Schlagwort-Archive: Mecklenburg-Vorpommern

Jetztzeit

Für den Hildesheimer Student und Ironman, Urs Humpenöder, heißt Urlaub machen Fahrradfahren und: Tanzen, tanzen, tanzen. Ein Gastbeitrag.

Heute ist Samstag. Heute  ist das Seebrücken-Fest in Boltenhagen. Die Seebrücke gibt es seit 1992 und sie ist 290 Meter lang. Am Festabend ist sie aber geschlossen, denn die Pyrotechniker installieren Feuerwerkskörper und ein DJ stellt seine Lautsprecherboxen auf. Die Kurverwaltung Boltenhagen hat auch eine Band engagiert. Die Sängerin der Band steht barfuß auf der Bühne des Ostseebads, das seit 1803 dort steht. Sie hat stämmige Waden, trägt einen Kunstlederrock von C&A und einen dazu passenden Gürtel. Sie singt Coverversionen bekannter Lieder, von den 1970er-Jahren bis heute, von Abba bis Bruno Mars. Ihre Band kommt aus Berlin. Der zweite Sänger ist ein sehr dünner, hyperaktiver Stimmungsmacher. Er feuert die Leute an, bringt sie dazu, die Texte mitzusingen. Vielleicht hat er früher im „Bierkönig“ auf Mallorca sein Geld verdient. urs2 Als die Band das Lied „Nossa“ spielen will, bittet der Dünne alle Kinder auf die Bühne. Die Kleinen sind begeistert und stürmen hoch. Auf der Bühne bildet sich eine lange Reihe von Kindern, die verschüchtert, aufgeregt und stolz ins Publikum zu ihren Eltern schauen. Die Eltern fotografieren mit ihren Handys und Kameras ihre eigenen Kinder, während die Sängerin den Refrain von „Nossa“ anstimmt und die Kinder kollektiv mitsingen. Die Eltern freuen sich und die Kinder klatschen in die Hände. Es ist Urlaub in Deutschland. Die deutschen Urlauber, die im eigenen Land ihre Ferien verbringen, haben gute Laune. Die Sonne ist an der Ostsee schon untergegangen und die Eltern kaufen ihren Kindern buntleuchtende Ventilatoren und Lichtschwerter. Es sieht aus, als würden hundert kleine Jedi-Ritter in die Schlacht ziehen, begleitet von hundert Jedi-Ritterinnen, die ihnen mit ihren Ventilatoren Erfrischung bringen.  Manche Väter haben ihre Kinder auf die Schulter genommen und wippen im Takt in ihren Turnschuhen. Einige tragen auch Sandalen. Mitten in die Menge fährt eine alte Frau mit ihrem elektrischen Rollstuhl. Sie fällt auf, weil ihr Rollstuhl Orange blinkt, nicht neonfarben wie die Lichtschwerter der Kinder. Die Frau kann ihr Gefährt nur noch mit dem Mund steuern. Die Menschen, die die Musik der Coverband gut finden, gehen schnell einen Schritt zur Seite, dass die Frau durchfahren kann. Auf dem Tacho ihres Rollstuhls steht 1,1 km/h.

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Beim Müritz-Nationalpark handelt es sich um den größten Nationalpark auf der Landfläche der Bundesrepublik Deutschland

Wir entscheiden uns für den Weg mit dem Pilzsymbol. Es handelt sich um einen Rundweg von etwa sechs Kilometern Länge, er führt uns durch Kiefernwäldchen, an mannshohen Disteln vorbei, durch Schwärme von Schmetterlingen und in Richtung des Müritzufers. Die Müritz ist das Ziel. Weil wir nicht ans Meer gefahren sind, sondern an die Seenplatte, muss die Müritz als Ersatzmeer herhalten. Es scheint, als brauche man pro Urlaub mindestens ein Großgewässer. Das erste Mal erblicken wir die Müritz durch das glaslose Fenster einer Hütte. Die Hütte soll uns dabei behilflich sein die Fisch- und See- und Schreiadler zu beobachten, die sich hier tummeln. Diverse Radfahrerinnen in synthetisch glänzenden Outfits knabbern hier Gehaltvolles. Keine Vögel zu sehen. Stattdessen Windsurfer, die ein wenig lethargisch auf dieser unüberblickbaren Suppe schaukeln. Wir setzen den Weg fort. Wir haben uns für den Weg mit dem Pilzsymbol entschieden, aber keine Pilze gefunden, es ist ein recht kurzer Weg, angenehm kurz. Wir halten Ausschau nach einer Badestelle. Das Wort „Müritz“ heißt „kleines Meer“. Unweit eines Campingplatzes zweigt ein Pfad in Richtung Ufer ab. Zwei Männer sitzen auf Klappstühlen, der ältere zeigt dem jüngeren Dinge auf seinem Smartphone. Ein Rentner weist uns den Rücken und einen kalkweißen Hintern zu. Er stolpert in seine Unterhose zurück. Es ist etwas kühl, wir breiten die Handtücher aus. Eine Rentnerin geht durch das Wasser. Es reicht ihr gerade bis zu den Oberschenkeln. Sie hat die Arme um den Körper geschlungen, um ihre Brüste zu verdecken. Darunter wellt sich bräunliches Fleisch wie das Allgäu. Ich bekomme das bekannte Gefühl, penetrantes Wegschauen sei so unnatürlich und deshalb erst recht auffällig. Wir beschließen, die Badeklamotten anzubehalten und wagen uns ins Wasser. Es ist nicht zu kalt. Wir versuchen, nicht zum Ufer zurückzuschauen, während wir uns gehend davon wegbewegen. Manchmal glaubt man, jetzt werde der See endlich tief, dann folgt eine Erhebung. Die nackten Senioren sind kaum noch zu erkennen, das Wasser reicht uns bis zu den Knien. Ein Motorboot liegt hier vor Anker. Ein älterer Herr spielt mit seinem Enkel Ball. Der Enkel trägt eine Badehose. Manchmal tritt man auf etwas Glitschiges. Wenn man versucht zu schwimmen, schlägt man mit den Knien am Boden auf. Uns haben andere Seen der Gegend besser gefallen.

Das folgende Bild zeigt weder Radfahrerinnen noch nackte Rentner, sondern einen sehr bedrohlichen Schwan. Ich habe während dieser Reise meinen Schwanenphobie wiederentdeckt.

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Der letzte Großherzog des Landesteils Mecklenburg-Strelitz, Adolf Friedrich VI, nahm sich das Leben und liegt deshalb auf der Liebesinsel in Mirow und nicht etwa in der Fürstengruft

Es gibt Sportler auf dem Campingplatz und Menschen mit Kindern. Die Sportler sind entweder Radfahrer oder Kanuten, meistens beides. Alle sind Tischtennisspieler. Auch Kinder sind in den meisten Fällen Sportler, wenn man das, was sie betreiben als Sport bezeichnen kann und nicht etwa nur als Umfallen bezeichnen muss. Am Abend sitzt man in Gruppen am Ufer des Mirower Sees. Die Erwachsenen grillen auf einer bühnenartigen Holzplattform, während die Kinder den größten Teil ihrer Zeit dem sogenannten Rennen widmen. Kinder auf Campingplätzen sind in neunundneunzig Prozent der Fälle hellblond. Der hellblonde Junge, der auf dem Felsbrocken steht, trägt eine kreisrunde Brille und das dazu passende Harry-Potter-T-Shirt. Der Junge tanzt auf dem Felsbrocken am Strand des Mirower Sees. Er singt ein Lied, das er sich während des Singens ausdenkt, was eine lyrische Unterkomplexität zur Folge hat. Der Text lautet in etwa folgendermaßen: „Ich hab den Stein erobert. Ich hab den Stein erobert. Cha Cha Cha. Ich hab den Stein erobert.“ Zwei weitere Jungen in seinem Alter zirkulieren wie Trabanten um den Jungen auf dem Felsbrocken. Sie versuchen ihm seine Position streitig zu machen. Ihre Gemüter sind erhitzt, sie kichern aufgeregt. Sie ignorieren die Rufe ihrer Eltern, die ihnen eine Wurst gegrillt haben. Der Junge auf dem Stein komponiert einen Mash-Up aus seinen Stein-erobert-Hit und dem Lila-Wolken-Song. Cha Cha Cha. Wenn einer der anderen beiden Jungs einen Angriff auf den Stein versucht, tritt Harry Potter ihm ins Gesicht. Er trägt Sandalen. Wenn die Eroberer das Ausmaß der Gewalt in Frage stellen, wiederholt Harry Potter ihre Worte mit verstellter Stimme. Nebenan spielen „Right Said Fred“ Tischtennis. Das ist wirklich wahr. Es handelt sich um zwei gutgebaute Männer mittleren Alters, beide dezent tätoowiert, beide absolut haarlos auf dem Schädel. Sie spielen jeden Abend und sehr gut. Unweigerlich geht man davon aus, dass sie entweder Brüder sind oder homosexuell. Und so vergeht der Abend.

Am Mirower See, Mecklenburgische Kleinseenplatte

Zu Gast hier:

http://www.kanustation.de/index.php?id=boote und hier

http://www.plaetlinseecamp.nord-netz.de/

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Wie ich die Königin von Mecklenburg-Vorpommern wurde. Eine Pressereise.

Wenn man von völlig fremden Menschen eine Kürbissuppe mit winzigen Garnelen serviert bekommt, weiß man zwei Dinge: Erstens, dass man in Meernähe ist. Das erkennt man am Geschmack der Garnelen, von denen ich eine sehr große Bewunderin bin und deren Herkunft ich dementsprechend genau unterscheiden kann. Und zweitens, dass die Menschen, mit denen man soeben in Kontakt getreten ist, sehr nett sbaltiein müssen. Ich, als Verfechterin von Kontaktverweigerung, bin in diesen Tagen in Mecklenburg-Vorpommern zur Königin geworden. Meine Geschichte lautet folgendermaßen:

Wir sind in den Zug gestiegen, ich habe sämtliche Reden von Cicero übersetzt und dem Personal bei der Fahrkartenkontrolle vorgetragen, plötzlich waren wir in Mecklenburg-Vorpommern. Was wollt ihr, ihr Ganoven, habe ich gesagt, als uns die mit dem pinken Hut zur Begrüßung eine soeben gezupfte, winzige Blume hingehalten hat. Herzlich Willkommen, sagt sie. Mir fährt ein eiskalter Schauer über den Rücken: Die Würfel sind gefallen. So, meine Freunde, habe ich gesagt und zum Gruß die Hand erhoben, wir sind hier also alle zusammengekommen, um den Leib Mecklenburg-Vorpommerns zu kosten! Mir schlottern die Knie bei diesem Satz. Eine Dänin, eine Italienerin, ein Spanier, eine Österreicherin und mein Reisekumpan Andreas starren mich an, als hätte ich ihnen einen gewaltigen Bären aufgebunden. Doch ohne Wahl sind wir losgezogen, rein in die wilde Natur, immer der Nase nach, wie mein Großvater schon sagte, durch das Filmbüro in Wismar, durch Paetrick Schmidts Galerie und schließlich auf den Marktplatz von Wismar. Ich hänge mich bei meinem Reisekumpan Andreas ein, um besser flanieren zu können, nehme eine tiefe Prise der Stadtluft, bis wir einen äußert dicken Mann entdecken, der einen Laib Käse an einen anderen Ort trägt. Sobald er uns gesehen hat, schreit er uns entgegen: Lecker, lecker!, laut und mit besonderer Betonung auf dem E. Ein Schreck fährt uns in die Glieder: Los!, wir fliehen nach Neubukow.

Der Bürgermeister von Neubukow begrüßt mich mit einem Blumenstrauß. Oh, sage ich verwundert, sie haben schon gehört, dass ich zugegen bin? Natürlich, meine Teuerste!, antwortet er, wir flanieren durch sein kleines Örtchen, es ist warm, oft tropfen Schweißperlen von seiner Stirn auf das Hemd. Mein Guter, sage ich und beiße in mein Kassler, das mir soeben eine fröhlich anmutende Kellnerin auf die Sonnenterrasse serviert, ich sehe, Sie haben sich hier gut eingelebt. Draußen, vor dem Restaurant, sitzt einer seit zehn Jahren und hält die Deutschlandflagge in den Wind. Jeden Tag, sagt der Bürgermeister, kommt er her und wird wütend, wenn man ihn nicht grüßt! Carpe diem, beruhige dich, mein Guter, sage ich noch, er nutzt eben die Mamortreppe anders. Der Bürgermeister lacht, geleitet mich und mein Team durch die Ortschaft, wir lernen viel. Ein Spektakel dieser Stadt sind die Forellen, wie mir jemand erklärt, man könne drei Wochen lang beobachten, wie sie flussaufwärts springen. Auch bei Fisch überkommt mich das kalte Grauen, schnell schreie ich mein Team an: Los, Flucht!, alle sammeln sich, ich zücke den Hut zum Abschied und winke dem Bürgermeister noch einmal kurz zu, dann besuchen wir die Alte Büdnerei.

Emil, mein kleiner fünfjähriger Genosse, klopft mir auf das Knie und erzählt, sein Huhn, Sofia, habe heute zwei Eier gelegt. Bist du dir denn sicher, Emil, dass das Huhn dir gehört? Ich denke, hier gibt es viele Hühner und du machst hier nur Urlaub! Um es dem Kind zu erklären, verwende ich eine einfache Sprache und betone meine Worte klar, spreche langsam. Die Österreicherin entspannt sich, die Dänin und die Italienerin machen etwas mit Action, der Spanier fotografiert und filmt wie ein Verrücktgewordener, mein Reisekumpan Andreas und ich gönnen uns auf der Wiese die erste Zigarre des Tages. Schön hier, sagt er, er habe sich immer vorstellen können, hier zu wohnen. Manchmal, hauptsächlich an Samstagen, gönne er sich einen kleinen Ausritt hierhin, aber wenn er hier sei, gefallen ihm doch die Berge immer besser. Mein Guter!, sage ich wieder während wir die Landschaft, die Wiesen, die Pferde überblicken, de omnibus dubitandum!, und Reisekumpan Andreas schmeißt – ganz ergriffen von unserer Situation – seinen Cowboyhut auf den Boden, nickt und nimmt einen tiefen Zug von der Zigarre. Nach einem Schluck Whisky breitet sich ein wohliges Gefühl in unseren Bäuchen aus, die Füße legen wir auf den Tisch.

Reisegruppe

Schon am nächsten Tag werden wir mit einer Kutsche in die Hotelresidenz geführt. Nach einer kurzen Entspannungspause am Meer besichtigen wir schließlich unsere Zimmer. Angenehm, sage ich noch, dann entblöße ich mich und werfe mir den extra für mich angefertigten Bademantel über, bevor ich den extra für mich angefertigten Willkommensbrief studiere. Hätten Sie das nicht auf Latein schreiben können?, brülle ich vor Wut in den Telefonhörer. Die Rezeptionistin entschuldigt sich, sie habe ja nicht ahnen können, welche Sprache ich bevorzuge, es würde aber gleich jemand eingeflogen werden, der diesen Brief dann übersetzt und mir persönlich aushändigt. Mutatis mutandis, nach den notwendigen Änderungen, schreie ich in den Hörer, dann knalle ich ihn dahin, wo er hingehört. Kurz danach überfällt mich der blanke Wahnsinn. Kokos will ich!, rufe ich durch den Raum, Kokos und eine Krone! Wieso sich für etwas Besseres aufsparen, sage ich noch, und schiebe mir einen Schokoladenball nach dem anderen in den Mund. Eine kleine Träne tropft mir aufs Knie. Drachenfrucht, Kiwi, Banane, alles einerlei, wenn ihr es so schön herschneidet im Upstalsboom. Mit der Schokolade im Mund trete ich auf den Balkon – vivat, crescat, floreat –, ich sehe Kühlungsborn, das Meer und die Leute auf dem Balkon unter mir und wie aus Übermut strecke ich die Arme in die Gegend, die Königin von Kühlungsborn, heute siezt ihr mich, ihr Kleinen. He, schreit noch einer von unten herauf als Beschwerde, aber ich bin im Raum, ich reiße das Plastik von meinem Bademantel, dann auch meine Mantel vom Leibe, königlich bin ich, und es ist Zeit für den Wellnessbereich.

Man dürfe die Hände nicht auf das Holz in der Sauna legen, ermahnt mich der Alte, und ich sage, meine Hände sind aus Gold, ich darf sie hinlegen, wo ich will, du Scharlatan! Er erschrickt. Bevor sein runzliges Gesicht aus Scham auseinanderfällt, rennt er weg, aus dem Hotel hinaus, auf die Straße. Ich bleibe, kurz danach ist es zu warm. In vino veritas!, rufe ich meinen Gefährten zur Begrüßung im Frühstückssaal zu. Sie winken, auch sie sind erhaben. Einen Pancake tische ich auf, ein Rührei, drei Gläser voller Saft, voller Sekt, voller Champagner, der sich edel in meine Kehle zwingt. Kellner, rufe ich noch, vielleicht haben Sie ja noch etwas zum Nachtrinken? So schnell habe ich nie jemanden rennen sehen, nie einen Kellner und nie meinen Reisekumpanen Andreas, der zum Buffet sprintet.

Plötzlich überschwemmt mich die kalte Panik. Ich bitte dich, sage ich zu mir selbst, jetzt hast du dich aber überschätzt! Und noch während mir der Lachs im Gaumen hängt, trifft mich der erste Blick eines Wissenden wie ein Baseballschläger auf den Hinterkopf. He, Sie!, schreie ich den Alten an. Er beobachtet meinen Teller, meine Hände, sogar meinen Kaffee. Jetzt beginnt es zu pulsieren: He, Sie!, rufe ich, nun etwas kleinlauter, mein Reichtum schwindet, es ist bald Zeit, Upstalsboom zu verlassen, der Alte stiert mich an, er hat meine Blendung durchschaut. Der Alte wird an meinen Tisch kommen, er wird mich am Schopf packen und auf die Straße ziehen, wo die Reichen einer neben dem anderen stehen werden, den adligen Blick auf uns gerichtet, und der Alte wird mir mit seinem Golfschläger ordentlich eine überziehen. Wenn ich dich erwische, sagt allein sein Blick auf meinen Kaffee, prügle ich dir den erschlichenen Luxus rückwärts rein! Aber soweit ist es nicht für mich gekommen, rogo te!, ich bitte dich, sage ich mir selbst, dann verschlinge ich auch den letzten Happen Schinken, wer weiß, wann wir das nächste Mal essen. Dem Alten werfe ich eine Gabel auf die Hand.

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Im Zimmer angekommen beginnt meine Flucht. Ich stülpe mein elendes Gepäck in die Tasche, stecke ein, was mir vor die Finger kommt, den Stift, den Notizblock, sogar den persönlichen Brief, den das Hotel an mich adressiert hat, damit ich meinen kurzweiligen Reichtum beweisen kann. Für die Handtücher habe ich keinen Platz. Da klopft es, bitte das Zimmer verlassen, der Nächste will rein. Der Nächste wird schon im Fahrstuhl fahren, er wird die Drei schon gedrückt haben, mit seinem edlen Finger, und ich werde noch hier stehen, wenn er kommt, mit seiner Zimmerkarte, in dem Moment, in dem er den Raum betritt, der kurz unserer und dann gleich seiner ist. Der Nächste wird auf die Etagere blicken und dann wird er sehen: Aha! Hat sie also die Etagere aufgegessen! Und Gnade mir Gott, wenn ich nur Zähne aus Kruppstahl hätte, würde ich mir sogar dieses Eisen zwischen die Lippen biegen!

Ihr Kleinen!, rufe ich den Reichen zum Abschied missmutig zu, so also seht ihr aus hinter eurem Reichtum! Meine Kumpanen und ich schwingen uns aufs E-Bike, lassen unseren Luxus zurück, im Modus 5 über Wiesen und Wälder, wir fliegen auf diesen Bikes, der Wind weht mir kalt ins Gesicht, Reisekumpan Andreas lächelt noch, bevor er fast gegen einen Baum fährt. Macht nichts, ruft er fröhlich, und ich rufe durch die Natur, durch den Waldweg, ganz schrill rufe ich: Jaja, mein Kumpan, so ist es, die jungen Personen haben immer am wenigsten Schmerzen! Bis wir da sind, am Herrenhaus, 28 Zimmer!, erklärt uns die Hauseignerin Pocahontas-Antje und Andreas, der Künstler, steht neben ihr, erklärt, er mache alles, außer Mafia. Wir lachen, wir trinken einen Apfelsaft! Exquisit, dieses Haus, schmeichelt mein Reisekumpan Andreas dem Andreas, danach tauschen wir verstohlene Blicke: Wir sind in einen weiteren, angenehmen Luxus geraten.

Bach, überlegt die Tochter des Hauses, sie spielt bezaubernd Klavier, und meine Kumpanen sind ganz aufgewühlt von dieser bezaubernden Musik, die durchs Herrenhaus und unsere Herzen strömt. Weint nicht, will ich ihnen raten, die Schönheit der Natur ist unersättlich! Aber es hilft nichts, sie weinen in Strömen, sie weinen das ganze Herrenhaus voll. Jemand wird sich bald beschweren, denke ich, zum Glück, dass unsere E-Bikes über den Modus 5 verfügen. Dann eile ich hinaus in die Natur, in der ich mir ein ruhiges Plätzen suche, um endlich meinen Gefühlen einen freien Lauf zu lassen. Als ich denke, schöner kann es nicht werden, passiert das Unfassliche: Eine Katze schmiegt sich gegen mein Bein und mit gegen meine ich: gewaltsam! Verschwinde!, rufe ich ihr zu. Verschwinde, denn sole lucet omnibus, die Sonne scheint für uns alle, so auch für mein Bein. Sie verschwindet tatsächlich, damit habe ich nicht gerechnet, ich bin traurig. Kurz danach setze ich meine Lesebrille auf, um meine Tränen der Freude zu verbergen, wie ich meine Kumpanen am Eingang des Herrenhauses beobachte: Elena, die Österreicherin, keinen schlechten Gedanken im Kopf, herrlich, Daniela, die Italienerin, eine Unermüdliche, Emilie, die Dänin, die noch großen Erfolg beim Angeln haben wird, Teresa, die Unbeirrbare, die uns durch die tiefsten Tiefen Mecklenburg-Vorpommerns führt und ihre treue Begleitung Burcin, Maximo, der spanische Kumpan und Blumenliebhaber, aber von all dem, was uns noch in Rostock erwartet, wissen wir noch nichts im Herrenhaus. Ich flüstere leise in die Nacht, in den Sternenhimmel: Amantes, amantes. Ein flauer Sommerwind trägt die Übersetzung in die Ferne. Einmal schluchze ich bedeutend, dann falle ich lachend in einen tiefen Schlaf.

Pro salute omnium!, rufe ich durch die Spelunke, in der wir uns noch einmal zusammenfinden, an unserem letzten Abend. Mein Team und ich, wir erheben die Gläser, manche summen leise die Hymne Mecklenburg-Vorpommerns und befinden sich in einer fast depressiv-anmutenden Trance. Eine Stunde später löse ich mich von der Truppe, ich klettere auf einen sehr hohen Berg und lege mir ein ebenfalls sehr großes Fernglas vor die Augen, um mein Königreich zu beobachten. Am nächsten Morgen verabschiede ich mich unter Tränen, dann fahren wir schnell nach Hause. Als Lektüre lese ich zuhause angekommen in meiner Bibliothek wieder Cicero in meinem Ledersessel. „Omnia praeclara rara“, steht dort geschrieben. Ich unterstreiche den Satz zweimal und beginne mich zu sehnen.

Veröffentlicht am 19. Juni 2013 bei CULTurMAG.
(http://culturmag.de/litmag/wie-ich-die-konigin-von-mecklenburg-vorpommern-wurde-eine-pressereise/72869)

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Lecker, lecker!

Das Ende einer Reise: Juli Zucker und Andreas Thamm berichten von den kulinarischen Genüssen einer fast vergessenen Region. Es gibt zwar Fisch, aber kaum so oft, wie man meinen möchte.   

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A: Daniela di Lorenzo wollte eigentlich mal Botschafterin werden. Jetzt lebt sie in Aarhus, Dänemark, und wird Politikjournalistin. Sie kennt sich gut mit Fisch aus. Früher war sie auch selber angeln, und sie widerlegt die von dir, liebe Juli, aufgestellte These, es gäbe überhaupt nur einen einzigen Fisch. Tatsächlich gibt es einen, den hat die geangelt, in Italien, der ist so hässlich, dass sein Name, den ich vergessen habe, auch als Beleidigung verwendet wird, sagt Daniela.

J: Daniela sagt auch, dass das Erste, was sie in unserer viersternigen Hotelresidenz in Kühlungsborn, „Upstalsboom“, gemacht hat, ein ordentlicher Bettjump war, den sie für mein Dokumentationsvideo freundlicherweise erneut vorgeführt hat. Wir haben viel über das Hotel geredet, weil wir arme Lumpen sind und dementsprechend natürlich 90 Prozent der Teilnehmer der #balticdiscovery von ihren Gefühlen überwältigt waren, als wir die gigantische Hotelhalle betraten und unter dem Kronleuchter standen – der ungefähr die Größe meines Badezimmers besitzt, aber: am intensivsten haben wir natürlich über die Schokoladenbällchen gesprochen, die neben einem persönlichen Brief und einem bestialisch großen Teller Fremdobst für uns zur Begrüßung bereit gestellt wurden. Ich mach immer so lange Sätze. Ätzend.

A: Amen. Worauf ich hinauswollte: Es gibt so Verknüpfungen und Erwartungen. Wenn ich in Wismar über dieses Knöchelbrecherkopfsteinpflaster gehe, aus geringer Entfernung die Backsteinbauten am Hafen bewundere und es erstmals so salzig riecht, ist mir, wie sonst nie, nach Fischbrötchen. Ich glaube Daniela geht’s genauso. Man muss über einen gewissen Wagemut verfügen, um, nach all dem, was wir vorgesetzt bekommen, zu fragen: When will we have fish? Aber wirklich: When?

J:Wenn ich in Wismar über dieses Knöchelbrecherkopfsteinpflaster gehe, oder in Rostock oder sonst wo, denke ich, dass die Inlineskateindustrie gut daran tun würde, sich weniger um einen Vertrieb in Mecklenburg-Vorpommern zu kümmern. Ansonsten vielleicht auch daran, dass wir uns bei unserer Tour auch auf Essen verstärkt konzentriert haben und die Meckpommer auch kein Problem damit haben, hervorragende Speisen zu zaubern und diese Speisen ebenso sehr zu lieben, beispielsweise der dicke Käseverkäufer in Wismar, der seine runden Käselaibe von der einen Ecke seines Wagens in die andere trägt, uns ansieht, wie wir bei ihm vorbeischlendern, und uns gerade entgegen schreit:LECKER, LECKER. Damit wir wissen, woran wir sind.

A: Man muss sagen, er sang es. Noch mal kurz und knapp: Maximo aus Cadiz beziehungsweise Bornemouth steht nicht so auf Fisch, Juli aus Niederbayern denkt, es gibt nur einen Fisch, aber den isst sie, vorzugsweise mit Meerrettich von Schamel, Daniela aus Mailand beziehungsweise Aarhus will Fisch, Andreas aus Oberfranken ebenfalls.

J: Was der Künstler und Kunsttherapeut Andreas Renner über Fisch denkt, ist unklar, aber er besitzt zumindest ein Herrenhaus sowie das dazugehörige ehemalige Wasserschloss in Büttelkow, einer mikroskopischen Ortschaft mit nur 24 Einwohnern. Nach einer gediegenen Kunsttherapie, bei der jeder irgendetwas in einen Topf voller Wachs eintunkt – seien es die eigenen Hände oder sämtliche Naturalien – und daraus sonst etwas bastelt und somit per Kunsttherapie regeneriert wird, bereitet uns Andreas, ebenfalls dem Freistaat Bayerns entsprungen, mit seiner Frau Spätzle zu und zwar mit einer Extraportion Liebe, die wir vertilgen, als hätten wir zehn Tage ohne jegliches Lebensmittel auf einer grasgrünen Wiese in den Weiten Mecklenburg-Vorpommerns verbracht (was nicht stimmt, in Wirklichkeit wurden wir von #balticdiscovery nahezu gemästet). Das Frühstück am nächsten Tag ist nicht weniger erhaben und Andreas und Antje, seine Lebensgefährtin und als Wissenschaftlerin tätig, stehen uns bei wie in der Nacht zuvor am Lagerfeuer und ebenso am Bahnhof in der nächstgelegenen Ortschaft Kröpelin, und winken zum Abschied mit strahlend weißen Stofftaschentüchern.

singt: Der Meerettich von Schamel … Unsere erste Regieanweisung, geil, was?

J: Genauso begeistert wie ich von der Dimension dieses Hauses und der Harmonie bin, die das Einzige ist, was mich in Mecklenburg-Vorpommern richtig fertig macht, mit den überhaupt nicht dunklen Straßen in Wismar, wo sich ein farbiges Haus neben das nächste stellt und wo in Rostock ein Fischer neben dem anderen steht und seine Angel auswirft, ist Maximo, unser spanischer Fotograf, der sich gerne was gönnt, und sich also zum Beispiel im Luxushotel ein Peeling und eine Massage kauft, begeistert von den Schokobällen, von denen er am Spätzletisch erzählt. Wie genussvoll er sie in seinem Bademantel gesessen haben muss, nachdem das Salz vom Masseur ihm den Stress von der Haut gekratzt hat, können wir nur an seinen philosophischen Ergüssen über Schokolade im Allgemeinen erahnen.

A: Darf ich zitieren? And then the chocolate melts in the mouth like chocolate. Der Punkt ist, wir kommen am Endpunkt der Reise an, Rostock. Wir spazieren am Hafen entlang, Glasbauten, kleine Segelboote und, wirklich, Schulter an Schulter stehen die Angler und halten ihre Ruten ins Wasser. Es ist nicht mal so, dass sie sich durch die schiere Anzahl gegenseitig Konkurrenz machen würden – wenn man sich auf die Stufen setzt, und ein wenig zuschaut, kann man sehen, wie sie die zappelnden Silberlinge quasi im Zehnsekundentakt aus dem Wasser ziehen. Manchmal hängen zwei oder drei an der Leine. Ein Blick in so einen Eimer macht mich, obwohl die auch da immer noch zappeln, hungrig. Der fünfte Tag an der Ostsee, noch immer kein Fisch in meinem Mund.

J: Das ewige Warten auf den Fisch.

A: Daniela und Emilie kennen ja keine Schüchternheit, sie stellen sich dazu, ratschen ein wenig mit den knorrigen, alten Herren. Was sie da so rauszögen. Emilie spricht ja ganz gut Deutsch, der Angler, den sie sich rausgesucht hat, kann das gar nicht glauben, wo sie doch aus Dänemark käme, das heißt, dass sie ja unweigerlich an der Küste wohne, dass sie dann noch nie angeln gewesen sei, mit dem Großvater wenigstens. Es dauert nicht lange, bis Daniela und Emilie die Herren an ihren Angeln ablösen. Das scheint an irgendwas zu liegen heute, das besonders hohe Aufkommen von Fischlein, gerade im Hafen von Rostock, da gehört gar keine jahrzehntelange Erfahrung dazu. Bis Emilie vier am Stück rausholt. Rekord sagt ihr Mentor mit dem Klumpfuß,Rekord!

J:Ich sage nichts, weil ich mich nicht für Fische interessiere.

A: Aber jetzt wird’s erst interessant. Später am Abend, wir sitzen beim Abendessen, es gibt Fisch, und auch die Gespräche drehen sich um selbigen. Es geht darum, was die beiden, die Dänin und die Italienerin, da heute aus dem Wasser gezogen hätten. Makrel,sagt Emilie und Daniela pflichtet eifrig bei, das seien eindeutig Makrelen gewesen, und die Angler selbst, die dort seit Jahr und Tag, bei Wind und Wetter und so weiter stehen, die behauptet hätten, es handle sich bei diesen Fischen um Heringe, die hätten nicht Recht, mithin also keine Ahnung, die Profession verfehlt. Was uns zurück zu deiner, liebe Juli, Ausgangsthese bringt: Es gibt also doch bloß den einen Fisch. Den haben die geangelt.

J:Wie immer behalte ich das letzte Wort und auch Recht. Tschüß.

A: Werde Baumpate, Juli!

J: Ok.

Journalistische Dramolette III. Veröffentlicht am 11. Mai 2013 bei The Daily Frown.
(http://thedailyfrown.wordpress.com/2013/05/11/lecker-lecker/)

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