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Feel the Derm. USA 2016. Teil 2: Detroit, y’all.

Auf meiner Forschungsreise durch die Vereinigsten Staaten werde ich unter anderem vom Anglisten und Schallplattenhändler Michael Rupp begleitet. Für seinen ersten Derm-Gastbeitrag hat der junge Mann sich und uns in Lebensgefahr, sprich, nach Detroit, gebracht. Aber alles gut, Mama. Anbei die Ergebnisse der Untersuchung. 

Detroit ist dann absolut eine Nummer für sich. Der Blick durch die Scheiben des abgefuckten Hondas unserer Ex-Gastgeberin Sarah, die zwischen Handy hier und Fruchtdrink da tatsächlich auch ab und an mal die Hände am Steuer hat, offenbart plötzlich eine Welt, die wir bisher nur als animierte Figuren in fiktiven Stories um Gewalt, Bandenkriminalität und schnelle Autos betreten durften. Die Straße bietet locker Platz für drei Spuren – eingezeichnet ist nur der Mittelstreifen. In den Freiflächen zwischen den teils eingefallenen, teils bewohnten Häusern könnte man problemlos Fußballturniere stattfinden lassen. Später lernen wir: Hier wurden als Downsizing-Maßnahme ganze Häuserblocks weggerissen, um den negativen Konsequenzen des massiven Bevölkerungsschwunds von Detroit irgendwie entgegenzuwirken. Ampeln werden zurückgebaut, um Strom zu sparen. Weniger als die Hälfte von einst leben noch in der ehemaligen Industrie-Metropole, vor nicht allzu langer Zeit lag die Arbeitslosenquote bei 50 Prozent. Am Straßenrand legt ein Cop einem farbigen Mann Handschellen an, wir machen kurz Halt an einer Tankstelle mit angrenzendem Liquor Store.

Unsere Fahrerin hat offensichtlich mit der Panik zu kämpfen und auch wir drei fühlen uns nicht absolut wohl – aber: Zum ersten mal fühlt sich unsere Reise ein bisschen nach Abenteuer an, nach wirklich woanders sein. In der Tankenstelle zahlen wir zuerst, um dann für den bezahlten Betrag tanken zu können. Ein Typ erzählt irgendwas von einer Techno-Party Downtown, ich verstehe nur jedes dritte Wort. Ein bisschen Kleingeld hätte der ein oder andere gerne, Reaktionen auf Absagen sind bemerkenswert höflich. You enjoy yourselves and have a nice night, gentlemen. Wahrscheinlich Ironie. Ausgestattet mit zwei Sixpacks Lightbeer schmeißt uns Sarah an unserer Unterkunft für die nächsten drei Nächte raus.

Das kleine Haus, das wir über eine Online-Plattform angemietet haben, ist wunderschön. Frontporch inklusive zwei fetten Sesseln und Grusel-Schaukelpferd, weiß lackierte Holzverkleidung, drinnen dunkler Holzboden, vielleicht achtzig Quadratmeter Grundfläche, kaum Türen – vom offenen Wohnzimmer blickt man durch den Essbereich in die Küche. Als American Foresquare oder vielleicht auch als California Bungalow würde man das Haus wohl bezeichnen. Keine zwanzig Dollar zahlen wir pro Nase für die Nacht. Wir fühlen uns großartig. Bier trinken auf der Front Porch. Das Zirpen der Zikaden ist ohrenbetäubend. Ein herrenloser Pitbull stolziert die Straße hinunter, als gehöre ihm das hier alles. Er würdigt uns keines Blickes.

Der Taxi-Fahrer, der uns am nächsten Morgen Downtown fährt, hält nicht viel von unserer Hood. Schläunigst in eine andere Umgebung umziehen sollten wir. Ain’t safe around this area. Keine zehn Minuten vorher hatten wir noch ein nettes Gespräch mit ein paar Nachbarn: Busse gebe es keine, aber Uber sei das neue Ding. Nice accent you got there, boys. Gute Reise, stay safe. Ach ja, ein bisschen Gras?

Downtown Detroit ist die charmbefreite Touristen-Partymeile der Stadt: Burgerbuden, Bars, Beerbike, Baseball-Stadion. Eine familienfreundliche Vergnügungsinsel im Schatten der düstersten Türme Gotham Citys. Ein Typ legt psychedelisches Wah-Wah-Gitarrengewaber über seine Midi-Sound-Backingband und singt dazu monoton. Der Pickup, vor dem er possiert, ist mit allerlei Schildern dekoriert: Jesus lives. Jesus saves. Jesus is real. Zu lange geglotzt, um keinen Dollar da zu lassen. Take care. Wir wollen zum leerstehenden Bahnhofsgebäude, das wir am Tag zuvor aus der Ferne gesehen haben. Der ältere Herr, den wir nach dem Weg dorthin fragen, beäugt uns skeptisch: You boys have any idea where ya goin‘? That’s almost Mexican Town. Tagsüber kann man da aber wohl schon mal hin.

Das verfallene Gebäude der ehemaligen Michigan Central Station wirkt wie eine monumentale Ruine des amerikanischen Kapitalismus. Wikipedia verrät uns aber, dass der Bau schon zur Blütezeit der Stadt Sorgenkind war und als Folge diverser Planungsfehler nie richtig angenommen wurde. Ein bisschen wünsche ich mir, das Informationszeitalter hätte mich etwas länger im Dunkeln gelassen und mir ein paar Minuten der Mythenbildung gegönnt. Den Abend verbringen wir in Corktown, dem Detroiter Hipster-Viertel mit DIY-Bars und Live-Bands. Longdrinks sind überraschend billig, die Bierauswahl stattlich. Ich entdecke meine Liebe für India Pale Ale. Zuhause buchen wir noch den Bus nach Louisville, Kentucky. Southbound.

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