Schlagwort-Archive: Herr Lehmann

Das Opferlamm der Rave-Schizophrenie. Sven Regener – Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt

Ich habe Sven Regeners Bücher, Herr Lehmann, Neue Vahr Süd, Der kleine Bruder, mit inniger, heißer Liebe bedacht, aber das ist schon was her, und seitdem sind viele Bücher die Hirndonau hinunter gegangen und manche waren besser als Neue Vahr Süd und andere waren schlechter, das sind die meisten. Und deshalb musste ich, mit fast nostalgischer Sehnsucht, Magical Mystery lesen. Das ist klar.

Karl ist wieder da. Karl Schmidt, der beste Freund des Frank Lehmann. Karl hat als Figur eine gewisse Karriere gemacht, die er Detlev Buck verdankt, der ihn in Haußmanns Verfilmung des Regenerdebüts verkörperte, ein Film, der sämtliche Superlative verdient, wenn man mich fragt. Es ist insofern berechnend zu nennen, dass Sven Regener ein viertes Buch schreibt, es in derselben Welt ansiedelt, dabei jedoch den hyperpopulären Sidekick zum Protagonisten befördert. Und andererseits ist es genau das nicht, als es sich bei Karl Schmidt, wie wir ihn im neuen Roman vorfinden, nicht um denselben Karl Schmidt handelt, auf den man sich, womöglich an Detlev Buck denkend, den riesigen Detlev Buck, der den Kiffer vorm Einfall durch die Luft wirbelte, gefreut hatte, sondern um einen geläuterten Karl Schmidt, einen trocken gelegten, entgifteten, nüchternen Karl Schmidt, Hausmeister und Tierpfleger im Kinderheim in Hamburg Altona.

Es verhält sich mit Sven Regener ähnlich wie mit Clemens Meyer, die beide ihre Vorschusslorbeeren aus dem Weg schnibbeln und die primären Hoffnungen und Erwartungen nicht erfüllen. Nur eben auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Meyer schreibt plötzlich Prosa, die sich des Zugangs verweigert, Regener schreibt immer noch realistisch und zaubert mit leichter Feder seinen Milieuhumor. Und weil die Zeit in der Lehmannwelt voranschreitet, ist es nicht mehr das Verweigerer-WG-Milieu oder ein Kreuzberg-Kneipen-Mileu, sondern, willkommen 90er-Jahre!, ein Techno-Druffi-Milieu, durch das der Protagonist einmal quer durchgeschoben wird und dann ist alles klar.

magicalDamit ist im Prinzip alles gesagt. Karl Schmidt ist clean, lebt in der Ex-Drogi-Wg Clean Cut 1 und arbeitet im Kinderkurheim inklusive Minizoo. Das könnte auch alles so bleiben, er würde täglich die beiden fiesen Affen füttern und sich in regener’scher Intimreflektion darüber auslassen, dass Kaffeemaschine-Entkalken eine Sache ist, die man immer machen sollte, aber nie macht oder darüber, dass jemand „der sich beim Anblick eines frischgewaschenen Pümpels, die Nase zuhält“ kein ganz schlechter Mensch sein könne, und dann wäre das alles ganz okay so, inklusive Drogen-Plenums oder -Plena oder -Plenata im Clean Cut 1. Dann taucht Raimund auf. Man kennt sich von früher, hat zusammen Musik gemacht, Glitterschnitter, mit Karl an Trennschleifer und Bohrmaschine. Auch Ferdi, der Mann für die pathosgeladenen Ansprachen im Roman, war dabei, und jetzt gehört den beiden, also Ferdi und Raimund, das Label mit dem onomatopoetischen Namen BummBumm, welchem nach Karls Verschwinden in Richtung Klapsmühle der finanzielle wie ästhetische Durchbruch gelang. Anstatt nun also seinen Urlaub auf Kur zu verbringen, lässt Karl sich als Tourfahrer engagieren. Er eignet sich dafür aufgrund seiner Nüchternheit und Kinderheimskills – „voll das Ledernackending“ – denn früh um 8 sollen die Raver, so die Labelchefs, aus den bespielten Clubs gezerrt werden.

„Magical Mystery“ – so heißt die Tour. Das kommt eigentlich von den Beatles, wie jeder Nebencharakter weiß, gehört jetzt aber BummBumm. Es soll hippiemäßig werden, Techno auf Tour, aber mit Anspruch, das ganz große Ding, von der die Szene irgendwann ihren Enkeln erzählen wird, nichts anderes als: „Die Erneuerung des Raves.“ Oder: Ein Haufen hypersensibler Neurotiker, im Tourbus zusammengesperrt, bis unter die Augenbrauen voll mit Koks, plus Lolek und Bolek, zwei Meerschweinchen, die allesamt von Charlie, dem Ex-Druffi durch Deutschland gekarrt werden, der nicht mehr darf, aber eigentlich manchmal schon ganz gerne würde. Wenn das mal, wird sich Sven Regener gedacht haben, keine Konstellation für einen Roman ist.

Was ihm mit der Trilogie zuvor schon gelang, gelingt Regener freilich wieder: Die spezifische Kommunikation der ganz normalen Idioten mit liebevoll spöttischem Blick offen zu legen. All das Gelaber läuft durch die Literaturpipeline aus den Hirnen von DJ Schulti oder den HostiBros oder Ferdi und Raimund und durch den gesettelten Filter Charlie und schließlich in meines rein. Und wenn es nur das wäre: Die Anekdoten aus Köln und Frankfurt und Schrankenhusen-Borstel, die man, mit dem gewissen Milieuwitz versetzt, der Reihe nach wegläse, so wäre das sicher sehr nett, aber nicht mehr. Gleichzeitig installiert Regener aber einen Protagonisten, der fünfhundert Seiten lang auf einem zahnseidedünnen Grat wandelt, der entweder eine spaßfreie Rolle akzeptiert, oder mitmacht, wie früher, und damit alles verliert, der also eine Tragweite hat, eine biographische Tragik, eine notwendige Bitterkeit im ausgestellten High-Life.

In diesem Sinne ist die Lehmantrilogie Karls Fluch, die diese mystifzierte Vergangenheitsbewältigung überhaupt erst notwendig macht. Und wie im Leerlauf stößt der Held immer wieder mit der Nase an die Fragestellung, wie das überhaupt passieren konnte. Sven Regener macht in Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt aus dem Sidekick das große Opferlamm der Rock’n’Roll- beziehungsweise Rave-Schizophrenie, das nur noch rauchen und Kaffee trinken darf und nicht mal mehr Kunst machen oder überhaupt ertragen kann (so es denn keine Schlumheimer-Installation ist, aber Schlumheimer, so stelle ich soeben fest, gibt es gar nicht).

Das in diesem Roadtrip mit Rave-Dödeln an Absurdem und Abgründigem schlummernde Potential, schöpft Regener ein bisschen vorsichtig, ein bisschen zaghaft ab, als wolle er seinen liebgewonnenen Charakteren nicht zu viel antun. Vielleicht ist Magical Mystery deswegen nicht ganz so vielfältig und tiefschichtig geworden wie Neue Vahr Süd, aber vergleichen ist ja auch immer irgendwie unfair.

Werbeanzeigen
Getaggt mit , , , , , , , , ,
Werbeanzeigen
SchöneSeiten

www.schoeneseiten.net | Blog für Gegenwartsliteratur

Leo's Literarische Landkarten

Geographie in Texten und Liedern.

stefan mesch

Literature. TV. Journalism.

new location: visit blog.kreativsaison.de

new location: visit blog.kreativsaison.de

The Daily Frown

Das Magazin für Musik Literatur Alltag