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München, Rotkreuzplatz. Unter uns mal wirr gesprochen.

Was kann es charmanteres geben, als diesen Mann in seinem senfgelben Sakko, der mir schräg gegenübersitzt? Eine Frau spricht mit ihm, wahrscheinlich seine Frau, aber der Mann im senfgelben Sakko hat es nicht nötig, ihr zu zuzuhören, ihr zu antworten, er schaut sie noch nicht einmal an. Er hat die grauen Haare nach hinten geschmiert, in den Nacken. Er hat die Beine, die in einer weißen Hose stecken, übereinandergeschlagen. Und er verkörpert so viel von dem was gut und richtig ist in dieser Stadt.

Die meisten Männer hier sehen aus wie Gustl Bayrhammer. Niemand hier ist weniger als zwanzig Jahre älter als ich. Der Kellner bringt mir eine Haxe, deren Fett so knusprig gebacken wurde, dass mir die Trommelfelle zerspringen, sobald ich meine Zähne in diese braune Kruste grabe. Es gibt kein Salatblatt, nichts Überflüssiges dazu, die Soße schmeckt stark überwürzt.

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich verstanden habe, dass es diesen Zustand nicht mehr lange geben wird. München ist nicht für die, die so sind wie ich. Wir jungen Menschen machen München kaputt. Wir sind schuld daran, dass es diese Orte bald nicht mehr geben wird. Die Orte ohne Cocktails auf der Karte. Die Orte mit hässlichen, dicken Bedienungen. Die Orte, wo alle rauchen und niemand kein Bier trinkt. Zwei Tische weiter sitzt eine Omi mit Sonnenbrille, sie ist ungefähr unendlich alt und hebt ihre Halbe mit beiden Händen. Aber noch hebt sie sie bis zum Mund.

2Das hier ist für all diejenigen, die nichts davon verstehen und es ist wieder nur ein Versuch, nur eine verkrüppelte Annäherung. Und gerade das ist auch der Punkt. Charme ist so ein schreckliches Wort, aber es gibt keine Worte, die das eingrenzen können, was München aus und zu einem der besten Orte macht.

Welche gäbe es noch? Aura? Atmosphäre? Diese komische, rustikale 70er-Jahre Leichtigkeit, die es noch gibt, die wir aber, also meine Generation, zerschießt mit ihren Cocktails und Schiefertafeln und Burgerläden. Natürlich ist das eine widerwärtige Nostalgie, die überhaupt gar nicht funktioniert, wenn ich sie vertrete. Aber wenigstens einmal muss man das doch ausformulieren.

Für einen Artikel fahre ich zum Umsonstladen am Leonrodplatz. Eine Frau erzählt mir, dass ihr Vermieter – ich stelle mir vor, es wäre der Mann im gelben Sakko – ihre Miete verdoppeln will. Das Gericht hat ihm gerade Recht gegeben. Die Frau hat Angst, obdachlos zu werden. Sie sei bestimmt keine Revoluzzerin sagt sie, aber stur könne sie sein.

Mein größtes Problem ist, dass ich keinen Zimt mehr zu Hause habe für mein Müsli und es sich nicht mehr lohnt, Zimt zu kaufen, weil man das dann ja mit umziehen muss. Ich würde mir so gerne Schlappen kaufen wie Heidi Klum sie einst bewarb, aber bei Galeria Kaufhof sind alle zu groß.

Ein paar Formeln gehören obligatorisch zu jedem Abschied:

– Danke für alles.
– Alles Gute.
– Es bleibt spannend.

Die schönsten Frauen sitzen alle mit mir in der S-Bahn in Richtung Holzkirchen. Eigentlich wollte ich mindestens einmal bis zur Endstation fahren. Endstationen sind besondere Orte. Holzkirchen. Holzkirchen bleibt mir. Ich lese in der S-Bahn, auch wenn ich angetrunken bin. Ich vergesse alles, was ich lese im selben Moment.

Meistens sitzen da außerdem ein paar 16-Jährige mit Polohemden und ledernen Segelschuhen – manche sogar mit Bommeln, kann es etwas widerwärtigeres geben? Es stimmt, dass man Menschen nicht treffender beurteilen kann, als anhand ihrer Schuhe. Die 16-Jährigen unterhalten sich meist über ihre Privatschule. Sie haben ähnliche Frisuren wie der Mann im gelben Sakko, nur noch nicht ergraut. Ich halte es für möglich, dass ich ihnen, wenn sie zehn Jahre älter wären, an dieser Stelle Komplimente machen würde. Aber so wie sie sind, sind diese Jungs nichts als ein schleimiger Auswurf dieser Stadt, der einen bitteren Geschmack auf der Zunge hinterlässt.

München war schlecht und München war gut.

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Meistens Unterhaching

Charlie sagt, wenn ich das studiert hätt‘, was ich behaupte, studiert zu haben, müsst ich mich ja auskennen mit Brecht und so. Früher hat er auch viel gelesen, Geo Hefte zum Beispiel, Bücher auch. Hat er aber alles weggeschmissen. Um die Geo Hefte ist es schad, zumindest die über Asien. Gegen Mitternacht schippt er vor meinem Fenster Schnee.

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Zwölf Quadratmeter müssen reichen, wenigstens einmal im Leben, muss man das mitgemacht haben. Das Ehepaar von nebenan habe ich kennengelernt, die Namen schon lange wieder vergessen. Nichts nervt mich mehr, als ihre Stimmen auf dem Gang zu hören. Er brummelt Albanisch, sie quäkt. Das macht einen wahnsinnig. Über mir wohnen auch noch Menschen. Ich weiß nicht, wie viele, ich habe nie einen gesehen. Und dann gibt es da noch das Hinterhaus. Auch dort haut eine gewisse, unbestimmbare Anzahl in den Souterrainlöchern. Es hat Monate gedauert, bis ich das herausgefunden habe.

Im Arrowz Sonntagmorgen, halb 3. Ein paar Nazis spielen Darts. Ein alter mit sackartiger Jeans und Kappe, aber ohne Hinterkopf hängt am wild blinkenden Automaten. Neben ihm ein normaler Typ, ebenfalls mit Kappe. An der Bar ein trauriger Nerd, der eine Zeit lang einer Rothaarigen über den Rücken streicheln darf. Dann schiebt sich die Rothaarige einem der Nazis ins Ohr. Eurotrash-Techno fiept aus den Boxen. Folge dem Delfin. Als wir gehen, schlafen der Nerd und die meisten Nazis. Ein friedliches Bild, man wünschte sich, es würde jemand mit Öl malen.

Wenn ich möchte, dass die Heizung warm wird, muss ich sie mit dem Hammer bearbeiten. Ich lasse kein Tageslicht herein. Die Tür muss man absperren, sonst fliegt sie wieder auf. Ein Messer und eine Gabel sind mit Klebeband fixiert. Im Bad ist die Lüftung ausgefallen. Habe Streichhölzer gekauft. Überzeugend erwecke ich den Anschein von Armut und Elend. Aber das ist eigentlich nur ein Theaterstück ohne Publikum.

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Charlie sagt, früher hat ihm das Haus gehört, aber dann wurd’s zwangsversteigert. Er haut mit dem Hammer gegen meine Heizung. In München unterhält man sich nie nicht über die Mietpreise. Ich erzähle Charlie, was ich zahle, kann seiner Reaktion aber nicht ablesen, ob er das viel oder wenig findet. Neulich hat er beim Leergutautomaten in der Norma seinen Bon stecken lassen. Als er es gemerkt hat, war der Bon schon weg. Anstand haben die Leute heute keinen mehr.

Beim Nachbarn kann man das Fahrrad reparieren lassen, aber erst ab April wieder. Im Wirtshaus Althaching sitzen die Menschen wie in einem Wintergarten. Das beliebteste Gastro-Unternehmen ist die American-Burger-Bar auf dem Edeka-Parkplatz. Manchmal hört man Jubel vom Alpenbauer Sportpark herüberwehen. Bei Pizza Avanti hängt das signierte Trikot eines Spielers. Jeden Mittwoch trifft sich am S-Bahn Gleis Richtung Holzkirchen die Senioren-Wandergruppe, Wetter egal. Rentner müsste man endlich sein.

Charlie sagt, als Autor verdient man doch ganz gut. Und die Wohnung ist ja nicht so teuer. Und am Wochenende fahre ich ja eh meist heim, oder? Wo ist das nochmal? Bamberg. Er will wissen, ob da nicht irgendwas mit Sängern gewesen sei. Bamberg sagt ihm schon was. Spiele mit Sängern. Ich frage ihn, ob er Bayreuth meint. Charlie bestätigt: Ja. Bayreuth, Festspiele. Er hat mal einen gekannt, der da gearbeitet hat. Gesungen?, fragte ich. Ja, sagt Charlie, gesungen und gesoffen wie ein Loch.

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stefan mesch

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