich mich also zum zweiten Mal für die Aurachquelle und damit gegen das Rennerkreuz. Fehler! Aber wie hätte ich unbedarft durch den Schnee Stolpernder ahnen können, dass das Rennerkreuz benannt ist, nach dem Förster Johann Renner, der hier, zwischen Ober- und Unterschleichach, in einer Nacht im Jahr 1768 von zwei Wilderern gemeuchelt wurde. Wo die Bluttat geschah, steht heut ein Sühnekreuz, wo er lag, werden die Mulden im Boden nie verschwinden, und einmal im Jahr, in der Todesstunde nämlich, erscheint ein weißes Reh und beugt in Erfurcht die Knie. Mystisch. Nix davon für mich. Die Aurachquelle ist ein unspektakuläres Geblubber, drüber liegt ein Wellblech. Ich sehe: Baumpilz, ein Pony, Felder.

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Es soll mir darum auch nicht gehen. Man wandert, um mal weg zu sein von allen Bildschirmen. Um mal nicht aufs Handy zu glotzen, außer wenn man mal schnell ein Aurachquellenselfie machen muss. Ich begegne drei Paaren und dann, weil ich weiß, was sich gehört, sage ich zackig Grüssgott mit kurzem i und wie ein einziges Wort. Die Leute antworten Servus. Wenn man sich zum zweiten Mal begegnet, grüßt man nicht mehr, sondern passt den idealen Zeitpunkt ab, um woanders hinzuschauen. Ein Mann trägt eine weiße Wollmütze, was ich grundsätzlich kritisch sehe, Menschen mit dicken, weißen, fusseligen Wollmützen auf dem Schädel. Das ekelt mich. Man geht, um mal den Kopf frei zu bekommen, um mal das Hirn ein bisschen durchzulüften. Um mal abzuschalten. So würde es in irgendwelchen Ratgebern für leitende Angestellte Anfang 30 stehen, aber das ist natürlich absoluter Bullshit. Das Hirn schaltet niemals ab. Das Hirn schreibt immer weiter. Das Hirn geht einem, wenn man so allein vor sich hinstolpert auf dem rutschigen Grund, dass einem irgendwann die Knöchel wehtun, noch viel mehr auf den Sack, als wenn es abgelenkt wird durch Mitmenschen oder Fernseher oder Laptop. Aber genau das auszuhalten, das muss trainiert werden.

Als ich zum Auto zurückkomme, stapft ein viertes Paar aus dem Gehölz. Sie haben Pfeil und Bogen dabei. Einfach so.

Am Freitagabend waren Freunde da zum Twin Peaks glotzen, die sagten puh, mit deinen Haaren, aiaiai. Am Sonntagabend kommt M. zum Horrorfilme glotzen. Alles macht man, um irgendwas mit den Augen zu machen, ständig. Man trifft sich, um Sachen anzusehen. Man geht zum Friseur, damit der mal sieht, was er da machen kann, damit man selbst anders aussieht und die anderen einen anders sehen. Dass man selbst komische Haare hat, kann einem eigentlich ja egal sein, die eigenen Haare sieht man ja so gut wie nie. Außer wenn man zwei Stunden lang vor einem Friseurspiegel sitzt und so viel Kaffee und Tee trinkt, dass man irgendwann ganz dringend pinkeln muss. Man traut sich aber nicht, nach einem Klo zu fragen.

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