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München, Rotkreuzplatz. Unter uns mal wirr gesprochen.

Was kann es charmanteres geben, als diesen Mann in seinem senfgelben Sakko, der mir schräg gegenübersitzt? Eine Frau spricht mit ihm, wahrscheinlich seine Frau, aber der Mann im senfgelben Sakko hat es nicht nötig, ihr zu zuzuhören, ihr zu antworten, er schaut sie noch nicht einmal an. Er hat die grauen Haare nach hinten geschmiert, in den Nacken. Er hat die Beine, die in einer weißen Hose stecken, übereinandergeschlagen. Und er verkörpert so viel von dem was gut und richtig ist in dieser Stadt.

Die meisten Männer hier sehen aus wie Gustl Bayrhammer. Niemand hier ist weniger als zwanzig Jahre älter als ich. Der Kellner bringt mir eine Haxe, deren Fett so knusprig gebacken wurde, dass mir die Trommelfelle zerspringen, sobald ich meine Zähne in diese braune Kruste grabe. Es gibt kein Salatblatt, nichts Überflüssiges dazu, die Soße schmeckt stark überwürzt.

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich verstanden habe, dass es diesen Zustand nicht mehr lange geben wird. München ist nicht für die, die so sind wie ich. Wir jungen Menschen machen München kaputt. Wir sind schuld daran, dass es diese Orte bald nicht mehr geben wird. Die Orte ohne Cocktails auf der Karte. Die Orte mit hässlichen, dicken Bedienungen. Die Orte, wo alle rauchen und niemand kein Bier trinkt. Zwei Tische weiter sitzt eine Omi mit Sonnenbrille, sie ist ungefähr unendlich alt und hebt ihre Halbe mit beiden Händen. Aber noch hebt sie sie bis zum Mund.

2Das hier ist für all diejenigen, die nichts davon verstehen und es ist wieder nur ein Versuch, nur eine verkrüppelte Annäherung. Und gerade das ist auch der Punkt. Charme ist so ein schreckliches Wort, aber es gibt keine Worte, die das eingrenzen können, was München aus und zu einem der besten Orte macht.

Welche gäbe es noch? Aura? Atmosphäre? Diese komische, rustikale 70er-Jahre Leichtigkeit, die es noch gibt, die wir aber, also meine Generation, zerschießt mit ihren Cocktails und Schiefertafeln und Burgerläden. Natürlich ist das eine widerwärtige Nostalgie, die überhaupt gar nicht funktioniert, wenn ich sie vertrete. Aber wenigstens einmal muss man das doch ausformulieren.

Für einen Artikel fahre ich zum Umsonstladen am Leonrodplatz. Eine Frau erzählt mir, dass ihr Vermieter – ich stelle mir vor, es wäre der Mann im gelben Sakko – ihre Miete verdoppeln will. Das Gericht hat ihm gerade Recht gegeben. Die Frau hat Angst, obdachlos zu werden. Sie sei bestimmt keine Revoluzzerin sagt sie, aber stur könne sie sein.

Mein größtes Problem ist, dass ich keinen Zimt mehr zu Hause habe für mein Müsli und es sich nicht mehr lohnt, Zimt zu kaufen, weil man das dann ja mit umziehen muss. Ich würde mir so gerne Schlappen kaufen wie Heidi Klum sie einst bewarb, aber bei Galeria Kaufhof sind alle zu groß.

Ein paar Formeln gehören obligatorisch zu jedem Abschied:

– Danke für alles.
– Alles Gute.
– Es bleibt spannend.

Die schönsten Frauen sitzen alle mit mir in der S-Bahn in Richtung Holzkirchen. Eigentlich wollte ich mindestens einmal bis zur Endstation fahren. Endstationen sind besondere Orte. Holzkirchen. Holzkirchen bleibt mir. Ich lese in der S-Bahn, auch wenn ich angetrunken bin. Ich vergesse alles, was ich lese im selben Moment.

Meistens sitzen da außerdem ein paar 16-Jährige mit Polohemden und ledernen Segelschuhen – manche sogar mit Bommeln, kann es etwas widerwärtigeres geben? Es stimmt, dass man Menschen nicht treffender beurteilen kann, als anhand ihrer Schuhe. Die 16-Jährigen unterhalten sich meist über ihre Privatschule. Sie haben ähnliche Frisuren wie der Mann im gelben Sakko, nur noch nicht ergraut. Ich halte es für möglich, dass ich ihnen, wenn sie zehn Jahre älter wären, an dieser Stelle Komplimente machen würde. Aber so wie sie sind, sind diese Jungs nichts als ein schleimiger Auswurf dieser Stadt, der einen bitteren Geschmack auf der Zunge hinterlässt.

München war schlecht und München war gut.

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Tagebuch der unerhörten Begebenheiten. Drei: Tod durch Leberkäs hätte den Tag gerettet

9.3.15

Ich bin ja ein Autofahrer. Der Autofahrer an sich ist ein so verachtenswertes wie bösartiges Wesen. Er hat sich für ein Dasein im Kriegszustand entschieden, Krieg herrscht ständig –  mit dem Rest der Autofahrerschaft, dem Fußvolk, den Zweiradfahrern, sich selbst.

Das ist ein anderes Thema, über das schon zu viel geschrieben worden ist. Ich selbst erlebe das Autofahren vor allem in jüngster Zeit weniger als Krieg als als Paranoia. Nicht Aggression (schon auch), aber vor allem Angst prägt die Erfahrung der Kraftfahrzeugbewegung. Die Angst gilt dabei weniger dem Unfall, der unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben und Mitmensch – nein, ich habe weniger Angst vor, sondern Angst um, Angst um das Auto mit dem ich fahre. Mein Auto ist nicht schön, nicht schnell und auch nicht sparsam. Es ist eine Familienkutsche, Modell praktisch, aber nicht hochwertig genug um auch als zuverlässig durchzugehen. Ich fahre meist 126 Stundenkilometer, ungern mehr oder weniger. Dabei muss ich ständig damit rechnen und rechne ich ständig damit, dass mir das Teil um die Ohren fliegt. Im Normalfall geschieht das nicht.

Diesmal schon. Aber der Reihe nach: Zuerst mal freue ich mich nämlich nichtsahnend. Ich bin froh, nicht abgeschleppt worden zu sein, während ich arbeitete. Das ist nämlich die andere Paranoia: Nicht Defekt sondern Abwesenheit des PKWs.

Einstmals, in Hildesheim, bin ich abgeschleppt worden, nicht weit zum Glück, schließlich weckte mich das rückwärtsfahrende Piepsen des Abschleppwagens, ich hechtete ans Fenster, wühlte den Vorhang beiseite, drückte mir die Nase platt und sah: Der Silberne, Pablo genannte, hing schon an der bedrohlich rasselnden Kette, von der er auf die Ladefläche des Abschleppwagens gezogen wurde. Kein schöner Anblick am Morgen, noch schlimmer sind die dazugehörigen Geräusche, die mich bis heute in meine Träume begleiten. Barfuß sprang ich aus der Wohnung. Ein LKW hatte wegen meines rücksichtslosen Parkverhaltens nicht um die Kurve fahren können. Die den Strafzettel ausstellende Polizeibeamtin lächelte herablassend, aber auch sanft. Mir klebte das Haar vom Nachtschweiß fettig auf der Stirn. Ich entschuldigte mich, parkte barfuß um – wobei ich zuerst vor den Augen der arbeitenden Bevölkerung mehrmals am Rückwärtseinparken scheiterte, um dann sehr weit weg zu parken, zahlte dann 170 Euro an das bösartige Abschleppunternehmen und verfluchte Polizeistaat, Kapitalismus, das System, die Ungerechtigkeit des Daseins des kleinen Mannes.

Mit der Angst, das Auto ist nicht mehr da, aber nicht geklaut, sondern zur Strafe weggebracht worden, lebe ich also Tag für Tag. Diesmal ist das Auto da, so wie seitdem jeden Tag und wie jeden Tag kann ich mich der Erleichterung nicht verwehren.

TDUB

Ich fahre los. In einer Stunde ist Einlass, ich möchte Heinz Strunk live sehen. Das Auto gibt seltsame Geräusche von sich. Es hört sich an, als würde sich die ganze rechte Seite der Karosserie gleich verabschieden und auf dem Asphalt zerschellen. Ich parke bei REWE und steige aus. Meine schlimme Befürchtung bestätigt sich: Der hintere, rechte Reifen ist platt. Was tun? Auf dem Parkplatz warnen Schilder vor dem Abgeschlepptwerden. Wer länger als eineinhalb Stunden einkauft, muss nach Hause laufen. So viele Ängste, die sich fast gleichzeitig zu erfüllen drohen.

Ich kaufe zunächst ein. Es ist schließlich Abendessenzeit. Das ist nämlich Paranoia Nummer drei, gleichsam die schlimmste aller Ängste: Im Moment des knurrenden Magens maximal entfernt von Essen zu sein (eine verachtenswerte Wohlstandsangst eigentlich, oder? Frage geht in die Runde diesmal). Deswegen: Immer für Proviant sorgen. Bäcker sind meine besten Freunde, auch die im Eingangsbereich der Supermärkte, aber nur, wenn sie was Belegtes haben. Der Bäcker, der zwar viel trockenes Brot anbietet, aber keine Leckerei für jetzt schnell auf die Hand, braucht gar kein mitleidheischendes Handwerkergesicht aufsetzen, wenn er pleitegeht. So sehe ich das. Der Hunger kündigt sich bereits an, ich hechte also zum REWE-Bäcker, flehe um ein belegtes Brötchen und eine Butterbreze, werfe mit harten Münzen um mich. Ich bin schon zum zweiten Mal heute hier, vorhin schon geschnitten Brot gekauft.

Dann zurück zum Auto. Drin liegen nun drei Bäckertüten: Brottüte, Butterbrezentüte, Semmeltüte. Auf die Uhr geschaut: Scheißzeitpunkt. Alles eh scheiße. Ich schreibe einen Zettel: „Bitte nicht abschleppen. Weg morgen früh.“ Dazu die Handynummer. Dann sperre ich das Auto ab und laufe los in Richtung S-Bahn, muss ja zu Heinz Strunk. Über den Rest kann ich morgen nachdenken. Nach wenigen Metern drehe ich wieder um, Proviant vergessen. Auto auf, Bäckertüte raus, Auto zu, wieder in Richtung S-Bahn davon. Nach wenigen Metern drehe ich um: Da steht das Auto. Auf drei Reifen nur. Das steht ganz schief. Ob das gut ist? Für die Achsen? Die Felgen? Lieber mal Papa anrufen. Papa geht nicht ran. Dann eben Mama, Hauptsache, jemand Erwachsenes. Mama weiß auch nicht so recht. Mama will Papa anrufen, ich blättere derweil im Handbuch des Wagens, suche schon mal den Wagenheber heraus, finde die Stelle, wo ich diesen ansetzen müsste. Also doch jetzt und hier den Reifen wechseln? Zur Schonung des Gefährts? Kein Rückruf bislang, ich entschließe mich dafür und kurble schon mal los, wenn auch halbherzig, ohne rechte Überzeugung. Lieber würde ich das ganze vorher mal googeln, mir ein, zwei Tutorials anschauen. Doch dafür habe ich jetzt weder Gerät noch Zeit. Dann doch der Rückruf: Papa sagt, das macht eh nix, kann ich auch morgen machen, aber Schrauben nachziehen lassen nicht vergessen.

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Na Gottseidank. Also los jetzt, Richtung S-Bahn, zackig davongeeilt. Nach wenigen Metern drehe ich um: Proviant vergessen, mittlerweile hat sich schon ein veritabler Hunger etabliert. Auto auf, Tüte raus und wieder los, jetzt aber schnell. In einer Viertelstunde ist Einlass. Nächste Bahn in: Zwanzig Minuten. Die letzte sehr knapp verpasst. Ich sitze im Ismaninger Bahnhof auf einem Gitterstuhl. Der Duft, der mich umweht, ist mir wohlbekannt. Den ganzen Tag saß ich schon eingehüllt in eben dieses Aroma im Büro. Es ist der köstliche Duft von geschnittenem Brot. Schinkensemmel und Butterbreze liegen im – die Butterbreze, wie sich später herausstellen wird, sogar auf dem – defekten Gefährt. Zurücklaufen und Wiederkommen würde etwa zwanzig Minuten in Anspruch nehmen. Ich entscheide mich dagegen und knabbere trockenes Brot, ich versuche, mich daran zu erfreuen, ich bin ein großer Freund von Brot, zunehmend, es gibt nichts besseres, nichts unterschätzteres als Brot, einfach Brot, wie selten kommt man in den Genuss, selten genug.

So, schlimm genug, denkt man, was soll da noch kommen? Von wegen. Es folgt, natürlich, wie es sich gehört, eine temporäre Phase des allgemeinen Bergauf. Die Bahnfahrt ist angenehm komplikationslos, zwischen Bahnhof und Veranstaltungsort findet sich ein Tengelmann, inklusive Bäcker. Der Bäcker hat seine kargen Reste bereits zusammengeschoben wie um zu sagen: Das hier ist echt der letzte Dreck, ein richtiger Dreckshaufen, selbst für Enten im Park zu schad. Nichts für mich. Also in den Tengelmann gespurtet, da wird sich was Besseres finden. Tatsächlich: Eine Fleischtheke. Leberkäs her!, stammle ich, nach wie vor mehr von der Angst vor dem Hunger auf Trab gehalten als vom Hunger selbst. Auf dem Weg nach draußen schubse ich diverse Menschen auf den Boden, spucke ihnen ins Gesicht. Hab heut schließlich schon genug durchmachen müssen, wer will mich verurteilen? Sobald ich bezahlt habe, stopfe ich mir die Leberkässemmel in Gänze in den Schlund. Fast erleide ich einen Erstickungsanfall, zum Glück aber eben nur fast. Einmal mehr dem Tod von der Schippe gesprungen. Auch schade, eigentlich, weil Tod durch Leberkäs, schöner wird’s nicht mehr.

Dann treffe ich Freunde. Wir schauen uns Heinz Strunk an. Strunk ist eh fabelhaft, braucht man nicht viel zu sagen, um den geht es hier auch gar nicht. Am Ende sogar Computerfreak, sehr schön.

Dann: Zum Bahnhof fahren lassen. Mit S.H. (begegnen Sie im wieder in der anstehenden Buchveröffentlichung des Derm, dann aber unter anderem Namen, dafür in Bolivien) rein in den Bahnhof. Beide haben wir unsere Bahn knapp verpasst und müssen zwanzig Minuten warten. S. kauft sich Kartoffelwedges hier, klaut zusätzliches Ketschup und Mayo dort, weil er noch nicht genug hat, der gierige Ketschup- und Mayo-Hamster. Beschwert sich dann auch noch, weil das Ketschup des Ketschupwagens leer ist.

Im Schacht trennen sich unsere Wege. Ich rein in die Bahn, Musik an, ab nach Unterhaching. Kurz bevor der MP3-Player älteren Modells den Geist wegen Akku aufgibt setzt sich ein Mann mir gegenüber. Das heißt: Die Bahn ist nahezu leer. Er könnte fast überall ungestört sitzen und mampfen, der Mann. Er aber stürmt heran, schnappatmend, gehetzt, wovon?, man weiß es nicht, es ist niemand hinter ihm her, er hat keine Verpflichtungen, machen wir uns nichts vor, die Haare fettig, die Hose zerfetzt, die Augen glubschend, niemand wird ihn erwarten, weder heute, noch morgen in aller Früh. Er setzt sich mir gegenüber, nicht schräg gegenüber, am Gang, sondern direkt gegenüber, auch ans Fenster, um mich auch ja psychopathisch genug anstarren zu können.

Der Mann hat sich etwa fünf Cheeseburger gekauft. Ich glotze stumpf aus dem Fenster. Der Mann mampft und starrt mich an. Herausfordernd. Ich spiele mit dem Gedanken, die Kopfhörer wieder aufzusetzen und so zu tun als würde ich Musik hören, weil ich fast das Gefühl habe, er könnte mich jeden Moment stumpf provozierend ansprechen. Stattdessen beobachte ich sein Spiegelbild. Immer so lange, bis das Spiegelbild zurückstarrt. Noch zwei Cheeseburger. Der Mann ist sehr laut, Brösel kleben auf seiner Unterlippe, am Kinn, rieseln auf seine Hose, er hustet, ich will nicht nachschauen, ob meine Hose etwas abbekommen hat, die Omi auf der anderen Seite des Ganges schüttelt immer dann den Kopf, wenn sein Stierblick gerade nicht auf ihr ruht. Wie erbärmlich muss man sein, um sich von dieser armen Sau so sehr die gemütliche Heimfahrt versauen zu lassen? Aber so sind wir nunmal, die Omi und ich. Die Fahrt zieht sich hin, der Mann macht keine Anstalten, auszusteigen, in Unterhaching taumle ich schlingernd aus der Bahn. Endlich, daheim.

Noch schnell nach der Post schauen: Keine Post. Ab einem gewissen Alter ist das etwas Gutes, weil man eh nur Schlechtes erwartet von den Menschen, die einem Briefe schreiben. Bin ich jetzt etwa schon in diesem gewissen Alter? Ist das das Ende von allem, der Gedanke „Keine Post, na vielleicht besser so“? Mit diesem trüben Gedanken und der zermürbenden Angst vorm anstehenden Reifenwechsel im Kopf wechsle ich zaghaft hinüber ins Reich der Träume. Ich werde den Reifen tatsächlich wechseln, nicht ganz ohne die Hilfe des DHL-Mannes, der der REWE gerade ihre Post bringt. Der Mann stellt sich auf das Schraubendreh-Dings, eine der freundlichsten Gesten des neuen Jahres. Wenn ich eine Frau wäre, würde mich das Klischee vielleicht in meiner feministischen Ehre kränken, aber so geht’s klar. Den Rest hab ich ja allein geschafft, okay?

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Rede zur Lage Münchens

Vor gar nicht allzu langer Zeit, also genau zu der Zeit als die Verfilmung von „Resturlaub“ in deutschen Kinos lief, sah ich die Red Hot Chili Peppers live, im Kino. Nachdem ich diesen Einstiegssatz geschrieben hatte, recherchierte ich, was das heißen soll „vor gar nicht allzu langer Zeit“ und fand, dass sowohl „Resturlaub“ als auch die Liveübertragung des Chili Peppers-Konzerts 2011 im Kino liefen, im Sommer 2011, also schon vor einigermaßen langer Zeit. Da kann irgendetwas nicht stimmen. Egal. Trotzdem möchte ich mal einen Text mit „vor gar nicht allzu langer Zeit“ anfangen. Im Kino einem Konzert zu folgen, müsste von einigen Musikfreunden unserer an Musikfreunden nicht armen Welt als pervers bezeichnet werden, was so falsch nicht ist. Andererseits sitzt man recht bequem. Dass einige, sehr engagierte Kinobesucher aufstanden, anfingen zu tanzen, johlten und klatschten, empfand ich als sehr ärgerlich. Denen wollte ich gerne am Ohrläppchen ziehen. Aber darum soll es hier nicht gehen: Wir hatten den Kinosaal zu frühbetreten, woran uns niemand zu hindern vermocht hatte. Drin lief schon irgendetwas, wir dachten, wohl ein Trailer, setzten uns, und verstanden bald, dass wir Zeuge der letzten Minuten von Resturlaub wurden, der Verfilmung des gleichnamigen Buches von Tommy Jaud, die in Bamberg gedreht wurde, und zwar unter Zuhilfenahme junger Statisten, unter anderem mir. Ich glaube, die Produktionsfirma schuldet mir noch vierzig Euro, vielleicht aber auch nicht. Natürlich hegt man in diesem Moment die Hoffnung, dass das Ertragenmüssen der letzten Minuten dieses Films wenigstens durch die Entdeckung der eigenen Person irgendwo im Hintergrund entlohnt würde. Dies war nicht der Fall. Es folgte ein durchschnittliches Konzert. Alle gingen nach Hause, den Film Resturlaub habe ich nie in Gänze gesehen. All das fand in Würzburg statt, einer Stadt zu der ich kein emotionales Verhältnis pflege.   

Mittlerweile lebe ich im wunderbaren München, in Perlach. Perlach ist der Stadtteil Münchens, der keinerlei Reaktion beim Münchner hervorruft. Sie fragen, wo man denn wohne, in München, man sagt Perlach, sie sagen nichts, sie sagen nicht mal „Ah“, oder „Aha“, oder „So, so“, oder „Sieh mal einer an, in Perlach wohnt der, tschüss“, sondern rein gar nichts, als hätten sie nichts gehört, beziehungsweise nicht, als hätten sie nichts gehört, denn dann würden sie ja ihre Frage wiederholen, sondern so als hätten sie vergessen, eine Frage gestellt zu haben. Perlach, du linguistisches Wurmloch, du Heimat sämtlicher Laubbläser des nördlichen Erdteils. Wenn man an einem herbstlichen Herbstabend durch Perlach nach Hause radelt, kann man schon in Berg im Laim die Perlacher Herren hören, oder besser: Ihre Geräte, die sie wie Bazookas über die Schulter geschnallt haben, Düsenjets, die warmlaufen, bevor sie im nächsten Augenblick abheben. Und wenn der erstgeborene Sohn des Perlacher Herren das erforderliche Alter von etwa acht erreicht hat, wird er ihm in einer feierlichen Zeremonie umgehängt, der Laubbläser, es ist sein erster und wird nicht sein letzter sein und so blasen sie tagaus, tagein, auf dass all das Laub nicht mehr da liege, wo es der Wind einst hingeweht, sondern woanders. Der Laubbläser ließe sich, angesichts der Häufigkeit mit dem man ihm hier bisweilen über den Weg radelt, bestimmt symbolisch, phallisch, soziologisch auswringen, wenn man denn so veranlagt ist, dass man das gern tut, aber dann könnte man sich auch gleich sinnvoll betätigen und zum Beispiel einen online Fußballmanager spielen.

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In der Nähe des Ostbahnhofs gibt es ein Waffengeschäft. Waffengeschäfte sind zwar durchaus interessant, aber nicht empörungswürdig, es gibt dort schließlich vor allem Ferngläser und kleine Raffiniertheiten, die man sich kauft, um im Wald in jedem Fall gewitzt überleben zu können, im Falle eines Falles, da die Überlebensskills und -gadgets auf den Prüfstand kommen. Vor dem Waffengeschäft in der Nähe des Ostbahnhofs steht der Münchner Greis, mit Hut und lindgrünem Lodenmäntelchen und kleinen runden Lederschuhen, die aussehen wie kleine, schwarze Brotlaibe. Und wenn man nun stehen bliebe, um zu mutmaßen, was der Greis im Mäntelchen sich im Schaufenster des Waffengeschäfts ansieht, so würde man eben auf Ferngläser oder Taschenmesser oder GPS-Geräte tippen. Man schreitet aber eilig voran, um vor Ladenschluss den Aldi zu erreichen, und kommt am Schaufenster mit den Ferngläsern vorbei und am Schaufenster mit den Taschenmessern ebenfalls und dann am Schaufenster mit den GPS-Geräten sowieso, man stelle sich vor, so ein kleiner Waffenladen und so viel Schaufenster, schließlich kommt man sogar am Schaufenster mit den ziemlich ehrenwerten Jagdgewehren vorüber, um endlich festzustellen, dass der Greis mit dem Lodenmäntelchen sich in den Anblick der Maschinengewehre vertieft hat, nichts als MGs hinter diesem Glas, kriegstaugliches Gerät, und man kommt nicht umhin sich vorzustellen, wie er mit der Kalasch in der Hand auf den Schultern Wladimir Putins durch eine Eiswüste brettert und das ein oder andere Felltier kalt macht und einsam im Schnee ausbluten lässt, der kleine, und das ist dann herzerwärmend, diese Idee an diesem Novemberabend.

 Meine Eltern haben die Angewohnheit, manchmal anzurufen und ich glaube, sie teilen diese Angewohnheit mit vielen Eltern auf unserer an Eltern nicht armen Welt. Es gibt zwei Gründe, warum meine Eltern anrufen, erstens, um sich nach dem Befinden zu erkundigen, zweitens, um mich auf ein Fernsehprogramm aufmerksam zu machen, meistens eines mit Max Frisch, oder irgendetwas mit Schriftstellerei oder Atheismus und nicht selten schaltete ich ebenjenes Fernsehprogramm ein und freute mich. Fernsehen ist super, das kann in der heutigen Zeit nicht oft genug irgendwohin geschrieben werden. Der zweite Fall des Anrufens ist in den letzten Jahren sehr selten geworden. Tatsächlich fällt mir schreibend auf, dass die Angewohnheit, mich anzurufen, um mich auf ein Fernsehprogramm aufmerksam zu machen, sich fast komplett auf die Zeit beschränkte, da ich mich zwar noch im selben Haus wie meine Eltern aufhielt, nicht jedoch im selben Stockwerk. Neulich saß ich in meinem Perlacher Zimmer auf der Couch, da rief mich mein Vater an, um mich darauf aufmerksam zu machen, nein, um mich zu fragen, wie denn der Film geheißen habe, in dem ich vor gar nicht allzu langer Zeit mitgespielt hätte. Wahrheitsgemäß antwortete ich: „Resturlaub.“ Dieser liefe jetzt im Fernsehen. Ich beschloss, ihn weiterhin nicht anzuschauen. Ich fragte, ob sie das denn gut ertrügen. Ja, antwortete mein Vater, denn man sehe ja oft Bamberg und könne überlegen, wo das gedreht sei. Irgendwo habe ich mal gehört, dass viele Menschen sich bestimmte Filme oder Serien, wegen der Orte, an denen sie gedreht wurden anschauen. Man möchte meinen, dies sei ein Phänomen der Entfernung, dass also alpine Heimatfilme vor allem an unseren Küsten beliebt seien, während man dort auf maritime Heimatfilme auch gut und gerne verzichten kann. Ich glaube, das ist ein Trugschluss. Küstenbewohner schauen schnoddrige Hamburgkrimis, Bergdorfbewohner schauen Hansi Hinterseer, falls es den noch gibt. Und wenn ein in Bamberg gedrehter Film im Fernsehen läuft, hat er irgendwie pro Kopf gerechnet bestimmt nirgendwo so gute Einschaltquoten wie in Bamberg. Da könnte man ja auch einfach raus gehen und sich das in Echt anschauen, werden einige sagen, aber da, also draußen und in echt, erzählt einem nur selten jemand einen Witz und wenn, kennt man den schon.

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