Schlagwort-Archive: Literatur

Identitätsroman mit Oma: Andreas von Flotow – Tage zwischen Gestern und Heute

Ein Junge hat eine berühmte Mutter. Sie verdient ihr Geld mit ihrem Gesang und gutes Geld anscheinend, schließlich gibt es so etwas wie ein Kindermädchen, Helen. Man lebt, versteht sich, in New York, während der Vater in Frankreich am Mittelmeer wohnt, deutschsprachige Bücher liest, und dann von seiner Familie Besuch bekommt, wenn die Mutter gerade auf Europatournee ist. Ein Vater, der Bücher schickt, ein seltsamer Junge, der die Bücher verschlingt, eine liebevolle Ersatzmutter, im Hintergrund droht die böse Oma. Die findet Bücher blöd.

Andreas von Flotow will uns weismachen, da säße einer im Jahr 2031 und versucht, sich an jetzt zu erinnern, an eine anekdotisch zerstückelte Kindheit, das Verhältnis zu Mama und Papa, von Helen Schwedisch lernen, Leseerfahrungen, Streit mit Tante Eve, das ist die Oma. Von Flotow reflektiert das Erinnern als Arbeit, die nicht immer gelingt, die an Grenzen stößt und für den Romancier nicht ausreichend kontrollierbar erscheint. Hinzu kommt die Erfahrung der eigenen Fremdheit: „Was habe ich überhaupt den ganzen Tag gemacht, als ich fünf, acht oder neun Jahre alt war?“

Das ist die Basis dieses kurzen Romans, „Tage zwischen Gestern und Heute“, der Versuch der realitätsnahen Überführung von Gedächtnis in Literatur, ohne dass dabei der Charakter der Erinnerung verloren ginge: Sie ist nichts vollständiges, sie gehorcht nicht: „Ich sitze im Wohnzimmer auf einem flauschigen, hellen Teppich, den mein Vater aus Frankreich mitgebracht hatte. Es gibt nichts, was ich anfassen, wonach ich greifen könnte. Aufstehen kann ich noch nicht. Das ist ein Moment, den ich so oder so ähnlich in dieser Wohnung erlebt haben muss.“ Sprachliche Unsicherheit ist die Voraussetzung dieser Form des Erzählens, der Autor räumt die Unausweichlichkeit seines Scheiterns ein, wenn er versucht Exemplarisches zu filtern.

Und unsicher ist auch das Kind, unsicher bis verschroben stakst es durch die Welt, die es – aber das mag genauso der Erinnerung geschuldet sein – wie aus einem dickwandigen Glaskasten heraus wahrnimmt, mit Ohropax in den Ohren. Eines Tages kommt der Onkel, Bruder der Mutter, vorbei und liefert einen Erzählanlass: Er schießt. Die Kugel gilt der Mutter, trifft und tötet den Vater und versetzt die berühmte Sängerin in einen „lebensbedrohlichen Schock“, dem sie nach fünfjährigem, stummen Siechtum im Krankenhaus erliegt.

Um den Anschlag und seine äußeren und inneren Folgen kreist der Roman. Wer bin ich geworden? Das ist eine Frage, die ein Buch erstmal unter Verdacht stellt. Das könnte sentimental werden, weinerlich, klischeebehaftet. Und tatsächlich gibt es diese Momente, da der Ich-Erzähler von „ungewohnter Traurigkeit überwältigt“ wird, eine Behauptung, die der Leser aufgetischt bekommt, wie eine wahnsinnig bittere und absolut wirkungslose Medizin. Die Rettung für von Flotow ist die Konstruktion, die Spürbewegung, der forschende Ansatz der Entwicklung der diversen Traumata und Neurosen gegenüber.

flotowDer Junge muss zur Oma, der alten Krähe, verliebt sich in Stille und Bücher, legt Zettel an, auf denen er Zitate festhält oder einfach nur Namen von Autoren, natürlich darf Luhmann nicht fehlen, in diesem aufgezurrten Referenzrahmen. Die intellektuelle Herangehensweise an die Welt soll Sicherheit, mithin Wahrheit herstellen. Irgendwann greift der Junge zum Telefon und nimmt einen Satz auf, der in ihm anschwillt: „Ich hasse meine Mutter.“ Das ist aufregend, für ihn. Und interessant für den Leser. Die Erfahrung des Anschlags und der Umgang mit der komatösen Mutter im Krankenhaus ist für das Bürschchen nicht bewältigen.

Diese Wahrheit findet ihren ehrlichsten Ausdruck, wenn der Autor die Einfachheit dem ewigen Ringen mit der Produktion des Buches vorzieht. Die Banalität, nicht der literaturhistorische oder reflexive Horizont, ist letztlich der Schlüssel zur Person-Werdung des Ich: „Bei aller Routine war ich ein bisschen stolz darauf, dass ich meine Mutter im Krankenhaus besuchen konnte. So hatte ich immer etwas Wichtiges zu erledigen. In der ersten Zeit wurde ich von den Mitarbeitern der Klinik über alle Maßen dafür gelobt, dass ich täglich kam.“

Was unterm Strich dabei herausspringt, ist ein ungewöhnlicher Roman, vielleicht tatsächlich eher eine Novelle. Von Flotow baut ein Gerüst aus literarischer Konstruktion und personeller Konstellation und lässt darunter wie ein Forscher über der Petrischale eine Figur entstehen. Es wirkt wie eine Wenn-Dann-Versuchsanordnung: Diese Voraussetzungen sind gegeben, diese Ereignisse treten ein, es verstreichen fünfzehn Jahre – was finden wir vor und was für eine Erzählung gibt das, in welcher Verfassung befindet sich mein Protagonist?

Er ist, um das noch zu sagen, ein ganz normaler Neurotiker. Vielleicht ist es die emotionale Abkapselung, die ein Zugrundgehen des Ich verhütet. In seinen Neurosen trifft von Flotow die Figur aber tatsächlich am präzisesten: „Mein Körper machte, was er wollte, ebenso mein Kopf. Ich konnte es nicht lassen, alles was ich tat, […], zu kommentieren. Ich sagte mir: Jetzt gucke ich aus dem Fenster, da steht die Platane, ich bin müde, leg dich ins Bett, du liegst schon wieder im Bett und kannst nicht schlafen, gleich kommt jemand – siehst du, jetzt weißt du nicht, was du sagen sollst.“

Dass bei einer Länge von etwas über 150 Seiten einiges verloren geht, dass vieles unerzählt bleibt, oder bleiben soll, ist klar. Wenn’s nach mir ginge, wär es dennoch kein längeres, sondern ein kürzeres Buch geworden. Zu oft schiebt von Flotow eine Reflexionsebene vor den Eindruck, die nur die Funktion zu haben scheint, eine und noch eine und noch eine Entschuldigung unterzubringen: „Heute kommt es mir gelegentlich naiv vor, dass ich über all das schreibe, obwohl ich meine damaligen Gefühle nur in einer unzulänglichen Sprache ausdrücken kann.“ Das wirkt eher feige als elegant und muss einfach nicht sein. Ein bisschen mehr Mut zur Kargheit hätte diesem Identitätsroman gut getan.

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , ,

Der Wust palavernder Stimmen: Clemens Meyer – Im Stein

Man kann nicht unvorbelastet an ein zu rezensierendes Buch herantreten. Man kennt den Autor oder hat von ihm gehört, man findet das Cover schick oder grässlich, man hat den Titel gelesen und den Klappentext. Im Fall von Clemens Meyer bin ich in besonderem Maße vorbelastet. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als habe ich „Als wir träumten“ und „Die Stadt, die Lichter“ zum richtigen Zeitpunkt gelesen: Aus der obligatorischen Bukowski-Phase kommend und ausgestattet mit der Empfänglichkeit für Meyers Versuche einer ehrlichen Prekariats-Romantik. Aber ungeachtet meines Zustandes: „Als wir träumten“ ist ein großer Roman, eine der stärksten langen, deutschsprachigen Erzählungen, die mir bekannt ist.

Ich wollte „Im Stein“ nicht wegen der Longlist des Deutschen Buchpreises lesen oder wegen der Beurteilung einer Relevanz innerhalb des Betriebs und der Welt. Ich wollte „Im Stein“ für das eigene, subjektive Lesevergnügen, das „Als wir träumten“ mir noch beschert hatte, lesen, sonst nichts. Und darum fühle ich mich betrogen.

Dass auf dem Buchrücken von einem „vielstimmigen Gesang der Nacht“ die Rede ist, hätte argwöhnisch machen können. Aber was sagenim stein schon Klappentexte. Tatsächlich handelt es sich bei der Anlage von „Im Stein“ um ein ambitioniertes Projekt. Meyer versucht sich an der Illusion des Autors, der mit dem Mikrofon in der Hand durch die Halbwelt der Zuhälter und Prostituierten wandelt. So könnte man das etwas vereinfacht, ungeachtet der Multi-Perspektiven, ausdrücken. Im Grunde ist es das: Der Wust palavernder Stimmen aus der Unterwelt. Meyer will hier, anders als zuvor, nicht erzählen, sondern weben, einen Teppich aus überlieferten Geschichten, der eine darunterliegende Wahrheit erkennen lässt. Ich finde: Clemens Meyer ist ein Erzähler.

„Im Stein“ aber ist keine große Erzählung, baut keine Bögen, etabliert kaum unverwechselbare Charaktere. Im Stile eines Auktionators führt Meyer seine Figuren vor, Arnie Kraushaar, der Bielefelder, Magda, die Engel, manche tauchen wieder auf andere nicht, alle sprechen, als habe jemand auf einen Knopf gedrückt, aber sie erzählen nicht, sie labern: „Das Wort Fotze habe ich als Schimpfwort nie benutzt, da habe ich viel zu viel Respekt vor Frauen. Aber zurück zum Thema: Sie haben doch keine Ahnung, überhaupt keine Ahnung. Ich kann Ihnen was erzählen, kann Ihnen jede Menge erzählen über Zuhälter passend zum Anlass …, kann Ihnen da viel erzählen, aber mein Beruf, oder sagen wir: das, was ich mache, mein Job, meine Profession? Nein. Und was soll das hier überhaupt darstellen?“ Es gibt in diesem Buch zu viele Zeilen, voll mit Wörtern, aber ohne Inhalt. „Im Stein“ hat 558 Seiten. Es sollten 200 sein, maximal, eingedampft, präzise, pointiert, die kontrollierte Nicht-Struktur in stabile Rahmung gebracht, das wäre schön.

Ein solches Buch, ein mühsames, zu lesen, ist eben immer auch eine Selbstbeobachtung. Ich offenbare mich mir selbst, nicht zum ersten Mal, als ein fauler Leser, wenig leidenschaftlich für den Berg, den Meyer mir zur Überwindung vorgesetzt hat. Ich will abgeholt werden. Ich kann nicht folgen. Ich bin nicht geeignet. Das heißt nicht, dass ich an anspruchsvoller Literatur grundsätzlich scheitere, bestimmt nicht, nur, dass es mir zuwider ist, mich durch ein Buch zu quälen, bei dem der Anspruch eben nur daraus zu bestehen scheint: Die Mühe, die mir gemacht wird, ein Selbstzweck, als müsste der Autor der Welt etwas beweisen. Sperrigkeit ist zu oft nur der Anschein von Qualität. Redundanz kann ein Mittel sein, aber bitte keines der Beweisführung ihrer selbst. Literatur soll nicht trivial sein, genauso wenig aber störrisch aus Prinzip.

Vor allem dann nicht, wenn das, was erzählt und angedeutet wird, so fürchterlich erwartbar und so ganz und gar nie überraschend ist. Der Lude Arnie studiert jetzt nebenbei BWL, okay, die Prostitution ist ein großes Geschäft, eine Erkenntnis, die 2013 schon nicht mehr schockierend sondern schon bieder ist. Ein ehemaliger Boxer tritt auf, sonst wär es ja kein Clemens Meyer. Wenn die Bewegung der Menschen durch die Stadt ein ungeordnetes Fließen ist und die Gesichter derselben weiße Masken wie aus Schnee, so handelt es sich nicht mehr um literarische Bilder, sondern schon um Floskeln.

Es ist Meyer anzurechnen, dass hier Sprache nachvollzogen wird. Dass Dynamiken der Erinnerung Einzug halten in den Text, dass die Nullaussagen der täglichen Kommunikation literarisiert werden sollen. Der atmosphärische Über-Eindruck, der dabei potenziell entstehen könnte, ist aber eine Illusion, solange die einzelnen Bestandteile, so sehr auf ihrer Banalität pochen. Das ist umso frustrierender, wenn man darüber nachzudenken beginnt, was der Erzähler Clemens Meyer aus dem vorliegenden Material tatsächlich hätte machen können. Die „Kanacken-Attacken“, die ewig im Hintergrund drohenden „Engel“, Erpressung, Geldnot, koksende Jockeys, Bahnhofskneipen – nichts wird erzählt, alles angedeutet.

Die wenigen Stellen, an denen das Buch etwas liefern kann – ein erzählendes Moment, eine Überraschung, so etwas wie Effektivität – findet man eher da, wo das Geschehen das ewige Klischeepalaver des Milieus verlässt. Hans Pieszeck, rechte Hand des Arnie Kraushaar, fährt ans Sterbebett des Vaters in die Heimat: „Und er wollte nicht aufs Grabe der Mutter blicken. Direkt neben dem Loch in der Erde. Seit fast zwanzig Jahren schickte er Blumen auf ihr Grab. Vorhin hatte er Tannenzweige unterm Schnee gesehen. Wie haben sie nur das Loch in diese steinharte Erde bekommen? Mit einem kleinen Bagger wahrscheinlich.“

Da flackert die Literatur, die mich befriedigt hätte, schlaglichthaft auf. Und wird verschluckt von öden Sprachmühlen. „Im Stein“ sollte eben kein Buch werden, das meine primären Entertainmentbedürfnisse befriedigt. Es sollte experimentell sein, im Weitesten, ein ehrlicher Brocken zum Niederringen. Darüber ist es – und das hätte nicht sein müssen –  langweilig geworden; und ein bisschen egal.

  

Getaggt mit , , , , , , , ,

Das harte Brot des Rezensenten

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

Meyer: In Stein, irgendwann hier.

Getaggt mit , , , ,

„Wir finden im Derm immer nur uns selbst. Komisch, dass dann allemal die Freude groß ist und wir den Autor zum Genie erklären.“

Thomas Mann über den Derm,
Sommer 1923.

Getaggt mit , , ,
Advertisements
SchöneSeiten

www.schoeneseiten.net | Blog für Gegenwartsliteratur

Leo's Literarische Landkarten

Geographie in Texten und Liedern.

stefan mesch

Literature. TV. Journalism.

new location: visit blog.kreativsaison.de

new location: visit blog.kreativsaison.de

The Daily Frown

Das Magazin für Musik Literatur Alltag