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ALLES ÜBER: WIEN

WIE ICH EINMAL IN WIEN VON EINEM SEHR GROßEN AUF EINE ZWEI METER HOHE MAUER GEHOBEN WURDE UND ROLAND SICH ZUM DRITTEN MAL DIE GRÄTE GEBROCHEN HAT

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Die Stadt explodiert, zehn Liter Gulaschsuppe aus der Dose, eine Dart-Scheibe, die Gang zieht los, rechts und links wird Wien zerbombt, so ein Silvester habe ich noch nie erlebt, wie wir schnurstracks die Allee entlang gehen, bis hin zur Brücke, auf der wir stehen bleiben, Sekt trinken, uns manchmal umarmen und der Große plötzlich völlig durchdreht und einen Einbruch verlangt, während ich große Angst vor der zwei Meter hohen Mauer habe, auf die er mich hievt und meine Gedanken ungefähr so sind: LASST MICH UM GOTTES WILLEN ZURÜCK, während der Große mich schon packt, auf der anderen Seite wieder herunterhebt und wir schon direkt eingebrochen sind in den Schlosspark SCHÖNBRUNN, in dem die Mutigsten von uns (was der Große ist) bereits in einen sehr kalten Teich reinhüpfen (was Johanna und ich sehr gefährlich finden), Johanna und ich in einer Art Gebäude abhängen und einer ununterbrochen schreit, dass ich verlobt mit jemandem bin, mit dessen Idealvorlage ich am Telefon bespreche, dass wir ungefähr zwei Stunden in diesem Park verbringen, in denen ich jede einzelne Sekunde lang Angst habe, dass uns die Parkwache findet, die einfach nicht müde wird, am Silvesterabend in komischen Gefährten durch diesen Park zu fahren und dann rastet der Große schon wieder aus und wir müssen fliehen – erst in ein Taxi, was kompliziert ist, weil einer schön längst kotzt und der Taxifahrer deswegen nicht besonders angetan ist von unserer Beförderung, was man daran merkt, dass er uns irgendwo rausschmeißt – HINAUSSCHMEISST, wie der Große sagt –, bis wir plötzlich in einer Bar stehen, was heißt stehen, Johanna steht auf dem Dancefloor und ich liege in einem Strandkorb am Schaufenster, während ich reges Treiben auf den Wiener Straßen beobachte: Etliche in glitzernde Gewänder gehüllte narrische Wiener, die auf und ablaufen, sich manchmal etwas zuschreien, schaue ich so lange an, bis klar ist, wie spät es ist, in dieser Nacht und diesem Jahr, nämlich fünf Uhr morgens und das heißt für uns, dass die Power aus ist und wir sofort und ohne Umwege uns unsere Taschen über die Schultern werfen und in eiliger Geschwindigkeit in den 16.ten Bezirk fahren, wo wir in einer fremden Wohnung wohnen, deren Schlüssel wir – wie wir bei der Ankunft bemerken, irgendwo in dieser Nacht verloren haben müssen, das denken wir uns, Johanna und ich, und dann beginnt der Abend rückwärts, weil wir also wieder in die Bar gehen und die Strandkörbe sind an die Wand gelehnt und traurige Menschen putzen noch ein bisschen den Boden, bis für sie endlich auch das neue Jahr anfängt, und zum Glück dürfen wir noch ein bisschen suchen, ein paar Ecken abklappern, aber nichts, in dieser Bar ist nichts verloren gegangen und wir also wieder zum Standort der Gulaschsuppe, bei Roland nämlich, auf Teufel komm raus klopfen wir gegen die Pforten von Rolands Haus und schließlich und zum Glück öffnet er uns und nirgendwo ist unser Schlüssel, nur eine verschreckte Katze unter dem Sofa und in dieser Sekunde treffen uns wahrlich viele Fragen direkt ins Gesicht: Wieso Roland heimlich von der zwei Meter hohen Mauer gefallen ist zum Beispiel, wieso er sich zum dritten Mal seine Gräte gebrochen hat, wieso er wahrscheinlich einen Rippenbruch erleidet und wieso wir keine Zahnbürste dabei haben, wieso es noch immer dunkel ist, wieso wir jetzt erst mal und nichtsdestotrotz ein paar Stunden Schlaf im neuen Jahr brauchen, die wir auf der Couch verbringen, bis nur wieder der Morgen anbricht, bis wir nur wieder dem Schlüssel hinterherjagen müssen, der zu einer Wohnung führt, die einer Freundin gehört, der wir nichts sagen können, weil sie nicht da ist, und der wir nichts sagen wollen, weil sie nicht da ist, und deren Vermieter wir auch nicht kennen und deswegen also packen Johanna und ich uns warm ein und schreiten im vollständig ruinierten Wien dem Schlosspark entgegen, auf dass er unsere letzte Hoffnung sei in dieser Situation und natürlich regnet es auch noch auf unsere traurigen Gemüter und Johanna trägt nichts und deswegen meinen kleinen Laptop, während wir erkennen, dass wir gar nicht mehr über die mindestens zwei Meter hohe Mauer steigen müssen, weil keine Mauer mehr da ist, gar nichts ist mehr da, außer die Knaller, die am Boden liegen und der Rauch von der Würstelbude nebenan, die dampft, als hätte sie einer angezündet und mit diesem Würstchendampfgeruch gehen wir also zu auf unser Schicksal, die letzte Station unserer Hoffnung, und durchschreiten die jetzt geöffnete Pforte, die wir in der letzten Nacht nur durch die Hilfe des Großen überwinden konnten, und während ich schon dem Parkwächter in die Augen stiere und sage, tut mir leid, leider habe ich hier meinen Ohrring verloren, während er uns dazu befragen will, wieso wir nicht wie alle normalen Besucher dieses Parks auch die normalen Wege dieses Parks benutzen können, sage ich in Gedanken, entschuldigen Sie bitte, ich habe meinen Ohrring verloren, während Johanna sagt, also, wir sind gestern über die Mauer gestiegen und dabei haben wir nur vielleicht einen Schlüssel hier verloren, und dabei zieht der Parkwächter schon sein gesamtes Gesicht, fast seinen gesamten Körper, in eine einzige Falte, die uns mit Verhaftung strafen will bis an unser Lebensende, bis er weggeht und ich mir schon denken kann, wie er mit seiner verfaltigten Hand und gerunzelten, in die Höhe gezogenen Augenbrauen jetzt jemanden anruft, um dem zu sagen, bitte, verhaften Sie diese Weiber!, sehe ich nur aus dem Augenwinkel wie Johanna meine winzige Laptoptasche gegen einen sehr dünnen Baum wirft, und ich denke mir noch, toll, auch das noch, jetzt ist Johanna, mit der ich mir den Rest meines Lebens die Zelle teilen werde, verrückt geworden und schmeißt meinen Laptop eben gegen diesen sehr dünnen Baum und als ob das nicht genug wäre, trifft sie auch noch, und dann schreit sie, und ich sehe schon keinen Wald mehr, keinen Park, nur noch uns beide, wie wir, in Handschellen, auf die Straße rauskatapultiert werden und in sehr trauriges, aber gut aufgeräumtes Gefängnis abgeführt werden und absolut in dieser Sekunde, die die Sekunde dem Nervenzusammenbruchs meinerseits ist, hat Johanna den Schlüssel unter ein bisschen Laub gefunden und daneben fünf Euro in einzelnen Münzstücken und wir umarmen uns, als ob es das größte Fest wäre, was wir je gefeiert haben, und es regnet beständig auf unsere kleinen, freudigen Köpfe mit einem eigenständigen Nieselregen, und dann packe ich die fünf Euro und Johanna packt den Laptop, der immer noch neben dem sehr dünnen Baum liegt, und wie zum Abschied und bestimmt auch wie einst Sisi verlassen wir den Schlosspark SCHÖNBRUNN, nicht ohne dem Wärter noch einmal die mickrige Hand zum Gruß hochzuwinken, der nur verdutzt schaut über unsere jetzt friedvollen Gesichter, und dann gehen Johanna und ich zur Würstelbude, die ganz Wien volldampft, und wählen eine normale Wurst und einen normalen Toast und einen normalen Ketchup und dann essen wir diese Würstel mitten im völlig zerstörten Wien und alles ist normal.

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ZUM THEMA: GERUCH / GESTANK

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Wöchentlich erscheinen zwei Beiträge zu einem Thema, auch Gastautoren sind gerne gesehen. In dieser Ausgabe lautet das Thema: GERUCH/GESTANK

KATEGORIE A: ANDREAS THAMM ÜBER GERUCH

Es ist weniger lange her, als ich es gern hätte, dass ich noch mit heiligem Ernst Gedichte schrieb, mit Sprache und Verdichtung und so, schreckliches Zeug. Heute ist mir das zu blöd und ich möchte niemand etwas vormachen, das heißt, ich will mir selbst nix vormachen. Solange ich es vermag einer Jury etwas vorzumachen, ist alles okay. Ich will davon ausgehen, dass das die meisten Lyriker, die keine Pfauen sind, heutzutage so handhaben. Aber manchmal funkt etwas in meinem Gehirn und es brizzelt und dann fällt mir das mit dem Geruch von Neuwagen ein, der über der Stadt schwebt oder hängt, oder so. Das war ein Vers. Hab ich selbst gemacht. Und das war stark. So stark, dass ich da manchmal dran denken muss, Geruch von Neuwagen, über der Stadt, Wahnsinnszeug. Vielleicht hat das aber auch nur mit meiner persönlichen Vorliebe zu tun. Am besten ist immer, wenn Papa ein neues Auto hat. Das war sogar schon immer am besten. Das Zwickauer Unternehmen „Reima“ packt den Duft der flüchtigen organischen Verbindungen, die aus verbauten Materialien verdampfen“ seit 2000 erfolgreich in Dosen. Neuwagenduft für daheim und jede Gelegenheit, für olle Gebrauchtwagen und untern Arm. Dabei ist dieser Neuwagenduft sozusagen nur ein Nebenprodukt der Automobilherstellung und vom Hersteller im Regelfall gar nicht erwünscht. Der Kunde freut sich im Regelfall trotzdem ein Auto zu erstehen, dass neu riecht und er freut sich jedes Mal festzustellen, dass er noch immer nicht gewichen ist, der Neuwagenduft. Wenn ich Psychologe wäre, würde ich die Theorie aufstellen, dass es nicht der Geruch an sich ist, der ein positives Gefühl auslöst, sondern seine Verknüpfung mit der Investition in etwas Hochwertiges. Ich selbst schnuppere noch manchmal an der Tastatur meines Laptops, beseelt von der stupiden Hoffnung, der Geruch von Neulaptop sei zurückgekehrt. Ist er aber nicht. Zwischen den Buchstaben türmen sich Essensreste. Vielleicht schreibe ich mal ein Gedicht darüber, wahrscheinlich aber nicht.

KATEGORIE B: JULI ZUCKER ÜBER: GESTANK

Gestank ist immer meine Oma, die in der Waschküche sitzt und ihre Taube rupft. Ein orangener Eimer, der neben ihren stattlichen Waden steht, ein alter Holzstuhl und ihre kleinen, runzligen Hände, die kurz zuvor der Taube einen Holzscheit auf den Schädel geschlagen haben. Meine Oma, wie sie die Taube in die Waschküche trägt, meine Oma, wie sie das Köpfchen der Taube an ihre rotgesprenkelte Schürze drückt, meine Oma, wie sie sich setzt, die Ärmel nach hinten krempelt, die Taube auf ihrem dicken Bauch ablegt und zu rupfen beginnt. Die Hände meiner Oma, die eine Feder nach der anderen aus der Taube reißen, meine Oma, die dabei etwas erzählt, meine Oma, die die Taube überprüft, meine Oma, die mit ihrem Finger über die nackten, freiliegenden Poren dieser Taube fährt. So ungefähr: Meine Oma hebt die Taube gegen die Lampe und überprüft mit ihren phantastisch blauen Augen, ob man sie jetzt in Ruhe einfrieren kann. Meine Oma, die die Taube wieder aus dem Gefrierschrank nimmt und etwas mit ihr macht. Ich bin zwischen sechs und zehn, zwischen einem Meter und eins zwanzig, die Taube liegt in der Soße und hier lerne ich Gestank.

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stefan mesch

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