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Alles über Bonn oder die Abwesenheit des Salzes

Pascal Richmann, Derm-Gastautor, und zeitweiser Wahl-Bonner, begegnet in diesem Text den Nibelungen, Thomas Gottschalk, Maike Kohl und letztlich tatsächlich der Wahrheit über die Bundesrepublik.  

Weil ich frag noch, ob sie als Nachgeborene über dieses bundesrepublikanische Bonmot bescheid wüssten, was besagt, das beste am Zweiten sei immer noch gewesen, dass Bonn durch ihn Hauptstadt wurde. Um es kurz zu machen, denn kurz soll es zugehen im Zug, sag ich denen gleich mal, dass es stimmt, stimmt nämlich voll, ganz toll, sag ich, Klima und Himmel und Äd, ja ehrlich, sag ich, Bonn ist noch heute besser, als es die alte BRD in ihrer Gesamtheit je war. Und die war schon ganz geil, sag ich, denkt nur an die Ölkrise, sag ich, Fahrradfahren auf der Autobahn, sag ich, geil, sag ich, geil, wird da auch gleich zugegeben, Autobahn, sagen sie, Fahrrad, sagen sie, Bergisches Land. Oder die Rote Armee Fraktion, sag ich, die haben wenigstens Melville gelesen, wie die Bekloppten, sag ich, nur um doch nicht zu begreifen, warum einer den Weißen will und ein anderer es vorzieht, lieber nicht zu wollen. Aber es soll um Bonn gehen, denk ich, es soll ja immer und viel mehr um Bonn gehen, weil Bonn mit allem zu tun hat, weil Nord- und Süddeutschland genau dort zusammengenäht wurden. Um Bonn soll es gehen, denk ich, weil die Raczeks in Bonn ihre Schnitzel braten und nicht in Breslau, um dann saturiert und besoffen Ballonhosen tragende Boys durch die Korridore ihrer Verbindungshäuser zu jagen. Es soll verdammt nochmal nur um Bonn gehen, denk ich, weil Bonn Helmuts Brasilia war, obwohl Helmut den Kanzlerpavillon nicht mochte, weil er fand, es sei zu eng, weil seine beiden Prachtburschen dort keinen Platz fanden, weil Haile Selassie, König der Könige und 225. Nachfolger Salomons, ihn für den Verschlag des Hausmeisters hielt. Denk, dass es einzig und allein um Bonn gehen soll, weil durch Bonn der Rhein fließt und der Rhein dem Analogen ist, was die Meinungsfreiheit dem Digitalen. Es soll um Bonn gehen, denk ich, weil die Stadt einem Mann ein Anliegen war und in Deutschland seit jeher das Anliegen eines Mannes genügt. Es soll wegen Konrad um Bonn gehen, und Bonn wegen um Konrad. Ein Mann mit Hut, der mit der Gießkanne umgehen konnte, ein Mann mit Hut, denk ich, als Hüte noch echte Hüte waren, einer, der mal eben so die Sojawurst erfand, damals nach Verdun, weil den Schlachtern die Schweine ausgegangen waren.

bonn 3.jpegSo dachte ich, während der Intercity durch Bonn rollte, ganz andächtig und sanft, bevor ihn eine Weiche auf die schönste Bahnstrecke Deutschlands entließ. Bald schon erkannte ich hinter den Fenstern die bewaldeten Hügel des Mittelrheintals, werktätig plaudernde Winzer und erlesene Weine (ich sah es ihren Lippen an) zogen vorüber und wirklich alles schien ein Platz an der Sonne und da dachte ich, dass es vielleicht an der Zeit sei, Bonn wieder zur Hauptstadt zu machen, wie genau, das wusste ich selbst nicht, aber Dringlichkeit bestand, soviel war sicher, hörte ich doch beinah täglich die Geschichten meiner Freundinnen aus Berlin, die dem sogenannten Kreativprekariat angehörten, die sich also im alten Westen der Stadt eingemietet hatten, irgendwelche feuchten Kellerlöcher, die ihnen die Nieren ruinierten, nur um fern des Tageslichts nichts anderes zu tun, als Eukalyptusbonbons zu lutschen, und wenn sie doch einmal ausgingen, verbrachten sie ihre Freizeit auf nach einem Fisch benannten Zusammenkünften, wo sie bis zur Unkenntlichkeit verschnittenes Heroin rauchten, während Friseure und Fliesenlegerinnen Gedichte vortrugen, einem pneumatologisches Flaschendrehen gleich, dass die Freunde am Ende solcher Nächte entweder gekreuzigt und nackt an Kronleuchtern hingen oder anfingen sich inmitten getrockneter Bierlaken vom heiligen Geist zirklusieren zu lassen.

Mir blieb gar keine Wahl, ich musste etwas tun! Wäre nur ein Funken des alten Glanzes übrig, er würde schon überspringen, den Umzug der Republik ungeschehen zu machen. Und da kullerte mir der eigenen Courage wegen auch schon eine Träne die Wange hinab, als ich im Stechschritt auf den Schaffner zuhielt, um ihn zu bitten, den Zugführer zur Wende zu bewegen, ich müsse zurück nach Bonn, Bonn, rief ich, wir alle müssten zurück nach Bonn, rief ich, der Schaffner aber schüttelte den Kopf, ein Zug sei kein Schiff, sagte er, er könne nicht einfach so wenden, und da schrie ich, dass mit Männern wie ihm kein Staat zu machen sei, nicht einmal Geschichte, schrie ich, jetzt fuchsteufelswild, und das schien zu fruchten, so musste man mit den Leuten sprechen, so und nicht anders, dachte ich, während der Schaffner also die Notbremse zog, damit ich in Unkel aussteigen konnte. Hals über Kopf verliebte ich mich dann wegen eines schnellen Stücks Sachertorte in eine sechsundsechzigjährige Konditormeisterin, nur um sie kurz darauf schon wieder zu verlassen, lieb warf sie mir noch eine Kusshand hinterher, als ich bereits auf den Zug nach Bonn aufgesprungen war.

Doch schon in Rhöndorf stieg ich wieder aus und lief aufgeregt in eine Bäckerei, die Konrads Notzeitbrot noch heute genauso buk wie damals zu Notzeiten. Heftig kauend schrieb ich einen Aufsatz, den ich mit Die subversive Zutat des Brots überschrieb. Dann bestieg ich den Drachenfels. Oben angekommen machte ich Rast auf einer umgestürzten Linde. Als mich ein niederländischer Tourist freundlich grüßte, grüßte ich freundlich zurück und da schenkte er mir eine Tüte süße Cracker, von denen ich auch einige aß, wobei ich finde, dass Cracker nicht süß sein sollten, sondern salzig, weil Cracker nun einmal etwas sind, das mit Käse belegt gehört. Auf dem Weg ins Tal kam ich an derbonn1 Nibelungenhalle vorbei, deren Butzenscheiben eigenartige Reflexe warfen. Auf einem Schild stand: »Die Zeichen in den Fenstern sind „Swastika“. Das sind die alten germanischen Runen der Winter – und der Sommer – Sonnenwende. Sie sind 1913 beim Bau der Nibelungenhalle angebracht worden, leider später entsetzlich zweckentfremdet worden.« Sofort machte ich mir eine Notiz, entsetzlich entfremdet, schrieb ich und malte daneben einige Swastikas, aber was war das?, mit Bestürzen stellte ich fest, dass es Hakenkreuze waren!, ich malte Hakenkreuze in mein Notizbuch, um Gottes Willen, dachte ich, Hakenkreuze. Um auf andere Gedanken zu kommen, aß ich noch ein Stück Notzeitbrot und einen Cracker, doch die Abwesenheit des Salzes machte mich so wütend, dass ich die restlichen in einen Mülleimer schmiss. Drinnen roch es wie im Tropenhaus, was an den Würgeschlangen liegen musste, die nebenan im Reptilienzoo lebten, doch die Ölgemälde von Siegfried gefielen mir so gut, dass ich den Gestank mühelos aushielt. Stabiler Typ, dachte ich und las eine Schautafel, die über den Inzest seiner Eltern aufklärte. Wie konnte man etwas unter Strafe stellen, was bewiesenermaßen zur Zeugung des größten deutschen Helden geführt hatte, überlegte ich, kam jedoch zu keinem Entschluss und dann sah ich es, auf einem Amboss lag tatsächlich Siegfrieds Schwert. Kurz hielt ich inne und zog die Nase hoch, wobei ich an Simón Bolívar und das Schicksal Pablo Escobars dachte, bevor ich
das Schwert unter mein Feinripp schob und auf Zehenspitze die Halle verließ.

Aufgrund seiner strategisch guten Lage auf dem Petersberg, und auch um so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen, mietete ich ein Zimmer im Gästehaus der alten Bundesrepublik, dem Steigenberger Grandhotel. Siegfrieds Schwert versteckte ich hinter dem Duschvorhang. Am nächsten Morgen lief ich eine Runde auf dem Bill-Clinton-Jogging-Pfad, Schweißbänder an Kopf und Handgelenken, und wie ich so in Richtung bonn 4Oberdollendorf joggte, stieg mir der Geruch von Waldmeister in die Nase, der zuckrig aus dem Tal hinaufzog. Als ich später mit hochrotem Kopf die Lobby betrat, fragte ich den Pagen, was es denn sei, das hier so gut dufte, ob es wirklich der Waldmeister sei, fragte ich und da freute er sich, nein nein, sagte er, es sei die Haribofabrik, linksrheinisch, also schon fast in den Vogesen, sagte er, ganz Bonn rieche ihretwegen nach Bonbon. Schnurstracks spurtete ich zur Fähre und setzte über nach Bad Godesberg, um mich bei Hans Riegel als ungelernte Arbeitskraft zu bewerben. Meine Zeit bei Haribo war dann eine sehr glückliche. In weit ausladenden Achten rührte ich die Konfektmasse und einmal kam sogar Thomas Gottschalk vorbei, um allen Arbeitern ein signiertes Exemplar seiner
Autobiografie zu schenken, was natürlich viel mehr war, als uns der Mindestlohn versprach, und da wurde ich ein bisschen übermütig und fragte, was sein liebstes Haribo sei und da blitzten Tommys Augen, diplomatisch rief er: „Alle Haribos sind anders, aber alle Haribos sind gut!“, nur um dann ein stummes KON-FEKT mit dem Mund zu formen. Und weil es direkt gegenüber eine Grundschule gab, verbrachten wir Ungelernten die Mittagspausen damit, Gummitwist mit den Schülerinnen zu spielen, und so hätte ich wohl noch lange meinen Beitrag für jede neue Tüte Colorado geleistet, wären mir nicht die Freunde in Berlin und Siegfrieds Schwert in meiner Dusche eingefallen. Zum Abschied bekam ich eine Handvoll Gummibärchenbruch geschenkt, die ich mir ihrer Missbildungen wegen sofort in den Mund stopfte, als ich die Fabrik durch den Hinterausgang verließ.

Zurück auf dem Petersberg fand ich die Dusche verwaist vor. Irgendwer hatte Siegfrieds Schwert gestohlen! Ich fing schon an den Pagen zu verdächtigen, da fand ich einen Zettel, der neben einer Tafel Schokolade auf dem Kopfkissen lag. „Hier spricht Maike Kohl“, las ich, „des Bundeskanzlers Frau“, las ich, „Ich erwarte dich um Mitternacht auf dem Dach des Langen Eugen.“ Es schwindelte mir, dann las ich: „P.S. Ich habe das Schwert!“ Eine Nachricht von Maike, dachte ich und versuchte mich an ihr Gesicht zu erinnern, so wie ich Maike aus meinem Kinderzimmer kannte, als sie noch von einem Poster der Jungen Union auf mich hinab gelächelt hatte. Es dämmerte schon, als ich mich auf den Weg ins Regierungsviertel machte. Auf der Adenauer Brücke kam mir kein einziges Auto, kein einziger Passant entgegen. Schließlich erreichte ich Eiermanns Eugen, der nun, da der Mond am Himmel aufzog wie eine fette Pampelmuse, einen langen Schatten auf den Fluss zu werfen begann. Maike, dachte ich, Bonn, dachte ich, und dann begann ich zu klettern, zog mich Stockwerk für Stockwerk am alten Abgeordnetenhaus hinauf. Als die Glocke des Bonner Münsters zwölf Mal schlug, geriet ich ins Wanken, meine Hand griff in eine Leere, gerade so gelang es mir noch, die Balance nicht zu verlieren. Mit letzter Kraft hievte ich meinen Körper über die Balustrade, und da stand sie, ihr Kleid wehte im Wind, das Schwert hielt sie mit beiden Händen umgriffen, und erst als ich erschöpft auf die Knie sank, sah ich den Rollstuhl. Als Scherenschnitt vor gelbem Mond rollte er auf mich zu.

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HOW TO SURVIVE SCHEIßJOBS – AUSGABE 1: EUROTIER 2014

In der neuen Spitzenrubrik HOW TO SURVIVE SCHEIßJOBS, die vor allem für angehende Kunst- und Kulturschaffende von besonderem Interesse sein mag, berichtet der ehrenwerte DERM über unerträgliche Positionen in unerträglichen Jobs – und wie man sie überlebt.

EUROTIER, HANNOVER, 11. BIS 14. NOVEMBER 2014

Ich kenne diesen Scheißhund in- und auswendig. Von einer 1000-er Auflage Tüten mit Aufdruck falte ich in vier Tagen 800 Exemplare und stelle immer vierzehn davon vor unseren Messestand. Inhalt vorerst: zwei Tüten mit Gummibärchen, kurz später nur noch eine Tüte Gummibärchen, danach dann: nichts mehr, weil: keine Bärchen mehr übrig, die Firma hat falsch geplant. Der Scheißhund beißt der Scheißkatze mit seinen winzigen Zähnen ins Ohr. Und schaut dabei in die Kamera, klar. Und die Katze ist auch irgendwie süß. Verschmust, so sagen das die meisten. Zwei verschmuste Tiere, die für ein Unternehmen werben sollen, das Tierfette herstellt. Ein voller Erfolg. Seit vier Tagen trage ich heimlich dieselbe Bluse; ich habe das Kaffeefleckenproblem (wieso auch weiß!), dem ich mit geschickten Handbewegungen unter meinem Blazer oder am Kragen unter meinen Haaren entgehen kann. Offene Haare – ein absolutes Messe-No-Go, das nicht bemerkt wird, weil die Firma sich zum ersten Mal eine Messehostesse „hält“ und gängige Vorlagen also nicht kennt. „Goldig“, sage ich nach einiger Zeit zu den an unserem Scheißhund interessierten Leuten. Das sind eine Menge. Zehntausend oder eine Milliarde. Die diese Scheißhund-Tüte in den Händen anderer Messebesucher gesehen haben und sich, weiß Gott warum, auch eine Scheißhundtüte mitnehmen müssen, mit nach Hause. Für meine Tochter, sagt eine, für meine Cousine, sagt eine, für mich selber, ist ja so süß, sagen die meisten. „Echt goldig“, sage ich und kann mir nicht vorstellen, wie ich mich jemals wieder normalisieren soll.

Informationen zum Messestand: Vom Erfolg getrieben sind auf jeden Fall die Bosse, die sich immer ins Separée zurückziehen, ein Ehepaar, „proaktiv“ sind sie und bin ich (so wie es die gute Messehostess von heute eben sein soll!); so dass die Dame des Hauses gerne mal die gelegentlichen Messepausen nutzt, um durch die Herrenhäuser Gärten oder Ähnliches zu joggen, da kennt sie nichts. Der Herr dagegen nutzt diese Pausen, um sich auch mal bei den Kindern zu melden; zurückgelassen in Bayern, und jeden, den das stört – sagen wir es so. Sagen wir es halt gar nicht. Die beliebtesten Sachen, die sich die Besucher der EuroBlech 2014 mitnehmen, sind Eimer (in allen möglichen Farben und Formen und was weiß ich) und Strohhüte. Innerhalb weniger Tage sind die Hostessenregeln allesamt gebrochen. Was leicht ist: Diesmal bin ich nicht bei der Agentur angestellt, sondern für die Firma direkt. Ich bin: Eine Gebuchte! Ein Wunder. Und echt wenig steuerliche Abzüge, für jeden von uns. Die Regeln lauten folgendermaßen:

° NICHT HINSETZEN (Die Kunden dürfen nicht erfahren, dass du einen Körper hast, der sich ab und zu ausruhen muss, sagen wir es so. Aber setz dich einfach. Merkt sowieso keiner. Und da du direkt bei der Firma angestellt bist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass niemand diese Regel kennt, da sie, mit noch größerer Wahrscheinlichkeit eine Erfindung dieser zigtausenden Messeagenturen ist. Los gehts.)

° NICHT VOR DEN LEUTEN RAUCHEN (Auch hier gilt: Die meisten Firmen wissen nicht, dass das eine Regel ist und bieten gerne mal eine an – sogar eine fertige, nicht zum Selberdrehen. Mein Boss ist nett und erfolgreich. Am besten ist, das unterschwellige Um-Erlaubnis-Bitten. Leute lieben das. „Ich würde mal kurz eine rauchen gehen, wenn das in Ordnung ist“, zwinkerzwinker, ja klar, kein Problem, bis gleich.)

° NICHT VOR DEN KUNDEN ESSEN (Easy ein Croissant weggesnackt! Dann noch eins. Aber dann reichts auch.)

Passi arbeitet auf der Bierinsel vor meiner Halle und schickt mir abundzu bei WhatsApp ein Pic von Sachen, die er hier gefunden hat. Der Großteil der Kunden meines Standes kommt aus Japan: Als jemand zum ersten Mal ins Fischmehl(ih!)-Glas greift, bin ich noch nicht so sehr verwundert. Verwunderter bin ich, als ich meine Ansprechpartnerin frage, ob das normal ist, dass manche sich dieses Fischmehl nicht nur unter die Nase halten, sondern es auch essen. Zum ersten Mal begreife ich, was wir hier machen. Ich öffne einen Werbekatalog. So viel Fischmehl, das stinkt einem die komplette Bude zu. Und das vertreiben die. Wann wohl der Moment im Leben eines Menschen kommt, in dem man sich für die Produktion von Fischmehl entscheidet? Ein einfaches Leben wird das wohl nicht sein, denke ich. Aber bei den Asiaten ist das Gang und Gebe, dass die gerne mal so ein bisschen Fischmehl selber FUTTERN, meint meine Ansprechpartnerin. Also manche, sagt meine Ansprechpartnerin, finden das ja eklig, dass das hier alles tote Tiere sind, aber naja, sind ja schon tot, oder, sagt sie, während sie ein überdimensionales Schweine-Hämoglobin-Fett-Ausstellungsglas in eine riesige Mülltüte kippt; bereit zum Abfahren, jetzt muss aufgeräumt werden.

Alles nervt natürlich, aber ich will ja auch kein Heulbaby sein. Also Zähne zusammenbeißen, Kaffee servieren, benutzte Gläser spülen, in der Küche heimlich Celebrations essen. Obwohl: Die gute Zeit der Celebrations hat schon ausgedient; eigentlich passt gar keine Schokolade mehr in meinen Körper, nichts Süßes, kein einziges Brötchen und von den „süßen Teilchen“ (zwei Wörter, die ich in dieser Kombination etwa fünfzig Mal am Tag höre) dreht sich mir der Magen um. Also Kaffee und Leitungswasser für mich, für alle anderen alles andere. Das ist die letzte Messe, die ich in diesem Jahr absolvieren werde; im Dezember habe ich frei. Also noch ein paar Mal den schwülstigen Besucherfressen entgegen lächeln, in der Mittagspause schön den Lippenstift nachziehen, ein paar Tüten verteilen und das wars. Wie ich das aushalte, die ganze Zeit zu stehen, ob ich mich nicht mal setzen möchte, fragt mich meine Ansprechpartnerin. Ich denke einfach nicht drüber nach, antworte ich. Mit dem Gong, der die Eurotier 2014 beendet, wird mir von meiner Ansprechpartnerin ein Cola-Weizen serviert. Nach einem Glas schaffe ich den Weg zur S-Bahn nur noch wankend und mit der ständigen Vorstellung, mich den gesamten Dezember kein einziges Mal mehr bewegen zu müssen. Goldig, einfach goldig. „Sehen wir uns nächstes Jahr wieder auf der EuroTier“, fragen die Mich-Liebgewonnen, aber ich sage etwas Keckes: „Wenn ich nächstes Jahr immer noch hier bin, habe ich irgendwas absolut falsch gemacht.“ Das wars. In der Nebenhalle gibt’s mit Fleece-Stoff überzogenes Gerüst für die Kuh, in pink, simst mir Passi. In einer Werbeagentur für Kühe müsste man arbeiten.

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John Lee Bob. Oder: Wie ich einmal Urlaub in Ohio machte.

Der DERM hat ausnahmsweise mal weder Kosten noch Mühen gescheut und seinen besten freien Mitarbeiter Pascal Richmann über den wiemansoschönsagt großen Teich und nach Ohio geschickt. Um mal zu sehen, was da so los ist. Etwa etwas Berichtenwertes? Und ob! 

Da hatten wir also Teleskopstangen in John-Lee-Bobs Garage gefunden, tipptopp in Schuss, das muss ich sagen, wobei mir jetzt auffällt, dass uns die erste Person Plural schon damals als eine ziemlich lächerliche vorgekommen war, aber was soll’s, Ohio ist schließlich nur einmal im Jahr und die Lammfelle, die wir über Zylinder gestülpt hatten, rollten schöne Rechtecke auf den Asphalt. Aber nein, falsch frottiert, natürlich waren wir es, John-Lee-Bob und ich, die im Vorgarten mit Malerwalzen ein dutzend Parkbuchten markierten, drei in jeder Reihe, das ist klar, und klar ist auch, dass Farbe kein Festland kennt. So wurde aus John-Lee-Bobs Garten ein Parkplatz, mir nichts, dir nichts, an einem sonnigen Morgen im Monat August. Als unsere Mofas endlich in den noch feuchten Parkbuchten standen, entdeckten wir auf der gegenüberliegenden Seite des Garagenvorplatz ein Mädchen, das selbstgemachte Limonade verkaufte. Sie trug einen Strohhut und las in einem Roman von Stephen King. Lust auf Limo ließ uns mit Dollarnoten winken, das Mädchen aber schien nichts zu bemerken.

Weil John-Lee-Bob bei der amerikanischen Regierung als Physiker angestellt ist, unterhielten wir uns oft über Oppenheimer, angeregt und im Plauderton. Farbe und Rasse seines Pferds, Lieblingsobst, das Verhältnis zu seiner Mutter, solche Dinge. Eben weil John-Lee-Bob für die Regierung arbeitet, die ihn von Geburt her vertritt, das ist klar, sprach er am liebsten über Unverfängliches, und tatsächlich hielt er sich ganz ordentlich, das muss ich sagen, zumindest solang bis die Eiswürfel im Tumbler geschmolzen waren. Einmal, das Weiß der Markierungen blitzte im Mondschein, denn es war spät geworden, begann er von schwingenden Weltflächen unterhalb des Bundesstaates zu berichten, wobei, das sagte er noch und brach dann in ein so heftiges Gelächter aus, dass er an der eigenen Spucke zu ersticken drohte und ich ihm also mehrmals auf den Rücken klopfen musste, wobei, sagte er, das sei sowieso klar, ich müsse mich nur umschauen, hier in den Cornfeldern Clevelands. Oben als Agrarwirte die Amischen, in Zweispannern und inzestuöse Tankwarte, ihre Kanister füllend, die Wohnwagensiedlungen usw. usf., unten die erdkernnahen Enthusiasten, die wirklich so hießen, das schwöre er bei Gott. Die rechte Hand am Herzen, sprang John-Lee-Bob vom Campingstuhl auf und intonierte den Star-Spangled Banner, und sofort stieg ich ein, und dann sangen wir alle vier Strophen, während sich unsere verwässerten Drinks im Takt dazu bewegten. Später fuhren wir auf unseren Mofas, jetzt Sinatras größte Hits singend, durch die schlafenden Städte Ohios.

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War John-Lee-Bobs Kommunikationskontrolle intakt, schwiegen wir. Gemütlich saßen wir dann vor seiner Garage und nippten am Bourbon, der Schärfe und unseren Gedanken nachschmeckend. In der Ferne rauschte der Freeway. Amerikanerinnen, die einen hohen Pick-Up fuhren, konnten problemlos über den mannshohen Mais blicken, das ist klar. Trucks und Trucker. Raststätten und Restaurants, die Fenster vor der Brust, uns observierend. Wir schlossen die Augen und lauschten. Wind, der über den Parkplatz ging und Plastiktüten vor sich her schob, stieg uns in die Nasen, gehaltvoll wie ein Mehrkornbrot von Trader Joe’s. Wenn uns langweilig wurde, verschwanden wir hinter John-Lee-Bobs Garage und schossen auf Leergut. Am liebsten nahmen wir mexikanische Pepsi-Flaschen ins Visier, des Vintage-Look wegen. Peng, machte die Mauser. Peng. Peng. Peng. John-Lee-Bob versicherte mir, dass die Patronen dutzende von Meilen, wie an einer Schnur gezogen, geradeaus fliegen können, vorausgesetzt, es käme ihnen nichts dazwischen, das sei klar, und dass kürzlich in Dubai ein im Rollstuhl sitzender Scheich von der eigenen Kugel erschlagen worden sei, nachdem er vor lauter Freude über eine neu entdeckte Ölquelle vertikal in den Himmel gezielt, dann aber vergessen hatte, rechtzeitig davonzurollen. Aufgeregt begann John-Lee-Bob die Parkbuchten mit mathematischen Formeln und Graphen zu füllen. Seine Walze war sehr filigran und alles bestens zu entziffern. Eine Weile lief ich zwischen den Buchten hin und her, doch dann begannen mich John-Lee-Bobs Berechnungen so sehr zu verwirren, dass ich eilig den Vorgarten verließ.

richmann2Als er mich, atemlos und mit zerzaustem Haar, hinter der Garage fand, fragte er, ob wir noch immer eine erste Person Plural seien, natürlich, sagte ich und fügte hinzu, dass ich gerade ein Gedicht über meine Zeit in New-York geschrieben hätte, das müsse ein junger Mensch so machen, seine Erlebnisse in das Große und das Ganze einordnen, obwohl, korrigierte ich mich, eigentlich sei es ein Kriminalgedicht, ein Gedicht mit Spannung, ein Gedicht mit Mord, das zwar in New York spiele, na gut, aber das bedeute nichts, es sei ja wirklich spannend und trage den Titel Walgesänge im Hudson River. Und sofort wollte John-Lee-Bob alles über Kriminalgedichte wissen, ob mitunter Krabben, Hummer und andere Meeresfrüchte, gar oder lebendig, in ihnen vorkämen, wollte er wissen, was ich heftig nickend bestätigte, und ob mir überhaupt klar sei, dass auch er, John-Lee-Bob, Gedichte schreibe, und zwar ausschließlich solche mit Spannung, ausschließlich solche mit Mord. Lachend vor Freude lagen wir uns lange in den Armen, bevor wir das erste internationale Komitee für aufregende Dichtung gründeten. Was aber war ein Kriminalgedicht? Formalismen!, riefen wir aufgebracht, Formalismen!, die nämlich haben ein echtes Kriminalgedicht nur so weit zu interessieren, wie es durch die eigene Form den Ursachen des Verschwindens anderer Formen nachstellt. Wo sind die Sonette?, riefen wir, und noch aufgebrachter als zuvor: Wo die Realviszeralisten? Die Form stellt der Form nach, wie der Dichter dem Dichter, das ist klar. Begeistert sprangen wir von Bucht zu Bucht, die sich inzwischen bis hin zu Wall Mart erstreckten, klatschten in die klammen Hände und umrissen Fäden als Parabel. Das Mädchen mit der Limonade war verschwunden. Über uns brannte der Himmel jäh wie Sonora hinter den Grenzlinien der Wüste. Und was wusste Wittgenstein?, schrie John-Lee-Bob in die Weite des Platzes, und dann beschlossen wir, dass sich diese Frage nie wieder stellen sollte. Ich griff nach der Malerwalze und

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Warum Noah der beste Film des Jahres ist

Unser liebgewonnener freier Mitarbeiter Pascal Richmann befindet sich derzeit zwar im rumänischen Exil, das aber heißt noch lange nicht, dass er es verpassen würde, sich von den heißesten Blockbustern der Saison begeistern zu lassen. Der Derm präsentiert: Die ab sofort gültige Lehrmeinung zum Film „Noah“. 

Als junger Nachwuchswirt hörte ich einmal mit an, wie sich zwei am Tresen über Darren Aronofsky unterhielten. Der Eine fragte den Anderen, ob er schon wüsste, wer einen neuen Film gemacht habe, und der Andere wusste es nicht, und hätte also raten können, aber da half ihm auch schon der Eine, sagte, es sei einer ihrer Lieblingsregisseure, und sofort fiel beim Anderen der Groschen, wie man damals noch sagte. Ich drückte die Willibecher so kräftig auf die Spülbürsten, dass das Becken überschäumte.

Darren_Aronofsky_2011_AADann legten sie los. Pi? Geniestreich, müssen wir gar nicht drüber, nein echt nicht, Mathematik ist die Sprache der Natur, da muss man nichts mehr zu sagen. Requiem for a dream? Groß, ganz groß, und der Soundtrack, auch groß. The Fountain? Ok, Schwamm drüber. The Wrestler? Mein Gott, was ein Film, was ein Mickey Rourke, was eine vernarbte Fresse, was ein Trailerpark, was ein Nintendo, mein Gott, der Mann spielt sich selbst auf der Konsole und schneidet sich den Finger ab, will keine Wurst verkaufen, will Wrestler sein, mein Gott, was ein Film. Supermarket Sweep, der erste Kurzfilm? Gesehen? Nein, nein ich auch nicht, dachte wegen Wursttheke und Supermarkt, ja, egal, bestimmt auch toll, muss toll sein, mach mal noch zwei Bier, der Aronosfky hat’n neuen Film gemacht, ist bestimmt groß, war alles groß bisher. Black Swan! Das klingt schonmal, ja, das klingt gut, geht um Ballet, endlich wieder Schizophrenie, und Natalie Portman, oh mein Gott, Natalie Portman, Prost.

Vom Tresen zogen die Zwei später an einen Tisch und dann gingen sie ganz und ich spülte die Gläser und spülte sie nochmal, bevor ich mich entschloss Literatur zu studieren, weil man ja nicht ewig Bier in Becher zapfen kann.

Jahre darauf, ich war mittlerweile Nachwuchsliteraturwissenschaftler und auf der Suche nach einem Promotionsthema, besuchte ich auf Hawaii einen Kongress zum Thema Die rückwirkenden Widerstände Friedrich Dürrenmatts auf das Weltkino, wobei Weltkino eine ziemlich plumpe Anspielung auf Welttheater zu sein schien, das Dürrenmatt, so weit ich weiß, zum Ende seines Lebens doch ein wenig zu sehr überspannt hatte, will sagen, daran gescheitert war, literarisch zumindest, sagen die Experten, weil die Wirklichkeit ins Groteske zu übersetzen, um so das Wirkliche durchschaubar zu machen, das ist schon nicht wenig und jedenfalls hatte er, Dürrenmatt, es versucht, aber die Forschung fand Mängel, sagte, dass die Poetik unter der Poetik zu leiden hatte

Immerhin war das Wetter toll. Sonne und Wellen im Meer, und schroff und hoch die Felsen, von weitem wie Moos, und überall Aloah und regionaltypische Musik. Gutgebräunte Männer neben gutgebräunten Frauen in Beach Buggies. Um uns herum ein beinah parodistischer Pazifik, und darüber ein Himmel so transparent, dass wir die Raumstationen kreisen sahen.

Zwischen den Vorträgen wurden Mischgetränke auf Saftbasis gereicht. Abends saßen wir in Liegestühlen um den Pool des Kongresshotels und sprachen über den Dichter wie andere Menschen über Rockbands. Einhelliger Tenor zu später Stunde war, dass alles nach den Physikern Quatsch gewesen sei (tatsächlich sagte ein Germanist aus Seoul Quatsch, er sagte es sogar einige Male hintereinander). Ich sah das Ganze zwar anders, hielt mich aber mit meiner Meinung (und meinem Liegestuhl) im Hintergrund. Als der Saft und alles, was in den Saft hätte geschüttet werden können, zur Neige gegangen war, rezitierte der Koreaner Dürrenmatts Weihnacht. Auf dem drei Meter Brett wippend, schrie er: Alter Marzipan, dann sprang er, Arme und Beine zum Quader geschlossen.

Am nächsten Morgen saß ich allein über meinen Rühreiern, als sich Darren Aronofsky an meinen Tisch setzte. Überrascht fragte ich den Regisseur, was er hier verloren habe, und überhaupt, langweile er sich nicht? Er verneinte, bestellte Kaffee und ich sagte etwas von draußen nur Kännchen, was er nicht verstand, weil er Amerikaner ist. Wir machten uns gegenseitig Schnauzbart-Komplimente, bevor Darren zu erzählen begann, weshalb er nach Hawaii gekommen war. Für seinen neuen Film, ein Blockbuster bei den Paramount Studios, wolle er eine Figur wie Dürrenmatts Romulus entwickeln, eine Figur, so erklärte er mir, die zuerst blass und erwartbar in ihrer Anlage sei, die sich dann aber gegen das ihr zugedachte Schicksal im eigenen Narrativ zur Wehr setzen würde. Er brauche noch einen Impuls, es fehle nicht mehr viel. Unten am Strand spielten Kinder mit Plastiklichtschwertern. Ich kaute auf meinen Eier und traute mich nicht zu sagen, dass viele der Anwesenden Romulus für eine eher missglückte Komödie hielten. Ob ich eigentlich wüsste, dass Prinzessin Leia bei den Dreharbeiten zu Das Imperium schlägt zurück andauernd auf Koks gewesen sei, fragte Darren und natürlich wusste ich das und sofort wurde ich ein bisschen traurig, weil ich damals, als ich es erfahren hatte, sehr enttäuscht gewesen war. Darren und ich verstanden uns so gut, dass wir schon vor dem Mittagessen Mai Tais bestellten, und während der Nachmittag mit Meerblick verstrich und wir einen Vortrag verpassten, der mit Die Ausweglosigkeit und wie ihr zu entkommen ist überschrieben war, zog am Horizont eine Sturmfront auf.

Ohne voreingenommen sein zu wollen, aber Noah ist ein fantastischer Film. Zugegeben, vieles ist ein bisschen blöd. Engel aus Stein und Hannibal, der Hermine durch Handauflegen fruchtbar macht. Dazu ein ganzes Biologiebuch beschissen animierter Tiere. Und natürlich, die Kritiken sind verhalten bis vernichtend, stützen sich auf die ökologische Aspekte, aber sie übersehen, mit welcher Selbstverständlichkeit Russell Crowe vom Veganer zum Misanthropen wird, und dabei auch noch öfter seine Bartlänge als Mimik verändert. Nicht Gott und seine Flut wollen die Menschheit vernichten, Noah will es. Gott will einen Neuanfang, Noah das Ende. Oder wie Darren im Regen von Honolulu sagte: Nicht ich habe mein Reich verraten, Rom hat sich selbst verraten.

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ZUM THEMA: MESSE

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Verschiedene Autoren, ein Topos. In dieser Ausgabe lautet das Thema: MESSE.

KATEGORIE A: PASCAL RICHMANN ÜBER JUNGBAUERN UND GETRÄNKESCHIRMCHEN

Es beginnt damit, dass ich auf dem Skywalk zwischen Bahnhof Messe/Laatzen und Eingang Messe West in einem Pulkmesse 1 Jungbauern stehe, während sich die Sonne über das Plakat einer Zeitarbeitsfirma schiebt. Dahinter Plattenbauten aus Hannovers Peripherie. Neben mir tragen sie den hübschen Satz Bauern sind die besseren Menschen auf ihren T-Shirts und Überbleibsel der letzten Kartoffelernte unter den Fingernägeln. Ein dutzend Kronkorken schießt ins Konvexe, was aufgrund von simultanem Feuerzeugeinsatz durchaus beeindruckend klingt. Dann: „Frauen und Bier stößt man von unten!“, die Augen so rotgeädert, dass nicht klar ist, ob er zum Frühstück einen Schluck zuviel hatte oder direkt aus dieser „total geile[n] Tittenbar!“ kommt, von der er jetzt zu reden anfängt. Der Himmel ist ein Sunny-Side-Up-Spiegelei mit aufgeplatztem Dotter. Fest steht: Je mehr Carotin sich im Hühnerfutter befindet, desto oranger erscheint später das Eigelb. Fest steht auch: Je südlicher ein Hühnerbauer eine Hühnerfarm betreibt, desto mehr Farbstoff mischt er dem Futter bei.

Es beginnt auch damit, dass ich im brasilianischen Pavillon der Expo 2000 einen zweiten Caipirinha bestelle, der gleich, katalysiert durch Rohrzucker und umringt von Sambatänzerinnen und Bongotrommlern, meinen ersten Vollrausch in Gang setzen wird. Die Weltausstellung ist mir scheißegal. Ich bin zwölf und habe ein Schirmchen im Drink. Fest steht: Die Außenwände des brasilianischen Pavillon bestanden aus eineinhalb Millionen handgefertigter Holzstifte, die mithilfe jeder erdenklichen Extremität nach innen geschoben werden konnten, um so ein Relief zu hinterlassen. Fest steht auch: Der Landwirt Prinz Ernst August von Hannover zog es vor, gegen den türkischen Pavillon zu pissen.

messe 1_landflirtEs ist Jungbauerntag auf der Agritechnica 2013 und ich habe vorgesorgt. Ein Schutzwall aus 30-Liter-Fässern erstreckt sich vom Bierstand Gilde Ratsherren Nr. 5 über den benachbarten Hot-Dog-Stand bis hin zum Ditsch-Snackpoint, wo bereits die erste Ladung Pizzazunge Classico – „üppig belegt mit pikanten Salamiwürfeln, sonnengereiften Paprika und herzhaftem Käse“ – in einen goldbraunen Zustand gebracht wird. John Deer, der amerikanische Weltmarktführer für Landwirtschaftsmaschinen, teilt sich die angrenzende Halle 13 mit dem deutschen Hersteller Claas. Claas verteilt Tassen mit dem Firmenslogan the beginning of better. Die Amerikaner hingegen laden ein zu Lasershow und Erntesimulator. Fest steht: Auf der diesjährigen DLD-Konferenz trug WhatsApp Gründer Jan Koum ein John Deer T-Shirt. Fest steht auch: Kein Monat zog ins Silicon Valley, da kaufte Mark Zuckerberg den Messenger für 19. Milliarden Dollar

Es wird damit enden, dass ich zu einer Zapfmaschine degeneriere, die gleichzeitig Pepsi an Kinder verteilen und Fässer mit den Füßen wechseln kann, und damit dass fünf holländische Jungbauern ihre letzten Schlücke mit einer Captain-Planet-Gedächtnisgeste zu einem vollen Becher vereinen, um ihn bei mir als „total schal, total schal!“ zu reklamieren, während Eltern ihrer dreijährigen Tochter erklären, dass Röstzwiebeln und saure Gurken genauso zu einem Hot-Dog gehören, wie Ketchup und Wiener Würstchen, und dann wird ein Jungbauer kopfüber in eine Mülltonne klettern und ein Anderer wird auf einem Gullydeckel niederknien und ins Erdinnere hinab brüllen. Fest steht: Ab 20.30 Uhr steigt in der TUI-Arena die Young Farmers Party. Fest steht auch: Liebe vergeht, Hektar besteht.

KATEGORIE B: JULI ZUCKER ÜBER WELCHE VORKEHRUNGEN MEINE STIEFSCHWESTER IN MEINEM GESICHT TRIFFT, BEVOR ICH FROHEN MUTES AN SILVESTER IM REICHENCLUB ARBEITE

Weil meine Stiefschwester findet, dass ich ein hübscher natürlicher Typ bin und man nichts unter Make-Up Bergen verstecken bzw. verdecken muss, beginnt sie mit einem PRIMER, den sie mit einer BEAUTYSPONGE gleichmäßig aufs Gesicht aufträgt. Ich kaue auf einem Stift. Um die geeignete FOUNDATION FARBE zu finden, mischt sie ihr hellstes LIQUID MAKE UP mit etwas TAGESCREME (somit wirkt die FOUNDATION auch nicht so maskenhaft, sondern eher natürlich). Ich tunke einen Pinsel in eine Farbe. Die Mischung trägt sie mit dem DIOR BACKSTAGE MAKE UP PINSEL auf, um am Ende etwas mit der Hand nachzuarbeiten, da sich das MAKE UP so viel besser in die Haut einarbeiten lässt. Das Einzige, was sie abdeckt, sind meine Augenringe, wofür sie den PRO LONGWEAR CONCELAER von MAC in der Farbe NC15 benutzt. Ich spiele mit meinem Ring. PRO LONGWEAR auch deswegen, weil ich die ganze Nacht vor mir habe. Ich befummle meine Haare. Für meine natürlichen Augenbrauen nimmt sie nur etwas BROW POWDER von Benefit in der Farbe Medium, den sie mit dem EYEBROW BRUSH von Bobbi Brown aufträgt. Ich schreibe eine SMS. Mit einem PUDER von MANHATTAN mattiert sie die glänzenden Flächen in meinem Gesicht. Ich singe Orange Trees. Ein pfirsichfarbenes sowie rotes ROUGE, das sich POWDER BLUSH PEACHES von Mac sowie RED IMPASSION von Chanel nennt,  wählt sie als Farbtupfer. Ich lache ein bisschen. Den Pinsel, mit dem man am besten die Wangenkontur trifft, nennt man LARGE ANCLED BLUSH BRUSH. Ich bin verrückt geworden. Für meine Augen verwendet sie HIGH VOLUME von L‘Oreal und zu guter Letzt einen nudefarbenen Lippenstift von CREME D’NUDE von Mac-Cosmetics. Ich habe Angst vor diesem Abend. Meine Haare werden klassisch und modern. An meinem Körper befinden sich 15 Sachen, die ich nicht kenne. Innerhalb von zehn Stunden verdiene ich insgesamt 200 Euro, habe drei Flirts und etwa 100 Euro Trinkgeld.

KATEGORIE C: ANDREAS THAMM ÜBER GESCHENKE

Es ist nicht unser Schlachtfeld. Wir finden zuverlässig sämtliche Streams und Downloads. Wir gehen nicht um des Filmes, sondern um des Kinobesitzers wegen ins Kino. Wir planieren den Browser mit kilometerlangen Tab-Kolonnen, um sicherzugehen, das Sportereignis X in der besten Qualität zu verfolgen. Wir lösen den 20 Prozent-Amazon-Gutschein nie ein, weil das hieße, dass man 80 Prozent bezahlen muss. Wir stehen starr und staunen und aus den Feldern steiget, ein alter Herr, er trägt links eine Plastiktüte und rechts eine Plastiktüte und beide Plastiktüten sind prall gefüllt mit den herrlichsten Geschenken, die die Leipziger Buchmesse zu bieten hat, Köstlichkeiten, rare Exemplare, Nippes, Plunder, Artefakte, Kram, Kinkerlitzchen, Schnickschnack. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Er kennt das nicht anders. Sein federleichter Gang sagt uns, ich bin noch gar nicht lange hier, ich schlender‘ nur kurz mal drüber, das ist mir die fünfzehn Euro wert, ich komme jedes Jahr, ich schau mal eben rein, ich gehe mit vollen Taschen, weil das nämlich so ist, bei der Messe, hier und da wird einem gerne was geschenkt, ich bin seit vielen Jahren treuer Kunde diverser Verlage, ich habe Koeppen lesen sehen, das ist ja wohl das Mindeste. „Wir müssen“, sagt A. „auch mal rum gehen, und Geschenke einsammeln.“ – „Schon“, sage ich, „ich hab noch nicht mal einen Kugelschreiber.“ Also ziehen wir los. Ich kaufe A. ein Eis. Bei der FAZ entdecke ich einen Stapel Zeitungen. Im Vorbeigehen schnellt mein Arm aus dem Mantel, ich greife zu. Es ist noch nicht einmal die ganze FAZ, nur das Feuilleton, egal, Hauptsache irgendwas, Hauptsache nicht mit leeren Händen heimkehren. Jetzt bloß kein Augenkontakt mit dem Standpersonal, einfach weitergehen, sich in den Strom einreihen, es ist hier nichts geschehen, niemand hat hier ein Feuilleton entwendet. Mir sitzt die Angst im Nacken: Jemand könnte „Junger Mann!“ rufen. Niemand ruft „Junger Mann!“ Das Standpersonal lacht sich wahrscheinlich schlapp, aber was soll man machen. Geschenke in der echten Welt sind erst legitim, wenn man Interesse zeigt. Interesse zeigen können wir nicht, wir können andere Sachen. „Komm“, sage ich zu A., „wir ziehen uns die Comicleute rein.“ Dann gehen wir in die Comic-Halle und ziehen wie Eisläufer unsere Bahnen, immer schön glotzen, dass einem bloß keine dicke Elfe entgeht, das Maximum an visuellen Eindrücken rausholen, aufs Schäbigste, das können wir, das können wir gut. Nächstes Jahr bleib ich daheim, ich mag es nicht, von meinen Defiziten belästigt zu werden.

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Der böse Willy

Lassen Sie sich entführen, in die Abgründe einer Ruhr-Seele. Ein Gastbeitrag von Pascal Richmann.

Niemand kann es leiden, wenn die Rede darauf kommt, dass Afrikaner die besseren Tänzer sind. Rhythmusgefühl hin, Physiognomie her. Zum einen existiert der Afrikaner überhaupt nicht, zum anderen kennen pauschale Aussagen per se zu wenig Graustufen. Aber – man ahnt es – auch dieses Pauschalisieren pauschaler Aussagen ist nicht frei von Gefahren. Niemand würde abstreiten, dass die Erde um die Sonne usw. usf. Was es also braucht, sind Beweise. Einen Siegeszug der Mathematik.

Anders ausgedrückt: J. Robert Oppenheimer war ein Dichter, der nebenher die Atombombe entwickelte. Nicht andersherum. Manchmal, in einsamen Nächten, las er Hölderlin. Das muss man sich mal vorstellen! Oppenheimer wälzt sich auf seinem Feldbett in Los Alamos und liest Hölderlin. Darf ich pauschal sagen, dass es nichts Traurigeres gab, gibt und jemals geben wird?

Fünf Jahre bevor Hitler die Macht übernahm, saßen Robert und Paul Dirac mit bester Laune in einem Göttinger Wirtshaus. Oppenheimer dozierte über Dichtung. Tagsüber Quantentheorie, abends Poetik. Diese Divergenz verwirrte auch Dirac, der festhielt: In der Physik versuchen wir den Leuten etwas, das vorher noch niemand wusste, so zu vermitteln, dass sie es verstehen. In der Dichtung ist es doch genau umgekehrt. Oppenheimer, so die Legende, lachte über seinen englischen Freund.

Well, what if I do forget,

Forget Spinoza and your constancy,

Forget everything, till there stays with me

Only a faint half hope, half regret

And the unnumbered stretches of the sea

Toll: Halbe Hoffnung, halbes Bedauern. Vergessen ist also nur die Hälfte des Kuchens, die andere muss gegessen werden, bis auf den letzten Krümel, so oder so. Das Meer, ja das Meer ist weit, aber über den Rest kann man sich nie sicher sein. Deshalb Obacht geben und einem richtigen Job nachgehen. Nun ist es so, dass nicht jeder Mensch Dialektik betreiben kann, und noch weniger Quantenphysik. Man muss, diesen Gründen folgend, auch mal etwas absolut setzen können. Zum Beispiel: Junge Menschen schwimmen gern in Flüssen. Die Unmöglichkeit pauschaler Aussagen manifestiert sich im Phänomen, dass der Redner von sich auf andere schließt. Ein Löffel Lebertran auf die Selbstüberschätzung. Ich korrigiere: Als junger Mensch schwamm ich gern in Flüssen.

Wie einen nicht geringen Anteil meiner Altersgenossen befiel auch mich ein befristetes Faible für Reggae Musik. Wie all diese jungen Menschen verabscheute auch ich das Unrecht auf dieser Welt, rauchte bei Zeiten einen Joint und verbrachte Nächte unter wedelnden Handtüchern im Berliner YAAM Club. Eines Abends überfiel mich dort die Gewissheit, dass ich einen miserablen Tänzer abgab. So kam es, dass ich durch die Spree schwamm, was ich aus Trotz und latentem Exhibitionismus vollkommen nackt tat. Das dreckige Wasser fühlte sich ölig auf meiner Haut an. Als ich an der Jannowitzbrücke hinauskletterte, bereute ich es fürchterlich ohne Boxershort baden gegangen zu sein. Ein Fehler, der mir nicht noch einmal passieren sollte! Einige Wochen später, ich zog mich gerade aus, um in die Ruhr bei Mühlheim zu springen, sollten mir jene unangenehmen Szenen, die sich in Berlin Mitte zugetragen hatten, eine Lehre sein. Im Gegensatz zur Spree ist die Ruhr ein reißender Strom, der mich direkt nach Duisburg und bei Duisburg in den Rhein und vom Rhein über die Grenze nach Holland und von Holland bis in die Nordseemündung bei Rotterdam getrieben hätte; wo ich schließlich erschöpft und halbbekleidet ertrunken wäre. Während ich also über den Flussverlauf nachdachte und mit technisch einwandfreiem Delfin die Ruhr durchpflügte, bildete sich eine Gruppe Schaulustiger. Oh, welche Pein! Ich wollte ja nicht, dass mich irgendwer dabei sah! Nun war ich umso glücklicher, dass ich meine Boxershort anbehalten hatte. Beschämt hievte ich mich aus den Fluten und es kam wie es kommen musste, die Leute auf der Brücke trieben Scherze über meine triefenden Shorts, in denen ich mich nun zurück in die Jeans zwängte, die augenblicklich das Wasser aufsog und mich wie einen Trottel dastehen ließ. Heftiger Spott schlug mir entgegen: Ich sei ein frigides Bürschlein, die Unterkühlung, sie geschähe mir nur Recht usw. usf. Das sollte mir eine Lehre sein! Nie wieder würde ich des Nachts in einen Fluss springen, um mir unschuldig und lebensbejahend eine Erfrischung zu gönnen. So wurde ich zum Mann, endgültig, auf einer Brücke bei Mühlheim. Der Grund, warum ich die Geschichte meiner Initiation erzähle, ist, dass man dem Mensch im Ruhrgebiet nachsagt, er sei von vollkommener Ehrlichkeit, von grenzenloser Offenheit; der Grund ist auch, dass ich mich gegen diese merkwürdige Fremd- und Eigenkonstruktion aussprechen möchte. Es beginnt ja bereits mit dem Wort Ruhrpott. Niemand kann es leiden, wenn seine Kulmination Pott genutzt wird, um gewisse Eigenarten der Einheimischen auf eine schlichte Formel zu kürzen: Wir im Pott sind so und so, der kleine Mann im Pott tut dieses und denkt jenes usw. usf. Schluss damit! Der wahre Lokalpatriot oder Sympathisant schweigt sich aus, er bildet ab.

Vor einigen Wochen habe ich einen Ausflug nach Bergen in der Lüneburger Heide unternommen, genauer in den Vorort Belsen. Dort liegt an einer Ausfallstraße das Gedenkzentrum des ehemaligen Konzentrationslagers. Auf dem Parkplatz ließen Wohnmobile auf ein internationales Publikum schließen. Das Wetter war so trübe, wie ein Herbst in Niedersachsen nur trübe sein kann. Fliegenpilze ersetzten zwischen dichten Hainen die Baracken. Das weitläufige Areal ist ein unspektakulärer Ort der Erinnerung, wohingegen sich die Besucher im kürzlich errichteten Betonmonolithen, versteckt hinter schwarzen Vorhängen, Videos anschauen können, die unmittelbar nach der Befreiung Bergen-Belsens aufgenommen wurden. Ein Schild empfiehlt den Eintritt erst nach Vollendung des dreizehnten Lebensjahrs. Neben mir sagte ein Vater zu seinen Töchtern, dass sie jederzeit hinausgehen dürften. Die Mädchen blieben. Zwischen den Aufnahmen etwaiger Leichenbergen gaben ehemaligen Lagerkommandanten einem britischem Fernsehteam Angaben zu ihrer Person. Irgendwann trat ein kleiner, schnurrbärtiger Mann vor die Kamera und sprach in unverkennbaren Dialekt: Ich komme aus Dortmund in Westfalen. Er sagte nicht etwa Ruhrgebiet, er sagte tatsächlich Westfalen. Das Ruhrgebiet in seiner romantisierten Dimension ist ein Nachkriegskonstrukt. Es fußt im Wirtschaftswunder, im aufkeimenden Modus der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, in der Erschaffung eines Marktes für proletarische Identitäten. Die ersten Migrationsströme hatten sich dort bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts heimisch gefühlt, während Hitlers Machtergreifung gaben sich weite Teile des Ruhrgebiets als rote Enklaven und nun beteiligte man sich auch noch maßgeblich am Wiederaufbau; außerdem exportierte man weltweit das berühmte Bier nach Dortmunder Art. Beste Voraussetzungen also für ein gänzlich autonomes Selbstverständnis.

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Pointiert finden sich dessen Auswüchse in der Arbeit Helge Schneiders. Sein Humor entspringt dieser Geografie und reicht zugleich darüber hinaus. Es liegt nichts Angestrengtes darin. Die Mentalität der Menschen bedeutet seinen Stoff, ganz einfach weil sie das ist, was er seit jeher kennt. Seine Geschichten spielen in Welten, die dem Ruhrgebiet ähneln, ohne sich dabei explizit zu verorten. In 00 Schneider Jagd auf Neil Baxter stellt die Frau des Kommissars an einer Stelle fest: Er ist der Beste. Er ist ein richtiger Heißsporn. Er ist ein großartiger Autofahrer. Und er ist ein hervorragender Kriminalist. Sie hält einen Moment inne, dann fügt sie hinzu: Manchmal isst er auch sehr gerne Kuchen. Das ist die Richtung, in die ihm der Zuschauer folgen muss. Helges Genie liegt im Zuhören, in seinem Blick auf die Umwelt. Als Kind sei er süchtig nach Spaziergängen gewesen, weshalb er regelmäßig aus der Schule weglief. Nicht Helge ist lustig, die Dinge um ihn herum sind es. Darin begründet sich seine Autorität. Eine ernsthafte, uneitle Erhabenheit. Ohne jede Ironie kann er kritisieren, dass die Menschen heutzutage nicht mehr zu Tschibo oder Eduschu gehen, sondern ins Internet. Das Publikum wird lachen, so oder so. Jede pauschale Äußerung bricht sich in humoristischen Komponenten. Es ist diese auratische Form, die über seinen neuen Film Im Wendekreis der Eidechse als Grundtenor herrscht. Humor und Pauschales sind zu Marken geworden, die Helge nun Schritt für Schritt dekonstruiert, indem er eben nicht witzig ist. Alles an Im Wendepunkt der Eidechse ist Verweigerung. Die Ästhetik verweigert sich High Definition. Helge selbst verweigert sich den eigenen Pointen, ganz so als könne kein Witz zweimal erzählt werden. Alles wird Metakommentar auf sein früheres Schaffen. Gleichgültig ob Mühlheim oder Almeria als Kulissen dienen, das Setting ist ein ziemlich genaues Abbild einer Verfasstheit, der keine Ruhrgebietshülse beizukommen vermag. Helge modelliert eine Epoche nach, die es so vielleicht nie gegeben hat, die aber zumindest dafür sorgte, dass sich bezüglich ihrer Gestalt ein Konsens im Bewusstsein dieser Republik verankern konnte. Deshalb ist 00 Schneider mitunter schwer zu ertragen. Vielleicht muss ich selbst erst sechzig werden, um ihn noch einmal anschauen zu können. Bis dahin gilt: Solange man lebt, soll man rauchen.

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