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Bad Harzburg hat mit Filesharing nix zu tun

Es ist Sonntag und man ist ein bisschen angekatert. Das liegt daran, dass es noch nicht ganz Abend ist, man ist noch nicht sehr lange auf den Beinen und während die Nüchternheit den Alkohol aus dem Hirn schiebt und Kopfschmerz und Übelkeit mit sich bringt, fährt man aus dem Harz in Richtung Hannover, wissend, dass der Kater, bis man erst Hannover erreicht hat und es Abend geworden ist, ausgewachsen sein wird, in Gänze und Schönheit.

Also fährt man lieber noch mal raus. Man fährt nicht in Torfhaus raus, an der Bavaria Alm, hier scheint das Zentrum von allem zu sein, in touristischer Harz-Hinsicht, so viele Autos, man fährt auch nicht am Fliegenpilzkiosk am Radau-Wasserfall raus oder am Steinbruch gegenüber, sondern am Fuß des Harzes, dieser einen Mutantenbrust unseres Landes, ganz unten, Bad Harzburg, denkend: Man hätte vielleicht am Fliegenpilzkiosk rausfahren sollen. Bisschen Wasserfall anschauen, Eis am Stiel essen, komischer Augustsonntag.

Bad Harzburg ist auch toll. Wellness-Wanderland. Solebad. Mineralbrunnen. Burgseilbahn und kleine weiße Villen am Straßenrand, ich fahre wahllos links, stelle das Auto zwischen die Villen, unsicher wegen Parkverbot, aber es ist Sonntag, da tut einem hier niemand was. Auf den Schildern steht nichts von wegen Zentrum oder Burg, es werden ausschließlich Cafés ausgeschildert.

Bad Harzburg, Kurort, ich hab so ein Ziehen auf der Schädeldecke, das drückt mir von oben her die Lider zu. Ist ein komisches Wetter heute und man weiß gar nicht, ob das nun seltsam ist für Anfang/Mitte August oder ob das nun so typisch Anfang/Mitte August ist, einfach typisch, dunstig, schon warm, man trägt beige in Bad Harzburg und viel weiß, aber man trägt nicht einfach ein T-Shirt, sondern zieht sich eine Weste drüber, eine beigefarbene oder doch schon das Übergangsjäckchen, das weiße, damit man sich nicht verkühlt.

Man kennt das ja so aus den Kurorten. Ich bin in Bad Staffelstein gewesen und in Kühlungsborn, ich bin nicht in Bald Salzdetfurth gewesen, aber ich nehme an, es verhält sich ähnlich dort. Das Tolle an Bad Harzburg ist, wie extrem es riecht. Ich gehe so eine rötliche Fußgängerzone entlang, irgendwo rechts muss ein Kurpark liegen, es ist Sonntag aber man kann Souvenirs kaufen und Harzer Wildwurst, gutes Zeug, und es gibt aus Buchs geschnittene Pferde und eine Art Bücherflohmarkt und unfassbar viele Senioren.

Ich schätze Senioren durchaus. Ich schlängele mich an ihren Körpern vorbei, was mir trotz dieser Anzahl aufgrund ihrer langsamen Bewegungen nicht schwer fällt und versuche sie in die Kategorien „sehr wohlhabend“, „seit jeher wohlhabend“ und „erst seit Kurzem wohlhabend“ einzuordnen. Das wirklich Aberwitzige ist der Geruch. Jeder kennt den Geruch, den der Mensch erst im Alter annimmt, der direkt als der Geruch des alten Menschen identifizierbar ist, ein eher unaufdringliches Gemisch aus Parfüm, das aus der Mode gekommen ist, Staub, Verdautem und Tod.

Hier, in Bad Harzburg, habe ich die Keimzelle des Geruchs des Alters gefunden. Die Steine haben ihn angenommen, die Gebäude, die Blumenkübel haben ihn angenommen und die beiden galoppierenden Pferde aus Buchs, es riecht nach altem Mensch und das ist, wenn man ein junger Mensch ist, und getrunken hat, auf Dauer leider nicht zu ertragen. Entschuldigung, Bad Harzburg, aber das ist Fakt: Du bist ja niedlich, aber du bist auch der alte Mann unter den Städten, nicht weil du älter bist als andere Städte, sondern weil du so riechst.

Ich habe außerdem einen Bücherschrank gefunden in Bad Harzburg. Einen dieser offenen Verschläge, in die Menschen ein Buch reinstellen, dessen Vorhandensein in ihren eigenen Räumlichkeiten sie auf keinen Fall mehr ertragen können und dann kommt ein Passant und findet, das könnte man doch mal lesen und nimmt es mit nach Hause, stellt aber meistens keines rein. Trotzdem stehen in diesen Schränken immer Bücher. Ist auch toll. Da gehe ich hin und nehme mir einen Reiseführer für die griechischen Inseln und ein Rezensionsexemplar von „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“, was ein mächtig schwerer 800-Seiten-Oschi von einem Amerikaner ist, es geht irgendwie um Comics, aber ich will den, also halte ich ihn in der Hand, während ich meinen Weg durch die müffelnde Fußgängerzone fortsetze, fühle mich dabei etwas beobachtet, vor allem weil ich mich gleich doppelt bedient habe und denke mir:

Das ist doch auch eine Lösung. Bei aller Flut der zu lesenden Bücher und zu bereisenden Orte habe ich mich bisher, zumindest bezüglich Lektüre, oft an die Zufälligkeit der Antiquariatsbestände gehalten, denn man kann ja nicht alles lesen (und nicht alles bereisen), die Entscheidung, die Auswahl kann ich gar nicht treffen, von nun an aber soll nur noch gelesen und bereist werden, was aus den offenen Bücherschränken der Kurorte stehle. Und von stehlen muss die Rede sein, solange ich selbst nichts hineinstelle. Das hat mit Filesharing nix zu tun, das ist meine persönliche, bibliophile Kostenlosmentalität.

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Wie ich die Königin von Mecklenburg-Vorpommern wurde. Eine Pressereise.

Wenn man von völlig fremden Menschen eine Kürbissuppe mit winzigen Garnelen serviert bekommt, weiß man zwei Dinge: Erstens, dass man in Meernähe ist. Das erkennt man am Geschmack der Garnelen, von denen ich eine sehr große Bewunderin bin und deren Herkunft ich dementsprechend genau unterscheiden kann. Und zweitens, dass die Menschen, mit denen man soeben in Kontakt getreten ist, sehr nett sbaltiein müssen. Ich, als Verfechterin von Kontaktverweigerung, bin in diesen Tagen in Mecklenburg-Vorpommern zur Königin geworden. Meine Geschichte lautet folgendermaßen:

Wir sind in den Zug gestiegen, ich habe sämtliche Reden von Cicero übersetzt und dem Personal bei der Fahrkartenkontrolle vorgetragen, plötzlich waren wir in Mecklenburg-Vorpommern. Was wollt ihr, ihr Ganoven, habe ich gesagt, als uns die mit dem pinken Hut zur Begrüßung eine soeben gezupfte, winzige Blume hingehalten hat. Herzlich Willkommen, sagt sie. Mir fährt ein eiskalter Schauer über den Rücken: Die Würfel sind gefallen. So, meine Freunde, habe ich gesagt und zum Gruß die Hand erhoben, wir sind hier also alle zusammengekommen, um den Leib Mecklenburg-Vorpommerns zu kosten! Mir schlottern die Knie bei diesem Satz. Eine Dänin, eine Italienerin, ein Spanier, eine Österreicherin und mein Reisekumpan Andreas starren mich an, als hätte ich ihnen einen gewaltigen Bären aufgebunden. Doch ohne Wahl sind wir losgezogen, rein in die wilde Natur, immer der Nase nach, wie mein Großvater schon sagte, durch das Filmbüro in Wismar, durch Paetrick Schmidts Galerie und schließlich auf den Marktplatz von Wismar. Ich hänge mich bei meinem Reisekumpan Andreas ein, um besser flanieren zu können, nehme eine tiefe Prise der Stadtluft, bis wir einen äußert dicken Mann entdecken, der einen Laib Käse an einen anderen Ort trägt. Sobald er uns gesehen hat, schreit er uns entgegen: Lecker, lecker!, laut und mit besonderer Betonung auf dem E. Ein Schreck fährt uns in die Glieder: Los!, wir fliehen nach Neubukow.

Der Bürgermeister von Neubukow begrüßt mich mit einem Blumenstrauß. Oh, sage ich verwundert, sie haben schon gehört, dass ich zugegen bin? Natürlich, meine Teuerste!, antwortet er, wir flanieren durch sein kleines Örtchen, es ist warm, oft tropfen Schweißperlen von seiner Stirn auf das Hemd. Mein Guter, sage ich und beiße in mein Kassler, das mir soeben eine fröhlich anmutende Kellnerin auf die Sonnenterrasse serviert, ich sehe, Sie haben sich hier gut eingelebt. Draußen, vor dem Restaurant, sitzt einer seit zehn Jahren und hält die Deutschlandflagge in den Wind. Jeden Tag, sagt der Bürgermeister, kommt er her und wird wütend, wenn man ihn nicht grüßt! Carpe diem, beruhige dich, mein Guter, sage ich noch, er nutzt eben die Mamortreppe anders. Der Bürgermeister lacht, geleitet mich und mein Team durch die Ortschaft, wir lernen viel. Ein Spektakel dieser Stadt sind die Forellen, wie mir jemand erklärt, man könne drei Wochen lang beobachten, wie sie flussaufwärts springen. Auch bei Fisch überkommt mich das kalte Grauen, schnell schreie ich mein Team an: Los, Flucht!, alle sammeln sich, ich zücke den Hut zum Abschied und winke dem Bürgermeister noch einmal kurz zu, dann besuchen wir die Alte Büdnerei.

Emil, mein kleiner fünfjähriger Genosse, klopft mir auf das Knie und erzählt, sein Huhn, Sofia, habe heute zwei Eier gelegt. Bist du dir denn sicher, Emil, dass das Huhn dir gehört? Ich denke, hier gibt es viele Hühner und du machst hier nur Urlaub! Um es dem Kind zu erklären, verwende ich eine einfache Sprache und betone meine Worte klar, spreche langsam. Die Österreicherin entspannt sich, die Dänin und die Italienerin machen etwas mit Action, der Spanier fotografiert und filmt wie ein Verrücktgewordener, mein Reisekumpan Andreas und ich gönnen uns auf der Wiese die erste Zigarre des Tages. Schön hier, sagt er, er habe sich immer vorstellen können, hier zu wohnen. Manchmal, hauptsächlich an Samstagen, gönne er sich einen kleinen Ausritt hierhin, aber wenn er hier sei, gefallen ihm doch die Berge immer besser. Mein Guter!, sage ich wieder während wir die Landschaft, die Wiesen, die Pferde überblicken, de omnibus dubitandum!, und Reisekumpan Andreas schmeißt – ganz ergriffen von unserer Situation – seinen Cowboyhut auf den Boden, nickt und nimmt einen tiefen Zug von der Zigarre. Nach einem Schluck Whisky breitet sich ein wohliges Gefühl in unseren Bäuchen aus, die Füße legen wir auf den Tisch.

Reisegruppe

Schon am nächsten Tag werden wir mit einer Kutsche in die Hotelresidenz geführt. Nach einer kurzen Entspannungspause am Meer besichtigen wir schließlich unsere Zimmer. Angenehm, sage ich noch, dann entblöße ich mich und werfe mir den extra für mich angefertigten Bademantel über, bevor ich den extra für mich angefertigten Willkommensbrief studiere. Hätten Sie das nicht auf Latein schreiben können?, brülle ich vor Wut in den Telefonhörer. Die Rezeptionistin entschuldigt sich, sie habe ja nicht ahnen können, welche Sprache ich bevorzuge, es würde aber gleich jemand eingeflogen werden, der diesen Brief dann übersetzt und mir persönlich aushändigt. Mutatis mutandis, nach den notwendigen Änderungen, schreie ich in den Hörer, dann knalle ich ihn dahin, wo er hingehört. Kurz danach überfällt mich der blanke Wahnsinn. Kokos will ich!, rufe ich durch den Raum, Kokos und eine Krone! Wieso sich für etwas Besseres aufsparen, sage ich noch, und schiebe mir einen Schokoladenball nach dem anderen in den Mund. Eine kleine Träne tropft mir aufs Knie. Drachenfrucht, Kiwi, Banane, alles einerlei, wenn ihr es so schön herschneidet im Upstalsboom. Mit der Schokolade im Mund trete ich auf den Balkon – vivat, crescat, floreat –, ich sehe Kühlungsborn, das Meer und die Leute auf dem Balkon unter mir und wie aus Übermut strecke ich die Arme in die Gegend, die Königin von Kühlungsborn, heute siezt ihr mich, ihr Kleinen. He, schreit noch einer von unten herauf als Beschwerde, aber ich bin im Raum, ich reiße das Plastik von meinem Bademantel, dann auch meine Mantel vom Leibe, königlich bin ich, und es ist Zeit für den Wellnessbereich.

Man dürfe die Hände nicht auf das Holz in der Sauna legen, ermahnt mich der Alte, und ich sage, meine Hände sind aus Gold, ich darf sie hinlegen, wo ich will, du Scharlatan! Er erschrickt. Bevor sein runzliges Gesicht aus Scham auseinanderfällt, rennt er weg, aus dem Hotel hinaus, auf die Straße. Ich bleibe, kurz danach ist es zu warm. In vino veritas!, rufe ich meinen Gefährten zur Begrüßung im Frühstückssaal zu. Sie winken, auch sie sind erhaben. Einen Pancake tische ich auf, ein Rührei, drei Gläser voller Saft, voller Sekt, voller Champagner, der sich edel in meine Kehle zwingt. Kellner, rufe ich noch, vielleicht haben Sie ja noch etwas zum Nachtrinken? So schnell habe ich nie jemanden rennen sehen, nie einen Kellner und nie meinen Reisekumpanen Andreas, der zum Buffet sprintet.

Plötzlich überschwemmt mich die kalte Panik. Ich bitte dich, sage ich zu mir selbst, jetzt hast du dich aber überschätzt! Und noch während mir der Lachs im Gaumen hängt, trifft mich der erste Blick eines Wissenden wie ein Baseballschläger auf den Hinterkopf. He, Sie!, schreie ich den Alten an. Er beobachtet meinen Teller, meine Hände, sogar meinen Kaffee. Jetzt beginnt es zu pulsieren: He, Sie!, rufe ich, nun etwas kleinlauter, mein Reichtum schwindet, es ist bald Zeit, Upstalsboom zu verlassen, der Alte stiert mich an, er hat meine Blendung durchschaut. Der Alte wird an meinen Tisch kommen, er wird mich am Schopf packen und auf die Straße ziehen, wo die Reichen einer neben dem anderen stehen werden, den adligen Blick auf uns gerichtet, und der Alte wird mir mit seinem Golfschläger ordentlich eine überziehen. Wenn ich dich erwische, sagt allein sein Blick auf meinen Kaffee, prügle ich dir den erschlichenen Luxus rückwärts rein! Aber soweit ist es nicht für mich gekommen, rogo te!, ich bitte dich, sage ich mir selbst, dann verschlinge ich auch den letzten Happen Schinken, wer weiß, wann wir das nächste Mal essen. Dem Alten werfe ich eine Gabel auf die Hand.

Juli1

Im Zimmer angekommen beginnt meine Flucht. Ich stülpe mein elendes Gepäck in die Tasche, stecke ein, was mir vor die Finger kommt, den Stift, den Notizblock, sogar den persönlichen Brief, den das Hotel an mich adressiert hat, damit ich meinen kurzweiligen Reichtum beweisen kann. Für die Handtücher habe ich keinen Platz. Da klopft es, bitte das Zimmer verlassen, der Nächste will rein. Der Nächste wird schon im Fahrstuhl fahren, er wird die Drei schon gedrückt haben, mit seinem edlen Finger, und ich werde noch hier stehen, wenn er kommt, mit seiner Zimmerkarte, in dem Moment, in dem er den Raum betritt, der kurz unserer und dann gleich seiner ist. Der Nächste wird auf die Etagere blicken und dann wird er sehen: Aha! Hat sie also die Etagere aufgegessen! Und Gnade mir Gott, wenn ich nur Zähne aus Kruppstahl hätte, würde ich mir sogar dieses Eisen zwischen die Lippen biegen!

Ihr Kleinen!, rufe ich den Reichen zum Abschied missmutig zu, so also seht ihr aus hinter eurem Reichtum! Meine Kumpanen und ich schwingen uns aufs E-Bike, lassen unseren Luxus zurück, im Modus 5 über Wiesen und Wälder, wir fliegen auf diesen Bikes, der Wind weht mir kalt ins Gesicht, Reisekumpan Andreas lächelt noch, bevor er fast gegen einen Baum fährt. Macht nichts, ruft er fröhlich, und ich rufe durch die Natur, durch den Waldweg, ganz schrill rufe ich: Jaja, mein Kumpan, so ist es, die jungen Personen haben immer am wenigsten Schmerzen! Bis wir da sind, am Herrenhaus, 28 Zimmer!, erklärt uns die Hauseignerin Pocahontas-Antje und Andreas, der Künstler, steht neben ihr, erklärt, er mache alles, außer Mafia. Wir lachen, wir trinken einen Apfelsaft! Exquisit, dieses Haus, schmeichelt mein Reisekumpan Andreas dem Andreas, danach tauschen wir verstohlene Blicke: Wir sind in einen weiteren, angenehmen Luxus geraten.

Bach, überlegt die Tochter des Hauses, sie spielt bezaubernd Klavier, und meine Kumpanen sind ganz aufgewühlt von dieser bezaubernden Musik, die durchs Herrenhaus und unsere Herzen strömt. Weint nicht, will ich ihnen raten, die Schönheit der Natur ist unersättlich! Aber es hilft nichts, sie weinen in Strömen, sie weinen das ganze Herrenhaus voll. Jemand wird sich bald beschweren, denke ich, zum Glück, dass unsere E-Bikes über den Modus 5 verfügen. Dann eile ich hinaus in die Natur, in der ich mir ein ruhiges Plätzen suche, um endlich meinen Gefühlen einen freien Lauf zu lassen. Als ich denke, schöner kann es nicht werden, passiert das Unfassliche: Eine Katze schmiegt sich gegen mein Bein und mit gegen meine ich: gewaltsam! Verschwinde!, rufe ich ihr zu. Verschwinde, denn sole lucet omnibus, die Sonne scheint für uns alle, so auch für mein Bein. Sie verschwindet tatsächlich, damit habe ich nicht gerechnet, ich bin traurig. Kurz danach setze ich meine Lesebrille auf, um meine Tränen der Freude zu verbergen, wie ich meine Kumpanen am Eingang des Herrenhauses beobachte: Elena, die Österreicherin, keinen schlechten Gedanken im Kopf, herrlich, Daniela, die Italienerin, eine Unermüdliche, Emilie, die Dänin, die noch großen Erfolg beim Angeln haben wird, Teresa, die Unbeirrbare, die uns durch die tiefsten Tiefen Mecklenburg-Vorpommerns führt und ihre treue Begleitung Burcin, Maximo, der spanische Kumpan und Blumenliebhaber, aber von all dem, was uns noch in Rostock erwartet, wissen wir noch nichts im Herrenhaus. Ich flüstere leise in die Nacht, in den Sternenhimmel: Amantes, amantes. Ein flauer Sommerwind trägt die Übersetzung in die Ferne. Einmal schluchze ich bedeutend, dann falle ich lachend in einen tiefen Schlaf.

Pro salute omnium!, rufe ich durch die Spelunke, in der wir uns noch einmal zusammenfinden, an unserem letzten Abend. Mein Team und ich, wir erheben die Gläser, manche summen leise die Hymne Mecklenburg-Vorpommerns und befinden sich in einer fast depressiv-anmutenden Trance. Eine Stunde später löse ich mich von der Truppe, ich klettere auf einen sehr hohen Berg und lege mir ein ebenfalls sehr großes Fernglas vor die Augen, um mein Königreich zu beobachten. Am nächsten Morgen verabschiede ich mich unter Tränen, dann fahren wir schnell nach Hause. Als Lektüre lese ich zuhause angekommen in meiner Bibliothek wieder Cicero in meinem Ledersessel. „Omnia praeclara rara“, steht dort geschrieben. Ich unterstreiche den Satz zweimal und beginne mich zu sehnen.

Veröffentlicht am 19. Juni 2013 bei CULTurMAG.
(http://culturmag.de/litmag/wie-ich-die-konigin-von-mecklenburg-vorpommern-wurde-eine-pressereise/72869)

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