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Der literarische Andi: AUERHAUS

Ich bin ein Fan des literarischen Quartetts. In Hildesheim hatte ich eine Phase, in der ich Nächte im Hochbett damit zubrachte, die ganzen alten Folgen rund um MRR nachzuholen. Ich schlief nicht, sondern hörte den Herrschaften im gehobenen Alter zu, wie sie über Bücher sprachen, die ich nicht gelesen hatte. Das war eine gute Zeit, ich kann das nur empfehlen.

Ich bin aber auch ein Fan der Neuauflage. Ich finde, die Runde ist gut zusammengestellt, Biller nervt nur manchmal über das Maß, ansonsten ist er sehr wichtig für das Format. Das Literarische Quartett funktioniert, wenn es Streit gibt. Oder wenn zumindest die Möglichkeit eines Streits in der Luft liegt, wenn es nicht mehr darum geht, dass eh alles Geschmacksfragen sind und jedes Buch seine Berechtigung hat, sondern darum Qualität und Schrott voneinander unterscheidbar zu machen. Die Neuauflage des Formats hat uns Fans (bin ich der einzige?) schöne Auseinandersetzungen beschert.

Nur einmal waren sich alle vier einig, der leicht pubertär provozierende Biller mit der coolen Brille, die fast bis an die Schmerzgrenze sympathische Christine Westermann, der normale, etwas zur Zickigkeit neigende Volker Weidermann und Gast Daniel Cohn-Bendit, bei dem man nie so recht weiß, was von ihm eigentlich zu halten ist. Und weil ich so ein guter Fan bin, war ich schlagartig überzeugt, dieses Buch lesen, und im Idealfall, besprechen zu müssen. Es handelte sich um Bov Bjergs Auerhaus. Es habe alle umgehauen, die es bislang gelesen hätten, so Weidermann.

Auerhaus.jpgDas meiste, von dem, was in der Sendung gesagt wird, ist richtig. Man kann sie sich anschauen und sich das Lesen von hier an sparen. Bjerg hat so etwas gemacht, wonach ich, glaube ich, generell auf der Suche bin, zumindest was Filme und Bücher angeht: Etwas vordergründig Kleines, Kompaktes, sehr schlicht, einfach. A Single Man ist der prototypische Film, an den ich in dem Zusammenhang immer denken muss.

Man könnte, stumpf, sagen, das liest sich so schön runter. Es stimmt schon, wenige Widerstände, kurze Sätze, eine Perspektive, dünner Plot, wenig Verwirrung. Aber, und hier schlösse sich Billers Frage nach Deutschland und dem Warum an: Nur auf diese Weise gelingt eine Auseinandersetzung mit großen Fragen. Kein Pathos aber: Erwachsenwerden, Schwulsein, Psychiatrie, Suizid. Wolf-im-Schafspelz-Literatur.

Die Konstruktionsprinzipien sind aus den genannten Referenzbüchern bekannt: Tschick (Herrndorf), Schneckenmühle (J. Schmidt). Zweiteres kenne ich nicht, ersteres jeder. Es sind halt die anderen vermeintlichen Jugendbücher der Erwachsenenschriftsteller. Sie nehmen sich einen überschaubaren Rahmen. In Schneckenmühle ist das ein Ferienlager, in Auerhaus das Dorf, bei Tschick meinetwegen die Straße, das Auto. Der zeitliche Rahmen ist begrenzt, auch die Anzahl der Figuren. Überschaubarkeit heißt auch Erzählbarkeit. Brandts Gegen die Welt ist ja auch eine Adoleszenz-Geschichte, aber eine in die Komplexität gesteigerte, die diesen Rahmen sprengt.

Für Höppner und seinen Kumpel Frieder scheint alles normal zu laufen, dem Alter entsprechend: Ein bisschen Mist bauen, irgendwie das Abi schaffen, Sehnsuchtsort Berlin (um dem Wehrdienst zu entgehen, siehe, am Derm-Hausaltar, Sven Regener). Die junge Liebe darf nicht fehlen: Vera mit den langen grünen Haaren ist Höppners Freundin, irgendwie, aber schlafen will sie nicht mit ihm und manchmal mit anderen knutschen schon. Denn Liebe sei ja kein Kuchen, der weniger wird, wenn man ihn teilt.

Auch das ist eines der großen Themen des Buches. Der Offene-Beziehungs-Quatsch und wie er an einem jungen Mann durchexerziert wird, der seine Machtlosigkeit erkennen muss, dessen Lähmung rasend machen kann. Das ist auch schmerzhaft.

Frieders Suizidversuch knallt in diese Welt. Höppner besucht ihn in der Psychiatrie: „Auf den Bänken im Park saßen Leute in Trainingsanzügen und rauchten. Das waren wahrscheinlich die Verrückten. Warum rannten sie nicht einfach davon?“ Danach muss Frieder Medikamente futtern, er soll, so der ärztliche Rat, nicht zu seinen Eltern zurück.

Frieder, Höppner und Vera ziehen in das leerstehende Haus, das Frieders Familie gehört. Cäcilia kommt auch noch mit, sie spielt den Snob, später noch Harald, der Handwerker und Grasdealer und Homosexuelle und zu guter Letzt die wunderbar symmetrische Brandstifterin Pauline. Im Gegensatz zu Tschick drängt der Plot nicht nach draußen, ins Unbekannte, sondern aus dem begrenzten Raum Dorf ins noch begrenztere Auerhaus.

Hier müssen sie überleben lernen, sich versorgen lernen, und sei es durch Ladendiebstahl. Klar kommen, ein bisschen Erwachsenendasein simulieren: „Wir hatten immer so getan, als ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre“, sagt Höppner später und mehr braucht es nicht, um diesen rauschigen Filter der Jugendmelancholie über die Story zu schieben, eine Nostalgie nach dem Jetzt.

Gleichzeitig kann dieses Zusammenleben nie das Zusammenleben einer ganz normalen WG werden. Auch wenn Cohn-Bendit sich gerne erinnert: So sei das damals gewesen, in den 80er-Jahren, und die Gespräche! Ja, manche Gespräche sind bedeutsam, aber Bjerg übertreibt es nicht damit. Er macht schon klar, dass das bedeutsame Gespräch immer auch unangenehm ist und manchmal erzwungen werden muss, dann zum Beispiel, wenn man eigentlich schon gerne wüsste, warum der beste Freund versucht hat, sich umzubringen. Frieder, der Spaßvogel, der den Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz umsägt, der mit der Holzpistole auf Polizisten zielt, der traurige Clown. Vielleicht.

Biller findet: Es gibt eine Erklärung. Der junge Mann leidet an der Kälte des Landes, der Kälte der Erziehung durch seine Eltern. Frieder soll ein kalter Mensch werden, so kalt, wie alles, was ihn umgibt, das möchte er aber nicht. Deshalb will er sterben.

Ich habe das so nicht gelesen. Ich glaube, Bjerg verweigert, ganz bewusst, den tiefenpsychologischen Ansatz einer Pseudo-Erklärung für die Depression eines jungen Mannes. Gerade das ist eine der Stärken des Buches. Natürlich haben Theorien wie die von der Kälte der Eltern ihre Berechtigung, sie drängen sich aber nicht auf. Die Eltern bleiben ohnehin im Hintergrund, blass, unwichtig. Sie verschwinden im Rausch des Adoleszenz-Narzissmus.

Man kann über Auerhaus all diese Dinge sagen, die man über ein solches Buch von dieser Qualität gemeinhin sagt: Es verbindet das Leichte mit dem Schweren, ist so lustig wie tieftraurig. Der Autor kennt die Effektivität seiner Mittel, verknappt, baut Lücken und Abgründe, vertraut den wenigen Worten, die er benutzt. Er vermeidet es, Frieders Leid groß auszustellen. Die schmerzhaftesten Stellen, wie gesagt, sind die, an denen es um Höppner und Vera geht: „Was man theoretisch richtig findet, kann ziemlich weit weg sein, von dem, was man praktisch aushalten kann.“

Klar, so manches retardierendes „Jedenfalls“ am Satzanfang hätte Bjerg sich sparen können. Das ist dann auch ein bisschen zu sehr Herrndorf. Und nein, nicht jede Beobachtung, nicht jeder Joke ist originell. Ich weiß nicht, ob wir noch mehr Lehrer brauchen, die die wenigen Haare, die ihnen geblieben sind, über die Glatze schmieren. Geschenkt, wurscht.

Auerhaus fragt, ob es einen Unterschied gibt, zwischen Freitod und Suizid und ob es sein könnte, dass „ambivalent“ auch nur ein gebildetes oder ironisches Wort für „beschissen“ ist. Das sind kluge Fragen.

Was am Ende der Zeit des Erwachsenwerdens für den Einzelnen herausspringt, wie aus dem Schacht eines Automaten, ist meist recht weit entfernt von allen schönen Vorstellungen. Bov Bjerg räumt beiden ihren Platz ein, den Träumen und der Desillusion. Vielleicht muss man immer am Ausgang von allem ablesen, ob es sich nun um ein Jugendbuch handelt oder nicht.

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